{"id":4112,"date":"2018-10-07T11:52:14","date_gmt":"2018-10-07T09:52:14","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4112"},"modified":"2018-10-07T11:52:14","modified_gmt":"2018-10-07T09:52:14","slug":"china-grosse-revolution-tiefer-fall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4112","title":{"rendered":"China: Grosse Revolution, tiefer Fall"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine Revolution befreite China vom Imperialismus und brachte die Kommunistische Partei an die Macht. Ulrike Eifler (<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/volksrepublik-china-grosser-sprung-tiefer-fall\/\">marx21<\/a>) schildert die Grenzen dieser Entwicklung und wirft einen kritischen Blick<!--more--> auf den Marxismus\u00a0Mao Zedongs.<\/strong><\/p>\n<p>Am 1. Oktober 1949 wehen tausende rote Fahnen auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Zehntausende jubeln Mao Zedong zu, als er dort die Volksrepublik China ausruft. Seine Revolution hat gesiegt und China vom Joch der kolonialen Unterdr\u00fcckung befreit.<\/p>\n<p>Die chinesische Revolution war eine der ersten erfolgreichen nationalen Befreiungsbewegungen und inspirierte Antiimperialisten in vielen Teilen der Welt. Im Zentrum der Bewegung standen die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) und ihr charismatischer Vorsitzender Mao Zedong.<\/p>\n<p><strong>Revolution, aber kein Sozialismus<\/strong><\/p>\n<p>Die KPCh hatte sich in den 30er und 40er Jahren eine Massenbasis unter den Bauern aufgebaut. Sie organisierte erfolgreich bewaffneten Guerilla-Widerstand gegen Fremdherrschaft, zuerst gegen die Engl\u00e4nder, dann gegen die Japaner. Sch\u00e4tzungsweise 1,5 Millionen Soldaten k\u00e4mpften in der Roten Armee, unterst\u00fctzt von bis zu 2 Millionen Milizion\u00e4ren. Die gro\u00dfe Mehrheit der 500 Millionen Menschen in China bef\u00fcrwortete die Revolution. Die Kommunisten versprachen Frieden und ein besseres Leben f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>Trotzdem war dies keine sozialistische Revolution. Als die Rote Armee durch die St\u00e4dte zog, versammelten sich die Arbeiter zwar, um sie zu begr\u00fc\u00dfen und zu winken. Aber die Arbeiterklasse spielte keine aktive Rolle im Kampf gegen die imperialistische Besatzung. Im Gegenteil: Die Kommunistische Partei Chinas war vollst\u00e4ndig von der Arbeiterklasse getrennt. Die F\u00fchrer der KPCh taten alles, was in ihrer Macht lag, um Aufst\u00e4nde in den St\u00e4dten am Vorabend ihrer Eroberung durch die Rote Armee zu verhindern.<\/p>\n<p>Kurz vor der Eroberung Shanghais beispielsweise gab Mao eine Sondererkl\u00e4rung heraus, in der es unter anderem hie\u00df: \u00bbWir hoffen, dass die Arbeiter und die Angestellten aller Industriezweige weiter arbeiten und dass das Gesch\u00e4ftsleben seinen gew\u00f6hnlichen Gang nimmt (\u2026).\u00ab Beamte, Staatsangestellte und Polizeipersonal \u00bbsollen auf ihrem Posten bleiben und den Befehlen der Volksbefreiungsarmee der Volksregierung Folge leisten.\u00ab<\/p>\n<p>Die Arbeiterklasse gehorchte und blieb weitgehend tatenlos. Ein Bericht aus Nanking vom 22. April 1949, zwei Tage bevor die Stadt von der Volksbefreiungsarmee besetzt wurde, umrei\u00dft die Situation folgenderma\u00dfen: \u00bbDie Bev\u00f6lkerung von Nanking zeigt keine besonderen Anzeichen der Aufregung. Neugierige Mengen versammelten sich heute morgen an der Flussmauer, um das Schie\u00df-Duell auf der anderen Seite des Flusses zu beobachten. Das Gesch\u00e4ftsleben l\u00e4uft wie gew\u00f6hnlich. Einige Gesch\u00e4fte sind geschlossen, aber das ist auf mangelnde Nachfrage zur\u00fcckzuf\u00fchren (\u2026) die Kinos haben immer noch volles Haus.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Hintergrund: 1927 \u2013 Ein Hauch von Arbeitermacht<\/strong><\/p>\n<p><em>Im Jahr 1927 stand China am Rande einer sozialen Revolution. In einer Stadt nach der anderen \u00fcbernahmen die Gewerkschaften und Arbeitermilizen die Kontrolle. Millionen von Bauern hatten die Gro\u00dfgrundbesitzer vertrieben und begannen, das Land unter sich aufzuteilen. Ganz China war in Bewegung geraten. Schon ein Jahr vorher, im so genannten \u00bblangen hei\u00dfen Sommer\u00ab von 1926 kam es zu einer Kette von Protesten und Streikaktionen. In einem der l\u00e4ngsten und kompaktesten Streiks der Geschichte legten die Arbeiter Hongkongs die Stadt vom Oktober 1925 bis zum Oktober 1926 lahm. Mitten in der Bewegung arbeitete die junge KPCh.<\/em><\/p>\n<p><em>1927 erreichte die Bewegung ihren H\u00f6hepunkt. Zentrum der Revolte war Shanghai. Dort begann der Aufstand mit dem Generalstreik am 21. M\u00e4rz 1927. Innerhalb von Stunden kam Shanghai zum Stillstand. Die Nachricht vom Streik wurde von 359 Sprecher-Teams, die unter anderem 1270 Studenten umfassten, in die ganze Stadt getragen. Am ersten Tag des Streiks waren nach Zahlen des Gewerkschaftsbundes 200.000 Arbeiter beteiligt. Der Streik wuchs am folgenden Tag an, wobei die Angaben zwischen 300.000 und 800.000 Streikenden schwanken. Ungef\u00e4hr 4000 Betriebe waren in den Streik mit einbezogen.W\u00e4hrend dieser zwei Tage besetzten Streikposten alle wichtigen Positionen innerhalb der Stadt, was auch zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit der Polizei f\u00fchrte. Zwar wurde die Bewegung blutig niedergeschlagen, aber die Erfahrungen von 1925 bis 1927 werfen ein Schlaglicht auf die radikale Tradition der Arbeiterbewegung in China.<\/em><\/p>\n<p><strong>Keine Demokratie in der Volksrepublik<\/strong><\/p>\n<p>Dort, wo Arbeiter trotzdem Fabriken unter ihre Kontrolle brachten, wurden diese nach dem Einmarsch der Roten Armee wieder an die Gesch\u00e4ftsleitung \u00fcbergeben. Dieser Verlauf der Revolution bestimmte auch den Charakter des neuen Staates. Zwar war die KPCh mit der Bev\u00f6lkerung verbunden, aber sie war nicht demokratischer als die alte herrschende Klasse. Es gab keine Wahlen, die Arbeiter kontrollierten nicht die Fabriken und die Bauern nicht die D\u00f6rfer. Der neue Staat war eben keine Arbeiterrepublik, sondern angeblich eine Volksrepublik. Laut der Verfassung der Volksrepublik China von 1949 waren auch die Unternehmer Teil des Volkes.<\/p>\n<p>Im Interesse der nationalen Einheit und der Machtstellung der Partei wurde der \u00dcbergang zur vollst\u00e4ndigen Verstaatlichung des Privatbesitzes an Produktionsmittel hinausgez\u00f6gert. Der damalige Minister f\u00fcr Schwerindustrie Chen Yun versicherte 1950: \u00bbIn China, dessen Industrie r\u00fcckst\u00e4ndig ist, wird es ein Fortschritt sein und dem Land und dem Volk zugute kommen, wenn die nationalen Kapitalisten die Industrie entwickeln und lange Zeit dort ihre Investitionen t\u00e4tigen\u00ab.<\/p>\n<p>In diesem Rahmen sahen die Kommunisten die Selbstaktivit\u00e4t der Masse der Arbeiter und Bauern als eine Bedrohung an. Deswegen waren auch die neu eingef\u00fchrten Staatsgewerkschaften keine wirklichen Verteidigungsinstrumente der Arbeiterklasse. Sie waren eher der verl\u00e4ngerte Arm der KPCh-F\u00fchrung, um ihre Vision der Industrialisierung Chinas durchzusetzen. In einem Erlass der Regierung vom 10. Mai 1953 hei\u00dft es, die Aufgabe der Gewerkschaften sei es, \u00bb(\u2026) die Arbeiter dazu zu erziehen, dass sie die Gesetze und Erlasse des Staates gewissenhaft befolgen, f\u00fcr die Entwicklung der Produktion k\u00e4mpfen sowie f\u00fcr die best\u00e4ndige Steigerung der Arbeitsproduktivit\u00e4t und die Erf\u00fcllung beziehungsweise \u00dcberf\u00fcllung der Produktionspl\u00e4ne des Staates.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Industrialisierung statt Arbeiterrepublik<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Sinne wurden unter dem Druck, die Industrialisierung des Landes voranzutreiben, Sondergerichte organisiert, um mit Gef\u00e4ngnisstrafen gegen Wirtschaftsverbrechen vorzugehen. Zu diesen \u00bbVerbrechen\u00ab z\u00e4hlten: Fahrl\u00e4ssigkeit, dauerndes Fehlen am Arbeitsplatz, unsachgem\u00e4\u00dfe Behandlung von Material oder Nicht-Beachtung von Vorschriften.<\/p>\n<p>Dennoch gab es Anfang der 50er Jahre eine wirkliche Verbesserung des Lebensstandards der meisten Chinesen. Die Rote Armee brach die Macht der Gro\u00dfgrundbesitzer auf dem Land. Die neue Regierung brachte die Inflation und die hohe Arbeitslosigkeit unter Kontrolle. Das 1952 verabschiedete Gesetz zur Hochzeit beendete die absolute Kontrolle des Mannes \u00fcber das Leben der Frau. Auch im Schulwesen gab es fortschrittliche Reformen.<\/p>\n<p>Doch die Pl\u00e4ne der KPCh waren ehrgeiziger. Im Eiltempo sollte sich China in eine moderne Gro\u00dfmacht verwandeln. Das Ziel einer eigenst\u00e4ndigen nationalen Entwicklung verband die alten Beamten, Kapitalisten und Armeeoffiziere mit der Parteimaschine der KPCh. Mit Sozialismus von unten hatte der Aufbau der Volksrepublik China deswegen nichts zu tun. Die chinesische Revolution war eine erfolgreiche nationale Befreiungsbewegung, gef\u00fchrt von einer Guerillaarmee von Berufssoldaten. Die fehlende Selbstaktivit\u00e4t der Arbeiter gegen japanische Aggressoren und chinesische Nationalisten verhinderte, dass den Arbeitern eine f\u00fchrende Rolle beim Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft zukam. Die Partei wurde zum Stellvertreter sozialistischer Politik und stieg schnell zur politischen Elite des Landes auf.<\/p>\n<p><strong>Hintergrund: Die Wandlung der KP<\/strong><\/p>\n<p><em>Inspiriert von der russischen Revolution 1917 gr\u00fcndeten Aktivisten und Intellektuelle im Juli 1921 die Kommunistische Partei Chinas (KPCh). Deren erster Parteitag vereinte ganze 57 Mitglieder. Aber die Aktivisten begannen Marx und Lenin zu lesen und sch\u00e4rften so ihr Verst\u00e4ndnis der Verbindungen zwischen Kapitalismus und Imperialismus.Die KPCh baute die Gewerkschaften aktiv mit auf und war ein organisatorischer Kern der Arbeiterproteste in den 20er Jahren in China. Vor dem Hintergrund der Massenstreiks Mitte der 20er Jahre gelang es ihr innerhalb von wenigen Jahren, ihre Mitgliederzahl bis auf 10.000 im Januar 1926 zu erh\u00f6hen. Im April 1927 hatte sie schon 60.000 Mitglieder. Nach der Niederschlagung der Revolution von 1927 sank die Mitgliederzahl wieder auf 10.000. Die Kommunisten zogen sich aufs Land zur\u00fcck. Mit dem R\u00fcckzug aus den St\u00e4dten ver\u00e4nderte sich auch die soziale Zusammensetzung der Partei.<\/em>\u00a0<em>W\u00e4hrend 1926 noch 66 Prozent der Mitgliedschaft Arbeiter waren, sank ihr Anteil 1928 auf 10 Prozent, 1929 auf 3 Prozent und 1930 auf 1,6 Prozent. Mitte der 30er Jahre waren so gut wie keine Arbeiter mehr Mitglieder der Partei.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Statt auf die Arbeiterklasse st\u00fctzte sich die KPCh zunehmend auf die Bauern. Im Sommer 1928 war der Bauernanteil der Partei bereits auf 76 Prozent gestiegen. Inspiriert durch die b\u00e4uerliche Militanz im Kampf gegen die japanische Besatzung wies Mao Zedong ihnen zuk\u00fcnftig eine f\u00fchrende Rolle in der nationalen Revolution zu. Damit stellte Mao den Marxismus auf den Kopf. Marx behauptete nicht, dass die Bauern niemals eine positive Rolle in sozialen und politischen K\u00e4mpfen spielen k\u00f6nnen. Aber weil die Produktionsbedingungen der Bauern ihren Horizont auf die Grenzen ihres Landes, ihres Dorfes, h\u00f6chstens ihrer Provinz beschr\u00e4nken, haben ihre Aufst\u00e4nde einen begrenzten Charakter.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>F\u00fcr Marx ergab sich die progressive Rolle des Proletariats nicht aus seiner Unterdr\u00fcckung oder Militanz, sondern aus seiner Stellung im Produktionsprozess. Die sozialistische Revolution sollte den Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung aufbrechen. Die tragende revolution\u00e4re Rolle konnte dabei nur von einer Klasse gespielt werden, die gesellschaftlich in Beziehung zueinander trat und daher eine gesellschaftliche kollektive Perspektive aufwies. Im Gegensatz zur Arbeiterklasse verk\u00f6rpert die Bauernschaft als Tr\u00e4gerin der kleinen Einzelproduktion keine fortschrittliche, sondern eine r\u00fcckst\u00e4ndige Produktionsweise. Sie konnten daher als Klasse nicht die F\u00e4higkeiten hervorbringen, die f\u00fcr das Funktionieren einer Gesellschaft mit kollektiver Arbeitsteilung erforderlich w\u00e4ren.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Mit der Orientierung auf die Bauern und den Guerillakampf f\u00fcr die nationale Revolution hatte sich die Arbeitsweise der KPCh fundamental ge\u00e4ndert. Die Armee wurde zur Avantgarde der Revolution, zur Vorraussetzung f\u00fcr die Revolution und damit zum Stellvertreter des Proletariats. \u00bbUnsere Armee ist das Hauptinstrument der Diktatur des Proletariats\u00ab, erkl\u00e4rten die Maoisten und konstatierten \u00bbKrieg ist die h\u00f6chste Form des Klassenkampfes und die Fortsetzung der Politik, Politik mit Blutvergie\u00dfen\u00ab. Die Guerillataktik verdr\u00e4ngte die revolution\u00e4re Theorie. An die Stelle des Klassenkampfes und der Selbstemanzipation der Arbeiter trat der Kampf von Berufssoldaten. Die Macht sollte in den H\u00e4nden der Armeef\u00fchrer konzentriert sein und die Massen sollte eine Unterst\u00fctzende aber keine aktive Rolle einnehmen. Die KPCh hatte sich damit von einer Arbeiterpartei in eine nationalistische Guerilla, die stellvertretend f\u00fcr die Arbeiter und Bauern die Revolution durchf\u00fchren wollte, gewandelt.<\/em><\/p>\n<p><strong>Kapitalakkumulation um jeden Preis<\/strong><\/p>\n<p>Die langen Jahre der kolonialen Besatzung und des Kampfes hatten zur Folge, dass China im Jahre 1949 ein r\u00fcckst\u00e4ndiges Entwicklungsland war. 65 Prozent des Bruttoproduktionswertes stammten aus der Landwirtschaft. Nur 4 Millionen der damals 500 Millionen Chinesen waren in der Industrie t\u00e4tig. Das durchschnittliche j\u00e4hrliche Pro-Kopf-Einkommen betrug 54 US-Dollar gegen\u00fcber beispielsweise 6000 US-Dollar in Gro\u00dfbritannien.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem hatte der langj\u00e4hrige B\u00fcrgerkrieg nicht nur die bestehende Infrastruktur weitgehend zerst\u00f6rt, sondern auch die M\u00f6glichkeiten zur Befriedigung grundlegender gesellschaftlicher Bed\u00fcrfnisse gel\u00e4hmt. Das Gesundheits- und Bildungswesen waren unterentwickelt. Die Lebenserwartung wurde auf durchschnittlich 28 Jahre gesch\u00e4tzt, die Analphabetenquote lag bei 80 bis 85 Prozent.<\/p>\n<p>Unter diesen Bedingungen trieb die KPCh den Aufbau einer industriellen Basis um jeden Preis voran. Die Akkumulation (Anh\u00e4ufung) von Kapital, die Marx als einen wichtigen Charakterzug des Kapitalismus erkannt hatte, war in China nun ironischerweise das zentrale Ziel der Wirtschaftspolitik der Kommunisten. Die Produktion f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse der Menschen kam an zweiter Stelle.<\/p>\n<p>Doch es herrschte eine gro\u00dfe Kluft zwischen den Vorstellungen der KPCh zur wirtschaftlichen Entwicklung Chinas und den verf\u00fcgbaren materiellen Ressourcen. Mao versuchte, diesen Konflikt in voluntaristischer Weise zu l\u00f6sen. Fehlendes Kapital und materielle Ressourcen sollten durch harte Arbeit und \u00fcbermenschliche Anstrengungen der Bev\u00f6lkerung ersetzt werden.<\/p>\n<p><strong>Der \u00bbGro\u00dfe Sprung nach vorn\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>1958 rief Mao Zedong den \u00bbGro\u00dfen Sprung nach vorn\u00ab aus. Unter der Parole \u00bbUnter Anspannung aller Kr\u00e4fte immer vorw\u00e4rts strebend, mehr, schneller, besser und wirtschaftlicher den Sozialismus aufbauen\u00ab sollte die Stahlproduktion verdoppelt und Gro\u00dfbritannien in den n\u00e4chsten 15 Jahren hinsichtlich der Produktion der wichtigsten Waren \u00fcberholt werden. So wurden 1958 alle Bauern in den so genannten Volkskommunen zusammengefasst. In ganz China gab es 24.000 Volkskommunen, in denen jeweils etwa 20.000 Menschen arbeiteten. Das ganze Land und andere Produktionsmittel wie Vieh und Pfl\u00fcge wurden zum Gemeineigentum der Kommune erkl\u00e4rt. Neben dem landwirtschaftlichen Betrieb sollten die Kommunen industrielle Unternehmen sowie Erziehungs- und andere soziale Einrichtungen wie Schulen, Kinderkrippen und Krankenh\u00e4user besitzen und leiten.<\/p>\n<p>Die Kommunen waren jedoch nicht demokratisch, sondern milit\u00e4risch organisiert. Die Arbeitskr\u00e4fte wurden zentral verwaltet und in Arbeitsbrigaden eingeteilt. Die Kommunenleitung gab Anweisungen an die Arbeitsbrigaden, die ihrerseits wieder in verschiedene Produktionsgruppen unterteilt wurden. Die Bauern wurden gezwungen, rund um die Uhr zu arbeiten.<\/p>\n<p>Trotzdem scheiterte der \u00bbGro\u00dfe Sprung nach vorn\u00ab an seinen unrealistischen Zielen. Die Antwort waren neue unrealistische Ziele, das Ergebnis eine Katastrophe. Manche Volkskommunen griffen zu Notma\u00dfnahmen, um die ihnen gesetzten hoch gesteckten Ziele zu erf\u00fcllen. In Nacht-und-Nebel-Aktionen demontierte man Eisenbahnschienen, die eingeschmolzen wurden, um die Qualit\u00e4t des produzierten Stahls zu heben.<\/p>\n<p>Neben den katastrophalen Auswirkungen auf die Infrastruktur f\u00fchrte die \u00fcbertriebene Stahlproduktion auch zu einem extremen Mangel an Arbeitskr\u00e4ften auf dem Land. Nur 40 Prozent der Bauern befanden sich auf den Feldern. Bei Wintereinbruch stand nicht genug warme Kleidung zur Verf\u00fcgung, so dass viele Produktionsbrigaden nicht mehr auf den Feldern arbeiten konnten. Zudem hatte die \u00dcberbetonung der Stahlproduktion die Volkswirtschaft so geschw\u00e4cht, dass die geringer werdenden Erntemengen der folgenden Jahre nicht durch andere Waren ausgeglichen werden konnten.<\/p>\n<p>Der \u00bbGro\u00dfe Sprung nach vorn\u00ab f\u00fchrte zu einer f\u00fcrchterlichen von der Regierung selbst verursachten Hungersnot. Bis 1962 verhungerten sch\u00e4tzungsweise 30 Millionen Menschen. In manchen l\u00e4ndlichen Gebieten starben bis zu 40 Prozent der Bev\u00f6lkerung. Millionen ern\u00e4hrten sich in ihrer Verzweifelung von Gras, Bl\u00e4ttern oder Baumrinde.<\/p>\n<p>China verlor bis 1962 wieder nahezu allen Wirtschaftszuwachs, den es zuvor erreicht hatte. Die Folge waren schwere \u00f6konomische Sch\u00e4den. Doch nicht nur die Produktion brach ein, sondern auch der Lebensstandard breiter Bev\u00f6lkerungsschichten sank rapide ab.<\/p>\n<p><strong>Von Mao zu Deng: Kulturrevolution und \u00d6ffnung der Wirtschaft<\/strong><\/p>\n<p>Als die Zerst\u00f6rung und das Chaos des \u00bbGro\u00dfen Sprungs nach vorn\u00ab sichtbar wurden, wandte sich die Mehrheit der herrschenden Klasse in China gegen Mao. Mao Zedong wurde von seinen Kollegen in der chinesischen F\u00fchrung getadelt und verlor einen gro\u00dfen Teil seiner Macht. Hinter den Kulissen der politischen B\u00fchne tobte jetzt ein erbitterter Machtkampf um die wirtschaftspolitische Strategie.<\/p>\n<p>Ab 1966 versuchte Mao mit der \u00bbGro\u00dfen Proletarischen Kulturrevolution\u00ab seine Macht gegen\u00fcber realen und vermeintlichen Gegnern in der kommunistischen Partei zu behaupten. Getragen von hunderttausenden Studenten und Sch\u00fclern st\u00fcrzte die Kulturrevolution China erneut in einen blutigen B\u00fcrgerkrieg. Die Auswirkungen der Kulturrevolution stellten sich als drastischer heraus, als Mao es beabsichtigt hatte. Die Zust\u00e4nde von Anarchie und Gewalt zwangen Mao schlie\u00dflich zum Eingreifen und er beauftragte die Rote Armee mit der Wiederherstellung der Ordnung.<\/p>\n<p>Am Ende des fast 10 Jahre andauernden Konflikts stand die KPCh erneut vor einen Scherbenhaufen. Das Ergebnis war die schwerste Wirtschaftskrise seit 1961. Die Wachstumsraten f\u00fcr die Wirtschaft gingen in vielen Bereichen zur\u00fcck und erreichten 1976 einen Tiefstand. Stagnierender Lebensstandard, Wohnungsknappheit und Engp\u00e4sse in vielen Bereichen des t\u00e4glichen Lebens waren die Folgen. Erst nach Maos Tod 1976 setzte eine neue Wirtschaftspolitik ein. Vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise Mitte der 70er Jahre setzte Deng Xiaoping 1978 eine \u00d6ffnung der Wirtschaft f\u00fcr ausl\u00e4ndisches Kapital durch. Damit einher ging die Privatisierung einiger ehemaliger Staatsbetriebe und die Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen.<\/p>\n<p><strong>Zwischen z\u00f6gerlicher Privatisierung und absoluter Kollektivierung<\/strong><\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich festhalten, dass die wirtschaftspolitische Strategie der KPCh enormen Schwankungen unterworfen war und zwischen z\u00f6gerlicher Privatisierung und absoluter Kollektivierung sowie Verstaatlichung wie zwischen zwei Polen hin- und hergezogen wurde. Dabei engten die objektiven \u00f6konomischen Bedingungen Chinas den Spielraum f\u00fcr die politische F\u00fchrung massiv ein. Der britische Marxist Tony Cliff beschrieb die enormen \u00f6konomischen Entwicklungsschwierigkeiten Chinas mit einem Querverweis auf Russland: \u00bbStalin versuchte, Russland an den Stiefelriemen industriell und milit\u00e4risch emporzuziehen, Mao versuchte dasselbe mit einem Land ohne Stiefel und Riemen\u00ab. Ihren politischen Ausdruck fanden diese \u00f6konomischen Probleme in halsbrecherischen Kampagnen und der zunehmenden Losl\u00f6sung von der sowjetischen Bevormundung bis hin zum vollst\u00e4ndigen Bruch.<\/p>\n<p>Das heutige Wirtschaftswachstum ist das Ergebnis einer brutalen Industrialisierung, die auf den R\u00fccken von Millionen Arbeitern und Bauern betrieben wurde. Die Grundlage daf\u00fcr lieferten die \u00f6konomischen Reformen Deng Xiaopings Ende der 70er Jahre. Mit Sozialismus hat diese Entwicklung nichts zu tun, sie ist vielmehr die Folge der nationalen Entwicklung Chinas.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2018\/geschichte-grosser-sprung-tiefer-fall\/\">sozialismus.ch&#8230;<\/a> vom 7. Oktober 2018 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Revolution befreite China vom Imperialismus und brachte die Kommunistische Partei an die Macht. 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