{"id":413,"date":"2015-03-20T16:39:16","date_gmt":"2015-03-20T14:39:16","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=413"},"modified":"2015-03-21T15:06:05","modified_gmt":"2015-03-21T13:06:05","slug":"die-tapferen-waescherinnen-von-mersens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=413","title":{"rendered":"Die tapferen W\u00e4scherinnen von Marsens"},"content":{"rendered":"<p>Willi Eberle. <b>Jeder der wenigen, allzu wenigen sozialen K\u00e4mpfe in der Schweiz hat seine Eigenheiten, seine eigenen Schwierigkeiten, seine besonderen Umst\u00e4nde. Aber alle tragen in sich den Keim der L\u00f6sung<!--more-->, um im durch die Unternehmer immer brutaler gef\u00fchrten Klassenkampf bestehen zu k\u00f6nnen: Selbst einzugreifen und niemandem zu trauen, vor allem nicht den Unternehmern und ihrem Staate. Wie stellt sich dies beim Kampf der tapferen Angestellten der W\u00e4scherei von Marsens vom 6. bis zum 14. M\u00e4rz 2015 dar?<\/b><\/p>\n<p>Am 15. Februar wurde der Vertrag zum Verkauf der \u00abbuanderie de Marsens\u00bb (BEM) an\u00a0 \u00abLes Blanchisseries G\u00e9n\u00e9rales SA\u00bb (LBG) unterzeichnet. An der Pressekonferenz vom 25. Februar hob die verantwortliche Fribourger Staatsr\u00e4tin Anne-Claude Demierre (SPS) ihre \u00absoziale Verantwortung\u00bb hervor. Diese Privatisierung sei \u00abdie bestm\u00f6gliche L\u00f6sung, um die 15 Arbeitspl\u00e4tze zu erhalten\u00bb wurde von der Leiterin des Gesundheits- und Sozialdepartements und ihrem Regierungskollegen Georges Godel (CVP), Leiter des Finanzdepartementes, betont (La Libert\u00e9, 26.02.2015).<\/p>\n<p>Die LBG ist ein auf die W\u00e4sche der Spit\u00e4ler und Heime spezialisiertes Unternehmen in der Romandie, deren Mehrheitsaktion\u00e4r der Kanton Waadt ist. Der Waadtl\u00e4nder Regierungspr\u00e4sident Yves Maillard, Gallionsfigur der SPS-Linken, ist Verwaltungsratspr\u00e4sident der LBG.<\/p>\n<p><b>\u00abVerschlechterungen auf der ganzen Linie\u00bb<\/b><\/p>\n<p>Mit der \u00dcbernahme der BEM auf den 1. Oktober 2015 sollten deren 15 Angestellten in die LBG \u00fcbertreten. Sie werden dann den Bedingungen des Gesamtarbeitsvertrages der Branche (ARENIT) unterstellt und fallen aus dem Fribourger Personalgesetz (LPers) heraus. Dieser \u00dcbergang w\u00fcrde massive Verschlechterungen mit sich bringen. So m\u00fcssten einige W\u00e4scherinnen beispielsweise mit einer Lohneinbusse von \u00fcber 1\u2018000 Franken rechnen. Dazu kommen weniger Ferien, l\u00e4ngere Arbeitszeiten, kein K\u00fcndigungsschutz usw.<\/p>\n<p>Der VPOD der Region Fribourg schreibt am 6. M\u00e4rz dazu unter anderem: \u00abDie Lohneinbussen w\u00e4ren gross. \u2026 ist dies die \u2039soziale Verantwortung\u203a, die Frau Demierre meint?\u00bb. Es handelt sich um \u00abVerschlechterungen auf der ganzen Linie\u00bb.<\/p>\n<p>Aber die W\u00e4scherinnen unterstehen vorderhand noch dem Fribourger Personalgesetz. Dieses schreibt in Artikel 47 vor, dass im Falle einer Aufhebung der Stelle der oder die Angestellte an eine \u00e4quivalente Stelle im Geltungsbereich dieses Gesetzes transferiert wird. Und genau dies ist die Forderung der Streikenden.<\/p>\n<p><b>\u00abJetzt k\u00e4mpfen wir alle zusammen\u00bb<\/b><\/p>\n<p>Seit dem 6. M\u00e4rz wird die W\u00e4sche nicht mehr gewaschen, nicht mehr ausgeliefert. Die Streikenden durchliefen einen Prozess des gemeinsamen Widerstandes, der sie nun zusammen schweisst. Die regionale Sektion des VPOD \u00abstellt sich voll und ganz hinter diesen Kampf\u00bb.<\/p>\n<p>Eine W\u00e4scherin, die seit \u00fcber 35 Jahren in der W\u00e4scherei arbeitet, erz\u00e4hlt: \u00abIn der W\u00e4scherei \u2026. gab es vorher viele Konflikte. Seit der Regierungsrat aber angek\u00fcndigt hat, die W\u00e4scherei zu privatisieren, sind wir uns bewusst geworden, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Das hat uns zusammengebracht und jetzt k\u00e4mpfen wir alle zusammen, bis auf unsere Forderung eingegangen wird\u00bb.<\/p>\n<p>Die Fribourger Regierung weigerte sich lange, auf die Forderung der W\u00e4scherinnen und der Gewerkschaft einzugehen und versuchte, den Streik zu brechen und die W\u00e4sche an die LBG zu vergeben. Dies provozierte am 10. M\u00e4rz eine Solidarit\u00e4tskundgebung mit \u00fcber 100 Teilnehmenden vor dem Regierungsgeb\u00e4ude und eine Protestnote an Yves Maillard, den Verwaltungsratspr\u00e4sidenten der LBG. Die Gewerkschaft und die Streikenden riefen auf den 14. M\u00e4rz zu einer nationalen Solidarit\u00e4tsdemo auf, zu der sie Christian Levrat, SPS Pr\u00e4sident und ebenfalls aus dem Kanton Fribourg, als Redner einluden. Dieser aber winkte ab.<\/p>\n<p><b>Ein noch unsicherer Erfolg des Streiks<\/b><\/p>\n<p>Am Freitag 13. M\u00e4rz kam die Regierung mit einem Angebot auf die Streikenden zu, in dem sie sich verpflichtete, \u00abim Rahmen der M\u00f6glichkeiten\u00bb den Besch\u00e4ftigten der BEM im Laufe der n\u00e4chsten drei Jahre eine \u00e4quivalente Stelle beim Staat anzubieten. Damit ist die Hauptforderung des Streiks ungef\u00e4hr erf\u00fcllt und er wurde beendet.<\/p>\n<p>Die Zusicherung der Regierung beinhaltet aber noch einige Unsicherheiten, \u00fcber die urspr\u00fcnglich auf den 16. M\u00e4rz Verhandlungen vereinbart wurden. Diese wurden aber durch die Regierung aus uns unbekannten Gr\u00fcnden auf den 26. M\u00e4rz verschoben. Es scheint, dass die Regierung auf Zeit spielt, um die k\u00e4mpfenden Angestellten der BEM zu zerm\u00fcrben.<\/p>\n<p>Da diese den Streik beendet haben, verf\u00fcgen sie momentan aber \u00fcber keine Druckmittel mehr.<\/p>\n<p><b>Das gescheiterte Modell der Sozialpartnerschaft<\/b><\/p>\n<p>Seit ca. zwei Monaten sehen sich die Lohnabh\u00e4ngigen in der Schweiz mit noch h\u00e4rteren Angriffen auf ihre Arbeits- und Lebensbedingungen und die L\u00f6hne konfrontiert. Wie beispielsweise die Arbeiterinnen der BEM. Entweder wurden solche Massnahmen \u2013 unentgeltliche Arbeitszeitverl\u00e4ngerung, Kurzarbeit, Entlassungen, Lohnk\u00fcrzungen, und \u00e4hnliches \u2013 bereits eingef\u00fchrt oder dann aber angedroht. Dies betrifft gem\u00e4ss einer Studie der Zeitschrift Bilanz \u00fcber einen Drittel der Schweizer Wirtschaft. Zudem verst\u00e4rkt sich der Druck, die Unternehmersteuerreform III und die Gegen-Reform der Altersversicherungen (Berset-Reform) nun \u00a0z\u00fcgig voranzutreiben.\u00a0 Noch nie seit den dreissiger Jahren konnten die Unternehmer einen so konzentrierten und einschneidenden Angriff f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaft Unia hat am 6. M\u00e4rz, dem Tag des Streikbeginns in Marsens, ihre traditonelle Industriekonferenz abgehalten. Dabei rief sie die Unternehmer zu einem \u00abPakt f\u00fcr den Werkplatz Schweiz\u00bb auf. Sie besteht\u00a0dabei auf den Regeln\u00a0der Sozialpartnerschaft. Was dahintersteckt ist klar: sie wollen sozialpartnerschaftlich \u00fcber solche Abbaumassnahmen \u00abzum Schutz der Arbeitspl\u00e4tze\u00bb verhandeln. Ein Modell, auf das die nationalen Gewerkschaftsf\u00fchrungen \u00fcber die vergangenen Jahrzehnte immer wieder hingearbeitet haben. Dies hat die Arbeiterklasse in eine Lethargie und Wehrlosigkeit getrieben, die sich als immer fataler herausstellt.<\/p>\n<p>Die W\u00e4scherinnen von Marsens haben mit ihrer Unerschrockenheit und ihrem Kampfgeist den einzigen Weg gewiesen, um aus dieser Sackgasse hinauszufinden. Wie beispielsweise\u00a0 auch die Arbeiter und Arbeiterinnen bei der Swissport am Genfer Flughafen von Anfang Februar, in der Exten in Mendrisio am 19. Februar und an wenigen anderen Orten, vor allem im Tessin. Dabei wurden sie von lokalen Gewerkschaftssektionen unterst\u00fctzt, die von der nationalen Linie der unbedingten Sozialpartnerschaft loskommen und stattdessen an k\u00e4mpferischen Basisaktivit\u00e4ten ansetzen wollen. Dies ist der einzig m\u00f6gliche Weg, um die Errungenschaften der vergangenen Periode verteidigen zu k\u00f6nnen.Erscheint im <em>Vorw\u00e4rts<\/em> vom 27. M\u00e4rz 2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Willi Eberle. 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