{"id":4135,"date":"2018-10-11T08:59:21","date_gmt":"2018-10-11T06:59:21","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4135"},"modified":"2018-10-11T08:59:21","modified_gmt":"2018-10-11T06:59:21","slug":"bolsonaro-siegt-die-maerkte-jubeln-welche-aufgaben-der-linken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4135","title":{"rendered":"Bolsonaro siegt, die M\u00e4rkte jubeln \u2013 welche Aufgaben der Linken?"},"content":{"rendered":"<p><em>Stefan Schneider. <\/em><strong>Der ultrarechte Ex-Milit\u00e4r Jair Bolsonaro erlangte 46 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang zum Pr\u00e4sidenten. Welche Antwort braucht die Linke jetzt?<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Der erste Platz in der ersten Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen f\u00fcr den extrem rechten Kandidaten Jair Bolsonaro war allgemein erwartet worden, doch die Deutlichkeit war dann doch schockierend: 46 Prozent der Stimmen entfielen am Sonntag auf den frauenfeindlichen, homophoben und rassistischen Kandidaten, der die brasilianische Milit\u00e4rdiktatur verteidigt, 50 Staatsunternehmen privatisieren will und politische Gegner*innen schonmal mit Milit\u00e4rgericht und Erschie\u00dfungskommando bedrohen.<\/p>\n<p>Auf dem zweiten Platz landete Fernando Haddad, der Kandidat der ehemaligen Regierungspartei PT (Arbeiterpartei) von Dilma Rousseff und Lu\u00edz In\u00e1cio Lula da Silva, mit 29 Prozent, also 17 Prozentpunkten Unterschied. Am 28. Oktober werden sich beide Kandidaten in einer Stichwahl gegen\u00fcbertreten.<\/p>\n<p>Dieses deutliche Ergebnis h\u00e4tte Bolsonaro kaum erreichen k\u00f6nnen, w\u00e4re er gegen den eigentlichen PT-Kandidaten Lula angetreten. Dessen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/brasilien-in-der-krise-austeritaet-vernichtet-nationalmuseum-gericht-verbietet-lulas-wahlantritt\/\"><strong>Wahlantritt wurde gerichtlich verboten<\/strong><\/a>, nachdem er wegen Korruptionsanschuldigungen inhaftiert worden war, w\u00e4hrend viele ultrarechte korrupte Politiker*innen auf freiem Fu\u00df blieben. Er durfte noch nicht einmal in Radio- oder Fernsehnachrichten f\u00fcr den Alternativkandidaten Haddad werben oder selbst abstimmen. Das war nur die Spitze des Eisbergs im\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/brasilien-der-putsch-und-der-untergang-des-nach-diktatur-regimes\/\"><strong>institutionellen Putsch<\/strong><\/a>\u00a0seit 2016, der den neoliberalen Michel Temer in den Pr\u00e4sidentschaftssessel hievte. Die politische Justiz und die St\u00e4rkung der Streitkr\u00e4fte ebneten Bolsonaro den Weg.<\/p>\n<p>Mit Unterst\u00fctzung des Finanzkapitals, der evangelikalen Kirchen, der Justiz und der rechten Medien hat Bolsonaro das brasilianische politische Establishment bei diesen Wahlen ersch\u00fcttert und die Anti-Establishment-Stimmung fast monopolisiert. Fast h\u00e4tte er sogar in der ersten Runde gewonnen.<\/p>\n<p><strong>Wer ist Jair Bolsonaro?<\/strong><\/p>\n<p>Jair Bolsonaro ist seit fast 30 Jahren ein ultrarechter Berufspolitiker. Der ehemalige Fallschirmj\u00e4ger und heutige Reservist im Rang eines Hauptmanns ist ein gro\u00dfer Fan der brasilianischen Milit\u00e4rdiktatur von 1964 bis 1985. Bei einer Rede im brasilianischen Kongress 2016 huldigte er Oberst Carlos Alberto Brilhante Ustra \u2013 dem bekanntesten Folterer des Landes. Mehr als 500 Linke wurden w\u00e4hrend der Diktatur gefoltert. Aktuell tragen einige der begeisterten Fans von Bolsonaro T-Shirts mit der Aufschrift \u201eUstra lebt!\u201c.<\/p>\n<p>Auch heute bef\u00fcrwortet Bolsonaro Folter und forderte Wahlkampf, dass die Polizei Kriminelle foltern und ohne Verfahren exekutieren darf. F\u00fcr besonders viele Tote wollte er Medaillen verteilen.<\/p>\n<p>Seine extrem frauenfeindlichen und homophoben Kommentare sind auch hierzulande schon gut bekannt. Am Wochenende vor den Wahlen gingen Hunderttausende Frauen in Brasilien deshalb\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/brasilien-hunderttausende-frauen-gegen-den-abstossendsten-politiker-der-erde\/\"><strong>gegen Bolsonaro auf die Stra\u00dfe<\/strong><\/a>.<\/p>\n<p>Auf wirtschaftlicher Ebene hat Bolsonaro noch keinen umfassenden Plan vorgelegt, doch seine bisherigen Forderungen sind eine Vertiefung der ultraneoliberalen Agenda von Michel Temer: Am Tag nach seinem Wahlsieg hat er versprochen, 50 von 150 staatlichen Unternehmen zu privatisieren und sie f\u00fcr multinationale Investitionen zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>In seinem Wahlkampf stachen jedoch andere Aspekte hervor: Bolsonaro stellte sich als politischen Au\u00dfenseiter dar, der in die Bundeshauptstadt Brasilia kommt, um die Korruption auszul\u00f6schen. Und das, obwohl er selbst seit 26 Jahren im Kongress sitzt.<\/p>\n<p><strong>Die Kr\u00e4fte hinter Bolsonaro<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcnf Akteure kamen zusammen, um Bolsonaro zum Sieg zu verhelfen: Der erste ist das Finanzkapital, sowohl brasilianisches als auch internationales, das die Regierung seit langem unter Druck setzt, Sparma\u00dfnahmen durchzuf\u00fchren. Gegen Ende der Kampagne lie\u00dfen diese Finanzkapitalist*innen die brasilianischen Aktien steigen, als Bolsonaro in den Umfragen nach oben ging. Donald Trump wogte mit und beschwerte sich \u00fcber die von der PT eingef\u00fchrten brasilianischen Handelsvorschriften, die Bolsonaro wahrscheinlich aufheben w\u00fcrde. Bolsonaros Plan sieht vor, den Arbeitsschutz zu beenden, die Rentenreform r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen, die demokratischen Rechte einzuschr\u00e4nken, Brasiliens hohen Auslandsschulden abzubauen und gleichzeitig die eigenen Gewinne zu sichern. Am Tag nach dem Sieg Bolsonaros in der ersten Runde stiegen die brasilianischen Aktien um bis zu 6 Prozent.<\/p>\n<p>In der vergangenen Woche stellten sich auch andere wichtige Sektoren der brasilianischen Bourgeoisie hinter Bolsonaro, nachdem immer klarer wurde, dass der \u201enat\u00fcrliche\u201c Kandidat der Bourgeoisie, der neoliberale Geraldo Alckmin von der PSDB (Sozialdemokratische Partei Brasiliens, b\u00fcrgerlich-konservativ), keine Chance haben w\u00fcrde. Am Ende bekam Alckmin 4,8 Prozent bei der ersten Wahlrunde, nachdem der PSDB-Kandidat 2014 noch 33,6 Prozent bekommen hatte. Fast die gesamten Stimmen gingen auf Bolsonaro \u00fcber. Damit zeigt sich auch eine Radikalisierung der brasilianischen Bourgeoisie.<\/p>\n<p>Bolsonaro wurde au\u00dferdem von der m\u00e4chtigen Agrarindustrie und den Gro\u00dfgrundbesitzer*innen unterst\u00fctzt. Er ist ein gro\u00dfer Gegner der Landreform und der Erweiterung des Schutzgebietes f\u00fcr indigene V\u00f6lker. Regelm\u00e4\u00dfig tritt er gegen landlose b\u00e4uerliche Aktivist*innen und die indigene Bev\u00f6lkerung ein.<\/p>\n<p>Der zweite Schl\u00fcsselakteure f\u00fcr Balsonaros vorl\u00e4ufigen Sieg ist die brasilianische Justiz. Sie stellte sicher, dass Lula nicht nur daran gehindert wurde anzutreten, sondern auch mit den Anf\u00fchrer*innen der PT w\u00e4hrend der Kampagne zu kommunizieren, \u00f6ffentlich f\u00fcr Haddad zu werben oder \u00fcberhaupt abzustimmen, obwohl die Abstimmung f\u00fcr alle Staatsb\u00fcrger*innen in Brasilien verpflichtend ist.<\/p>\n<p>Drittens hat TV Globo, Brasiliens wichtigster Fernsehsender, offen f\u00fcr Bolsonaro geworben. Globo wurde unter der Milit\u00e4rdiktatur gegr\u00fcndet wird von praktisch allen Brasilianer*innen gesehen. Im Grunde genommen hat jede Bar, jedes Caf\u00e9 und jeder Haushalt Globo den ganzen Tag \u00fcber eingeschaltet. Das Netzwerk gab Bolsonaro viel Sendezeit und positive Kommentare, konzentrierte sich unerbittlich auf das Thema Kriminalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Viertens forderten evangelikale Kirchen offen eine Abstimmung gegen den \u201ekommunistischen Teufel Haddad\u201c und organisierten eine militante Kampagne auf WhatsApp und Facebook gegen die PT und Haddad.<\/p>\n<p>Der letzte wichtige Sektor hinter dem Sieg von Bolsonaro ist das brasilianische Milit\u00e4r \u2013 das erst vor 30 Jahren von der Macht verdr\u00e4ngt wurde. Eduardo Villas Boas, der Chef des Milit\u00e4rs, gab nahezu konstante Erkl\u00e4rungen \u201egegen die Korruption\u201c ab, die die Rhetorik von Bolsonaro gegen Lula widerspiegelten.<\/p>\n<p>Bolsonaro nutzte auch die Unsicherheiten der Mittelschicht sowie einiger Sektoren der Arbeiterklasse gegen das ultrakorrupte brasilianische politische System. Jeder wei\u00df, dass die Politiker legal hohe Geh\u00e4lter zahlen und sich dann fast offen an Korruptionsvorhaben beteiligen. So konzentrierte sich die Operation Car Wash, die \u201eAnti-Korruptionskampagne\u201c der Justiz, ausschlie\u00dflich auf die PT, obwohl die Korruption in Brasilien weit verbreitet ist. Zum Beispiel wurde gegen \u00fcber H\u00e4lfte des Kongresses, der Dilma Rousseff angeklagt hatte, wegen Korruption ermittelt.<\/p>\n<p>Diese Sektoren unterst\u00fctzten Bolsonaro auch, indem sie die Angst und Unzufriedenheit nutzten, die durch die steigenden Kriminalit\u00e4tsraten hervorgerufen wurden \u2013 eine Folge der ausgepr\u00e4gten Finanzkrise, der Arbeitslosigkeit und der Sparpolitik. Im vergangenen Jahr wurden in Brasilien fast 64.000 Menschen ermordet.<\/p>\n<p><strong>Die Kontinuit\u00e4t des institutionellen Putsches<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten Tagen vor der Wahl prangerte Bolsonaro laut die M\u00f6glichkeit einer Wahlmanipulation an, um sich als Opfer der Korruption darzustellen. Dabei ist es gerade das Regime des institutionellen Putsches, das in den vergangenen Monaten offene Manipulation betrieben hat, um die Wahl zu beeinflussen und den Putsch mit Bolsonaro dauerhaft zu machen.<\/p>\n<p>Um nur einige der schwerwiegendsten Manipulationen zu nennen: Wie schon erw\u00e4hnt, hat das Oberste Wahlgericht gegen die Teilnahme von Lula an den Wahlen ein Veto eingelegt und damit einen Kandidaten eliminiert, der in der ersten Runde h\u00e4tte gewinnen k\u00f6nnen. Danach stahl das Oberste Wahlgericht buchst\u00e4blich 1,5 Millionen Stimmen im Nordosten (allein 600.000 im Bundesstaat Bahia), weil sie nicht im neuen biometrischen Wahlsystem registriert waren. Insgesamt wurde landesweit deshalb sogar gegen insgesamt 3,3 Millionen W\u00e4hler*innen ein Veto eingelegt, die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit von ihnen aus der armen Bev\u00f6lkerung. Die Zahlen sind nicht geringf\u00fcgig, da der Nordosten eine Hochburg der PT ist, wodurch Bolsonaro klar bevorteilt wurde. Au\u00dferdem wurden Zeitungsinterviews mit Lula verboten und Zensur f\u00fcr diejenigen Zeitungen angedroht, die dennoch Lula interviewen wollten \u2013 was es seit der Milit\u00e4rdiktatur nicht mehr gegeben hatte.<\/p>\n<p>All diese reaktion\u00e4ren Aktionen breiter Teile des Putschregimes haben den Weg von Bolsonaro in der ersten Runde erleichtert.<\/p>\n<p>Strukturell wurden diese institutionellen Putschma\u00dfnahmen durch die harte Wirtschaftskrise und die soziale Misere beg\u00fcnstigt, die Brasilien aktuell durchziehen. Seit \u00fcber vier Jahren steckt Brasilien in einer Finanzkrise und wachsender Arbeitslosigkeit. Die Kapitalist*innen suchen nach Wegen, um Gewinne zu erzielen, obwohl die brasilianische Wirtschaft nicht viel w\u00e4chst: nur 0,3 Prozent von Juni bis August dieses Jahres. Schon mit Temer versuchten sie, Gewinn zu machen, ihn aus den Taschen der Arbeiter*innenklasse zu nehmen. Dieser Weg wird nun mit Bolsonaro fortgef\u00fchrt: Sein aktueller Wahlvorsprung ist das Ergebnis einer jahrelangen Operation der brasilianischen Rechten zur Umsetzung weiterer Sparma\u00dfnahmen als \u201eL\u00f6sung\u201c f\u00fcr die Finanzkrise.<\/p>\n<p>Der Aufstieg der Rechten wurde auch durch die Politik der vorherigen PT-Regierungen selbst beg\u00fcnstigt. W\u00e4hrend der Regierungen von Lula und Rousseff hatte die PT Koalitionen mit Mitte-Rechts-Parteien gemacht, und sp\u00e4testens als die Finanzkrise Brasilien traf, setzte die damalige Pr\u00e4sidentin Dilma Rousseff (PT) selbst neoliberale Sparma\u00dfnahmen durch. Und seit dem institutionellen Putsch, der Dilma aus dem Amt warf, war die Strategie der PT die der Moderation und Verhandlung mit den Kapitalist*innen und der Rechten. Sie hat versucht, \u201eVerantwortung\u201c zu beweisen, anstatt die Millionen von Besch\u00e4ftigten in den von der PT gef\u00fchrten Gewerkschaften gegen diese Angriffe zu mobilisieren.<\/p>\n<p>Doch es gab auch Widerstand der Massen gegen die Angriffe von rechts: Im Jahr nach dem institutionellen Putsch gab es drei eint\u00e4gige Generalstreiks und gro\u00dfe Mobilisierungen gegen Sparma\u00dfnahmen. Die PT jedoch, die die gr\u00f6\u00dfte brasilianische Gewerkschaft CUT leitet, weigerte sich, h\u00e4rtere K\u00e4mpfe gegen die Sparma\u00dfnahmen zu organisieren, weigerte sich, Generalstreiks l\u00e4nger als einen Tag zu unterst\u00fctzen, und zog sich bei der Organisation der stattfindenden Streiks zur\u00fcck. Auch als Lula inhaftiert wurde, organisierten er und seine Anh\u00e4nger*innen die Arbeiter*innenklasse nicht gegen seine willk\u00fcrliche und undemokratische Inhaftierung; er stellte sich der Justiz und versprach, seine Unschuld vor den rechten Gerichten zu beweisen. Und obwohl die brasilianische Arbeiter*innenbewegung im vergangenen Jahr zur\u00fcckging, gingen noch vor wenigen Wochen Hunderttausende von Menschen in Frauenm\u00e4rschen gegen die Rechte auf die Stra\u00dfe. Da es jedoch keine klare Alternative zu der vers\u00f6hnlerischen Politik der PT gab, konnte Bolsonaro von der herrschenden Anti-PT-Stimmung profitieren.<\/p>\n<p><strong>Internationale Faktoren<\/strong><\/p>\n<p>Der Triumph von Bolsonaro in der ersten Runde dr\u00fcckt mit seinen nationalen Besonderheiten einen allgemeineren Trend aus, der vor allem seit 2015 zu beobachten ist und der mit strukturelleren Bedingungen der weltweiten wirtschaftlichen und geopolitischen Situation zu tun hat. Nicht nur in Brasilien, sondern weltweit gibt es Ph\u00e4nomene der Krise der traditionellen Parteien und einer gro\u00dfen sozialen und politischen Polarisierung, auf dessen Grundlage neue oder unerwartete Ph\u00e4nomene entstehen: Brexit, Donald Trump, die europ\u00e4ische extreme Rechte, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Das sind keine Einzelf\u00e4lle mehr, sondern sie m\u00fcssen als Teil der neuen politischen Situation analysiert werden.<\/p>\n<p>Im Falle Brasiliens gibt es jedoch eine sehr wichtige Besonderheit: Denn der Aufstieg der Rechten geschieht nicht einfach so, sondern wird durch eine v\u00f6llig antidemokratische Wahl katalysiert, die schon mit dem institutionellen Putsch von Temer vorbereitet wurde. Wenn Lula h\u00e4tte antreten d\u00fcrfen, w\u00e4re es vielleicht eine \u201eganz normale\u201c Wahl geworden \u2013 durch das Verbot und das v\u00f6llige Fehlen des Widerstands seitens der PT konnte Bolsonaro gewinnen.<\/p>\n<p>Trotz der besonderen Situation ist jedoch klar: Wie in anderen L\u00e4ndern, spricht die extreme Rechte Brasiliens heute mit einer entschlossenen Stimme und pr\u00e4sentiert ihr Programm sehr offen. Bolsonaro hatte noch den Vorteil, dass er zwei weitere Elemente nutzen konnte: sich als Au\u00dfenseiter zu pr\u00e4sentieren und die grassierende Korruption anzuprangern. Dar\u00fcber hinaus radikalisierte Bolsonaro die Anti-PT-Stimmung mit seinen Reden zur Verteidigung der Milit\u00e4rdiktatur, Folter, Rassismus, Homophobie und Frauenhass. So ist Bolsonaro einer der st\u00e4rksten Ausdr\u00fccke der \u201eorganischen Krise\u201c, die Brasilien \u2013 wie viele andere L\u00e4nder weltweit in unterschiedlichem Ma\u00dfe \u2013 durchzieht, mit dem typischen reaktion\u00e4ren Nationalismus und der Unterwerfung unter den Imperialismus, den wir auch in der extremen Rechten beispielsweise der osteurop\u00e4ischen L\u00e4nder sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Die Stichwahl \u2013 und wie weiter f\u00fcr die Linke?<\/strong><\/p>\n<p>Gleichwohl ist der Weg zur Stichwahl so, als w\u00fcrde es eine Neuwahl geben. Bolsonaro wird viel Zeit im Fernsehen haben und an Diskussionen mit Haddad teilnehmen m\u00fcssen. In der Projektion geht der Kandidat der extremen Rechten Jair Bolsonaro sehr gest\u00e4rkt in die zweite Runde; f\u00fcr seine Ziele muss er aber noch die Stimmen von Meirelles und Amoedo und den gr\u00f6\u00dferen Teil der Stimmen von Alckmin gewinnen. Haddad m\u00fcsste nicht nur seine Stimmen behalten, sondern auch die Stimmen des Restes der Kandidat*innen auf sich vereinen. Das wird extrem schwierig sein. Ob er sich dennoch gegen Bolsonaro durchsetzen kann, wird davon abh\u00e4ngen, ob er den Hass von Million von Menschen gegen Bolsonaro hinter sich kanalisieren kann.<\/p>\n<p>Dabei ist es wichtig zu sagen, dass die Erfahrungen der Massen mit dem institutionellen Putsch nicht in Vergessenheit geraten sind und dass ein bedeutender Teil der Bev\u00f6lkerung die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen mit den K\u00fcrzungsma\u00dfnahmen identifiziert, die w\u00e4hrend der Putschregierung von Temer ergriffen wurden. Mit anderen Worten, das hohe Votum f\u00fcr Bolsonaro dr\u00fcckt nicht aus, dass die Massen automatisch sein Wirtschaftsprogramm unterst\u00fctzen. Bolsonaros Radikalit\u00e4t w\u00fcrde in einer sp\u00e4teren Regierung dem Widerstand der Massen und dem Klassenkampf begegnen.<\/p>\n<p>Die PT hat in den letzten Jahren gezeigt, dass ihre Strategie nicht einer solchen Konfrontation dient. 2015 hatte Dilma arbeiter*innenfeindliche K\u00fcrzungsma\u00dfnahmen begonnen. Das machte letztendlich den Weg f\u00fcr die Putschregierung von Temer frei, gegen die sich die PT vom ersten Tag an nicht gewehrt hat \u2013 weder gegen die Absetzung von Dilma, noch gegen die Inhaftierung und das Wahlantrittsverbot von Lula. Die Generalstreiks 2017 gegen die Rentenreform und die Arbeitsmarktreform wurden von den PT-gef\u00fchrten Gewerkschaftszentralen CUT und CTB abgew\u00fcrgt. Sie haben nie versucht, die Arbeiter*innen und die armen Massen ernsthaft zu mobilisieren, nicht einmal als Selbstverteidigungsma\u00dfnahme.<\/p>\n<p>Der Ausgang der ersten Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen zeigte auch, dass die Strategie der \u201eWahl gegen den Putsch\u201c nicht funktioniert. Gleichwohl hat die PT weiterhin eine massenhafte Unterst\u00fctzung \u2013 sie weigert sich jedoch, diese Unterst\u00fctzung tats\u00e4chlich in einen Kampf gegen die Regierung und das brasilianische und internationale Kapital zu kanalisieren. Stattdessen erneuert sie immer wieder \u2013 auch in ihrem Diskurs vor der ersten Wahlrunde \u2013 die Strategie der Vermittlung mit den Rechten: nicht von ungef\u00e4hr ist Haddad der neoliberalste aller PT-Kandidat*innen.<\/p>\n<p>Aber die Arbeiter*innenklasse und die Unterdr\u00fcckten versuchten in den letzten Jahren immer wieder zu k\u00e4mpfen: der Generalstreik gegen die Rentenreform, die gro\u00dfen Mobilisierungen von Frauen gegen die Rechte und die Jugend, die ihre Schulen und Universit\u00e4ten sowohl unter der PT-Regierung als auch unter Temer besetzten.<\/p>\n<p>Die Aufgabe muss es jetzt sein, von der absoluten Ablehnung Bolsonaros und seiner Handlanger*innen auszugehen und einen Klassenhass gegen den Aufstieg der extremen Rechten zu kanalisieren. Das geht nur, indem ein Programm vorgeschlagen wird, dass alle wichtigen nationalen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen auf die Tagesordnung setzt.<\/p>\n<p>Das erfordert den Aufbau einer unabh\u00e4ngigen politischen Kraft der Arbeiter*innen, das hei\u00dft der Vorhut der Organisation der Arbeiter*innenklasse, der Frauen, der Schwarzen und der LGBT-Personen, die sich an allen Arbeits- und Studienorten mit aktiven, antib\u00fcrokratischen Str\u00f6mungen organisiert, die den Kampf gegen die Putschangriffe und die extreme Rechte aufnehmen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/brasilien-bolsonaro-siegt-die-maerkte-jubeln-wie-wird-der-kandidat-der-diktatur-geschlagen\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. Oktober 2018 <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stefan Schneider. Der ultrarechte Ex-Milit\u00e4r Jair Bolsonaro erlangte 46 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang zum Pr\u00e4sidenten. 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