{"id":4143,"date":"2018-10-12T08:41:14","date_gmt":"2018-10-12T06:41:14","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4143"},"modified":"2018-10-12T08:42:03","modified_gmt":"2018-10-12T06:42:03","slug":"der-tote-hund-als-berater-marx-consulting-und-die-gewerkschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4143","title":{"rendered":"Der tote Hund als Berater. Marx-Consulting und die Gewerkschaften"},"content":{"rendered":"<p><em>Hans-J\u00fcrgen Urban. <\/em>Alle reden gegenw\u00e4rtig \u00fcber Marx. Der junge Marx, der Philosoph, ist zum \u00bbLieblingsautor der evangelischen Akademien\u00ab avanciert (Eiden-Offe 2017, 66). Koryph\u00e4en des Neoliberalismus konstatieren anerkennend,<!--more--> Marx habe \u00bbviele interessante Gedanken ge\u00e4u\u00dfert, die nachhaltigen Einfluss auf die weitere Entwicklung und den Erkenntnisprozess der Volkswirtschaftslehre und der anderen Sozialwissenschaften hatten\u00ab (Sinn 2017, 73). Und in den Feuilletons der sogenannten Qualit\u00e4tszeitungen ist Marx geradezu Stammgast. Sind wir heute also alle Marxist*innen (um ein Diktum Ralf Dahrendorfs zu variieren, mit dem er die Verallgemeinerung sozialdemokratischer Ideen am Ende des 20. Jahrhunderts auf den rhetorischen Punkt bringen wollte)?<\/p>\n<p>Wohl kaum. Die Gewerkschaften des Gegenwartskapitalismus, die deutschen allzumal, sind es jedenfalls nicht. Sie behandeln den radikalen Kapitalismustheoretiker als jenen \u00bbtoten Hund\u00ab, als den Marx selbst einst seinen philosophischen Lehrmeister Hegel durch das \u00bbEpigonentum\u00ab seiner Zeit behandelt sah. Jedenfalls endet die Recherche nach angemessenen gewerkschaftlichen Publikationen oder Veranstaltungen zum 150. Geburtstag des (ersten Bandes des) \u00bbKapital\u00ab oder zum 200. Geburtstag des Autors weitestgehend ohne Befund.<\/p>\n<p>Die Marx-Vergessenheit k\u00f6nnte Folge einer Verschiebung im Orientierungsger\u00fcst der Gewerkschaften sein. Eine solche wurde j\u00fcngst der Sozialdemokratie, dem einst privilegierten Partner der Gewerkschaften, ausgerechnet von J\u00fcrgen Kaube (2015), dem Mitherausgeber der FAZ, attestiert.<\/p>\n<p>\u00bbDie Sozialdemokratie [\u2026] schleppt ihre Grunds\u00e4tze als schlechtes Gewissen mit. [\u2026] Eine aggressive Idee ist ihr, ach, abhandengekommen. [\u2026] Der Oppositionsgeist der Sozialdemokratie hat sich komplett ins Normative verschoben. Man h\u00e4lt Werte hoch (Gerechtigkeit, Solidarit\u00e4t, Aufstieg f\u00fcr alle), anstatt an empirisch tragf\u00e4hige Analysen anzuschlie\u00dfen. Dem sogenannten Neoliberalismus etwa, den man angeblich bek\u00e4mpft, antwortet keine \u00f6konomische Gegenthese, sondern nur Emp\u00f6rung, begleitet von Mitmachen.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Marx-Consulting: G\u00fcnstig aber ertragreich<\/strong><\/p>\n<p>Schlechtes Gewissen statt tragf\u00e4higer Analysen, Werte statt \u00f6konomischer Gegenthesen? Diesen Schuh werden sich die Gewerkschaften nicht anziehen wollen. Doch die Neigung, normativ begr\u00fcndeten Appellen den Vorzug vor polit\u00f6konomischen Kapitalismusanalysen zu geben, ist auch bei ihnen nicht zu \u00fcbersehen. Nicht, dass eine kapitalismuskritische Interessenpolitik auf normative Grundlagen verzichten sollte. Werte wie Selbstbestimmung, Gerechtigkeit und Solidarit\u00e4t sind als regulative Ideen unverzichtbar. Aber wenn eine noch so ambitionierte Wertepolitik nicht an die systemischen Zw\u00e4nge des Gegenwartskapitalismus r\u00fcckgekoppelt wird, bleibt sie schnell im Appellativen h\u00e4ngen; und wenn die kapitalistischen Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse nicht als das Hindernis f\u00fcr eine Realisierung der hochgehaltenen Werte angegangen werden, w\u00e4chst die Gefahr einer Praxis, in der willentliche Emp\u00f6rung und unwillentliches Mitmachen koexistieren.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaften werden das nicht wollen, so ist zu hoffen. Gefordert w\u00e4re dann eine wertebasierte Politik, die regulative Interventionen in die kapitalistischen Eigentums-, Macht- und Herrschaftsstrukturen nicht ersetzt, sondern Orientierung gibt. Doch wie dazu kommen? Heute neigen die Gewerkschaften mitunter dazu, hippe Image- und Kampagnenagenturen zurate zu ziehen. F\u00fcr eine Politik, die gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse zulasten der abh\u00e4ngigen Arbeit beklagt, um sie sodann zu transformieren, lohnt vielleicht eher der Blick in die \u00bbBlauen B\u00e4nde\u00ab. Auch wenn Marx sicherlich ein Kind des 19. Jahrhunderts war, so haben seine Analysen erstaunlich Aktuelles zu den gewerkschaftlichen Strategiedebatten beizusteuern. Und im Gegensatz zu den kommerziellen Agenturen sind die Empfehlungen von \u00bbMarx-Consulting\u00ab durch ein Studium seiner Schriften und damit relativ preisg\u00fcnstig zu haben.<\/p>\n<p><strong>Marx, der \u00d6konom<\/strong><\/p>\n<p>Das gilt etwa f\u00fcr die Hinweise des \u00d6konomen Marx. Er war Theoretiker der Akkumulation des Kapitals, der Ausbeutung der Arbeitskraft, der Bedeutung des Klassenkampfes und der historischen Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise. Dabei sah er das \u00bbGeheimnis der Plusmacherei\u00ab (Marx 1867, 189) in der Besonderheit der Ware Arbeitskraft. Denn sie vermag ein h\u00f6heres Wertprodukt zu erzeugen, als ihre Reproduktion kostet. Und dieses Mehrprodukt eignet sich der Kapitalist, getrieben durch das Zwangsgesetz der Konkurrenz, an, um es immerfort als Kapital zu akkumulieren. Marx konstatierte: Die \u00bbGr\u00f6\u00dfe der Akkumulation ist die unabh\u00e4ngige Variable, die Lohngr\u00f6\u00dfe die abh\u00e4ngige, nicht umgekehrt\u00ab (ebd., 648). Damit machte er deutlich, dass der Wertanteil, den der gewerkschaftliche Lohnkampf f\u00fcr die Arbeitskraft sichern kann, nicht willk\u00fcrlich festzulegen, sondern an den Stand der Akkumulation gebunden ist. Er hat sich im Kontinuum zwischen den Reproduktionskosten der Arbeitskraft und den notwendigen Mindestprofiten des Kapitals zu bewegen. Jedenfalls solange die Zw\u00e4nge des Lohnsystems akzeptiert werden.<\/p>\n<p>Doch eine Bescheidung der gewerkschaftlichen Forderungen auf Verteilungsneutralit\u00e4t war damit nicht empfohlen. Nicht ohne normativen Elan erinnerte Marx daran, dass der Lohn sich aus dem zu begr\u00fcnden hat, was der Tr\u00e4ger der lebendigen Arbeitskraft zum Leben braucht; und er diagnostizierte, dass die Wertbestimmung der Arbeitskraft auch ein \u00bbhistorisches und moralisches Element\u00ab (ebd., 185) enth\u00e4lt, dass also der Arbeitslohn eine Lebensweise auf der jeweiligen \u00bbKulturstufe eines Landes\u00ab zu sichern hat. Die Reproduktionskosten der physischen Existenz und das historisch-moralische Element, das durch das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis der K\u00e4mpfenden selbst bestimmt wird, markieren somit jenen \u00f6konomischen Raum, der durch den Lohnkampf offensiv ausgesch\u00f6pft, ja ausgedehnt werden kann \u2013 und sollte.<\/p>\n<p>Ein zeitgem\u00e4\u00dfer Hinweis, in doppelter Hinsicht. Marx verweist zun\u00e4chst darauf, dass der Ursprung der gesellschaftlichen Reichtumsverteilung in den Produktions- und damit in den kapitalistischen Besitzverh\u00e4ltnissen zu suchen ist und dass die obsz\u00f6ne Ungleichverteilung von Entgelten, Verm\u00f6gen und Lebenschancen im Finanzmarktkapitalismus letztlich Folge dieser Verh\u00e4ltnisse und ihrer Verf\u00fcgungs- und Aneignungsrechte ist. Wer sich der Norm der Verteilungsgerechtigkeit verpflichtet wei\u00df, so \u00bbMarx-Consulting\u00ab, sollte sich erst emp\u00f6ren, dann durch eine entsprechende Lohn- und Steuerpolitik umverteilen und schlie\u00dflich in die Besitz- und Aneignungsverh\u00e4ltnisse intervenieren, um das \u00dcbel an der Wurzel zu packen.<\/p>\n<p>Auch die Entgeltpolitik k\u00f6nnte sich inspirieren lassen. Gegenw\u00e4rtig sch\u00f6pft die Lohnentwicklung vielfach nicht einmal den verteilungsneutralen Spielraum aus Preis- und Produktivit\u00e4tsentwicklung aus. Von einer kontinuierlichen Umverteilung ganz zu schweigen. Das bremst Kaufkraft und Binnenkonjunktur, verspielt Wachstumspotenziale und erh\u00f6ht die Spannungen im Euroraum. W\u00e4re es da nicht sinnvoll, einen zentralen Marx\u2019schen Gedanken zu rehabilitieren: dass der Lohn im Kapitalismus seine Begr\u00fcndung nicht aus Wettbewerbsr\u00fccksichtnahmen bezieht, sondern aus dem Recht der Arbeitenden, ein Leben auf der Kulturstufe des Landes und des \u00f6konomisch M\u00f6glichen zu f\u00fchren? Zu fordern w\u00e4re demnach nicht, was verteilungsneutral ist, sondern was die Menschen f\u00fcr ein gutes Leben brauchen und wollen. Auch diese subjektivierten Forderungen w\u00fcrden letztlich durch die objektiven Spielr\u00e4ume der Akkumulation limitiert. Aber eine st\u00e4rker bed\u00fcrfnisorientierte Begr\u00fcndung der Entgeltpolitik k\u00f6nnte die normative Basis einer offensiveren Intervention in die Verteilungsverh\u00e4ltnisse des Gegenwartskapitalismus liefern.<\/p>\n<p><strong>Marx, der \u00d6kologe<\/strong><\/p>\n<p>Heute sollte eine gewerkschaftliche Interessenpolitik, die sich auf der H\u00f6he der kritischen Gegenwartsdiskurse befindet, auch die Defizite rein materieller Verteilungsk\u00e4mpfe um das Wertprodukt mitdenken. Zweifelsohne bleibt ein \u00bbgutes\u00ab, ein \u00bbgelingendes Leben\u00ab im Kapitalismus auf eine zureichende und zuverl\u00e4ssige Revenue angewiesen. Doch heute gewinnen Aspekte der Lebensqualit\u00e4t, etwa pers\u00f6nlichkeitsproduktive und \u00bbresonante\u00ab (H. Rosa) Sozialbeziehungen, an Bedeutung. Zugleich k\u00f6nnen die Naturgrenzen des kapitalistischen Wachstumsmodells nur noch um den Preis eines anachronistischen Strukturkonservatismus ignoriert werden.<\/p>\n<p>Auch hier hat \u00bbMarx-Consulting\u00ab einiges zu bieten. Nach Marx gehen Individuen und Gesellschaften in ihrer Reproduktion immer zwei Verh\u00e4ltnisse zugleich ein: ein gesellschaftliches Produktions- und ein ebensolches Naturverh\u00e4ltnis. \u00d6konomie- und Naturkreisl\u00e4ufe sind notwendig ineinander verwoben (Altvater 2012, 53ff). So wie die lebendige Arbeit dem Druck der reellen Subsumtion unter das Kapital ausgesetzt ist, so ist es auch die Natur. Getrieben durch die pathologische Akkumulationsdynamik w\u00e4chst der Kapitalismus, so die ber\u00fchmte Formulierung, \u00bbindem er zugleich die Springquellen allen Reichtums untergr\u00e4bt: die Erde und den Arbeiter\u00ab (Marx 1867, 530).<\/p>\n<p>In der aktuellen Kapitalismustheorie ist diese Dynamik im Anschluss an Rosa Luxemburg und David Harvey als \u00bbkapitalistische Landnahme\u00ab interpretiert worden, die den Gegenwartskapitalismus in eine \u00bb\u00f6konomisch-\u00f6kologische Doppelkrise\u00ab (K. D\u00f6rre) getrieben habe. Wer diese Landnahme als Quelle sozialer Deprivation und \u00f6kologischer Destruktion erkennt, sollte vor einem R\u00fcckfall in ein vorkritisches Wachstumsverst\u00e4ndnis gesch\u00fctzt sein. Das hat (nicht nur) f\u00fcr die Gewerkschaften weitreichende Folgen. Traditionell sind Gewerkschaften Wachstumsfans. Aus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden. Die Steigerung der \u00f6konomischen Wertsch\u00f6pfung ging lange mit einem Abbau von Arbeitslosigkeit einher und st\u00e4rkte die eigene Verhandlungsmacht. Zugleich konnte das Mehrprodukt relativ erfolgreich durch Lohn- und Arbeitszeitpolitik zugunsten der lebendigen Arbeit umverteilt werden. Heute scheinen jedoch die Besch\u00e4ftigungsschwelle des Wachstums und die Prekarit\u00e4t neuer Arbeitspl\u00e4tze zu steigen und der Anteil der Lohnabh\u00e4ngigen am Sozialprodukt, etwa gemessen durch die Lohnquote, zu fallen. Doch vor allem entwerten die \u00f6kologischen Folgesch\u00e4den des kapitalistischen Wachstums die gesellschaftlichen Wohlfahrtsgewinne.<\/p>\n<p>Diese Konstellation erfordert auch seitens der Gewerkschaften eine radikale Wachstumskritik (vgl. Artus\/Weyand in diesem Heft). Diese muss keineswegs in neoromantischen Phantasien station\u00e4rer \u00d6konomien landen. Aber die Akteure materieller Umverteilung m\u00fcssen sich ebenso vor der tr\u00fcgerischen Hoffnung auf die R\u00fcckkehr zum Wachstumskapitalismus der fordistischen \u00c4ra h\u00fcten. Wie ein Modell eines demokratisch regulierten sowie sozial und \u00f6kologisch nachhaltigen, eines selektiven und qualitativen Wachstums aussehen k\u00f6nnte und welche Konsequenzen f\u00fcr eine zeitgem\u00e4\u00dfe Wirtschafts-, Besch\u00e4ftigungs- und Verteilungspolitik der Gewerkschaften zu ziehen w\u00e4ren, ist l\u00e4ngst noch nicht erkundet. Dabei d\u00fcrfte an einer Vergesellschaftung zentraler Investitions- und Entwicklungsentscheidungen und wirtschaftsdemokratischen Interventionen in die Eigentumsverh\u00e4ltnisse kein Weg vorbeif\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Marx, der Arbeitssch\u00fctzer<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbMarx-Consulting\u00ab h\u00e4lt auch Anregungen f\u00fcr die Rolle der Arbeitskraft in einem zukunftsf\u00e4higen Entwicklungsmodell bereit. Die Marx\u2019sche Analyse thematisiert die destruktiven Folgen der kapitalistischen Akkumulationsdynamik auch anhand der physischen und psychischen Reproduktionsbedingungen der Arbeitskraft. Das kapitalistische Streben nach \u00bbrationeller und sparsamer Anwendung seiner Arbeitsbedingungen\u00ab (Marx 1894, 96) f\u00fchre zur \u00bbUnterdr\u00fcckung aller Vorsichtsma\u00dfregeln zur Sicherheit, Bequemlichkeit und Gesundheit\u00ab (ebd., 99). \u00bbDas Kapital\u00ab, so Marx weiter, \u00bbist daher r\u00fccksichtslos gegen Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters, wo es nicht durch die Gesellschaft zur R\u00fccksicht gezwungen wird\u00ab (ders., 1867, 285).<\/p>\n<p>Angesichts dieser Tendenz zur \u00bbVerschwendung von Leben und Gesundheit der Arbeiter\u00ab (ders., 1894, 99) verwundert es kaum, dass der Arbeits- und Gesundheitsschutz neben den Lohnk\u00e4mpfen am Beginn gewerkschaftlicher Interessenvertretung stand. Aktuell wird versucht, das Feld einer gewerkschaftlichen \u00bbArbeits\u00f6kologie-Politik\u00ab neu zu erschlie\u00dfen (Urban 2018). Die Verausgabung und Wiederherstellung des menschlichen Arbeitsverm\u00f6gens wird dabei als ganzheitlicher Reproduktionsprozess gefasst und macht den Blick auf eine \u00d6kologie der Arbeitskraft frei, die \u00f6konomische, soziale und \u00f6kologische Dimensionen einschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Was bedeutet das f\u00fcr eine gewerkschaftliche Interessenpolitik, der ein nachhaltiger Umgang mit der Arbeitskraft, der Gesellschaft und der Natur gleichwertige Ziele sind? Zweifelsohne geh\u00f6ren die historisch erfolgreichen Anstrengungen dazu, durch ein umfassendes Regime sozialer Sicherheit und betriebliche Partizipationskan\u00e4le den Warencharakter der Arbeitskraft zu reduzieren und die Einwirkungsm\u00f6glichkeiten der organisierten Arbeit auf den Arbeitsprozess auszubauen. Ebenso spricht alles daf\u00fcr, im Zeitalter der Vermarktlichung der betrieblichen Sozialbeziehungen und der indirekten Personalsteuerung den pr\u00e4ventiven Schutz der physischen wie der psychischen Gesundheit als Einheit zu fassen und die Besch\u00e4ftigten durch die Er\u00f6ffnung von Autonomiespielr\u00e4umen in der Arbeit und von Souver\u00e4nit\u00e4tsrechten in der Zeitpolitik zu st\u00e4rken. Auch der Schutz vor den Giftstoffen einer zunehmend chemisierten Produktion darf nicht fehlen.<\/p>\n<p>Doch den aktuellsten Rat k\u00f6nnte \u00bbMarx-Consulting\u00ab mit Blick auf die Digitalisierung von Arbeit und Gesellschaft bereithalten. Aus kapitalismustheoretisch informierter Perspektive kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Digitalisierung vor allem Ausdruck eines erneuten \u00d6konomisierungs- und Rationalisierungsschubs ist. Sollen gegen\u00fcber dieser Dynamik die auch vorhandenen Humanisierungspotenziale der aktuellen Entwicklung eine Chance haben, d\u00fcrften sich organisierte Widerstands- und Einwirkungsmacht und nicht kooperative Gestaltungs- und Technikeuphorie als Schl\u00fcsselressource erweisen (Urban 2016).<\/p>\n<p><strong>Emp\u00f6rung, begleitet von Transformation<\/strong><\/p>\n<p>Die hier vorgeschlagene Lesart der Marx\u2019schen Empfehlungen an die Gewerkschaften ist kein Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen Verzicht auf eine wertebasierte Interessenpolitik. Aber auch die normativ gehaltvolle Idee, auf sich allein gestellt, \u00bbblamierte sich immer, soweit sie von dem \u203aInteresse\u2039 unterschieden war\u00ab (Marx\/Engels 1844, 85). Und die Interessen von Kapital und Arbeit materialisieren sich in der kapitalistischen Eigentums- und Aneignungsordnung. Diese Struktur stellt eine Dynamik auf Dauer, die den Reproduktionsinteressen der Arbeit (sowie der Gesellschaft und Natur) entgegensteht und erzielte Erfolge stets zum Gegenstand neuer K\u00e4mpfe werden l\u00e4sst. Sollen die Ideen von sozialer Gerechtigkeit, gesellschaftlicher Solidarit\u00e4t und Humanit\u00e4t nicht an dieser Struktur zerschellen, muss sie selbst fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zum Objekt normativ orientierter Transformationen werden. Und in diesem Transformationsprozess sind nicht zuletzt die Gewerkschaften gefordert.<\/p>\n<p>Doch der Hinweis auf die Anregungspotenziale der Kritik der politischen \u00d6konomie des Kapitalismus schlie\u00dft keineswegs die Behauptung ein, \u00bbMarx-Consulting\u00ab sei stets bequem oder umsetzungsreif. Die Gewerkschaften, so bilanziert Marx, \u00bbtun gute Dienste als Sammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalttaten des Kapitals\u00ab, doch sie \u00bbverfehlen ihren Zweck g\u00e4nzlich, sobald sie sich darauf beschr\u00e4nken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden Systems zu f\u00fchren, statt gleichzeitig zu versuchen, es zu \u00e4ndern\u00ab (Marx 1865, 152). Diese Aufforderung zur \u00bbendg\u00fcltigen Abschaffung des Lohnsystems\u00ab (ebd.) scheppert heute gewaltig in den Ohren. Aber mal anders gefragt: Ist es wirklich auf Dauer der bessere Rat, sich auf den allt\u00e4glichen Kleinkrieg innerhalb des Systems zu beschr\u00e4nken, ohne die Ambition wachzuhalten, ihn zu beenden?<\/p>\n<p><strong>LITERATUR<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Altvater, Elmar, 2012: Marx neu entdecken, Hamburg<\/li>\n<li>Eiden-Offe, Patrick, 2017: Der alte Karl Marx, in: Merkur, 71,<br \/>\nJuni, 66\u201375<\/li>\n<li>Kaube, J\u00fcrgen, 2015: Liberalismus als Nostalgie?, in:<br \/>\nFranfurter Allgemeine Zeitung, 19.7.2015<\/li>\n<li>Marx, Karl, 1865: Lohn, Preis und Profit, in: MEW 16, 103\u2013152<\/li>\n<li>Marx, Karl, 1867: Das Kapital. Kritik der politischen \u00d6konomie, Bd. 1, MEW 23<\/li>\n<li>, 1894: Das Kapital, Bd. 3, MEW 25<\/li>\n<li>Marx, Karl\/Engels, Friedrich, 1844: Die heilige Familie, in: dies. (1981ff): Werke, 42 Bde., Berlin (DDR), MEW 2, 7\u2013221<\/li>\n<li>Sinn, Hans-Werner, 2017: Was uns Marx heute noch zu sagen hat, in: Greffrath, Matthias (Hg.), RE: Das Kapital. Politische \u00d6konomie im 21. Jahrhundert, M\u00fcnchen, 73\u201389<\/li>\n<li>Urban, Hans-J\u00fcrgen, 2016: Arbeiten in der Wirtschaft 4.0. \u00dcber kapitalistische Rationalisierung und digitale Humanisierung, in: Schr\u00f6der, Lothar\/Urban, Hans-J\u00fcrgen (Hg.), Gute Arbeit. Digitale Arbeitswelt. Trends und Anforderungen, Frankfurt a. M.<\/li>\n<li>Urban, Hans-J\u00fcrgen, 2018: \u00d6kologie der Arbeit. Ein offenes Feld gewerkschaftlicher Politik, in: Schr\u00f6der, Lothar\/Urban, Hans-J\u00fcrgen (Hg.), Gute Arbeit. \u00d6kologie der Arbeit, K\u00f6ln (i. E.)<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.zeitschrift-luxemburg.de\/marx-consulting-und-die-gewerkschaften\/\">zeitschrift-luxemburg.de&#8230;<\/a> vom 12. Oktober 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans-J\u00fcrgen Urban. Alle reden gegenw\u00e4rtig \u00fcber Marx. 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