{"id":4149,"date":"2018-10-15T08:32:29","date_gmt":"2018-10-15T06:32:29","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4149"},"modified":"2018-10-15T08:32:29","modified_gmt":"2018-10-15T06:32:29","slug":"us-forscher-fuehren-postmoderne-scharlatane-vor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4149","title":{"rendered":"US-Forscher f\u00fchren postmoderne Scharlatane vor"},"content":{"rendered":"<p><em>Eric London.<\/em> Helen Pluckrose, James A. Lindsay und Peter Boghossian ver\u00f6ffentlichten am 2. Oktober einen Artikel mit dem Titel &#8222;Academic Grievance Studies and the Corruption of Scholarship&#8220; <!--more-->[etwa: \u201e,Grievance Studies\u2018 an den Hochschulen und die Verdorbenheit der Wissenschaft\u201c]. Der Artikel enthielt die Ergebnisse ihrer Bem\u00fchungen, ein Jahr lang Fake-Artikel, die bewusst aus Unsinn und irrationalen und reaktion\u00e4ren Schlussfolgerungen bestanden, in akademischen Zeitschriften zu ver\u00f6ffentlichten, die dem Bereich der Gender Studies und Diskursen \u00fcber Ethnien und Identit\u00e4t nahestehen.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse zeigen den intellektuellen Bankrott der Identit\u00e4tspolitik und der postmodernen Philosophie. Deren Anh\u00e4nger, die die geisteswissenschaftlichen Fakult\u00e4ten der Universit\u00e4ten weltweit dominieren, sind Scharlatane, die die absurdesten und vulg\u00e4rsten pseudowissenschaftlichen Argumente ver\u00f6ffentlicht oder wohlwollend kommentiert haben.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6ren: eine angeblich 1.000-st\u00fcndige Studie \u00fcber die Paarungsrituale von Hunden in Hundeparks, die mit dem Aufruf endet, M\u00e4nner wie Hunde zu \u201etrainieren\u201c, um eine Kultur der Vergewaltigungen zu verhindern; ein langes Gedicht, das von einem Poesiegenerator erzeugt wurde und von Frauen handelt, die zu spirituellen und sexuellen \u201eMondscheintreffen\u201c in einem geheimen \u201eRaum des Unterleibs\u201c zusammenkommen und einen \u201eVulva-Schrein\u201c anbeten; ein Vorschlag zur Entwicklung feministischer Roboter, die darauf trainiert sind, irrational zu denken, die Menschheit zu kontrollieren und wei\u00dfe M\u00e4nner zu unterwerfen; und zus\u00e4tzliche Artikel \u00fcber m\u00e4nnlicher Selbstbefriedigung. Ein weiterer Artikelentwurf, der letztlich abgelehnt, aber von den Gutachtern ausdr\u00fccklich gelobt wurde, ermunterte Dozenten dazu, wei\u00dfe Studenten in Ketten zu legen, um sie f\u00fcr ihre \u201ePrivilegien als Wei\u00dfe&#8220; b\u00fc\u00dfen zu lassen.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass derartigem Geschwafel die Anerkennung von Wissenschaftlern und Fachzeitschriften zuteilwurde, hat eine gewisse Komik. Der Artikel \u201eHundepark\u201c wurde sogar als einer der einflussreichsten Beitr\u00e4ge in der Geschichte der Zeitschrift\u00a0<em>Gender, Place and Culture<\/em>\u00a0ausgew\u00e4hlt!<\/p>\n<p>Aber die Implikationen der Studie sind todernst. Pluckrose, Lindsay und Boghossian haben damit den rechten politischen Kern der Identit\u00e4tspolitik und des postmodernen Denkens, die auf Anti-Marxismus, Irrationalismus und Feindschaft gegen\u00fcber der Aufkl\u00e4rung und objektiver Wahrheit basieren, auf den Punkt gebracht.<\/p>\n<p>Besonders erschreckende Resultate zeigte eine Episode, bei der die Autoren die ver\u00e4nderte Version eines Kapitels aus Hitlers \u201eMein Kampf\u201c einreichten. Sie ver\u00e4nderten die Ausdrucksweise, um den Anschein zu erwecken, dass sie an Studien zu weiblicher Identit\u00e4t und Feminismus ankn\u00fcpfen. Der Aufsatz mit dem Titel \u201eOur struggle is my struggle: solidarity feminism as an intersectional reply to neoliberal and choice feminism\u201c wurde zur Ver\u00f6ffentlichung angenommen und positiv bewertet.<\/p>\n<p>\u201eIch habe gro\u00dfe Sympathien f\u00fcr die Argumentationsweise dieses Artikels und seine politische Ausrichtung\u201c, schrieb ein akademischer Gutachter. Ein anderer schrieb: \u201eIch habe gro\u00dfe Sympathien f\u00fcr die Kernargumente des Artikels.\u201c<\/p>\n<p>Nachdem sie den Schwindel offenlegten, wurden Pluckrose, Lindsay und Boghossian von den Anh\u00e4ngern der Postmoderne und der Identit\u00e4tspolitik angegriffen. Diese behaupteten, das Vorgehen sei ein Angriff der Rechten auf die Wissenschaftsdisziplinen, die f\u00fcr \u201esoziale Gerechtigkeit\u201c st\u00fcnden.<\/p>\n<p>Ein typisches Beispiel sind die Argumente von Daniel Engber, der im Magazin\u00a0<em>Slate\u00a0<\/em>schrieb: \u201eWie zeitgem\u00e4\u00df dieses geheime Projekt doch ver\u00f6ffentlicht wurde \u2013 inmitten der Kavanaugh-Aff\u00e4re, einer Zeit, in der Wut und Schrecken m\u00e4nnlicher Angst so grell in den Nachrichten aufblitzen. ,Es ist eine sehr be\u00e4ngstigende Zeit f\u00fcr junge M\u00e4nner\u2018, erkl\u00e4rte Trump gegen\u00fcber Reportern an genau jenem Tag, an dem Pluckrose, Lindsay und Boghossian mit ihrem Schwindel an die \u00d6ffentlichkeit gingen. Im einen wie im anderen Fall kommt die Angst vor falschen Angriffen auf M\u00e4nner zum Ausdruck, sei es durch bedauernde Schlampen, Linksliberale, radikale Wissenschaftler oder wen auch immer.\u201c<\/p>\n<p>In Wirklichkeit hat der Schwindel die Tatsache aufgedeckt, dass es die Anh\u00e4nger der Identit\u00e4tspolitik sind, die Ansichten vertreten, die mit jenen der extremen Rechten auf einer Linie liegen. Ihre Emp\u00f6rung richtet sich gegen Menschen, die ihre Besorgnis dar\u00fcber zum Ausdruck bringen, dass f\u00fcr diejenigen, die ins Fadenkreuz der #MeToo-Kampagne geraten, ordentliche Gerichtsverfahren und die Unschuldsvermutung abgeschafft werden. Die Tatsache, dass in feministischen Akademikerkreisen die Schriften von Adolf Hitler ver\u00f6ffentlicht und gelobt werden, l\u00e4sst sie hingegen vollkommen unbeeindruckt.<\/p>\n<p>Pluckrose, Lindsay und Boghossian beschreiben sich selbst als Liberale, die dar\u00fcber besorgt sind, dass die gegenw\u00e4rtige Identit\u00e4tshysterie \u201eden Kulturkrieg zu einer immer sch\u00e4dlicheren und tiefgreifender Polarisierung treibt\u201c, indem sie Wasser auf die M\u00fchlen der extremen Rechten gie\u00dft. Im Ergebnis beeinflussten Vertreter der Identit\u00e4tspolitik \u201eden Aktivismus im Namen von Frauen sowie ethnischen und sexuellen Minderheiten in einer Weise, die f\u00fcr das Ideal der Gleichheit kontraproduktiv ist, weil sie dem reaktion\u00e4ren Widerstand der Rechten gegen dieses Ideal einen N\u00e4hrboden gibt\u201c.<\/p>\n<p>Das Ziel der Autoren bestehe stattdessen darin, \u201eden Menschen \u2013 insbesondere denen, die an Liberalismus, Fortschritt, Moderne, offene Forschung und soziale Gerechtigkeit glauben \u2013 klare Gr\u00fcnde daf\u00fcr zu geben, sich den identit\u00e4ren Wahnsinn der akademischen und aktivistischen Linken genau anzusehen und zu sagen: ,Nein, ich werde dem nicht zustimmen. Du sprichst nicht f\u00fcr mich.\u2018\u201c<\/p>\n<p>Die Autoren des Schwindels haben Recht, wenn sie darauf hinweisen, dass zwischen der Feindschaft von Vertretern der Identit\u00e4tspolitik gegen\u00fcber Gleichheit und deren Opposition gegen Rationalismus, wissenschaftliche Analysen und die fortschrittlichen Errungenschaften der Aufkl\u00e4rung eine Verbindung besteht. Aber die Wurzeln dieser rechtsgerichteten, irrationalen und der Gleichheit entgegengesetzten Degeneration liegen in der wirtschaftlichen Struktur der kapitalistischen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Die akademischen Architekten der Postmoderne und der Identit\u00e4tspolitik nehmen gut bezahlte Positionen in der Wissenschaft ein. Ihre Geh\u00e4ltern liegen oft im Bereich von 100.000 bis 300.000 Dollar oder sogar mehr. Diese Theoretiker vertreten eine soziale Schicht innerhalb der reichsten 10 Prozent der amerikanischen Gesellschaft. Sie sind Vertreter einer politischen Tendenz, die die\u00a0<em>World Socialist Web Site<\/em>\u00a0als \u201ePseudolinke\u201c bezeichnet. Ihre politischen und philosophischen Ansichten sind Ausdruck ihrer sozialen Interessen.<\/p>\n<p>Die Besessenheit von den Konzepten des \u201ePrivilegs\u201c und der Identit\u00e4t von Angeh\u00f6rigen eines Geschlechts oder einer bestimmten ethnischen Gruppe und Geschlechtsidentit\u00e4t ist ein Mechanismus, durch den Mitglieder und Gruppen innerhalb dieser Schicht untereinander um Einkommen, sozialen Status und Privilegien k\u00e4mpfen. Sie reklamieren f\u00fcr sich einen bestimmten Grad der \u201eUnterdr\u00fcckung\u201c, um sich im Kampf um Jobs im Wissenschaftsbetrieb, Posten in Vorst\u00e4nden von Unternehmen oder gemeinn\u00fctzigen Einrichtungen oder bei Wahlen f\u00fcr ein \u00f6ffentliches Amt gegenseitig zu \u00fcberbieten. Einer der Hauptzwecke der #MeToo-Kampagne besteht beispielsweise darin, m\u00e4nnliche F\u00fchrungskr\u00e4fte und Politiker durch Frauen zu ersetzen, w\u00e4hrend sie die sozialen Bed\u00fcrfnisse der \u00fcberwiegenden Mehrheit der Frauen in der Arbeiterklasse v\u00f6llig ignoriert.<\/p>\n<p>Die Identit\u00e4tspolitik wird als Waffe im Kampf um sozialen Aufstieg auch nach unten gerichtet. Mit der L\u00fcge, dass beispielsweise wei\u00dfe Arbeiter von \u201ewei\u00dfen Privilegien\u201c profitierten, argumentieren die Bef\u00fcrworter der Identit\u00e4tspolitik: Die Beute an der Wall Street sollte nicht dazu eingesetzt werden, die sozialen Bed\u00fcrfnisse der Arbeiterklasse zu befriedigen, darunter wei\u00dfe Arbeiter, die mit Rekordraten von Alkoholismus, Armut, Drogenabh\u00e4ngigkeit, Polizeigewalt und anderen Indikatoren des sozialen Elends konfrontiert sind. Stattdessen sollten die Ressourcen der Welt an\u00a0<em>mich\u00a0<\/em>gehen. Dieser instinktive Klassenhass ist die Grundlage f\u00fcr solch absurde und reaktion\u00e4re Argumentationen, wie sie in den Schwindelaufs\u00e4tzen vorgebracht werden.<\/p>\n<p>Auch die Identit\u00e4tspolitik, die sich auf ethnische Minderheiten fokussiert, hat die materiellen Bedingungen f\u00fcr die \u00fcberwiegende Mehrheit der Arbeiter, die Minderheiten angeh\u00f6ren, nicht verbessert. Die Ungleichheit innerhalb von ethnischen Minderheiten hat mit der Einf\u00fchrung von Programme wie \u201eaffirmative action\u201c und der wachsenden Dominanz der Identit\u00e4tspolitik an Universit\u00e4ten und in der b\u00fcrgerlichen Politik zugenommen. Im Jahr 2016 besa\u00df das oberste eine Prozent der Latinos 45 Prozent des gesamten Verm\u00f6gens innerhalb dieser Gruppe, w\u00e4hrend das oberste Prozent der Afroamerikaner \u00fcber 40,5 Prozent und die reichsten Wei\u00dfen \u00fcber 36,5 Prozent des Verm\u00f6gens innerhalb der jeweiligen Gruppen verf\u00fcgten.<\/p>\n<p>Der Einfluss der Postmoderne in der Wissenschaft breitete sich nach den Massenprotesten der 1960er und fr\u00fchen 1970er Jahre explosionsartig aus. Sie basiert ausdr\u00fccklich auf der Ablehnung der revolution\u00e4ren Rolle der Arbeiterklasse und auf der Opposition gegen das sogenannte \u201eMeta-Narrativ\u201c der sozialistischen Revolution. Es ist daher kein Zufall, dass Identit\u00e4tspolitik und Postmoderne inzwischen als offizielle, ideologische Mechanismen der b\u00fcrgerlichen Herrschaft \u00fcbernommen wurden.<\/p>\n<p>In den letzten Jahrzehnten wurde eine massive identit\u00e4tspolitische Industrie aufgebaut. Milliarden von Dollar flie\u00dfen von Unternehmensfonds und Stiftungen an Zeitschriften, gemeinn\u00fctzige Organisationen, Publikationen, Stipendien und politische Gruppen, die eine Politik vorantreiben, die auf geschlechtlicher oder ethnischer Identit\u00e4t beruht. Die Identit\u00e4tspolitik hat sich zu einem zentralen Bestandteil der Wahlstrategie der Demokratischen Partei entwickelt. Imperialistische Kriege werden mit der Behauptung gerechtfertigt, die USA w\u00fcrden intervenieren, um Frauen, LGBT-Personen sowie weitere Minderheiten zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die wachsende Bewegung der Arbeiterklasse, die Streiks, die sich in allen Branchen ausbreiten, und das breite Interesse am Sozialismus an Hochschulen stellen f\u00fcr die Dominanz der Postmoderne eine existenzielle Bedrohung dar. Pluckrose, Lindsay und Boghossian haben diesem reaktion\u00e4ren Hindernis f\u00fcr die Entwicklung des wissenschaftlich-sozialistischen Bewusstseins einen Schlag versetzt, der \u00fcberf\u00e4llig war.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/10\/15\/pers-o15.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 15. Oktober 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eric London. Helen Pluckrose, James A. Lindsay und Peter Boghossian ver\u00f6ffentlichten am 2. 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