{"id":4177,"date":"2018-10-19T08:11:40","date_gmt":"2018-10-19T06:11:40","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4177"},"modified":"2018-11-13T09:39:54","modified_gmt":"2018-11-13T07:39:54","slug":"generalstreik-1918-und-der-klassenkampf-von-oben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4177","title":{"rendered":"Generalstreik 1918 und der Klassenkampf von oben"},"content":{"rendered":"<p><em>Noah S. &amp; Michael Wepf.<\/em> Historiker Pierre Eichenberger forscht zu den sogenannten Arbeitgeberorganisationen. Er kennt ihre Rolle im Landesstreik von 1918 und seither. Der Klassenkampf von oben wurde von der linken Geschichtsforschung vernachl\u00e4ssigt.<!--more--> Warum das ein Vers\u00e4umnis ist.<\/p>\n<p><strong>Der Funke: Wie muss man sich das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis beim Landesstreik vorstellen? Wer k\u00e4mpft da gegen wen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Pierre Eichenberger:<\/em>\u00a0Vorab muss gesagt sein, dass es in einem Streik immer zwei Seiten gibt: die Streikenden und die Bestreikten. Die Palette an Organisationen der ArbeitgeberInnen, die den Klassenkampf von oben f\u00fchrten, war damals sehr breit. Sie reichte von z\u00fcnftigen und relativ informellen Assoziationen bis zu den offiziellen Arbeitgeberverb\u00e4nden; vom Petanque-Club bis zum Kampfverband.<\/p>\n<p>Man muss zwei Typen unterscheiden: 1. die Wirtschaftsverb\u00e4nde, die im 19. Jahrhundert gegr\u00fcndet wurden. Sie k\u00fcmmern sich um die Wirtschaftspolitik wie z.B. Zollbestimmungen. 2. gab es die wirklichen Kampforganisationen gegen die ArbeiterInnenbewegung. Sie sind erst nach 1900 entstanden. Vor allem w\u00e4hrend der grossen Streikwellen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden diese Organisationen in allen kapitalistischen L\u00e4ndern etwa zeitgleich gegr\u00fcndet. Doch warum?<\/p>\n<p>Die Schweiz war sehr stark industrialisiert und exportabh\u00e4ngig. F\u00fcr die grossen, international t\u00e4tigen Unternehmen konnten Streiks zu schweren (Vertrags-)Strafen f\u00fchren. Wenn sie Turbinen nach Argentinien liefern sollten und dann in Verzug kamen, konnte das teuer werden.<\/p>\n<p>Lohnbewegungen waren w\u00e4hrend dieser Zeit oft erfolgreich, denn Lohnerh\u00f6hungen verk\u00f6rperten oft das geringere \u00dcbel gegen\u00fcber den Vertragsstrafen. Das erh\u00f6hte jedoch den Druck auf andere Firmen, welche weniger zahlten. Die ArbeiterInnen forderten auch von ihnen die Anpassung des Lohns.<\/p>\n<p>Die Patrons organisierten sich also: Sie gr\u00fcndeten eine Streikkasse des Kapitals, welche die Verzugsstrafen \u00fcbernahm und daf\u00fcr Lohnerh\u00f6hungen umging. Weiter organisierten die Arbeitgeberorganisationen Streikbrecher-Trupps \u2014 teils aus dem Ausland \u2014 und f\u00fchrten schwarze Listen von Streikenden. Das ist das Konzept der fr\u00fchen Arbeitgeberorganisationen, mit dem auch finanziell schw\u00e4chere Firmen dem Druck der Lohnabh\u00e4ngigen standhalten konnten.<\/p>\n<p><strong>Wie hat sich das bis heute entwickelt?<\/strong><\/p>\n<p>Die Schweizer Arbeitgeberschaft hat immer noch zwei grosse Organisationen: Economiesuisse \u2014 den Wirtschaftsverband \u2014 und den Schweizerischen Arbeitgeberverband. Unter ihnen gibt es eine besondere Arbeitsteilung zwischen wirtschaftlichen und sozialen Fragen. Das bringt den Vorteil mit sich, dass wichtige Fragen wie Steuerpolitik, Aussenhandel, bilaterale Vertr\u00e4ge und B\u00f6rsen nicht mit den Gewerkschaften diskutiert werden. Jene \u00a0sind den Wirtschaftsverb\u00e4nden und der Politik vorbehalten. L\u00f6hne und Sozialpolitik werden von einer anderen Organisation behandelt. Damit lenkt man die Politik in klare Bahnen und nutzt die eine Organisation \u2014 den Arbeitgeberverband \u2014 quasi als Puffer, die den Druck der Linken abkriegt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dem Zweiten Weltkrieg wurde noch eine dritte Organisation auf die Beine gestellt: die Wirtschaftsf\u00f6rderung. Finanziert wurde sie von der Vorg\u00e4ngerin der Economiessuisse (\u201eVorort\u201c), dem Arbeitgeberverband und der Bankiervereinigung, um politische Kampagnen bei Abstimmungen und Wahlen zu machen. In ihrem Vorstand sassen Journalisten, Uniprofessoren, b\u00fcrgerliche Politiker und nat\u00fcrlich Patrons. Hier war nat\u00fcrlich das meiste Geld angelegt. Man liess sich die Propaganda etwas kosten.<\/p>\n<p>2000 sollten die drei Verb\u00e4nde als Economiesuisse zusammengefasst werden. Doch es hat nicht geklappt: Eine Mehrheit im Arbeitgeberverband hat die Fusion abgelehnt, weil viele seiner kleineren Mitglieder Angst hatten, gegen\u00fcber den grossen an Einfluss zu verlieren. Nur der Vorort und die Wirtschaftsf\u00f6rderung fusionierten. Das Resultat ist, dass Economiessuisse heute schlechter funktioniert als zuvor. Die alte Arbeitsteilung hatte dem Wirtschaftsverband erm\u00f6glicht, im Dunkeln zu agieren und sich auf Zusammenarbeit mit den Beh\u00f6rden zu konzentrieren. Nun muss sich Economiesuisse um beides k\u00fcmmern: Propaganda und Lobbyismus.<\/p>\n<p><strong>Welche Unterschiede gibt es zwischen den Organisationen von Kapital und Arbeit?<\/strong><\/p>\n<p>Die Arbeitgeber haben den Vorteil, dass sie Betriebe organisieren. Die sind von Natur aus routiniert und professionell. Es gibt eine klare Hierarchie mit Chefs f\u00fcr die verschiedenen Abteilungen. Das funktioniert rational und erleichtert die Organisation der Arbeitgeber. \u00a0Andererseits sind die Unternehmen Konkurrenten. Sie sind immer sowohl Freunde als auch Feinde. Das erschwert die Zusammenarbeit. Die Aufgabe des Verbandes ist erstens die Einheit zu schaffen und zweitens den gemeinsamen Kampf zu organisieren. Das geht am besten, wenn es einen gemeinsamen Feind gibt. Der Feind kann die Gewerkschaft oder auch der Beamte sein, der eine Regulierung plant.<\/p>\n<p>Die Einheit der Patrons zerbricht leicht: Man schnappt sich einen Deal weg, man erh\u00e4lt unterschiedliche Konditionen f\u00fcr einen Bankkredit oder man verhindert sich gegenseitig bei der Wahl in einen Verwaltungsrat.<\/p>\n<p>In diesen Verb\u00e4nden sind alle jederzeit bereit, den anderen das Messer in den R\u00fccken zu rammen. Das ist Kapitalismus und so funktioniert er.<\/p>\n<p>Zu einem bestimmten Grad gibt es die gleichen Probleme in den Gewerkschaften, zum Beispiel zwischen SchweizerInnen und MigrantInnen oder Grenzg\u00e4ngerInnen. Doch diese Konkurrenz kann \u00fcberwunden werden. Das gr\u00f6sste Hindernis ist die Ideologie. Im Gegensatz dazu bleibt der Wettbewerb zwischen den Patrons bestehen.<\/p>\n<p><strong>Wie sind die Verb\u00e4nde f\u00fcr die Zukunft gewappnet?<\/strong><\/p>\n<p>1993 sagte der Pr\u00e4sident des Arbeitgeberverbandes, die Gesamtarbeitsvertr\u00e4ge (GAV) seien ein Auslaufmodell und man solle sie nicht mehr f\u00f6rdern. Das war das Bekenntnis, die Gesetzgebung und vor allem den Arbeitsmarkt zu liberalisieren. Die sch\u00fctzenden Regulierungen f\u00fcr die Lohnabh\u00e4ngigen sollten abgebaut werden. Die Gewerkschaften seien sch\u00e4dlich und sie sollten zerschlagen werden. Der Markt k\u00f6nne sich selbst regulieren. Das ist der Schweizer Neoliberalismus, der in den 1990er Jahren aufkam. Sie dachten, sie h\u00e4tten damit Erfolg und wollten diese Linie durchziehen. Dieser Plan ging schief.<\/p>\n<p>Mittels Initiativen wurden politische Forderungen wie Mindestlohn, 1:12\u00a0oder sechs Wochen Ferien erhoben. Dadurch gerieten die Patrons f\u00fcr eine Zeit in die Defensive. Das Schlimmste f\u00fcr sie sind Gesetze, denn diese gelten f\u00fcr alle \u2014 der GAV nur f\u00fcr die Unterstellten. Deshalb standen sie pl\u00f6tzlich wieder hinter den GAV.<\/p>\n<p>Den Konflikt zwischen Gesetz und GAV gibt es aber auch in den Gewerkschaften. Die ArbeiterInnenbewegung hebelte sich immer wieder selbst aus. Wenn der politische Druck f\u00fcr ein Gesetz aufgebaut wurde, dann kann der Abschluss eines GAV eine bremsende Wirkung haben. Das war zum Beispiel der Fall, als die Unia 2013 w\u00e4hrend der Kampagne f\u00fcr den Mindestlohn den GAV in der Maschinenindustrie schloss. Die Initiative wurde dann klar abgelehnt. Die ArbeiterInnenbewegung muss immer eine Strategie haben, die das Verh\u00e4ltnis zwischen Gesetz und GAV vereint, um erfolgreich zu sein.<\/p>\n<p><strong>Was k\u00f6nnen wir abschliessend festhalten?<\/strong><\/p>\n<p>Die Schweiz als Land der sozialpartnerschaftlichen Verhandlung und des Arbeitsfriedens ist ein Mythos. Er entsteht erst ab 1945. Doch die Sozialpartnerschaft mit GAV n\u00fctzt nur den qualifizierten und mehrheitlich m\u00e4nnlichen Arbeitern. Wenn wir die Geschichte anschauen, m\u00fcssen wir uns fragen: Wer hat am meisten profitiert von diesem Modell? Ich sage: vor allem die Patrons!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschichte\/der-klassenkampf-von-oben\/#more-9121\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 19. Oktober 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noah S. &amp; Michael Wepf. Historiker Pierre Eichenberger forscht zu den sogenannten Arbeitgeberorganisationen. Er kennt ihre Rolle im Landesstreik von 1918 und seither. Der Klassenkampf von oben wurde von der linken Geschichtsforschung vernachl\u00e4ssigt.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,3],"tags":[25,26,93],"class_list":["post-4177","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-schweiz","tag-arbeiterbewegung","tag-gewerkschaften","tag-landesstreik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4177","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4177"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4177\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4377,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4177\/revisions\/4377"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4177"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4177"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4177"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}