{"id":4179,"date":"2018-10-19T11:30:48","date_gmt":"2018-10-19T09:30:48","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4179"},"modified":"2018-10-19T11:30:48","modified_gmt":"2018-10-19T09:30:48","slug":"baustreik-in-der-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4179","title":{"rendered":"Baustreik in der Schweiz"},"content":{"rendered":"<p><em>Matteo Poretti.<\/em> Nachdem die Tessiner Bauarbeiter am Montag, den 15., Dienstag den 16. und Mittwoch 17. Oktober gestreikt hatten, \u00fcbernahmen die Genfer Bauarbeiter. Und sie taten dies wie ihre Tessiner Kollegen mit gro\u00dfer Entschlossenheit und<!--more--> starker Beteiligung. Wir werden in den n\u00e4chsten Tagen und auf der Grundlage der n\u00e4chsten Mobilisierungen sehen, was das Ergebnis dieser harten Konfrontation sein wird. Hier vorerst eine erste Reflexion ausgehend vom Streik im Tessin.<\/p>\n<p>Am Montag, den 15. Oktober, begann im Tessin die Mobilisierung in der Bauwirtschaft gegen die schweren Angriffe des Schweizer Baumeisterverbandes (SBV). In den n\u00e4chsten Tagen und Wochen werden sich die Bauarbeiter aus den anderen Kantonen abwechselnd in Bewegung setzen. In unserem Kanton hat der \u00c4rger bei diesem Teil der Arbeiterklasse zu einer grossen Beteiligung gef\u00fchrt: Mehr als 3.300 Bauarbeiter beteiligten sich an der Mobilisierung in Bellinzona, was etwa 40% der Besch\u00e4ftigten entspricht. Die \u00fcberwiegende Mehrheit der Baustellen lagen still. Damit haben die Lohnabh\u00e4ngigen sehr heftig reagiert, was keineswegs selbstverst\u00e4ndlich ist. Seit einem Jahrzehnt ist die Unsicherheit im Bausektor vor allem durch den vermehrten Einsatz von Tempor\u00e4rarbeit stark gestiegen. Ganz zu schweigen von der enormen industriellen Reservearmee aus der italienischen Bauindustrie, die seit l\u00e4ngerem in einer totalen Krise geliefert ist; damit k\u00f6nnen die Tessiner Unternehmer die lokalen Arbeitsbedingungen verschlechtern. Vor allem aber verf\u00fcgen sie damit \u00fcber eine Waffe im Arbeitsalltag, um den Widerstand der im Tessin t\u00e4tigen Bauarbeiter zu brechen.<\/p>\n<p>Wie gesagt, jetzt sind andere Kantone an der Reihe. Eine erfolgreiche Mobilisierung im Tessin garantiert jedoch keineswegs, dass dies auch in anderen Regionen des Landes der Fall ist. Jahrzehnte des sozialen Friedens am Arbeitsplatz, der \u00abSozialpartnerschaft\u00bb, beeintr\u00e4chtigen wie ein totes Gewicht die F\u00e4higkeit zur Mobilisierung, zur Selbstorganisierung der Arbeiterklasse und zur Entwicklung einer kollektiven Konfliktf\u00e4higkeit. Lediglich damit k\u00f6nnte das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis ver\u00e4ndert werden. Dies zeigt sich insbesondere in den grossen Kantonen der Deutschschweiz, d.h. in den Regionen, die f\u00fcr die nationale Bauwirtschaft politisch entscheidend sind. Allein die Kantone Z\u00fcrich, Bern, Luzern und Aargau machen fast 40% der Gesamtbelegschaft im Bauhauptgewerbe aus&#8230;..<\/p>\n<p><strong>Die Unternehmer wollen mit extremer H\u00e4rte zuschlagen&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Noch nie zuvor wurde, wie in dieser Erneuerung des Landesmantelvertrages (LMV), von einer derart scharfen Offensive der Bauunternehmer gegen die Rechte und Arbeitsbedingungen der Bauarbeiter begleitet. Es sei hier nur an die Hauptforderungen der Unternehmer erinnert: Erstens ein System flexibilisierter Arbeitszeit von 300 Stunden pro Jahr, was die M\u00f6glichkeit bedeuten w\u00fcrde, in den Wintermonaten 6-7 Stunden zu arbeiten und diese Stunden in den Sommermonaten wieder nachzuholen, mit Arbeitstagen von 12-13 Stunden. Zweitens schl\u00e4gt der SBV die M\u00f6glichkeit vor, Lohnabh\u00e4ngige der Klassen B und A bei einem Stellenwechsel in Handarbeiter (Klasse C) runterzustufen, selbst wenn sie seit 30 Jahren in der Klasse A sind! Dies w\u00fcrde einen Lohnverlust in der Gr\u00f6\u00dfenordnung von 800 Franken brutto pro Monat bedeuten. Drittens schlagen sie vor, das Arbeitsverbot bei schlechtem Wetter aufzuheben, was eine ohnehin schon extrem erm\u00fcdende Arbeit an sich noch unertr\u00e4glicher macht. Und dann der potenziell vernichtendste Angriff: die M\u00f6glichkeit, f\u00fcr einen Zeitraum von vier Monaten &#8222;Praktikanten&#8220; einzustellen, die nicht dem LMV unterliegen, insbesondere die damit verbundenen Mindestl\u00f6hne! Und die Annahme dieses Forderungspakets soll Voraussetzung sein f\u00fcr eine Einigung \u00fcber die Aufrechterhaltung der Vorruhestandsregelung mit 60 Jahren&#8230;<\/p>\n<p><strong>&#8230; in einer aussergew\u00f6hnlichen Boomphase!<\/strong><\/p>\n<p>Der aktuelle Angriff der Baumeister hat nur ein Ziel: Die au\u00dfergew\u00f6hnliche Ertragskraft des Baugewerbes seit 2004, als die Bauaktivit\u00e4t anstieg, zu erhalten. Zwischen 2004 und 2017 stieg der Umsatz der Branche um 45% von 44,956 Milliarden Franken auf 68 Milliarden Franken.<\/p>\n<p>Ein praktisch ununterbrochenes Wachstum, das sich auf alle Bausektoren (Infrastrukturbau, Wohnen und Industrie) erstreckt. F\u00fcr Unternehmen mit der h\u00f6chsten Rentabilit\u00e4t liegt die Gewinnrate auf Jahresbasis bei etwa 10 \u2013 15%. Und die gute Konjunktur in der Bauwirtschaft &#8211; ein so langer Zyklus ist seit Mitte der 70er Jahre nicht mehr zu verzeichnen &#8211; scheint sich fortzusetzen. Das Basler Wirtschaftsinstitut BAK erwartet f\u00fcr 2019 einen leichten R\u00fcckgang (-0,9%) der Produktion, f\u00fcr den Zeitraum 2020-2024 jedoch ein j\u00e4hrliches Wachstum von 0,3%.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang gibt es nur ein gro\u00dfes unmittelbares Problem: Der scharfe Wettbewerb zwischen den Bauunternehmen findet mittels eines zunehmenden Preisdruckes statt. Um ihre Gewinnmarge wiederzuerlangen, haben Unternehmer praktisch nur einen Weg nach vorn: die Erh\u00f6hung der Ausbeutungsrate der Arbeitskr\u00e4fte, wobei zu ber\u00fccksichtigen ist, dass die Produktivit\u00e4tssteigerungen im Bausektor eher begrenzt sind und sich nur langsam realisieren lassen. Dies erkl\u00e4rt den heftigen Angriff auf den LMV. Dar\u00fcber hinaus denken die Unternehmer bereits in die Zukunft, auf die Zeit nach 2024, d.h. wann sich die Konjunktur h\u00f6chstwahrscheinlich drehen wird und zu einem R\u00fcckgang der Produktion f\u00fchrt. Auch hier gilt es, die Gewinnmargen durch Lohnk\u00fcrzungen und Arbeitszeitoptimierung zu sichern.<\/p>\n<p><strong>Im Tessin wird auch f\u00fcr den kantonalen Kollektivvertrag im Bau gek\u00e4mpft!<\/strong><\/p>\n<p>Die grosse Mobilisierung im Tessin hat eine doppelte Bedeutung: die Sicherung des LMV, wie auch des kantonalen Kollektivvertrags (GAV-TI). Tats\u00e4chlich profitieren die Tessiner Bauarbeiter von einem kantonalen Tarifvertrag, der besser ist als der nationale. So verbietet der GAV-TI beispielsweise die Arbeit am Samstag, schr\u00e4nkt die Flexibilit\u00e4t ein (bleibt aber immer noch an das Wetter gebunden), setzt wichtige Grenzen f\u00fcr den Einsatz von Leiharbeit auf Baustellen, schr\u00e4nkt bestimmte Formen der \u00abschlechten Arbeitsbedingungen\u00bb ein (st\u00e4rkere Kontrolle von Teilzeitvertr\u00e4gen), etc. Auch der GAV-TI muss Ende 2018, nach der m\u00f6glichen Verl\u00e4ngerung des LMV, neu verhandelt werden. Der Tessiner Vertrag ist eine Kr\u00f6te, die die nationale Leitung des SBV nie vollst\u00e4ndig geschluckt hat.<\/p>\n<p>Und das aus einem ganz offensichtlichen Grund: Jeder Meister ist gegen Vertr\u00e4ge, die seine Entscheidungsmacht offensichtlich teilweise einschr\u00e4nken. \u00a0Aus diesem Grund dr\u00e4ngt der nationale SBV darauf, dass solche kantonalen Tarifvertr\u00e4ge abgeschafft werden. Und einige der Tessiner Baumeister unterst\u00fctzen diesen Ansatz.<\/p>\n<p>Die Mobilisierung der 3.300 Bauarbeiter im Tessin ist daher auch auf der \u00ablokalen Ebene\u00bb wichtig. Eine schwache Beteiligung an der Bewegung h\u00e4tte die Tessiner Baumeister darin best\u00e4rkt, den Angriff auf den kantonalen Tarifvertrag weiter hochzufahren. Nat\u00fcrlich wird ein Tag der Mobilisierung, auch wenn sie erfolgreich ist, nicht ausreichen, um den Willen der Bosse zu brechen, und sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Wenn die nationale Leitung des SBV seine Offensive bis zum Ende vorantreiben w\u00fcrde, indem er die Durchsetzung der meisten seiner Forderungen erreicht und nicht z\u00f6gert, zu diesem Zweck eine mehr oder weniger ausgedehnten vertragslosen Zustand \u00a0anzustreben, k\u00e4me es auch im Tessin zu einer Verst\u00e4rkung der Frontalangriffe auf den kantonalen Vertrag kommen. Und so m\u00fcssen die Tessiner Bauarbeiter und ihre Gewerkschaften bereit und vor allem in der Lage sein, das Konfliktniveau und die sozialen Konflikte entsprechend zu erh\u00f6hen. Es gibt keine Alternative.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.mps-ti.ch\/2018\/10\/sciopero-degli-edili\/#prettyPhoto\"><em>mps-ti.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 18. Oktober 2018; \u00dcbersetzung Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matteo Poretti. Nachdem die Tessiner Bauarbeiter am Montag, den 15., Dienstag den 16. und Mittwoch 17. 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