{"id":4183,"date":"2018-10-20T08:11:10","date_gmt":"2018-10-20T06:11:10","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4183"},"modified":"2018-10-20T08:11:10","modified_gmt":"2018-10-20T06:11:10","slug":"metoo-und-das-elend-der-postmoderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4183","title":{"rendered":"#MeToo und das Elend der Postmoderne"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor nunmehr einem Jahr verbreitete sich die sogenannte #MeToo Debatte, in der Frauen weltweit begannen, sexuelle \u00dcbergriffe und Missbr\u00e4uche, die ihnen widerfahren sind, bekannt zu machen. Von\u00a0<em>Yola Kipcak<\/em>.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Seitdem kommt die \u00f6ffentliche Diskussion \u00fcber systematische sexuelle Gewalt in unserer Gesellschaft nicht mehr zur Ruhe. So wurden in den vergangenen Monaten erneut in zahlreichen L\u00e4ndern viele tausend Missbrauchsf\u00e4lle durch Priester der katholischen Kirche, v.a. gegen Minderj\u00e4hrige, aufgedeckt. Gegen den erzreaktion\u00e4ren Republikaner Brett Kavanaugh, der im Juli von Trump als Richter f\u00fcr den obersten Gerichtshof der USA vorgeschlagen wurde, trudelten Missbrauchs- und Vergewaltigungsanschuldigungen aus seiner Jugendzeit ein.<\/p>\n<p>Unter den zahlreichen Skandalen finden sich auch einzelne F\u00e4lle, in denen prominente Feministinnen des sexuellen Missbrauchs beschuldigt werden. Was an diesen F\u00e4llen schockiert ist nicht die Tatsache, dass auch Frauen als solche in der Lage sind, (sexuelle) Gewalt an Menschen auszu\u00fcben und ihre Machtposition auszun\u00fctzen. Reaktion\u00e4re, die diese Vorf\u00e4lle aufblasen, um sexuellen Missbrauch kleinzureden und Frauen, die dagegen aufstehen, als unehrlich abzutun, sind nichts als gewaltverharmlosende Heuchler. Doch bemerkenswert sind die Reaktionen der Beschuldigten und ihrer feministischen VerteidigerInnen.<\/p>\n<p>Eine der F\u00fchrerinnen der #MeToo-Kampagne gegen den angeklagten Vergewaltiger und Filmproduzenten Harvey Weinstein, Asia Argento, ist selbst ebenfalls der sexuellen N\u00f6tigung gegen\u00fcber einem minderj\u00e4hrigen Schauspielkollegen bezichtigt.<\/p>\n<p>Ebenso wurde die weltbekannte Germanistik- und Vergleichende Literatur Professorin sowie Feministin Avital Ronell von ihrem ehemaligen, schwulen Doktoranten beschuldigt, ihn \u00fcber drei Jahre hinweg verbal, psychisch und physisch sexuell bel\u00e4stigt zu haben und mit der Zukunft seiner akademischen Karriere erpresst zu haben. Belastende e-Mails, in denen sie ihn unter anderem als ihren \u201eCock-er Spaniel\u201c bezeichnete, f\u00fchrten zu ihrer einj\u00e4hrigen Suspendierung an der University of New York.<\/p>\n<p>Wie gingen die beiden Feministinnen mit diesen Vorw\u00fcrfen um?<\/p>\n<p><strong>Schlechte Ausreden<\/strong><\/p>\n<p>Argento bezeichnete ihr Opfer als bemitleidenswert, als \u201everlorene Seele\u201c und \u201eKind\u201c und bestreitet nach wie vor, dass der Sex nicht-konsenual geschah. Die prominente #MeToo-Schauspielerin Rosanna Arquette rief auf Twitter dazu auf, \u201ebehutsam\u201c mit den Vorw\u00fcrfen gegen ihre Kollegin umzugehen, und rechtfertigte die Taten Argentos mit den Worten: \u201eTrauma erzeugt Trauma\u201c in Anspielung darauf, dass Argento selbst Missbrauch durch Harvey Weinstein erfahren hatte.<\/p>\n<p>Professor Ronell rechtfertigte ihre Handlungen indes damit, dass die Kommunikation (k\u00f6rperliche Handlungen streitet sie nach wie vor ab) mit ihrem Studenten \u201ezwischen zwei Erwachsenen, einem schwulen Mann und einer queeren Frau, die beide israelische Wurzeln haben\u201c stattfand und \u201eblumige und tuntige\u201c Formulierungen in ihrem Schriftwechsel aus ihrem \u201egemeinsamen akademischen Hintergrund und Empfindsamkeit\u201c herr\u00fchrten.<\/p>\n<p>Deutlicher k\u00f6nnte man nicht machen, worum es hier geht: die \u201eIdentit\u00e4t\u201c als Frau, die \u201eUnterprivilegiertheit\u201c als sexuelle Minderheit und als fast-J\u00fcdin ist der Gradmesser, an dem man ihre Aussagen und ihre Handlungen messen soll und die deshalb gar nicht so schlimm sein k\u00f6nnen. F\u00fcr sie in die Bresche sprangen prominente ProfessorInnen und PhilosophInnen aus der ganzen Welt, die einen Brief an die Universit\u00e4t unterzeichneten. Die Argumentation: Ronell sei von gro\u00dfer Bedeutung f\u00fcr die internationale vergleichende Literaturwissenschaft und den Feminismus, sie habe k\u00fcrzlich einen wichtigen Preis der franz\u00f6sischen Regierung verliehen bekommen. Der Brief betont, dass Ronell von \u201eenormer Bedeutung f\u00fcr die Geisteswissenschaften &#8230; und das intellektuelle Leben in unserer Zeit\u201c sei. \u201eObwohl wir keinen Zugang zu vertraulichen Unterlagen haben \u2026 m\u00f6chten wir klar unseren Einspruch gegen jegliches Urteil gegen sie kundtun. \u2026 Wir bezeugen den Anstand, Scharfsinn und intellektuellen Einsatz Professor Ronnells und bitten, dass sie die Ehre erwiesen bekommt, die jemandem ihres internationalen Standes und Ansehens zusteht.\u201c Denn, sonst w\u00fcrde die gesamte \u201eerleuchtete Welt\u201c von der \u00d6ffentlichkeit in Frage gestellt werden.<\/p>\n<p>Unter den 51 UnterzeichnerInnen dieses Appells finden sich Judith Butler (wichtige Theoretikerin der \u201eQueer Theorie\u201c) und Slavoj \u017di\u017eek (\u201elinker\u201c \u201ePhilosoph\u201c) und auch zwei Philosophen\/K\u00fcnstler aus \u00d6sterreich, Susanne Granzer und Arno B\u00f6hler.<\/p>\n<p>\u201eWelche Herrschaftsverh\u00e4ltnisse und Ausschlie\u00dfungen unterst\u00fctzt man ungewollt, wenn allein die Repr\u00e4sentation im Brennpunkt der Politik steht?\u201c, fragt sich Judith Butler in ihrem ber\u00fchmtesten Buch \u201aDas Unbehagen der Geschlechter\u2018. Diese Frage m\u00f6chten wir gerne an sie zur\u00fcckspielen. Ist dieser Brief denn etwas anderes als die prinzipienlosteste Verteidigung (und \u201eReproduktion\u201c) der intellektuellen Kaste? Sie verteidigt das sexistische Verhalten Ronells gerade mit dem Argument, sie sei eine wichtige \u201eRepr\u00e4sentantin\u201c der \u201eerleuchteten Welt\u201c. Der h\u00f6here Zweck dieses Briefes ist es die scheinradikale ideologische Zunft postmoderner Philosophie vor Kritik zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>Noch schlechtere Ausfl\u00fcchte<\/strong><\/p>\n<p>Als der Brief \u2013 der nicht zur Ver\u00f6ffentlichung gedacht war \u2013 in Medien kritisiert wurde, gab Butler eine \u00f6ffentliche Erkl\u00e4rung ab.<\/p>\n<p>Dabei entschuldigte sie sich f\u00fcr den Brief der \u201eohne ihre Zustimmung\u201c ver\u00f6ffentlich worden war bei dem Kollegium der New York University: \u201eWir h\u00e4tten nicht eine Sprache verwenden d\u00fcrfen, die impliziert, dass Ronell wegen ihres Status und Ansehen irgendeine Sonderbehandlung verdienen w\u00fcrde. Das Kollegium sollte vor den Title IX protocols [dem betreffenden Gesetz, Anm.] gleich behandelt werden, d.h. den gleichen Regeln und, wo angebracht, Strafen untergeordnet werden.\u201c<\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass sie sich nicht f\u00fcr die Sache entschuldigt, sondern de Facto sagt, sie sei falsch verstanden worden, weil sie sich falsch ausgedr\u00fcckt h\u00e4tte, ist ihre \u201eEntschuldigung\u201c im Widerspruch zu ihrer eigenen \u201eTheorie\u201c: Denn laut Butler \u201eregulieren die juridischen Machtbegriffe das politische Leben\u201c; die \u201eRechtsstrukturen von Sprache und Politik bilden das zeitgen\u00f6ssische Feld der Macht\u201c. Die Aufgabe von FeministInnen bestehe darin, diese Macht kritisch zu hinterfragen. Laut Butler w\u00fcrde der juristische Diskurs erst die Identit\u00e4t der Frau und ihre Unterdr\u00fcckung erschaffen. \u201eDer unkritische Appell an ein solches System zum Zwecke der \u201eFrauen\u201cemanzipation sei offensichtlich widerspr\u00fcchlich und unsinnig \u201c, schreibt sie in ihrem Buch. In der Realit\u00e4t au\u00dferhalb ihrer schw\u00fclstigen B\u00fccher ist dieses unterdr\u00fcckerische Recht aber wohl gut genug, um an es zu appellieren und zu sagen, dass vor dem Gesetz \u201ealle gleich\u201c behandelt werden. So ernst nimmt sich diese Theoretikerin des Feminismus also selbst. Ohne Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass die Unterdr\u00fcckung der Frau ein Resultat der Klassengesellschaft ist, verstehen Butler und viele andere FeministInnen auch nicht, dass nur die soziale Revolution die \u201ehistorische Niederlage des weiblichen Geschlechts\u201c (Engels) endg\u00fcltig aufheben kann. Denn f\u00fcr sie ist Unterdr\u00fcckung nur ein kulturelles oder sprachliches Ph\u00e4nomen. \u201eBei sexueller Gewalt geht es um Macht und Privileg \u2026 wir k\u00f6nnen die Kultur nicht verschieben, wenn wir nicht die falschen Narrative (=Erz\u00e4hlungen, Anm.) verschieben\u201c, schreibt Arquette. Und die bekannte Feministin Erica Jong beschwert sich \u00fcber Sexisten so: \u201eEs scheint, dass sie nicht am neuesten Stand der Kultur sind.\u201c<\/p>\n<p>Als MarxistInnen verstehen wir, dass Macht auf Eigentum beruht, und die kulturellen Unterdr\u00fcckungsformen auf diesen basieren. Missbrauchsf\u00e4lle aufzudecken, wie dies durch die #MeToo-Debatte geschieht ist ein notwendiger Anfang, der aber zu solidarischer Massenaktion f\u00fchren muss. Nur diese haben das Potenzial, in direktem Klassenkampf die kapitalistischen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse herauszufordern. Erzielte Teilerfolge werden dabei immer wieder zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Dies, weil der Kapitalismus auf Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung beruht. Nur die Enteignung der Herrschenden, das Ende der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, bietet die materielle Basis zur endg\u00fcltigen \u00dcberwindung jeder Unterdr\u00fcckung. Ein historischer Schritt in Richtung eines solidarischen Kampfes mit Arbeiterklassenmethoden wurde im Zuge der #MeToo Debatte von Arbeiterinnen bei McDonalds getan: Am 18. September traten hunderte Angestellte der Fast-Food-Kette in 10 St\u00e4dten in den USA in Streik, um Ma\u00dfnahmen gegen die h\u00e4ufigen \u00dcbergriffe (ca. 40% der Mitarbeiterinnen sind betroffen) in der Arbeit zu fordern \u2013 laut der Historikerin Orleck ist dieser Streik der erste seiner Art seit 1912.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/derfunke.at\/theorie\/marxismus-und-frauenbefreiung\/10995-metoo-und-das-elend-der-postmoderne\"><em>derfunke.at&#8230;<\/em><\/a><em> vom 20. Oktober 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor nunmehr einem Jahr verbreitete sich die sogenannte #MeToo Debatte, in der Frauen weltweit begannen, sexuelle \u00dcbergriffe und Missbr\u00e4uche, die ihnen widerfahren sind, bekannt zu machen. Von\u00a0Yola Kipcak.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[25,32,14,4],"class_list":["post-4183","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-arbeiterbewegung","tag-frauenbewegung","tag-postmodernismus","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4183","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4183"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4183\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4184,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4183\/revisions\/4184"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4183"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4183"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4183"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}