{"id":4185,"date":"2018-10-20T13:14:57","date_gmt":"2018-10-20T11:14:57","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4185"},"modified":"2018-11-09T11:51:54","modified_gmt":"2018-11-09T09:51:54","slug":"die-soziale-rekonsolidierung-des-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4185","title":{"rendered":"Die soziale Rekonsolidierung des Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Alfred Sohn-Rethel.<\/em><strong> I. Von der Sozialdemokratie zum Nationalsozialismus. <\/strong>Die Aufgabe, um die es seit den letzten Monaten und auch \u00fcber die augenblickliche Zuspitzung hinaus geht, ist die Rekonsolidierung des b\u00fcrgerlichen Regimes<!--more--> in Deutschland. Die jetzige Regierung von Papen bedeutet diese Rekonsolidierung noch nicht, obwohl sie selbst es behauptet und obwohl diese Behauptung taktisch richtig und die unerl\u00e4\u00dfliche Fiktion ist, um eine vollg\u00fcltige Regierungst\u00e4tigkeit aufrechtzuerhalten. Br\u00e4chte und enthielte die jetzige Regierung wirklich schon die geforderte Rekonsolidierung, so m\u00fc\u00dfte sie statt zur Neuwahl vielmehr zur v\u00f6lligen Suspension des Reichstags gen\u00fcgend m\u00e4chtig sein und d\u00fcrfte nicht bef\u00fcrchten m\u00fcssen, mit einem solchen Gewaltcoup den Bogen zum Brechen zu bringen. Folglich ist die Regierung abh\u00e4ngig von noch nicht geb\u00e4ndigten, noch nicht in sie einbezogenen Kr\u00e4ften, und die Rekonsolidierung steht mithin in Deutschland zur Zeit noch aus.<\/p>\n<p>Es ist aber nicht die erste, die im Nachkriegsdeutschland geleistet w\u00fcrde. Es ist gar kein Zweifel, da\u00df nach den alles in Frage stellenden Einbr\u00fcchen der Revolutions- und Inflationsjahre die Weimarer Koalition mit der erfolgreichen Durchf\u00fchrung ihres \u00bbgro\u00dfen Wirtschaftsprogramms\u00ab, der Stabilisierung von 1923\/24, und gemessen an der Lagerung der Kr\u00e4fte, die damals geb\u00e4ndigt werden mu\u00dften, durchaus eine Rekonsolidierung des b\u00fcrgerlichen Regimes darstellte. Sie hat, politisch gesehen, gehalten bis zum neuerlichen Kriseneinbruch von 1930. Der allerdings erwies sie als blo\u00df scheinbare und fehlerhafte Rekonsolidierung und bewirkte im weiteren Verlauf ihre Aufl\u00f6sung und Sprengung, wie aber auch der Kriseneinbruch 1918\/19, schon das kaiserliche System der Kriegszeit eingerissen und aufgel\u00f6st hatte. Die Geschichte der deutschen Nachkriegszeit enth\u00e4lt also Vorg\u00e4nge, die der heutigen Problemlage dynamisch verwandt sind und aus deren aufmerksamer Vergleichung sich f\u00fcr die Gegenwartsaufgaben Schl\u00fcsse ziehen lassen. Die Parallelit\u00e4t geht in der Tat erstaunlich weit. Die damalige Sozialdemokratie und der heutige Nationalsozialismus sind sich darin funktionell gleich, da\u00df sie beide die Totengr\u00e4ber des vorhergegangenen Systems waren und alsdann die von ihnen gef\u00fchrten Massen statt zu der proklamierten Revolution zur Neuformung der b\u00fcrgerlichen Herrschaft lenkten. Der oft gezogene Vergleich zwischen Hitler und Ebert hat in dieser Hinsicht G\u00fcltigkeit. Zwischen den Str\u00f6men, die sie \u00bbwach\u00abriefen, besteht die weitere strukturelle Verwandschaft, da\u00df beides Volksbewegungen waren &#8211; man hat dies von der sozialdemokratischen Hochflut von 1918\/19 nur vergessen -, da\u00df beide mit dem Appell an antikapitalistische Befreiungssehns\u00fcchte die Verwirklichung einer neuen &#8211; \u00bbsozialen\u00ab bzw. nationalen\u00ab &#8211; Volksgemeinschaft versprachen, da\u00df weiter die soziale Zusammensetzung ihrer Anh\u00e4ngerschaft sich in den Massen des Kleinb\u00fcrgertums, ja sogar vielfach dar\u00fcber hinaus, v\u00f6llig deckt, und da\u00df endlich ihr geistiger Charakter sich durch eine durchaus verwandte Verworrenheit und ebenso schw\u00e4rmerisch-gl\u00e4ubige wie kurzfristige Gefolgstreue auszeichnet. Die Feststellung dieses Parallelismus ist keine Diffamierung der nationalsozialistischen Idee, sie betrifft \u00fcberhaupt nicht Ideen, sondern gilt der rein analytischen Erkenntnis von Funktion und Bedeutung zweier Massenbewegungen, die im gleichen sozialen Raum in zwei geschichtlich homologen Augenblicken eine analoge politische Rolle gespielt haben bzw. noch spielen. Der Parallelismus selbst besagt, da\u00df der Nationalsozialismus die Sozialdemokratie in der Aufgabe abzul\u00f6sen h\u00e4tte, den Massenst\u00fctzpunkt f\u00fcr die Herrschaft des B\u00fcrgertums in Deutschland darzubieten. Dies enth\u00e4lt zugleich, zu seinem Teil, die genauere Problemstellung zur gegenw\u00e4rtig gebotenen Rekonsolidierung dieser Herrschaft. Ist der Nationalsozialismus f\u00e4hig, diese Funktion der St\u00fctze anstelle der Sozialdemokratie zu \u00fcbernehmen, und auf welche Weise k\u00f6nnte dies geschehen?<\/p>\n<p>Das Problem eier Konsoliderung des b\u00fcrgerlichen Regimes im Nachkriegsdeutschland ist allgemein durch die Tatsache bestimmt, da\u00df das f\u00fchrende, n\u00e4mlich \u00fcber die Wirtschaft verf\u00fcgende B\u00fcrgertum zu schmal geworden ist, um seine Herrschaft allein zu tragen. Es bedarf f\u00fcr diese Herrschaft, falls es sich nicht der h\u00f6chst gef\u00e4hrlichen Waffe der rein milit\u00e4rischen Gewaltaus\u00fcbung anvertrauen will, der Bindung von Schichten an sich, die sozial nicht zu ihm geh\u00f6ren, die ihm aber den unentbehrlichen Dienst leisten, seine Herrschaft im Volk zu verankern und dadurch deren eigentlicher oder letzter Tr\u00e4ger zu sein. Dieser letzte oder \u00bbGrenztr\u00e4ger\u00ab der b\u00fcrgerlichen Herrschaft war in der ersten Periode der Nachkriegskonsolidierung die Sozialdemokratie.<\/p>\n<p>Sie brachte zu dieser Aufgabe eine Eigenschaft mit, die dem Nationalsozialismus fehlt, wenigstens bisher noch fehlt: Wohl war auch der Novembersozialismus eine ideologische Massenflut und eine Bewegung, aber er war nicht nur das, denn hinter ihm stand die Macht der organisierten Arbeiterschaft, die soziale Macht der Gewerkschaften. Jene Flut konnte sich verlaufen, der ideologische Ansturm zerbrechen, die Bewegung verebben, die Gewerkschaften aber blieben und mit ihnen oder richtiger kraft ihrer auch die sozialdemokratische Partei. Der Nationalsozialismus aber ist vorerst noch immer nur die Bewegung, blo\u00dfer Ansturm, Vormarsch und Ideologie. Bricht diese Wand zusammen, so st\u00f6\u00dft man dahinter ins Leere. Denn indem er alle Schichten und Gruppen umfa\u00dft, ist er mit keiner identisch, ist er in keinem dauernden Glied des Gesellschaftsbaus soziologisch verk\u00f6rpert. In diesem bedeutsamen Umstand liegt neben der oben festgestellten Parallelit\u00e4t beider Massenparteien ihr fundamentaler Unterschied hinsichtlich ihrer Bedeutung f\u00fcr die Rekonsolidierung der b\u00fcrgerlichen Herrschaft. Verm\u00f6ge ihres sozialen Charakters als origin\u00e4re Arbeiterpartei brachte die Sozialdemokratie in das System der damaligen Konsolidierung \u00fcber all ihre rein politische Sto\u00dfkraft hinaus das viel wertvollere und dauerhaftere Gut der organisierten Arbeiterschaft ein und verkettete diese unter Paralysierung ihrer revolution\u00e4ren Energie fest mit dem b\u00fcrgerlichen Staat. Auf dieser Basis konnte die Sozialdemokratie sich mit einer blo\u00dfen Teilhaberschaft an der b\u00fcrgerlichen Herrschaft begn\u00fcgen, ja konnte sie sogar niemals mehr und wesensm\u00e4\u00dfig nichts anderes als blo\u00df der eine Teilpartner derselben sein. Sie h\u00e4tte als Sozialdemokratie zu existieren aufgeh\u00f6rt, wenn etwa der Zufall ihr die ganze Macht \u00fcber Staat, Wirtschaft und Gesellschaft hingeworfen h\u00e4tte, so sehr, da\u00df sich von ihr nach einem bekannten Worte sagen lie\u00dfe, die Sozialdemokratie w\u00fcrde die b\u00fcrgerliche Gesellschaft, wenn es sie nicht g\u00e4be, erfinden m\u00fcssen, um zu bestehen.<\/p>\n<p>In kontr\u00e4rem Gegensatz dazu bedingt der Mangel an sozialer Hausmacht den faschistischen Charakter des Nationalsozialismus. Weil er keinen spezifischen sozialen Grundstock hat, der auch ohne Hitler aus sich heraus den Nationalsozialismus tr\u00fcge, kann er nur entweder die gesamte Macht erobern, um sich durch den Besitz des Staatsapparats zu schaffen, was ihm aus sozialer Wurzel fehlt, oder seine Kraft zerbricht an dem Sozialgef\u00fcge, das ihm politisch widersteht und in das er keinen Eingang findet. Weil er prim\u00e4r kein Glied dieses Gef\u00fcges ist, kann er nicht ohne grundlegende Verwandlung ein Teilpartner der b\u00fcrgerlichen Herrschaft sein, welche auf gesellschaftlicher Macht fu\u00dft und der politischen St\u00fctze einer \u00bbMassenbasis\u00ab nur aus der Wurzel sozialer Gliedschaft und Verankerung bedarf. Hier liegt die wahre Crux der gegenw\u00e4rtigen Lage. Die faschistische M\u00f6glichkeit des Nationalsozialismus ist vor\u00fcber, seine soziale M\u00f6glichkeit noch nicht gefunden. Davon aber, da\u00df sie gefunden wird, h\u00e4ngt ab, ob wir wirklich jetzt zu einer neuen und produktiven Rekonsolidierung gelangen oder ob wir in der Sackgasse der Alternative einer Milit\u00e4rdiktatur oder einer R\u00fcckkehr zur Sozialdemokratie stehen. Die Frage, auf die sich alles zusammendr\u00e4ngt, ist daher, ab es f\u00fcr den Nationalsozialismus eine spezifische soziale M\u00f6glichkeit gibt, durch die er aus einer faschistischen Bewegung in ein Teilorgan der b\u00fcrgerlichen Herrschaft verwandelt werden kann, so da\u00df er f\u00fcr das B\u00fcrgertum die bisherige Rolle der Sozialdemokratie ersetzen kann. Ihrer Er\u00f6rterung soll ein zweiter Aufsatz dienen.<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Die Eingliederung des Nationalsozialismus<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Man wird in einer Zeit, der als Lebensfrage die Rekonsolidierung der b\u00fcrgerlichen Herrschaft vorgeschrieben ist, dem Faschismus der nationalsozialistischen Bewegung, wenn n\u00f6tig, mit Gewalt ein Ende machen m\u00fcssen, aber nur, um den Nationalsozialismus selbst gleichzeitig in ein gesellschaftliches Organ umzuwandeln, das dieser Herrschaft zur St\u00fctze dienen und in ihre staatliche Ausgestaltung positiv eingegliedert werden kann. Die M\u00f6glichkeiten, die sich daf\u00fcr bieten, k\u00f6nnen hier nur in gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher K\u00fcrze angedeutet werden. Die notwendige Bedingung jeder sozialen Rekonsolidierung der b\u00fcrgerlichen Herrschaft, die in Deutschland seit dem Kriege m\u00f6glich ist, ist die Spaltung der Arbeiterschaft. Jede geschlossene, von unten hervorwachsende Arbeiterbewegung m\u00fc\u00dfte revolution\u00e4r sein, und gegen sie w\u00e4re diese Herrschaft dauernd nicht zu halten, auch nicht mit den Mitteln der milit\u00e4rischen Gewalt. Auf der gemeinsamen Basis dieser notwendigen Bedingung unterscheiden sich die verschiedenen Systeme der b\u00fcrgerlichen Konsolidierung nach den zureichenden Bedingungen, die hinzukommen m\u00fcssen, um den Staat und das B\u00fcrgertum bis in breite Schichten der gespaltenen Arbeiterschaft hinein zu verankern.<\/p>\n<p>In der ersten Rekonsolidierungs\u00e4ra des b\u00fcrgerlichen Nachkriegsregimes, in der \u00c4ra von 1923\/24 bis 1929\/30, war die Spaltung der Arbeiterschaft fundiert durch die lohn- und sozialpolitischen Errungenschaften, in die die Sozialdemokratie den revolution\u00e4ren Ansturm umgem\u00fcnzt hatte. Diese n\u00e4mlich funktionierten als eine Art Schleusenmechanismus, durch den der besch\u00e4ftigte und fest organisierte Teil der Arbeiterschaft im Arbeitsmarktgef\u00e4lle einen zwar abgestuften, aber dennoch in sich geschlossenen erheblichen Niveauvorteil gegen\u00fcber der arbeitslosen und fluktuierenden Masse der unteren Kategorien geno\u00df und gegen die volle Auswirkung der Arbeitslosigkeit und der allgemeinen Krisenlage der Wirtschaft auf seine Lebenshaltung relativ gesch\u00fctzt war. Die politische Grenze zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus verl\u00e4uft fast genau auf der sozialen und wirtschaftlichen Linie dieses Schleusendamms, und die gesamten, jedoch bis jetzt vergeblich gebliebenen Anstrengungen des Kommunismus gelten dem Einbruch in dies gesch\u00fctzte Gebiet der Gewerkschaften. Da zudem aber die sozialdemokratische Umm\u00fcnzung der Revolution in Sozialpolitik zusammenfiel mit der Verlegung des Kampfes aus den Betrieben und von der Stra\u00dfe in das Parlament, die Ministerien und die Kanzleien, d. h. mit der Verwandlung des Kampfes \u00bbvon unten\u00ab in die Sicherung \u00bbvon oben\u00ab, waren fortan Sozialdemokratie und Gewerkschaftsb\u00fcrokratie, mithin aber auch der gesamte von ihnen gef\u00fchrte Teil der Arbeiterschaft mit Haut und Haaren an den b\u00fcrgerlichen Staat und ihre Machtbeteiligung an ihm gekettet, und zwar so lange, als erstens auch nur noch das Geringste von jenen Errungenschaften auf diesem Wege zu verteidigen \u00fcbrigbleibt und als zweitens die Arbeiterschaft ihrer F\u00fchrung folgt. Vier Folgerungen aus dieser Analyse sind wichtig: 1. Die Politik des \u00bbkleineren \u00dcbels\u00ab ist nicht eine Taktik, sie ist die politische Substanz der Sozialdemokratie. 2. Die Bindung der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie an den staatlichen Weg \u00bbvon oben\u00ab ist zwingender als ihre Bindung an den Marxismus, also an die Sozialdemokratie, und gilt gegen\u00fcber jedem b\u00fcrgerlichen Staat, der sie einbeziehen will. 3. Die Bindung der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie an die Sozialdemokratie steht und f\u00e4llt politisch mit dem Parlamentarismus. 3. Die M\u00f6glichkeit einer liberalen Sozialverfassung des Monopolkapitalismus ist bedingt durch das Vorhandensein eines automatischen Spaltungsmechanismus der Arbeiterschaft. Ein b\u00fcrgerliches Regime, dem an einer liberalen Sozialverfassung gelegen ist, mu\u00df nicht nur \u00fcberhaupt parlamentarisch sein, es mu\u00df sich auf die Sozialdemokratie st\u00fctzen und der Sozialdemokratie ausreichende Errungenschaften lassen; ein b\u00fcrgerliches Regime, das diese Errungenschaften vernichtet, mu\u00df Sozialdemokratie und Parlamentarismus opfern, mu\u00df sich f\u00fcr die Sozialdemokratie einen Ersatz verschaffen und zu einer gebundenen Sozialverfassung \u00fcbergehen.<\/p>\n<p>Der Proze\u00df dieses \u00dcbergangs, in dem wir uns augenblicklich befinden, weil die Wirtschaftskrise jene Errungenschaften zwangsl\u00e4ufig zermalmt hat, durchl\u00e4uft das akute Gefahrenstadium, da\u00df mit dem Fortfall jener Errungenschaften auch der auf ihnen beruhende Spaltungsmechanismus der Arbeiterschaft zu wirken aufh\u00f6rt, mithin die Arbeiterschaft in der Richtung auf den Kommunismus ins Gleiten ger\u00e4t und die b\u00fcrgerliche Herrschaft sich der Grenze des Notstands einer Milit\u00e4rdiktatur n\u00e4hert. Der Eintritt in diesen Notstand aber w\u00e4re der Eintritt aus einer Phase notleidender Konsolidierung in die Unheilbarkeit der b\u00fcrgerlichen Herrschaft. Die Rettung vor diesem Abgrund ist nur m\u00f6glich, wenn die Spaltung und Bindung der Arbeiterschaft, da jener Schleusenmechanismus in ausreichendem Ma\u00dfe nicht wieder aufzurichten geht, auf andere, und zwar direkte Weise gelingt. Hier liegen die positiven M\u00f6glichkeiten und Aufgaben des Nationalsozialismus. Das Problem selbst weist f\u00fcr sie eindeutig nach zwei Richtungen. Entweder man gliedert den in der freien Wirtschaft besch\u00e4ftigten Teil der Arbeiterschaft, d. h. die Gewerkschaften, durch eine neuartige politische Verklammerung in eine berufsst\u00e4ndische Verfassung ein, oder man versucht sich umgekehrt auf den arbeitslosen Teil zu st\u00fctzen, indem man f\u00fcr ihn unter dem Regiment einer Arbeitsdienstptlicht einen k\u00fcnstlichen Sektor der Wirtschaft organisiert.<\/p>\n<p>Durch ihre Losl\u00f6sung von der Sozialdemokratie entf\u00e4llt f\u00fcr die Gewerkschaften ihre bisherige politische Repr\u00e4sentation, an deren Stelle sie in einem nicht oder nur sehr bedingt parlamentarischen Staat eine neue und neuartige politische F\u00fchrung brauchen. Wenn es dem Nationalsozialismus gel\u00e4nge, diese F\u00fchrung zu \u00fcbernehmen und die Gewerkschaften in eine gebundene Sozialverfassung einzubringen, so wie die Sozialdemokratie sie fr\u00fcher in die liberale eingebracht hat, so w\u00fcrde der Nationalsozialismus damit zum Tr\u00e4ger einer f\u00fcr die k\u00fcnftige b\u00fcrgerliche Herrschaft unentbehrlichen Funktion und m\u00fc\u00dfte in dem Sozial- und Staatssystem dieser Herrschaft notwendig seinen organischen Platz finden. Die Gefahr einer staatskapitalistischen oder gar staatssozialistischen Entwicklung, die oft gegen eine solche berufsst\u00e4ndische Eingliederung der Gewerkschaften unter nationalsozialistischer F\u00fchrung eingewandt wird, wird in Wahrheit durch sie gerade gebannt. Die vom Tatkreis propagierte \u00bbDritte Front\u00ab ist der Typus einer Fehlkonstruktion, wie sie in Zeiten des sozialen Vakuums auftaucht; sie ist das Trugbild eines \u00dcbergangszustands, in welchem die Gewerkschaften, weil aus der bisherigen Bindung freigesetzt und noch in keine neue eingefangen, den Schein einer Eigenexistenz vorspiegeln, die sie wesensm\u00e4\u00dfig gar nicht haben k\u00f6nnen. Zwischen den beiden M\u00f6glichkeiten einer Rekonsolidierung der b\u00fcrgerlichen Herrschaft und der kommunistischen Revolution gibt es keine dritte.<\/p>\n<p>Wohl aber gibt es, theoretisch wenigstens, neben der st\u00e4ndischen Eingliederung der Gewerkschaften f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Rekonsolidierung den zweiten Weg, das arbeitslose Volk durch Arbeitsdienstpflicht und Siedlung zu organisieren und an den Staat zu binden. Dem inneren, selbst aus keiner organischen Wurzel entwachsenen Wesen des Nationalsozialismus scheint diese Aufgabe besonders nahe zu liegen, wie sie dann auch von ihm am weitesten durchdacht worden ist. Man mu\u00df sich aber klar sein, da\u00df die beiden genannten Wege zwei sehr verschiedene Entwicklungsrichtungen der Gesamtwirtschaft involvieren. Eine nennenswerte Einordnung der arbeitslosen Massen in die soziale Volksgemeinschaft im Wege der Arbeitsdienstpflicht ist nur durch weitreichende staats- und planwirtschaftliche Methoden m\u00f6glich, die aus \u00f6konomischen wie finanziellen Gr\u00fcnden den freien Wirtschaftssektor schw\u00e4chen m\u00fcssen. Weil dieser Weg nur zu Lasten der frei besch\u00e4ftigten Arbeiterschaft gegangen werden kann, m\u00fc\u00dfte ein solches Regime sein soziales Schwergewicht unvermeidlich auf den agrarischen Sektor verlegen, w\u00fcrde also durch eine extreme Autarkiepolitik die Exportindustrie und die mit ihr verkn\u00fcpften Interessen um jede Chance bringen, einen Anschlu\u00df an eine sich bessernde Weltkonjunktur unm\u00f6glich machen, mithin den arbeitslosen Teil des Volkes wachsend vermehren und schlie\u00dflich einen \u00fcberwiegenden Teil der gesamten Wirtschaft in dem Zwangssystem einer staatlichen Elendswirtschaft festlegen. Ob man dies noch als Rekonsolidierung bezeichnen k\u00f6nnte, mu\u00df fraglich erscheinen. Nur partiell daher und in blo\u00df subsidi\u00e4rer Bedeutung kann dieser Weg, so etwa, wie er im Wirtschaftsprogramm der Regierung mit herangezogen ist, den \u00dcbergang zu einem System wirklicher Rekonsolidierung der b\u00fcrgerlichen Herrschaft erleichtern, das sich nach wie vor auf den Kernbestand der Arbeiterschaft, die Gewerkschaften unter neuer F\u00fchrung, wird st\u00fctzen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>(Aus: Alfred Sohn-Rethel \u00d6konomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8211; edition suhrkamp 630 Frankfurt\/M.,1973)<\/strong><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.druckversion.studien-von-zeitfragen.net\/Sohn-Rethel%20Rekonsolidierung.htm\">studien-von-zeitfragen.net&#8230;<\/a> vom 20. Oktober 2018<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alfred Sohn-Rethel. I. Von der Sozialdemokratie zum Nationalsozialismus. 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