{"id":4190,"date":"2018-10-20T18:34:38","date_gmt":"2018-10-20T16:34:38","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4190"},"modified":"2018-10-20T18:34:38","modified_gmt":"2018-10-20T16:34:38","slug":"neue-klassenpolitiken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4190","title":{"rendered":"Neue Klassenpolitiken"},"content":{"rendered":"<p><em>Nina Scholz. <\/em>Die Debatte um Neue Klassenpolitik ist noch jung und trotzdem ist die Neue Klassenpolitik schon ein stehender Begriff &#8211; ein Sammelbecken voller Hoffnungen, Romantizismen, Projektionen und Missverst\u00e4ndnisse. F\u00fcr die einen<!--more--> ist es ein Begriff voller Verhei\u00dfungen: Klassenk\u00e4mpfe, St\u00e4rke, B\u00fcndnisse, Geschichte und Zukunft, Streiks &#8211; und das Ende des Kapitalismus. Andere h\u00f6ren: wei\u00dfe, m\u00e4nnliche Arbeiter, Geschichtsklitterung, Hauptwiderspruch.<\/p>\n<p><strong>M\u00fchsame Praxis<\/strong><\/p>\n<p>Doch was ist der Kern dieser Debatte? Neu ist die Neue Klassenpolitik nur bedingt. Neu ist an ihr nur, dass alte Klassenpolitiken neu adaptiert, dass alte Praxen, versch\u00fcttetes Wissen geborgen werden mussten &#8211; und noch immer geborgen werden. Nicht dass dieses Wissen wirklich weg gewesen w\u00e4re, Linke haben es nur selten angewendet. Das Politische an der Klassenpolitik musste erst wiederentdeckt werden und wird jetzt m\u00fchsam in politische Praxen und in Alltagshandlungen integriert. Das f\u00e4ngt schon bei der B\u00fcndnisf\u00e4higkeit an: Mit wem kooperiert man? Wie wird mit Rassismen oder Sexismen der zu Organisierenden umgegangen? Wie werden Alltagshilfen mit langfristigen Strategien verkn\u00fcpft? Wie kommt man raus aus der Kampagnenpolitik, und wie bindet man unorganisierte Nachbar_innen oder Kolleg_innen langfristig in politische Projekte ein? Auf dem Papier h\u00f6rt sich das alles leichter an, als es in m\u00fchsamen Gruppenprozessen gemeinsam bew\u00e4ltigt, ge\u00fcbt und praktiziert wird.<\/p>\n<p>In den Jahren vor der Renaissance des Klassenpolitik-Begriffs gab es mehrheitlich andere Strategien, andere Praxen, auch bei denen, die sich Kommunist_innen nennen. Einzelne Events standen im Fokus, Hoffnungen waren oft an Spontanit\u00e4t von Massen, Riots, Mobs gekn\u00fcpft. Die erhofften Erfolge blieben aus. Exemplarisch steht daf\u00fcr Occupy Wall Street, das trotz seiner nur m\u00e4\u00dfigen langfristigen Erfolge zur Blaupause f\u00fcr die internationale Linke wurde. Solche \u00bbEvents\u00ab kosten Kraft. Es kostet Kraft, sie zu organisieren, sie zu begleiten, sich danach davon zu erholen &#8211; und dann wieder von vorne zu beginnen. Die Kosten-Nutzen- Rechnung von solchen Formaten tr\u00e4gt eben nicht langfristig: Es braucht sehr viel Arbeitskraft von zahlreichen Aktivist_innen, so etwas vorzubereiten, mit Medienkampagnen zu begleiten, andere zu mobilisieren und gleichzeitig kurzfristige Strukturen aufzubauen und am Laufen zu halten &#8211; wenn dabei kaum neue tragf\u00e4hige Organisierungen entstehen und die Aktiven danach oft auch noch ausfallen, weil sie ihr Burnout kurieren m\u00fcssen, ist die Bilanz negativ.<\/p>\n<p>Hinzu kommt: Die politische Praxis der vergangenen Jahrzehnte war oftmals nur noch ein Abwehrkampf, zum Beispiel gegen einen Kapitalismus, der sich aus Richtung Silicon Valley erneuerte. Die immer aggressiver werdende Sparpolitik befeuerte die soziale Abw\u00e4rtsspirale. Die unter Rechtsruck subsumierte Faschisierung Europas und der USA gibt nun den Rahmen ab, sodass man sich den Luxus, ohne starke B\u00fcndnisse in K\u00e4mpfe zu gehen, die weitaus bedrohlicher werden k\u00f6nnen als vorhergegangene, nicht mehr leisten kann.<\/p>\n<p><strong>Raus aus dem Szeneladen<\/strong><\/p>\n<p>Parallel dazu reifte die Erkenntnis, dass der alte Werkzeugkasten aus Blockieren, Kampagne, Outing, Skandalisieren nicht gegen die neuen Rechten hilft, dass man mit Parolen auf Stickern, Postings auf Facebook und Transparenten auf Demonstrationen nicht die umstimmt, die unzufrieden und verzweifelt sind, denen eine Linke aber schon lange keine L\u00f6sungen mehr f\u00fcr ihre existenziellen \u00c4ngste anzubieten hat. Sozialpolitik und kulturelle Verankerung au\u00dferhalb des eigenen Milieus &#8211; das hat es lange nicht mehr massenhaft gegeben. Langsam reifte also die Erkenntnis: Es gibt zwar gar nicht so wenige Linke, aber kaum welche, die sich politisch jenseits der eigenen Szenekreise bet\u00e4tigen. Viele setzten auch schlicht und einfach aufs falsche Pferd: Repr\u00e4sentation, Teilhabe, Sichtbarkeit von Marginalisierten wurden h\u00f6her bewertet als die \u00dcberwindung der Verh\u00e4ltnisse, die jene erst zu Marginalisierten gemacht hat. Das hat im vergangenen Jahr besonders anschaulich die amerikanische Aktivistin und Uni-Professorin Keeanga-Yamattha Taylor in ihrem Buch \u00bbFrom Black Lives Matter to Black Liberation\u00ab nachgewiesen: Sie zeigt anhand der Integration der B\u00fcrgerrechtsbewegung in den Staats- und Kulturbetrieb, wie sich eine Schwarze Elite herausbildet, wie Schwarze Menschen in den USA zwar immer sichtbarer werden, wie die Ungleichheiten aber insgesamt nicht abnehmen. Besonders gut kann man das an der Amtszeit von Obama sehen, in der die soziale Bewegung Black Lives Matter gegr\u00fcndet wurde, zun\u00e4chst um gegen die Morde an Schwarzen, jungen M\u00e4nnern zu protestieren; sie wendet sich aber generell gegen den nach wie vorher strukturell sehr vitalen Rassismus.<\/p>\n<p>B\u00fccher wie die von Taylor entkr\u00e4ften auch leicht das h\u00e4ufig gegen Neue Klassenpolitiken vorgebrachte Argument, hier w\u00fcrde der wei\u00dfe, heterosexuelle Mann (Arbeiter) als B\u00fcndnispartner bevorzugt &#8211; und fetischisiert. Es d\u00fcrfte mittlerweile klar geworden sein, dass Neue Klassenpolitik nicht den Korporatismus der BRD meint, sondern die Arbeitsk\u00e4mpfe und solidarischen, k\u00e4mpferischen B\u00fcndnisse, die es von Anbeginn der Industrialisierung \u00fcber die Black Panther bis zu den aktuellen Fabrikbesetzungen Argentiniens gegeben hat. Die Beispiele f\u00fcr Klassenkampf statt Sozialpartnerschaft sind zahlreich: Von den Community-Arbeiter_innen der Black Panther l\u00e4sst sich lernen, dass auch radikale Politik das Leben der Menschen im Umfeld konkret verbessern sollte, und von den aktuellen Arbeitsk\u00e4mpfen, dass es vor allem Frauen und Migranten sind, die die ganz schlechten Jobs machen &#8211; wenn sie \u00fcberhaupt welche haben.<\/p>\n<p>Daran anschlie\u00dfend denkt ein beachtlicher Teil der schwer beweglichen Linken aktuell die eigene Praxis neu: Wo fr\u00fcher Szenekneipen waren, werden Kiezl\u00e4den ge\u00f6ffnet. Wo fr\u00fcher misstrauisch geschaut wurde, wenn Fremde reinkamen, versuchen Genoss_innen, offen auf die Neuen zuzugehen. Wo fr\u00fcher erkl\u00e4rt wurde, wird jetzt das Zuh\u00f6ren ge\u00fcbt. Wo sich fr\u00fcher Gruppen nicht einmal gegr\u00fc\u00dft haben, lernen sie jetzt mitunter auch mal voneinander. So gibt es mittlerweile beachtliche B\u00fcndnisse. Postautonome Gruppen etwa aus dem Ums-Ganze-B\u00fcndnis, die sich fr\u00fcher kaum mit Arbeitsk\u00e4mpfen besch\u00e4ftigt haben, versuchen die Streiks der Amazon-Arbeiter_innen zu unterst\u00fctzen. Die Basis-Gewerkschaft FAU erh\u00e4lt stetigen Zulauf, nicht nur bei ihrer #Deliverunion-Kampagne, in der sich die Essenkuriere der Gig-Economy organisieren.<\/p>\n<p><strong>Die Perspektive wechseln<\/strong><\/p>\n<p>In Stadtteil- und Mietk\u00e4mpfen funktioniert das Miteinanderk\u00e4mpfen besonders gut, weil es dort tats\u00e4chlich noch ein st\u00e4rkeres Beisammensein gibt &#8211; anders als an den Arbeitspl\u00e4tzen. Die Vernetzung der Deutsche-Wohnen-Mieter_innen ist in Berlin zu einem breiten und heterogenen B\u00fcndnis gewachsen &#8211; und demn\u00e4chst soll mit der \u00bbDeutsche Wohnen &amp; Co Enteignen\u00ab-Kampagne in einem Volksentscheid die Eigentumsfrage gestellt werden. 2019 soll es einen Frauenstreik geben. Hier wird ein k\u00e4mpferischer Feminismus wiederentdeckt, der geraume Zeit versch\u00fctt gegangen war und neben dem Repr\u00e4sentationspolitiken des liberalen Feminismus nur eine Nebenrolle spielte. Gleichzeitig werden hier auch Streikformen jenseits des klassischen Fabrikstreiks erdacht, also Mischformen aus Arbeits- und Reproduktionsstreiks, Boykotten und Blockaden, die auch f\u00fcr andere K\u00e4mpfe der Prek\u00e4ren und Vereinzelten relevant sein werden, denn Lohnarbeit findet heute nur noch selten am gemeinsamen Arbeitsplatz statt &#8211; und auch dort sind die wenigsten heute festangestellt.<\/p>\n<p>Das sind nur ein paar Beispiele von all dem, was aktuell parallel passiert. Sie illustrieren nicht nur, dass hier keine Hauptwiderspruchs-Fetischist_innen am Werk sind, sie zeigen auch das aktuelle Manko der Neue-Klassenpolitik-Debatte auf. W\u00e4hrend sich Autor_innen die immergleichen Argumente um die Ohren hauen, passiert andernorts das, was man sich von so einer Debatte oftmals nur ertr\u00e4umen kann: Erkenntnisse werden in Praxis umgewandelt.<\/p>\n<p>Die Debatte hinkt derweil hinterher und setzt sich kaum mit den Erkenntnissen dieser Praxen auseinander. Das liegt auch daran, dass viele der K\u00e4mpfenden weniger auf gro\u00dfe Demonstrationen, auf Transparente, auf \u00d6ffentlichkeitsarbeit, auf Bilanzierungen und Blogtexte fokussieren. Sie verwenden ihre Energie darauf, Strukturen aufzubauen, sich gegenseitig kennenzulernen, B\u00fcndnisse einzugehen, R\u00e4ume zu \u00f6ffnen, Widerspr\u00fcche auszuhalten. Das kostet Kraft und Zeit. Zeit, die dann fehlt, ihre Erfahrungen f\u00fcr das linke Feuilleton aufzubereiten.<\/p>\n<p>Die Debatte um Neue Klassenpolitik wird mit dem Ende der ak-Serie nicht enden. Damit sie dann aber Erkenntnisse f\u00fcr die Praxis liefert, muss sie die Perspektive \u00e4ndern, indem sie das, was aktuell gelernt wird, zum Ausgangspunkt macht. Die Debatte kann nur vital bleiben, wenn von den Debattierenden danach gefragt wird, was funktioniert und was nicht. Welche Strategien sind wo n\u00fctzlich? Welche nicht? Warum also nicht mal bei den K\u00e4mpfenden vorbeigehen, statt den n\u00e4chsten Meinungstext zu schreiben, und einfach mal nachfragen, wie es bei ihnen l\u00e4uft? Was halten Amazon-Arbeiter_innen von Linksradikalen, die auftauchen?<\/p>\n<p>Und umgekehrt? Wie fanden und finden Fahrradkuriere zusammen? Dazu w\u00e4re auch eine Offenheit der K\u00e4mpfenden notwendig: Sie m\u00fcssten reflektieren und klarmachen, was sie gelernt haben, im Positiven wie im Negativen. Linke f\u00fchren ihre Politgruppen heute aber fast wie kapitalistische Unternehmen: Jede noch so kleine Aktion verkaufen sie als Erfolg, \u00fcber Misserfolge schweigen sie lieber, um nicht als schwach zu gelten. Doch nur wenn diejenigen, die gerade daran arbeiten, die Neue Klassenpolitik umzusetzen, ehrlich miteinander sind, k\u00f6nnen Strategien weiterentwickelt und endlich die wichtigste Frage gestellt und vielleicht auch beantwortet werden: Wie kommen wir aus der Vereinzelung der zahlreichen klassenpolitischen K\u00e4mpfe zu einer robusten, k\u00e4mpferischen Organisation, die der Faschisierung und dem sich immer r\u00e4uberischer entwickelnden Kapitalismus tats\u00e4chlich schlagkr\u00e4ftig entgegentritt?<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak642\/11.htm\">ak &#8211; analyse &amp; kritik &#8211; zeitung f\u00fcr linke Debatte und Praxis \/ Nr. 642&#8230;<\/a> vom 20. Oktober 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nina Scholz. 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