{"id":4198,"date":"2018-10-24T08:18:26","date_gmt":"2018-10-24T06:18:26","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4198"},"modified":"2018-10-24T08:18:26","modified_gmt":"2018-10-24T06:18:26","slug":"frauenstreik-und-aushaengeschild-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4198","title":{"rendered":"Frauenstreik und Aush\u00e4ngeschild-Politik"},"content":{"rendered":"<p><em>Michael Wepf.<\/em> Der pr\u00e4gende Begriff f\u00fcr die Frauenbewegung ab den 80ern ist Professionalisierung \u2013 aber doppelt: Immer mehr Frauen sind erwerbst\u00e4tig und die Kampfformen wurden stark institutionell. Einen Kontrapunkt<!--more--> stellt der Frauenstreik von 1991 dar. Wie passt das zusammen? Geschichte der Schweizer Frauenbewegung Teil vier.<\/p>\n<p>Am 14. Juni 1991 hiess es \u00fcberall in der Schweiz: \u00abWenn Frau will, steht alles still\u00bb. 500\u2019000 Frauen (und teils M\u00e4nner) demonstrierten gegen die r\u00fcckst\u00e4ndigen Verh\u00e4ltnisse in der Schweiz. Seit 1981 stand der Gleichstellungsartikel in der Bundesverfassung, doch bewegt hatte sich wenig. Zehn Jahre sp\u00e4ter waren Frauen rechtlich und vor allem sozial noch immer viel schlechter gestellt als M\u00e4nner \u2013 auch im internationalen Vergleich. Der Streik verlangte deshalb eine Beschleunigung bei den zentralen Forderungen: zivilstandsunabh\u00e4ngige Renten, eine Mutterschaftsversicherung und gleichen Lohn f\u00fcr gleiche Arbeit. Bis heute wurde erst die Mutterschaftsversicherung durchgesetzt und zwar in abgemagerter Form im Jahr 2005. Der gr\u00f6sste Streik in der Geschichte der Schweiz kann also nur teilweise als Erfolg verstanden werden. Beginnen wir aber in den 80er Jahren, um besser zu verstehen, vor welchem Hintergrund der Frauenstreik zustande kam.<\/p>\n<p><strong>Die autonome Frauenbewegung<\/strong><\/p>\n<p>Das Verm\u00e4chtnis der Neuen Frauenbewegung \u2013 die in den 68ern und im Protest gegen die SP entstanden war \u2013 war eine autonome Frauenbewegung. Daneben bestanden institutionelle Gruppen in der SP und verschiedenen NGOs. 1985 l\u00f6sten sich die autonomen Gruppen der Frauenbefreiungsbewegung (FBB) gr\u00f6sstenteils auf. Nur ein kleiner Teil blieb weiterhin in \u00abWyberrr\u00e4ten\u00bb organisiert oder in thematisch klar begrenzten Initiativen aktiv.<\/p>\n<p>Ebenfalls 1985 hatte die SVP den UNO-Beitritt gebodigt. Es war der erste nationale Erfolg des \u00abVolkstribuns\u00bb Christoph Blocher. Die neoliberale Konterrevolution rollte an und mit ihr verschob sich das ganze politische Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis nach rechts. Die Schweiz war sozialpolitisch immer r\u00fcckst\u00e4ndig gewesen. Doch nun griff die einsetzende Austerit\u00e4tspolitik die wenigen Errungenschaften frontal an, auch jene der Frauenbewegung. Die Gleichstellungsb\u00fcros blieben nicht verschont. In Zug wurde dieses bereits 1996 geschlossen. Leider reagierten die Frauenorganisationen nicht mit Widerstand und breiter Mobilisierung, sondern viele passten sich an. Sie machten einen Schritt nach rechts, an die Schulter der b\u00fcrgerlichen Feministinnen.<\/p>\n<p><strong>SP-Bundesratskandidatinnen\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Die 80er-Jahre waren von den zahlreichen Mobilisierungen und Aktionen der Frauengruppen gezeichnet. Doch ab Ende des Jahrzehnts wurde es ruhiger. Die sp\u00e4rlichen Erfolge f\u00fchrten nicht zu einer St\u00e4rkung, sondern zur Neuorientierung. In erster Linie mussten die erk\u00e4mpften und aufgebauten Frauenh\u00e4user, Gleichstellungsb\u00fcros und Frauenr\u00e4ume verteidigt werden.<\/p>\n<p>Als Kampfplatz w\u00e4hlten sich die Frauen die institutionelle, b\u00fcrgerliche Politik. Daf\u00fcr diente die SP als wichtigstes Auffangbecken der ehemals autonom organisierten Frauen. Und das obwohl die SP-F\u00fchrung gar nicht daran dachte, f\u00fcr radikale Frauenforderungen zu k\u00e4mpfen. Dies war 1983 zum Ausdruck gekommen: Die SP hatte mit Liliane Uchtenhagen eine Bundesratskandidatin aufgestellt; sie w\u00e4re die erste in diesem Amt gewesen. Stattdessen w\u00e4hlte die b\u00fcrgerliche Mehrheit den SP-Mann Otto Stich. Grosse Emp\u00f6rung ging durch die Linke und die Frage der SP-Regierungsbeteiligung wurde aufgeworfen. Der Parteitag w\u00e4hlte allerdings den Weg des geringeren Widerstandes: Die SP blieb im Bundesrat. Sp\u00e4ter kam mit Elisabeth Kopp die erste Bundesr\u00e4tin aus der FDP.<\/p>\n<p><strong>\u2026im Kreuzfeuer<\/strong><\/p>\n<p>1993 nahm die SP den zweiten Anlauf: Sie nominierte die Genfer Gewerkschafterin Christiane Brunner als Bundesratskandidatin. Sie wurde nicht gew\u00e4hlt \u2013 daf\u00fcr ein Parteikollege, der die Wahl ausschlug. Dieses Ereignis mobilisierte zehntausende Frauen vor das Bundeshaus. Ihr Protest richtete sich gegen den fortlaufenden Ausschluss von Frauen aus dem Bundesrat.<\/p>\n<p>Die Kampfforderungen wurden g\u00e4nzlich den staatlichen Institutionen und den b\u00fcrgerlichen Spielregeln untergeordnet.<\/p>\n<p>Brunner war Pr\u00e4sidentin der Industriegewerkschaft SMUV und geh\u00f6rte zum linken Fl\u00fcgel der SP. Um ihre Wahl zu verhindern, griffen die B\u00fcrgerlichen zu dreckigen Mitteln: Der Blick f\u00fchrte eine Schmutzkampagne gegen Brunner. Neben der politischen Dem\u00fctigung wurde sie der Abtreibung beschuldigt und ihr wurden Sexorgien angedichtet. Die skandal\u00f6sen Verleumdungen d\u00fcrfen aber nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass auch eine Wahl keine Garantie f\u00fcr erfolgreiche linke Politik gewesen w\u00e4re. Schlussendlich wurde die SP-Frau Ruth Dreyfuss die zweite Bundesr\u00e4tin. Ihr Departement stellte sich 1995 hinter eine AHV-Reform, die das Frauenrentenalter anhob.<\/p>\n<p><strong>Die Flucht in Aush\u00e4ngeschild-Politik<\/strong><\/p>\n<p>An Dreyfuss\u2019 Wahl wurde veranschaulicht, wie sehr sich die Frauenbewegung bereits im institutionellen Laufgitter verrannt hatte. Mit dem R\u00fcckgang der Frauen-Mobilisierungen siegte die b\u00fcrgerliche Frauenpolitik: Hauptsache Frauen waren \u00fcberhaupt in der Regierung vertreten. Das verschleiert allerdings die fundamental unterschiedlichen Interessen zwischen einer Frau wie Christiane Brunner, Chef-Organisatorin des Frauenstreik von 1991, und Elisabeth Kopp, Mitverantwortliche des Fichen-Skandals. Die Kampfforderungen wurden g\u00e4nzlich den staatlichen Institutionen und den b\u00fcrgerlichen Spielregeln untergeordnet. Es blieben nur zwei politische Instrumente: Expertinnentum und Quoten. Professionelle Frauenprojekte und NGO-Aufbau sollten die immer st\u00e4rker fehlende Bewegung auf der Strasse ersetzen, so der Ansatz f\u00fchrender Frauenaktivistinnen der Neunziger. Zus\u00e4tzlich entkr\u00e4ftend wirkte die Abkehr von Selbstorganisation und Kampf der lohnabh\u00e4ngigen Frauen. Die Versinnbildlichung dieser Anpassung folgte 1995 mit der Lancierung der \u00abQuoteninitiative\u00bb. Damit sollte eine fixe Frauenvertretung in der Bundesregierung erreicht werden. 2000 wurde sie klar abgelehnt.<\/p>\n<p>Diese isolierte Bem\u00fchung bildete den Anfang der symbolisch-emanzipatorischen Aush\u00e4ngeschild- Politik, die die SP und Gr\u00fcnen bis heute aufrechterhalten. Damit verweigern sie seither klar ihre Verantwortung f\u00fcr die Organisierung der erwerbst\u00e4tigen unter den lohnabh\u00e4ngigen Frauen. Ihre Politik l\u00e4uft der Ver\u00e4nderung der gesellschaftlichen Realit\u00e4t v\u00f6llig entgegen.<\/p>\n<p><strong>Gewerkschaften als Ventil<\/strong><\/p>\n<p>Die Erwerbst\u00e4tigkeit von Frauen stieg nach der Wirtschaftskrise der 70er-Jahre wieder an. Waren bis dahin Migrantinnen viel \u00f6fter erwerbst\u00e4tig als Schweizerinnen (1980 57,5% respektive 42%), \u00fcberstieg dieser Wert nach 1990 auch f\u00fcr letztere die 50%-Marke. Frauen arbeiteten jedoch viel \u00f6fter Teilzeit als M\u00e4nner. In den Gewerkschaften forderten die Frauen, dass mehr Ressourcen des Apparates in die Verbesserung der Lage von Frauen gesteckt werden. Langsam wurden Stellen geschaffen, wie das Frauensekretariat im SMUV. Christiane Brunner wurde daf\u00fcr gew\u00e4hlt. Ihre Person verk\u00f6rperte das Aufb\u00e4umen der Gewerkschafterinnen in den 80er-Jahren.<\/p>\n<p>\u00dcber Jahrzehnte hinweg war das Verh\u00e4ltnis zwischen den grossen Gewerkschaften und den Frauen ein paternalistisch-vernachl\u00e4ssigendes gewesen. In den 80er-Jahren diskutierte der SMUV dann ein Frauen-Aktionsprogramm, das in abgeschw\u00e4chter Form sogar angenommen wurde. Doch die Notwendigkeit zum solidarischen Kampf mit den Frauen sahen viele Gewerkschafter weiterhin nicht. Die Umsetzung des SMUV-Aktionsprogramm scheiterte an den knapp budgetierten Mitteln. \u00c4hnlich im Dachverband SGB: Im selben Zeitraum wurden qualitative Ziele f\u00fcr die Gleichstellung aufgestellt, doch in die Praxis flossen diese kaum ein.<\/p>\n<p>Diese ern\u00fcchternden Diskussionen offenbarten erneut, dass die Frauenbefreiung entgegen der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie durchgesetzt werden musste und das schweisste die Gewerkschafterinnen zusammen. Deshalb umschifften sie die institutionalisierte Frauenbewegung in der SP und den b\u00fcrgerlichen Parteien. Die Gewerkschafterinnen entschlossen sich mit anderen Mitteln zu k\u00e4mpfen. Im waadtl\u00e4ndischen Vall\u00e9e de Joux schlug die Uhrenarbeiterin Liliane Valceschini 1989 vor, einen eint\u00e4gigen Frauenstreik zu organisieren.<\/p>\n<p><strong>\u00abWenn Frau will, steht alles still\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Nach zweij\u00e4hriger Vorbereitungszeit kam es tats\u00e4chlich dazu. Die Massenmobilisierung f\u00fcr Frauenfragen war schwieriger geworden. Aber nun schien neuer Schwung reinzukommen.<\/p>\n<p>Am 14. Juni 1991 nahm sich eine halbe Million Frauen die Schweizer Strassen. Die \u00f6konomische Wirkung des Frauenstreiks war, verglichen mit der Zahl an Streikenden, bescheiden. Zuvor waren \u00fcberall Streikkomitees aufgebaut worden. Das erm\u00f6glichte einerseits, dass der Streik grossfl\u00e4chig zum Diskussionsthema wurde. Dementsprechend stark war auch die Mobilisierung am Tag X. Doch wo es eben fehlte, war die Organisation der betrieblichen Streiks. Diese beschr\u00e4nkten sich haupts\u00e4chlich auf den Jura-Bogen (Industrie) und die Spit\u00e4ler in Z\u00fcrich. Die Vernachl\u00e4ssigung der betrieblichen Komponente liess ein grosses Potenzial ungenutzt.<\/p>\n<p>Trotzdem stellt der Frauenstreik einen wichtigen Pr\u00e4zedenzfall f\u00fcr den Schweizer Klassenkampf dar: Vor dem Hintergrund des Kollaps des Warschauer Paktes im selben Jahr war die Mobilisierung bemerkenswert. Doch konkrete Errungenschaften waren rar. Der SMUV schrieb in einer Festschrift, dass die Wirkung ein \u00abBewusstseinsschub\u00bb war. Viele Frauen f\u00fchlten sich best\u00e4rkt, danach eine Lohnerh\u00f6hung zu fordern. Kollektive Verbesserungen gab es aber nicht: Der Gleichstellungsartikel bleibt bis heute symbolisch und in den folgenden Wahlen im Herbst 1991 blieb der Frauenanteil gleich niedrig. Aus dem Streik entstand auch keine Organisation, welche weiter f\u00fcr ihre Anliegen k\u00e4mpfte. Zu schnell verpuffte der grosse Elan wieder.<\/p>\n<p><strong>Wichtige Ereignisse und Reformen<\/strong><\/p>\n<p>1981 \u2013 Verabschiedung Gleichstellungsartikel BV<\/p>\n<p>1988 \u2013 Neues Eherecht 1991 \u2013 Frauenstreik<\/p>\n<p>1993 \u2013 BR-Wahl: Brunner nicht gew\u00e4hlt<\/p>\n<p>1995 \u2013 Quoten-Initiative eingereicht<\/p>\n<p>1996 \u2013 Vergewaltigung in Ehe wird Offizialdelikt<\/p>\n<p>1996 \u2013 Gleichstellungsgesetz in Kraft<\/p>\n<p><strong>Ohne Symbolpolitik!: Frauenstreik 2019<\/strong><\/p>\n<p>Der Frauenstreik ist Ausdruck davon, dass die Politik der wichtigsten Frauenorganisationen Ende der 1980er Jahre ziemlich am Bewusstsein der lohnabh\u00e4ngigen Frauen vorbeiging. Sie hatten sich schon v\u00f6llig von Massenmobilisierungen verabschiedet. Als dann doch eine gr\u00f6ssere Dynamik entstand, vermochte niemand dieser ein richtiges Programm zu geben. Letztlich wurde der Frauenstreik so nicht ein Meilenstein in der Frauenbefreiung, sondern vielmehr ein Mega-Happening mit den gleichen Forderungen wie davor und danach.<\/p>\n<p>Seit kurzem verabschieden sich AktivistInnen langsam vom rein institutionellem Kampf, Symbolpolitik und Quoten \u2013 also den Irrwegen der 80er- und 90er-Jahre. Ein wichtiger Schritt, denn die kritische Auseinandersetzung und Bewertung der Geschichte einer Bewegung ist essentiell, um die richtigen Kampfmittel zu w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Ein Frauenstreik wird keine Frau in den Bundesrat oder einen Verwaltungsrat bringen. Aber f\u00fcr Frauen der ArbeiterInnenklasse ist der Streik ein zentrales, unerl\u00e4ssliches Kampfmittel. Obwohl 1991 kein Flop war, kann und muss 2019 mehr herausschauen!<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/geschlechterfragen\/frauenstreik-und-aushaengeschild-politik\/\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 24. Oktober 2018 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Wepf. Der pr\u00e4gende Begriff f\u00fcr die Frauenbewegung ab den 80ern ist Professionalisierung \u2013 aber doppelt: Immer mehr Frauen sind erwerbst\u00e4tig und die Kampfformen wurden stark institutionell. 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