{"id":4213,"date":"2018-10-30T09:20:57","date_gmt":"2018-10-30T07:20:57","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4213"},"modified":"2018-10-30T09:25:01","modified_gmt":"2018-10-30T07:25:01","slug":"4213","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4213","title":{"rendered":"Ist das Bolsonaro-Regime faschistisch?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der brasilianische Marxist Val\u00e9rio Arcary \u00fcber den politischen Charakter des angehenden brasilianischen Pr\u00e4sidenten Jair Bolsonaro.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><em>Der am Sonntag den 28. Oktober 2018 aus der Stichwahl als Sieger hervorgegangene brasilianische Pr\u00e4sidentschaftskandidat Jair Bolsonaro wird oft mit Donald Trump verglichen \u2013\u00a0und\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/bolsonaro-brasilien-praesidentschaftswahl-faschismus\/\"><em>das aus gutem Grund<\/em><\/a><em>: Er ist ein rassistischer, frauenfeindlicher, homophober und antidemokratischer Provokateur, dessen Sieg die gef\u00e4hrlichsten Elemente der brasilianischen Gesellschaft st\u00e4rken wird. Aber Bolsonaro ist nicht blo\u00df ein widerw\u00e4rtiger Politiker. Er hat eine Massengefolgschaft unter den Mittelschichten und auch unter Teilen der Armen Brasiliens \u2013 und das im Kontext einer\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/brasilien-massenstreiks-die-extreme-rechte-und-die-macht-des-militaers\/\"><em>dramatischen Wirtschaftskrise, gro\u00dfen sozialen Verwerfungen<\/em><\/a><em>\u00a0und einem schwindelerregenden Anstieg der Stra\u00dfengewalt.<\/em><\/p>\n<p><em>Doch die Situation ist nicht hoffnungslos. Anfang der 1980er Jahre gelang es den brasilianischen Arbeiterinnen und Arbeitern eine fast zwei Jahrzehnte lang w\u00e4hrende Milit\u00e4rdiktatur durch Massenstreiks zu st\u00fcrzen. Dieser Umsturz f\u00fchrte damals zur Bildung der Arbeiterpartei (PT). In den folgenden Jahrzehnten erlebte Brasilien einige der weltweit gr\u00f6\u00dften und radikalsten Massenbewegungen der Arbeiterklasse, der Jugend und Studierenden, der st\u00e4dtischen Armen und landlosen Bauern sowie gewaltige Proteste der feministischen und der LGBTQI-Bewegung, genau wie der indigenen und schwarzen B\u00fcrgerrechtsbewegungen.<\/em><\/p>\n<p><em>Das Bruttoinlandsprodukt Brasiliens umfasst beinahe die H\u00e4lfte der Wirtschaftskraft von ganz S\u00fcdamerikas. Was in Brasilien passiert, ist also von Bedeutung \u2013 ganz offensichtlich f\u00fcr die 210 Millionen Menschen, die dort leben, aber auch f\u00fcr das Schicksal der Arbeiterklasse und der Unterdr\u00fcckten des ganzen Kontinents.<\/em><\/p>\n<p><em>Hier ver\u00f6ffentlichen wir eine Analyse des politischen Charakters von Jair Bolsonaro und der von ihm ausgehenden Bedrohung, die von Val\u00e9rio Arcary, einem f\u00fchrenden Mitglied von Resist\u00eancia, einer revolution\u00e4r-sozialistischen Str\u00f6mung in der \u00bbPartei f\u00fcr Sozialismus und Freiheit\u00ab (PSOL), verfasst wurde. PSOL stellte in der ersten Wahlrunde eigene Kandidaten auf \u2013\u00a0Guilherme Boulos und S\u00f4nia Guajarara \u2013\u00a0und erhielt 617.000 Stimmen. In der Zweiten Runde unterst\u00fctzte die Partei Fernando Haddad von der PT.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Artikel wurde von Todd Chretien aus dem Portugiesischen ins Englische \u00fcbersetzt. Von ihm wurde auch diese Einleitung verfasst. Einde O\u2019Callaghan hat den Artikel ins Deutsche \u00fcbersetzt.<\/em><\/p>\n<p><strong>Nicht alle radikalen Rechten sind Faschisten<\/strong><\/p>\n<p>Seit Wochen tobt in Brasilien und dar\u00fcber hinaus eine Debatte \u00fcber die Frage, ob Jair Bolsonaro ein Neofaschist ist oder nicht. Dies ist keine akademische Frage, aber sie verlangt eine klare Antwort. Wer nicht wei\u00df, gegen wen er oder sie k\u00e4mpft, kann nicht gewinnen. Aber was sollten unsere Kriterien sein, um einen politischen Anf\u00fchrer als neofaschistisch zu klassifizieren?<\/p>\n<p>Offensichtlich bedeutet die beil\u00e4ufige Bezeichnung einer beliebigen politischen Str\u00f6mung oder eines politischen Akteurs der radikalen Rechten als faschistisch, ein Urteil zu f\u00e4llen, das im Allgemeinen nachl\u00e4ssig, historisch falsch und politisch fehlerhaft ist. Der Faschismus ist eine so gravierende Gefahr, dass wir sehr vorsichtig sein m\u00fcssen, wie wir ihn definieren und wen wir damit charakterisieren. Alle Rechtsradikalen sind gef\u00e4hrliche Reaktion\u00e4re, aber nicht alle Rechtsradikalen sind Faschisten. Es ist daher notwendig, unsere Feinde mit gro\u00dfer Vorsicht zu analysieren.<\/p>\n<p>Um es vorwegzunehmen: Bolsonaro ist ein Neofaschist. Er ist ein Faschist, der aus unserem spezifischen Zeitalter entspringt \u2013 das hei\u00dft, nach der Restaurierung des marktwirtschaftlichen Kapitalismus in der ehemaligen Sowjetunion und in China. Diejenigen, die glauben, das sei eine \u00dcbertreibung, t\u00e4uschen sich. Auch wenn Bolsonaro noch keine landesweite faschistische politische Partei aufgebaut hat und obwohl die Mehrheit seiner W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler selbst keine Faschistinnen und Faschisten sind, was z\u00e4hlt, ist die Tatsache, dass sich um Bolsonaro momentan der Kern einer faschistischen F\u00fchrung mit Massenanhang herausbildet.<\/p>\n<p><strong>Die verschiedenen Gesichter des Faschismus<\/strong><\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich ist der heutige Neofaschismus keine exakte Kopie des historischen Faschismus. F\u00fcr Marxistinnen und Marxisten war der Faschismus im Wesentlichen eine politische Form der Konterrevolution, die aus der Bedrohung einer europaweiten von der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/100-jahre-oktoberrevolution-wir-koennen-gewinnen\/\">Russischen Revolution 1917<\/a>\u00a0inspirierten Arbeiterrevolution entsprang. Alle faschistischen Parteien verteidigten die Notwendigkeit eines totalit\u00e4ren Regimes. Die Abschaffung der demokratischen Freiheiten, die mit gew\u00e4hlten Regierungen verbunden sind, war ein Instrument zur Zerst\u00f6rung der Organisationen der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Trotzdem war der italienische Faschismus nicht mit dem deutschen Faschismus (mit seinem chronischen Antisemitismus) identisch, noch mit dem Franquismus in Spanien (der sich auf dem formalen Erhalt der Monarchie st\u00fctzte) oder mit dem Salazarismus in Portugal (mit seinem fanatischen Katholizismus). Alle hatten ihre Eigent\u00fcmlichkeiten. Aber trotz dieser Nuancen verdienen sie alle die Bezeichnung faschistisch.<\/p>\n<p>Es ist klar, dass die Bedingungen heute nicht der Situation in den 1930er Jahren nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs, dem Sieg der Russischen Revolution und der Wirtschaftskrise der 1920er Jahre gleichen. Seit der Weltwirtschaftskrise von 2008 wiederholen wir nicht einfach die \u00bb1930er Jahre in Zeitlupe\u00ab. Es besteht zum Beispiel f\u00fcr das Kapital keine unmittelbare Gefahr einer neuen Oktoberrevolution. Nichtsdestotrotz haben wir im Laufe des letzten Jahrzehnts weltweit eine St\u00e4rkung der radikalen Rechten erlebt.<\/p>\n<p><strong>Neofaschismus in Brasilien<\/strong><\/p>\n<p>Der Neofaschismus in einem halbperipheren Land wie Brasilien kann nicht den gleichen Charakter annehmen, wie der Faschismus im Europa der 1920er und 1930er Jahre. Er entstand vielmehr aus der Erfahrung bestimmter Teile der Mittelschichten w\u00e4hrend der 14 Jahre der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/brasilien-und-das-scheitern-der-klassenversoehnung\/\">klassenkollaborierenden Regierungen der Arbeiterpartei<\/a>, zuerst unter Lula da Silva und dann bis zu ihrer\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/brasilien-putsch-von-rechts\/\">Amtsenthebung im Jahre 2016<\/a>\u00a0unter Dilma Rousseff. Er wird angetrieben von der wirtschaftlichen Stagnation und dem sozialen R\u00fcckschritt, die die letzten vier Jahre in Brasilien charakterisieren.<\/p>\n<p>Trotzdem bedeutet das nicht, dass die f\u00fchrenden Fraktionen der Bourgeoisie sich in Brasilien dem Faschismus zugewendet haben, um die Gefahr einer Revolution abzuwehren oder die Arbeiterklasse zu zerschlagen. Bis vor einigen Wochen unterst\u00fctzte die \u00fcberwiegende Mehrheit der Bourgeoisie noch Geraldo Jos\u00e9 Rodrigues de Alckmin Filho, den Pr\u00e4sidentschaftskandidaten der zentristischen und durch und durch kapitalistischen \u00bbSozialdemokratischen Partei Brasiliens\u00ab (PSDB). Bolsonaros erfolgreiche Kandidatur ist vielmehr Ausdruck der Bewegung der reaktion\u00e4rsten Teile der Mittelschichten, die von nur einer Minderheitenfraktion der Bourgeoisie unterst\u00fctzt und von der Wirtschaftskrise angetrieben wird.<\/p>\n<p>Um zu begr\u00fcnden, warum Bolsonaro als Neofaschist charakterisiert werden sollte, werden im Folgenden zehn Kriterien dargestellt, die hierf\u00fcr als ausschlaggebend erachtet werden:<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Soziale Herkunft<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die soziale Herkunft Bolsonaros ist kleinb\u00fcrgerlich. Mit einer Karriere im Milit\u00e4r gelang ihm ein rascher sozialer Aufstieg \u2013 ein typischer Karriereweg f\u00fcr viele Generationen von Brasilianern europ\u00e4ischer Herkunft, auch weil er eine weit weniger anspruchsvolle akademische Leistung erfordert als eine Karriere als Mediziner, Jurist oder Ingenieur. Das Milit\u00e4r bietet Stabilit\u00e4t und von Beginn an ein vergleichsweise hohes Gehalt.<\/p>\n<p>Bolsonaros Klassenherkunft liefert in Teilen auch eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr einige seiner Obsessionen: den Rassismus, die sozialen Ressentiments, den erbitterten Antikommunismus, den Vorstadtnationalismus, die Faszination f\u00fcr die US-amerikanische Mittelschicht und den anti-intellektuellen Groll.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong>Politische Laufbahn<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Bolsonaros Laufbahn war zun\u00e4chst die eines widerspenstigen, aufs\u00e4ssigen Offiziers und dann die eines politischen Au\u00dfenseiters mit marginalem Einfluss als Kongressabgeordneter. Bolsonaro war nie ein brillanter Kopf, sondern ein unversch\u00e4mter Politiker \u2013 eigentlich ein Schwachkopf.<\/p>\n<p>Die bedeutende politische Rolle, die Bolsonaro heute spielt, l\u00e4sst sich nicht verstehen, ohne die Auswirkungen der gro\u00dfen Antikorruptionsuntersuchungen \u00bbLava Jato\u00ab. Seit 2014 haben sich Teile der Bourgeoisie den Kampf gegen die Korruption auf die Fahne geschrieben. Das ist nichts Neues: Schon fr\u00fcher haben Fraktionen der brasilianischen Bourgeoisie in ihren internen K\u00e4mpfen das Thema f\u00fcr sich entdeckt. So etwa im Jahr 1954, um den damaligen Pr\u00e4sidenten Get\u00falio Vargas zu st\u00fcrzen, im Jahr 1960, um J\u00e2nio Quadros zu w\u00e4hlen, um 1964 den Milit\u00e4rputsch zu legitimieren, 1989 Fernando Collor de Melo zu w\u00e4hlen und um 2016 die Amtsenthebung von Dilma Rousseff zu legitimieren.<\/p>\n<p>Bolsonaro tauchte erst w\u00e4hrend der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/gespaltene-linke-und-enttaeuschung-brasilien\/\">Mobilisierungen in den Jahren 2015 und 2016<\/a>\u00a0f\u00fcr die Amtsenthebung Rousseffs aus der politischen Versenkung auf. Damals fand die Forderung nach einer milit\u00e4rischen Intervention Zehntausende Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4ngern unter den Millionen Menschen, die auf die Stra\u00dfe gingen.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong>Politisches Programm<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Bolsonaro reagierte auf die Forderung nach einer starken F\u00fchrung, angesichts der Korruption der Regierung, der Versch\u00e4rfung der Krise der \u00f6ffentlichen Sicherheit, der Unzufriedenheit mit der gestiegenen Steuerlast f\u00fcr die Mittelschichten, des Ruins zahlreicher Kleinunternehmer und der Verarmung durch Inflation und steigende Kosten f\u00fcr privaten Bildung, Sicherheit und das Gesundheitswesen. Im Angesicht der Wirtschaftskrise der letzten vier Jahre stand er f\u00fcr \u00bbOrdnung\u00ab, gegen Streiks und Demonstrationen, f\u00fcr klare Autorit\u00e4t, gegen die politische L\u00e4hmung und f\u00fcr einen \u00fcbersteigerten Nationalstolz.<\/p>\n<p>Bolsonaro gelang es, an die Unzufriedenheit am rechten Rand der aufgebrachten Mittelschichten anzukn\u00fcpfen, die sich nach \u00bbOrdnung\u00ab sehnten, die in ihren K\u00f6pfen durch die zwei Jahrzehnte Milit\u00e4rdiktatur verk\u00f6rpert wird.\u00a0Zudem gelang es Bolsonaro das Rampenlicht auf sich zu ziehen, indem er sich zur Stimme der Gegenreaktion gegen die sozialen Bewegungen der letzten Jahre\u00a0machte \u2013\u00a0gegen den Feminismus, die Bewegungen der Schwarzen und der LGBT-Menschen sowie gegen Umweltaktivisten.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong>Politisches Projekt<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Bolsonaros politisches Projekt zielt darauf ab, ein bonapartistisches Regime aufzubauen \u2013 ein Begriff, der sich auf das Regime des Kaisers Louis-Napol\u00e9on Bonapartes in Frankreich zwischen 1852 und 1870 bezieht \u2014 das hei\u00dft, ein autorit\u00e4res Regime, in dem die Pr\u00e4sidentschaft sich \u00fcber alle anderen Institutionen wie Parlament oder Richterschaft erhebt und alle Macht im Namen der Verteidigung der Einheit der Nation konzentriert. Dies dr\u00fcckt sich auch in Bolsonaros Wahlkampfslogan \u00bbBrasilien \u00fcber alles\u00ab aus.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gibt es mehrere Formen des Bonapartismus. Bolsonaros Projekt wird unterst\u00fctzt durch die Mobilisierung einer Massenbewegung aus verzweifelten Schichten der Gesellschaft und deutet auf den Aufbau eines autorit\u00e4ren Regimes hin, das je nach Entwicklung der sozialen und politischen K\u00e4mpfe einen zumindest halbfaschistischen Charakter annehmen k\u00f6nnte.<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li><strong>Beziehung zu den staatlichen Institutionen und zum politischen Regime<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Bolsonaros Beziehungen zu den staatlichen Institutionen bestehen insbesondere in einem engen Verh\u00e4ltnis zu den Streitkr\u00e4ften und der Polizei. Dies wird sich auch in seiner Regierung widerspiegeln, in die er zahlreiche Milit\u00e4rs berufen will.<\/p>\n<p>Er ist kein rechter Populist wie Trump, noch ist er einfach ein autorit\u00e4rer F\u00fchrer, der sich nach seinem Sieg \u00fcber die PT leicht durch Druck aus den f\u00fchrenden Kreisen der herrschenden Klasse neutralisieren l\u00e4sst. Stattdessen wird Bolsonaro nach einem Wahlsieg \u2013 der auch eine Mehrheit im Kongress einschlie\u00dft, die es ihm erm\u00f6glichen wird, reaktion\u00e4re Verfassungs\u00e4nderungen durchzusetzen \u2013 mit voller Unterst\u00fctzung der Streitkr\u00e4fte sein Mandat aus\u00fcben. Damit wird er eine Macht innehaben, wie kein anderer Pr\u00e4sident seit dem Ende der Milit\u00e4rdiktatur im Jahr 1985.<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li><strong>Beziehung zur herrschenden Klasse und Verh\u00e4ltnis zur Arbeiterklasse<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Bolsonaro konnte seit seinem Wahlantritt die Beziehungen mit der Gro\u00dfbourgeoisie ausbauen, indem er den Investmentbanker Paulo Guedes zum \u00bbSuperminister\u00ab f\u00fcr Wirtschaft ernannte. Damit signalisierte er seine Absicht, eine ultraneoliberale Politik durchzuf\u00fchren, mit Schwerpunkt auf beschleunigten Privatisierungen, radikalen Steuersenkungen und einem Frontalangriff auf die Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern.<\/p>\n<p>Seine Strategie besteht darin, Brasilien im Weltmarkt neben den USA und gegen China zu positionieren. Sein Ziel ist es, Investitionen aus den USA anzuziehen, um Brasilien aus der Stagnation zu retten. Diese Strategie entspricht auch den Pl\u00e4nen des m\u00e4chtigsten Teils der Bourgeoisie, aber sie l\u00e4sst sich nicht ohne\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/brasilien-temer-generalstreik-linke\/\">scharfe soziale Konfrontationen<\/a>\u00a0in die Praxis umsetzen. Der Grund daf\u00fcr ist, dass die Arbeiterklasse Brasiliens bislang noch keine historische Niederlage erlitten hat. Eine solche Niederlage w\u00fcrde bedeuten, dass eine ganze Generation ihr Selbstbewusstsein verliert und es viele Jahre braucht, bevor eine neue Generation den Kampf wiederaufnimmt.<\/p>\n<p>Der Prozess zwischen in Jahren 2015 und 2016, der mit dem parlamentarischen Putsch gegen die Regierung von Dilma Rousseff endete, war eine heftige Niederlage f\u00fcr die Arbeiterklasse und die brasilianische Linke, aber es war keine historische Niederlage. Was wir erlebt haben, war eine Umkehrung der sozialen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse, eine politisch-soziale Niederlage.<\/p>\n<p>Diese Charakterisierung soll jedoch keineswegs die Gefahr hinter dem Aufstieg Bolsonaros herunterspielen. Wenn wir die gegenw\u00e4rtige reaktion\u00e4re Dynamik nicht stoppen, ist die brasilianische Arbeiterklasse einer sehr ernsten Bedrohung ausgesetzt.<\/p>\n<ol start=\"7\">\n<li><strong>Charakter der politischen Partei bzw. Bewegung, die er aufbaut<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Bolsonaro ist es nicht gelungen, eine gefestigte faschistische Partei aufzubauen. Vielmehr hat er die rechtskonservative \u00bbSozial-Liberale Partei\u00ab (PSL) \u00fcbernommen und zu seinem Instrument f\u00fcr seinen Wahlantritt gemacht.<\/p>\n<p>Diese Schw\u00e4che konnte er jedoch weitgehend durch die Mobilisierung einer Massenbewegung auf den Stra\u00dfen ausgleichen. Zudem sollte uns das Fehlen einer faschistischen Partei nicht zu voreiligen Schl\u00fcssen verleiten. Auch nach seinem Wahlsieg kann Bolsonaro noch versuchen, eine solche Partei aufzubauen und sich dabei sogar noch auf die Kontrolle \u00fcber den Staatsapparat st\u00fctzen. Und tats\u00e4chlich hat er bereits eine Kampagne zur Mitgliedergewinnung f\u00fcr die PSL angek\u00fcndigt, die das Ziel hat, zehn Millionen Mitglieder f\u00fcr die Partei zu gewinnen.<\/p>\n<ol start=\"8\">\n<li><strong>Soziale Basis seiner Unterst\u00fctzer- und W\u00e4hlerschaft<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Was die soziale Basis seiner Unterst\u00fctzer- und W\u00e4hlerschaft betrifft, so sind selbstverst\u00e4ndlich die \u00fcberwiegende Mehrheit seiner W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler keine Faschisten. Was jedoch an erster Stelle eine Bewegung definiert, ist die Richtung, in die sie sich bewegt. Und Bolsonaros gr\u00f6\u00dftenteils kleinb\u00fcrgerliche Anh\u00e4ngerschaft bewegt sich in rasantem Tempo nach rechts. Zugleich ist die Bewegung hinter ihm sehr breit aufgestellt,\u00a0umfasst Menschen aus allen sozialen Schichten und kann mittlerweile als gr\u00f6\u00dfte politische Str\u00f6mung Brasiliens bezeichnet werden.<\/p>\n<ol start=\"9\">\n<li><strong>Internationalen Kontakte<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Auch Bolsonaros internationale Kontakte d\u00fcrfen nicht untersch\u00e4tzt werden. Es gibt eine internationale Rechte, auch wenn sie sich noch im Keimstadium befindet, die sich weltweit vernetzt und mit Geldmitteln von einigen m\u00e4chtigen Wirtschaftsgruppen systematisch aufgebaut wird\u00a0\u2013 so etwa von Fraktionen des US-Kapitals, die darauf abzielen, sich dem\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/saebelrasseln-im-westpazifik\/\">Aufstieg Chinas als neuer imperialistischer Macht<\/a>\u00a0zu widersetzen.<\/p>\n<ol start=\"10\">\n<li><strong>Finanzierung seiner politischen Arbeit<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Finanzierung der Wahlkampagne Bolsonaros bleibt weitgehend im Dunkeln. Aber seine Reichweite und Pr\u00e4senz sowie seine Sichtbarkeit in den sozialen Netzwerken deuten darauf hin, dass Teile des brasilianischen Kapitals ihn finanziell unterst\u00fctzen \u2013 einige davon sind mittlerweile bekannt.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/bolsonaro-brasilien-praesident-neofaschist-analyse\/\"><em>marx21.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. Oktober 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der brasilianische Marxist Val\u00e9rio Arcary \u00fcber den politischen Charakter des angehenden brasilianischen Pr\u00e4sidenten Jair Bolsonaro.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[25,74,34,18,71,76,46,17],"class_list":["post-4213","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-arbeiterbewegung","tag-brasilien","tag-faschismus","tag-imperialismus","tag-lateinamerika","tag-neue-rechte","tag-usa","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4213","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4213"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4213\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4216,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4213\/revisions\/4216"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4213"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4213"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4213"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}