{"id":4219,"date":"2018-10-30T18:11:28","date_gmt":"2018-10-30T16:11:28","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4219"},"modified":"2018-10-30T18:11:28","modified_gmt":"2018-10-30T16:11:28","slug":"italien-goldene-zeiten-zerrissenes-land","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4219","title":{"rendered":"Italien: \u00bbGoldene\u00ab Zeiten, zerrissenes Land"},"content":{"rendered":"<p><em>Paola Giaculli.<\/em> <strong>Die Industrie w\u00e4chst, der Export legt zu \u2013 trotzdem ist Italien \u00f6konomisch in der Dauerkrise. Ein Grund: Durch das Wirtschaftssystem geht ein tiefer Riss; zudem ist das Land stark<!--more--> in Nord und S\u00fcd gespalte<\/strong>n.<\/p>\n<p>Anders als es oft \u2013 auch von linksorientierten \u00d6konomen \u2013 behauptet wird, leidet Italien nicht unter mangelnder Exportrentabilit\u00e4t. Die Finanz- und Wirtschaftstageszeitung \u00bbIl Sole24ore\u00ab des Industrieverbandes Confindustria\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ilsole24ore.com\/art\/commenti-e-idee\/2018-10-24\/il-triennio-d-oro-manifattura-battuta-locomotiva-tedesca-082505.shtml?uuid=AEQXnDUG&amp;refresh_ce=1\">berichtete vor wenigen Tagen \u00fcber die positive Entwicklung<\/a>\u00a0in der italienischen Industrie und bezeichnet die letzten drei Jahre als \u00bbgoldene\u00ab Zeiten, in der die \u00bbdeutsche Lokomotive geschlagen\u00ab wurde.<\/p>\n<p>Laut der Daten des Statistikamtes ISTAT w\u00e4chst die italienische Industrie (+3,8 Prozent) 2017 anders als erwartet mehr als die deutsche (+2,7 Prozent), britische (+2,3 Prozent) und franz\u00f6sische (+1,7 Prozent). Dazu hat insbesondere der Export beigetragen. Der italienische Handels\u00fcberschuss, der f\u00fcnfst\u00e4rkste der Welt, hat sich in den letzten zehn Jahren in diesem Bereich fast verdoppelt \u2013 von 53 Milliarden Euro in 2007 auf 97 Milliarden Euro in 2017)<\/p>\n<p>Die Au\u00dfenwirtschaft hat sich nach der Krise der Jahre 2008 bis 2013 als Motor der italienischen Wirtschaft erwiesen. Im Vergleich zu 2013 wachsen insbesondere die Sparten Transportmittel (+42 Prozent), Metallprodukte (+13,8 Prozent), Pharmazeutik (+12,4 Prozent), Chemie (+12,3 Prozent) und Lebensmittel (+9,9 Prozent). Italien scheint also alles andere als\u00a0 nicht konkurrenzf\u00e4hig zu sein. Aber die Erfolge der Industrie k\u00f6nnen kaum zum Wachstum des gesamten Bruttoinlandsproduktes beitragen. Wo hakt es dann?<\/p>\n<p>Das enorme Ungleichgewicht innerhalb des Landes stellt einen gro\u00dfen Bremsfaktor dar. Das Wirtschaftssystem und somit Italien ist tief gespalten: einerseits der erfolgreiche Industriesektor, andererseits kriselnde \u00f6ffentliche Dienste, Infrastrukturen, Bauindustrie, Dienstleistungen, Energie, Wasser und Transporte. Norditalien, wo sich die Industrie konzentriert, ist l\u00e4ngst Bestandteil der nordeurop\u00e4ischen Wirtschaftsregion, w\u00e4hrend der deindustrialisierte S\u00fcden unter chronischem Mangel an Infrastrukturen und hohen Armutsraten leidet \u2013 zum Vergleich: Erwerbslosigkeit im Norden ist \u00e4hnlich niedrig wie in Deutschland, im S\u00fcden \u00e4hnlich hoch wie in Griechenland).<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese stark auseinander gehende Entwicklung \u2013 als geh\u00f6rten Nord und S\u00fcd nicht zu einem und demselben Staat \u2013 liegen zeitlich sehr weit in der italienischen Geschichte. Letztlich widerspiegelte sich das immer gr\u00f6\u00dfere Gef\u00e4lle zwischen Nord und S\u00fcd bei den letzten Parlamentswahlen im differenzierten Wahlverhalten (Lega-Mehrheit im Norden, 5-Sterne-Mehrheit im S\u00fcden).<\/p>\n<p>In den so genannten drei\u00dfig goldenen bzw. glorreichen Jahren, als das Kapital in Westeuropa auf der Seite des sozialen Kompromisses stand, strebten die von Christdemokraten gef\u00fchrten Regierungen nach Vollbesch\u00e4ftigung. Von den 1950er bis zu den 1980er Jahren spielte der Staat eine strategische Rolle in der Wirtschaftspolitik durch die Errichtung und den Erwerb von Unter- nehmen in den verschiedensten Bereichen (Metall, Stahl, Werften, Automobil, Energie, Lebensmittel, Telekommunikation, Banken, Autobahnen, usw.) Die Betriebe waren im Institut f\u00fcr den Wiederaufbau Italiens (IRI) organisiert, ab 1982 unter der F\u00fchrung von Romano Prodi, dem sp\u00e4teren EU-Kommissionspr\u00e4sident\u00a0und Ministerpr\u00e4sidenten von zwei Mitte-Links-Regierungen. Insbesondere in S\u00fcditalien (1980: insgesamt rund 556.000 Besch\u00e4ftigte). Hinzu kamen die Energiekonzerne ENI (Erd\u00f6l) und ENEL (Strom).<\/p>\n<p>In den 1980er Jahren begannen die Privatisierungswellen und damit der Abbau der staatlichen Betriebe bis zur endg\u00fcltigen Aufl\u00f6sung 2000. Seitdem mangelt es in Italien an einer Industrie- und Wirtschaftsstrategie mit besonders schwerwiegenden Folgen f\u00fcr die Besch\u00e4ftigung im S\u00fcden.<\/p>\n<p>Andererseits ist die Situation sehr komplex, denn die Deindustrialisierung betrifft in den letzten Jahren auch traditionell gut entwickelten Gebiete im Norden und im Zentrum zum Beispiel im Textil- und Metallbereich. Durch den Ausverkauf von \u00bbErbst\u00fccken\u00ab der italienischen Wirtschaft an internationale Konzerne bzw. Investitionsfonds (unl\u00e4ngst von Magneti Marelli, Konkurrent von Bosch) herrscht allgemeine Ungewissheit \u00fcber das Erhalten von Arbeitspl\u00e4tzen und Know-How. In mehreren F\u00e4llen hat dies zu Schlie\u00dfungen und deshalb hoher Erwerbslosigkeit gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die andauernde Verlagerung von nicht unbedingt von der Krise betroffenen, bzw. soliden Betrieben nach unter anderem Serbien, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rum\u00e4nien und Bulgarien hat die Besch\u00e4ftigungskrise weiter versch\u00e4rft. Bis zum Paradox, dass Facharbeiter ins Ausland geschickt werden, um Kollegen fortzubilden, die ihre Jobs jetzt \u00bbwegnehmen\u00ab, wie im Fall des Embraco (Whirpool) bei Turin, mit 500 Besch\u00e4ftigten (1.450 Euro Nettolohn), der aufgrund von Niedrigl\u00f6hnen (Mindestlohn bei 500 Euro) und g\u00fcnstiger Unternehmenssteuer in die Slowakei verlagert wurde.<\/p>\n<p>Gro\u00dfunternehmen mit wichtigen Werken sowohl im Norden als auch im S\u00fcden wie die ehemalige FIAT, die als FCA nach der Fusionierung mit dem nordamerikanischen Konzern Chrysler den Sitz nach London bzw. Amsterdam verlegt hat, sind l\u00e4ngst weniger an Produktion als an Finanzwirtschaft interessiert. Trotz Investitionsversprechen wurde die Autoproduktion nach und nach abgebaut (in Richtung Serbien, Polen, USA) statt Alternativen zu entwickeln.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem grassieren Korruption und organisierte Kriminalit\u00e4t weiter, insbesondere dort, wo wie im S\u00fcden hohe Arbeitslosigkeit herrscht. Den in Italien h\u00f6chsten und damit in der EU drittschlechtesten Anteil an jugendlichen Erwerbslosen hat laut Eurostat-Zahlen von April 2018 Kalabrien mit 55,6 Prozent. Hier besitzt die lokale Mafia, die m\u00e4chtige N\u2019drangheta, faktisch das globale Monopol auf den Kokainhandel.<\/p>\n<p>Die Steuerhinterziehung bzw. -vermeidung\u00a0<a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/deutschland\/id_82649640\/enthuellungen-durch-paradise-papers-steueroasen-kosten-deutschland-viele-milliarden.html\">wird aktuell bei 100 bis 130 Milliarden Euro im Jahr gesch\u00e4tzt<\/a>. Die Schattenwirtschaft soll 12,4 Prozent des BIP ausmachen (210 Milliarden Euro). Laut ISTAT machen \u00bbSchwarzarbeiter\u00ab 15,6 Prozent (3,7 Millionen) der Gesamtzahl der Erwerbst\u00e4tigen aus, stark vertreten in den Bereichen Dienstleistungen und Pflege (47,2 Prozent), Landwirtschaft (18,6), Bauindustrie (16,6), Handel, Transporte, Wohnen und Gastronomie (16,2). Der Schattenmehrwert in der Industrie (vor allem Lebensmittel und Konsumg\u00fcter) betr\u00e4gt 7,5 Prozent.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem: In einem Land mit extrem maroden Infrastrukturen, das immer wieder von Erdbeben, Bodenerosion und Erdrutschen geplagt wird, sollte der Staat nat\u00fcrlich viel mehr in Infrastrukturen investieren. Im von der EU-Kommission gerade abgelehnten Haushaltsentwurf liegt der Anteil dazu bei 3,5 Prozent.<\/p>\n<p>Auf einen Wiederaufschwung durch die Erh\u00f6hung der Sozialhilfe bzw. Nachbesserungen der inhumanen Rentenreform (Regierung Monti 2012) sowie Steuersenkungen zu hoffen, scheint illusorisch. Steuergerechtigkeit und konsequente Bek\u00e4mpfung von Steuerhinterziehung, Schattenwirtschaft und organisierter Kriminalit\u00e4t w\u00e4re viel angemessener als ein Steuererlass. Umso mehr scheint der Kampf gegen \u00bbillegale\u00ab Einwanderung als Bedrohung unten den bestehenden Umst\u00e4nden als Sand in den Augen streuen.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens wurde eine vom ehemaligen Ministerpr\u00e4sidenten Renzi ausgedachte Steuerpr\u00e4mie f\u00fcr Superreiche der fr\u00fcheren Regierung Gentiloni nicht abgeschafft. Alle, die in den letzten Jahren zumindest neun Jahre im Ausland angemeldet waren und sich in Italien wieder neu anmelden, sollen eine Pauschal von 100.000 Euro pro Jahr f\u00fcr insgesamt bis zu 15 Jahre an den Fiskus zahlen, v\u00f6llig abgesehen davon, wie viel Gewinne im Ausland gemacht wurden. Dar\u00fcber freut sich nicht nur Cristiano Ronaldo.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/oxiblog.de\/goldene-zeiten-zerrissenes-land-zur-krise-in-italien\/\"><em>oxiblog.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. Oktober 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paola Giaculli. 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