{"id":4224,"date":"2018-10-31T09:54:44","date_gmt":"2018-10-31T07:54:44","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4224"},"modified":"2018-10-31T09:54:44","modified_gmt":"2018-10-31T07:54:44","slug":"alexandra-kollontai-was-bedeutet-die-arbeiter-opposition-1921","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4224","title":{"rendered":"Alexandra Kollontai \u2013 Was bedeutet die \u201eArbeiter-Opposition\u201c? (1921)"},"content":{"rendered":"<p><em>Vorwort der Redaktion Aufruhrgebiet. <\/em>Alexandra Kollontais Text \u201eWas bedeutet die \u201aArbeiter-Opposition\u2018?\u201c von 1921 sehen wir als wichtigen Beitrag f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Oktoberrevolution, ihrer Probleme und ihrer letztlichen Degeneration<!--more--> zum Stalinismus und zum Staatskapitalismus an. Die \u201eArbeiteropposition\u201c (AO) um ihre wichtigste Protagonistin Alexandra Kollontai war bereits 1919 als innerparteiliche Opposition v.a. gegen die Einf\u00fchrung des \u201eKriegskommunismus\u201c entstanden. Auch wenn sie unserer Ansicht nach auch einige falsche Positionen vertrat, besteht ihr gro\u00dfes Verdienst darin, dass sie zuerst und am nachdr\u00fccklichsten f\u00fcr die Prinzipien einer echten Arbeiter-R\u00e4te-Demokratie eintrat und auf die Gefahr der Etablierung einer Herrschaft der B\u00fcrokratie hinwies.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 1921 hatte sich die Lage in Sowjetrussland zugespitzt: Hunger, Mangel, das Darniederliegen der Wirtschaft, Arbeiterstreiks, Bauernaufst\u00e4nde, die Ereignisse von Kronstadt \u2013 all das war Ausdruck einer dramatischen gesellschaftliche Krise des Landes. Zugleich bedeutete der Sieg im B\u00fcrgerkrieg aber, dass es die Chance gab, diese Krise zu \u00fcberwinden. Dazu waren grunds\u00e4tzliche Ver\u00e4nderungen in Politik und Wirtschaft notwendig, um die Arbeiterklasse wieder zum Subjekt der Gesellschaftsentwicklung zu machen und ihr die soziale Bewegungsfreiheit zur\u00fcck zu geben, die sie braucht, um die Entwicklung zum Kommunismus voran zu bringen.<\/p>\n<p>Der X. Parteitag der Bolschewiki im M\u00e4rz 1921, parallel zu Kronstadt, beschloss die \u201eNeue \u00f6konomische Politik\u201c (N\u00d6P), die zu einer deutlichen wirtschaftlichen Belebung f\u00fchrte und das Hungerproblem l\u00f6ste. Die AO lehnte die N\u00d6P ab, was nach unserer Meinung ein Fehler war. Doch der weit gr\u00f6\u00dfere Fehler der Bolschewiki bestand darin, die notwendigen Reformen im politischen Bereich zur Revitalisierung der Sowjet-Demokratie nicht durchgef\u00fchrt zu haben. Im Gegenteil: durch das Verbot von Fraktionen, die v.a. die AO traf, wurde das Dilemma noch vertieft.<\/p>\n<p>Wir meinen, dass die AO zu stark die \u201ekonterrevolution\u00e4re\u201c Rolle der b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4fte im Staatsapparat betont und zu wenig verstanden hat, dass der Staat selbst mit seinen Strukturen das Problem war und nicht sein Personal, weil er eine Herrschaft \u00fcber die Klasse repr\u00e4sentiert und nicht die direkte Herrschaft der Klasse selbst, sondern diese behindert. Trotzdem war die AO der wichtigste Ansatz daf\u00fcr, den Aufstieg der B\u00fcrokratie zur herrschenden Kaste und sp\u00e4ter zur herrschenden Klasse zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Kollontais Schrift vermittelt einen guten Einblick in die damalige Situation als auch in die Ursachen der Entstehung der AO und ihre Ziele. Leider hat \u201eder Marxismus\u201c wenig Notiz von der AO genommen. Auch die Bedeutung Alexandra Kollontais wird fast immer nur auf ihren Kampf f\u00fcr die Frauenbefreiung bezogen. Dass sie eine der wichtigsten F\u00fchrerInnen der AO war, wird oft nicht einmal erw\u00e4hnt. Wir ver\u00f6ffentlichen deshalb hier Kollontais Schrift als Beitrag zu einem umfassenderen und realistischeren Verst\u00e4ndnis der Russischen Revolution durch die Linke und den \u201eMarxismus\u201c.<\/p>\n<p><em>Redaktion Aufruhrgebiet<\/em><\/p>\n<p><strong>Was bedeutet die \u201eArbeiter-Opposition\u201c? (1921)<\/strong><\/p>\n<p><strong>Alexandra Kollontai<\/strong><\/p>\n<p>Was bedeutet die \u201eArbeiteropposition\u201c? Ist sie f\u00fcr die Interessen unserer Partei und der Weltrevolution notwendig oder umgekehrt, ist diese Erscheinung sch\u00e4dlich, zersetzt sie die Partei, ist sie \u201epolitisch gef\u00e4hrlich\u201c, wie es Genosse Trotzki w\u00e4hrend der Diskussion \u00fcber die Gewerkschaftsfrage vor kurzem gesagt hat?<\/p>\n<p>Um diese Fragen zu beantworten, die viele unserer Genossen besch\u00e4ftigen und beunruhigen, muss zun\u00e4chst festgestellt werden:<\/p>\n<ul>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ol>\n<li>aus wem die Arbeiteropposition besteht und wie sie entstanden ist,<\/li>\n<li>worin der Grund f\u00fcr die Differenzen zwischen den f\u00fchrenden Genossen unserer Parteizentren und der Arbeiteropposition liegt.<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es ist sehr charakteristisch \u2013 darauf m\u00fcssen unsere Parteiinstanzen ganz besonders aufmerksam gemacht werden -, dass die Arbeiteropposition aus dem fortgeschrittensten Teil des organisierten Proletariats, aus Kommunisten, besteht. Die Opposition setzt sich fast ausschlie\u00dflich aus Gewerkschaftsmitgliedern zusammen, wie es die Unterschriften unter die Thesen der Opposition \u00fcber die Rolle der Industrieverb\u00e4nde bezeugen. Was sind Gewerkschaftsmitglieder? Es sind Arbeiter, es ist jener Teil der Avantgarde des russischen Proletariats, der auf seinen Schultern alle Lasten des revolution\u00e4ren Kampfes getragen, der sich nicht zerstreut hat \u00fcber die verschiedensten Sowjetinstitutionen, der nicht mit den Arbeitermassen die Verbindung verloren, sondern fest mit ihnen verbunden geblieben ist. Gewerkschaftler sein, eine starke, lebendige Verbindung mit seiner Gewerkschaft, was bedeutet, mit den Arbeitern seines Betriebszweiges aufrecht erhalten, ist in diesen st\u00fcrmischen Jahren, als das Zentrum des gesellschaftlichen und politischen Lebens au\u00dferhalb der Gewerkschaften lag, nicht leicht und nicht ganz einfach. Die hohen Wogen der Revolution rissen und trugen die besten, st\u00e4rksten, t\u00e4tigsten Elemente des Industrieproletariats davon, schleuderten die einen an die Front, die anderen in Sowjetinstitutionen, die dritten hinter B\u00fcrotische mit Bergen von Papieren, Berechnungen und Vorschl\u00e4gen.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaften sind entv\u00f6lkert worden. Nur Arbeiter, die \u00e4u\u00dferst stark mit proletarischem Klassenbewusstsein erf\u00fcllt sind, nur die Auslese der vorw\u00e4rts schreitenden revolution\u00e4ren Klasse, die zu stark war, um von der \u201eGewalt\u201c und kleinem Ehrgeiz korrumpiert zu werden, die sich an dem Wettlauf um die Sowjetkarriere und dem Sowjetb\u00fcrokratismus nicht beteiligte, sind innerlich mit den Massen, mit den Arbeitern, mit denselben unteren Schichten verbunden, aus denen sie selbst hervorgegangen sind und mit denen sie die organische Verbindung trotz aller \u201ehohen\u201c Sowjetposten nicht verloren haben. In dem Augenblick, als die Situation an der Kriegsfront ruhiger geworden, und als der Schwerpunkt des Lebens mehr auf den wirtschaftlichen Wiederaufbau \u00fcbergegangen war, haben sich diese typischen, unbestechlichen, die begeisterten und standhaftesten Vertreter der proletarischen Klasse beeilt, ihren Milit\u00e4rrock abzulegen, ihre Mappen voller b\u00fcrokratischen Papiere beiseite zu legen, um den stillen Ruf ihrer Klassenbr\u00fcder, der Fabrikarbeiter, der Millionen russischen Proletarier zu beantworten, die selbst in der sowjetischen Arbeitsrepublik ein gesch\u00e4ndetes, elendes Zuchth\u00e4uslerdasein f\u00fchren.<\/p>\n<p>Mit ihrem Klasseninstinkt haben diese Genossen, die an der Spitze der Arbeiteropposition stehen, verstanden, dass etwas faul ist im Staate D\u00e4nemark. Sie haben verstanden, dass wir zwar w\u00e4hrend der drei Jahre Revolution allerdings den Sowjetapparat festgef\u00fcgt haben, dass wir das Prinzip der Arbeiter- und Bauern-Arbeitsrepublik gefestigt haben, dass aber die Arbeiterklasse selbst, als Klasse, als ein einziges, unzertrennbares soziales Ganzes mit gemeinsamen, gleichartigen Klassenforderungen, Klassenaufgaben und Klasseninteressen und also mit einer gemeinsamen ausgepr\u00e4gten klaren Klassenpolitik in der Sowjetrepublik eine immer geringere Rolle spielt, immer weniger imstande ist, die Ma\u00dfnahmen seiner eigenen Regierung zu beeinflussen, immer weniger die Politik und die Arbeit leitet, und immer weniger die Gedanken der Zentralorgane des proletarischen Staates beherrscht. Wer h\u00e4tte zu Beginn der Revolution von \u201eunteren und oberen\u201c Schichten gesprochen? Die Massen, die Arbeitermassen, und die leitenden Parteiinstanzen waren eins. Die Hoffnungen, die in den unteren Schichten das Leben und den Kampf geboren haben, fanden ihren klarsten Widerhall, ihre klarste und wissenschaftliche Formulierung in den leitenden Parteiinstanzen. Ein Gegensatz zwischen oberen und unteren Schichten war undenkbar. Heute besteht dieser Gegensatz; mit keiner Agitation, mit keinen terroristischen Methoden wird aus dem Bewusstsein der breiten Massen geleugnet werden k\u00f6nnen, dass eine charakteristische neue \u201esoziale Schicht\u201c der sowjetichen Parteispitzen entstanden ist.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaftsmitglieder, die bestehende Zelle der Arbeiteropposition, haben dies verstanden oder besser gesagt, haben dies mit ihrem gesunden Klasseninstinkt gef\u00fchlt. Das erste, was sie getan haben, war, die Verbindung mit den unteren Schichten herzustellen, der Eintritt in ihre Klassenorgane, die Gewerkschaften. Die Gewerkschaften sind die Organe, die w\u00e4hrend dieser drei Jahre am wenigsten dem zersetzenden Einfluss entgegengesetzter, fremder nicht proletarischer Interessen (des Bauerntums und der an das Sowjetsystem sich anpassenden Bourgeoisie) ausgesetzt waren, Einfl\u00fcsse, die unsere Sowjetinstitutionen verkr\u00fcppelten, die unsere Politik aus der klaren Klassenbahn in den Sumpf der \u201eAnpassung\u201c zogen. Die Arbeiteropposition besteht also vor allen Dingen aus Proletariern, die noch eng mit dem Amboss, oder dem Bergwerk verbunden sind, ist Fleisch aus dem Fleische der Arbeiterklasse. Die Arbeiteropposition zeichnet sich dadurch aus, dass es bei ihr keine gro\u00dfen hervorragenden F\u00fchrer gibt, das, was man unter \u201eF\u00fchrern\u201c gewohnt ist zu verstehen. Sie ist wie jede gesunde, unbedingt notwendige, aus dem Leben der Klasse begr\u00fcndete Bewegung inmitten der breiten, unteren Arbeiterschichten entstanden; sie verbreitete sich spontan \u00fcber ganz Sowjetrussland, selbst dorthin, wo die Entstehung der Opposition nicht bekannt war.<\/p>\n<p>\u201eWir hatten keine Ahnung davon, dass es in Moskau Gegens\u00e4tze \u00fcber die Rolle der Gewerkschaften gibt und dass dar\u00fcber Diskussionen gef\u00fchrt werden\u201c, sagte ein Delegierter aus Sibirien auf dem Kongress der Bergarbeiter. \u201eAber uns beunruhigten dieselben Fragen, die auch Euch besch\u00e4ftigen.\u201c Hinter der Arbeiteropposition stehen proletarische Massen. Die Arbeiteropposition ist der Teil unseres Industrieproletariats, der in sich alle Klassenforderungen vereinigt, der klassenbewusst und klassenstandhaft ist, ist der Teil, der glaubt, dass man die gro\u00dfe schaffende Kraft des Proletariats auf dem Gebiete des Aufbaus einer kommunistischen Wirtschaft nicht mit der Etikette der formalen Diktatur der Arbeiterklasse vertauschen kann.<\/p>\n<p>Je h\u00f6her wir die Stufen der sowjetischen und Partei-\u201cPosten\u201c hinaufsteigen, desto weniger Anh\u00e4nger der Opposition finden wir. Je tiefer wir in die Masse hinabsteigen, desto mehr findet die Plattform der Arbeiteropposition Widerhall in ihren Reihen.<\/p>\n<p>Dies ist charakteristisch, dies ist bedeutend, dies m\u00fcssen die leitenden Instanzen der Partei beachten. Wenn die Massen von den \u201eSpitzen\u201c fortgehen, wenn ein Abgrund, eine Spalte zwischen den leitenden Parteiinstanzen und den unteren Schichten entsteht, bedeutet es, dass in den oberen Instanzen etwas faul ist, besonders dann, wenn die Massen nicht schweigen, sondern denken, hervortreten, sich verteidigen, ihre Losungen behaupten. Die Spitzen k\u00f6nnen die Massen von dem geraden geschichtlichen Weg, der zum Triumph des Kommunismus f\u00fchrt, nur dann ablenken, wenn die Masse schweigt, sich unterwirft, wenn sie passiv und voller Vertrauen den F\u00fchrern folgt. Dies geschah im Jahre 1914 zu Beginn des Weltkrieges, als die Arbeiter ihren F\u00fchrern geglaubt haben und beschlossen haben: \u201eSie wissen besser als wir den geschichtlichen Weg. Unsere instinktive Auflehnung gegen den Krieg t\u00e4uscht uns, wir m\u00fcssen schweigen, wir m\u00fcssen die Auflehnung in uns niederdr\u00fccken und auf die Alten h\u00f6ren.\u201c Aber wenn die Masse in Aufregung ger\u00e4t, wenn ihre Gedanken arbeiten, wenn die Masse kritisiert, wenn sie beharrlich gegen ihre geliebten F\u00fchrer stimmt, oft sogar die pers\u00f6nliche Sympathie zu ihnen unterdr\u00fcckend, so wird die Sache ernst. Dann ist es die Aufgabe der Partei, diese Gegens\u00e4tze nicht mit Stillschweigen zu \u00fcbergehen, nicht die Opposition mit unbedeutenden und unbegr\u00fcndeten Namen zu bezeichnen, sondern mit allem Ernst die Tiefe der Frage zu durchdenken, wo und worin der Grund f\u00fcr die Gegens\u00e4tze besteht, was die Arbeiterklasse, der Tr\u00e4ger des Kommunismus, sein einziger Sch\u00f6pfer, will.<\/p>\n<p>So ist die Arbeiteropposition der fortgeschrittenste Teil des Proletariats, der Teil, der die lebendige Verbindung mit den in den Gewerkschaften organisierten Arbeitern nicht gebrochen hat und nicht \u00fcber alle Sowjetinstitutionen verstreut ist.<\/p>\n<p><strong>Grund der Meinungsverschiedenheiten<\/strong><\/p>\n<p>Bevor wir der Frage auf den Grund gehen, weshalb die \u201eArbeiteropposition\u201c mit dem offiziellen Standpunkt unserer leitenden Zentren auseinandergegangen ist, m\u00fcssen wir uns zwei Tatsachen fest einpr\u00e4gen: vor allem das, dass die Arbeiteropposition aus der Mitte des industriellen Proletariats Russlands herausgewachsen ist, dass sie gro\u00df geworden ist nicht nur durch die schweren Lebens- und Arbeitsverh\u00e4ltnisse der sieben Millionen industrieller Proletarier, sondern durch eine Reihe von Schwankungen und Widerspr\u00fcchen und auch direkter Abweichungen unserer Sowjetpolitik von den klaren, r\u00fccksichtslosen Klassenprinzipien des kommunistischen Programms. Zweitens ist die Arbeiteropposition nicht ein Resultat pers\u00f6nlicher Meinungsverschiedenheiten und Zwistigkeiten. Sie setzte sich nicht in irgendeinem einzigen Zentrum fest, sondern verbreitete sich \u00fcber die ganze Sowjetrepublik, in jedem Versuch der Arbeiter, die Ursachen der Meinungsverschiedenheiten zu ergr\u00fcnden, zu bestimmen und das auszudr\u00fccken, was die Arbeiteropposition will, einen Widerhall an allen Ecken und Enden des Landes findend.<\/p>\n<p>Heute hat man den Eindruck, dass die Wurzel der Verschiedenheiten zwischen der Arbeiteropposition und den vielen Str\u00f6mungen der Parteispitzen nur in der verschiedenen Auffassung \u00fcber die Rolle und Aufgaben der Gewerkschaften besteht. Das ist nicht richtig. Die Ursachen liegen tiefer. Die Vertreter der Opposition k\u00f6nnen sie nur nicht immer klar ausdr\u00fccken und genau formulieren, man braucht aber nur eine Anzahl von Fragen bez\u00fcglich des Aufbaus der Republik ber\u00fchren und sofort werden die Meinungsverschiedenheiten \u00fcber eine Reihe grundlegender Prinzipien wirtschaftlichen und politischen Charakters zum Vorschein kommen.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal zeigten sich ernste Meinungsunterschiede zwischen den leitenden Spitzen unserer Partei und den Vertretern des in den Gewerkschaften organisierten Proletariats bei der Besprechung des Prinzips \u00fcber die \u201eExekutivmacht von Einzelpersonen\u201c und die \u201eExekutivmacht von Kollegien\u201c. Die Opposition existierte noch nicht als eine bestimmt formulierte Gruppe, aber es ist charakteristisch, dass die Vertreter der Gewerkschaften, d.h. jener Organisation, die in ihrer Zusammensetzung rein die Klasse zum Ausdruck bringt, sich f\u00fcr die \u201eKollegialit\u00e4t\u201c aussprachen, w\u00e4hrend die f\u00fchrenden Parteispitzen, die gewohnheitsm\u00e4\u00dfig alle Erscheinungen vom Gesichtswinkel der sowjet-b\u00fcrokratischen Politik betrachten, jener besonderen Anpassungsf\u00e4higkeit an die sozial verschiedenen und manchmal politisch einander widersprechenden Forderungen der verschiedenen sozialen Bev\u00f6lkerungsgruppen (Proletariat, Kleingrundbesitzer, Bauern und Bourgeoisie in der Person von Spezialisten und Pseudospezialisten aller m\u00f6glichen Schattierungen) gegen dieses Prinzip der \u201eKollegialit\u00e4t\u201c stimmten.<\/p>\n<p>Warum treten gerade die Gewerkschaften, die ihre Beweisf\u00fchrung nicht wissenschaftlich begr\u00fcnden konnten, so hartn\u00e4ckig f\u00fcr die Verwaltung durch Kollegien und gegen die Verteidiger der \u201eSpezialisten\u201c f\u00fcr die durch Einzelpersonen ein? Gerade deshalb, weil bei diesem Streit zwei, ihrem Wesen nach unvereinbare, historische Standpunkte aneinanderstie\u00dfen (obwohl beide Seiten \u201eprinzipiell\u201c der Frage keine Bedeutung beima\u00dfen). Die Str\u00f6mung f\u00fcr die Exekutivmacht von Einzelnen ist Fleisch vom Fleische der individualistischen, d.h. sein eigenes Ich stets in den Vordergrund stellende Weltanschauung der b\u00fcrgerlichen Klasse. Die Einzelherrschaft ist der vom Kollektiv losgel\u00f6ste, \u201efreie\u201c, isolierte menschliche Wille, der sich in allen Gebieten, angefangen von der Selbstherrschaft des Staatsoberhauptes bis zur Selbstherrschaft des Betriebsdirektors, ausdr\u00fcckt; sie ist die h\u00f6chste Weisheit des b\u00fcrgerlichen Denkens. Die Bourgeoisie glaubt nicht an die St\u00e4rke des Kollektivs. Es gef\u00e4llt ihr mehr, die Masse zu einer gehorsamen Herde zusammenzuscharen und sie nach dem pers\u00f6nlichen, individuellen Willen dorthin zu treiben, wohin es die F\u00fchrer f\u00fcr n\u00f6tig befinden.<\/p>\n<p>Im Gegensatz hierzu wei\u00df die Arbeiterklasse und ihre Ideologen, dass die neuen kommunistischen Aufgaben der Klasse nur durch die kollektive, gemeinsam-sch\u00f6pferische T\u00e4tigkeit, durch die gemeinsamen Anstrengungen der Arbeiter selbst verwirklicht werden k\u00f6nnen. Je enger die Arbeiterkollektiven miteinander verbunden sind, je mehr die Massen zur \u00c4u\u00dferung eines allgemeinen Kollektivwillens und -denkens erzogen werden, desto schneller und vollkommener wird die Klasse ihre Aufgabe verwirklichen, d.h. eine neue, nicht zersplitterte, aber einheitliche, harmonisch zusammengefasste kommunistische Wirtschaft schaffen k\u00f6nnen. Nur derjenige, der mit der Produktion praktisch verbunden ist, kann in ihr belebende Neuerungen einf\u00fchren. Die Lossagung vom Prinzip der Kollektivit\u00e4t in der Verwaltung der Produktion war von Seiten unserer Partei ein Zugest\u00e4ndnis, eine Anpassung an den Augenblick, eine Abweichung von jenem kleinen Teil der Klassenrichtlinien, die wir in der ersten Periode der Revolution so leidenschaftlich aufstellten und verteidigten.<\/p>\n<p>Wie konnte dies alles geschehen? Wie kam es, dass unsere widerstandsf\u00e4hige, in den K\u00e4mpfen der Revolution gest\u00e4hlte Partei sich vom geraden Klassenwege ablenken lie\u00df und auf den verschlungenen Wegen der von ihr so verhassten und gebrandmarkten Zugest\u00e4ndnisse herumzuirren begann?<\/p>\n<p>Auf diese Fragen werden wir weiter unten antworten. Jetzt aber werden wir zur Frage, wie sich die Arbeiteropposition gebildet und entwickelt hat, \u00fcbergehen.<\/p>\n<p>Der 9. Parteitag fand im Fr\u00fchjahr statt. Im Sommer gab die Opposition kein besonderes Lebenszeichen von sich. Auch w\u00e4hrend der st\u00fcrmischen Debatten \u00fcber die Gewerkschaftsfragen auf dem Zweiten Kongress der Kommunistischen Internationale war nichts von ihr zu h\u00f6ren. Aber in der Tiefe, in den unteren Schichten, ging ihre Arbeit des Sammelns von Erfahrungen und kritischer Gedanken ununterbrochen weiter. Diese Arbeit hat ihre bei weitem noch nicht vollendeten Resultate auf der Parteikonferenz im September 1920 gezeigt. So lange bewegte sich der Gedanke noch auf dem Gebiete der Verneinung und Kritik. Positive und bestimmte Vorschl\u00e4ge waren noch nicht vorhanden. Aber es war schon klar, dass die Partei eine neue Etappe durchmacht, dass in ihr eine G\u00e4rung Platz greift, dass die unteren Schichten Freiheit der Kritik fordern und laut erkl\u00e4ren, dass der B\u00fcrokratismus sie ersticke und ihnen f\u00fcr die lebendige Bet\u00e4tigung und Ausdehnung der Initiative keinen Spielraum lasse. Die f\u00fchrenden Parteispitzen begriffen die beginnende G\u00e4rung sogleich und gaben in der Person des Genossen Sinowjew viele Wortversprechungen f\u00fcr die Freiheit der Kritik, die Erleichterung der Selbstt\u00e4tigkeit der Massen, die Notwendigkeit, die sch\u00e4dlichen b\u00fcrokratischen Abweichungen zu bek\u00e4mpfen und f\u00fcr die strenge Verfolgung aller Spitzen, die vom Prinzip der Demokratie ablassen. Es wurde viel und gut gesprochen. Aber vom Wort bis zur Tat ist ein langer Weg! Die September-Konferenz, zusammen mit den viel versprechenden Reden Sinowjews, hat nichts in der Partei und dem Leben der breiten Arbeitermassen ver\u00e4ndert. Die Wurzel, die die Sch\u00f6sslinge der Opposition n\u00e4hrt, war nicht vernichtet worden. In den unteren Schichten wuchs und entwickelte sich eine stumme Unzufriedenheit, Kritik und Gedankenarbeit.<\/p>\n<p>Diese verhaltende G\u00e4rung gelang bis zu den f\u00fchrenden Spitzen und erzeugte auch dort unerwartet versch\u00e4rfte Differenzen. Und es ist charakteristisch, dass sich in den Zentralen, in den oberen Kreisen unserer Partei, gerade in der Frage der Rolle der Gewerkschaften die Differenzen besonders scharf \u00e4u\u00dferten. Und das ist nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig ist der Punkt \u00fcber die Uneinigkeit zwischen der Opposition und den Spitzen der Partei nicht der einzige; immerhin ist er aber bei der gegebenen Lage der Dinge die Zentralfrage unserer ganzen inneren Politik.<\/p>\n<p>Bevor noch die Arbeiteropposition in ihren Thesen die Grundlagen, auf denen nach ihrer Meinung die Diktatur des Proletariats in der Produktionsorganisation beruhen soll, ausgearbeitet hatte, waren unsere f\u00fchrenden Spitzen bereits scharf aneinander geraten in der Frage der Absch\u00e4tzung der Rolle der Arbeiterorganisationen bei der Wiederaufrichtung der Produktion auf neuer kommunistischer Grundlage. Die Zentrale der Partei zerfiel in Gruppen; Lenin gegen Trotzki mit Bucharin als \u201ePuffer\u201c in der Mitte. Erst auf dem Achten Kongre\u00df der Sowjets und unmittelbar nachher hat es sich klar herausgestellt, dass sich in der Partei eine feste Gruppe, die sich vor allem um die Thesen \u00fcber die Rolle der Gewerkschaften zusammenschlie\u00dft, befindet und dass diese Opposition, trotzdem sie keinen gro\u00dfen F\u00fchrer und Theoretiker besitzt und von Seiten der popul\u00e4rsten Parteispitzen auf sch\u00e4rfsten Widerstand st\u00f6\u00dft, w\u00e4chst, erstarkt und sich in der Hauptsache verbreitert und ausdehnt \u00fcber die werkt\u00e4tigen Massen ganz Russlands. W\u00e4re sie nur auf Moskau und Petersburg beschr\u00e4nkt gewesen \u2013 aber nein, aus dem Donbecken, vom Ural, aus Sibirien und aus einer Reihe anderer industrieller Zentren erh\u00e4lt unsere Parteizentrale Nachrichten, dass auch dort die Arbeiteropposition entstanden und t\u00e4tig ist. Trotzdem die Opposition in der Tat noch bei weitem nicht \u00fcberall und immer in denselben Punkten konform geht, in denen die Arbeiter der Hauptst\u00e4dte Sowjetrusslands \u00fcbereinstimmen, und ihre Forderungen und Motivierungen manchmal noch viel Unklares, Verworrenes, Kleinliches haben und die grundlegenden Punkte au\u00dfer acht lassen, bleibt sich eins immer gleich \u2013 die Frage: Wer soll die sch\u00f6pferische T\u00e4tigkeit der Diktatur des Proletariats im Gebiete des wirtschaftlichen Aufbaus verwirklichen? Die Organe, die ihrem Bestand nach Klassenorgane und unmittelbar mit dem belebenden Band, mit der Produktion, verbunden sind, d.h. die Gewerkschaften \u2013 oder aber die Sowjetapparate, deren sozialer Bestand gemischt und von der unmittelbaren, lebendigen wirtschaftlichen T\u00e4tigkeit losgerissen ist? Hier liegt die Wurzel des Zwiespalts. Die Arbeiteropposition tritt f\u00fcr das erstere ein. Unsere Parteispitzen, die in ihren Thesen in weniger wesentlichen Punkten nicht \u00fcbereinstimmen, stehen r\u00fchrend einheitlich zum zweiten Standpunkt.<\/p>\n<p>Was beweist dies?<\/p>\n<p>Es zeigt, dass unsere Partei ihre erste ernste Krise seit dem Beginn der Revolution durchmacht und dass man die Opposition nicht mit dem billigen W\u00f6rtchen \u201eSyndikalismus\u201c abtun darf, aber dass es notwendig ist, dass alle Genossen dar\u00fcber nachdenken, was diese Krise hervorgerufen hat und auf wessen Seite die Klassenwahrheit steht: auf Seiten der f\u00fchrenden Spitzen oder auf Seiten des gesunden Klasseninstinkts der Arbeiter, der Proletariermasse?<\/p>\n<p><strong>Die Parteikrise<\/strong><\/p>\n<p>Bevor wir die Hauptdifferenzpunkte zwischen den leitenden Parteispitzen und der Arbeiteropposition betrachten, m\u00fcssen wir vor allem auf die Frage eine Antwort finden, wie es geschehen konnte, dass unsere Partei, die gerade dank ihrer festen und klaren Klassenlinie so kampfesmutig, unbesiegbar und m\u00e4chtig ist, anfangen konnte, von dieser Richtlinie abzuweichen. Je teurer uns die Kommunistische Partei ist, die auf dem Wege der Befreiung der Arbeiterklasse vom Joch des Kapitals einen so entscheidenden Schritt vorw\u00e4rts getan hat, desto weniger haben wir das Recht, gegen\u00fcber den Fehlern der sie f\u00fchrenden Kreise blind zu sein. Die St\u00e4rke unserer Partei bestand und muss auch weiter darin bestehen, dass diese f\u00fchrenden Zentren alle reif gewordenen Aufgaben und Fragen, die die Arbeiter miteinander vereinigen, mit gutem Ohr erfassen und die Massen nochmals zur Eroberung einer neuen historischen Position sto\u00dfen. So war es. Aber jetzt ist es nicht mehr so. Die Partei verlangsamt nicht nur ihren Sturmlauf in die Zukunft, sondern sieht sich \u201evern\u00fcnftigerweise\u201c immer \u00f6fter um: Sind wir nicht vielleicht zu weit gegangen? Ist es nicht vielleicht an der Zeit, zu rasten? Vielleicht ist es kl\u00fcger, vorsichtiger zu werden und die k\u00fchnen Experimente, die die Geschichte noch nicht gekannt hat, zu vermeiden? Wodurch wurde aber diese \u201eweise Vorsicht\u201c, die sich in letzter Zeit unserer Zentren bem\u00e4chtigt hat (und die besonders deutlich in dem Misstrauen der leitenden Parteispitzen gegen\u00fcber den produktions-wirtschaftlichen F\u00e4higkeiten der Arbeiterverb\u00e4nde zum Ausdruck kommt), hervorgerufen? Wo liegt der Grund? Wenn wir die Ursachen, die die Differenzen in unserer Partei erzeugen, n\u00e4her untersuchen, so werden wir uns davon \u00fcberzeugen, dass drei Hauptursachen den Anlass zu der gegenw\u00e4rtigen inneren Parteikrise bilden.<\/p>\n<p>Die erste, fundamentale Hauptursache ist die schwere, historische Lage, in welcher unsere Partei arbeiten und wirken muss. Die Russische Kommunistische Partei ist gezwungen, den Kommunismus aufzubauen, das Parteiprogramm zu verwirklichen:<\/p>\n<ul>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ol>\n<li>unter den Bedingungen eines v\u00f6lligen Zerfalls und Zerst\u00f6rung der Volkswirtschaft;<\/li>\n<li>unter der sich w\u00e4hrend der drei Jahre der Revolution nicht abschw\u00e4chenden Offensive der imperialistischen Staaten und des Wei\u00dfgardistentums und<\/li>\n<li>unter den Verh\u00e4ltnissen eines \u00f6konomisch zur\u00fcckgebliebenen Landes mit \u00fcberwiegend b\u00e4uerlicher Bev\u00f6lkerung, wo alle f\u00fcr die Kommunisierung und Zentralisation der Volkswirtschaft n\u00f6tigen Vorbedingungen nicht vorhanden sind und der Kapitalismus seinen vollen Kreislauf der Entwicklung (von dem unbegrenzten Konkurrenzkampf in den ersten Anf\u00e4ngen des Kapitalismus bis zu seiner h\u00f6chsten Form der Regulierung der Produktion durch wirtschaftliche Vereinigungen der Gro\u00dfindustrie, Syndikate, Trusts usw.) noch nicht durchgemacht hat.<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Nat\u00fcrlich bremsen alle diese Erscheinungen die praktische Verwirklichung unseres Programms (besonders in seinem Hauptteil, dem Aufbau der Volkswirtschaft auf neuen Grundlagen) und geben unsere wirtschaftliche Sowjetpolitik zugleich bunten Einfl\u00fcssen und dem Mangel an Einheitlichkeit preis. Die zwei anderen Ursachen sind eine Folge dieser Grundursache. Die wirtschaftliche Zur\u00fcckgebliebenheit Russlands vor allem und das \u00dcberwiegen der Bauernschaft erzeugen diese Mannigfaltigkeit der Einfl\u00fcsse und lenken die Parteipolitik im praktischen Leben von ihrer im Prinzip und in der Theorie festen, erprobten Linie ab. Die Partei, die an der Spitze eines Sowjetstaates mit sozial gemischter Bev\u00f6lkerung steht, muss gewollt oder ungewollt den Forderungen des \u201ehaush\u00e4lterischen Bauern\u201c mit seinen Tendenzen zum Kleineigentum und seinem Ekel vor dem Kommunismus sowie auch der gro\u00dfen Schicht der kleinb\u00fcrgerlichen Elemente des fr\u00fcheren kapitalistischen Russlands, d.h. den verschiedenen Aufk\u00e4ufern, Vermittlern, Kleinh\u00e4ndlern, Verk\u00e4ufern, Handwerkern und kleinen Beamten, die sich den Sowjetorganen schnell angepasst haben, Rechnung tragen. Sie sind es n\u00e4mlich in der Hauptsache, die die Sowjetinstitutionen als \u201eAgenten\u201c des Kommissariats f\u00fcr Volksern\u00e4hrung, Intendanten der Armee oder als die gerissenen \u201ePraktiker\u201c der verschiedenen Zentralen f\u00fcllen. Es ist kein Zufall, dass im Kommissariat f\u00fcr Volksern\u00e4hrung 17% Arbeiter, 13% Bauern, ungef\u00e4hr 20% Spezialisten und die \u00fcbrigen mehr als 50% ehemalige Handwerker und \u00e4hnliches sind \u2013 \u201ekleine Leute\u201c, zumeist sogar Analphabeten demokratischer Herkunft, die aber mit dem Klassenproletariat, dem Sch\u00f6pfer von Werten, den Arbeitern der Fabriken und Betriebe, nichts gemeinsam haben.<\/p>\n<p>Diese die Sowjetbeh\u00f6rden \u00fcberschwemmende Schicht des Kleinb\u00fcrgertums, des Mittelstandes, mit ihrer Feindseligkeit zum Kommunismus, ihrem Hang zu den alten Gewohnheiten der Vergangenheit, ihrem Hass und Furcht vor der revolution\u00e4ren Aktion \u2013 gerade diese Schicht zersetzt und durchtr\u00e4nkt unsere Sowjetorgane mit einem der Arbeiterklasse v\u00f6llig fremden Geiste. Es sind zwei feindliche Welten. Aber wir sind in Sowjetrussland gezwungen, uns und der Arbeiterklasse einzureden, dass das Kleinb\u00fcrgertum, der Mittelstand (von den haush\u00e4lterischen, arbeitsamen mittleren Bauern gar nicht zu reden) gut unter dem gemeinschaftlichen Aush\u00e4ngeschild: \u201eAlle Macht den Sowjets!\u201c existieren kann, w\u00e4hrend wir vergessen, dass gerade im allt\u00e4glichen praktischen Leben die Interessen der Arbeiter denen des kleinb\u00fcrgerlichen Mittelstandes und der Bauernschaft unvermeidlich entgegengesetzt sind, wodurch die Sowjetpolitik hin und her gezerrt und ihre Klassendeutlichkeit verunstaltet wird.<\/p>\n<p>Unsere Partei ist in ihrer Sowjetstaatspolitik gen\u00f6tigt, nicht nur den wirtschaftlichen Bauern im Dorf und den kleinb\u00fcrgerlichen Elementen (nicht den Arbeitern, sondern gerade den Kleinb\u00fcrgern) in der Stadt Rechnung zu tragen, sondern auch den Einfl\u00fcssen der Vertreter der Gro\u00dfbourgeoisie in Gestalt der Spezialisten, Techniker und Ingenieure, den ehemaligen Gesch\u00e4ftsleuten der Finanz- und Industriewelt, die durch ihre ganze Vergangenheit mit dem kapitalistischen System verbunden sind und sich Produktionsformen au\u00dferhalb des ihnen gewohnten Rahmens der kapitalistischen Wirtschaft nicht vorstellen k\u00f6nnen. Je mehr Sowjetrussland der Spezialisten auf dem Gebiete der Technik und Produktionsverwaltung bedarf, desto st\u00e4rker ist der Einfluss dieser den Arbeitern fremden Elemente auf den Gang und die Entwicklung der Form und des Charakters unserer neuen Wirtschaft. Im Anfang der Revolution beiseite gesto\u00dfen, w\u00e4hrend ihrer schwersten Monate eine teils abwartende, teils offen feindliche Stellung gegen\u00fcber der Sowjetmacht einnehmend (historische \u201eSabotage\u201c der Intelligenz), bekommt diese soziale Gruppe der Helfershelfer der Gro\u00dfindustrie, der gehorsamen, gut bezahlten Lohndiener des Kapitals, mit jedem Tag mehr Einfluss und immer gr\u00f6\u00dfere Bedeutung in der Politik.<\/p>\n<p>Bedarf es Namen? Jeder Genosse Arbeiter, der unsere \u00e4u\u00dfere und innere Politik verfolgt, wird sich mehr als einer solchen Gestalt erinnern \u2026<\/p>\n<p>Solange die milit\u00e4rische Front das Zentrum unseres Lebens bildete, war der Einfluss dieser Herren, der der Arbeiterklasse feindlichen Elemente, auf die Richtlinien unserer Sowjetpolitik besonders im Gebiete des Wirtschaftsaufbaus verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gering.<\/p>\n<p>Die \u201eSpezialisten\u201c (\u201eSpezis\u201c), die \u00dcberreste der Vergangenheit, die mit dem b\u00fcrgerlichen Regime, das wir vernichten, untrennbar und mit ihrem ganzen Inneren eng verbunden sind, reihten sich allm\u00e4hlich in unsere Rote Armee ein, den Geist der Vergangenheit (Verehrung des Rangs, seiner Abzeichen und Vorz\u00fcge), blinde Unterordnung statt Klassendisziplin, Willk\u00fcr der obersten Kommandeure usw. in sie hinein tragend, aber die allgemeine politische Linie der Sowjetpolitik unbeeinflusst lassend. Das Proletariat hatte gegen ihre F\u00fchrung in milit\u00e4rischen Angelegenheiten nichts einzuwenden, weil es mit gesundem Klasseninstinkt f\u00fchlte, dass die Arbeiterschaft als Klasse in milit\u00e4rischen Sachen kein neues Wort sagen, das milit\u00e4rische System von Grund auf nicht ver\u00e4ndern, noch es auf neuen Klassenprinzipien aufrichten kann. Der Militarismus der Junkerkaste ist ein Produkt der von der Menschheit schon durchgemachten Entwicklungsstufen \u2013 in der kommunistischen Gesellschaft wird es f\u00fcr ihn, das Junkertum und den Krieg keinen Raum geben. Der Kampf wird ganz andere Formen annehmen, die wir uns f\u00fcrs erste noch nicht vorstellen k\u00f6nnen. Der Militarismus lebt jetzt in der \u00dcbergangsepoche der Diktatur sein Leben zu Ende und daher ist es nat\u00fcrlich, dass die Arbeiter als Klasse dem Militarismus in Form und System nichts Neues, Sch\u00f6pferisches, was zur zuk\u00fcnftigen Entwicklung der Gesellschaft beitr\u00fcge, hinzuf\u00fcgen k\u00f6nnen. Auch in der Roten Armee finden sich F\u00fcnkchen von Klassensch\u00f6pfungskraft, aber das Wesen des Militarismus ist das alte geblieben und die F\u00fchrung der ehemaligen Offiziere, Gener\u00e4le und Armeebefehlshaber brachten die Sowjetpolitik in Milit\u00e4rangelegenheiten nicht dazu, sich so weit von unseren Richtlinien zu entfernen, dass die Arbeiter es als direkten Schaden f\u00fcr ihre Klasse und ihre Hauptaufgaben empfinden konnten.<\/p>\n<p>Anders jedoch ist es auf dem Gebiet der Volkswirtschaft. Die Produktion, ihre Organisation \u2013 das ist das Wesentlichste im Kommunismus. Die Arbeiter von der Organisierung der Industrie fernhalten, ihre Gewerkschaften, den Ausdruck der Klasseninteressen des Proletariats, der M\u00f6glichkeit berauben, ihren Sch\u00f6pfergeist in der Produktion und Organisation der neuen Wirtschaftsformen zu entfalten, w\u00e4hrend man volles Vertrauen in die \u201eF\u00e4higkeit\u201c der Spezialisten hat, die f\u00fcr die Durchf\u00fchrung eines ganz anderen Produktionssystems vorbereitet und trainiert sind \u2013 das hei\u00dft, vom Weg des wissenschaftlichen marxistischen Denkens abgleiten. Und das ist gerade das, was von unseren Parteispitzen jetzt getan wird. Die ganze Katastrophe unserer Wirtschaft, die noch auf dem kapitalistischen Produktionswesen (Bezahlung der geleisteten Arbeit mit Geld, Lohntarife, Kategorien der Arbeit usw.) fu\u00dft, in Betracht ziehend, suchen unsere Parteif\u00fchrer in einer Anwandlung von Misstrauen in die sch\u00f6pferischen F\u00e4higkeiten der Arbeiterkollektive eine Rettung vor dem wirtschaftlichen chaotischen Zusammenbruch in den \u00dcberresten der b\u00fcrgerlich-kapitalistischen Vergangenheit, in den Gesch\u00e4ftsleuten und Technikern, deren Sch\u00f6pfungskraft besonders in der Industrie und Wirtschaft mit der Routine, den Gewohnheiten und Methoden des kapitalistischen Produktionssystems beschmutzt ist. Sie sind es n\u00e4mlich, die den l\u00e4cherlich naiven Glauben verbreitet haben, dass es m\u00f6glich sei, den Kommunismus auf b\u00fcrokratische Weise durchzusetzen. Dort, wo es noch nottut, zu suchen und zu schaffen, machen sie schon \u201eVorschriften\u201c.<\/p>\n<p>Je mehr die milit\u00e4rische Front von der \u00f6konomischen Front an zweite Stelle gedr\u00e4ngt wird, desto sch\u00e4rfer und qu\u00e4lender wird unsere schreiende Not, desto prononcierter der Einfluss jener Gruppen, die nicht nur dem Kommunismus innerlich fremd und organisch feindlich, sondern auch absolut kraftlos sind, ihre lebendigen Sch\u00f6pfungsf\u00e4higkeiten f\u00fcr die Einf\u00fchrung neuer Formen der Organisation der Arbeit, neuer Motive zur Intensivierung der Industrie und neuer Methoden zur Regelung der Produktion und Verteilung zu entwickeln. Alle diese Techniker, Gesch\u00e4ftsleute und Praktiker, die gerade jetzt im Sowjetleben an der Oberfl\u00e4che auftauchen und beginnen an der produktions-wirtschaftlichen Politik Hand anzulegen, \u00fcben durch und innerhalb der Sowjetinstitutionen auf unsere Parteif\u00fchrer Einfluss aus.<\/p>\n<p>Die Partei befindet sich daher in einer schwierigen, kritischen Lage und muss sich im Verwaltungsprozess des Sowjetstaates drei in ihrer sozialen Struktur und daher auch in ihrem \u00f6konomischen Interesse verschiedenen Bev\u00f6lkerungsgruppen anpassen und ihnen ein offenes Ohr leihen. Das Proletariat auf der einen Seite, verlangt die gr\u00f6\u00dfte Klarheit und weitgehendste R\u00fccksichtslosigkeit in der Politik \u2013 einen schnellen und forcierten Aufmarsch zum Kommunismus. Auf der anderen Seite steht die Bauernschaft mit ihren Neigungen zum kleinen Privatbesitz und ihren Sympathien f\u00fcr die verschiedenen Arten von \u201eFreiheit\u201c, einschlie\u00dflich der des Handels und der Nichteinmischung des Staates in ihre Angelegenheiten. Diesen letzteren schlie\u00dft sich der Mittelstand in der Person der \u201eMitarbeiter\u201c der Sowjetbeh\u00f6rden, des Intendanturpersonals der Armee usw. an, die sich bereits dem Sowjetregime angepasst haben und unsere Politik dank ihrer Psychologie zu kleinb\u00fcrgerlichen Tendenzen hinzerren. Das kleinb\u00fcrgerliche Element hat wohl weniger Einfluss auf das Zentrum; aber um so mehr auf die Provinz; in den unteren Schichten der Sowjetarbeiter entwickelt es einen gro\u00dfen und sch\u00e4dlichen Einfluss. Die dritte Gruppe der Bev\u00f6lkerung sind die \u201eLeute der Praxis\u201c, die fr\u00fcher herrschenden B\u00fcrger des kapitalistischen Systems. Sie sind nat\u00fcrlich nicht die gro\u00dfen Kapitalmagnaten, nicht die Rjabuschinskis und Bublikows, welche ja von der ersten Revolutionswelle fortgeschwemmt wurden, stellen aber \u2013 als die talentvollen Diener des kapitalistischen Produktionssystems \u2013 das Gehirn, das Genie des Kapitalismus dar, sind seine wahren Sch\u00f6pfer, und Befruchter. Diese Gruppe billigt auf dem Wirtschaftsgebiet die zentralistischen Tendenzen der Sowjetpolitik, beansprucht aber den ganzen Nutzen der Vertrustung und Regulierung der Produktion (mit dem sich auch das Kapital hier sowie in allen entwickelteren L\u00e4ndern besch\u00e4ftigt) f\u00fcr sich. Sie bem\u00fchen sich nur um das eine, dass den Arbeitern die gesamte Regulierung durch Arbeiterorganisationen (Industrieverb\u00e4nde) entwunden wird und sie dieselbe durch ihre eigenen H\u00e4nde unter dem Deckmantel der sowjetwirtschaftlichen Apparate, der Haupt- und Zentralverwaltungen des Volkswirtschaftsapparates, in denen sie schon ziemlich festen Fu\u00df gefasst haben, leiten. Der Einfluss dieser Herrschaften auf die \u201en\u00fcchterne\u201c Staatspolitik unserer Spitzen ist gro\u00df, sogar gr\u00f6\u00dfer als w\u00fcnschenswert; er besteht, einer Befestigung und Verteidigung des Systems des B\u00fcrokratismus entgegenkommend, eher in einer \u201eVerbesserung\u201c, als in einer Ver\u00e4nderung des Systems. Dies empfindet man besonders bei den sich entwickelnden Handelsbeziehungen zu den kapitalistischen M\u00e4chten, wobei man das russische sowie ausl\u00e4ndische Proletariat \u00fcbergeht. Den Einfluss zeigt sich in einer Reihe von Ma\u00dfnahmen, der die Selbstt\u00e4tigkeit, die Beteiligung der Massen, abschn\u00fcrt und die F\u00fchrung den Vertretern der fr\u00fcheren kapitalistischen Welt \u00fcbergibt.<\/p>\n<p>Angesichts solch unterschiedlicher Gruppierung der Bev\u00f6lkerung sieht sich unsere Partei veranlasst zu lavieren, um die gleichm\u00e4\u00dfige Wirkung unserer Politik zu erzielen, welche die Einheit der Staatsinteressen nicht zerst\u00f6rt. Die Reinheit der Klassenpolitik unserer Partei im Prozess der Verschmelzung mit dem Sowjetstaatsapparat verwandelt sich immer mehr und mehr in eine \u00dcberklassenpolitik, die nichts anderes bedeutet, als die \u201eAnpassung\u201c der leitenden Organe an die widersprechenden Interessen der sozial verschiedenartig zusammengesetzten Bev\u00f6lkerung. Eine derartige Anpassung f\u00fchrt unvermeidlich zu Schwankungen, neigt zu Unbest\u00e4ndigkeit und Fehlern. Es gen\u00fcgt, nur an den Zickzackweg unserer Politik gegen\u00fcber dem Bauerntum zu erinnern, der uns vom \u201ebed\u00fcrftigen landlosen Bauern\u201c zum \u201elandwirtschaftlich emsigen Bauerneigent\u00fcmer\u201c brachte. Mag dieser Kurs der Politik von einer politischen N\u00fcchternheit zeugen, die \u201eStaatsklugheit\u201c unserer f\u00fchrenden H\u00e4upter erweisen; so wird ein Historiker, der leidenschaftslos die Ergebnisse unserer Herrschaft pr\u00fcft, nur feststellen k\u00f6nnen, dass wir uns von der reinen Linie der proletarischen Klassenpolitik entfernen, dass eine \u201egef\u00e4hrliche Neigung\u201c besteht zur folgenreichen Tendenz der \u201eAnpassung\u201c, zum Lavieren.<\/p>\n<p>Oder die Frage des Au\u00dfenhandels. Hier ist zweifellos eine Zwiesp\u00e4ltigkeit in unserer Politik. Das zeigen uns die unaufh\u00f6rlichen Reibungen zwischen dem Kommissariat der Auslandsangelegenheiten und dem Auslandshandel. Die Reibungen tragen nicht nur den bekannten Charakter \u2013 sie liegen tiefer, und wenn diese Kulissenarbeit der f\u00fchrenden Organe den unteren Schichten der Genossen zur Entscheidung vorgelegen h\u00e4tte, wer wei\u00df, wie der Streit ausgegangen w\u00e4re. So besteht eine Trennung, eine Uneinigkeit zwischen dem Kommissariat f\u00fcr Au\u00dfenhandel und den Handelsvertretern der Republik im Ausland. Den unteren Schichten der Genossen verschwiegene, aber doch in ihrem Wesen sozial tiefere Reibungen stellten die Sowjetpolitik vor die Notwendigkeit, den drei sozial verschiedenartigen Bev\u00f6lkerungsgruppen (den Arbeitern, den Bauern und der fr\u00fcheren Bourgeoisie) Rechnung zu tragen. Diese Tatsache erzeugt den zweiten Grund zur Krisis in unserer Partei. An dieser Tatsache vor\u00fcbergehen zu wollen, ist unm\u00f6glich. Sie ist sehr charakteristisch in ihrer weiteren Entwicklungsm\u00f6glichkeit. Und hier besteht f\u00fcr die Parteispitzen die Pflicht, im Interesse der Einigkeit, der Lebensf\u00e4higkeit der Partei, durch die weit verbreitete Unzufriedenheit unter den Genossen der Ursache nachzusp\u00fcren, sich darin zu vertiefen, um die notwendige Lehre daraus zu ziehen.<\/p>\n<p>So lange, wie die Arbeiterklasse sich in der ersten Epoche der Revolution als einziger Tr\u00e4ger des Kommunismus gef\u00fchlt hat, bestand volle Einigkeit in der Partei. In den Oktobertagen, als das vorangehende Proletariat unser klares kommunistisches Programm eiligst verwirklichte und einen nach dem andern Punkte befestigte, war von einem \u201eUnten\u201c oder \u201eOben\u201c keine Rede. Der Bauer, welcher den Boden vom Proletariat erhielt, war sich zum Teil noch nicht bewusst als vollberechtigter B\u00fcrger der Republik. Die Intelligenz, die Spezialisten, die Gesch\u00e4ftsleute und das ganze Spie\u00dfb\u00fcrgertum, L\u00fcgenspezies schlichen nun langsam, aber sicher die ganze Stufenleiter der Sowjetorgane hinauf, und zum Schein, unter dem Deckmantel als \u201eSpezialisten\u201c, stellten sie sich abwartend zur Seite und lie\u00dfen der Gestaltungskraft, dem Sch\u00f6pfermut der vorangehenden Arbeitermassen, freie Bahn.<\/p>\n<p>Jetzt ist es umgekehrt; der Arbeiter f\u00fchlt, sieht, empfindet bei jedem Schritt, dass die \u201eSpezialisten\u201c und noch Analphabeten, gar nicht mal geschulte L\u00fcgenspezies, \u201eLeute der Praxis\u201c, den grauen Alltagsarbeiter mit seiner Untauglichkeit zur \u201eAnpassung\u201c \u00fcberall herausdr\u00e4ngen. Diese \u201eSpezialisten\u201c bev\u00f6lkern jetzt die grundlegenden Wirtschaftsorgane.<\/p>\n<p>Die Partei nun, anstatt dass sie diese der Arbeiterklasse sowie dem Kommunismus wesensfremden Elemente abst\u00f6\u00dft, ist nachsichtig, sucht die Rettung und Befreiung von der wirtschaftlichen Unordnung nicht bei den Arbeiterorganisationen, die in erster Linie f\u00fcr sie in Betracht k\u00e4men. Nicht den Arbeitern, nicht den Gewerkschaften, den Klassenorganisationen, sondern den Klassenfremden schenkt die Partei ihr Vertrauen. Die Arbeitermassen empfinden das ziemlich deutlich; anstatt Untrennbarkeit, Einheit der Partei und der Klasse, stellt sich eine Kluft heraus; nicht Gleichheit, sondern Trennung. Aber die Massen sind nicht blind! Mit welchen Worten auch der popul\u00e4rste Arbeiterf\u00fchrer sein Abweichen von der klaren Klassenpolitik, seine Konzessionen an das \u201eB\u00e4uerlein\u201c sowie an den Weltkapitalismus decken w\u00fcrde, so f\u00fchlen die Massen doch darin das Vertrauen zu den Sch\u00fclern des kapitalistischen Produktionssystems, ahnen, wo dieses Abweichen beginnt. Die Arbeiter k\u00f6nnen zu der Person des Genossen Lenin noch solch gro\u00dfe Ergebenheit und Liebe zeigen, von dem herrlichen, unvergleichlichen Rednertalent des Genossen Trotzki noch so entz\u00fcckt sein, seine organisatorischen F\u00e4higkeiten noch so sehr bewundern, und noch eine ganze Reihe anderer F\u00fchrer verehren, aber, wenn die Masse zu der Sch\u00f6pferkraft ihrer Klasse ein Misstrauen empfindet, dann spricht sie auch nat\u00fcrlich, gibt ihrem Empfinden nat\u00fcrlichen Ausdruck: \u201eHalt! Blindlings gehen wir nicht weiter hinter Euch! Wir wollen uns jetzt mit Euch \u00fcber die Lage auseinandersetzen. Die von Euch gew\u00e4hlte, zwischen den drei sozialen Gruppen ausgleichend wirkende Politik ist eine sehr kluge Politik. Aber das riecht zu sehr nach der altbekannten Anpassung, nach Opportunismus. F\u00fcr den heutigen Tag werden wir vielleicht mit der gleichen \u201an\u00fcchternen Politik\u2019 auch etwas gewinnen, wenn wir damit nur nicht auf eine falsche Bahn k\u00e4men, die dann mit ihren Schwankungen, ihrem Zickzackkurs, unbemerkt von der verhei\u00dfungsvollen Zukunft uns an den Abgrund der Vergangenheit f\u00fchren w\u00fcrde.\u201c Das Misstrauen der unteren Klassengenossen zu den f\u00fchrenden Spitzen w\u00e4chst, und je \u201en\u00fcchterner\u201c die oberen Schichten sind, je mehr \u201eerfahrene Staatsm\u00e4nner\u201c mit ihrer Politik sich entwickeln, ihrer Politik auf des Messers Schneide, zwischen Kommunismus und Konzessionen an die fr\u00fchere Bourgeois-Ideologie stellen, desto tiefer wird der Abgrund zwischen der \u201eoberen\u201c und der \u201eunteren\u201c Schicht. Desto weniger Verst\u00e4ndnis wird ihnen entgegengebracht, desto krankhafter und unvermeidlicher wird die Krisis in der Partei.<\/p>\n<p>Die dritte Ursache, die unsere innere Parteikrise erkl\u00e4rt, ist n\u00e4mlich die, dass sich in der Tat praktisch w\u00e4hrend der drei Jahre der Revolution die \u00f6konomische und Lebenslage der breiten Arbeitermasse, der produzierenden Fabrikbev\u00f6lkerung nicht nur nicht gebessert hat, sondern schwerer geworden ist. Das verneint keiner der f\u00fchrenden Parteileute. Die stumme, aber weit verbreitete Unzufriedenheit der Arbeiter (merkt: der Arbeiter!) hat realen Boden unter sich.<\/p>\n<p>Das Bauerntum hat unmittelbar durch die Revolution gewonnen; den neuen Formen des Sowjetsystems und -lebens haben sich nicht nur der Mittelstand (das Kleinb\u00fcrgertum) gut angepasst, sondern auch die Vertreter der gr\u00f6\u00dferen Bourgeoisie, welche die verantwortlichen und leitenden Posten in den Sowjetorganen (besonders auf dem Gebiete der Verwaltung der Wirtschaft, der Industrie oder der Wiederherstellung der Handelsbeziehungen mit dem kapitalistischen Westen) innehaben. Nur die Arbeiter, die fundamentale Klasse der Sowjetrepublik, die auf ihren Schultern die ganze Last der Verantwortung der Diktaturperiode tr\u00e4gt, f\u00fchrt in ihrer Masse als einzige ein schmachvolles, kl\u00e4gliches Leben. Die werkt\u00e4tige Republik, die von Kommunisten verwaltet wird, von der \u201eAvantgarde der Arbeiter\u201c, welche nach Lenins Ausspruch \u201edie revolution\u00e4re Energie der Klasse in sich aufgenommen haben\u201c, hatte Mu\u00dfe dar\u00fcber nachzudenken, einzelne \u201ewichtige\u201c Betriebe und Industriegebiete, die ganz zuf\u00e4llig von Fall zu Fall vor dem Rat der Volkskommissare auftauchten, in besonders angenehme Verh\u00e4ltnisse zu bringen, anstatt der breiten Masse der Arbeiter nur einigerma\u00dfen menschenw\u00fcrdige Bedingungen zu schaffen. Das Volkskommissariat f\u00fcr Arbeit ist das toteste aller unserer Kommissariate. In der Sowjetpolitik war im allrussischen Ma\u00dfstabe folgende Frage weder gestellt noch besprochen: Was kann und muss bei der gegenw\u00e4rtigen schweren wirtschaftlichen Zersetzung \u2013 alle unangenehmen \u00e4u\u00dferen Verh\u00e4ltnisse ber\u00fccksichtigend \u2013 dazu getan werden, um das Leben der Arbeiter besser zu gestalten, ihre Arbeitskraft f\u00fcr die Produktion zu \u00f6konomisieren und um die Bedingungen der Arbeiter in den Zechen und Fabriken einigerma\u00dfen ertr\u00e4glich zu machen? Die Sowjetpolitik hat sich bis zur allerletzten Zeit durch das Nichtvorhandensein eines bedachten und voraussehenden Plans zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgezeichnet. Alles, was auf diesem Gebiete getan wurde, wurde zuf\u00e4llig, in ihren Mu\u00dfestunden, unter dem von den Massen selbst auf die betreffenden \u00f6rtlichen Verwaltungen ausge\u00fcbten Druck hin getan.<\/p>\n<p>Das Proletariat hat heroisch w\u00e4hrend dieser drei Jahre des B\u00fcrgerkriegs zahllose Opfer auf dem Altar der Revolution gebracht. Es hat geduldig gewartet. Aber da jetzt in den Ereignissen ein Umschwung stattfindet und der Lebensnerv der Republik die wirtschaftliche Front ist, h\u00e4lt der Massenarbeiter das \u201eErwarten\u201c und das ,,Ertragen\u201c f\u00fcr unn\u00fctz. Wie? Ist er denn nicht derjenige, der das Leben auf kommunistischer Grundlage aufbaut? So wollen wir denn selbst an den Aufbau herangehen, denn wir wissen besser als die \u201eHerren in den Zentralverwaltungen\u201c, wo uns der Schuh dr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Der Massenarbeiter beobachtet. Er sieht, dass bis jetzt die Fragen der Hygiene und des Sanit\u00e4tswesens, der Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Werkst\u00e4tten und der Gesundheitszustand der Arbeiter und Arbeiterinnen, mit anderen Worten, die ganze Organisation des Lebens und der Arbeitsbedingungen in unserer Politik an letzter Stelle stehen. Wir haben nicht mehr zur Steuerung der Wohnungsnot getan, als die Arbeiterfamilien in die unbequemen und schlecht f\u00fcr sie angepassten b\u00fcrgerlichen Wohnungen einzuweisen; und was noch schlimmer ist, wir sind bis jetzt noch nicht an die praktische Ausarbeitung eines Planes zur Reorganisation des Wohnungswesens gegangen. Zu unserer Scham sei es gesagt, dass nicht nur in Gott verlassenen Provinzen, sondern auch im Herzen der Republik, auch in Moskau, bis jetzt noch die stinkenden, \u00fcberv\u00f6lkerten unhygienischen Arbeiterkasernen existieren. Wenn man dort hineingeht, so hat man das Gef\u00fchl, als ob die Revolution gar nicht gewesen w\u00e4re \u2026 Wir alle wissen, dass das Wohnungsproblem in ein paar Monaten oder sogar Jahren nicht gel\u00f6st werden kann und dass unsere Armut die L\u00f6sung sehr erschwert. Aber die Tatsache einer immer wachsenden Ungleichheit zwischen der Lage der privilegierten Gruppen der Bev\u00f6lkerung Sowjetrusslands und der Massenarbeiter, des \u201eR\u00fcckgrats der Diktatur\u201c, des Proletariats, n\u00e4hrt die wachsende Unzufriedenheit. Der Massenarbeiter sieht, wie der Sowjetbeamte, der \u201eMann der Praxis\u201c, lebt, und wie er, der die St\u00fctze der Klassendiktatur ist, selbst leben muss \u2026 Er kann nicht umhin, daraus zu schlie\u00dfen, dass w\u00e4hrend der ganzen Revolutionszeit dem Leben und der Gesundheit des Arbeiters in der Werkst\u00e4tte am wenigsten Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Dort, wo bis zur Revolution irgendwelche ertr\u00e4glichen Bedingungen bestanden, da bestehen sie dank der Bedingungen der Betriebskomitees fort. Da, wo die Feuchtigkeit, die verdorbene Luft und giftigen Gase den Organismus des Arbeiters vergifteten und untergruben, da ist alles beim alten geblieben. \u201eEs war keine Zeit dazu vorhanden \u2026 was wollen sie, die innere Front \u2026\u201c. Wenn es aber n\u00f6tig war, ein Geb\u00e4ude f\u00fcr ein Sowjetinstitut zu reparieren, so fanden sich Materialien und Arbeiterh\u00e4nde, das zu tun. Versuchen sie doch, die Spezialisten, die Bl\u00fcte der Praxis, die Handelsabkommen mit dem ausl\u00e4ndischen Kapital treffen, in die L\u00f6cher zu stecken, in denen die Massen der Proletarier leben und arbeiten. Sie w\u00fcrden ein solches Geschrei erheben, dass das ganze Wohnungsamt mobilisiert werden m\u00fcsste, um diese \u201eunzul\u00e4ssigen Missst\u00e4nde zu beseitigen, die die Produktivit\u00e4t der Arbeit der Spezialisten beeintr\u00e4chtigen.\u201c<\/p>\n<p>Das Verdienst der Arbeiteropposition besteht darin, dass sie die Frage der Organisation der Lebensbedingungen der Arbeiter zusammen mit all den anscheinend kleinlichen Forderungen der Arbeiter in einen gro\u00dfen wirtschaftlichen Plan mit eingeschlossen hat. Die Hebung der Produktionskr\u00e4fte ist unm\u00f6glich ohne die gleichzeitige Organisation der Lebensbedingungen der Arbeiter auf neuer zweckentsprechender kommunistischer Grundlage. Je weniger bis jetzt auf diesem Gebiet vorgeschlagen und unternommen wurde (von Verwirklichung spreche ich schon gar nicht), desto mehr wuchsen die Entfremdung und das Missverstehen und das beiderseitige Misstrauen zwischen den leitenden Spitzen der Partei und den breiten Arbeitermassen. Es besteht keine Einheit, kein Bewusstsein der Gemeinsamkeit der Forderungen und der Bed\u00fcrfnisse. \u201eDie Spitzen sind etwas ganz anderes als wir. Vielleicht k\u00f6nnen die F\u00fchrer das Land besser regieren, aber f\u00fcr unsere Arbeitersache, f\u00fcr die Lebensbed\u00fcrfnisse in der Werkst\u00e4tte und seine unmittelbaren Aufgaben haben sie kein Verst\u00e4ndnis, keine Erfahrungen.\u201c Daher das instinktive Zutrauen zu den Gewerkschaftszentren und die Entfremdung von der Partei.<\/p>\n<p>\u201eEr ist einer von den Unsrigen, aber sobald er auf einen hohen Posten kommt, verl\u00e4sst er uns. Er f\u00e4ngt dann an, anders zu leben. Was ist ihm unser Leid? Es ist nicht mehr sein Leid!\u201c<\/p>\n<p>Und je mehr unsere Partei die besten, bewusstesten und ergebensten Elemente aus den Betrieben und Verb\u00e4nden entfernte und sie in die Sowjetorganisationen einreihte, desto mehr riss der unmittelbare Zusammenhang zwischen den breiten Arbeitermassen und den leitenden politischen Zentren. Es war eine Bresche geschlagen und es bildete sich eine Kluft. Und diese Kluft macht sich jetzt schon innerhalb der Partei f\u00fchlbar. Die Arbeiter fragen durch die Arbeiteropposition: wer sind wir? Sind wir wirklich das R\u00fcckgrat der Klassendiktatur oder aber eine willenlose Herde, die denen zur St\u00fctze dient, die \u2013 nachdem sie sich von den Massen losgerissen und unter dem sicheren Schutz des Parteiaush\u00e4ngeschildes eingenistet haben \u2013 ohne unsere Leitung und unsere sch\u00f6pferische Klassent\u00e4tigkeit Politik treiben und die Wirtschaft aufbauen?<\/p>\n<p>Und die Parteispitzen m\u00f6gen, so viel sie wollen, sich gegen die Arbeiteropposition wehren, sie ist die wachsende, gesunde Kraft der Klasse, die in sich tr\u00e4gt die belebende Energie der Wiedergeburt der Volkswirtschaft und auch der Kommunistischen Partei selbst, die zu verblassen anf\u00e4ngt und nachgiebig wird.<\/p>\n<p>Drei Ursachen also erzeugen die Krise in unserer Partei: Vor allem die \u00e4u\u00dferen, objektiven Bedingungen, unter denen die Anfangsgr\u00fcnde des Kommunismus in Russland gelegt und verwirklicht werden (B\u00fcrgerkrieg, wirtschaftliche Zur\u00fcckgebliebenheit); die zweite Ursache ist die gemischte Bev\u00f6lkerung \u2013 sieben Millionen Proletariat, die Bauernschaft, das Kleinb\u00fcrgertum, dann die fr\u00fchere Gro\u00dfbourgeoisie, die Gesch\u00e4ftsleute aller Art und Branchen, die die Politik der Sowjetorgane beeinflussen und in die Partei eindringen. Drittens die Passivit\u00e4t der Partei in Bezug auf die unmittelbare Verbesserung der Lage des Proletariats bei der Hilflosigkeit und Unzul\u00e4nglichkeit der zust\u00e4ndigen Sowjetorganisationen, die die Fragen nicht stellen und nicht entscheiden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was will nun die Opposition? Worin besteht ihr Verdienst?<\/p>\n<p>Ihr Verdienst besteht darin, dass sie die Partei auf diese dringenden Fragen aufmerksam gemacht hat, dass sie der in den Massen dunkel g\u00e4renden Stimmung, die die parteilosen Arbeiterschichten von der Partei immer weiter entfernte, eine klare Form gegeben hat, dass sie den Parteispitzen eindeutig und furchtlos ins Gesicht gesagt hat: \u201eHalt, blickt zur\u00fcck, denkt ein wenig nach. Wohin f\u00fchrt Ihr uns? Sind wir nicht nahe daran, unseren Klassenweg zu verlieren? Wenn das R\u00fcckgrat der Diktatur \u2013 die Arbeiterklasse \u2013 allein bleiben wird, so wird die Lage der Partei sehr schlecht sein. Darin wurzelt der Untergang der Revolution.\u201c W\u00e4hrend der gegenw\u00e4rtigen Krise ist es die Aufgabe der Partei, ihre Fehler, soviel ihrer sind, furchtlos einzugestehen und dem gesunden Klassenruf der breiten Arbeitermassen zu folgen: Durch die Schaffenskraft der aufsteigenden Klasse selbst in der Person der Gewerkschaftsverb\u00e4nde\u00a0zur Wiederherstellung und Entwicklung der Produktionskr\u00e4fte des Landes, zur Reinigung der Partei von den in sie eingeschlichenen fremden Elementen, zur Verbesserung der Parteiarbeit durch R\u00fcckkehr zum Demokratismus, zur Meinungsfreiheit und zur Kritik innerhalb der Partei!<\/p>\n<p><strong>Die Rolle und die Aufgaben der Gewerkschaften<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben die wesentlichen Ursachen der Krise innerhalb der Partei angedeutet.<\/p>\n<p>Nun wollen wir die Hauptpunkte der Divergenz zwischen den Spitzen unserer Partei und, der Arbeiteropposition betrachten. Es sind ihrer zwei: die Rolle und die Aufgaben der Gewerkschaften in der Periode der Wiederherstellung der Volkswirtschaft und der Organisation der Produktion auf kommunistischer Grundlage und dann die Frage der Selbstt\u00e4tigkeit der Massen und dem B\u00fcrokratismus in der Partei und in den Sowjets. Wir wollen zuerst die erste Frage behandeln. Die zweite ist eine unmittelbare Folge der ersteren.<\/p>\n<p>Die Periode der \u201eThesenbauerei\u201c in unserer Partei zur Gewerkschaftsfrage ist jetzt zu Ende. Wir haben sechs verschiedene Programme vor uns und sechs Parteigruppierungen. Die Partei hat eine solche Mannigfaltigkeit und solche \u201efeinen Schattierungen\u201c der Arbeiter noch nicht gekannt und das Parteidenken ist noch nie so reich und verschieden an Formulierungen derselben Frage gewesen, wie eben. Offenbar ist es eine wichtige, prinzipielle Frage.<\/p>\n<p>Es ist dem auch wirklich so. Es handelt sich darum, wer die kommunistische Wirtschaft aufbauen und wie sie aufgebaut werden soll. Das ist doch das Wesen und Herz unseres Programms. Diese Frage ist nicht weniger wichtig, vielleicht noch wichtiger als die Frage der politischen Machtergreifung durch das Proletariat. Nur die Gruppe des demokratischen Zentralismus mit Bubnow an der Spitze konnte so kurzsichtig sein, zu sagen, dass ,,die Frage von den Gewerkschaften gegenw\u00e4rtig weder eine besondere objektive Bedeutung habe, noch theoretisch besonders kompliziert sei\u201c. Es ist nat\u00fcrlich, dass diese Frage die Partei in Erregung versetzt und dass der Kernpunkt der Frage folgender ist: ob das Rad der Geschichte zur\u00fcck oder vorw\u00e4rts gedreht werden soll? Nat\u00fcrlich ist auch, dass es keinen Kommunisten gibt, der an der Diskussion \u00fcber die Rolle der Gewerkschaften nicht teilnimmt. Das Resultat hiervon sind sechs verschiedene Gruppierungen. Wenn man nun alle diese Thesen der verschiedenen, sich durch die feinsten Nuancen unterscheidenden Gruppierungen aufmerksam durchsieht, so erweist sich, dass in der Grundfrage der Organisation und des Aufbaus der kommunistischen Wirtschaft und Produktion auf neuer Grundlage, eigentlich nur zwei verschiedene Standpunkte bestehen. Der eine ist in den Thesen der Arbeiteropposition ausgedr\u00fcckt, der andere umschlie\u00dft all die anderen Nuancen, der vielgestaltigen, aber eigentlich im Wesen einheitlichen Plattformen.<\/p>\n<p>Was wollen denn die Thesen der Arbeiteropposition durchf\u00fchren und wie versteht sie die gegenw\u00e4rtige Rolle und die Aufgabe der Gewerkschaften, richtiger der Verb\u00e4nde nach Industriezweigen? \u201eWir denken, dass die Frage der Wiederherstellung und Entwicklung der Produktionskr\u00e4fte unseres Landes nur gestellt werden kann, wenn das ganze Organisationssystem der wirtschaftlichen Verwaltung ver\u00e4ndert werden wird.\u201c (Aus dem Bericht des Gen. Schlapnikow vom 30.12.) Merkt wohl auf, Genossen! Also unter der Bedingung, dass das ganze System ver\u00e4ndert wird! Was hei\u00dft das? \u201eDas Wesen des Streits besteht darin,\u201c hei\u00dft es im Bericht weiter, \u201ewelchen Weg unsere Kommunistische Partei in der augenblicklichen \u00dcbergangsperiode einschlagen soll, wie sie ihre wirtschaftliche Politik durchf\u00fchren wird: vermittels der in Verb\u00e4nden organisierten Arbeitermassen oder auf b\u00fcrokratischem Wege \u00fcber sie hinweg vermittels der kanonisierten Beamten.\u201c Ganz richtig: Das Wesen des Streits dreht sich darum, ob wir den Kommunismus mit Hilfe der Sowjetbeamten (aufbauen). Denkt dar\u00fcber nach, Genossen. Ist es m\u00f6glich, die kommunistische Wirtschaft und Produktion mit den H\u00e4nden jener aufzubauen, die aus einer anderen Klasse stammen und die von der Routine der Vergangenheit durchdrungen sind? Wenn wir marxistisch denken, so ist dies unm\u00f6glich. Es ist falsch, anzunehmen, dass die Leute \u201eder Praxis\u201c, die Techniker, die Spezialisten des kapitalistischen Produktionsaufbaus es pl\u00f6tzlich fertigbringen werden, ihre gewohnten Ansichten und Methoden \u00fcber die Arbeit, die ihnen anerzogen und von der sie organisch wegen ihres Dienstes f\u00fcr das Kapital durchdrungen sind, aufzugeben und neue kommunistische Wirtschaftsformen zu schaffen beginnen werden (und wesentlich ist ja gerade die Auffindung der neuen Produktionsformen, die der neuen Organisation und Antriebe zur Arbeit. Man darf die unbestreitbare Tatsache nicht vergessen, dass das Wirtschaftssystem nicht durch die einzelnen genialen Menschen ver\u00e4ndert wird, sondern durch die Bed\u00fcrfnisse der Klasse.<\/p>\n<p>Stellen Sie sich vor, was dabei herauskommen w\u00fcrde, wenn in der Epoche des \u00dcbergangs vom feudalen Wirtschaftssystem, das auf der zwangsweisen Arbeit der Leibeigenen aufgebaut war, zum System der kapitalistischen Produktion mit seiner quasi freien Lohnarbeit in den Betrieben, die b\u00fcrgerliche Klasse, die damals in der Organisation ihrer kapitalistischen Wirtschaft noch wenig geschult war, die erfahrensten, schlauesten Verwalter und Angestellten der Grundbesitzer, die bis dahin nur mit der willenlosen Sklavenarbeit zu tun gehabt hatten, ihre Betriebe zu organisieren auffordern w\u00fcrden? Was w\u00fcrde dabei herauskommen? K\u00f6nnten diese erfahrenen Leute, diese Spezialisten in ihrem Gebiet, die unter dem System der Macht der Knute erzogen waren, die Produktivit\u00e4t der Arbeit, des \u201efreien\u201c, wenn auch hungrigen Proletariats heben, welches die rohe Behandlung des Betriebsverwalters nicht zu erdulden brauchte, sondern Soldat, Tagel\u00f6hner oder Bettler werden konnte und auf diese Weise die M\u00f6glichkeit hatte, der verhassten Arbeit zu entgehen? W\u00fcrden diese \u201eSpezialisten\u201c die neue Organisation der Arbeit und das ganz auf ihr aufgebaute System der kapitalistischen Produktion nicht zerst\u00f6ren? Die einzelnen Verwalter, der Fronbauern, ehemalige Grundbesitzer und Aufseher brachten es fertig, sich den neuen Produktionsformen anzupassen. Aber nicht sie waren die wirklichen Sch\u00f6pfer der b\u00fcrgerlichen kapitalistischen Wirtschaft. Der Klasseninstinkt sagte den Besitzern der ersten Betriebe, dass es besser sei, langsam und ungeschickt, aber selbstst\u00e4ndig nach dem richtigen Weg, der die Wechselbedingungen der Arbeit und des Kapitals bestimmen sollte, zu suchen, als die untauglichen, absterbenden Methoden eines veralteten und nicht mehr verwendbaren Systems der Ausbeutung der Arbeiter zu verwenden, das die Produktion nur schw\u00e4chen konnte. Der sch\u00f6pferische Klasseninstinkt hatte in der Epoche der primitiven kapitalistischen Akkumulation den Kapitalisten den richtigen Weg gewiesen, n\u00e4mlich, dass es au\u00dfer der Knute des Verwalters und Kapitalisten noch ein anderes Mittel gebe, zur Arbeit anzuspornen, n\u00e4mlich die Konkurrenz der Arbeiter angesichts der drohenden Kapitalisten noch ein anderes Mittel gebe, zur Arbeit anzuspornen: die Konkurrenz der Arbeiter angesichts der drohenden Arbeitslosigkeit und Verarmung. Und die Kapitalisten haben es verstanden, diesen Antrieb der Arbeit auszun\u00fctzen in dem Interesse der Entwicklung der neuen, b\u00fcrgerlich-kapitalistischen Produktionsformen. Auf diese Weise hoben sie sofort die Produktivit\u00e4t der \u201efreien\u201c Lohnarbeit.<\/p>\n<p>Die Bourgeoisie hat vor f\u00fcnf Jahrhunderten tastend, blind, nur dem Klasseninstinkt gehorchend, gehandelt. Sie vertraute mehr ihrem Menschenverstand als der Erfahrung der geriebenen Spezialisten im Gebiete der Organisation der Frondienste des Feudalismus. Und sie hatte recht, ein historisches Recht.<\/p>\n<p>Wir haben das m\u00e4chtige Mittel in unserer Hand, das uns den k\u00fcrzesten Weg zum Sieg der Arbeiterklasse finden hilft, sein Kreuz auf diesem Weg erleichtert und das neue kommunistische Wirtschaftssystem begr\u00fcndet. Dieses Mittel ist die materialistische Geschichtsauffassung.<\/p>\n<p>Aber anstatt dieses Mittel auszun\u00fctzen, unsere Erfahrung zu vertiefen und es an Hand der Geschichte zu \u00fcberpr\u00fcfen, sind wir bereit, von den historischen Wahrheiten abzulassen und uns in die Wildnis der blinden Experimente zu verirren \u2013 auf gut Gl\u00fcck \u2026 Wie schwer unsere wirtschaftliche Lage auch sein mag, so haben wir doch noch keinen Grund, bis zu solch einem Grad von Hoffnungslosigkeit zu gelangen. Die kapitalistischen Regierungen, deren Schaffenskraft versiegt ist, k\u00f6nnen wohl in Verzweiflung geraten, aber nicht wir, nicht das werkt\u00e4tige Russland, dem die Oktoberrevolution unbegrenzte Perspektiven er\u00f6ffnet und das ganz unerh\u00f6rt, sch\u00f6pferische wirtschaftliche T\u00e4tigkeit bewiesen hat; noch nie dagewesene Wirtschaftsformen, die die Produktivit\u00e4t der Arbeit so hoch wie noch nie steigern, k\u00f6nnen geschaffen werden. Aber man muss lernen, nicht von der Vergangenheit zu nehmen, sondern muss der sch\u00f6pferischen Zukunft freien Spielraum lassen.<\/p>\n<p>Das n\u00e4mlich tut die Arbeiterorganisation. Wer kann der Sch\u00f6pfer der kommunistischen Wirtschaft sein? Diejenige Klasse (und nicht einzelne geniale, der Vergangenheit angeh\u00f6rende Menschen), die mit der neu entstehenden, in furchtbaren Wehen geborenen Produktionsform eines produktiveren und vollkommeneren Wirtschaftssystems organisch verbunden ist? Welches Organ kann die sch\u00f6pferischen Anlagen im Gebiet der Neuorganisation der Wirtschaft und Produktion erf\u00fcllen und verwirklichen: die Produktionsgemeinschaften der Arbeiter oder der gemischte, aus Beamten bestehende wirtschaftliche Sowjetapparat? Die Arbeiteropposition meint das erstere, d.h. die Produktionsgemeinschaft der Arbeiter, und nicht das b\u00fcrokratische und sozial gemischte Beamtenkollektiv mit einem gro\u00dfen Beigeschmack von \u201eGesch\u00e4ftsleuten\u201c, \u201eAufbauern\u201c vom alten kapitalistischen Schrot und Korn, deren Gehirn mit dem Unrat der kapitalistischen Routine beschmutzt ist.<\/p>\n<p>\u201eDie Arbeiterverb\u00e4nde m\u00fcssen von der gegenw\u00e4rtigen passiven Mitwirkung zur aktiven und individuellen Teilnahme in der Verwaltung der ganzen Volkswirtschaft \u00fcbergehen.\u201c (Thesen der Arbeiteropposition.)<\/p>\n<p>Vollkommenere Wirtschaftsformen und neue Antriebe zur Erh\u00f6hung der Produktivit\u00e4t der Arbeit suchen, finden und schaffen, k\u00f6nnen nur solche Kollektive, die mit der entstehenden Produktionsform unl\u00f6sbar verbunden sind. Von ihrer t\u00e4glichen Erfahrung ausgehend, finden sie eine ganze Reihe im ersten Moment anscheinend praktisch unwichtige, aber theoretisch hoch bedeutende Gedankeng\u00e4nge im Gebiete der Verwendung der Arbeitskraft im neuen Arbeiterstaat, wo Not, Arbeitslosigkeit und Konkurrenz nicht mehr als Ansporn zur Arbeit dienen.<\/p>\n<p>Auf der Schwelle des Kommunismus ist es die gr\u00f6\u00dfte Aufgabe der Arbeiterklasse, neue Antriebe zur Arbeit zu finden. Einzig und allein die Arbeiterklasse selbst, in den Kollektiven verk\u00f6rpert, kann die Aufgabe l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Es ist die Aufgabe der Gewerkschaftsverb\u00e4nde, der praktischen Erfahrung, dem Verst\u00e4ndnis der Klasse beim Suchen und Schaffen neuer Produktionsformen sowie der organisatorischen Begabung des Proletariats, d.h. der einzigen Klasse, die zum Sch\u00f6pfer des Kommunismus werden kann, freien Spielraum zu geben.<\/p>\n<p>So geht die Arbeiteropposition an die Frage heran. So versteht sie die Aufgaben der Gewerkschaften. Eine Folge solcher Ansichten bildet einen der wichtigsten Punkte ihrer Thesen: die Verwaltung der Volkswirtschaft muss von dem allrussischen Kongress der Produzierenden, die sich in Verb\u00e4nden nach Berufen oder Industriezweigen zusammenschlie\u00dfen, organisiert werden. Diese w\u00e4hlen ein Zentralorgan, das die ganze Wirtschaft der Republik verwaltet. (Thesen der Arbeiteropposition.) Dieser Punkt sichert f\u00fcr die sch\u00f6pferische Klassenkraft, die vom Geist und der Routine des b\u00fcrgerlich-kapitalistischen, b\u00fcrokratischen Wirtschaftsapparates nicht erdr\u00fcckt und entstellt wird, v\u00f6llige Bewegungsfreiheit. Die Arbeiteropposition glaubt an die sch\u00f6pferische Kraft ihrer Klasse, der Klasse der Arbeiter. Aus diesem Grundsatz entwickelt sich folgerichtig ihr ganzes Programm.<\/p>\n<p>Aber gerade auf diesem Punkte beginnt das Auseinandergehen der Arbeiteropposition mit unseren leitenden Parteispitzen.<\/p>\n<p>Das Misstrauen gegen die Arbeiterklasse (nat\u00fcrlich nicht im politischen, sondern im wirtschaftlichen, sch\u00f6pferischen Gebiete) bildet den ganzen Inhalt der Thesen, die von unseren leitenden Spitzen unterschrieben worden sind. Die Parteispitzen glauben nicht daran, dass die schwieligen H\u00e4nde der technisch schlecht geschulten Arbeiter die Konturen der Wirtschaftsformen schaffen k\u00f6nnen, aus denen sich mit der Zeit ein einheitliches System der kommunistischen Produktion entwickeln wird. Es scheint den Genossen Lenin, Trotzki, Sinowjew und Bucharin, dass die Produktion etwas so \u201eAusgekl\u00fcgeltes\u201c sei, dass man ohne \u201eAnleitung\u201c nicht auskommen k\u00f6nne; zuerst m\u00fcssen die Arbeiter \u201eerzogen und gelehrt\u201c werden und dann, wenn sie reifer geworden sind, kann man die Lehrer aus dem Obersten Volkswirtschaftsrat entfernen und den Produktionsgemeinschaften erlauben, die Verwaltung der Wirtschaft zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Es ist charakteristisch, dass alle Thesen unserer Parteispitzen in einen Brennpunkt zusammenlaufen;\u00a0 die Verwaltung der Produktion und der Volkswirtschaft soll den Gewerkschaften noch nicht \u00fcbergeben werden. Man muss noch \u201ewarten\u201c. Es ist wahr, dass die Standpunkte Lenins, Trotzkis, Sinowjews, Bucharins u.a. in der Frage, warum die Verwaltung der Volkswirtschaft noch nicht den Gewerkschaften \u00fcbergeben werden soll, noch verschieden sind. Aber in dem einen Grundsatz stimmen sie alle \u00fcberein, n\u00e4mlich, dass die Wirtschaft f\u00fcrs erste mittels eines b\u00fcrokratischen Systems, eines Erbst\u00fccks der Vergangenheit, \u00fcber die K\u00f6pfe der Arbeiter hinweg verwaltet werden soll. Alle Genossen, die den hohen Parteispitzen angeh\u00f6ren, sind sich darin r\u00fchrend einig (solidarisch)! Die \u201eHauptarbeit\u201c wird in den \u201eThesen der Zehn\u201c \u201ein das Gebiet der wirtschaftlichen Organisationsarbeit verlegt werden. Die Gewerkschaften als Klassenorganisation des Proletariats, die auf dem Produktionsprinzip aufgebaut sind, m\u00fcssen die Hauptarbeit in der Organisation der Produktion auf sich nehmen.\u201c Die \u201eHauptarbeit\u201c \u2013 das ist sehr dehnbar und nicht besonders genau. Der Ausdruck kann auf die verschiedenste Weise ausgelegt werden, und man k\u00f6nnte auch denken, das das \u201eProgramm der Zehn\u201c bei der Verwaltung der Volkswirtschaft den Gewerkschaften mehr freien Spielraum l\u00e4sst, als der \u201eZektranismus\u201c des Genossen Trotzki (Milit\u00e4rdisziplin von Trotzki, die er in den Gewerkschaften der Transportarbeiter einf\u00fchrte).<\/p>\n<p>Ist dem auch wirklich so? Weiterhin wird in den \u201eThesen der Zehn\u201c erkl\u00e4rt, was man unter der Hauptarbeit der Verb\u00e4nde zu verstehen hat. \u201eDie energischste Mitarbeit in allen Zentren, die die Produktion regulieren: an der Organisation der Arbeiterkontrolle, an der Registration und Verteilung der Arbeitskraft, an der Organisation des Austauschs zwischen Land und Stadt, t\u00e4tige Anteilnahme an der Demobilisation und der Industrie, Kampf gegen die Sabotage, Durchf\u00fchrung der allgemeinen Arbeitspflicht usw.\u201c Und das ist alles. Es ist nicht neu und nicht mehr, als die Gewerkschaften bis jetzt geleistet haben. Es rettet unsere Industrie nicht, noch l\u00f6st es die Grundfrage von der Entwicklung und Wiederherstellung der Produktionskr\u00e4fte des Landes. Damit gar keine Zweifel \u00fcbrig bleiben, dass in dem \u201eProgramm der Zehn\u201c die Gewerkschaften in der Volkswirtschaft keine leitende, sondern eine beigeordnete Rolle spielen, wird noch folgendes hinzugef\u00fcgt: In ihrer entwickelten Form (also nicht jetzt, sondern in ihrer entwickelten Form) m\u00fcssen die Gewerkschaften im Prozess der gegenw\u00e4rtigen sozialen Revolution zu Organen der sozialistischen Macht werden, die als solche in Koordination mit anderen Organisationen an der Verwirklichung der neuen Grunds\u00e4tze bei der Organisation des Wirtschaftslebens mit arbeiten.\u201c Weiterhin wird die Frage der Unterordnung der Gewerkschaften unter den \u201eObersten Volkswirtschaftsrat\u201c und seiner Organe behandelt.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Unterschied besteht also zwischen der \u201ePlattform der Zehn\u201c und dem \u201eZusammenwachsen\u201c des Genossen Trotzki? Der Unterschied liegt lediglich in den Methoden. Die \u201eThesen der Zehn\u201c unterstreichen besonders die erzieherische Rolle der Gewerkschaften. Mit der Behandlung der Frage der Rolle und Aufgabe der Gewerkschaften sowie im Verst\u00e4ndnis der Frage \u00fcber die wirtschaftliche und erzieherische Organisation verwandeln sich unsere leitenden Spitzen sehr unerwartet von Politikern in \u201eP\u00e4dagogen\u201c.<\/p>\n<p>Es entwickelt sich dann ein sehr interessanter Streit nicht \u00fcber das System der Wirtschaftsverwaltung, sondern \u00fcber das System der Erziehung der Massen. Wahrhaftig, wenn man die Thesen des Stenogramms der Reden unserer leitenden Spitzen liest, staunt man \u00fcber die unerwartete Neigung zu erzieherischen Aufgaben. Jeder Sch\u00f6pfer von Thesen findet sein vollkommenstes System zur Erziehung von Arbeitermassen. Aber alle diese \u201eErziehungssysteme\u201c sind auf der mangelnden Bewegungsfreiheit f\u00fcr Erfahrungen, Erziehung und Offenbarung sch\u00f6pferischer T\u00e4tigkeit aufgebaut. In dieser Hinsicht sind unsere Spitzen als P\u00e4dagogen hinter unserer Zeit zur\u00fcckgeblieben.<\/p>\n<p>Auf diese Weise besteht f\u00fcr die Genossen Lenin, Trotzki, Bucharin u.a. die Aufgabe der Gewerkschaften nicht in der Verwaltung der Volkswirtschaft oder in der \u00dcbernahme der Produktion, sondern sie verwandeln sie zu einem Mittel zur Erziehung der Massen. In der Diskussion erschien es einigen Genossen, dass Trotzki f\u00fcr eine \u201eVerstaatlichung der Gewerkschaften\u201c ist, nicht auf einmal, sondern allm\u00e4hlich, dass er aber immerhin als Aufgabe f\u00fcr die Gewerkschaften die Leitung der Volkswirtschaft anerkennt, was auch in unserem Programm steht. Somit n\u00e4hert sich in diesem Punkt gleichsam Trotzki der Opposition, w\u00e4hrend die Gruppe der Lenin und Sinowjew die Verstaatlichung ablehnt und den Schwerpunkt der Gewerkschaftst\u00e4tigkeit und -aufgaben in der \u201eSchule des Kommunismus\u201c sieht. \u201eDie Gewerkschaften\u201c, so verspottet Trotzki den Standpunkt Sinowjews, \u201eben\u00f6tigen erst noch die Bearbeitung der elementaren Vorarbeiten.\u201c (Seite 22 vom Bericht vom 30.12.) Trotzki selbst scheint die Aufgabe der Gewerkschaften anders zu verstehen; seiner Meinung nach liegt ihre Hauptarbeit in der Organisation der Produktion. Darin hat er sehr recht. Trotzki hat auch dann recht, wenn er sagt: \u201eSofern die Gewerkschaften Schulen des Kommunismus sein sollen, sollen sie nicht Schulen im Sinne allgemeiner kommunistischer Propaganda (denn in diesem Falle w\u00fcrden sie die Rolle von Klubs spielen) und Mobilisation der Mitglieder f\u00fcr Volksern\u00e4hrungs- und milit\u00e4rischen Arbeiten sein, sondern im Sinne von Schulen f\u00fcr die allseitige Erziehung ihrer Mitglieder auf dem Boden der Teilnahme an der Produktion.\u201c (Bericht des Genossen Trotzki vom 30.12.)<\/p>\n<p>Dies alles sind unwiderlegbare Wahrheiten. Nur eines ist vergessen: Die Gewerkschaften sollen nicht nur \u201eSchulen des Kommunismus\u201c, sondern auch Sch\u00f6pfer des Kommunismus sein.<\/p>\n<p>Die sch\u00f6pferische T\u00e4tigkeit der Klasse ist au\u00dfer acht gelassen. Genosse Trotzki ersetzt sie dadurch, dass \u201edie wirklichen Organisatoren der Produktion innerhalb der Gewerkschaft die sie f\u00fchrenden Kommunisten sind\u201c. (Aus dem Bericht des Genossen Trotzki vom 30.12.) Was f\u00fcr Kommunisten? Nach Trotzki (Thesen der ersten Formulierung) sind es diejenigen, die die Partei gem\u00e4\u00df einer Reihe von Grunds\u00e4tzen, welche oft mit den wirtschaftlichen und produktiven Aufgaben nichts zu tun haben, auf diesen oder jenen Gewerkschafts- oder wirtschaftlichen Posten einsetzt.<\/p>\n<p>Der Genosse Trotzki ist offenherzig. Er glaubt nicht, dass die Arbeitermasse reif genug sei, um den Kommunismus zu schaffen und unter sch\u00f6pferischen Wehen und Irrt\u00fcmern neue Produktionsformen aufzubauen. Er hat das auch frei und geradeheraus gezeigt. Er hat im \u201eZektran\u201c (Zentralkomitee der Transportarbeiter) sein System der \u201eStock\u201c-Erziehung der Massen und ihre Vorbereitung zur Rolle von \u201e\u00d6konomen\u201c durchgef\u00fchrt, indem er die Methoden der Belehrung aus den Gewerbeschulen \u00fcbernahm. Wahrlich, nach den vielen Kopfhieben mit dem Leisten wird der Geselle, zum Meister geworden, aus Eingesch\u00fcchtertheit sein Werk bis zum Hinsiechen ausf\u00fchren, aber solange der Stock des Meisters droht, geht es halt schon, er arbeitet, er produziert. Darin besteht nach der Meinung des Genossen Trotzki die \u00dcbertragung des Schwerpunktes \u201evon der Politik auf die Aufgaben der Produktion\u201c. Die Produktion muss \u2013 wenn auch nur zeitweise \u2013 mit allen m\u00f6glichen Mitteln gehoben werden; das ist die ganze Quintessenz, die ganze Aufgabe, in der nach Trotzki der gewerkschaftliche Lehrkursus bestehen soll.<\/p>\n<p>Damit sind die Genossen Lenin und Sinowjew nicht einverstanden. Sie sind \u201eErzieher\u201c mehr \u201emoderner Art\u201c. \u201eEs ist viel davon geredet worden,\u201c sagt Sinowjew, \u201edass die Gewerkschaften die Schulen des Kommunismus sind. Was hei\u00dft das aber: Schulen des Kommunismus? Wenn man diese Definition ernst nimmt, so bedeutet das, dass man in der Schule des Kommunismus vor allem unterrichten und erziehen, aber nicht kommandieren muss.\u201c (Das ist eine Spitze f\u00fcr Trotzki.) Und er setzt hinzu: \u201eDie Gewerkschaften sollen im proletarischen und dann noch im reinen kommunistischen Geiste eine gro\u00dfe Arbeit vollbringen. Das ist die Grundaufgabe der Gewerkschaften.\u201c Das f\u00e4ngt man bei uns gr\u00fcndlich zu vergessen an, wenn man denkt, dass man mit der Bewegung der Gewerkschaften, dieser gr\u00f6\u00dftangelegten Arbeiterorganisationen, zu unvorsichtig, zu grob und hart umgehen kann. Man muss nicht vergessen, dass diese Organisationen ihre besonderen Aufgaben haben: Nicht unmittelbares Befehlen, nicht Herrschen, nicht Diktatur, sondern vor allem die Aufgaben, die darin bestehen, die Millionenmasse in die organisierte proletarische Bewegung einzubeziehen.<\/p>\n<p>So ist der P\u00e4dagoge Trotzki in seinem Erziehungssystem vor lauter \u00dcbereifer zu weit gegangen. Aber was schl\u00e4gt denn Sinowjew selbst vor? \u201eDen Massen im Rahmen der Gewerkschaften die ersten grunds\u00e4tzlichen Lehren des Kommunismus und die Prinzipien der proletarischen Bewegung zu geben.\u201c Wie? Beim praktischen Aufbau der neuen Wirtschaftsform auf Grund lebendiger praktischer Erfahrung (wie es die Opposition will)? Nichts dergleichen! Die Gruppe Lenin-Sinowjew ist f\u00fcr ein System der Erziehung durch \u201eVorschriften\u201c, Moralpredigten und gut gew\u00e4hlte Beispiele. Auf 7 Millionen Arbeiter kommen bei uns 1\/2 Million Kommunisten (leider sind viele davon \u201eFremde\u201c, die aus einer anderen Welt zu uns gekommen sind). Gem\u00e4\u00df den Worten des Genossen Lenin hat die Partei die \u201eAvantgarde des Proletariats\u201c in sich aufgenommen, und die auserw\u00e4hlten Kommunisten forschen laboratorisch in enger Arbeitsgemeinschaft mit den Spezialisten in den Sowjetorganen nach den Formen der kommunistischen Wirtschaft. Diese Kommunisten, die unter der Aufsicht der \u201egutherzigen P\u00e4dagogen\u201c aus dem \u201eObersten Volkswirtschaftsrat\u201c in den verschiedenen Zentralen und Hauptaussch\u00fcssen arbeiten, sind die guten, musterhaften Sch\u00fcler H\u00e4nschen und Peterchen, die stets eine \u201eEins\u201c bekommen und zu denen die Arbeiter in den Gewerkschaften aufblicken und sich belehren lassen m\u00fcssen. Aber sie d\u00fcrfen es nicht wagen, ihre H\u00e4nde nach dem Regierungssteuer auszustrecken \u2013 es ist noch zu fr\u00fch! Sie haben noch nicht ausgelernt!<\/p>\n<p>Nach der Meinung Lenins sind die Gewerkschaften (d.h. die Arbeiter, ihrem Wesen nach Klassenorganisation) gar nicht die Sch\u00f6pfer der kommunistischen Wirtschaftsform, sondern \u201edie Gewerkschaften schaffen die Verbindung zwischen der Avantgarde und den Arbeitermassen; die Gewerkschaften \u00fcberzeugen die Massen durch ihre allt\u00e4gliche Arbeit, die Massen derjenigen Klasse\u201c usw.<\/p>\n<p>Das ist schon nicht Trotzkis System \u201emit dem Stock\u201c. Es ist das deutsche System Fr\u00f6bels und Pestalozzis, das auf \u201eAnschauungsunterricht\u201c begr\u00fcndet ist. Die Gewerkschaften leisten nichts Wesentliches im Wirtschaftsleben, sondern sie \u00fcberzeugen die Massen und dienen zur Verbindung der Avantgarde der Klasse mit der Partei, die (merkt das wohl!) selbst auch nicht als ein Kollektiv die Produktion verwaltet und organisiert, sondern die Sowjetwirtschaftsapparate gemischter Zusammensetzung aufrichtet, in die auch Kommunisten einberufen werden. Es ist noch eine Frage, welches System besser ist. Das System Trotzkis ist auf jeden Fall klarer und daher realer. Mit \u201eVorschriften\u201c und \u201eBeispielen\u201c der Mustersch\u00fcler allein kann man in der Erziehung nicht vorw\u00e4rts kommen. Man muss sich wohl h\u00fcten, dieses zu vergessen \u2013 man muss es sich fest einpr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Die Gruppe Bucharins w\u00e4hlt den goldenen Mittelweg oder versucht vielmehr, aus beiden Erziehungssystemen etwas Einheitliches zu schaffen; beachtet wohl, dass auch sie nicht die selbst\u00e4ndige, sch\u00f6pferische Rolle der Gewerkschaften im Wirtschaftsleben anerkennt. Nach der Meinung Bucharins und seiner Gruppe spielen die Gewerkschaften eine doppelte Rolle (so hei\u00dft es n\u00e4mlich in den Thesen): einerseits sind sie eine \u201eSchule des Kommunismus\u201c, ein Vermittler zwischen der Partei und der parteilosen Masse (das ist aus Lenins Thesen), ein Apparat, der die breiten, unteren Schichten des Proletariats am aktiven Leben teilnehmen l\u00e4sst (merkt das wohl, Genossen: ins aktive Leben einsetzt, aber nicht an der Schaffung der neuen Wirtschaftsform beteiligt, noch ein neues Produktionssystem auffinden l\u00e4sst); andererseits sind sie (die Gewerkschaften) ein Bestandteil und sogar ein progressiv steigender des wirtschaftlichen Apparates der Staatsmacht. Das ist schon von Trotzkis \u201eZusammenwachsen\u201c.<\/p>\n<p>Es wird also nicht \u00fcber die Aufgabe der Gewerkschaften gestritten, sondern \u00fcber die Methoden der Erziehung der Massen durch die Gewerkschaften. Trotzki steht (oder vielmehr stand) auf dem Standpunkt, dass man mittels des \u201eZektran\u201cschen Systems die Weisheiten des kommunistischen Wirtschaftsbaues den K\u00f6pfen der beruflich organisierten Verb\u00e4nde einbl\u00e4uen m\u00fcsse und mit Hilfe der \u201evon der Partei eingesetzten Leute\u201c sowie verschiedener \u201eWundermethoden\u201c die Gewerkschaften so umerziehen kann, dass sie mit den wirtschaftlichen Sowjetapparaten in eins verwachsen und zu gehorsamen ausf\u00fchrenden Organen der vom \u201eObersten Volkswirtschaftsrat\u201c ausgearbeiteten Pl\u00e4ne werden. Sinowjew und Lenin beeilen sich nicht, die Gewerkschaften und wirtschaftlichen Sowjetorgane \u201ezusammenwachsen\u201c zu lassen. Die Gewerkschaften, so sagen sie, m\u00fcssen Gewerkschaften bleiben. Die von uns eingesetzten Leute werden die Produktion verwalten. Das Organisationsb\u00fcro ist ein Meister darin (in der Auswahl der Leute). Wenn die Erziehung der flei\u00dfigen, gehorsamen Mustersch\u00fcler in den Gewerkschaften beendet sein wird, werden wir sie in die wirtschaftlichen Sowjetorgane \u00fcbergehen lassen. Und die Gewerkschaften werden verschwinden, sich aufl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Die sch\u00f6pferische T\u00e4tigkeit im wirtschaftlichen Gebiete \u00fcbertragen wir dem \u201eh\u00f6chsten\u201c Volkswirtschaftsrat u.a. b\u00fcrokratischen Sowjetorganen, aber den Gewerkschaften lassen wir die Rolle einer \u201eSchule\u201c. Erziehung und noch einmal Erziehung \u2026 Das ist der Wahlspruch Sinowjews und Lenins. Bucharin will durch den Radikalismus im System innerhalb der Gewerkschaftserziehung \u201egewinnen\u201c, wof\u00fcr er auch von Lenin einen Verweis und sogar den kr\u00e4nkenden Spitznamen \u201eSyndikalist\u201c erh\u00e4lt. Bucharin und seine Gruppe unterstreichen die erzieherische Rolle der Gewerkschaften unter den gegenw\u00e4rtigen politischen Bedingungen und stehen f\u00fcr die weitgehende Arbeiterdemokratie innerhalb der Gewerkschaften ein. Wahlsystem. Nur Wahlsystem, und nicht \u201ebedingtes\u201c, sondern obligatorische Kandidaturen der Gewerkschaften. \u00dcberlegt einmal, welch gro\u00dfer Demokratismus! Schon fast die Arbeiteropposition selbst. Aber mit einem kleinen Vorbehalt: Die Arbeiteropposition anerkennt die Gewerkschaften als die Verwalter und Sch\u00f6pfer der kommunistischen Wirtschaft. Bucharin aber, zusammen mit Trotzki und Lenin, weisen ihnen die Rolle von \u201eSchulen f\u00fcr den Kommunismus\u201c zu und nicht mehr. Warum kann man auch nicht mit der Frage des Wahlsystems etwas Radikalismus vorspiegeln, besonders wenn man wei\u00df, dass das Wahlrecht dem System der Produktionsverwaltung weder schaden noch n\u00fctzen kann? Die Wirtschaftsverwaltung bleibt dennoch au\u00dferhalb des Rahmens der Gewerkschaften in den H\u00e4nden der Sowjetorgane. Bucharin \u00e4hnelt den P\u00e4dagogen, die nach dem alten System unterrichten, die nach dem Buch soundso viele Zeilen von hier bis dort aufgeben, die aber, um zu zeigen, dass sie auch die \u201eSelbstt\u00e4tigkeit\u201c der Sch\u00fcler anspornen, Wahlen von Ordnungssch\u00fclern und Organisation von Sch\u00fclerauff\u00fchrungen unterst\u00fctzen. (Vgl. Thesen Bucharins, Punkt 17.) So k\u00f6nnen diese beiden Systeme ausgezeichnet nebeneinander bestehen. Was aber dabei herauskommen wird, wozu die Z\u00f6glinge dieser P\u00e4dagogen sp\u00e4ter taugen werden, ist schon eine andere Frage. Wenn Lunatscharski auf den p\u00e4dagogischen Versammlungen solche \u201eeklektische H\u00e4resie\u201c bestreiten w\u00fcrde, w\u00e4re die Lage des Volkskommissariats f\u00fcr Volksaufkl\u00e4rung hoffnungslos.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens darf man die erzieherischen Methoden unserer leitenden Genossen bez\u00fcglich der Gewerkschaften nicht so sehr geringsch\u00e4tzen. Sie alle, darunter auch Trotzki, verstehen sehr wohl, dass die \u201eSelbstt\u00e4tigkeit\u201c bei der Erziehung nicht die letzte Rolle spielt. Darum w\u00e4hlen sie jene Gebiete, in denen die Gewerkschaften ohne Schaden f\u00fcr das allgemeine b\u00fcrokratische System ihre Selbstt\u00e4tigkeit und wirtschaftliche Sch\u00f6pferkraft bet\u00e4tigen k\u00f6nnen. Das ungef\u00e4hrlichste Gebiet f\u00fcr die Selbstt\u00e4tigkeit der Massen und ihre aktive Teilnahme am Leben (nach Bucharin) ist ihre Mitwirkung an der Verbesserung der Lebensbedingungen. Die Arbeiteropposition r\u00e4umt der Verbesserung der Lebensbedingungen viel Platz ein, aber sie begreift auch sehr gut, dass das Hauptziel der sch\u00f6pferischen Klassent\u00e4tigkeit die Schaffung neuer wirtschaftlicher Produktionsformen ist, von denen die Organisation der Lebensbedingungen hingegen nur ein Bruchteil ist. Nach der Meinung Trotzkis und Sinowjews jedoch wird die Produktion von den Sowjetorganen geschaffen und reguliert und den Gewerkschaften nur vorgeschlagen, sich mit der n\u00fctzlichen, aber engeren Arbeit ihrer \u201einternen Wirtschaft\u201c zu befassen. Sinowjew z.B. sieht die \u201ewirtschaftliche Rolle\u201c der Gewerkschaften in der Verteilung von Berufskleidung und erkl\u00e4rt: \u201eEs gibt keine wichtigere Aufgabe als die wirtschaftliche; es ist zehnmal wichtiger, jetzt eine Badeanstalt in Petersburg wieder instand zu setzen, als f\u00fcnf gute Vorlesungen zu halten.\u201c Was ist das: eine naive Verwechslung oder ein bewusstes Vertauschen der organisatorisch-sch\u00f6pferischen Aufgaben der Gewerkschaften im Gebiete der Produktion und Entwicklung der Produktionskr\u00e4fte mit den engeren Aufgaben der Verbesserung der Lebensbedingungen und kleinlichen Regelungen der Wirtschaftsordnung? Bei Trotzki begegnen wir dem gleichen Gedanken, nur mit etwas anderen Worten ausgedr\u00fcckt. Er schl\u00e4gt den Gewerkschaften gro\u00dfm\u00fctig vor, im Gebiete der Wirtschaft die weitgehendste Selbstt\u00e4tigkeit zu entfalten.<\/p>\n<p>Aber worin dr\u00fcckt sich diese Selbstt\u00e4tigkeit oder diese Mitwirkung an der Verbesserung der Lebensbedingungen der Massen aus? Darin, dass in einer Werkst\u00e4tte \u201eFensterglas eingesetzt\u201c wird oder die Pf\u00fctzen vor der Fabrik zugesch\u00fcttet werden (Aus der Rede Trotzkis auf dem Kongress der Bergarbeiter.) Aber erbarmen Sie sich, Trotzki! Das geh\u00f6rt ja schon in das Gebiet der \u201eHausverwaltung\u201c, und wenn Sie die sch\u00f6pferische T\u00e4tigkeit der Gewerkschaften nur zu solchen Perlen der Selbstt\u00e4tigkeit reduzieren werden, so werden die Gewerkschaften nicht Schulen des Kommunismus, sondern Schulen f\u00fcr \u201eHausverwalter\u201c werden. \u00dcbrigens erweitert Trotzki das Gebiet der \u201eSelbstt\u00e4tigkeit der Massen\u201c, indem er dieselben wohl zu dem von der \u201eKommission zur Verbesserung des Lebens der Arbeiter\u201c erteilten Unterricht heranzieht, ihnen aber nicht ihre selbst\u00e4ndige Organisation des Lebens zugesteht (so weit geht nur die \u201everr\u00fcckte\u201c Arbeiteropposition). \u201eWenn Fragen entschieden werden, die die Arbeiter, ihre Ern\u00e4hrung und \u00d6konomisierung der Arbeitskr\u00e4fte betreffen, m\u00fcssen die Gewerkschaften genau \u2013 nicht nur im allgemeinen, wie \u00fcblich die B\u00fcrger, sondern gr\u00fcndlichst wissen (nicht aktiv teilnehmen, sondern nur wissen! A. Kollontai), was t\u00e4glich im Obersten Volkswirtschaftsrat geleistet wird.\u201c (Aus Trotzkis Rede vom 30.12.) Die Lehrer des \u201eObersten Volkswirtschaftsrats\u201c fordern nicht nur von den Gewerkschaften die Ausf\u00fchrung ihrer Pl\u00e4ne, sondern erkl\u00e4ren auch den Sch\u00fclern ihre Vorschriften. Das ist \u2013 verglichen mit dem \u201eZektranismus\u201c \u2013 schon ein Fortschritt.<\/p>\n<p>Aber jedem denkenden Arbeiter ist es klar, dass das Einsetzen von Scheiben in die Fenster der Werkst\u00e4tte zwar sehr n\u00fctzlich ist, diese Arbeit aber mit der Verwaltung der Produktion nichts gemein hat. Die Produktionskr\u00e4fte und ihre Entwicklung kommen dabei \u00fcberhaupt nicht in Betracht. Der Kernpunkt liegt aber gerade in der Frage, wie sie entwickelt werden sollen. Wie soll man in \u00dcbereinstimmung des neuen Lebens mit dem Produktionsprozess die Wirtschaft dergestalt aufbauen, dass die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Summe der Arbeiterenergie f\u00fcr die Produktion gespart und die Menge der nichtproduzierenden Arbeit vermindert wird? Die Partei kann den Rotarmisten, den politischen Agitator, \u00fcberhaupt den Vollstrecker von bestimmten Aufgaben, aber nicht den Aufbauer der kommunistischen Wirtschaft erziehen. F\u00fcr die Aufbau- und Produktionst\u00e4tigkeit gibt nur die Gewerkschaft freie Bahn. Sie hat \u00fcberhaupt nicht diese Aufgabe. Ihre Aufgabe ist vielmehr, die notwendigen Bedingungen zu schaffen, d.h. freien Spielraum zu geben f\u00fcr die Erziehung der breiten Arbeitermassen, der Arbeiter, Sch\u00f6pfer der neuen Arbeitsmethoden, des neuen Systems der Verwendung und der Gruppierung aller Arbeiterkr\u00e4fte, die durch die gemeinsamen wirtschaftlichen Produktionsaufgaben vereinigt sind. Um den wirtschaftlichen Zerfall zu besiegen und die neue kommunistische Wirtschaft aufzubauen, muss der Arbeiter vor allem in seinem Kopf neue Methoden der Organisation der Arbeit und Wirtschaftsverwaltung schaffen.<\/p>\n<p>Aber diese einfache marxistische Wahrheit wird von unseren Spitzen eben nicht anerkannt. Warum? Ja eben darum, weil unsere Spitzen mehr an das uns fremde Element der b\u00fcrokratischen und technischen \u00dcberbleibsel der Vergangenheit, als an die gesunde, elementare, sch\u00f6pferische Klassenkraft der Arbeiter glauben. Auf allen anderen Gebieten, wie z.B. auf dem Gebiete der Volksaufkl\u00e4rung, der Entwicklung der Wissenschaften, der Organisation der Armee oder der Volkswohlfahrt k\u00f6nnte man noch eher zweifeln, wem die Leitung geh\u00f6rt: dem Arbeiterkollektiv oder der B\u00fcrokratie der Spezialisten, aber nur nicht auf dem Gebiete der Wirtschaft. Hier ist das Problem f\u00fcr einen jeden, der die Weltgeschichte nicht vergessen hat, unbestreitbar und klar.<\/p>\n<p>Jeder Marxist wei\u00df, dass die Wiederherstellung der Produktion und die Entwicklung der Produktionskr\u00e4fte des Landes von zwei Faktoren (Bedingungen) abh\u00e4ngen: von der Entwicklung der Technik und zweckm\u00e4\u00dfigen Organisation der Arbeit und von der rationellen Erh\u00f6hung der Arbeiterenergie und der Auffindung neuer Impulse zur Arbeit. So geschah es w\u00e4hrend des ganzen Laufs der Menschheitsentwicklung, bei jedem \u00dcbergang von einer niedrigeren zu einer h\u00f6heren Stufe der Wirtschaftsordnung.<\/p>\n<p>In der Arbeiterrepublik tritt die Entwicklung der Produktionskr\u00e4fte mit Hilfe der Erfolge in der Technik im Vergleich zu dem zweiten Faktor, der zweckentsprechenden Organisation der Arbeit und des Sch\u00f6pfungsgeistes eines neuen Wirtschaftssystems, in den Hintergrund. Wenn es sogar gelingen w\u00fcrde, in Sowjetrussland den ganzen Plan der Elektrifizierung vollkommen durchzuf\u00fchren, ohne dabei das System der Verwaltung und Organisation, der Wirtschaft und Produktion von Grund auf zu erneuern, so w\u00fcrde Russland in \u2013 seiner Entwicklung die kapitalistischen L\u00e4nder nur einholen. Umgekehrt befindet sich das werkt\u00e4tige Russland aber in der Frage der zweckm\u00e4\u00dfigen Ausn\u00fctzung der Arbeiterkr\u00e4fte und der Schaffung eines neuen Produktionssystems in besonders g\u00fcnstigen Bedingungen, die es ihm in Bezug auf die Entwicklung der Produktionskr\u00e4fte erm\u00f6glichen, die b\u00fcrgerlich-kapitalistischen L\u00e4nder weit zu \u00fcberholen. Der Impuls (der Zwang) zur Arbeit, die Arbeitslosigkeit in Russland ist aufgehoben.<\/p>\n<p>Es ist der Arbeiterklasse, die von dem Joch des Kapitals befreit ist, die M\u00f6glichkeit gegeben, ihr eigenes, neues, sch\u00f6pferisches Wort auf dem Gebiete der Auffindung der Antriebe zur Arbeit und der Schaffung neuer, in der Menschheitsgeschichte noch nicht dagewesener Produktionsformen, zu sagen.<\/p>\n<p>Aber wer kann seine Sch\u00f6pferkraft und rationell-schnelle Auffassung in diesem Gebiete reicher entfalten und den gegebenen Verh\u00e4ltnissen ein besseres Verst\u00e4ndnis entgegenbringen? Die b\u00fcrokratischen Elemente, die Oberleiter der Sowjetbeh\u00f6rden oder die Gewerkschaften, deren Mitglieder, gest\u00fctzt auf ihre Erfahrung bez\u00fcglich der Verteilung der Arbeitskr\u00e4fte in den Werkst\u00e4tten, neue, sch\u00f6pferisch n\u00fctzliche und praktische M\u00f6glichkeiten im Gebiete der Reorganisation der gesamten Volkswirtschaft entdecken. Die Arbeiteropposition verteidigt den Grundsatz, dass die Verwaltung der Volkswirtschaft eine Sache der Gewerkschaften ist.<\/p>\n<p>Auf diese Weise denkt sie mehr marxistisch als \u2013 die theoretisch geschulten Spitzen.<\/p>\n<p>Die Arbeiteropposition ist nicht so unwissend, als dass sie die gro\u00dfe Rolle der Technik und der technisch geschulten Leute nicht einsch\u00e4tzen k\u00f6nnte. Es f\u00e4llt ihr gar nicht ein, nach der Schaffung eines eigenen Organs zur Verwaltung der Volkswirtschaft, das von einem Kongress der Werkt\u00e4tigen gew\u00e4hlt w\u00e4re, nachher alle R\u00e4te und Zentralen f\u00fcr Volkswirtschaft aufzul\u00f6sen. Nein, sie strebt nach etwas anderem. Sie will die notwendigen, technisch wertvollen Verwaltungszentren ihrer Leitung unterordnen, sie will ihnen theoretische Auftr\u00e4ge geben, sie will sie so ausn\u00fctzen, wie seinerzeit die Fabrikbesitzer die bezahlten Kr\u00e4fte der Techniker und Spezialisten zur Verwirklichung ihrer Pl\u00e4ne ausgen\u00fctzt haben. Die \u201eSpezialisten\u201c k\u00f6nnen viel zur Hebung der Technik beitragen, sie k\u00f6nnen der Klasse das Suchen erleichtern. Sie sind ebenso notwendig, wie die Wissenschaft und ihr Aufbl\u00fchen f\u00fcr jede aufsteigende und k\u00e4mpfende Klasse notwendig und wertvoll ist. Aber die b\u00fcrgerlichen Spezialisten, sogar wenn sie mit einem kommunistischen Etikett versehen sind, sind zu schwach und geistig zu beschr\u00e4nkt, um in einem nicht-kapitalistischen Staat zur Hebung der Produktionskr\u00e4fte beitragen, neue Arbeitsmethoden und neue Antriebe zur Intensivierung der Arbeit auffinden zu k\u00f6nnen. Hier muss man der Klasse das Wort lassen; d.h. den dieses am klarsten und besten zum Ausdruck bringenden Industrieverb\u00e4nden.<\/p>\n<p>Als in der \u00dcbergangszeit vom Mittelalter zur Neuzeit die neu entstehende b\u00fcrgerliche Klasse den wirtschaftlichen Kampf mit der \u00f6konomisch im Niedergang begriffenen Feudalherrschaft und Agrarier (Gutsbesitzer) begann, hatte sie vor dieser letzten Klasse gar keine technischen Vorz\u00fcge. Der Aufk\u00e4ufer, der erste Kapitalist kaufte seine Ware bei demselben Heimindustriellen und Handwerker, der mit Hilfe seiner Werkzeuge und primitiven Spinnr\u00e4der auch f\u00fcr seinen Herrn, ebenso wie f\u00fcr den fremden Aufk\u00e4ufer, mit dem er einen \u201efreien\u201c Arbeitsvertrag schloss, arbeitete. Aber nachdem die Fronwirtschaft ihren H\u00f6hepunkt erreicht hatte, h\u00f6rte sie auf, einen \u00dcberschuss zu geben und das Anwachsen der Produktionskr\u00e4fte wurde verlangsamt. Die Menschheit hatte folgendes Problem zu l\u00f6sen: Wirtschaftlicher Regress (Niedergang) oder die Auffindung neuer Arbeitsformen und folglich eines neuen Wirtschaftssystems, das die Produktion heben, ihren Rahmen erweitern und die M\u00f6glichkeit einer neuen Bl\u00fctezeit finden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wer konnte neue Wege auf dem Gebiete der Reorganisation der Arbeit auffinden? Nat\u00fcrlich nur die Vertreter derjenigen Klasse, die durch die Routine der Vergangenheit nicht gebunden waren, die es verstanden, dass der Mei\u00dfel und das Spinnrad in den H\u00e4nden des Leibeigenen viel weniger produktiv waren als in den H\u00e4nden des sozusagen freien, d.h. des Lohnarbeiters, der von der Not angetrieben wird.<\/p>\n<p>Die aufsteigende Klasse fand diese Triebkraft der Produktivit\u00e4t der Arbeit und baute darauf das komplizierte und in seiner Art das gro\u00dfartige System der kapitalistischen Produktion auf. Die Techniker kamen den Kapitalisten viel sp\u00e4ter zu Hilfe. Die Grundlage war das neue System der Organisation der Arbeit, die neuen Wechselbeziehungen der Arbeit und des Kapitals.<\/p>\n<p>Das bezieht sich auch auf die Gegenwart. Kein Spezialist oder Techniker, der durch die Routine des alten Systems der Produktion gebunden ist, kann bei der Organisation der Arbeit und dem Aufbau der kommunistischen Wirtschaft neue sch\u00f6pferische Werte erzeugen. Das Wort geh\u00f6rt hier dem Arbeiterkollektiv. Und es ist das gro\u00dfe Verdienst der Arbeiteropposition, dass sie diese Frage von gr\u00f6\u00dfter Wichtigkeit direkt und durchgreifend vor die Partei stellte.<\/p>\n<p>Der Genosse Lenin meint, dass wir mit Hilfe der Partei den kommunistischen, sch\u00f6pferischen Aufbau im wirtschaftlichen Gebiete durchf\u00fchren k\u00f6nnen. Ist dem wirklich so? Vor allem, wie bet\u00e4tigt sich die Partei? Nach dem Ausdruck des Genossen Lenin \u201enimmt sie die Avantgarde des revolution\u00e4ren Proletariats in sich auf\u201c. Dann verstreut sie sich \u00fcber die wirtschaftlichen und Sowjetinstitutionen und wird tw. den Gewerkschaften zur\u00fcckgegeben (die aber im Gebiete der Leitung der Volkswirtschaft und ihres Aufbaus sich nicht bet\u00e4tigen k\u00f6nnen). Dort aber, in der allgemeinen Atmosph\u00e4re von Routine und B\u00fcrokratismus, von denen die Apparate, die bei uns die sch\u00f6pferische, wirtschaftliche T\u00e4tigkeit verwalten, durchdrungen sind, treten diese gut geschulten und ergebenen, vielleicht sehr begabten Kommunisten-Wirtschaftler in den Hintergrund und werden von der verdorbenen Atmosph\u00e4re angesteckt. Der Einfluss dieser Genossen wird geschw\u00e4cht, auf ein Nichts reduziert und ihre Kraft versiegt.<\/p>\n<p>Mit den Gewerkschaften steht es anders. Hier ist der Bestand der proletarischen Klasse gr\u00f6\u00dfer, ihr Klassencharakter einheitlicher ausgesprochen und die Aufgaben, die vor dem Kollektiv stehen, sind unmittelbar mit den Lebens- und Arbeitsinteressen der Werkt\u00e4tigen, der Mitglieder der Betriebsr\u00e4te, der Betriebs- und Gewerkschaftsverwaltungen verbunden. Der sch\u00f6pferische Impuls, das Suchen nach neuen Wirtschaftsformen, nach neuen Triebkr\u00e4ften zur Hebung der Intensit\u00e4t der Arbeit kann nur in der Tiefe dieses nat\u00fcrlichen Klassenkollektivs entstehen. Die Avantgarde des Proletariats kann die Revolution durchf\u00fchren, aber nur die ganze Klasse kann in allt\u00e4glicher praktischer Arbeit als Klassenkollektiv die wirtschaftliche Grundlage der neuen Gesellschaftsform schaffen.<\/p>\n<p>Derjenige, der an die sch\u00f6pferische T\u00e4tigkeit des Klassenkollektivs nicht glaubt \u2013 und dieses Kollektiv findet seinen deutlichsten Ausdruck in den Gewerkschaften \u2013 , der muss \u00fcber den Aufbau der kommunistischen Wirtschaft ein Kreuz machen. Weder der Genosse Krestinski noch Preobrashenski oder selbst Lenin oder Trotzki k\u00f6nnen fehlerlos mit Hilfe des Parteiapparates diejenigen Arbeiter finden, die f\u00e4hig sind, von einem neuen Standpunkte aus an die Arbeit und an ein neues Produktionssystem heranzugehen. Nur derjenige, der selbst produziert und Werte schafft und zu gleicher Zeit die Produktion organisiert, kann das an Hand der praktischen Lebenserfahrungen finden.<\/p>\n<p>Aber unsere Spitzen ziehen eben das, was f\u00fcr jeden Arbeiter so einfach und so klar ist, n\u00e4mlich die Praxis und die gegebene Lage der Dinge, nicht in Betracht. Der Kommunismus kann nicht durch Dekrete geschaffen werden. Nur die Arbeiterklasse selbst kann ihn schaffen nach ernstem Suchen und manchem Irren.<\/p>\n<p>In leidenschaftlichen Diskussionen zwischen den Spitzen unserer Partei und der Arbeiteropposition wird diese strittige Frage besprochen: Wem vertraut unsere Partei den Aufbau der kommunistischen Wirtschaft an, dem \u201eObersten Volkswirtschaftsrat\u201c mit allen seinen b\u00fcrokratischen Verzweigungen oder den Gewerkschaften? Der Genosse Trotzki will den \u201eObersten Volkswirtschaftsrat\u201c so mit den Gewerkschaften \u201ezusammenwachsen\u201c lassen, dass die letzteren von ersterem aufgesogen werden. Die Genossen Sinowjew und Lenin wollen die Massen in den Gewerkschaften auf so eine Weise im kommunistischen Geiste \u201eerziehen\u201c, um die Gewerkschaften in den vorgenannten Sowjetorganen schmerzlos aufzul\u00f6sen. Bucharin und alle anderen Verfasser von Thesen sagen im Grunde genommen immer dasselbe, nur die Formulierung ist eine andere. Das Wesen ist dasselbe. Die Arbeiteropposition allein sagt etwas anderes. Sie verteidigt die Klasseninteressen des Proletariats innerhalb des sch\u00f6pferischen Prozesses der Verwirklichung dieser Aufgaben.<\/p>\n<p>Das leitende Wirtschaftsorgan in der Republik der Werkt\u00e4tigen muss in der gegenw\u00e4rtigen \u00dcbergangsperiode ein Organ aus den Werte schaffenden Arbeitern, von ihnen gew\u00e4hlt, sein. Alle anderen Sowjetapparate zur Verwaltung der Wirtschaft und der Produktion m\u00fcssen nur ausf\u00fchrende Organe der Wirtschaftspolitik dieses fundamentalen Wirtschaftsapparates der Arbeiterrepublik sein. Alles andere bedeutet nur Stillstand in der Bewegung, der einen Mangel an Vertrauen in die sch\u00f6pferische Kraft der Arbeiter ausdr\u00fcckt, ein Misstrauen, das unserer Partei unw\u00fcrdig ist, die ja gerade dank des unersch\u00f6pflichen revolution\u00e4ren Geistes des Proletariats die Macht errungen hat.<\/p>\n<p>Es wird durchaus nicht erstaunlich sein, wenn auf dem Parteitag die Autoren der verschiedenen Wirtschaftsprogramme mit Ausnahme der Arbeiteropposition durch Konzessionen und Kompromisse zusammenkommen werden. Ihr Streit dreht sich nicht um wesentliche Unterschiede. Die Arbeiteropposition allein kann und darf nicht nachgeben. Das bedeutet nicht, zur \u201eSpaltung\u201c aufrufen. Nein, sie hat eine andere Aufgabe. Sie muss sogar in dem Falle, wenn sie auf dem Parteitage eine Niederlage erleidet, in der Partei bleiben, Schritt f\u00fcr Schritt ihren Standpunkt verteidigen und auf diese Weise die Linie der Partei richtigstellen und die Partei retten.<\/p>\n<p>Wir wiederholen noch einmal kurz die Forderungen der Arbeiteropposition:<\/p>\n<ul>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ol>\n<li>Schaffung eines Organs zur Volkswirtschaftsverwaltung aus den produzierenden Arbeitern selbst.<\/li>\n<li>Zu diesem Zwecke, d.h. zwecks \u00dcbergang der Gewerkschaften von passiver Mitarbeit an den Organen der Volkswirtschaft zur aktiven Teilnahme, zur \u00c4u\u00dferung der sch\u00f6pferischen Initiative der Arbeiter in ihnen, trifft die Arbeiteropposition eine Reihe vorl\u00e4ufiger Ma\u00dfnahmen und bestimmt die Reihenfolge und Ordnung des \u00dcbergangs zu dieser Aufgabe.<\/li>\n<li>Die Verwaltung eines Produktionszweiges geht nur dann in die H\u00e4nde einer Gewerkschaft \u00fcber, wenn der Allrussische Gewerkschaftsbund sie als gen\u00fcgend vorbereitet befindet.<\/li>\n<li>Ohne die Zustimmung der Gewerkschaft kann kein administrativ-wirtschaftlicher Posten besetzt werden. Alle Gewerkschaftskandidaten m\u00fcssen notwendigerweise eingesetzt werden. Alle von den Gewerkschaften eingestellten Beamten sind vor denselben verantwortlich und k\u00f6nnen nur von ihnen abberufen werden.<\/li>\n<li>Um diesen Plan zu verwirklichen, ist es n\u00f6tig, die unteren Gewerkschaftszellen zu befestigen und die Betriebsr\u00e4te zur Leitung der Wirtschaft vorzubereiten.<\/li>\n<li>Durch die Konzentration der gesamten Wirtschaftsverwaltung der Republik in einer Hand (ohne die jetzt bestehende Zweiheit des \u201eObersten Volkswirtschaftsrates\u201c und des Allrussischen Gewerkschaftsbundes) wird ein einheitlicher Wille geschaffen, der die Durchf\u00fchrung eines einheitlichen Plans zur Schaffung eines kommunistischen Systems erleichtert.<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ist denn dies Syndikalismus? Ist es nicht umgekehrt dasselbe, was in unserem Parteiprogramm steht? Und weichen nicht vielmehr die Thesen der anderen Genossen von ihm ab?<\/p>\n<p><strong>Vom\u00a0B\u00fcrokratismus\u00a0und\u00a0der Selbstt\u00e4tigkeit\u00a0der\u00a0Massen<\/strong><\/p>\n<p>B\u00fcrokratismus oder Selbstt\u00e4tigkeit der Massen? Das ist der zweite Punkt, in dem die Parteispitzen mit der Arbeiteropposition auseinandergehen. Die Frage des B\u00fcrokratismus wurde auf dem 8. R\u00e4tekongress wohl aufgerollt, aber nur sehr oberfl\u00e4chlich behandelt. Hier, genau wie in der Frage der Gewerkschaften, schl\u00e4gt die Diskussion einen falschen Weg ein. Der Streit hat in diesem Punkte eine tiefere Bedeutung, als es scheint. Sein Sinn ist folgender: Welches Verwaltungssystem des Arbeiterstaates sichert der Klasse im Augenblick der Schaffung der wirtschaftlichen Basis des Kommunismus f\u00fcr ihre sch\u00f6pferische T\u00e4tigkeit einen gr\u00f6\u00dferen Spielraum: das System der b\u00fcrokratischen Staatsorgane oder das System der umfassenden praktischen Selbstt\u00e4tigkeit der Arbeitermasse? Die Frage des Verwaltungssystems ist eine Frage von zwei Prinzipien, die einander ausschlie\u00dfen: B\u00fcrokratismus oder Selbstt\u00e4tigkeit? Und diese Frage will man in den Rahmen des Streits \u00fcber die Methoden einer \u201eBelebung des Sowjetapparates\u201c einzw\u00e4ngen. Ebenso wie in der Diskussion \u00fcber die Rolle der Gewerkschaften wird ein Gegenstand des Streits durch den anderen ersetzt.<\/p>\n<p>Es muss klar und deutlich gesagt werden, dass durch halbe Ma\u00dfregeln eine Reform der Wechselbeziehungen zwischen den Zentren und den \u00f6rtlichen Stellen der Verwaltung und durch andere ebenso unma\u00dfgebliche Neuerungen, wie z.B. die Neuverteilung der verantwortlichen Arbeiter oder die Einsetzung von Parteimitgliedern in die Sowjetapparate, wo sie ungewollt den Einfl\u00fcssen des verb\u00fcrokratisierten Systems unterworfen sind und mit der Masse der ihnen geistig fremden b\u00fcrgerlichen Spezialisten verschmelzen, nichts erreicht werden kann. Die Sowjetapparate k\u00f6nnen auf diese Weise nicht \u201edemokratisiert\u201c und belebt werden.<\/p>\n<p>Nicht darauf kommt es an. Jedes Kind in Sowjetrussland wei\u00df, dass eine ganz bestimmte Aufgabe vor uns steht, n\u00e4mlich die Heranziehung der breiten Arbeiter- und Bauernmassen und der \u00fcbrigen Werkt\u00e4tigen zum Aufbau der Wirtschaft und des Lebens des Staates der Werkt\u00e4tigen. Mit anderen Worten, es muss die Initiative, die Selbstt\u00e4tigkeit der Massen geweckt werden. Aber was wird getan, um die Selbstt\u00e4tigkeit zu erleichtern und zu beleben? Gar nichts, vielmehr das Gegenteil! Es ist wahr, auf jeder Versammlung rufen wir die Arbeiter und Arbeiterinnen auf: \u201eSchafft ein neues Leben, baut es auf, helft der Sowjetmacht!\u201c Aber sobald die Massen oder eine Gruppe von Arbeitern und Arbeiterinnen sich diesen Zuruf zu Herzen nehmen und in der Praxis zu verwirklichen versuchen, mengt sich sofort irgendein b\u00fcrokratisches Organ, das sich umgangen f\u00fchlt, ein, den allzu k\u00fchnen Initiatoren Einhalt zu gebieten. Jeder Genosse wird wohl ein Dutzend Beispiele anf\u00fchren k\u00f6nnen: wie es z.B. den Arbeitern einfiel, eine Volksk\u00fcche, eine Krippe oder Holzzufuhr u.a. selbst zu organisieren und wie jedes Mal das lebendige Interesse an der Sache erstickt wurde durch ein endloses Hinziehen mit Papierschreiben, abschl\u00e4gigen Bescheiden, neuen Gesuchen usw.; und da, wo es auch gelungen w\u00e4re, ein Speisehaus aus eigenen Kr\u00e4ften in Gang zu setzen, eine Krippe zu organisieren oder Brennmaterial herbeizuschaffen, da kam eine Absage, weil den Zentralapparaten das N\u00f6tige fehlte, um eine Volksk\u00fcche einzurichten, weil er keine Pferde zur Verf\u00fcgung hatte, das Holz zu transportieren oder keine R\u00e4umlichkeiten f\u00fcr die Krippe da waren \u2026 Und welche Bitterkeit m\u00fcssen in diesem Falle die Arbeiter und Arbeiterinnen empfinden, die wissen, dass \u2013 wenn man ihnen nur das Recht und die M\u00f6glichkeit gegeben h\u00e4tte, selbstst\u00e4ndig zu arbeiten \u2013 sie alles h\u00e4tten zuwege bringen k\u00f6nnen. Es ist so kr\u00e4nkend, wenn diejenigen Materialien verweigert werden, die sie selbst schon gefunden und sich gesichert hatten.<\/p>\n<p>Die Initiative wird verringert, der Wunsch zu handeln, erstirbt. \u201eWenn es so ist, sollen die Beamten selbst f\u00fcr uns sorgen.\u201c Auf diese Weise entsteht eine sehr sch\u00e4dliche Trennung: wir, d.h. die Werkt\u00e4tigen, und sie, d.h. die Sowjetbeamten, von denen alles abh\u00e4ngt. Hier steckt die Wurzel des \u00dcbels.<\/p>\n<p>Was tun nun aber die Spitzen unserer Partei? Versuchen sie die Wurzel des \u00dcbels zu finden und offen anzuerkennen, dass das System selbst, das wir vermittels der R\u00e4te verwirklicht hatten, nicht nur nicht die Selbst\u00e4ndigkeit der Massen unterst\u00fctzt, sondern sie sogar lahmlegt und erstickt? Nein, unsere Spitzen tun das nicht. Umgekehrt. Statt nach einer M\u00f6glichkeit zu suchen, die Initiative der Massen anzuspornen, die mit Hilfe unserer anpassungsf\u00e4higen Sowjetorgane unter gewissen Bedingungen sehr gut eingegliedert werden k\u00f6nnen, werden unsere Spitzen pl\u00f6tzlich zu Verteidigern und F\u00fchrern des B\u00fcrokratismus. Wie viele Genossen wiederholen die Worte Trotzkis: \u201eWir leiden nicht darunter, dass wir uns die schlechten Seiten des B\u00fcrokratismus angeeignet, sondern darum, weil wir seine guten Eigenschaften nicht angenommen haben.\u201c (Trotzki: \u201eVom einheitlichen Wirtschaftsplan\u201c) Der B\u00fcrokratismus ist direkt eine Verneinung der Selbstt\u00e4tigkeit der Massen. Daher kann derjenige, der als Grundprinzip des Regierungssystems der Arbeiterrepublik das Prinzip der Heranziehung der Massen zur Verwaltung mit Hilfe einer Unterst\u00fctzung ihrer Selbstt\u00e4tigkeit anerkennt, im B\u00fcrokratismus weder gute noch schlechte Seiten sehen, sondern muss dies untaugliche System einfach und definitiv verwerfen. Der B\u00fcrokratismus ist nicht eine Erscheinung, die unsere Armut hervorgerufen hat, wie Genosse Sinowjew behauptet, und nicht eine Widerspiegelung der blinden \u201eUnterordnung\u201c, die auf das milit\u00e4rische Gewaltsystem zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, wie andere sagen. Die Ursache liegt tiefer. Diese Erscheinung stammt aus derselben Quelle, die unsere schwankende Gewerkschaftspolitik erzeugt: aus dem auf unsere Sowjetorgane ausge\u00fcbten wachsenden Einfluss der sozialen Gruppen der Bev\u00f6lkerung, die ihrem Geiste nach nicht nur dem Kommunismus, sondern auch den elementaren proletarischen Aufgaben und Str\u00f6mungen fremd sind. Der B\u00fcrokratismus ist eine Gei\u00dfel, die bis in die Tiefe unserer Partei durchgedrungen ist und die Sowjetorgane vollkommen zerfrisst. Nicht nur die Arbeiteropposition weist darauf hin, auch viele nachdenkende Genossen, die au\u00dferhalb dieser Gruppe stehen, erkennen das an.<\/p>\n<p>Nicht nur die Initiative der unparteiischen Massen ist eingeschr\u00e4nkt worden (das w\u00e4re noch verst\u00e4ndlich und eine logische Folge der gespannten Verh\u00e4ltnisse w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges), sondern auch die Initiative der Parteimitglieder ist bis aufs \u00e4u\u00dferste begrenzt. Jede selbstt\u00e4tige Initiative, jeder neue Gedanke, der nicht durch die Zensur der leitenden Parteizentrale durchgegangen ist, wird als eine \u201eKetzerei\u201c betrachtet, als ein Versto\u00df gegen die Parteidisziplin, als ein Versuch, in die Rechte der Zentrale, die alles \u201eim voraus sehen\u201c und alles \u201evorschreiben\u201c muss, einzugreifen. Und wenn sie nicht vorgeschrieben hat, so muss man eben warten.<\/p>\n<p>Die Zeit wird kommen und die Zentrale wird Mu\u00dfe finden, etwas vorzuschreiben und dann kann man im streng vorgeschriebenen Rahmen seine \u201eInitiative\u201c zeigen \u2026<\/p>\n<p>Was w\u00fcrde z.B. geschehen, wenn die Mitglieder der R.K.P., die Singv\u00f6gel lieben, eine Gesellschaft zum Schutze der Singv\u00f6gel gr\u00fcndeten? Es scheint doch, als w\u00e4re es ein ganz n\u00fctzliches und angenehmes Unternehmen, das auf jeden Fall den \u201ePl\u00e4nen des Staats\u201c nicht schaden w\u00fcrde. Aber es scheint nur so. Sofort w\u00fcrde irgendwelches b\u00fcrokratische Organ seinen Einspruch erheben und auf seinem Recht bestehen, die ganze Sache zu organisieren. Es w\u00fcrde die Gesellschaft in den Sowjetapparat eingliedern und auf diese Weise jede unmittelbare Initiative t\u00f6ten. Statt dessen aber w\u00fcrde es eine Menge von Rundschreiben, Instruktionen usw. ver\u00f6ffentlichen, mit denen noch ein paar hundert Beamte vollauf zu tun h\u00e4tten und die die Post und das Transportwesen noch mehr \u00fcberlasten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Das Wesen des B\u00fcrokratismus, seine Sch\u00e4dlichkeit, besteht nicht nur in der b\u00fcrokratischen Verschleppung, wie uns diejenigen Genossen, die den ganzen Streit in das Gebiet der \u201eBelebung des Sowjetapparates\u201c verlegen, \u00fcberzeugen wollen, sondern in der Entscheidung aller Fragen, nicht mit Hilfe eines Meinungsaustausches und einer lebendigen, unmittelbaren Initiative der Interessenten, aber auf dem Wege einer formalen Entscheidung der Frage \u201evon oben\u201c, von einer Person, oder von sehr begrenzten Kollegien, in denen die Interessenten meist gar nicht anwesend sind. Irgendeine dritte Person entscheidet Euer Schicksal \u2013 das ist das Wesen des B\u00fcrokratismus.<\/p>\n<p>Der B\u00fcrokratismus ist angesichts der wachsenden Leiden der Arbeiterklasse, die aus dem Chaos der \u00dcbergangszeit entstanden sind, besonders kraft- und hilflos. Das Wunder der Begeisterung in der Hebung der Produktionskr\u00e4fte und in der Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter kann nur die lebendige Initiative der sich daf\u00fcr einsetzenden Arbeitermasse vollbringen, die nicht auf jeden Schritt durch eine Hierarchie von \u201eErlaubnissen und Vorschriften\u201c entt\u00e4uscht wird. Die Marxisten, im besonderen die Bolschewiki, waren eben darum stark, weil sie nicht die unmittelbaren, n\u00e4chstliegenden Erfolge in der Bewegung erstrebten (diese Linie verfolgten die Opportunisten und Arbeitsgemeinschaftler), sie strebten danach, solche Bedingungen f\u00fcr das Proletariat zu schaffen, die es erm\u00f6glichen w\u00fcrden, seinen Willen zur Revolution zu st\u00e4hlen und seine sch\u00f6pferischen F\u00e4higkeiten zu entwickeln. Wir bed\u00fcrfen der Initiative der Arbeiter, aber wir geben ihr keine freien Entwicklungsm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Die Angst vor der Kritik und der Freiheit des Denkens, die mit dem b\u00fcrokratischen System verflochten ist, wird manchmal zur Karikatur. Aber welche Selbstt\u00e4tigkeit kann denn ohne Meinungs- und Gedankenfreiheit bestehen?! Die Selbstt\u00e4tigkeit \u00e4u\u00dfert sich ja nicht nur in einer bestimmten Initiative, in der Arbeit und in der Handlungsweise, sondern weit mehr in der selbst\u00e4ndigen Gedankenarbeit. Wir f\u00fcrchten die Selbstt\u00e4tigkeit der Massen. Wir haben Angst, der Masse freien Spielraum f\u00fcr ihren Sch\u00f6pfungsgeist zu geben. Wir f\u00fcrchten die Kritik. Wir haben kein Zutrauen mehr zu den Massen. Da n\u00e4mlich liegt der Ursprung zu unserem B\u00fcrokratismus. Und daher meint die Arbeiteropposition, dass der B\u00fcrokratismus unser Feind, unsere Gei\u00dfel ist und auch die gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr die Lebensf\u00e4higkeit unserer Kommunistischen Partei darstellt.<\/p>\n<p>Um den B\u00fcrokratismus, der sich in unseren Sowjetinstitutionen eingenistet hat, zu vernichten, muss vor allem der B\u00fcrokratismus innerhalb der Partei selbst \u00fcberwunden werden. Hier besteht n\u00e4mlich der Kampf mit dem \u201eSystem\u201c. Sobald die Partei die Selbstt\u00e4tigkeit der Massen als Grundlage unserer Verwaltung nicht nur theoretisch, nicht nur mit Worten, sondern auch praktisch anerkennen wird, werden sich die Sowjetapparate von selber durch die Logik des Geschehens in lebendige Organe verwandeln, die die revolution\u00e4ren kommunistischen Aufgaben verwirklichen und nicht nur blo\u00df Apparate f\u00fcr die Statistik oder Archive f\u00fcr Dokumente oder Laboratorien totgeborener Instruktionen, zu denen sie sich mehr und mehr gestalten, darstellen.<\/p>\n<p>Was muss man nun tun, um diesen B\u00fcrokratismus in der Partei zu vernichten, um die Arbeiter-\u201eDemokratie\u201c in der Partei zu verwirklichen? Vor allem muss man verstehen, dass unsere Spitzen unrecht haben, wenn sie sagen: Solange an den Fronten keine besondere Gefahr droht, sind wir jetzt damit einverstanden, die \u201eZ\u00fcgel der Partei weniger straff zu spannen\u201c, aber sobald wir Gefahr wittern, werden wir zum \u201emilit\u00e4rischen System\u201c in der Partei zur\u00fcckkehren. Sie haben auch unrecht, weil sie vergessen, wessen Heldenmut Petrograd gerettet und viele Male Lugansk u.a. St\u00e4dte verteidigt hat. War es die Rote Armee allein? Nein, die heroische Selbstt\u00e4tigkeit und Initiative der breiten Arbeitermasse. Jeder Genosse wird sich daran erinnern, dass gerade im Augenblick drohender Gefahr die Partei sich immer an die Selbstt\u00e4tigkeit der Massen wendet, denn sie sieht darin ihre Rettung. Es ist wahr, im Augenblick der Gefahr ist es notwendig, die Klassen- und Parteidisziplin zu verst\u00e4rken und gr\u00f6\u00dferen Gehorsam, Genauigkeit und Aufopferung zu verlangen. Aber zwischen diesen \u00c4u\u00dferungen des Klassengeistes und dem \u201eblinden Gehorsam\u201c, nach dem die Partei in letzter Zeit strebt, besteht ein gro\u00dfer Unterschied.<\/p>\n<p>Die Arbeiteropposition zusammen mit einer Gruppe verantwortlicher Funktion\u00e4re von Moskau verlangt im Namen der Gesundung der Partei die Vernichtung des sch\u00e4dlichen B\u00fcrokratismus innerhalb der Partei \u2013 die Durchf\u00fchrung demokratischer Prinzipien nicht nur in einer Atempause, sondern auch im Falle einer Versch\u00e4rfung der inneren und \u00e4u\u00dferen Lage. Das ist die erste und Grundbedingung einer Gesundung der Partei, einer R\u00fcckkehr zu den Grunds\u00e4tzen ihres eigenen Programms, von dem sie unter dem Druck ihr fremder Elemente in der Praxis immer mehr abweicht. Die zweite Bedingung, f\u00fcr die die Arbeiteropposition mit gr\u00f6\u00dfter Entschiedenheit eintritt, ist die Reinigung der Partei von den nicht proletarischen Elementen. Je mehr sich die Sowjetmacht befestigt, eine desto gr\u00f6\u00dfere Anzahl fremder, karrieristischer, kleinb\u00fcrgerlicher und manchmal direkt feindlicher Elemente schlie\u00dfen sich der Partei an. Es muss eine sehr gr\u00fcndliche Reinigung vorgenommen werden. Dabei muss man von dem Standpunkte ausgehen, dass die revolution\u00e4rsten Elemente, die nicht aus dem Arbeitermilieu stammen, sich der Partei w\u00e4hrend der ersten Periode der Oktoberrevolution angeschlossen haben. Die Partei muss zu einer Partei der Arbeiter werden. Nur dann kann sie den inneren und \u00e4u\u00dferen Angriffen der kleinb\u00fcrgerlichen Elemente, der Bauernschaft und der gewohnheitsm\u00e4\u00dfigen Diener des Kapitals, der Spezialisten, widerstehen. Die Arbeiteropposition schl\u00e4gt vor, alle Nichtarbeiter, die sich der Partei nach der Oktoberrevolution angeschlossen haben, von neuem zu registrieren, und alle Nichtarbeiter, die sich nach 1919 angeschlossen haben, auszuschlie\u00dfen, ihnen aber dabei das Recht zuzugestehen, w\u00e4hrend einer dreimonatigen Frist um Wiederaufnahme ansuchen zu k\u00f6nnen. Zugleich muss sie aber von allen Nichtarbeitern, die sich der Partei anschlie\u00dfen und wieder eintreten wollen, verlangen, dass sie w\u00e4hrend eines bestimmten Zeitraums unter den gleichen Arbeits- und Lebensbedingungen, wie die Arbeiter, physische Arbeit leisten.<\/p>\n<p>Der dritte entscheidende Schritt zur Demokratisierung der Partei ist folgender: die Mehrheit in den Zentralorganen muss den Arbeitern geh\u00f6ren. Mit anderen Worten, die Gouvernements-, Bezirks- und Zentralkomitees der Partei m\u00fcssen so zusammengesetzt sein, dass die Arbeiter, die unmittelbar mit den Massen verbunden sind, in ihnen die Oberhand haben.<\/p>\n<p>Eng verbunden mit diesen Punkten der Forderungen der Arbeiteropposition steht der Punkt \u00fcber die Verwendung all unserer Parteizentren, angefangen von der Zentrale bis zu den Bezirkskomitees, von Organen, die in die Kleinigkeiten der allt\u00e4glichen Sowjetarbeit, in jeden Stellungswechsel und alle Ernennungen des Personals eingreifen, zu Kontrollorganen \u00fcber die Politik der Sowjetapparate.<\/p>\n<p>Wir haben schon darauf hingewiesen, dass die Krise unserer Partei durch das sich Kreuzen von Tendenzen drei sozial verschiedenartiger Gruppen erzeugt wird: von der Arbeiterklasse, der Bauernschaft und dem Mittelstand und drittens vom Rest der fr\u00fcheren Bourgeoisie, der Spezialisten, der Techniker und Gesch\u00e4ftsleute.<\/p>\n<p>Die allgemeinen staatlichen Aufgaben erfordern es, dass sich die \u00f6rtlichen sowie die Zentralsowjetorgane, die Kommissariate und sogar der Rat der Volkskommissare und das Allrussische Zentrale-Exekutivkomitee diesen drei verschiedenen Bev\u00f6lkerungsgruppen der Arbeiterrepublik anpassen m\u00fcssen. Deshalb geht die Festigkeit und die Reinheit der Klassenlinie, deren Tr\u00e4ger im Interesse der Revolution die Partei bleiben muss, verloren. \u201eStaatliche Erw\u00e4gungen von mehr allgemeinem Charakter\u201c fingen an, die Interessen der Arbeiterklasse zu verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Um die Zentrale und die Parteikomitees dazu zu bringen, f\u00fcr die Reinheit unserer Klassenpolitik einzustehen und um unsere Sowjetorgane, sobald ihre Politik vom Programm abweicht (wie z.B. in der Frage der Gewerkschaften), zur Ordnung zu rufen, ist es notwendig, die Zahl der leitenden Funktion\u00e4re, die gleichzeitig in den Sowjet- und Parteiorganen \u00c4mter bekleiden, auf das gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Minimum zu beschr\u00e4nken. Man darf nicht vergessen: Sowjetrussland ist, was seine wirtschaftlichen Interessen anbetrifft, keine einf\u00f6rmige, sondern sozial verschiedenartige Masse; die Staatsmacht ist gezwungen, oft widersprechende Interessen in Einklang zu bringen, einen Mittelweg zu w\u00e4hlen, zu balancieren.<\/p>\n<p>Um unsere Parteizentrale zum h\u00f6chsten ideellen Zentrum der Klassenpolitik zu gestalten, zu einem Organ des Denkens und der Kontrolle der praktischen Politik der Sowjets, der geistigen Verk\u00f6rperung der Grundlagen unseres Programms, ist es notwendig, diejenigen F\u00e4lle auf ein Minimum zu reduzieren, in denen Mitglieder der Parteizentrale auf hohem Posten in sich noch andere Posten in der Sowjetmacht vereinigen.<\/p>\n<p>Die Arbeiteropposition schl\u00e4gt zwecks Schaffung derartiger Parteizentren, die wirklich ideelle Kontrollorgane f\u00fcr die Sowjetbeh\u00f6rden w\u00e4ren, sie im disziplinierten Klassengeiste leiten und auch zur Verst\u00e4rkung der inneren Parteiarbeit beitragen w\u00fcrden, vor, \u00fcberall folgende Ma\u00dfnahmen durchzuf\u00fchren: mindestens ein Drittel aller Mitglieder der Parteizentren darf nicht zu gleicher Zeit in der Partei und in den Sowjets arbeiten.<\/p>\n<p>Die vierte grundlegende Forderung der Arbeiteropposition ist die R\u00fcckkehr unserer Partei zum Prinzip des Wahlsystems. Die Ernennung bestimmter Personen darf nur als Ausnahme zugelassen werden; bei uns ist sie aber zur \u201eRegel\u201c geworden. Das System der Ernennung, dies f\u00fcr den B\u00fcrokratismus charakteristische Merkmal, ist zu einer allgemein anerkannten, gesetzlichen Erscheinung geworden. Es l\u00f6st in der Partei eine ungesunde Atmosph\u00e4re aus, da es das Verh\u00e4ltnis der Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit erstickt; es n\u00e4hrt den Karrierismus und gibt der Protektion, den \u201eguten Beziehungen\u201c u.a. sch\u00e4dlichen Erscheinungen unserer Partei- und Sowjetpraxis Raum und Boden. Das Prinzip der Ernennung stumpft das Verantwortungsgef\u00fchl vor den Massen in derjenigen Person ab, die von \u201eoben\u201c eingesetzt wird; es vertieft die Kluft zwischen oben und unten. Der von oben Ernannte kann faktisch nicht von oben kontrolliert werden, denn die Spitzen sind nicht imstande, seine T\u00e4tigkeit zu verfolgen und auf der anderen Seite haben die unteren Schichten nicht die M\u00f6glichkeit, den Betreffenden zur Ordnung zu rufen oder abzusetzen. Um die von oben ernannten Personen entsteht gew\u00f6hnlich eine Atmosph\u00e4re von Kronbeamtentum, Unterw\u00fcrfigkeit und Einschmeichelei, die die Mitarbeiter ansteckt und die Partei diskreditiert.<\/p>\n<p>Das System der Ernennung ist die volle Verneinung der Kollegialit\u00e4t in der Arbeit und erzeugt geradezu Verantwortungslosigkeit. Es muss \u00fcberall auf der ganzen Parteilinie durch das Wahlprinzip ersetzt werden. \u201eBevollm\u00e4chtigt\u201c k\u00f6nnen nur die Genossen sein, die vom Parteitag, dem Kongress der Sowjets oder von der Konferenz in die leitenden Zentren gew\u00e4hlt worden sind (so z.B. die Mitglieder der Zentrale, der Gouvernements- oder Bezirkskomitees). Endlich ist eine notwendige Bedingung zur Gesundung der Partei und \u00dcberwindung des B\u00fcrokratismus innerhalb derselben, die Wiederkehr derjenigen Verh\u00e4ltnisse, bei denen alle Hauptfragen des Parteilebens und der Sowjetpolitik von den unteren Schichten besprochen und dann erst von den Spitzen summiert werden. So war es in den Zeiten der Illegalit\u00e4t der Partei und so war es sogar im Moment des Brest-Litowsker Friedens, aber jetzt stehen die Dinge anders. Trotz der vielen Versprechungen, die die September-Parteikonferenz (1920) angenommen hatte, ist eine so ernste Frage, wie die der \u201eKonzessionen\u201c, ganz unerwartet \u00fcber die Massen hereingeschneit gekommen. Und nur wegen der Versch\u00e4rfung der Fragen \u00fcber die Aufgaben der Gewerkschaften \u2013 innerhalb der Spitzenkreise selbst \u2013 wurde dieser Punkt in die Arena der Diskussion hinein getragen. Entscheidende Schritte zur Vernichtung des b\u00fcrokratischen Systems sind: die weiteste \u00d6ffentlichkeit, die Meinungs- und Diskussionsfreiheit, das Recht der Kritik innerhalb der Partei und den Gewerkschaften. Dies alles, Freiheit der Kritik, Sicherstellung von Parteirichtungen, Recht der freien Bet\u00e4tigung und Diskussion in den Versammlungen usw. sind heute schon nicht mehr Forderungen der Arbeiteropposition allein. Unter dem wachsenden Druck der Massen sind eine ganze Reihe von Ma\u00dfnahmen, die die unteren Schichten bis zur Septemberkonferenz nur erst forderten, jetzt offiziell anerkannte Wahrheiten geworden. Jeder, der die zum bevorstehenden Parteitag ausgearbeitete Plattform des Moskauer Parteikomitees \u00fcber den \u201eParteiaufbau\u201c liest, wird sagen: die Opposition kann auf ihren wachsenden Einfluss stolz sein. Wenn sie nicht gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte man eine solche Schwenkung \u201enach links\u201c seitens des Moskauer Komitees nicht erwarten k\u00f6nnen. Und doch darf man diese Schwenkung \u201enach links\u201c, solange sie nur eine Erkl\u00e4rung zum Parteitag darstellt, nicht \u00fcbersch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Denn auch mit diesem Programm kann dasselbe passieren, was mit den Beschl\u00fcssen der Spitzen in den letzten Jahren nicht nur einmal passiert ist. Unter dem unmittelbaren Druck der unteren Schichten nehmen diese auf den Parteitagen und Konferenzen die radikalsten Resolutionen an, aber der Parteitag geht vor\u00fcber, das allt\u00e4gliche Leben tritt in seine alten Spuren und die Beschl\u00fcsse bleiben gute Vors\u00e4tze.<\/p>\n<p>War es nicht mit den Beschl\u00fcssen des 8. Parteitages \u00fcber die Reinigung der Partei von den \u201eeingeschlichenen\u201c Elementen und \u00fcber die gr\u00f6\u00dfere Strenge bei der Aufnahme von Nichtarbeitern in die Partei genau so? Und was ist aus der Resolution der Parteikonferenz im Jahre 1920 \u00fcber den Wechsel des Systems der Ernennung durch Empfehlungen geworden? Trotz mehrmaliger Resolutionen zu dieser Frage sind die Ungleichheiten innerhalb der Partei nicht beseitigt worden. Und was die Verfolgungen derjenigen Genossen anbetrifft, die eine \u201ebesondere Meinung\u201c, die mit den Vorschriften von oben nicht \u00fcbereinstimmt, haben, so haben dieselben in der Praxis auch nicht aufgeh\u00f6rt. Solcher Beispiele kann man viele aufz\u00e4hlen. Aber wenn diese Beschl\u00fcsse nicht durchgef\u00fchrt werden, ist es notwendig, die Hauptursachen, die ihrer Verwirklichung im Wege stehen, zu beseitigen, d.h. diejenigen m\u00fcssen von der Partei entfernt werden, denen die \u00d6ffentlichkeit, die strenge Verantwortlichkeit vor den unteren Schichten und die Freiheit der Kritik unvorteilhaft erscheinen. Und unvorteilhaft ist es f\u00fcr die nicht werkt\u00e4tigen Elemente oder diejenigen Arbeiter innerhalb der Partei, deren Psychologie unter dem Einfluss dieser Elemente b\u00fcrgerlich geworden ist. Es gen\u00fcgt nicht allein, die Partei mit Hilfe einer neuen Regierung, einer Versch\u00e4rfung der Kontrolle bei der Aufnahme von Mitgliedern, usw. von den nicht proletarischen Elementen zu reinigen. Man muss auch den Arbeitern den breiten Eingang in die Partei erleichtern. Man muss in ihr eine mehr kameradschaftliche Atmosph\u00e4re schaffen, damit der Arbeiter sich in ihr zu Hause f\u00fchlt. Er muss in dem verantwortlichen Funktion\u00e4r nicht seinen Vorgesetzten sehen, sondern seinen mehr erfahrenen Genossen, der bereit ist, ihm mit seinen Kenntnissen und Erfahrungen zu dienen und sich f\u00fcr seine N\u00f6te und Str\u00f6mungen zu interessieren. Wie viele Genossen, besonders wie viele junge Arbeiter sto\u00dfen wir von der Partei dadurch ab, dass wir uns ihnen gegen\u00fcber ungeduldig zeigen und zu viel von ihnen verlangen, anstatt sie zum tiefen Nachdenken anzuleiten und allm\u00e4hlich im Geiste des Kommunismus zu erziehen. In unserer Partei herrscht au\u00dfer dem Geiste des B\u00fcrokratismus noch ein Kronbeamtentum und ein allen gegen\u00fcber zum Ausdruck kommendes offizielles (formelles) Verhalten. Kameradschaftlichkeit besteht nur noch in den unteren Reihen. Es ist die Aufgabe des Parteitags, auch diese ung\u00fcnstigen Tatsachen in Betracht zu ziehen und zu verstehen, weshalb die Arbeiteropposition eine gr\u00f6\u00dfere Gleichheit, eine Vernichtung der Privilegien in der Partei und eine gr\u00f6\u00dfere Verantwortung eines jeden Funktion\u00e4rs vor den unteren Schichten, die ihn gew\u00e4hlt und delegiert haben, fordert. So f\u00fchrt die Arbeiteropposition in ihrem Kampf f\u00fcr die Befestigung des Demokratismus innerhalb der Partei und f\u00fcr die Abt\u00f6tung des B\u00fcrokratismus folgende drei Grundlinien durch:<\/p>\n<ol>\n<li>ein von oben bis unten durchgef\u00fchrtes Wahlprinzip, die Aufhebung des Prinzips der \u201eErnennung\u201c und \u201eBevollm\u00e4chtigung\u201c unter der verst\u00e4rkten Verantwortlichkeit vor den breiten Massen;<\/li>\n<li>\u00d6ffentlichkeit innerhalb der Partei (sowohl bei der Entscheidung allgemeiner Fragen wie auch bei der Feststellung pers\u00f6nlicher Eigenschaften), gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit den Stimmen der Masse gegen\u00fcber (breite Diskussion aller Fragen in den unteren Schichten der Arbeiterschaft und nachher erst die Zusammenfassung der Meinung der breiten Schichten durch die Spitzen; das Recht der Anwesenheit eines jeden Parteimitglieds auf den Sitzungen der Parteizentren, mit Ausnahme bei besonders wichtigen Angelegenheiten ); Sicherstellung der Freiheit der Kritik und Meinung (nicht nur das Recht auf eine freie Diskussion, sondern auch das Recht auf eine materielle Unterst\u00fctzung zwecks Herausgabe von Literatur innerparteilicher Str\u00f6mungen);<\/li>\n<li>Verproletarisierung der ganzen Partei und bis auf ein Minimum beschr\u00e4nkte Einstellung von solchen Personen, die gleichzeitig Partei- und Sowjetfunktionen aus\u00fcben.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Diese letzte Forderung ist besonders wichtig und wesentlich, denn man darf nicht vergessen, dass unsere Partei nicht nur den Kommunismus schon aufbauen soll, sondern auch verpflichtet ist, die Massen zu einer vielleicht langen Kampfperiode mit dem internationalen Kapital vorzubereiten und zu erziehen, zu einem Kampf, der ganz unerwartete und neue Formen annehmen kann. Es w\u00e4re zu naiv, sich einzubilden, dass, wenn wir einmal den \u00dcberfall der Wei\u00dfgardisten und des Imperialismus auf den roten Kriegsfronten zur\u00fcckgeschlagen haben, wir den Angriff des internationalen Kapitals und seiner Bestrebungen, sich Sowjetrusslands auf andere Weise zu bem\u00e4chtigen, in unser Leben einzudringen und die Republik der Arbeiter im Interesse des Kapitals auszun\u00fctzen, nicht zu bef\u00fcrchten brauchten! Hier hei\u00dft es gerade auf der Hut sein! Es ist die Aufgabe der Partei, dem Feind in voller R\u00fcstung zu begegnen und die proletarischen Kr\u00e4fte auf die wirklichen Klassenaufgaben zu konzentrieren (andere Bev\u00f6lkerungsgruppen werden dem Kapitalismus die H\u00e4nde entgegenstrecken). Es ist die Pflicht unserer leitenden Parteispitzen, sich f\u00fcr dieses neue Kapitel unserer Revolutionsgeschichte vorzubereiten.<\/p>\n<p>Die beste L\u00f6sung dieser Fragen w\u00e4re, wenn es uns gel\u00e4nge, auf der ganzen Linie die Partei nicht nur mit den Sowjetorganen, sondern auch mit den Gewerkschaften eng zu verbinden.<\/p>\n<p>Ihr droht in diesem Fall das Prinzip der gleichzeitigen Aus\u00fcbung einer Gewerkschafts- und Parteifunktion nicht mit Abweichung ihrer Politik von der reinen Parteilinie, sondern umgekehrt, es verleiht ihr in der jetzt kommenden Epoche Klassenstandhaftigkeit gegen\u00fcber den Einfl\u00fcssen des Weltkapitalismus, der Handelsvertr\u00e4ge und \u201eKonzessionen\u201c. Das Zentralkomitee proletarisieren, das hei\u00dft, eine solche Parteizentrale schaffen, in der ihre eng mit der Masse verschmolzenen Vertreter aus den unteren Schichten nicht die Rolle eines \u201eParadegenerals\u201c auf einer kaufm\u00e4nnischen Hochzeit spielen werden, sondern in Wirklichkeit \u2013 ein unl\u00f6sbares B\u00fcndnis mit den breiten, parteilosen Arbeitermassen der Gewerkschaften unterhaltend \u2013 die Losungen des Augenblicks, die N\u00f6te und \u201eStr\u00f6mungen\u201c ihrer Klasse verstehen und zusammenfassen werden und die Parteipolitik auf ihre Klassenlinie f\u00fchren k\u00f6nnen. Das ist die Linie der Arbeiteropposition. Dies ist ihre historische Aufgabe. Und unsere Parteispitzen m\u00f6gen sie ver\u00e4chtlich mit einer Handbewegung abtun, die Arbeiteropposition ist die einzige lebendige und aktive Kraft, mit der diese rechnen sollen und zu rechnen haben werden.<\/p>\n<p><strong>Die historische Notwendigkeit der Opposition<\/strong><\/p>\n<p>Jetzt bleibt uns noch zu beantworten, ob die Opposition notwendig ist.<\/p>\n<p>Ist es notwendig, ihre Entstehung im Interesse der Weltbefreiung des Proletariats vom Joch des Kapitalismus zu begr\u00fc\u00dfen oder ist sie eine unerw\u00fcnschte Erscheinung, die die Kampfenergie der Partei vermindert und ihre Reihen zersetzt? Jeder Genosse, der gegen die Opposition nicht voreingenommen ist, mit klarem Kopf und offener Analyse an diese Frage herangeht und sie nicht durch den Hinweis der anerkannten Autorit\u00e4ten begreifen will, wird sich an Hand der hier niedergelegten, kurzen Ausf\u00fchrungen davon \u00fcberzeugen k\u00f6nnen, dass die Opposition notwendig und n\u00fctzlich ist.<\/p>\n<p>Sie ist vor allem deswegen n\u00fctzlich, weil sie den Schlaf der Gedanken gest\u00f6rt hat. W\u00e4hrend dieser Jahre der Revolution waren wir mit Arbeiten praktischer Natur so \u00fcberlastet, dass wir ganz aufh\u00f6rten, unsere Schritte vom prinzipiell-theoretischen Standpunkte zu bewerten. Wir verga\u00dfen, dass das Proletariat nicht nur in der Periode des Kampfes um die Eroberung der Macht gro\u00dfe Fehler begehen und in den Sumpf des Opportunismus, der Anpassungstaktik, abweichen kann, sondern auch in der Epoche der Diktatur des Proletariats, wenn rund herum die Wellen des Imperialismus brausen und die Sowjetrepublik in der kapitalistischen Umgebung zu handeln gezwungen ist, diese Fehler besonders m\u00f6glich sind. Hier muss man nicht nur weiser \u201eStaatspolitiker\u201c sein, sondern auch die Partei \u2013 und folglich die ganze Arbeiterklasse \u2013 auf der Linie der Klassenunvers\u00f6hnlichkeit und des Klassensch\u00f6pfungsgeistes f\u00fchren und sie zu langen, sich in neuen Formen der Offensive des b\u00fcrgerlichen Einflusses seitens des Weltkapitalismus \u00e4u\u00dfernden K\u00e4mpfen gegen die Sowjetrepublik st\u00e4ndig vorbereiten. \u201eBereit und klassenbewusst sein!\u201c muss heute mehr denn je die Losung unserer Partei werden.<\/p>\n<p>Die Arbeiteropposition hat diese Fragen auf die Tagesordnung gestellt; hierin liegt ihr historisches Verdienst. Die Gedanken beginnen sich zu regen. Man beginnt das, was bislang getan worden ist, zu analysieren und daran Kritik zu \u00fcben. Und wo Kritik und Analyse ist, wo die Gedanken arbeiten, sich bewegen und zu verstehen suchen, dort ist Sch\u00f6pfung, Leben und Vorw\u00e4rtstreiben in die Zukunft! Es gibt nichts Schrecklicheres und Sch\u00e4dlicheres als Stillstand der Gedanken, als Schablonen der Routine.<\/p>\n<p>Und wir haben angefangen, uns der Routine zu ergeben. Und wenn die Arbeiteropposition sich nicht gezeigt h\u00e4tte (aber sie hat sich bei weitem noch nicht reif gezeigt), k\u00f6nnten wir sehr leicht vom geraden Klassenwege zum Kommunismus abweichen, ohne es selbst gewahr zu werden. Unsere Feinde w\u00fcrden in ein helles Gel\u00e4chter ausbrechen und die Menschewiki w\u00fcrden schadenfroh mit den Fingern auf unsere Geschw\u00fcre zeigen. Heute ist dies schon unm\u00f6glich. Der Parteitag \u2013 und das bedeutet die Partei \u2013 wird gezwungen sein, mit dem Standpunkt der Arbeiteropposition zu rechnen und wenn er nicht mit ihr Kompromisse schlie\u00dft, so wird er jedenfalls unter ihrem Druck und Einfluss eine Reihe von Konzessionen machen.<\/p>\n<p>Das zweite Verdienst der Arbeiteropposition besteht darin, dass sie folgende Frage zur freien Aussprache erhoben hat: Wer ist denn nun berufen, die neuen Wirtschaftsformen zu schaffen, die Techniker, Gesch\u00e4ftsleute, die mit ihrer ganzen Psychologie mit der Vergangenheit verkn\u00fcpft sind, und die hier und da mit ein paar ehrlichen Kommunisten untermischten Sowjetbeamten, oder die Kollektive der Arbeiterklasse \u2013 die Gewerkschaften?<\/p>\n<p>Die Arbeiteropposition hat das gesagt, was im \u201eKommunistischen Manifest\u201c von Marx und Engels geschrieben und zur Grundlage unseres Programms genommen wurde, n\u00e4mlich, dass der Aufbau des Kommunismus nur das Werk der Arbeitermasse selbst sein kann und wird. Die Sch\u00f6pfung des Kommunismus geh\u00f6rt den Arbeitern.<\/p>\n<p>Endlich hat die Arbeiteropposition ihre Stimme gegen den B\u00fcrokratismus erhoben und zu sagen gewagt, dass der B\u00fcrokratismus der Eigeninitiative und der sch\u00f6pferischen T\u00e4tigkeit der Arbeiterklasse Fesseln anlegt, dass er das Denken t\u00f6tet, die wirtschaftliche Initiative und die Gewinnung von Erfahrungen bei der Suche nach neuen Produktionsverfahren hemmt, mit einem Wort, die Schaffung neuer Produktions- und Lebensformen verk\u00fcmmern l\u00e4sst. Statt des B\u00fcrokratismus als System das System der Eigeninitiative der werkt\u00e4tigen Massen. Und in dieser Frage haben die Parteispitzen bereits jetzt Zugest\u00e4ndnisse gemacht, haben sie das \u201eEingest\u00e4ndnis\u201c gemacht, dass die Partei zum Schaden des Kommunismus und der Interessen der Arbeiterklasse Abweichungen zugelassen hat (Verurteilung des Zentralismus). Auf dem Parteitag werden der Arbeiteropposition nat\u00fcrlich noch einige andere Zugest\u00e4ndnisse auf diesem Gebiet gemacht werden. Auf diese Weise hat die Arbeiteropposition, obwohl sie erst vor einigen Monaten als innerparteiliche Gruppierung in Erscheinung trat, bereits ihr Werk getan, sie hat schon das Denken aufger\u00fcttelt, es aus der Stagnation herausgef\u00fchrt und die F\u00fchrungszentren der Partei gezwungen, der vern\u00fcnftigen Stimme der Arbeiter,\u00a0<em>den<\/em>proletarischen Kollektiven Geh\u00f6r zu schenken.<\/p>\n<p>M\u00f6gen die Parteispitzen heute auf die Arbeiteropposition noch so w\u00fctend sein, ihr geh\u00f6rt die geschichtliche Zukunft. Da wir an die Lebenskraft unserer Partei glauben, wissen wir, dass unsere Partei nach einer gewissen Zeit des Starrsinns, der Schwankungen und der zickzackf\u00f6rmigen politischen Wege doch noch jenen Pfad beschreiten wird, den die als Klasse organisierten Proletarier spontan, als Klasse, Schulter an Schulter bahnen. Eine Spaltung wird es nicht geben. Wenn auch einzelne Gruppen von der Partei abfallen werden, so jedenfalls nicht jene, die in den Reihen der Arbeiteropposition stehen. Es werden nur jene abfallen, die die durch den erbitterten B\u00fcrgerkrieg erzwungenen vor\u00fcbergehenden Abweichungen vom allgemeinen Geist des kommunistischen Programms zum Prinzip erheben wollen und an diesen Abweichungen als dem Kern unserer politischen Linie festhalten werden. Doch jener ganze Teil unserer Partei, der gewohnt ist, den Klassenstandpunkt des wachsenden und sich ausbreitenden Fl\u00fcgels des Proletariats widerzuspiegeln, wird all das Starke, Praktisch-Gesunde und Lebenskr\u00e4ftige, das die Arbeiteropposition in unseren Parteiaufbau hineinbringt, in sich aufnehmen und sich zu eigen machen. Nicht umsonst spricht der einfache Arbeiter \u00fcberzeugt und vers\u00f6hnend: \u201e Iljitsch wird denken, \u00fcberlegen, uns h\u00f6ren, mag auch das Parteiruder an die Opposition gehen. Iljitsch wird doch mit uns sein.\u201c Je rascher die Parteispitzen die Arbeit der Opposition ber\u00fccksichtigen und auf dem von den unteren Ebenen gewiesenen Weg voranschreiten werden, desto rascher werden wir die Parteikrise in einer schweren Periode \u00fcberwinden, und desto eher werden wir die verbotene Grenze jenes Reiches \u00fcberschreiten, in dem die Menschheit von den Wirtschaftsgesetzen, die au\u00dferhalb von ihr liegen, befreit ist und nach dem Willen des an wissenschaftlichen Werten reichen Kollektivs bewusst die Geschichte der Menschheit in der Epoche des Kommunismus gestalten wird.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/aufruhrgebiet.de\/2018\/10\/archiv-des-marxismus-ii-alexandra-kollontai-was-bedeutet-die-arbeiter-opposition-1921\/#more-827\"><em>aufruhrgebiet.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 31. Oktober 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorwort der Redaktion Aufruhrgebiet. 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