{"id":4228,"date":"2018-10-31T15:26:29","date_gmt":"2018-10-31T13:26:29","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4228"},"modified":"2018-10-31T15:26:29","modified_gmt":"2018-10-31T13:26:29","slug":"flixbus-das-risiko-faehrt-mit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4228","title":{"rendered":"FLIXBUS: Das Risiko f\u00e4hrt mit"},"content":{"rendered":"<p><em>Gudrun Giese. <\/em><strong>\u00dcberm\u00fcdete Fahrer, Lohndumping und Streikbrecher. Die Plattform f\u00fcr billige Bus\u00adreisen beherrscht mit ihrem Prinzip Ausbeutung zunehmend den Markt f\u00fcr Fernreisen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Renate will mit ihrem Mann heute zum ersten Mal per FlixBus fahren \u2013 nach Hamburg geht es vom Berliner Zentralen Omnibus-Bahnhof (ZOB) aus los, und in Anbetracht eines Ticketpreises von 19 Euro pro Person kann da eigentlich nicht viel schief gehen, meint sie. Auch Nils locken die Schn\u00e4ppchenpreise. Er ist regelm\u00e4\u00dfiger FlixBus-Nutzer auf der Strecke Berlin\u00a0\u2013 Leipzig und zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Reger Betrieb herrscht an diesem Freitagvormittag am Berliner ZOB. Was auff\u00e4llt: Die gr\u00fcnen FlixBusse mit den markanten orangefarbenen Pfeilen sind hier in der \u00dcberzahl. Wer genau hinschaut, stellt jedoch fest, dass die Busse tats\u00e4chlich ganz vielen unterschiedlichen Unternehmen geh\u00f6ren. Deren Firmennamen stehen winzig klein an der Vordert\u00fcr. Pawel kommt aus einem kleinen polnischen Dorf bei Poznan und spricht sehr gut Deutsch. Was er \u00fcber seine Arbeitsbedingungen und die Bezahlung berichtet, ist quasi die Vorbedingung f\u00fcr die niedrigen Ticketpreise.<\/p>\n<p><strong>Miese Jobs f\u00fcr osteurop\u00e4ische Busfahrer<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch kriege den polnischen Mindestlohn von umgerechnet 2,85 Euro pro Stunde und bin meistens zw\u00f6lf Tage am St\u00fcck unterwegs. Die Arbeit ist anstrengend, denn ich muss vor der Fahrt das Gep\u00e4ck verladen, sp\u00e4ter dann den Bus saubermachen, das Klo leeren. Aber ich finde keinen besseren Job als Berufskraftfahrer. Lkw fahren ist noch schlimmer.\u201c FlixBus setzt gerne osteurop\u00e4ische Busunternehmen ein, denn die fahren besonders billig, weil sie in der Regel nur den in Polen oder Tschechien geltenden Mindestlohn zahlen. Und wenn Busfahrer eine Landesgrenze \u00fcberfahren, d\u00fcrfen sie \u2013 wie Pawel \u2013 zw\u00f6lf Tage hintereinander fahren. Die t\u00e4gliche Ruhezeit betr\u00e4gt nur elf statt der \u00fcblichen zw\u00f6lf Stunden und kann \u00fcberdies zweimal w\u00f6chentlich auf neun Stunden verk\u00fcrzt werden.<\/p>\n<p>Den beiden tschechischen Busfahrern, die im August f\u00fcr FlixBus zwischen Stockholm und Berlin unterwegs waren, d\u00fcrften die verk\u00fcrzten Ruhezeiten zum Verh\u00e4ngnis geworden sein. Fr\u00fch am Morgen kam der in Dresden zugelassene Bus der tschechischen Firma Umbrella ohne Fremdbeteiligung bei Linstow auf der Autobahn A 19 von der Fahrbahn ab und kippte um. Einer der Busfahrer und 15 Fahrg\u00e4ste wurden verletzt. Die Polizei vermutete, dass \u00dcberm\u00fcdung die Ursache f\u00fcr diesen Unfall war, denn die beiden Fahrer hatten die lange Strecke ohne echte Ruhepausen zur\u00fcckgelegt.<\/p>\n<p>\u201eEin Fahrer f\u00e4hrt viereinhalb Stunden, der andere legt sich in die Schlafkoje \u2013 so geht das hin und her\u201c, sagt Klaus Schroeter, Gewerkschaftssekret\u00e4r und Tarifkoordinator in der ver.di-Bundesfachgruppe Bahnen und Busse. \u201eRichtig ausschlafen kann sich auf die Weise keiner, und dann kommt es leicht mal zum Sekundenschlaf \u2013 mit schlimmen Folgen.\u201c Dass die Europ\u00e4ische Kommission die Ruhezeitenanspr\u00fcche der Bus- und Lkw-Fahrer noch weiter verringern wollte, sei dabei skandal\u00f6s, findet Klaus Schroeter. Gl\u00fccklicherweise habe das EU-Parlament im Juli diesen Vorsto\u00df abgewiesen. Dass er damit endg\u00fcltig vom Tisch ist, glaubt der ver.di-Mann nicht.<\/p>\n<p>Die FlixBus-Chefs k\u00fcmmern sich herzlich wenig um die Arbeitsbedingungen der Busfahrer, die ja schlie\u00dflich nicht bei ihnen, sondern bei einem der vielen kleinen bis mittelgro\u00dfen Busunternehmen angestellt sind, die die Fernfahrten im Auftrag von FlixBus erledigen. In einem Interview wiegelte FlixBus-Mitgr\u00fcnder Jochen Engert jedenfalls ab. Es gebe nur wenige osteurop\u00e4ische Unternehmen und Fahrer, vor allem auf den internationalen Linien. Doch ein Blick auf die Webseite von FlixBus belegt, dass das Unternehmen tats\u00e4chlich sehr viele polnische und tschechische Firmen beauftragt.<\/p>\n<p><strong>Ausnahmsweise gute Bedingungen<\/strong><\/p>\n<p>Wenn die Arbeitsbedingungen in einem der kleinen Busunternehmen tats\u00e4chlich mal anst\u00e4ndig sind, dann liegt das ausschlie\u00dflich an der dortigen Betriebskultur, da FlixBus ihnen keine Vorgaben zu Entgelt und sonstigen Arbeitsbedingungen macht. Insofern hat Heiko, ein mittelalter Busfahrer aus dem Ruhrgebiet, der bei der Firma Theo Verhuven aus Xanten angestellt ist, richtig gro\u00dfes Gl\u00fcck gehabt. Er macht auf einem Parkplatz am Rastplatz Avus eine kurze Pause, bevor er Richtung ZOB startet, wo er die FlixBus-Linie Berlin \u2013 D\u00fcsseldorf und zur\u00fcck bedient. \u201eMein Arbeitgeber zahlt \u00fcbertariflich, und wir haben auch einen Betriebsrat. Wenn etwas schlechter geworden ist, dann hat es mit FlixBus zu tun.\u201c<\/p>\n<p>Fr\u00fcher war Heiko f\u00fcr MeinFernbus unterwegs, ein Unternehmen, das von FlixBus geschluckt wurde. \u201eGab es Stau auf der Autobahn, dann haben wir das an die Zentrale durchgegeben, die sehr schnell alle anderen Busfahrer informiert hat. Bei FlixBus werden solche Meldungen ignoriert\u201c, sie bringen keinen zus\u00e4tzlichen Gewinn.<\/p>\n<p><strong>Streikbrecher f\u00fcr Ryanair<\/strong><\/p>\n<p>FlixBus \u2013 seit dem Einstieg ins Bahngesch\u00e4ft mit FlixTrain nennt sich das Unternehmen FlixMobility \u2013 besch\u00e4ftigt selbst rund 1.000 eigene Mitarbeiter\/innen, die sich allein um die Organisation des Fernreiseverkehrs sowie den Verkauf der Tickets k\u00fcmmern. Die Firma streicht die Fahrkartenpreise ein und erreicht damit einen Gewinnanteil von \u00fcber 20 Prozent. Die Busunternehmen erhalten festgelegte Geb\u00fchren. \u201eFlixBus ist deshalb auch gar kein klassisches Busunternehmen, sondern eher eine Vertriebsplattform\u201c, so Klaus Schroeter von ver.di.<\/p>\n<p>Angesichts des risikoarmen Gesch\u00e4ftsmodells, bei dem Einnahmen und Gewinne sprudeln, ohne dass FlixBus eigene Fahrzeuge und Busfahrer vorhalten muss, kann das Unternehmen sich dann auch mal demonstrativ gro\u00dfz\u00fcgig geben \u2013 wenn es darum geht, einer artverwandten Firma zu helfen. Als am 12. September dieses Jahres ver.di zum ersten Streik der Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter beim irischen Billiganbieter Ryanair aufgerufen hatte, spendierte FlixBus kostenlose Busfahrten f\u00fcr gestrandete Flugg\u00e4ste unter dem Motto: \u201eDein Flug ist ausgefallen? Keine Sorge, wir helfen dir aus der Patsche!\u201c<\/p>\n<p>Ein ausgef\u00fclltes Formular und der hochgeladene Flugschein reichten f\u00fcr eine beliebige Freifahrt im europ\u00e4ischen FlixBus-Liniennetz. So schl\u00e4gt man zwei Fliegen mit einer Klappe; wirbt f\u00fcrs eigene Unternehmen und l\u00e4sst die Busfahrer zu unfreiwilligen Streikbrechern einer Fluglinie \u00adwerden, die f\u00fcr besonders miese Arbeitsbedingungen und Dumpingl\u00f6hne bekannt ist. Ob sich allerdings bei einem \u2013\u00a0h\u00f6chst unwahrscheinlichen \u2013 Streik der Busfahrer Ryanair mit kostenlosen Flugtickets f\u00fcr gestrandete FlixBus-Fahrg\u00e4ste revanchieren w\u00fcrde, darf dann doch bezweifelt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Flix von A bis Z<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anfang:<\/strong>\u00a02013 gr\u00fcndeten drei junge M\u00fcnchner M\u00e4nner FlixBus. Mit dem Ende des Bahnmonopols im Fernreiseverkehr waren Privatanbieter im Fernbus-Linienverkehr zugelassen \u2013 und das neue Unternehmen ging mit Niedrigpreisen die Konkurrenz, wie Mein FernBus, Postbus, Berlin Linien Bus und andere, scharf an.<\/p>\n<p><strong>Dominanz:\u00a0<\/strong>FlixBus dominiert inzwischen das Gesch\u00e4ft, hatte nach Angaben des Bundesamtes f\u00fcr G\u00fcterverkehr (BAG) 2017 national einen Marktanteil von 92,6 Prozent. Europaweit verbindet FlixBus nach eigenen Angaben mehr als 1.700 Ziele in 29 L\u00e4ndern und hat 2017 rund 40 Millionen Fahrg\u00e4ste von A nach B bef\u00f6rdert.<\/p>\n<p><strong>Expansion:\u00a0<\/strong>Das Unternehmen hei\u00dft heute FlixMobility, ist auch in den USA in den Fernbusverkehr eingestiegen und in Deutschland mit FlixTrain auch auf der Schiene zwischen Stuttgart und Berlin unterwegs.<\/p>\n<p><strong>Zentral:\u00a0<\/strong>Am wirtschaftlichen Erfolg wollen viele teilhaben, etwa die European Bus Holding, die mit 34,21 Prozent den gr\u00f6\u00dften Teil am Unternehmen h\u00e4lt und hinter der General Atlantic, Uber, AirBnB und Snapchat stecken. Die drei Gr\u00fcnder sind mit 26,18 Prozent der Anteile an zweiter Stelle. 15,42 Prozent h\u00e4lt der Holtzbrinck-Verlag, die Daimler Mobility Services 5,37 Prozent.<\/p>\n<p><em>Gg<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/publik.verdi.de\/2018\/ausgabe-07\/gesellschaft\/leben\/seite-16\/das-risiko-faehrt-mit\">verdi.de&#8230;<\/a> vom 31. Oktober 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gudrun Giese. \u00dcberm\u00fcdete Fahrer, Lohndumping und Streikbrecher. 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