{"id":4238,"date":"2018-11-02T09:30:02","date_gmt":"2018-11-02T07:30:02","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4238"},"modified":"2018-11-02T09:30:02","modified_gmt":"2018-11-02T07:30:02","slug":"der-populismus-eine-misslungene-reformistische-strategie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4238","title":{"rendered":"Der Populismus: Eine misslungene reformistische Strategie"},"content":{"rendered":"<p><em>Claudia Cinatti.<\/em> <strong>Reflexionen zu Chantal Mouffes neuem Werk \u201eF\u00fcr einen linken Populismus\u201c. Die Anordnung der politischen Landschaft nach der Krise von 2008 erlaubt es uns,<!--more--> mit ann\u00e4hernder Sicherheit festzustellen, dass der \u201ePopulismus\u201c das neue verfluchte Ph\u00e4nomen darstellt, das uns noch eine ganze Zeit besch\u00e4ftigen wird.<\/strong><\/p>\n<p>Auf der beschreibenden Ebene beschreibt der Begriff \u201ePopulismus\u201c eine markante Wirklichkeit: Die traditionellen sozialdemokratischen und konservativen Parteien st\u00fcrzen ab, die neoliberale Hegemonie ist in der endg\u00fcltigen Krise und es erbl\u00fchen politische Varianten rechts und links der \u201eextremen Mitte\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Bis hierhin sind wir uns alle einig. Indes hat die Politikwissenschaft bewiesen, dass die Bedeutung der Kategorie \u201ePopulismus\u201c schwer fassbar ist. Und es gibt so viele \u201ePopulismen\u201c wie es Bewegungen, Anf\u00fchrer*innen und Parteien gibt, die im Namen der Spaltung zwischen der \u201eBev\u00f6lkerung\u201c und den \u201eEliten\u201c sprechen.<\/p>\n<p>Der Triumph des Brexit-Lagers in Gro\u00dfbritannien und Donald Trumps in den Vereinigten Staaten, die Koalitionsregierung Italiens zwischen der protofaschistischen \u201eLega\u201c (ehemalige \u201eLega Nord\u201c) und dem \u201eMovimento Cinque Stelle\u201c (M5S \u2013 \u201eF\u00fcnf-Sterne-Bewegung\u201c), der \u201eFront National\u201c von Marine Le Pen und \u201eLa France Insoumise\u201c (LFI \u2013 \u201eUnbeugsames Frankreich\u201c) von Jean-Luc M\u00e9lenchon in Frankreich, SYRIZA in Griechenland, Podemos im Spanischen Staat, Bernie Sanders, Jeremy Corbyn etc. \u2013 sie alle zeigen, dass der Populismus aufgeh\u00f6rt hat, ein Privileg (oder ein Fluch) der r\u00fcckst\u00e4ndigen L\u00e4nder mit ihren versp\u00e4teten b\u00fcrgerlichen Revolutionen zu sein, sondern sich als politischer Ausdruck der von der Gro\u00dfen Rezession hervorgerufenen Polarisierung in das Herz der kapitalistischen Demokratien eingenistet hat.<\/p>\n<p>Dieser \u201ePopulistische Fr\u00fchling\u201c \u2013 der sich bereits in seinem zweiten Jahrzehnt befindet, wenn man den praktisch abgeschlossenen Zyklus lateinamerikanischer \u201epost-neoliberaler Regierungen\u201c mit Vertreter*innen wie Venezuelas Hugo Ch\u00e1vez oder Boliviens Evo Morales, als Pr\u00e4zedenzf\u00e4lle betrachtet \u2013 ist Gegenstand einer Unzahl theoretischer Produktionen und hitziger politischer Debatten.<\/p>\n<p>Die liberalen Gegner*innen des Populismus pr\u00e4sentieren nichts gro\u00dfartig Neues. In Anlehnung an die Tradition der aufgekl\u00e4rten Eliten des 20. Jahrhunderts sehen sie in dieser zweiten Welle des populistischen (popul\u00e4ren?) Ph\u00e4nomens einen Ausdruck von Irrationalit\u00e4t, \u00e4hnlich der Religion <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>, und damit eine direkte Bedrohung der (b\u00fcrgerlich-kapitalistischen) konstitutionellen Demokratien, der Prinzipien der Aufkl\u00e4rung und der Moderne. Zu den aktivsten K\u00e4mpfer*innen des antipopulistischen Lagers geh\u00f6rt in Argentinien der Historiker Loris Zanatta, nicht zuf\u00e4llig einer der wichtigsten Autoren von\u00a0<em>La Naci\u00f3n<\/em>, der f\u00fchrenden konservativen Tageszeitung Argentiniens.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite des Grabens stehen die postmarxistischen Theoretiker*innen Ernesto Laclau (der 2014 starb) und Chantal Mouffe, die die Kategorie des Populismus aus dem Kuriosit\u00e4ten-Kabinett herausholten, in das sie vom Mainstream der politischen Theorie verbannt worden war. Mouffe und Laclau sind die organischen Intellektuellen des so genannten \u201elinken Populismus\u201c geworden \u2013 einem diffusen politischen Lager, das von den Kirchner-Regierungen Agentiniens und dem Chavismus Venezuelas, bis zur spanischen Podemos und der Griechenlands SYRIZA reicht. So sollte es denn auch nicht verwundern, dass Chantal Mouffe zur Hausphilosophin Jean-Luc M\u00e9lenchons und inzwischen die (Wahl-)Strategin f\u00fcr \u201eLa France Insoumise\u201c geworden ist. Das Ziel ist es, LFI als erfolgreichen \u201eLinkspopulismus\u201c zu konsolidieren und die Hegemonie des \u201eRechtspopulismus\u201c von Marine Le Pens \u201eFront National\u201c herauszufordern, w\u00e4hrend man sich dabei einiger seiner Symbole bedient.<\/p>\n<p><strong>Von der \u201epopulistischen Vernunft\u201c zur \u201epopulistischen Strategie\u201c<\/strong><\/p>\n<p>In R\u00fcckgriff auf die Ausf\u00fchrungen Ernesto Laclaus letztem systematischen Theoriewerk\u00a0<em>On Populist Reason<\/em>\u00a0ver\u00f6ffentlichte Chantal Mouffe vor Kurzem\u00a0<em>F\u00fcr einen linken Populismus<\/em>\u00a0<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>\u2013 ein kurzer Text, der mehr ins literarische Genre des Pamphlets als in das der akademischen Schriften geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Dass es kein akademisches Buch ist, bedeutet jedoch nicht, dass es keine Theorie hat, auch wenn dies nicht zentral ist oder im Zentrum der Diskussion steht. Das zeigt die Platzierung von Theorie lediglich in den letzten Seiten des Anhangs.<\/p>\n<p>Die offenkundige Intention hinter diesem Buch bzw. Programm ist es, in die (post-)politische Konjunktur Westeuropas einzugreifen, die mit der Weltwirtschaftskrise 2008 begonnen habe. Laut Mouffe sei die Zukunft populistisch. Es bleibe zu definieren, ob sie von der politischen Rechten hegemonisiert werde und damit zu einem autorit\u00e4ren Regime f\u00fchre, oder ob die linke Variante die Oberhand gewinne, was die Perspektive der \u201eR\u00fcckeroberung und Radikalisierung der Demokratie\u201c er\u00f6ffne. \u201eLinker Populismus\u201c ist der Name, den Mouffe einer politisch-diskursiven Strategie verpasst, die die reformistische Illusion erneuert, die in die Krise geratene neoliberale Hegemonie durch ein anderes \u201eradikaldemokratisches\u201c hegemoniales Projekt innerhalb der bestehenden Institutionen des b\u00fcrgerlichen Staats und der sozialen Verh\u00e4ltnisse, auf denen er aufbaut, zu ersetzen.<\/p>\n<p>Mouffe pr\u00e4sentiert eine knappe, aber pr\u00e4zise Zusammenfassung der Entwicklung des Systems von Kategorien, dass sie und Laclau ausgearbeitet haben. Von ihren postmarxistischen Formulierungen in\u00a0<em>Hegemonie und radikale Demokratie (1985)<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><strong>[4]<\/strong><\/a><\/em>\u00a0bis zum\u00a0<em>Linken Populismus<\/em>\u00a0und der konsequenten Preisgabe aller Bez\u00fcge zu Marxismus und Sozialismus, wenn auch nicht ausgedr\u00fcckt durch \u201eradikalen Reformismus\u201c.<\/p>\n<p>Ohne so zu tun, die Lekt\u00fcre des umfangreichen Werkes von Laclau-Mouffe ersetzen zu k\u00f6nnen, gen\u00fcgt es hier, einige Schl\u00fcsselbegriffe zu diskutieren und aus dem Jargon von Linguistik, Poststrukturalismus und Psychoanalyse in die Sprache von Politik und Strategie zu \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p>Laut Mouffe habe der neoliberale Konsens zwischen den Parteien der (postpolitischen) \u201eextremen Mitte\u201c eine \u201epostdemokratische\u201c Situation geschaffen <a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>, die sie als Krise der liberalen Demokratie definiert, in der es kein alternatives Projekt zum oligarchischen neoliberalen Regime gebe. In ihren Worten bedeutet dies, dass der \u201eagonistische\u201c Charakter der liberalen Demokratie, nach dem Konflikte innerhalb der bestehenden Institutionen stattfinden k\u00f6nnen, liquidiert sei.<\/p>\n<p>Theoretischer ausgedr\u00fcckt argumentiert Mouffe, dass es in demokratischen Regimen eine Spannung zwischen zwei Traditionen gebe: der \u201eliberalen Tradition\u201c der Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und individuellen Freiheit; und der \u201edemokratischen Tradition, die auf den S\u00e4ulen der Gleichheit und der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t steht\u201c <a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>. Auf die Gefahr hin, zu sehr zu vereinfachen, existiert f\u00fcr Mouffe im Neoliberalismus zwar die Demokratie, aber reduziert auf ihre \u201eliberale\u201c Ausdrucksform, das hei\u00dft die Wahlen, w\u00e4hrend die Komponente der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t jener untergeordnet wurde.<\/p>\n<p>Aus dieser Krise erstand das \u201epopulistische Moment\u201c, das wir jetzt erleben und das die zeitliche Dimension offensichtlich \u00fcberschreitet. W\u00e4hrend einige es als Trag\u00f6die leben, weil der \u201ePopulismus der (extremen) Rechten\u201c bisher im Vorteil war, schl\u00e4gt Mouffe vor, die Situation als eine gro\u00dfe Chance zu sehen, die nur durch eine \u201epopulistische und linke\u201c Strategie genutzt werden k\u00f6nne. Dies bedeutet, einen \u201ekollektiven Willen\u201c oder ein \u201eVolk\u201c aufzubauen, indem eine Grenze gezogen wird, die das politische Feld zwischen einem \u201eWir\u201c und einem \u201eSie\u201c trennt. Es gibt zwei Schl\u00fcsselelemente dieser \u201epopulistischen Logik\u201c der Konstruktion eines \u201eVolkes\u201c: Erstens m\u00fcsse unter einer Vielzahl von Forderungen eine existieren, die die Rolle des \u201eleeren Signifikanten\u201c spielen k\u00f6nne, d.h. die aufgrund ihrer Unklarheit die Artikulation dieser Forderungen in einer \u201e\u00c4quivalenz-Kette\u201c erlauben w\u00fcrde (das w\u00e4re hegemoniale Artikulation). Zweitens gibt es die \u201efluiden Signifikanten\u201c, die eine interne politische Grenze ziehen, die immer beweglich sein solle. Das soll bedeuten, dass sich nicht nur das st\u00e4ndig \u00e4ndert, was das politische Lager zwischen \u201euns\u201c und \u201eihnen\u201c trennt, sondern auch, dass ein und dieselbe Forderung in entgegengesetzte Bedeutungssysteme umgesetzt werden kann. Zum Beispiel kann die Frage der Arbeitslosigkeit sich links artikulieren, wenn damit die Forderung nach Arbeitspl\u00e4tzen verbunden wird, oder rechts, wenn sie beinhaltet, die Migrant*innen zu beschuldigen, dass sie die Arbeitspl\u00e4tze wegnehmen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Wie man ahnen kann, macht die \u201epopulistische Logik\u201c durch ihren Mangel an konkreten politischen Inhalten, ohne die Interessen mehr oder weniger permanenter gesellschaftlicher Gruppen und ohne Ideologie die Politik zu einem Formalismus. Dies bringt uns dazu, die \u201epopulistische Strategie\u201c als eine \u201eTechnik\u201c zur Anwendung zu konzipieren \u2013 was zur Folge hat, dass es neoliberale Populist*innen gibt (Thatcher, Reagan), Populist*innen der Elite (Macron), antineoliberale Populist*innen, fremdenfeindliche Populist*innen, rassistische Populist*innen, linke Populist*innen und so weiter. Damit h\u00e4tte jede Politik ihre populistische Dimension.<\/p>\n<p>Wenn Mouffe zufolge au\u00dferdem die traditionelle Spaltung in \u201erechts\u201c und \u201elinks\u201c nicht mehr zentral ist, und der Begriff \u201elinks\u201c nur als erg\u00e4nzendes Adjektiv des Populismus genutzt wird, versteht man, warum eine der grundlegenden Kritiken anderer linker Intellektueller an diese \u201eStrategie\u201c ist, worin dann der Unterschied zwischen linkem Populismus und recht(sextrem)em Populismus bestehe.<\/p>\n<p>Das was die beiden Arten unterscheide, sei die Form wie \u201ewir\u201c und \u201esie\u201c definiert w\u00e4ren, wobei Mouffe der gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfigen, affektiven Dimension (Spinoza) bei der Ausbildung politischer Identit\u00e4ten eine wichtige Rolle zuschreibt <a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>. Laut der belgischen Philosophin ist das der Punkt, in dem das Scheitern nicht nur der Sozialdemokratie, sondern auch der marxistischen radikalen Linken begr\u00fcndet sei, welche Politik als eine rationale Aktivit\u00e4t begreifen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Hier betreten wir einen gef\u00e4hrlichen Pfad. Mouffes Antwort ist, gelinde gesagt, beunruhigend. Dies umso mehr, wenn man den Rechtspopulismus nur als eine andere Form begreift, \u201edemokratische Forderungen\u201c auszudr\u00fccken. Auf dieser theoretischen Grundlage integrierte M\u00e9lenchons Kampagne einige \u201eThemen\u201c des Front National, wie \u201eSicherheit\u201c und nationale Souver\u00e4nit\u00e4t <a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a>. Dazu kommt, dass der Front National heute nur deshalb keine durch und durch faschistische Partei ist, weil die Situation nicht radikal genug ist. Aber angesichts einer Situation der Versch\u00e4rfung des Klassenkampfes w\u00e4re er eine Grundlage einer faschistischen Bewegung.<\/p>\n<p><strong>Hegemonie versus Revolution?<\/strong><\/p>\n<p>Eine der grundlegenden Thesen von\u00a0<em>Hegemonie und radikale Demokratie<\/em>\u00a0ist, dass die Krise der traditionellen Linken (sozialdemokratisch, eurokommunistisch und marxistisch im Allgemeinen) eine Folge ihres Unverst\u00e4ndnis der neuen sozialen Bewegungen gewesen sei, die nach Mai 1968 massiv entstanden sind. Die theoretische Erkl\u00e4rung von Laclau und Mouffe ist, dass der Marxismus in einem \u201eKlassenessentialismus\u201c gefangen sei. Sie kritisieren damit einfach ausgedr\u00fcckt die Tatsache, dass die politischen Identit\u00e4ten Ausdruck der Stellung sozialer Akteur*innen im Produktionsprozess sind \u2013 aber nicht ihr unmittelbarer mechanischer Ausdruck, wie unsere Autor*innen ihn karikieren, au\u00dferhalb des konkreten Klassenkampfes und grundlegender Fragen wie der strategischen Positionen, die das Proletariat im Kapitalismus hat. Dieser Klassenessentialismus mache es unm\u00f6glich, K\u00e4mpfe zu verstehen, die nicht notwendig aus den Ausbeutungsbeziehungen in den Fabriken entsprangen, wie die feministischen, \u00f6kologischen und antirassistischen K\u00e4mpfe oder K\u00e4mpfe der LGTBIQ+, gegen Diskriminierung usw. Es ist nicht so, dass Laclau und Mouffe die Existenz sozialer Klassen aus soziologischer Sicht verneinen, so wie sie die Existenz der \u201eBev\u00f6lkerung\u201c nicht verneinen k\u00f6nnen, aber sie verneinen doch, dass die Klassen die Rolle eines besonderen Grundwiderspruchs spielen.<\/p>\n<p>Die Schlussfolgerung aus Mouffes und Laclaus Anti-Essentialismus ist die zuf\u00e4llige Konstruktion von beweglichen politischen Identit\u00e4ten, ohne einen Schwerpunkt, der die K\u00e4mpfe der Ausgebeuteten konzentriert. Aus diesem Grund sind sie nicht in der Lage, \u00fcber die Strategie der sozialen Revolution nachzudenken, verstanden als die Eroberung der politischen Macht und die Errichtung einer Arbeiter*innenregierung auf der Grundlage von Organen der direkten Demokratie.<\/p>\n<p>Der \u201elinke Populismus\u201c versucht, sich in gleicher Distanz zu dem traditionellen sozialdemokratischen Reformismus (der heute praktisch ausstirbt) und der revolution\u00e4ren Linken zu setzen. Aber dieser Versuch ist ein Reinfall und bleibt letztlich eine \u201eKarikatur\u201c der alten reformistischen Strategie.<\/p>\n<p>In ihrer speziellen Lesart von Antonio Gramscis Theorie setzt Mouffe das Konzept der \u201eHegemonie\u201c der \u201eRevolution\u201c entgegen. Und sie spricht sich f\u00fcr die \u201eHegemonie\u201c aus, was hinter den linguistischen Mitteln und Ausschm\u00fcckungen, die Ersetzung des \u201eoligarchischen Regimes\u201c durch eine andere Formation (welchen sozialen Inhalt h\u00e4tte sie?) im Rahmen des Systems und der Institutionen der liberalen Demokratie bedeutet. Dies ist die Grenze, um die \u201eGegner*innen\u201c (d.h. diejenigen, mit denen man sich innerhalb der demokratischen Institutionen auseinandersetzen kann, und zu denen sie auch den Front National z\u00e4hlt) von den \u201eFeind*innen\u201c zu trennen, welche \u201eantisystemisch\u201c sind.<\/p>\n<p>Mouffe vermeidet es, eine ernsthafte Bilanz der kurzen Erfahrung von SYRIZA zu machen, die eine linkspopulistische Strategie anwandte, das politische Feld zwischen \u201eihnen\u201c (die \u201eTroika\u201c aus EU, EZB, IWF) und \u201euns\u201c (die griechische Bev\u00f6lkerung, ertrunken im wirtschaftlichen Kollaps) teilte, aber bald an ihre Grenze kam und die Sparpl\u00e4ne akzeptierte, sich also \u201eihnen\u201c anschloss. Ebenso wenig diskutiert sie den Weg von Podemos, welche mit dem Ziel einer allumfassenden Demokratisierung begann und schlie\u00dflich auf der falschen Seite des katalanischen Kampfes stand und der sozialdemokratischen PSOE eine Einheitsregierung vorschlug.<\/p>\n<p>Wie wir erahnen k\u00f6nnen, verweist der Kampf des Marxismus gegen den \u201ePopulismus\u201c auf die Grundlage aller Strategien. Hinter den abstrakten Kategorien \u201eBev\u00f6lkerung\u201c und \u201eEliten\u201c versteckt sich der unvers\u00f6hnliche Grundwiderspruch zwischen Ausbeuter*innen und Ausgebeuteten \u2013 und gerade auf dieser Verschleierung fu\u00dft die Strategie der Klassenkollaboration, welche es der Bourgeoisie erm\u00f6glicht, ihre Macht zu sichern (auch in Momenten der Krise) und aus welcher der Populismus hervorgeht. Es versteht sich, dass Marxist*innen dieser speziellen Form der Aus\u00fcbung der b\u00fcrgerlichen Hegemonie die Notwendigkeit der Hegemonie der Arbeiter*innenklasse gegen\u00fcberstellen, um das B\u00fcndnis der ausgebeuteten und unterdr\u00fcckten Klassen in den Kampf f\u00fcr die Zerst\u00f6rung des b\u00fcrgerlichen Staates und den Aufbau einer neuen Gesellschaft zu f\u00fchren.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel erschien am 12. August 2018 in der Wochenzeitschrift\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/Los-usos-del-populismo-antinomias-de-una-estrategia-reformista-fallida\"><strong><em>Ideas de Izquierda<\/em><\/strong><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/der-nutzen-des-populismus-widersprueche-einer-misslungenen-reformistischen-strategie\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 2. November 2018<\/em><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Tariq Ali erfasste in dem Begriff \u201eextreme Mitte\u201c die Parteien der traditionellen (konservativen\/liberalen) Rechten und die Parteien des (liberalen\/sozialdemokratischen) \u201edritten Wegs\u201c (\u201eNeuen Mitte\u201c); Ali definierte diese als \u201eden politischen Ausdruck des neoliberalen Staates\u201c. Er ver\u00f6ffentlichte k\u00fcrzlich eine Neuauflage seines Buches. (Tariq Ali:\u00a0<em>The Extreme Center: A Second Warning<\/em>, London 2018.)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u201eIn ihrer vereinfachten Weltsicht bestehen die Populismen auf einer Art von \u201amoralischem Fundamentalismus\u2018, der ihnen erlaubt, eine Mauer zwischen der Tugend der \u201aBev\u00f6lkerung\u2018 und den Lastern ihrer \u201aFeinde\u2018 zu ziehen. Das bringt uns zu ihrer generisch religi\u00f6sen Natur, mit ihrem st\u00e4rksten Ausdruck in der Neigung der populistischen Bev\u00f6lkerung zur Ergebenheit zu ihrem Anf\u00fchrer. Hier haben wir einen essentiellen Ber\u00fchrungspunkt zwischen der populistischen Vorstellung und der traditionellen religi\u00f6sen Vorstellung.\u201c Loris Zanatta:\u00a0<em>El Populismo<\/em>, Buenos Aires 2014, S. 69.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Chantal Mouffe:\u00a0<em>F\u00fcr einen linken Populismus<\/em>, Berlin 2018.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ernesto Laclau \/ Chantal Mouffe: H<em>egemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus<\/em>, Wien 1991 [1985].<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Das Konzept der \u201ePostdemokratie\u201c wurde von Colin Crouch eingef\u00fchrt, um den Verlust der (nationalen-popul\u00e4ren) Souver\u00e4nit\u00e4t durch die neoliberale Globalisierung zu beschreiben. Wolfgang Streeck nutzt diesen Begriff in seinem\u00a0<em>Buch Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus<\/em>\u00a0(Berlin 2013) ebenfalls. Der Philosoph Jacques Ranci\u00e8re benutzt diesen Begriff zur Beschreibung einer \u201eDemokratie ohne\u00a0<em>demos<\/em>\u201c, reduziert auf die institutionellen Mechanismen des Staates.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Mouffe entwickelt dieses Thema in ihrem Buch\u00a0<em>Das demokratische Paradox<\/em>\u00a0(Wien 2008), wo sie das sterbende Modell des Konflikts zwischen Gegner*innen in Kontrast zu Carl Schmitts Formulierung von Politik als grundlegender Unterscheidung in Freund und Feind diskutiert. Im ersten Fall handelt es sich um einen Wettstreit mit einer*einem Gegner*in, die*der einen gemeinsamen institutionellen Rahmen anerkennt. Im zweiten Fall ist die Politik die der Zerst\u00f6rung des Feindes.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> In\u00a0<em>F\u00fcr einen linken Populismus<\/em>\u00a0spielt Mouffe auf diese Diskussion an, insbesondere auf \u00c9ric Fassin (<em>Populisme: Le grand ressentiment<\/em>, Paris 2017), der behauptet, dass es keine M\u00f6glichkeit gebe, die rechtsextremen \u201eAffekte\u201c, die er mit dem Ressentiment identifiziert, in linke Affekte zu verwandeln, welche er als \u201eEmp\u00f6rung\u201c und \u201eWut\u201c definiert. Fassin argumentiert sehr deutlich gegen die M\u00f6glichkeit der nicht-reformistischen Linken, eine populistische Strategie anzunehmen (siehe z.B.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.radicalphilosophy.com\/article\/left-wing-populism\"><strong>\u201eA Legacy of Defeat: Interview with \u00c9ric Fassin\u201c<\/strong><\/a>).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Der Kommunikationschef von M\u00e9lenchons Wahlkampagne behauptete in einem Interview, dass man, um die Basis des Front National zu bek\u00e4mpfen, nicht die Themen wie \u201eSicherheit\u201c oder \u201eSymbole wie die Fahne und die Marseillaise\u201c aufgeben d\u00fcrfe, die im letzten Wahlkampf sehr pr\u00e4sent waren. Er geht noch weiter und sagt, dass \u201edie Leute stolz waren, die blau-wei\u00df-rote Fahne zu tragen. [\u2026] Wenn Jeder die Fahne tr\u00e4gt, f\u00e4ngst du an zu denken: \u201aIch bin nicht anders, ich kann sie auch tragen.\u2018\u201c (<a href=\"http:\/\/new-pretender.com\/2018\/02\/23\/revival-french-left-wing-populism\/\"><strong>\u201eThe Revival of French Left-wing Populism: Interview with Political Strategist Manuel Bompard\u201c<\/strong><\/a>).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Claudia Cinatti. Reflexionen zu Chantal Mouffes neuem Werk \u201eF\u00fcr einen linken Populismus\u201c. Die Anordnung der politischen Landschaft nach der Krise von 2008 erlaubt es uns,<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[81,10,23,14,42,4],"class_list":["post-4238","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-antonio-gramsci","tag-breite-parteien","tag-buecher","tag-postmodernismus","tag-sozialdemokratie","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4238","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4238"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4238\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4239,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4238\/revisions\/4239"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4238"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4238"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4238"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}