{"id":4249,"date":"2018-11-03T09:48:05","date_gmt":"2018-11-03T07:48:05","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4249"},"modified":"2018-11-03T09:48:05","modified_gmt":"2018-11-03T07:48:05","slug":"wadim-rowogin-und-die-soziologie-des-stalinismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4249","title":{"rendered":"Wadim Rowogin und die Soziologie des Stalinismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Andrea Peters.\u00a0<\/em>A<strong>m 18. September 2018 j\u00e4hrte sich zum zwanzigsten Mal der Todestag des sowjetischen und marxistischen Historikers und Soziologen Wadim Sacharowitsch Rogowin. W\u00e4re er noch am Leben, w\u00e4re er 81 Jahre alt.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>1990 begann Rogowin mit der Ver\u00f6ffentlichung von Studien \u00fcber den Stalinismus und die von Leo Trotzki gef\u00fchrte sozialistische Opposition gegen die b\u00fcrokratische Degeneration der UdSSR. Diese Arbeit m\u00fcndete in eine sechsb\u00e4ndigen Reihe mit dem Titel\u00a0<em>Gab es eine Alternative?<\/em>, ein herausragendes Werk historischer Forschung und ein wichtiger Beitrag gegen die F\u00e4lschung der Geschichte. Vieles davon hat Rogowin geschrieben, als er bereits gegen eine t\u00f6dliche Krebserkrankung ank\u00e4mpfte.<\/p>\n<p>In<em>\u00a0Gab es eine Alternative?,\u00a0<\/em>das vollst\u00e4ndig\u00a0<a href=\"http:\/\/www.mehring-verlag.de\/gesamtkatalog\/gab-es-eine-alternative\/\"><strong>in Deutsch erh\u00e4ltlich<\/strong><\/a>\u00a0ist, wird nachgewiesen, dass die Gro\u00dfen S\u00e4uberungen von 1933-1938 ein politischer V\u00f6lkermord waren, dessen Hauptziel darin bestand, Trotzki, den Trotzkismus und all jene politischen Pers\u00f6nlichkeiten, Intellektuellen und Arbeiter zu vernichten, die mit dem sozialistischen Erbe des Landes verbunden waren. Im Gegensatz zur g\u00e4ngigen Lehrmeinung sowohl in der Sowjetunion als auch im Westen zeigte Rogowin auf, dass die S\u00e4uberungen Stalins nicht das Wirken eines Wahnsinnigen oder das unvermeidliche Ergebnis der Revolution waren, sondern die grausame Reaktion der B\u00fcrokratie auf eine starke marxistische Opposition.<\/p>\n<p>Rogowin betonte, dass es ohne ein Verst\u00e4ndnis des Terrors \u2013 seiner Urspr\u00fcnge und seiner Folgen \u2013 unm\u00f6glich sei, den Charakter der sowjetischen Gesellschaft und die endg\u00fcltige Aufl\u00f6sung der UdSSR durch die Kommunistische Partei im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts zu verstehen. F\u00fcr ihn waren 1936-1938 und 1989-1991 unl\u00f6sbar miteinander verbundene Perioden der sowjetischen Geschichte. Die Wiederherstellung des Kapitalismus erforderte neue, eigene F\u00e4lschungen der sowjetischen Geschichte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der\u00a0<em>Perestroika\u00a0<\/em>wurde allgemein behauptet, dass der Markt eine h\u00f6here Form des Sozialismus darstelle, die demokratisch, antib\u00fcrokratisch und antistalinistisch sei. Diese L\u00fcge war notwendig, weil es innerhalb der UdSSR keine Massenbasis f\u00fcr prokapitalistische Reformen gab. Vielmehr, wie die Wissenschaftler Peter Reddaway und Dmitri Glinski festgestellt haben, waren in der Zeit vor der\u00a0<em>Perestroika<\/em>\u00a0ganz andere Meinungen weit verbreitet: \u201eNicht die Zur\u00fcckdr\u00e4ngung, geschweige denn die Demontage der sozialistischen Wirtschaft wurde gefordert, sondern die Abschaffung der Kluft zwischen Herrschern und Beherrschten und die Herstellung sozialer Gerechtigkeit.\u201c<\/p>\n<p>In der Einleitung zum zweiten Band seiner Serie,\u00a0<em>Stalins Kriegskommunismus,<\/em>macht Rogowin die Spezifik des von Stalin und seinen Handlangern vollzogenen konterrevolution\u00e4ren Umsturzes darin aus,<\/p>\n<p>dass dieser Umsturz unter dem ideologischen Deckmantel des marxistischen Vokabulars und der stetigen Versicherungen der Treue zur Sache der Oktoberrevolution erfolgte.<\/p>\n<p>Ein Umsturz dieser Art verlangte nat\u00fcrlich eine bisher einmalige Konzentration von L\u00fcge und F\u00e4lschung sowie immer neue Mythen\u2026<\/p>\n<p>\u00c4hnlich den Stalinisten gebrauchen die heutigen Antikommunisten zwei Arten von Mythen: ideologische und historische. Mit ersteren sind falsche, in die Zukunft gerichtete Ideen gemeint, d.h. illusorische Prognosen und Versprechungen. Diese Produkte eines falschen Bewusstseins erweisen sich erst mit fortschreitender Realisierung als Mythos. Anders die Mythen, die nicht in die Zukunft weisen, sondern in die Vergangenheit. Diese lassen sich im Prinzip leichter aufdecken als die antiwissenschaftlichen Prognosen und reaktion\u00e4ren Projekte. Ideologische wie historische Mythen sind das Produkt direkter Klasseninteressen. Doch im Unterschied zu Ersteren sind Letztere das Produkt nicht einer politischen Verwirrung oder eines bewussten Betrugs der Massen, sondern resultieren entweder aus historischer Unkenntnis oder vors\u00e4tzlicher F\u00e4lschung, d.h. aus dem Verschweigen bzw. der tendenzi\u00f6sen Hervorhebung und verzerrten Interpretation bestimmter historischer Fakten. Widerlegen lassen sich diese Mythen durch die Wiederherstellung der historischen Wahrheit, der wahrheitsgetreuen Darstellung der Fakten und Tendenzen der Vergangenheit. (Wadim S. Rogowin, Stalins Kriegskommunismus, Essen 2006, S. 7f)<\/p>\n<p>Wie kam Rogowin dazu,\u00a0<em>Gab<\/em>\u00a0es\u00a0<em>eine Alternative?<\/em>\u00a0zu schreiben? Eine vollst\u00e4ndige Antwort auf diese Frage w\u00fcrde erfordern, seine intellektuelle Entwicklung sorgf\u00e4ltig nachzuzeichnen. Dies w\u00fcrde zweifellos die Verbundenheit des sowjetischen Gelehrten mit der Russischen Revolution, die er bis zum Ende verteidigte, ans Tageslicht f\u00f6rdern. Thema des vorliegenden Artikels ist Rogowins Entwicklung auf dem Gebiet der sowjetischen Soziologie und schlie\u00dflich sein Kampf gegen diese.<\/p>\n<p>Vor der Abfassung von\u00a0<em>Gab es eine Alternative?\u00a0<\/em>hatte Rogowin viele Jahre, wenn auch unter sehr schwierigen Umst\u00e4nden, an einer soziologischen Analyse des Stalinismus gearbeitet. 1977 trat er dem renommierten Institut f\u00fcr Soziologie in Moskau bei, nachdem er in den ersten zwei Jahrzehnten seiner Laufbahn \u00c4sthetik studiert und unterrichtet hatte. Rogowin begab sich auf das Gebiet der Soziologie, um ein Umfeld zu finden, in dem er das Problem der sozialen Ungleichheit erforschen konnte.<\/p>\n<p>Rogowins Interesse an dieser Frage erwuchs aus den Schlussfolgerungen aus der offiziellen Enth\u00fcllung von Stalins Verbrechen in Nikita Chruschtschows Rede vor dem 20. Parteitag 1956, \u201e\u00dcber den Personenkult und seine Folgen\u201c. Rogowin, dessen Gro\u00dfvater bei den politischen S\u00e4uberungen ums Leben gekommen war, wollte die sozialen und politischen Grundlagen von Stalins Blutbad verstehen. Nach Stalins Tod 1953 gelang es ihm, Zugang zu alten Ausgaben der\u00a0<em>Prawda<\/em>, der offiziellen Zeitung der Kommunistischen Partei, zu erhalten, die in einem Hochsicherheitstrakt der Bibliothek aufbewahrt wurden. Sie dokumentierten die politischen Debatten der 1920er Jahre sowie den erbitterten Kampf Trotzkis und der Linken Opposition gegen Stalin.<\/p>\n<p>Trotzki zeigte auf, dass Stalin an der Spitze einer nationalistischen, b\u00fcrokratischen Reaktion gegen die Oktoberrevolution stand. Das aufsteigende stalinistische Regime, das die egalit\u00e4ren und revolution\u00e4ren Bestrebungen der internationalen Arbeiterklasse als t\u00f6dliche Bedrohung empfand, sicherte seine eigene privilegierte Stellung, unterdr\u00fcckte die innerparteiliche Demokratie und verriet revolution\u00e4re K\u00e4mpfe auf der ganzen Welt. Trotzki warnte davor, dass, wenn die Arbeiterklasse die B\u00fcrokratie nicht st\u00fcrzen w\u00fcrde, der Kapitalismus wiederhergestellt und die Errungenschaften der Oktoberrevolution liquidiert werden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Aus dieser Kritik schloss Rogowin, dass die Ungleichheit der Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis der sowjetischen B\u00fcrokratie sei. Daher konzentrierte er seine soziologische Forschung auf die in Lebensstil und Konsum ausgedr\u00fcckte Differenzierung der Gesellschaftsschichten, um den Zusammenhang zwischen der Regierungspolitik und sozialer Ungleichheit zu ergr\u00fcnden. Auf diese Weise wollte er nachweisen, wie die B\u00fcrokratie durch die Verteidigung ihrer Sonderstellung die sowjetische Gesellschaft deformiert hatte.<\/p>\n<p>Rogowin arbeitete unter extrem schwierigen Bedingungen. In der offiziellen Definition der sowjetischen Gesellschaftsstruktur wurde die blo\u00dfe Existenz einer Elite der Kommunistischen Partei geleugnet. Die sowjetische Soziologie war nicht nur von Zensur betroffen, sondern wurde auch von einer Kombination aus Empirismus und verschiedenen Schulen des theoretischen Antimarxismus dominiert. In den 1970er Jahren hatte sich die sowjetische Dissidentenbewegung, die w\u00e4hrend des Chruschtschow-Tauwetters entstanden war, stark nach rechts verschoben. Ihre zunehmend antikommunistischen Positionen stie\u00dfen Rogowin ab.<\/p>\n<p>F\u00fcr Rogowin war von entscheidender Bedeutung, dass das stalinistische Regime Trotzki und die Linke Opposition physisch vernichtet hatte. Es hatte die alten Bolschewiki abgeschlachtet und jeden gewaltsam unterdr\u00fcckt, der mit dem revolution\u00e4ren sozialistischen Erbe des Landes in Verbindung stand. Hier lagen Rogowins Schwierigkeiten begr\u00fcndet. Es war unm\u00f6glich, offene Sympathien mit dem Trotzkismus zu bekunden, geschweige denn zu erkl\u00e4ren, dass das eigene Forschungsprojekt von Trotzkis Analyse der UdSSR ausging.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus wurde die F\u00e4higkeit der Vierten Internationale (VI) (der 1938 gegr\u00fcndeten trotzkistischen Weltbewegung), Kontakt mit Rogowin oder \u00e4hnlichen Wissenschaftlern aufzunehmen, durch die sch\u00e4dlichen Folgen des Pablismus stark untergraben. Diese revisionistische Tendenz, die unter dem Einfluss von Michel Pablo und Ernest Mandel entstand, lehnte eine unabh\u00e4ngige, revolution\u00e4re Bewegung der Arbeiterklasse in der UdSSR oder anderswo ab. Die Pablisten argumentierten, dass sich Trotzkisten f\u00fcr die Reform der B\u00fcrokratie und der Kommunistischen Partei einsetzen m\u00fcssten. Auf der ganzen Welt liquidierten die Pablisten Teile der VI und wiesen ihre Kader an, innerhalb der bestehenden stalinistischen, sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Bewegungen zu arbeiten. Sie lehnten es ab, den wahren Trotzkismus im Sowjetblock wiederzubeleben. W\u00e4hrend revolution\u00e4rer Krisen in der UdSSR und Osteuropa unterst\u00fctzten sie b\u00fcrokratische kommunistische Parteien, ebenso wie nationalistische und sogar rechte Kr\u00e4fte. So arbeitete Rogowin weitgehend isoliert.<\/p>\n<p>In den sp\u00e4ten 1970er und fr\u00fchen 1980er Jahren f\u00fchrten er und andere Soziologen eine Reihe von Studien \u00fcber die Lebensbedingungen im Land durch, die auf tiefe Widerspr\u00fcche innerhalb der sozio\u00f6konomischen Struktur der UdSSR schlie\u00dfen lie\u00dfen. In einer Hinsicht war die Ungleichheit in der Sowjetunion allerdings zur\u00fcckgegangen; das sogenannte Nivellieren des Lohns schr\u00e4nkte die Differenzierung der\u00a0<em>offiziellen<\/em>\u00a0Einkommen ein \u2013 insbesondere im Vergleich zu dem hohen Niveau, das die Ungleichheit in den 1930er und 40er Jahren unter Stalins Herrschaft erreicht hatte. Gleichzeitig schuf die Lohnnivellierung jedoch ein riesiges sekund\u00e4res System der legalen, halblegalen und illegalen Verteilung von Waren, Dienstleistungen und Verm\u00f6gen, sowie weitere Faktoren f\u00fcr Ungleichheit je nach Beruf, Branche, Parteizugeh\u00f6rigkeit, geografischem Standort, Altersgruppe usw. Signifikante Teile der Bev\u00f6lkerung litten unter einem erb\u00e4rmlichen Mangel. 1983 ergab eine landesweite repr\u00e4sentative Umfrage mit einer Stichprobengr\u00f6\u00dfe von 10.000, dass ein Drittel der Befragten keinen Zugang zu mindestens einem und in vielen F\u00e4llen\u00a0<em>allen\u00a0<\/em>G\u00fctern des Grundbedarfs hatte. Daten \u00fcber die Einkommen der B\u00fcrokratie der Kommunistischen Partei waren nicht verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p>Rogowin betonte in seiner Arbeit, dass die irrationale und ungerechte Verteilung der Ressourcen auf verschiedene soziale Schichten dazu f\u00fchrte, dass die Menschen sich individuell um eine Verbesserung des Lebensstandards durch andere Mittel bem\u00fchten \u2013 durch Schattenwirtschaft, Bestechung und Korruption. Dies f\u00fchrte zu einer weiteren sozialen Differenzierung und wachsenden sozialen Ressentiments.<\/p>\n<p>1983 schrieb Rogowin einen Bericht, der in die H\u00e4nde der Moskauer Kommunistischen Partei fiel. Nicht alle Forschungen am Institut f\u00fcr Soziologie wurden an die lokalen Beh\u00f6rden weitergeleitet. Doch in diesem Fall wollte offenbar ein Mitarbeiter des Instituts, dass Rogowins Analyse der Obrigkeit zur Kenntnis gebracht wurde.<\/p>\n<p>In der betreffenden Arbeit argumentierte Rogowin, dass das grundlegende Problem der UdSSR \u201eeine Vertiefung der sozial ungerechtfertigten Differenzierung von Einkommen und Lebensqualit\u00e4t\u201c sei. \u201eDie Arbeiter treffen regelm\u00e4\u00dfig auf F\u00e4lle unverdienter Bereicherung durch Betrug und die Auspl\u00fcnderung von Staat und Volk. [\u2026] Bestimmte Bev\u00f6lkerungsgruppen verf\u00fcgen \u00fcber die Mittel, um ihre Bed\u00fcrfnisse in einem Umfang zu befriedigen, der \u00fcber jedes vern\u00fcnftige Ma\u00df hinausgeht und ihrer Bedeutung in der gesellschaftlichen Produktion nicht entspricht. [\u2026] Es gibt \u00fcberhaupt keine systematische Kontrolle der Einkommensquellen und der Aneignung wertvoller G\u00fcter\u201c, schrieb er.<\/p>\n<p>Unerschrocken traf er die bemerkenswerte Aussage, dass es die Ungleichheit \u2013 und nicht die Lohnnivellierung \u2013 sei, die \u201eim Wesentlichen die soziale Struktur der [sowjetischen] Gesellschaft darstellt\u201c.<\/p>\n<p>Rogowin forderte die Einf\u00fchrung von Einkommenserkl\u00e4rungen, wonach die Menschen verpflichtet w\u00e4ren, die H\u00f6he ihres Gesamteinkommens und nicht nur ihre offiziellen L\u00f6hne anzugeben. Nur so k\u00f6nnten Staat und Wissenschaft etwas \u00fcber die tats\u00e4chliche Einkommensverteilung erfahren. Er pl\u00e4dierte f\u00fcr die Schaffung eines \u201esozial garantierten\u00a0<em>Maximaleinkommens<\/em>\u201c zur Bek\u00e4mpfung \u201eungerechtfertigter Ungleichheit\u201c.<\/p>\n<p>An anderer Stelle argumentierte Rogowin zudem, dass die Ungleichheit ganz wesentlich zum Sinken der Arbeitsproduktivit\u00e4t der UdSSR beitrage. In einer gemeinsam mit Nina Naumowa verfassten Studie,\u00a0<em>Gesellschaftliche Entwicklung und gesellschaftliche Moralvorstellungen<\/em>, f\u00fchrte er die sozio\u00f6konomische Krise der UdSSR auf die zunehmende Ungleichheit zur\u00fcck. Die Menschen in der Sowjetunion arbeiteten schlecht, und das\u00a0<em>nicht<\/em>, weil ihre Arbeit im Verh\u00e4ltnis zu anderen unzureichend entlohnt wurde, sondern weil ihr Engagement f\u00fcr die gesellschaftliche Produktion durch die verst\u00e4rkte soziale Schichtung, die in der offiziellen Statistik nicht erfasst wurde, untergraben wurde.<\/p>\n<p>Im Jahr 1983 \u2013 demselben Jahr, in dem Rogowin seinen kritischen Bericht \u00fcber den Zustand der Ungleichheit in der UdSSR verfasst hatte, der in die H\u00e4nde der Moskauer Beh\u00f6rden gelangte\u2013 gab eine weitere Soziologin, Tatjana Saslawskaja, einen Bericht heraus, der zun\u00e4chst geheim gehalten, sp\u00e4ter aber an die westliche Presse weitergegeben wurde. Darin setzte sie sich f\u00fcr den \u00dcbergang zu \u201ewirtschaftlichen Managementmethoden\u201c \u2013 also marktwirtschaftlichen Reformen \u2013 ein. Ein zentraler Aspekt dabei war die Strategie, durch leistungsbezogene L\u00f6hne die Produktion anzukurbeln. Saslawskaja stellte damals fest, dass solche Reformen durch diejenigen Teile der Arbeiterschaft, die sie als \u201eje apathischer, desto \u00e4lter und weniger qualifiziert\u201c bezeichnete, abgelehnt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Innerhalb weniger Jahre avancierte Saslawskaja zu einer f\u00fchrenden Beraterin von Michail Gorbatschow und zu einer der wichtigsten pro-marktwirtschaftlichen Architektinnen der\u00a0<em>Perestroika<\/em>. 1986 wurde sie zur Leiterin der Sowjetischen Soziologischen Gesellschaft ernannt. Ihre Positionen wurden in ihrer Fachrichtung weitgehend angenommen.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu waren Rogowins Ansichten h\u00e4ufig und zunehmend Gegenstand scharfer Kritik. 1985 fand am Institut f\u00fcr Soziologie eine Diskussion \u00fcber einen Bericht von Rogowin und seinem Forschungsteam \u00fcber sowjetische Lebensstile statt. Darin \u00e4u\u00dferte Rogowin offene Kritik an den anti-egalit\u00e4ren Auswirkungen der Schattenwirtschaft und der Vererbung von Verm\u00f6gen. Er wurde daf\u00fcr von einigen der bedeutendsten Wissenschaftler des Instituts scharf angegangen. Sie lehnten seine Aussagen ab und hatten au\u00dferdem Angst vor der Reaktion der Beh\u00f6rden. In der Diskussion bemerkte eine solche Person:<\/p>\n<p>Der hier vorgestellte Bericht des Autors hat zwei grundlegende M\u00e4ngel: 1) Er ist unzureichend selbstkritisch; 2) die Autoren, und insbesondere Rogowin selbst, ber\u00fccksichtigen nicht angemessen den Adressaten, an den dieser Bericht gerichtet ist. Der Bericht geht an die h\u00f6chsten Ebenen [der Kommunistischen Partei], sodass ein \u00dcberma\u00df an Emotionalit\u00e4t nicht angemessen erscheint. Mein n\u00e4chster Kritikpunkt bezieht sich auf den Begriff \u201eungerechtfertigte Ungleichheit\u201c. So etwas kann es im Prinzip nicht geben.<\/p>\n<p>[\u2026] Ihre Empfehlungen in der Notiz an das ZK der KP [das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei\u2026] bed\u00fcrfen einer \u00e4u\u00dferst sorgsamen Herangehensweise, insbesondere im Zusammenhang mit der \u201eSchattenwirtschaft\u201c und den Erbschaftssteuern. [Es sollte eher] ein Minimum an kategorischen Aussagen und ein Maximum an Kompromissbereitschaft gegeben sein.<\/p>\n<p>Im Laufe des Jahrzehnts bezog Rogowin eine immer kritischere Haltung gegen\u00fcber der\u00a0<em>Perestroika<\/em>, deren wirtschaftliche Folgen sich zunehmend als verheerend erwiesen. Anstatt den Massen Wohlstand zu bringen, verursachten Gorbatschows Reformen eine schwere Krise im staatlichen Wirtschaftssektor und versch\u00e4rften die Verknappung von Nahrungsmitteln, Kleidung und anderen lebensnotwendigen G\u00fctern. Das Wirtschaftswachstum ging ab 1986 zur\u00fcck. Im Jahr 1989 erreichte die Inflation 19 Prozent und machte damit die Einkommenszuw\u00e4chse der Bev\u00f6lkerung aus den Vorjahren praktisch zunichte. Wie der Wissenschaftler John Elliot bemerkte: \u201eUnter Ber\u00fccksichtigung der Mehrkosten d\u00fcrften das reale Pro-Kopf-Einkommen und die Reall\u00f6hne vor allem f\u00fcr die untere H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung zur\u00fcckgegangen sein. Zu diesen Kosten geh\u00f6rten: Verschlechterung der Qualit\u00e4t sowie Nichtverf\u00fcgbarkeit von Waren; Verbreitung spezieller Vertriebskan\u00e4le; l\u00e4ngeres und zeitaufw\u00e4ndigeres Schlangestehen; erweiterte Rationierung; h\u00f6here Preise und h\u00f6here Inflationsraten in nichtstaatlichen Gesch\u00e4ften (z.B. waren die Preise bei den Agrargenossenschaften 1989 fast dreimal so hoch wie in staatlichen Gesch\u00e4ften); faktische Stagnation bei der Gesundheitsversorgung und Bildung; und die Ausbreitung von Tauschhandel, regionaler Autarkie und lokalem Protektionismus.\u201c<\/p>\n<p>Neu gegr\u00fcndete Privatunternehmen verf\u00fcgten \u00fcber gro\u00dfen Spielraum bei der Preisgestaltung, da sie wenig bis gar keine Konkurrenz durch den staatlichen Sektor hatten. Sie verlangten jeden Preis, den der Markt hergab. Einkommensungleichheit und Armut nahmen dadurch stark zu. Am meisten hatten die schw\u00e4chsten Bev\u00f6lkerungsgruppen zu leiden. Die Ver\u00e4nderungen waren so gravierend, dass \u201edie Einkommensungleichheiten in der UdSSR\u201c laut Elliot \u201etats\u00e4chlich gr\u00f6\u00dfer geworden waren als in den USA\u201c. In den sp\u00e4ten 1980er Jahren lag das Einkommen von zwei Dritteln der sowjetischen Bev\u00f6lkerung unter dem offiziell empfohlenen \u201eangemessenen Niveau\u201c von 100 bis 150 Rubel pro Monat. Gleichzeitig wird gesch\u00e4tzt, dass allein die Schattenwirtschaft in den sp\u00e4ten 1980er Jahren 100.000 bis 150.000 Million\u00e4re hervorgebracht hat. Anfang der 1990er Jahre war nach offiziellen sowjetischen Sch\u00e4tzungen ein Viertel der Bev\u00f6lkerung bzw. 70 Millionen Menschen mittellos. Bergarbeiterstreiks und andere \u00c4u\u00dferungen von sozialer Unzufriedenheit brachen im ganzen Land aus.<\/p>\n<p>Die Soziologen waren sich der wachsenden Unzufriedenheit der Bev\u00f6lkerung sehr bewusst. Sie wurden von der B\u00fcrokratie der Kommunistischen Partei aufgefordert, bei der Bew\u00e4ltigung der Situation zu helfen. 1989 erhielt der Direktor des Instituts f\u00fcr Soziologie eine Anfrage aus den h\u00f6chsten R\u00e4ngen der Kommunistischen Partei. Er wurde gebeten, auf ein Schreiben eines einfachen Parteimitglieds zu antworten, das sich gegen\u00fcber den \u201eEliten&#8220; des Landes extrem abf\u00e4llig ge\u00e4u\u00dfert hatte. Der Briefeschreiber beschrieb die Partei als von einem \u201eopportunistischen Kern\u201c dominiert und forderte einen \u201eKlassenkriegs\u201c der arbeitenden Massen gegen dessen Politik. Die Ideologieabteilung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei w\u00fcnschte, dass der Direktor des Instituts auf das Schreiben antwortete, weil die darin zum Ausdruck gebrachten Ansichten \u201e(repr\u00e4sentativ) [sic] und in der Arbeiterklasse weit verbreitet sind\u201c.<\/p>\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden geriet Rogowin unter medialen Beschuss, weil er sich in Artikeln gegen die Ausbreitung sozialer Ungleichheit wandte. Seit Mitte der 1980er Jahre hatte er daf\u00fcr pl\u00e4diert, dass alle Menschen in Einkommenserkl\u00e4rungen ihr gesamtes Einkommen offenlegen m\u00fcssten. Er forderte eine progressive Besteuerung und ein sozial begr\u00fcndetes Maximaleinkommen. Die Menge an positiven Zuschriften seiner Leser zeigte, dass seine Ansichten mit denen der Bev\u00f6lkerung \u00fcbereinstimmten \u2013 eine Tatsache, die von westlichen Wissenschaftlern zu dieser Zeit best\u00e4tigt wurde. In einer \u00f6ffentlichen Pressedebatte mit dem \u00d6konomen Gennady Lisitschkin warf dieser Rogowin jedoch vor, er wolle die Vollmachten der B\u00fcrokratie st\u00e4rken, und deutete an, dass Rogowin ein Stalinist sei. Er warf ihm vor, \u201eLuddismus\u201c (Maschinenst\u00fcrmerei) zu vertreten, in religi\u00f6sem Stil zu predigen, Marx falsch zitiert haben, dem Staat die Macht zusprechen, Menschen \u201ewie Vieh\u201c herum zu schubsen, eine defizit\u00e4re Verteilung auf der Grundlage von \u201eRationskarten\u201c zu bef\u00fcrworten, unter \u201elinker\u201c Infantilit\u00e4t zu leiden sowie ein \u201eDemagoge\u201c und \u201eKriegskommunist\u201c zu sein. Lisitschkin r\u00fcckte Rogowin in die N\u00e4he eben jener Tendenz, der Rogowin doch am feindlichsten gegen\u00fcberstand: des Stalinismus. Die Leiterin der Sowjetischen Soziologischen Gesellschaft, Tatjana Saslawskaja, unterst\u00fctzte diese Verleumdungen von Lisitschkin.<\/p>\n<p>Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Rogowin und anderen Wissenschaftlern \u00fcber die\u00a0<em>Perestroika<\/em>\u00a0entwickelten sich zu einem heftigen Streit \u00fcber die sowjetische Geschichte und die Natur des Stalinismus. Rogowin sah einen Zusammenhang zwischen den Jubelmeldungen f\u00fcr marktfreundliche Reformen und den historischen F\u00e4lschungen. Zunehmend wurde versucht, das Egalit\u00e4tsprinzip mit Stalinismus gleichzusetzen und den Kampf f\u00fcr Gleichheit mit politischer Unterdr\u00fcckung. In\u00a0<em>Gab es eine Alternative?\u00a0<\/em>erkl\u00e4rt Rogowin mehrfach, dass der \u00dcbergang zur Marktwirtschaft durch die Verbreitung von Mythen \u00fcber die sowjetische Geschichte begleitet wurde, und dies war eine davon.<\/p>\n<p>1991 trat Saslawskaja als Mitautorin eines Buchs auf, in dem die Probleme der Sowjetunion darauf zur\u00fcckgef\u00fchrt wurden, dass Ende der 1920er Jahre die Neue \u00d6konomische Politik (NEP) aufgegeben worden war. Im Rahmen der NEP waren die staatlichen Kontrollen \u00fcber die Wirtschaft gelockert und die Marktbeziehungen bis zu einem gewissen Grad wiederhergestellt worden, um die Wirtschaft unter Bedingungen der Isolation, der R\u00fcckst\u00e4ndigkeit und des wirtschaftlichen Zusammenbruchs infolge langer Kriegsjahre wiederzubeleben. Aufgrund einer einseitigen und historisch unrichtigen Darstellung der NEP wurde in diesem Buch der politische Kampf zwischen Stalin und der Linken Opposition verschwiegen. Denn diese Auseinandersetzung drehte sich gerade um das sch\u00e4dliche Wachstum der Ungleichheit, die B\u00fcrokratisierung von Staat und Wirtschaft und die Zerst\u00f6rung der innerparteilichen Demokratie. Saslawsjaka \u00fcbersprang diese Geschichte, weil sie einem der zentralen Argumente, die damals zugunsten der\u00a0<em>Perestroika\u00a0<\/em>vorgebracht wurden, widersprochen h\u00e4tte: dass Marktbeziehungen von Natur aus im Widerspruch zu den Interessen der B\u00fcrokratie der Kommunistischen Partei st\u00fcnden. Auch die Darstellung der Arbeitsmarktpolitik unter Stalin war falsch. Laut Saslawsjaka bildete in den 1930er Jahren die revolution\u00e4re Begeisterung die wichtigste Methode, um die Menschen zur Arbeit zu motivieren. Sie ignorierte, dass die Einkommensungleichheit in dieser Zeit erheblich zunahm. Wie der Wissenschaftler Murray Yanowitch bemerkte, wurde unter Stalin die \u201eGleichmacherei\u201c als Wahnvorstellung von \u201eTrotzkisten, Sinowjewisten, Bucharinisten und anderen Volksfeinden\u201c bezeichnet.<\/p>\n<p>In den 1980er Jahren versuchten Soziologen und andere Wissenschaftler, der Perestroika einen humanit\u00e4ren Anstrich zu verpassen. Ihnen zufolge w\u00fcrden Marktreformen dem \u201emenschlichen Faktor\u201c, der unter dem Gewicht der b\u00fcrokratischen Stagnation zerst\u00f6rt worden war, wieder zu mehr Bedeutung verhelfen. Der \u201emenschliche Faktor\u201c wurde definiert als der Wunsch des Menschen nach pers\u00f6nlicher Anerkennung durch differenzierte materielle Belohnung. Darin bestehe der Hauptantrieb des menschlichen Handelns. In dem Ma\u00dfe, in dem die offizielle Lohnpolitik der UdSSR zu einer relativ egalit\u00e4ren Verteilung der gesellschaftlichen Ressourcen und einer Angleichung der Entlohnung qualifizierter und ungelernter Arbeiter f\u00fchre, stehe sie im Widerspruch zum Wunsch des Menschen nach Anerkennung seiner individuellen Leistung. Die zunehmende Einkommensungleichheit, die angeblich durch die Anforderungen der sozio\u00f6konomischen Entwicklung bedingt war, wurde als Teil der \u201eHumanisierung des Sozialismus\u201c bezeichnet. Es wurde argumentiert, dass eine zunehmende soziale Schichtung letztlich zur wahren \u201esozialistischen Gerechtigkeit\u201c f\u00fchren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>So behauptete Tatjana Saslawskaja 1990: \u201eTrotz all seiner Grenzen ist der \u201aklassische\u2018 Markt in der Tat eine demokratische (und damit antib\u00fcrokratische) Wirtschaftsinstitution. Im Rahmen ihrer Austauschbeziehungen sind alle Beteiligten zumindest formell gleich; niemand ist anderen untergeordnet. K\u00e4ufer und Verk\u00e4ufer handeln in ihrem eigenen Interesse und niemand kann sie dazu bringen, Gesch\u00e4fte abzuschlie\u00dfen, die sie nicht abschlie\u00dfen wollen. Es steht den K\u00e4ufern frei, Verk\u00e4ufer auszuw\u00e4hlen, die ihnen Waren zu den g\u00fcnstigsten Bedingungen \u00fcberlassen, aber auch die Verk\u00e4ufer k\u00f6nnen K\u00e4ufer mit dem besten Preis w\u00e4hlen.\u201c<\/p>\n<p>Bei dieser Argumentation st\u00fctzten sich die Wissenschaftler auf die offizielle sowjetische Definition des Sozialismus \u2013 \u201ejeder nach seinen F\u00e4higkeiten, jedem nach seiner Leistung\u201c, die in der Verfassung des Landes von 1936, der sogenannten Stalin-Verfassung, verankert war.<\/p>\n<p>Rogowin griff 1988 das Konzept des \u201emenschlichen Faktors\u201c auf, um eine ganz andere Argumentation zu entwickeln. In einer Schrift mit dem Titel \u201eDer menschliche Faktor und die Lehren aus der Vergangenheit\u201c betonte er, dass die Verteidigung der sozialen Ungleichheit durch die sowjetische Elite einer der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr die Degeneration des \u201emenschlichen Faktors\u201c in der UdSSR gewesen sei. Die besten Elemente des \u201emenschlichen Faktors\u201c waren von Stalin w\u00e4hrend des Terrors vernichtet worden. Korruption, Desillusionierung, Parasitismus, Karrierismus und individuelle Selbstdarstellung \u2013 die markantesten Merkmale der Breschnew-\u00c4ra \u2013 waren hingegen der \u201emenschliche Faktor\u201c, den der Stalinismus geschaffen hatte. Rogowin betonte, dass die\u00a0<em>Perestroika<\/em>\u00a0bei der F\u00f6rderung von Ungleichheit und Markt keinen Bruch mit dem Stalinismus oder dem Erbe der Breschnew-\u00c4ra markierte, wie oft behauptet wurde, sondern deren Fortf\u00fchrung.<\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter schrieb er: \u201eDie Anh\u00e4nger der neuen elit\u00e4ren Konzepte wollen die Sowjetgesellschaft mit einem solchen Ma\u00df an sozialer Differenzierung versehen, wie es unter Stalin existierte, obwohl die stalinistische Unterdr\u00fcckung abgeschafft worden ist. Dabei wird vergessen, dass der niedertr\u00e4chtige Charakter dieser Repressionen [&#8230;.] aus dem Bem\u00fchen entstanden war, vor allem jene Kr\u00e4fte in der Partei und im Land, die zwar gezwungenerma\u00dfen schwiegen, aber die sozialen Grundlagen des Stalinismus nach wie vor ablehnten, nicht nur niederzuhalten, sondern auch physisch zu vernichten.\u201c<\/p>\n<p>Nach Jahren des Studiums dieser Fragen in nahezu v\u00f6lliger Isolation konnte Rogowin endlich offen \u00fcber dieses Thema schreiben. Er testete seine M\u00f6glichkeiten, indem er im August 1989 zun\u00e4chst in der Zeitschrift\u00a0<em>Theater\u00a0<\/em>\u201eL.D. Trotzki \u00fcber Kunst\u201c ver\u00f6ffentlichte. Kurz darauf folgte ein Artikel mit dem Titel \u201eDie internen Parteik\u00e4mpfe der 1920er: Gr\u00fcnde und Lehren\u201c, der ebenfalls in einer Zeitschrift au\u00dferhalb seines Fachgebiets, n\u00e4mlich in der\u00a0<em>Politischen Bildung<\/em>, ver\u00f6ffentlicht wurde. Anfang 1990 ver\u00f6ffentlichte Rogowin in\u00a0<em>Die Wirtschaftswissenschaften<\/em>\u00a0\u2013 einem Forum, das wahrscheinlich seine Kollegen aus der Soziologie eher wahrnehmen w\u00fcrden \u2013 den Artikel \u201eL.D. Trotzki \u00fcber die NEP\u201c. Und schlie\u00dflich, ein paar Monate sp\u00e4ter, erschien \u201eL.D. Trotzki \u00fcber soziale Beziehungen in der UdSSR\u201c im f\u00fchrenden Journal seiner Disziplin, der\u00a0<em>Soziologischen Forschung<\/em>.<\/p>\n<p>Im ersten Artikel zu diesem Thema, den Rogowin in einer soziologischen Fachzeitschrift ver\u00f6ffentlichte, untersuchte er Trotzkis Rolle in der sowjetischen Geschichte in den 1920er Jahren und fasste sein bahnbrechendes Werk\u00a0<em>Die Verratene Revolution\u00a0<\/em>zusammen. Rogowin bekannte damit, wem er die Ansichten, die er im Laufe des letzten Jahrzehnts entwickelt hatte, grunds\u00e4tzlich verdankte.<\/p>\n<p>Trotzki wurde jedoch von den sowjetischen Offiziellen weiterhin verunglimpft. 1987, am 70. Jahrestag der Russischen Revolution, beschrieb Gorbatschow Trotzki als \u201eden Erzh\u00e4retiker der sowjetischen Geschichte, einen \u201e\u00fcberm\u00e4\u00dfig selbstbewussten Politiker, der immer schwankte und betrog\u201c.<\/p>\n<p>Wegen seines tiefen Respekts vor dem Trotzkismus und wegen seiner Bem\u00fchungen, seine Arbeit in die Tradition der Stalinismuskritik der Linken Opposition zu stellen, isolierte sich Rogowin zunehmend von seinen Kollegen, die zum Teil in die Jelzin-Regierung eintraten und zur Umsetzung der Schocktherapie beitrugen, einer Schl\u00fcsselkomponente der kapitalistischen Restauration in Russland. Diese \u201eFachwelt\u201c verzieh ihm seine Unnachgiebigkeit und Prinzipienfestigkeit nie. In den zahlreichen Monographien und anderen Publikationen, die in den letzten 20 Jahren \u00fcber die Soziologie in der UdSSR erschienen sind, werden Rogowin oder seine Beitr\u00e4ge kaum erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Aber Rogowins Isolierung von der sowjetischen Soziologie untergrub seine Arbeitsf\u00e4higkeit nicht. Vielmehr fiel sie mit dem Beginn der Ver\u00f6ffentlichung von\u00a0<em>Gab es eine Alternative?<\/em>\u00a0zusammen. 1992 traf Rogowin das Internationale Komitee der Vierten Internationale und baute eine enge politische und intellektuelle Beziehung zur trotzkistischen Weltbewegung auf, die sich im Laufe der n\u00e4chsten Jahre intensivieren sollte. Diese Beziehung war die Grundlage, auf der Rogowin einen immensen Beitrag zur Verteidigung Trotzkis und der historischen Wahrheit leistete. David North zollte ihm in einem j\u00fcngst neu ver\u00f6ffentlichten\u00a0<a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/09\/21\/rogo-s21.html\"><strong>Nachruf<\/strong><\/a>\u00a0hohe Anerkennung.<\/p>\n<p>Rogowin ist vor 20 Jahren gestorben, doch mit seinem Werk tr\u00e4gt er weiterhin dazu bei, die Arbeiterklasse mit historischem Bewusstsein zu bewaffnen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/11\/03\/rogo-n03.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 3. November 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andrea Peters.\u00a0Am 18. September 2018 j\u00e4hrte sich zum zwanzigsten Mal der Todestag des sowjetischen und marxistischen Historikers und Soziologen Wadim Sacharowitsch Rogowin. W\u00e4re er noch am Leben, w\u00e4re er 81 Jahre alt.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[23,12,13,22,49,38,20,4,21],"class_list":["post-4249","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-buecher","tag-lenin","tag-marx","tag-politische-oekonomie","tag-repression","tag-russische-revolution","tag-sowjetunion","tag-strategie","tag-trotzki"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4249","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4249"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4249\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4250,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4249\/revisions\/4250"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4249"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4249"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4249"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}