{"id":425,"date":"2015-03-16T19:18:23","date_gmt":"2015-03-16T17:18:23","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=425"},"modified":"2015-03-22T19:21:36","modified_gmt":"2015-03-22T17:21:36","slug":"starker-franken-und-klassenkonflikt-das-tessiner-beispiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=425","title":{"rendered":"Starker Franken und Klassenkonflikt. Das Tessiner Beispiel"},"content":{"rendered":"<p>Der Tessin ist historisch in der Herausbildung der sozialen und \u00f6konomischen Wirklichkeit des helvetischen Kapitalismus ein marginalisierter Kanton. Ohne politisches Gewicht, mit einer schwachen \u00f6konomischen Struktur beruht er auf den zwei Hauptpfeilern: einem Bankenplatz, der als Drehscheibe f\u00fcr die Steuerflucht der reichen\u00a0 italienischen Bourgeoisie dient und einer Industrie, die sich auf die Verf\u00fcgbarkeit einer sehr preisg\u00fcnstigen industriellen Reservearmee abst\u00fctzt \u2013 den Grenzg\u00e4ngerinnen und Grenzg\u00e4ngern<!--more-->; dies beg\u00fcnstigt die Entstehung einer Industrie, die sehr wenig Fixkapital akkumulieren muss. Anders formuliert: einer Industrie, die dank der hohen Ausbeutung der unterbezahlten Arbeit der Grenzg\u00e4nger existieren kann.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang haben die Tessiner Unternehmer den Wink von Bundesrat Johann Schneider-Ammann, nach der Aufgabe der Franken-Obergrenze von 1.20 Franken f\u00fcr einen Euro schnell, gr\u00fcndlich und brutal umgesetzt. Dieser hatte bekr\u00e4ftigt, dass man nun \u00abschnell \u00fcber die Arbeitszeit, Arbeitszeitflexibilit\u00e4t, L\u00f6hne, Lohnnebenkosten, Zulagen und Spesen sprechen m\u00fcsse\u00bb (Blick, 23. 1. 2015). Schneider-Ammann hat damit laut und deutlich die Strategie formuliert, die die dominanten Sektoren des Schweizer Kapitalismus nun unter Ausn\u00fctzung des erwarteten Entscheids der SNB umsetzen wollen. Sie wollen auf diesem Wege und auf Kosten der Arbeiterklasse die Wettbewerbsvorteile und damit die Profite des Wirtschaftsstandortes Schweiz ausbauen.<\/p>\n<p><b>Die Rezepte der Unternehmer gegen den starken Franken\u2026.<\/b><\/p>\n<p>Seit Mitte Januar wurden von der Unia Tessin bereits dreissig Unternehmen \u2013 vor allem in der Industrie \u2013 gez\u00e4hlt, die die L\u00f6hne brutal gek\u00fcrzt oder die Arbeitszeit unentgeltlich verl\u00e4ngert haben. Diese Zahl kann ohne Probleme verdreifacht werden: bei den aufgezeichneten F\u00e4llen handelt es sich ausschliesslich um solche, wo \u00fcberhaupt noch ein minimaler Kontakt mit den Arbeiterinnen und Arbeitern besteht.<\/p>\n<p>Diese Angriffswelle der Unternehmer ist sehr heftig und ihr Ausmass l\u00e4sst bef\u00fcrchten, dass es um eine weitere Zur\u00fcckdr\u00e4ngung der bereits sehr \u00fcberdehnten Grenzen der Ausbeutung der Arbeitskr\u00e4fte im Tessin, wie \u00fcbrigens in der ganzen Schweiz geht. Was seit der Aufhebung der Frankenobergrenze vor sich geht, gibt zu einigen Interpretationen Anlass.<\/p>\n<p>Wiederholen wir: Die Tessiner Unternehmer sind drauf und dran, den hohen Frankenkurs gr\u00fcndlich auszunutzen, um ihre Klasseninteressen durchzusetzen. Die Auswahl der eingesetzten Massnahmen ist recht breitf\u00e4chrig. Die einfachste ist eine Lohnk\u00fcrzung um 10 bis 20 %, bei Grenzg\u00e4ngern st\u00e4rker als bei einheimischen Lohnabh\u00e4ngigen. Einige Unternehmer streichen den 13. Monatslohn oder beispielsweise drei Achtel der Zulagen. Oder sie f\u00fchren zus\u00e4tzliche Gratisarbeit ein (beispielsweise f\u00fcnf Stunden die Woche). Und h\u00e4ufig werden diese \u00abRezepte\u00bb gemischt! Immer h\u00e4ufiger werden die L\u00f6hne in Euro ausbezahlt, mit einem durch das Unternehmen diktierten Wechselkurs von 1.20 bis 1.30 Franken f\u00fcr einen Euro!<\/p>\n<p>Dann gibt es noch ausgefeiltere Schwindeleien, wie etwa das innovative fluktuierende Lohnsystem, wie es bei Mikron Tool eingef\u00fchrt wurde, einer Filiale der Mikron Holding AG, deren Kapital zu 41.6 % von der Ammann Group Holding AG, der Schatztruhe der Familie Schneider-Ammann des Wirtschaftsministers kontrolliert wird. Der Dreh- und Angelpunkt dieses Systems besteht im Wechselkurs von Euro und Franken, der die obligatorischen t\u00e4glichen Arbeitsstunden festsetzt. Wenn zum Beispiel der durchschnittliche Wechselkurs in einem Monat bei 1.07 Franken f\u00fcr einen Euro lag, so m\u00fcssen im darauffolgenden Monat die Arbeiterinnen und Arbeiter 9 anstelle der vertraglich festgesetzten 8 Stunden pro Tag arbeiten. Oder 8 \u00bd Stunden mit einem Wechselkurs von 1.13 Franken f\u00fcr einen Euro. Selbstverst\u00e4ndlich all dies bei unver\u00e4ndertem Lohn! Mit einem Monatslohn von 4\u2018000 Franken f\u00fcr 160 Stunden im Monat kommt man bei unver\u00e4ndertem Monatslohn bei 170 Stunden von 25 Franken in der Stunde auf 23.5 Franken Stundenlohn und auf 22.2 Franken bei 180 Stunden. Das entspricht einer Verringerung um 6 % beziehungsweise um 11 % des Stundenlohnes! Eine \u00abelegante\u00bb Art zur Senkung der L\u00f6hne\u2026.<\/p>\n<p>Der Tessiner Arbeitgeberverband AITI hat gar die Aufhebung der Normalarbeitsvertr\u00e4ge mit staatlich verordneten Minimall\u00f6hnen verlangt, nachdem die tripartite kantonale Kommission erwiesenes Lohndumping festgestellt hatte. Gerade als ob der Rechtsstaat nur den Unternehmerinteressen Garantien gew\u00e4hren w\u00fcrde\u2026.<\/p>\n<p>Ein letzter Faktor muss hervorgehoben werden: diese unternehmerischen Rezepte werden f\u00fcr eine Minimaldauer von 15 Monaten eingef\u00fchrt. Jedoch mit der M\u00f6glichkeit einer Verl\u00e4ngerung f\u00fcr weitere 15 Monate nach 15 Monaten, wie dies im Krisenartikel im GAV der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie vorgesehen ist. Damit werden diese \u00c4nderungen in vielen F\u00e4llen wohl auf immer bestehen bleiben, da immer wieder erneuert! Das Ziel besteht darin, mit strukturellen Massnahmen das Lohnniveau zu senken, also das was man als Lohndumping bezeichnet\u2026.<\/p>\n<p><b>\u2026 und die ersten Anzeichen einer Gegenbewegung<\/b><\/p>\n<p>Die Tessiner Unternehmer k\u00f6nnen auf einen wichtigen Verb\u00fcndeten z\u00e4hlen: die endemische Wirtschaftskrise in Italien. Der Tessin ist mit seinen 350\u2018000 Einwohnern eingeklemmt zwischen die Lombardei mit 10 Millionen und dem Piemont mit 5 Millionen Einwohnern. Ende 2014 waren von den 235\u2018000 Personen auf dem Tessiner Arbeitsmarkt 27.5 % oder 62\u2018500 Grenzg\u00e4nger. In der Vergangenheit arbeiteten Grenzg\u00e4nger im Tessin, um mehr zu verdienen. Heute tun sie dies, um \u00fcberhaupt eine Arbeit zu finden. Ein Maurer verdient im Monat in Italien 2\u2018100 Franken gegen\u00fcber 4\u2018430 im Tessin. Eine unqualifizierte Arbeiterin verdient in Italien 1\u2018000 Franken im Monat gegen\u00fcber 2\u2018000 bis 2\u2018500 im Tessin. Einerseits beg\u00fcnstigen diese materiellen Umst\u00e4nde die Einwilligung der Grenzg\u00e4nger in Lohnk\u00fcrzungen der Gr\u00f6ssenordnung von 20 %. Andererseits gibt dies einen Eindruck \u00fcber die Mittel in der Hand der Tessiner Unternehmer zur Steigerung der Ausbeutung und der Erh\u00f6hung der Profite. So ist die Offensive der Unternehmer anf\u00e4nglich kaum auf ein Hindernis gestossen. F\u00fcr die Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen war es eine harte und schwierige Arbeit, in die Betriebe zu gehen und die Arbeiterinnen und Arbeiter zu \u00fcberzeugen, Gegenwehr zu ergreifen. Denn nur zu oft kam das Gegenargument: \u00abAber ich verdiene ja in jedem Fall mehr als in Italien\u00bb.<\/p>\n<p>Aber diese Gewerkschaftsarbeit wurde trotzdem gemacht und sie hat begonnen, sich auszuzahlen. Der erste Fall war die Ferriere Cattaneo in Giubiasco (ganz in der N\u00e4he von Bellinzona), eine traditionelle Fabrik zur Produktion von Eisenbahnwagen. Die Belegschaft besteht aus 35 % Einheimischen und 65 % Grenzg\u00e4ngern. Der Unternehmer versuchte, die ersteren gegen die letzteren auszuspielen, in dem er eine Lohnsenkung von 3 % respektive 7 % vorschlug. Als Alternative drohte er mit einer Auslagerung der Produktion und mit der Entlassung von 20 Arbeiterinnen und Arbeitern. Aber ohne Erfolg: Vereint haben sie dem Diktat des Unternehmers eine Abfuhr erteilt.<\/p>\n<p>Der zweite Fall ereignete sich etwas weiter n\u00f6rdlich in der Fabrik SMB SA in Biasca. Die SMB SA ist in der Pr\u00e4zisionsmetallurgie t\u00e4tig. Die Unternehmensleitung hat die 80 Arbeiter und Arbeiterinnen folgendermassen erpresst: 10 % Lohnk\u00fcrzung oder 4 Stunden unbezahlter Mehrarbeit pro Woche, all dies mit der Androhung von Entlassungen. Alle Angestellten haben dieses Diktat des Unternehmers en bloc abgeschmettert. Im Gefolge dieser gemeinsamen Reaktion hat die Direktion den Pr\u00e4sidenten der Personalkommission der Fabrik und zwei der k\u00e4mpferischsten Arbeiter entlassen. Die Reaktion der Arbeiterinnen und Arbeiter und der Gewerkschaft Unia war eindeutig und schnell. Am 2. M\u00e4rz haben die Angestellten, unterst\u00fctzt von der Gewerkschaft Unia, um f\u00fcnf Uhr morgens die Produktion stillgelegt, die Fabrik verlassen und sie haben sich geweigert, die Arbeit wieder aufzunehmen, solange ihre entlassenen Kollegen nicht wieder eingestellt w\u00fcrden. Nach langen Stunden der Vrhandlung hat die Direktion um Mitternacht die K\u00fcndigungen r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht.<\/p>\n<p><b>Ein Frontal-Angriff<\/b><\/p>\n<p>Die Fabrik Exten SA ist auf die Herstellung von verschiedenen Typen von PVC Folien f\u00fcr die Nahrungsmittelindustrie, die Medizin, den Baubereich usw. spezialisiert. Sie ist ein typischer Betrieb f\u00fcr die Gegend um Mendrisio, mit einem Anteil von 98 % Grenzg\u00e4ngerinnen und Grenzg\u00e4ngern unter der Belegschaft und einem umgekehrt proportionalen Anteil von Gewerkschaftsmitgliedern.<\/p>\n<p>Unter dem Vorwand des starken Frankens und fr\u00fcherer negativer Betriebsergebnissen haben die Eigent\u00fcmer von Exten SA beschlossen, die L\u00f6hne zu senken: um 26 % f\u00fcr Grenzg\u00e4nger und um 16 % f\u00fcr Einheimische. Das Basis Bruttosal\u00e4r der Produktionsarbeiterinnen und \u2013arbeiter (48 der 97 Besch\u00e4ftigten) liegt bei 3\u2018200 Franken brutto. Die Produktion ist als 7 mal 24 in je 4 Schichten organisiert. Also ein sehr hartes System, da dadurch das Privatleben und der Biorythmus der Arbeiterinnen und Arbeiter stark in Mitleidenschaft gezogen werden.<\/p>\n<p>Die Direktion informierte die Arbeitsschichten mithilfe einer kurzen Pr\u00e4sentation \u00fcber die Situation und die Ziele, die sie erreichen will. In Wirklichkeit hatten die Arbeiterinnen und Arbeiter keine M\u00f6glichkeit, \u00fcber die ihnen aufgezwungenen Vorschl\u00e4ge nachzudenken, insbesondere konnten sie die wirtschaftliche und finanzielle Lage der Firma nicht analysieren. Und trotzdem sind die Massnahmen brutal: F\u00fcr eine Grenzg\u00e4ngerin, einen Grenzg\u00e4nger wird der Grundlohn von 3\u2018200 (13 mal) auf 2\u2018368 Franken gesenkt, das heisst ein monatlicher Verlust von 832 Franken, d.h. 10\u2018816 Franken oder 3.4 Monatsl\u00f6hne weniger im Jahr. F\u00fcr die Einheimischen wird der Monatslohn auf 2\u2018688 Franken brutto gesenkt; damit w\u00fcrden sie einen Verlust von 512 Franken im Monat oder 6\u2018656 Franken oder 2.1 Monatsl\u00f6hne im Jahr erleiden!<\/p>\n<p>Zwischen dem 11. und dem 12. Februar wurden alle Lohnabh\u00e4ngige einzeln vor drei Mitglieder der Direktion geladen. Die Erpressung war einfach: entweder unterschreibst du oder du bist draussen! Ein \u00dcberlegen kam nicht in Frage, keine Diskussion mit der Familie, die Gewerkschaft zuzuziehen war ebenfalls unm\u00f6glich, usw. Einige Personen mussten diese \u00abUnterhaltung\u00bb um 2 Uhr morgens, nach ihrer Schicht,\u00a0 \u00fcber sich ergehen lassen. Arbeiterinnen und Arbeiter, die teilweise bereits seit 20 Jahren im Unternehmen arbeiten! Neben dem finanziellen Gewicht der\u00a0 Erpressung empfand eine klare Mehrheit der Angestellten der Exten SA die Haltung der Direktion als eine regelrechte Dem\u00fctigung. Aber dies \u00e4nderte nichts daran, dass beinahe alle die Vereinbarung unterschrieben haben, die eine Lohnsenkung vorsieht.<\/p>\n<p><b>Eine frontale und beispielhafte Reaktion\u2026<\/b><\/p>\n<p>Die erlittene Dem\u00fctigung wurde jedoch nicht einfach so hingenommen. Einige Tage vor dem 11. Februar hat sich eine Gruppe von Lohnabh\u00e4ngigen aus der Produktion entschlossen, die Gewerkschaft Unia einzuschalten. Diese war in dieser industriellen Wirklichkeit absolut nicht verankert und musste in sehr kurzer Zeit von Null anfangen und ein Vertrauensverh\u00e4ltnis zu den Lohnabh\u00e4ngigen aufbauen. Nach einer Phase der intensiven Arbeit der Pr\u00e4senz vor den Toren der Fabrik und der Diskussion in Versammlungen sind die Arbeiterinnen und Arbeiter aus der Produktion zum Entschluss gekommen, die Fabrikeing\u00e4nge zu blockieren und die Arbeit solange niederzulegen, als die Eigent\u00fcmer der Exten SA ihre drakonischen und unannehmbaren Massnahmen nicht zur\u00fcckn\u00e4hmen. Die Widerrufung der Lohnsenkungen von 26 % und 16 % waren die Vorbedingung f\u00fcr jede Verhandlung \u00fcber allf\u00e4llige Probleme des Unternehmens und die \u00abOpfer\u00bb, die dabei von den Lohnabh\u00e4ngigen der Firma verlangt werden konnten.<\/p>\n<p>Zu Beginn wurde der Angriff des Unternehmens mit dem starken Franken begr\u00fcndet. Aber im Laufe des Streiks verwandelte sich diese Rechtfertigung in \u00abschwere strukturelle finanzielle Probleme\u00bb!<\/p>\n<p>Der Streik brach am Donnerstag den 19. Februar morgens um f\u00fcnf Uhr mit der vollst\u00e4ndigen Blockierung des Zugangs zur Fabrik aus. W\u00e4hrend acht Tagen verst\u00e4rkte sich die Entschlossenheit der k\u00e4mpfenden Arbeiterinnen und Arbeiter immerzu, trotz der Drohung, den Betrieb zu schliessen, ihn ins Ausland zu verlagern, den Versuchen einiger Angestellter aus dem Verkauf, die Arbeiterinnen und Arbeiter aus der Produktion zu spalten. Am 26. Februar wurde ein Vertrag unterzeichnet und der Streik wurde beendet.<\/p>\n<p>Drei Punkte dieses Vertrags sind besonders wichtig: Die von der Direktion beschlossenen Massnahmen werden aufgehoben; ein unabh\u00e4ngiger Berater, der durch die Konfliktparteien ausgew\u00e4hlt wurde, wurde ernannt, um eine Analyse der finanziellen und wirtschaftlichen Lage des Unternehmens durchzuf\u00fchren. Dies, um Massnahmen zu finden, die geeignet w\u00e4ren, die vorhandenen Probleme zu l\u00f6sen; allf\u00e4llige neue, sich aus Verhandlungen ergebende \u00c4nderungen in den Arbeitsvertr\u00e4gen sollen erst in Kraft treten, wenn es eine Vereinbarung zwischen den Lohnabh\u00e4ngigen, der Direktion und der Gewerkschaft gibt.<\/p>\n<p>Der Kampf wurde sicher nicht endg\u00fcltig gewonnen und der Vertrag muss unter der notwendigen Ber\u00fccksichtigung der Perspektive beurteilt werden. Die schwerwiegenden Lohnreduktionen wurden f\u00fcr den Moment beseitigt, zugunsten neuer Verhandlungen, deren Resultate umgesetzt werden k\u00f6nnen, falls es ein \u00dcbereinkommen zu dritt gibt. Dieser Prozess wird auf der Grundlage einer unabh\u00e4ngigen Analyse der finanziellen und wirtschaftlichen Lage des Unternehmens durchgef\u00fchrt werden. Was eine wenn nicht noch nie dagewesene, so doch sehr seltene aber vor allem grunds\u00e4tzliche Tatsache darstellt: Die Arbeiterinnen und Arbeiter haben ein Einsichtsrecht in die Verwaltung des Betriebs errungen. <span style=\"text-decoration: underline;\">In der Tat ist damit ein Dogma der Schweizer Unternehmer gest\u00fcrzt worden: Das absolute Verbot f\u00fcr die Lohnabh\u00e4ngigen und ihrer Gewerkschaft, Kenntnis \u00fcber die Buchhaltung zu erlangen und die Informationen zu nutzen, die die strategischen Entscheide bez\u00fcglich der Realisierung der Profite eines Unternehmens betreffen<\/span>.<\/p>\n<p><b>Positive Aspekte dieser Erfahrungen\u2026<\/b><\/p>\n<p>Die erste positive Erfahrung bezieht sich auf den Gegenschlag, den die Arbeiterinnen und Arbeiter gef\u00fchrt haben, um ihre Rechte und ihre Arbeitsbedingungen zu verteidigen. Sie entschieden sich f\u00fcr den frontalen Konflikt, f\u00fcr <span style=\"text-decoration: underline;\">die m\u00e4chtigste Waffe der Lohnabh\u00e4ngigen: den Streik<\/span>, die die Unternehmer bei ihren unmittelbaren Interessen schl\u00e4gt, bei der Produktion des Mehrwerts, den sich die Kapitalisten\u00a0 aneignen, um ihren Profit zu realisieren. Sie haben die Gewalt der Unternehmer mit einer kollektiven, direkten und radikalen Aktion beantwortet, ohne sich im Treibsand des Kompromisses zu verfangen, ausserhalb eines Arbeitsfriedens, der unausweichlich jeden Versuch zur Verteidigung der legitimen Rechte abt\u00f6tet. Dutzende von Lohnabh\u00e4ngigen haben so im Kampf eine unmittelbare Erfahrung der Selbstorganisation gemacht, als zwangsl\u00e4ufigen \u00dcbergang hin zu Handelnden in der Verteidigung ihrer Rechte.<\/p>\n<p>Die Mitglieder der Gauche anticapitaliste, die sich am Streik in der Exten SA als Gewerkschaftsfunktion\u00e4re der Unia beteiligt haben, konnten bemerken, wie der Kampf gelegentlich \u00a0&#8211; durch die Selbstorganisation im kollektiven Kampf &#8211; zu einer eindr\u00fccklichen Beschleunigung in der Herausbildung des Klassenbewusstseins f\u00fchren kann. Im Verlaufe von wenigen Wochen haben die Arbeiterinnen und Arbeiter der Exten SA das Vertrauen in ihre kollektive Kraft zum Erbl\u00fchen gebracht. Dieser Weg ist unm\u00f6glich, wenn der Horizont im Rahmen des duldenden Hinnehmens verbleibt, ein Weg, der nur zu oft durch die Gewerkschaftsf\u00fchrungen nahegelegt wird, ein Weg der Opfer-Asymmetrie, der Unterwerfung unter die Unternehmerinteressen, des Verzichts auf Mobilisierungen, einschliesslich des Streiks. Durch den Kampf haben sie ihre W\u00fcrde zur\u00fcckgewonnen. Wenn auch der Widerruf der starken Lohneinbussen immer die zentrale Forderung des Streiks gewesen ist, so war es doch offensichtlich, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter f\u00fcr die Wiederherstellung ihrer W\u00fcrde gek\u00e4mpft haben, die sie bei der individuellen Unterzeichnung des wertlosen Vertrages verloren haben. Diese Arbeiterinnen\u00a0 und Arbeiter werden nie mehr so \u00fcber die Schwelle zu dem Betrieb treten wie vor dem Streik\u2026..<\/p>\n<p>Wenn wir auch nicht vor einem neuen \u00abArbeiterfr\u00fchling\u00bb stehen, noch vor einem auf den Tessin beschr\u00e4nkten Arbeiter-Kampfzyklus, so bleiben die Erfahrungen aus diesen Ereignisse doch von grosser Bedeutung. Einerseits ist ein grosser Teil der Lohnabh\u00e4ngigen, die an dem Kampf beteiligt waren Grenzg\u00e4nger und Grenzg\u00e4ngerinnen \u2013 bei Exten SA alle. <span style=\"text-decoration: underline;\">Der durch die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie gehegte Glaube, dass eine Mobilisierung aufgrund der vorhandenen Lohndifferenzen zwischen Einheimischen und Grenzg\u00e4ngern, zwischen der Schweiz und Italien, unm\u00f6glich sei, wurde L\u00fcgen gestraft.<\/span> Zumindest in einem Sektor wie der Industrie. Damit wurde aufgezeigt, dass es keine \u00abobjektive\u00bb Bremse gibt f\u00fcr den Klassenkampf. Auf der anderen Seite brechen sie eine teuflische unternehmerische Dynamik, die Lohnsenkungen und Gratisarbeit als Variablen zur Anpassung der Profitrate aufgezwungen hat und dadurch das Lohn- und Sozialdumping verst\u00e4rkt. Diese Mobilisierungen stellen kleine aber lebenswichtige Ans\u00e4tze dar in der Herausarbeitung der einzig m\u00f6glichen Antwort: dem Kampf. Dies die ungeheure Herausforderung, der wir uns heute stellen m\u00fcssen. Heute verf\u00fcgen wir \u00fcber drei Bauziegel. Aber wir sind noch weit entfernt vom Bau der Mauer, die diesen systematischen Angriff der Unternehmer stoppen kann.<\/p>\n<p><b>\u2026. die aber das Debakel der Gewerkschaftsbewegung nicht ausl\u00f6schen k\u00f6nnen<\/b><\/p>\n<p>Wie bereits oben erw\u00e4hnt, gehen die Unternehmer koordiniert daran, aus der St\u00e4rkung des Schweizer Frankens Profit zu schlagen. Demgegen\u00fcber zeigt sich die Gewerkschaftsbewegung \u2013 abgesehen von einigen lobenswerten Ausnahmen &#8211; \u00a0in ihrer vollst\u00e4ndigen Hilflosigkeit; dies als Ergebnis einer Klassenzusammenarbeit in der Verwaltung der Interessen der dominanten Sektoren der Schweizer Bourgeoisie.<\/p>\n<p>Als Beweis diene das durch die Zentrale der Unia in aller Eile publizierte Material, das Argumente und vor allem die Elemente einer gewerkschaftlichen Antwort liefern sollte. Unter diesen Forderungen figurieren unter anderen eine Kontrolle der Kapitalfl\u00fcsse, ein garantierter Wechselkurs f\u00fcr den Sektor der Hotellerie und der Restaurants, \u00f6ko-sozialer Umbau (Energiepolitik, Bildungsoffensive, Investitionspolitik, Mitentscheidung des Personals), garantierter Wechselkurs f\u00fcr die Exporte, je nach Situation ein Konjunkturprogramm. Nach der Auffassung der F\u00fchrung der gr\u00f6ssten Schweizer Gewerkschaft h\u00e4tten also die Arbeiterinnen und Arbeiter der Exten SA den Lohnsenkungen der Unternehmensleitung die Forderung einer verst\u00e4rkten Kapitalverkehrskontrolle oder eines \u00f6kosozialen Umbaus gegen\u00fcberstellen m\u00fcssen\u2026.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber hat die F\u00fchrung der Unia den Lohnabh\u00e4ngigen kein einziges Mal die einzig richtige Losung vermittelt: organisiert euch, mobilisiert euch und k\u00e4mpft mit allen euch zur Verf\u00fcgung stehenden Mitteln, vor allem mit Streik! Nein, die F\u00fchrung der Unia schl\u00e4gt der Swissmem, dem Unternehmerverband der Industrie, die die Arbeiterinnen und Arbeiter massakriert, eine \u00ab auf der Sozialpartnerschaft basierende Industriepolitik\u00bb vor. Sobald die Unternehmer die L\u00f6hne k\u00fcrzen, die Gratisarbeit und die Aufhebung der Regeln des GAV ganz nach ihren W\u00fcnschen aufzwingen, lanciert die Gewerkschaft die Sozialpartnerschaft, die nichts weiter ist als ein verfaulender Kadaver. Die Schweizer Unternehmer haben gute Zeiten vor sich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Tessin ist historisch in der Herausbildung der sozialen und \u00f6konomischen Wirklichkeit des helvetischen Kapitalismus ein marginalisierter Kanton. 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