{"id":4251,"date":"2018-11-03T10:10:28","date_gmt":"2018-11-03T08:10:28","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4251"},"modified":"2018-11-11T17:06:34","modified_gmt":"2018-11-11T15:06:34","slug":"100-jahre-novemberrevolution-revolution-und-tragoedie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4251","title":{"rendered":"100 Jahre Novemberrevolution: Revolution und Trag\u00f6die"},"content":{"rendered":"<p><em>Tobi Hansen. <\/em>F\u00fcr das deutsche B\u00fcrgerInnentum bildet die Novemberrevolution von Beginn an eine zwiesp\u00e4ltige Angelegenheit, offenbart sie doch, dass Krieg, Militarismus und Monarchie gegen es beendet werden mussten. Es war eine,<!--more--> wenn auch auf halbem Wege stecken gebliebene Revolution, die zur Weimarer Republik und einer b\u00fcrgerlich-demokratischen Verfassung f\u00fchrte, die weder das B\u00fcrgerInnentum, geschweige denn die Reaktion noch die revolution\u00e4ren ArbeiterInnen gewollt hatten. Sie waren vielmehr Abfallprodukte der Revolution.<\/p>\n<p>Kein Wunder also, dass in erster Linie die Sozialdemokratie, die selbst der Revolution die Spitze nahm, sich mit der Konterrevolution zur \u201eRettung der Republik\u201c verb\u00fcndete, mit deren Ausgang identifizierte und als einzige Verteidigerin der \u201eDemokratie\u201c inszenierte.<\/p>\n<p>Der Aufstand der Matrosen in Kiel, der Soldaten an der Front wie auch die Demonstrationen, Streiks und K\u00e4mpfe der ArbeiterInnen seit 1917 werden nachtr\u00e4glich in das enge Korsett der \u201eEntstehung\u201c der Weimarer Republik gezw\u00e4ngt. Deren proletarisch-revolution\u00e4re, sozialistische Impulse und Zielsetzung werden in der sozialdemokratischen und liberalen Auffassung als letztlich hoffnungsloses Minderheitenprogramm dargestellt.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber wollen wir hier in K\u00fcrze versuchen, zentrale Lehren zusammenzufassen. Eine umfassendere Darstellung findet sich in Nummer 26 unseres theoretischen Journals \u201eRevolution\u00e4rer Marxismus\u201c.<\/p>\n<p><strong>Imperialismus, Krieg und ArbeiterInnenklasse<\/strong><\/p>\n<p>Der Erste Weltkrieg offenbarte den Charakter der imperialistischen Epoche. Aus dem Aufr\u00fcsten, dem Wettlauf um die Kolonien, dem Kampf der Monopole und Nationalstaaten um die Kontrolle der globalen M\u00e4rkte entstand der erste industriell gef\u00fchrte Massenkrieg. Millionen krepierten als Kanonenfutter an der Front, wurden verwundet, w\u00e4hrend die Massen im Land hungerten. Diese Realit\u00e4t des Krieges, des entstehenden Elends nicht allein an der Front, sondern vor allem in der \u201eHeimat\u201c zeigte aber auch, dass diese \u201eKriegsordnung\u201c auf Sand gebaut war. Hatten 1914 Nationalismus und Chauvinismus auch gro\u00dfe Teile des europ\u00e4ischen Proletariats und der Bauern-\/B\u00e4uerinnenschaft erfasst, so ersch\u00fctterten die Erfahrungen des Krieges dieses Bewusstsein.<\/p>\n<p>Die Zweite Internationale hatte schon im August 1914 vor dem entfesselten Nationalismus kapituliert. Die Resolutionen der internationalen Kongresse hatten zwar stets von Ma\u00dfnahmen gegen den drohenden Krieg gesprochen, im Angesicht der Katastrophe war sie jedoch zu keiner Gegenaktion f\u00e4hig. Im Gegenteil: Die f\u00fchrenden Parteien der europ\u00e4ischen und internationalen Sozialdemokratie wurden zu \u201eVaterlandsverteidigerinnen\u201c, zur aktiven aktive St\u00fctze einer \u201eBurgfriedenspolitik\u201c f\u00fcr die Dauer des Krieges. Die Interessen der Massen und der Klassenkampf wurden den Kriegserfordernissen des jeweiligen \u201eeigenen\u201c imperialistischen Regimes untergeordnet. Die KriegsgegnerInnen wie die Bolschewiki oder die Linken um Luxemburg in der deutschen Sozialdemokratie waren Teil einer kleinen Minderheit, die ihrerseits in revolution\u00e4re InternationalistInnen einerseits, pazifistische oder gegen\u00fcber der Mehrheitssozialdemokratie vers\u00f6hnlerische Kr\u00e4fte andererseits zerfiel. Der Imperialismus hatte dadurch schon zu Beginn des Krieges einen gro\u00dfen Sieg gefeiert, n\u00e4mlich die Ausschaltung der Internationale.<\/p>\n<p>Speziell an der \u201eHeimatfront\u201c waren die Verwerfungen des Imperialismus und des Krieges sp\u00fcrbar. Massenhafter Arbeitszwang, die Ausschaltung demokratischer Rechte, der Einzug von politisch missliebigen Personen an die Front geh\u00f6rten zum Alltag der ArbeiterInnenklasse. Die gesamte Produktion wurde den Kriegszwecken untergeordnet. Doch dagegen protestierten und revoltierten die ArbeiterInnen zunehmend, z. B. in Berlin mit einem Massenstreik in der R\u00fcstungsindustrie im Januar 1918. W\u00e4hrend sich die Lebensverh\u00e4ltnisse der ArbeiterInnenklasse wie auch der Bauern\/B\u00e4uerinnen und gro\u00dfer Teile des st\u00e4dtischen Kleinb\u00fcrgerInnentums massiv verschlechterten, konnten Gro\u00dfkapital und Gro\u00dfgrundbesitz noch h\u00f6here Gewinne einfahren.<\/p>\n<p><strong>Verelendung<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die \u00fcbergro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung hie\u00df Krieg ein t\u00e4glicher Kampf um Brot, Kohle und Lohn \u2013 die Gro\u00dfagrarierInnen und KapitalistInnen bereicherten sich daran noch mit \u00fcberteuerten Produkten immer schlechter Qualit\u00e4t. Die Realeinkommen sanken w\u00e4hrend des Krieges um 40 Prozent, der durchschnittliche t\u00e4gliche Kalorienaufnahme fiel von 3400 am Beginn des Kriegs auf 1000 (!) im Jahr 1917. Zugleich wurden Arbeitsschutzbestimmungen aufgehoben, der Arbeitstag stieg auf 14 bis 17 Stunden. Nicht nur Proletariat und Bauern-\/B\u00e4uerinnenschaft fielen ins Elend, auch die Einkommen des Bildungsb\u00fcrgertums (BeamtInnen, Angestellte) sanken betr\u00e4chtlich. Zugleich stiegen die Profite der Gro\u00dfkonzerne. Allein die 16 wichtigsten Stahl- und Montanbetriebe konnten bis 2017 ihren Gewinn um durchschnittlich 800 % steigern. \u201eDie Dividenden steigen, die Proletarier fallen,\u201c bemerkte Rosa Luxemburg zutreffend. Diese Entwicklungen bildeten den sozialen Ausgangspunkt der proletarischen Revolte.<\/p>\n<p>Politisch spiegelte sich die Desillusionierung und Radikalisierung der Massen in einer Spaltung der Sozialdemokratie wider. 1916 entstand die USPD (Unabh\u00e4ngige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) nach dem Ausschluss der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten, die die Zustimmung zu den Kriegskrediten verweigerten. Im M\u00e4rz 2017 z\u00e4hlte sie rund 120.000 Mitglieder (gegen\u00fcber etwa 240.000 der Mehrheitssozialdemokratie, MSPD, um Ebert).<\/p>\n<p>Die \u201eGruppe Internationale\u201c um Liebknecht und Luxemburg formierte sich 1914, agierte allerdings noch bis 1916 in der SPD. Die unter dem Namen \u201eSpartakusbund\u201c bekannte Gruppierung stellte mit anderen \u201eLinksradikalen\u201c den Pol der entschlossenen, revolution\u00e4ren KriegsgegnerInnen. Die Avantgarde der Klasse fand sich jedoch zum gr\u00f6\u00dften Teil in der USPD, darunter auch wichtige Anf\u00fchrer des Kieler Matrosenaufstandes und die \u201eRevolution\u00e4ren Obleute\u201c, die schon die Januarstreiks initiiert hatten.<\/p>\n<p><strong>Der Revolution entgegen<\/strong><\/p>\n<p>Der Ausbruch der Novemberrevolution hatte sich schon lange angek\u00fcndigt \u2013 und zwar nicht nur in Form von massiver Unzufriedenheit und Kriegsm\u00fcdigkeit der arbeitenden Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Im April 1917 forderte eine Streikwelle eine Erh\u00f6hung der Brotrationen. Im Januar 1918 ersch\u00fctterte ein politischer Massenstreik, der von den \u201eRevolution\u00e4ren Obleuten\u201c v. a. in den Berliner R\u00fcstungsbetrieben organisiert worden war, das Land. Dieser wurde unter den Bedingungen der Illegalit\u00e4t gezielt vorbereitet, erhob neben sozialen auch politische Forderungen wie die nach sofortigem Frieden ohne Annexionen oder der Aufhebung des Belagerungszustandes. Auch wenn dieser Kampf in einer Niederlage enden sollte und tausende K\u00e4mpferInnen an die Front versetzt wurden, wo viele als Kanonenfutter krepieren sollten, so wurden die Zeichen der revolution\u00e4ren G\u00e4rung immer deutlicher.<\/p>\n<p>Gleichzeitig war auch klar, dass das Deutsche Reich und seine Alliierten den Krieg nicht gewinnen konnten. Die J\u00e4nnerstreiks in \u00d6sterreich zeigten, dass das verb\u00fcndete Habsburger Reich zu implodieren drohte. Die Russische Revolution drohte trotz des Friedens von Brest Litowsk auf Europa \u00fcberzugreifen.<\/p>\n<p>Doch die Oberste Heeresleitung, das eigentliche Machtzentrum w\u00e4hrend des Krieges, das Kaiser und F\u00fcrsten zur Staffage gemacht hatte und letztlich auch der parlamentarischen Mehrheit aus Fortschrittspartei, Zentrumspartei und Sozialdemokratie den Takt vorgab, wollte um jeden Fall eine Kapitulation vermeiden. Ludendorff, der politisch-strategische Kopf der Heeresleitung und der deutschen Reaktion, musste zwar erkennen, dass eine Niederlage nicht mehr abzuwenden war, die \u201eSchande\u201c eines Waffenstillstands und etwaiger Friedensbedingungen der Alliierten sollte aber eine zivile Regierung entgegennehmen. Diese zweifelhafte Ehre fiel dann einer solchen unter der Sozialdemokratie zu, die sich der \u201eVerantwortung\u201c nicht zu entziehen vermochte. Die Oberste Heeresleitung und Ludendorff waren dabei fein raus und strickten auf dieser Basis an der revanchistischen \u201eDolchsto\u00dflegende\u201c, der zufolge das Heer im Feld unbesiegt geblieben und von den ParlamentarierInnen, \u201eZivilistInnen\u201c und insbesondere den SozialdemokratInnen verraten worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit holte die MSPD dem deutschen Kapitalismus die Kastanien aus dem Feuer. Sie dr\u00e4ngte auf die Abdankung des Kaisers, um ihre Politik den Massen als Erfolg zu verkaufen. Ebert und Scheidemann war nur zu bewusst, dass nicht nur die Monarchie und der Krieg am Ende waren, sondern dass die Ereignisse auch sie hinwegsp\u00fclen konnten.<\/p>\n<p><strong>Ausweitung<\/strong><\/p>\n<p>Der Kieler Matrosenaufstand vom 3.-11. November und die Ausweitung der Revolution innerhalb von nur wenigen Tagen auf das ganze Land zeigten, wie realistisch diese Gefahr war. Die Soldaten waren nicht mehr bereit, auf die ArbeiterInnenmassen zu schie\u00dfen, die Revolution eroberte die St\u00e4dte. Der MSPD-F\u00fchrung um Ebert und Scheidemann war bewusst, dass sie ihre eigene Basis nur dann bei der Stange halten und der Revolution die Spitze abbrechen konnte, wenn sie sich selbst \u201erevolution\u00e4r\u201c gab, also an die Spitze der R\u00e4tebewegung zu stellen versuchte.<\/p>\n<p>Sie musste die Regierungsgewalt im Namen der R\u00e4te aus\u00fcben \u2013 oder sie drohte ihren Einfluss zu verlieren. Die MSPD sah sich gezwungen, um die Mehrheit in den ArbeiterInnen- und Soldatenr\u00e4ten zu k\u00e4mpfen und diese zu organisieren. Geschickt man\u00f6vrierte sie die USPD in eine Koalition, um somit alle ihre Ma\u00dfnahmen von dieser links absichern zu lassen. In den R\u00e4ten st\u00fctzte sie sich letztlich auf eine Mehrheit, die sie vor allem \u00fcber die politisch r\u00fcckst\u00e4ndigeren Soldaten sicherte.<\/p>\n<p>So wie in Berlin, der Hauptstadt, verlief es auch in den meisten St\u00e4dten. Die R\u00e4te \u00fcbernahmen die formale Macht, praktisch als Ausschuss von MSPD und USPD. Oft wurden die ArbeiterInnenr\u00e4te von den Parteivorst\u00e4nden nominiert und dann per Akklamation gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Die MSPD errang somit erste politische Siege Mitte November 1918. Sie konsolidierte ihre Machtstellung bei den Wahlen zum Reichsr\u00e4tekongress im Dezember. Von den 489 Delegierten \u2013 405 ArbeiterInnendelegierte und 84 Soldatenr\u00e4te \u2013 waren 288 Mitglieder der MSPD, 90 der USPD, darunter 10 des Spartakusbundes. Weder Liebknecht noch Luxemburg waren gew\u00e4hlt worden und beiden wurde das Rederecht verweigert.<\/p>\n<p><strong>Ohne Partei und Programm kein Sieg<\/strong><\/p>\n<p>Der wichtigste Unterschied zur Russischen Oktoberrevolution bestand im Fehlen einer revolution\u00e4ren Massenpartei mit entsprechendem Programm. Hatten die Bolschewiki 1917 mit den Leninschen Aprilthesen eine programmatische Neuausrichtung erfahren, sich auf den Kampf um die R\u00e4te konzentriert, so war die Lage bei den R\u00e4ten der Novemberrevolution eine v\u00f6llig andere. Speziell die Matrosen aus Wilhelmshaven und Kiel bildeten direkt Soldatenr\u00e4te, nachdem sie den Befehl verweigerten, auf Gehei\u00df der Admiralit\u00e4t eine aussichtslose Schlacht gegen die britische Marine zu f\u00fchren, und orientierten sich an den russischen Soldatenr\u00e4ten und deren Erl\u00e4ssen gegen die Offiziere. Auch der \u201eZentrale Vollzugsrat\u201c in Berlin unter F\u00fchrung der Revolution\u00e4ren Obleute und USPD, die fl\u00e4chendeckend gew\u00e4hlten ArbeiterInnen- und Soldatenr\u00e4te und sp\u00e4ter die R\u00e4terepubliken wie in Bremen und M\u00fcnchen orientierten sich organisatorisch am Beispiel der russischen R\u00e4te des Jahres 1917. Nur fehlte ihnen entscheidend das Programm zur Niederringung der Konterrevolution, eine Taktik gegen die MSPD wie auch eine Klarheit \u00fcber die Rolle der R\u00e4te selbst und die Ziele der Revolution.<\/p>\n<p><strong>Rolle der USPD<\/strong><\/p>\n<p>Die USPD war eine zentristische Organisation, die zwischen Reform und Revolution, zwischen radikalem Kampf und Anpassung an die Mehrheitssozialdemokratie und, \u00fcber diese vermittelt, an die Konterrevolution schwankte. W\u00e4hrend die F\u00fchrung der MSPD die sozialistische Revolution mit allen Mitteln verhindern wollte und in Zusammenarbeit mit dem B\u00fcrgertum und der Armee auch abw\u00fcrgte, wollte die USPD-Spitze die Revolution, aber gewisserma\u00dfen nur halb.<\/p>\n<p>Ideologisch zeigt sich das darin, dass ihre F\u00fchrerInnen wie Kautsky R\u00e4te und Nationalversammlung miteinander kombinieren wollten. Die Doppelmachtsituation zwischen den (potentiellen) Machtorganen einer neuen Ordnung, den ArbeiterInnen- und Soldatenr\u00e4ten, und der verfassungggebenden Versammlung, die als Sammelpunkt und Symbol f\u00fcr die Konterrevolution diente, sollte verewigt werden, statt sie zu entscheiden.<\/p>\n<p>Die Politik der USPD war umso tragischer, als die Revolution\u00e4ren Obleute zwar subjektiv mehr und mehr zur Revolution dr\u00e4ngten, aber in den ersten Revolutionsmonaten nicht den entscheidenden Bruch mit ihr vollzogen. Der Spartakusbund vereinigte sich mit den \u201eInternationalen KommunistInnen Deutschlands\u201c (den \u201eBremer Linksradikalen\u201c) und anderen KriegsgegnerInnen zur \u201eKommunistischen Partei Deutschlands\u201c (KPD). Letztlich kam diese Gr\u00fcndung (30. Dezember 1918-1. Januar 1919) zu sp\u00e4t. Die Partei selbst war noch politisch unreif, die Obleute konnten f\u00fcr die Gr\u00fcndung nicht gewonnen werden, der linke Fl\u00fcgel der USPD trat erst 1920 der KPD bei.<\/p>\n<p>Die zentristische Politik der USPD und die Schw\u00e4che der KPD erleichterten der MSPD unter Ebert und Scheidemann, die Kontrolle \u00fcber die ArbeiterInnen- und Soldatenr\u00e4te zu erlangen und ihr Programm zur Niederhaltung der proletarischen Revolution im B\u00fcndnis mit Reichswehr und Gro\u00dfkapital umzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Konterrevolution\u00e4re MSPD<\/strong><\/p>\n<p>Die MSPD verf\u00fcgte nicht nur \u00fcber eine Mehrheit in den R\u00e4ten. Im Unterschied zur USPD hatte sie auch ein klares, konter-revolution\u00e4res Programm. Ebert, Scheidemann, Wels, Noske und andere sozialdemokratische Parteif\u00fchrer spielten dabei auf mehreren Ebenen.<\/p>\n<p>Einerseits verschleppten sie alle fortschrittlichen Entscheidungen, jede bedeutende Ma\u00dfnahme gegen die Reaktion. Ein zentrales Mittel dabei war der st\u00e4ndige Appell an die \u201eEinheit\u201c der ArbeiterInnenklasse und die Legendenbildung, dass der \u201eundemokratische Radikalismus\u201c der Spartakus-Leute und der USPD-Linken (revolution\u00e4re Obleute etc.) die Errungenschaften der Republik und den Frieden gef\u00e4hrden w\u00fcrden. Alle wichtigen Entscheidungen sollten auf die Konstituierende Versammlung vertagt werden. Schlie\u00dflich sollte die \u201eMinderheitenherrschaft\u201c der R\u00e4te der viel repr\u00e4sentativeren Nationalversammlung, dem gesamtem Volk, nicht vorgreifen. Die USPD war politisch-ideologisch selbst nicht in der Lage, dem etwas entgegenzusetzen, da sie den konterrevolution\u00e4ren Charakter der Nationalversammlung erst gar nicht begriff oder wahrhaben wollte.<\/p>\n<p>Andererseits konspirierte die Sozialdemokratie mit den nach Berlin und in andere st\u00e4dtische Zentren zur\u00fcckgeholten Truppen, der b\u00fcrgerlichen und reaktion\u00e4ren Presse. Unter F\u00fchrung der MSPD wurden dem alten, nach wie vor existierenden Beamten-, Polizei- und Milit\u00e4rapparat immer weiter gehende Zugest\u00e4ndnisse gemacht, so dass sich die konterrevolution\u00e4ren Kr\u00e4fte, darunter auch die erz-reaktion\u00e4ren Freikorps, konsolidieren konnten. Diese Politik beinhaltete \u201eselbstverst\u00e4ndlich\u201c wiederholte Provokationen gegen die Linken, die ArbeiterInnenr\u00e4te und gegen die Matrosen, die zum Schutz der Revolution in Berlin eilten. Zugleich vers\u00e4umten es die Linken \u2013 einschlie\u00dflich der Obleute \u2013 die ArbeiterInnen politisch und organisatorisch auf die Konfrontation vorzubereiten. So waren z. B. viele ArbeiterInnen bewaffnet, eine Miliz wurde jedoch nicht aufgebaut. Die USPD protestierte zwar gegen etliche Ma\u00dfnahmen und Man\u00f6ver der MSPD, zum Bruch mit der \u201eEinheit\u201c in den R\u00e4ten war sie aber nicht bereit. Somit legitimierte sie einerseits die Politik von Ebert und Noske, andererseits desorientierte sie auf diese Weise die eigenen Anh\u00e4ngerInnen und diskreditierte sich selbst.<\/p>\n<p>Bald schon suchten die MSPD und die mit ihnen verb\u00fcndeten Milit\u00e4rs bewusst die Konfrontation mit der Berliner Avantgarde der ArbeiterInnenklasse. Die Absetzung des USPD-Polizeipr\u00e4sidenten Eichhorn zum Jahreswechsel 1918\/19 sollte eine Machtprobe erzwingen. Der sog. \u201eSpartakusaufstand\u201c war in Wirklichkeit eine Auseinandersetzung, in die die Berliner Linken ohne ausreichenden R\u00fcckhalt im Land gedr\u00e4ngt werden sollten \u2013 und in den sie auch gezwungen wurden. W\u00e4hrend sich die USPD-Linke verbal-radikal gab, lie\u00df sich auch ein Teil der KPD, v. a. Liebknecht, in eine verfr\u00fchte Machtprobe man\u00f6vrieren.<\/p>\n<p><strong>Von der Novemberrevolution zur Niederlage<\/strong><\/p>\n<p>Anders als die Julitage 1917, wo auch die Petersburger ArbeiterInnenklasse und die Bolschewiki in eine solche verfr\u00fchte Machtprobe gezogen wurden, hatte die Niederlage des \u201eSpartakusaufstandes\u201c sehr viel tiefgehendere konterrevolution\u00e4re Auswirkungen. Sie markierte den Anfang vom Ende der Revolution.<\/p>\n<p>Dazu trug zweifellos auch bei, dass die deutsche Gegenrevolution aus den russischen Erfahrungen gelernt hatte. Die Reaktion verf\u00fcgte \u00fcber verl\u00e4ssliche, vom Geist der Abrechnung mit der ArbeiterInnenklasse und den \u201eRoten\u201c durchdrungene Truppen, die sich auf die reaktion\u00e4re Gesinnung des B\u00fcrgerInnentums und der Kleinb\u00fcrgerInnen st\u00fctzen konnten. Au\u00dferdem entpuppten sich die MSPD und ihr Apparat als entschlossenere konterrevolution\u00e4re Kr\u00e4fte als die Menschewiki und Sozialrevolution\u00e4rInnen.<\/p>\n<p>Die Ermordung Liebknechts und Luxemburgs unter dem Freikorps-F\u00fchrer Pabst erfolgte auf politische Verantwortung des \u201eBluthundes\u201c Noske. F\u00fcr die Morde, mit denen der revolution\u00e4ren ArbeiterInnenschaft der Kopf abgeschlagen werden sollte, tr\u00e4gt die Sozialdemokratie die politische Verantwortung.<\/p>\n<p>Mit der Niederschlagung der kurzlebigen Bremer R\u00e4terrepublik, der Wahl zur Nationalversammlung und der Ernennung Eberts zum Reichskanzler konsolidierte sich die Konterrevolution vorerst.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit lieferten diese Niederlagen jedoch nur das Vorspiel zu weiteren entscheidenden Machtproben zwischen ArbeiterInnenklasse und deutschem Imperialismus. Der Aufstieg des Nationalsozialismus und die Errichtung der faschistischen Diktatur bildeten den eigentlichen konterrevolution\u00e4ren Abschluss der Novemberrevolution.<\/p>\n<p>Ist die ArbeiterInnenklasse nicht in der Lage, eine Revolution zu Ende zu f\u00fchren, so wird sie die Reaktion blutig beenden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2018\/11\/03\/100-jahre-novemberrevolution-revolution-und-tragoedie\/\"><em>Neue Internationale 230&#8230;<\/em><\/a><em> vom 3. November 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tobi Hansen. F\u00fcr das deutsche B\u00fcrgerInnentum bildet die Novemberrevolution von Beginn an eine zwiesp\u00e4ltige Angelegenheit, offenbart sie doch, dass Krieg, Militarismus und Monarchie gegen es beendet werden mussten. 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