{"id":4261,"date":"2018-11-06T10:08:30","date_gmt":"2018-11-06T08:08:30","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4261"},"modified":"2018-11-06T10:08:30","modified_gmt":"2018-11-06T08:08:30","slug":"tellerwaescher-qua-geburt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4261","title":{"rendered":"Tellerw\u00e4scher qua Geburt"},"content":{"rendered":"<p><em>Susan Bonath. <\/em><strong>WSI-Studie: Arme bleiben arm, Reiche unter sich. In Deutschland verfestigen sich die Klassengegens\u00e4tze. Wer arm ist, bleibt arm. Auch \u00bbPauken\u00ab verspricht kein Entkommen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Vom Tellerw\u00e4scher zum Million\u00e4r? Weit gefehlt \u2013 in der Exportweltmeisternation Deutschland werden die Unterschiede zwischen den sozialen Schichten immer gr\u00f6\u00dfer. Fast jeder sechste Haushalt gilt inzwischen als dauerhaft arm. Und wer zu den Reicheren geh\u00f6rt, muss kaum Angst haben, abzurutschen. Zu diesem wenig \u00fcberraschenden Ergebnis kommt der am Montag ver\u00f6ffentlichte neue Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-B\u00f6ckler-Stiftung. Besonders ausgepr\u00e4gt sei diese Entwicklung in Ostdeutschland, konstatieren die Autoren. Arme w\u00fcrden dauerhaft von sozialer Teilhabe ausgeschlossen und h\u00e4tten immer weniger Chancen, den Zustand zu \u00fcberwinden. Und: \u00bbVerfestigter Reichtum wiederum droht zu einem geschlossenen Zirkel zu werden, der sich immer weiter von der Mitte der Gesellschaft entfernt.\u00ab<\/p>\n<p>Die Grundlage dieser Untersuchung sind die neuesten Daten des sogenannten sozio\u00f6konomischen Panels (SOEP), zuletzt erfasst im Jahr 2015. Seit den 1980er Jahren befragt das Deutsche Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung (DIW) daf\u00fcr regelm\u00e4\u00dfig 30.000 Personen in 11.000 Haushalten. Als dauerhaft arm gelten f\u00fcr die WSI-Forscher Haushalte, deren Mitglieder mindestens f\u00fcnf Jahre lang mit weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens auskommen m\u00fcssen. F\u00fcr Alleinstehende bedeutete das vor drei Jahren, \u00fcber weniger als etwa 1.000 Euro pro Monat zu verf\u00fcgen. Fielen im Jahr 1991 noch elf Prozent in diese Kategorie, waren es im Jahr 2015 bereits knapp 17 Prozent, hochgerechnet also etwa 14 Millionen Menschen.<\/p>\n<p>Interessant: Zu Beginn der 2000er Jahre f\u00fchrten die Forscher die Sonderkategorie \u00bbstrenge Armut\u00ab ein. Sie beschreibt die Situation von Menschen, die dauerhaft von weniger als der H\u00e4lfte des Budgets leben m\u00fcssen, \u00fcber das der Durchschnittsbewohner der Bundesrepublik verf\u00fcgt. Der Anteil der davon Betroffenen stieg bundesweit bis 2015 von 2,2 auf 2,4 Prozent an. In Ostdeutschland betraf die sogenannte \u00bbstrenge Armut\u00ab zuletzt mit 6,4 Prozent einen weitaus gr\u00f6\u00dferen Anteil der Einwohner. Seit 2001 nahm sie dort um mehr als zwei Prozentpunkte zu.<\/p>\n<p>Als reich definieren die Autoren Menschen mit mehr als dem doppelten Durchschnittseinkommen. Bei einem Einpersonenhaushalt waren das zuletzt gut 3.400 Euro netto monatlich. Es ging somit nicht speziell um die kleine Gruppe der Superreichen. Umso aufschlussreicher ist, dass nur 7,5 Prozent, also gut sechs Millionen Haushalte in Deutschland \u00fcber ein Einkommen oberhalb dieser Summe verf\u00fcgten. Ihr Anteil stieg seit 1991 um zwei Prozentpunkte. Zu den \u00bbsehr Reichen\u00ab geh\u00f6rten davon lediglich 0,6 Prozent. Besonders verfestigt hatte sich der Reichtum zuletzt bei insgesamt 3,4 Prozent, in Ostdeutschland bei 2,1 Prozent der Menschen.<\/p>\n<p>Insgesamt verdeutlichen die Auswertungen damit ein enormes Wohlstandsgef\u00e4lle zwischen Ost- und Westdeutschland, stellen die Autoren fest. Auch fast 30 Jahre nach dem Anschluss der DDR an die BRD habe sich daran nichts ver\u00e4ndert. So befanden sich fast 40 Prozent der befragten Haushalte, die dauerhaft als arm gelten, im Osten, obwohl ihre Gruppe nur knapp ein F\u00fcnftel der gesamten Referenzgruppe ausmachte. Dagegen gab es dort weniger Wohlhabende; nur jeder 20. fiel in diese Kategorie. Ebenso zeigt die Studie: Dauerhaft arm sind vor allem Rentner, Erwerbslose, Alleinerziehende und Migranten. Armut trifft h\u00e4ufiger Frauen als M\u00e4nner, Singles \u00f6fter als Paare. Die Forscher stellen auch \u00bbdeutliche Bildungsdefizite\u00ab bei den Armen fest. Dennoch zeigt die Studie, dass Pauken keineswegs ein Garant gegen Dauerarmut ist. Immerhin jeder achte Betroffene hat Abitur, jeder zw\u00f6lfte hat studiert. Auch das liege an starren Klassenmilieus. Je verfestigter sie seien, \u00bbdesto starrer ist die soziale Ungleichheit, was diese Entwicklung wiederum verst\u00e4rkt\u00ab, hei\u00dft es. Dieser Trend in Deutschland sei bedenklich.<\/p>\n<p>Doch Klassenkampf geh\u00f6rt nicht in den Forderungskatalog der WSI-Forscher. Sie belassen es bei Bitten an die Politik: Sie m\u00fcsse insbesondere die Armut mit bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Reformen bek\u00e4mpfen. Notwendig seien auch, so meinen sie, \u00bbMa\u00dfnahmen, welche die soziale Durchmischung der Bev\u00f6lkerungsgruppen f\u00f6rdern\u00ab. Nur so sei \u00bbverfestigte Armut aufzubrechen und zu verhindern, dass die Reichen den Bezug zur gesellschaftlichen Realit\u00e4t verlieren\u00ab. Die besonders Wohlhabenden d\u00fcrfte das wenig tangieren: In ihre Villenviertel wird sich auch k\u00fcnftig so schnell kein Armer verirren.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/343006.verm%C3%B6gensverteilung-und-teilhabe-tellerw%C3%A4scher-qua-geburt.html\"><em>jungewelt.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. November 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Susan Bonath. WSI-Studie: Arme bleiben arm, Reiche unter sich. In Deutschland verfestigen sich die Klassengegens\u00e4tze. Wer arm ist, bleibt arm. 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