{"id":4266,"date":"2018-11-07T10:52:52","date_gmt":"2018-11-07T08:52:52","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4266"},"modified":"2018-11-07T10:52:52","modified_gmt":"2018-11-07T08:52:52","slug":"frauenstreik-was-ist-dein-streik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4266","title":{"rendered":"Frauenstreik: Was ist dein Streik?"},"content":{"rendered":"<p><em>Johanna Lauber und Eleonora Rold\u00e1n Mend\u00edvil. <\/em>Frauen haben in den unterschiedlichsten Sektoren der Wirtschaft immer wieder f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen sowie f\u00fcr politische Rechte ihre Arbeit niedergelegt. Ob durch die Verweigerung<!--more--> der Abgabe der Pacht, die Verweigerung von Schwangerschaft und dem Geb\u00e4ren von Kindern oder durch die Verweigerung k\u00f6rperlicher Arbeit auf den Plantagen des amerikanischen Kontinents &#8211; oft entzogen Frauen organisiert und kollektiv sowohl ihre reproduktive als auch produktive Arbeitskraft und fungierten so als zentrale Agitatorinnen f\u00fcr anti-koloniale Aufst\u00e4nde und proletarische Revolten. Nicht zuletzt waren es 1917 die Arbeiterinnen im zaristischen Russland, welche f\u00fcr Brot und f\u00fcr die Beendigung des Krieges zu Tausenden auf die Stra\u00dfe gingen und einen politischen Frauenstreik so zuspitzten, dass dieser in die Russische Revolution m\u00fcndete.<\/p>\n<p><strong>Frauenmobilisierung von Island bis \u00d6sterreich<\/strong><\/p>\n<p>1975 nutzen die Frauen in Island einen Streiktag als Mittel, um durch den eint\u00e4gigen Entzug ihrer Arbeit in allen Sph\u00e4ren der Gesellschaft gleichen Lohn f\u00fcr gleiche Arbeit zu fordern. Seit 2016 haben Frauen in unterschiedlichen L\u00e4ndern immer wieder zu Frauenstreiks am 8. M\u00e4rz aufgerufen. Frauen in Lateinamerika gelang eine besonders starke Mobilisierung, in der sich die K\u00e4mpfe um reproduktive Rechte und sexuelle Selbstbestimmung mit den K\u00e4mpfen gegen Feminizide verbanden. Im spanischen Staat haben am 8. M\u00e4rz 2018 \u00fcber f\u00fcnf Millionen Menschen am Frauenstreik teilgenommen; Streikr\u00e4te organisierten sich und Frauen und M\u00e4nner konnten an \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen sowie in ihren Betrieben \u00fcber Fragen patriarchaler Gewalt und kapitalistischer Ausbeutung ins Gespr\u00e4ch kommen.<\/p>\n<p>In \u00d6sterreich wurde bereits 2017 zu einem Frauenstreik aufgerufen; 2018 wurde nun erfolgreich ein \u00bbFrauenvolksbegehren 2.0\u00ab durchgef\u00fchrt, dessen neun Forderungen von gleichem Lohn f\u00fcr gleiche Arbeit \u00fcber Arbeitszeitverk\u00fcrzung f\u00fcr alle bis zum Verbot von Werbung mit sexistischen Stereotypen reichen. Auch in Deutschland hat in der j\u00fcngeren Geschichte ein bundesweiter Frauenstreik stattgefunden. Koordiniert \u00fcber lokale Streikkomitees, legten Frauen 1994 f\u00fcr einen Tag die Arbeit nieder und forderten ein Ende sexistischer Zuschreibungen, sexualisierter \u00dcbergriffe sowie generell der strukturellen Ungleichbehandlung von Frauen &#8211; ob auf dem Arbeitsmarkt, am Arbeitsplatz oder in politischen Gruppen.<\/p>\n<p><strong>Auf der Suche nach neuen Streikformen<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem die Demonstrationen zum 8. M\u00e4rz 2018 in Deutschland gr\u00f6\u00dfer waren als die Jahre zuvor und die Frauenstreikbewegungen in Spanien, Argentinien, Polen und den USA von den Medien nicht mehr g\u00e4nzlich ignoriert werden konnten, lag die M\u00f6glichkeit eines Frauenstreiks 2019 in der Luft. Mittlerweile haben sich in Berlin, Nordrhein-Westfalen, Freiburg, Hamburg, M\u00fcnchen und Leipzig lokale Gruppen gegr\u00fcndet, die auf einen Frauenstreik hinarbeiten. In Berlin beispielsweise arbeitet ein Netzwerk aus dutzenden Frauen in unterschiedlichen Arbeitsgruppen unter anderem auch an einer Handreichung f\u00fcr m\u00f6gliche nicht betriebliche Protest- und Streikmethoden. Gewerkschaftlich organisierte Frauen suchen den Zusammenschluss mit anderen Kolleg_innen, um die Diskussion auch in kleinere und gr\u00f6\u00dfere Gewerkschaften zu tragen. Wieder andere bem\u00fchen sich um bundesweite und internationale Vernetzungsarbeit. Am 10. und 11. November wird ein bundesweites offenes Vernetzungstreffen in G\u00f6ttingen stattfinden. Die basisdemokratische Herausforderung besteht darin, in den lokalen Gruppen eine offene, f\u00fcr Au\u00dfenstehende transparente Struktur zu schaffen, in der jede Interessierte sich ohne gro\u00dfe H\u00fcrden nach ihren F\u00e4higkeiten und Bed\u00fcrfnissen einbringen kann.<\/p>\n<p>Zwar sind politische Streiks in Deutschland erschwert, jedoch nicht verboten. Selbst die Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung schreibt dazu: \u00bbErst seit den Streiks der Zeitungsbetriebe 1952, bei denen Besch\u00e4ftigte f\u00fcr mehr Rechte im Betriebsverfassungsgesetz k\u00e4mpften, gilt in Deutschland der politische Streik als verboten. Wie weitgehend dieses Verbot ist, bleibt allerdings umstritten: Im Grundgesetz ist das Streikrecht keineswegs eingeschr\u00e4nkt. Dass der Urteilsspruch von 1952 durch das Freiburger Landesarbeitsgericht als generelles Verbot politischer Streiks interpretiert wird, ist zun\u00e4chst ein Kompromiss der Gewerkschaften mit der politischen Ordnung.\u00ab Politische Streiks waren zum Beispiel 1996 erfolgreich, um die Einf\u00fchrung einer K\u00fcrzung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall durch die damalige schwarz-gelbe Regierung zu verhindern.<\/p>\n<p>Zwischen 2007 und 2013 initiierte der \u00bbWiesbadener Appell\u00ab eine neue Diskussion um das politische Streikrecht in den DGB-Gewerkschaften. In Folge beschlossen unter anderem Mitglieder der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) auf ihrem Gewerkschaftstag 2013 ein Bekenntnis zum politischen Streikrecht und eine aktive Unterst\u00fctzung von gewerkschaftlichen und gesellschaftlichen Initiativen, die darauf zielen, den politischen Streik zu enttabuisieren.<\/p>\n<p>Auch in Deutschland gibt es viele Gr\u00fcnde, als Frau zu streiken. Dazu geh\u00f6rt der sexistische Normalzustand, der Frauen t\u00e4glich in Medien und Werbung zu Objekten macht und somit sexualisierte Gewalt auf der Stra\u00dfe oder in der Partnerschaft legitimiert, aber auch die schlechten Arbeitsbedingungen in Berufen, in denen Frauen \u00fcberproportional vertreten sind. Die Bereiche Einzelhandel, Gastronomie, Sozialwesen und pers\u00f6nliche Dienstleistungen sind beispielsweise fl\u00e4chendeckend nur in geringem Ausma\u00df tariflich reguliert.<\/p>\n<p><strong>Feminisierung der Arbeitsk\u00e4mpfe?<\/strong><\/p>\n<p>Gleichzeitig nehmen Frauen in vielen aktuellen Streikbewegungen eine wichtige und sichtbare Rolle ein: ob bei den Streiks und Tarifverhandlungen in Kindertagesst\u00e4tten, den Betriebsratsgr\u00fcndungen und Arbeitsk\u00e4mpfen bei H&amp;M, der Mobilisierung gegen die Tarifflucht im Einzelhandel oder bei den transnational koordinierten Streiks der Flugbegleiter_innen bei Ryanair. Im hochgradig feminisierten Pflegesektor sind Frauen bei K\u00e4mpfen gegen zu wenig Personal und den Sparkurs der Krankenh\u00e4user engagiert. Au\u00dferhalb konkreter Tarifauseinandersetzungen geht dieser Widerstand in lokalen Pflegeb\u00fcndnissen weiter. Die Art der Forderungen und wie sie transportiert werden unterscheidet sich dabei von \u00fcblichen Arbeitsk\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Auch wenn Frauen im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) insgesamt nur 33 Prozent der Mitglieder stellen, sind sie in der zweitgr\u00f6\u00dften Gewerkschaft ver.di mit 53 Prozent in der Mehrheit. Die GEW ist mit \u00fcber 270.000 Mitgliedern zwar nur die viertgr\u00f6\u00dfte Gewerkschaft in Deutschland, aber 72 Prozent ihrer Mitglieder sind Frauen.<\/p>\n<p>Mit der zweiten Frauenbewegung in den 1970er Jahren wurden Frauenstrukturen auch innerhalb der DGB-Gewerkschaften erk\u00e4mpft. Auf Bundesebene gibt es alle vier Jahre &#8211; das n\u00e4chste Mal 2021 &#8211; eine Frauenkonferenz, auf der unter allen weiblichen Mitgliedern \u00fcber K\u00e4mpfe und Forderungen an die Gewerkschaftsf\u00fchrung gestritten wird. Vergleichbar damit gibt es seit den 1980er Jahren Arbeitsgruppen und Strukturen von migrantischen Arbeiter_innen in den Gewerkschaften. Migrantische Frauen, die auch am wenigsten in Vollzeit mit allen Absicherungen in Deutschland arbeiten, sind nur in geringem Ausma\u00df gewerkschaftlich organisiert.<\/p>\n<p>Eine breite Mobilisierung von Hausfrauen, Arbeiterinnen in Privathaushalten oder sozialleistungsabh\u00e4ngigen Frauen ist trotz einiger Initiativen dagegen nicht zu erkennen. Um auch Hausfrauen, Erwerbslose oder von Altersarmut Betroffene zu mobilisieren, kann eine Zusammenarbeit mit Erwerbsloseninitiativen oder die Basisarbeit in Nachbarschaftsinitiativen ein Ansatzpunkt sein. Auch darin liegt das Potenzial des Frauenstreiks 2019 in Deutschland: traditionell kaum oder schwer organisierbare Arbeiterinnen zu mobilisieren.<\/p>\n<p><strong>Spanischer Streik<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr 2019 haben Feminist_innen aus dem spanischen Staat einen \u00bbfeministischen Generalstreik\u00ab angek\u00fcndigt. Am ersten Oktoberwochenende debattierten 600 Frauen drei Stunden unter Pfiffen und Rufen in Gij\u00f3n \u00fcber die Entscheidung. Das Kollektiv organisiert sich in zehn Arbeitsgruppen, unter anderem gegen machistische Gewalt, f\u00fcr Frauen aus dem l\u00e4ndlichen Raum, mit Migrant_innen und zu LGBTI-Themen. Bestreikt werden soll nicht nur die bezahlte Arbeit, sondern auch Bildung, Konsum und unbezahlte F\u00fcrsorgearbeiten. Auch die baskische Frauenbewegung ruft zum Streik auf. Am 17. November trifft man sich in San Sebasti\u00e1n\/Donostia, um Ziele und Inhalte des Streiks 2019 zu besprechen. Als Ausgangspunkt f\u00fcr die starke Frauenmobilisierung zum 8. M\u00e4rz 2018 in Spanien gilt die sexualisierte Gewalt gegen eine junge Frau durch f\u00fcnf M\u00e4nner bei den j\u00e4hrlich in Pamplona\/Iru\u00f1a stattfindenden \u00bbSanfermines\u00ab, dem Stierlauf, f\u00fcr den die Stadt bekannt ist. Entscheidend f\u00fcr die starke Beteiligung war jedoch auch die Unterst\u00fctzung aus Medien und \u00d6ffentlichkeit: Fast 8.000 Frauen aus Medien und Kommunikation hatten den Aufruf \u00bbWir Journalistinnen streiken\u00ab unterzeichnet.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ak_s\/ak642\/40.htm\"><em>ak &#8211; analyse &amp; kritik &#8211; zeitung f\u00fcr linke Debatte und Praxis \/ Nr. 642&#8230;<\/em><\/a><em> vom 7. November 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johanna Lauber und Eleonora Rold\u00e1n Mend\u00edvil. Frauen haben in den unterschiedlichsten Sektoren der Wirtschaft immer wieder f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen sowie f\u00fcr politische Rechte ihre Arbeit niedergelegt. 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