{"id":4275,"date":"2018-11-08T10:31:13","date_gmt":"2018-11-08T08:31:13","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4275"},"modified":"2018-11-08T10:31:13","modified_gmt":"2018-11-08T08:31:13","slug":"ziemlich-extrem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4275","title":{"rendered":"Ziemlich extrem\u2026"},"content":{"rendered":"<p><em>Henri Ott (BFS Jugend Z\u00fcrich). <\/em><strong>\u2026sei ein Teil der Jugendlichen in der Schweiz. Zu diesem Ergebnis kam eine\u00a0<a href=\"https:\/\/digitalcollection.zhaw.ch\/handle\/11475\/12530\">Studie<\/a>\u00a0der Z\u00fcrcher Hochschule f\u00fcr Angewandte Wissenschaften. Dabei wirft sie Islamisten, Neonazis und<!--more--> linke Aktivist*innen in einen Topf. \u00a0Doch das ist l\u00e4ngst nicht der einzige Kritikpunkt, den man an dieser g\u00e4nzlich missratenen Studie \u00e4ussern muss.<\/strong><\/p>\n<p>Ziemlich extrem ist auch, wie man zu solchen Ergebnissen kommt und sogar voll extrem ist, dass man f\u00fcr so eine schwachsinnige Studie 347\u2018000 CHF zur Verf\u00fcgung gestellt bekommt. Aber der Reihe nach.<\/p>\n<p>Wie es auf der Seite der ZHAW heisst, war das Ziel der Studie mit dem Titel\u00a0<em>politischer Extremismus unter Jugendlichen in der Schweiz<\/em>\u00a0(Publiziert am 6. November 2018), folgendes zu untersuchen:<em>\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/no_cache\/de\/forschung\/forschungsdatenbank\/projektdetail\/projektid\/1379\/\">\u201eDie Verbreitung und die Einflussfaktoren von drei Extremismus-Formen unter Jugendlichen: Rechtsextremismus, Linksextremismus und islamischer Extremismus. [\u2026] Damit k\u00f6nnen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den drei betrachteten Formen herausgearbeitet werden.<\/a><em>\u201c<\/em><\/p>\n<p>Mal wieder werden Nazis, Antifas und der IS in einen Topf geworfen, die gute alte\u00a0<a href=\"https:\/\/www.antifainfoblatt.de\/artikel\/neue-mitte-kalte-krieger-die-politische-funktion-der-extremismustheorie\">Extremismustheorie<\/a>.\u00a0Nazis, der IS und die Antifa sind also nur drei extreme Abweichungen, aber von was \u00fcberhaupt? Damit etwas extrem sein kann, muss auch definiert werden, was denn nicht-extrem w\u00e4re, bzw. was der Status quo sei und das ist nat\u00fcrlich \u2013 ihr ahnt es schon \u2013 der b\u00fcrgerliche Staat mit allem Drum und Dran. Auf Seite sechs der Studie heisst es dann auch\u00a0<em>\u201ePolitischer Extremismus kann daher wie folgt definiert werden: Es handelt sich um Einstellungsmuster und Verhaltensweisen, die durch eine Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates, seiner Grundwerte und Verfahrensregeln gekennzeichnet sind und die anstreben, diesen \u2013 unter Anwendung von Gewalt \u2013 zu \u00fcberwinden.\u201c<\/em>\u00a0Rechtsextremismus, Linksextremismus und islamistischer Extremismus sind zwar irgendwie verschieden, allerdings wollen alle drei den Status quo ver\u00e4ndern, wenn n\u00f6tig auch mit Gewalt.<\/p>\n<p><strong>Gewalt gleich Gewalt gleich schlecht<\/strong><\/p>\n<p>Gewalt wird oft so behandelt, als sei sie ein immer gleicher, unver\u00e4nderlicher Akt. Gewaltanwender*innen unterscheiden sich vielleicht ideologisch, aber nicht in der Praxis. Ob Nazi oder Kommunistin, das Resultat ist dasselbe, so die g\u00e4ngige Auffassung. Diese Ansicht hat zwei grosse Vorteile, man kann erstens jede Rebellion gegen die momentane Situation als illegitim und extremistisch einstufen, sobald nur schon eine Scheibe zu Bruch geht. Zweitens muss man nicht zu lange nachdenken, denn das strengt auch sooo an. Nat\u00fcrlich sind wir als Sozialist*innen f\u00fcr eine freie, friedliche Gesellschaft und dass f\u00fcr dieses Ziel in bestimmten Situationen Gewalt angewendet werden kann, erscheint nur an der Oberfl\u00e4che als Paradoxon. Wenn man mehr als zwei Sekunden \u00fcberlegt, gibt es aber durchaus Unterschiede, Gewalt ist nicht gleich Gewalt, das versteht sogar das b\u00fcrgerliche Recht. Wenn mich jemand gewaltsam angreift, darf ich mich ebenfalls mit dem Einsatz von Gewalt zur Wehr setzen, das nennt sich dann Notwehr.<\/p>\n<p>Wann und wie Gewalt angewendet wird, h\u00e4ngt von den Zielen ab, die damit verbunden sind. Nazis wenden Gewalt an, weil ihr Ziel die T\u00f6tung anderer \u201eRassen\u201c ist. Gewalt ist integraler Bestandteil faschistischer Weltanschauung, Faschismus ist nicht mal in der Theorie ohne Mord zu haben und nat\u00fcrlich in der Praxis noch weniger. Im Gegensatz dazu ist Gewalt kein zentraler Pfeiler von kommunistischen Gedanken, im Gegenteil. Wir Sozialist*innen wollen eine gerechte Welt, in der alle genug zum Leben haben. Doch die Kapitalisten verwehren sich einer solchen Welt, sie werden ihre Reicht\u00fcmer niemals freiwillig aufgeben, man wird sie wahrscheinlich gewaltsam enteignen m\u00fcssen. Das bedeutet jedoch nicht, dass man sie deshalb vierteilen sollte (denn es gibt nicht nur unterschiedliche Arten Gewalt anzuwenden, sondern auch eine unterschiedliche Intensit\u00e4t, wie viel Gewalt angewendet wird). Gewalt von \u201eLinksextremen\u201c ist also kein Selbstzweck, sondern kann unter sehr speziellen Bedingungen gerechtfertigt sein, als Mittel um eine bessere Zukunft f\u00fcr alle zu erreichen.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, die aufgekl\u00e4rte Mitte der Gesellschaft, verabscheut jegliche Gewalt \u2013 jetzt mal abgesehen davon, dass man mittellose Menschen zwingt, auf der Strasse zu schlafen, obwohl es leere Wohnungen gibt \u2013 ja Gewalt ist wirklich schlecht, so was tut man nicht \u2013 also mal abgesehen davon, dass man Menschen gewaltsam in Krisengebiete ausschafft \u2013 ja die rechtschaffenen B\u00fcrger*innen sind wirklich gewaltfrei unterwegs. Wie auch der Waffenexport und die R\u00fcstungsindustrie. Der CEO des Schweizer Waffenherstellers RUAG hat bspw. noch nie jemanden erschossen, wahrlich ein Vorbild.<\/p>\n<p>Aber lassen wir all diese Gr\u00fcnde hinter uns, warum man bem\u00e4ngeln k\u00f6nnte, dass \u201eLinksextreme\u201c, Nazis und der IS in einen Topf geworfen werden und wenden uns endlich der Studie zu.<\/p>\n<p><strong>Linksextremismus \u2013 Sachbesch\u00e4digung, Mord, Gulag<\/strong><\/p>\n<p>Sieben Prozent der befragten Jugendlichen seien linksextrem, das ist ein Ergebnis der Studie. Ich \u2013 ebenfalls Extremist \u2013 habe mich nat\u00fcrlich erstmal etwas gefreut, nur um dann zu merken, dass die Studie auf eine ziemliche schr\u00e4ge Art auf dieses Ergebnis gekommen ist. Ja, ich bin etwas entt\u00e4uscht, in Wahrheit sind wahrscheinlich nicht 7% linksextrem, sondern haben einfach gemerkt, dass unser Wirtschaftssystem nicht so einwandfrei funktioniert wie in der Theorie. Also jetztmal konkret: Um zu erheben, ob die befragten Jugendlichen linksextreme Ansichten vertreten, wurde unter anderem nach der Zustimmung zu folgendem Satz gefragt:<\/p>\n<p><em>\u201eIch finde es in Ordnung, wenn Gewalt gegen die Polizei eingesetzt wird\u201c<\/em><\/p>\n<p>Aha. Also ist jeder Hooligan schon mal verd\u00e4chtig ein Linksextremer zu sein, aber nat\u00fcrlich reicht das nicht, man muss schon mehrere Antworten richtig haben, um so ein echter Linksextremer zu sein. Zum Beispiel muss man f\u00fcr Gewalt gegen Kapitalisten sein. Und wie erhebt man, ob jemand f\u00fcr Gewalt gegen Kapitalisten ist (das sind \u00fcbrigens Menschen)? Mit der grossartigen Frage:<\/p>\n<p><em>\u201eIch finde es in Ordnung, wenn die Geb\u00e4ude oder Luxusautos der weltweiten Grossunternehmen und Wirtschaftsbosse besch\u00e4digt werden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Der Tesla ist dem ordin\u00e4ren Kapitalisten so wichtig, dass man einen aufgestochenen Reifen eigentlich schon als Gewalt gegen einen Menschen werten k\u00f6nnte. Wer eine Sachbesch\u00e4digung in Ordnung findet, erschiesst schon bald einen Menschen. Aus Sachschaden wird Mord, wer einmal kifft wird Heroinjunkie, usw. Eigentlich m\u00fcssen wir gl\u00fccklich sein, sind die Autor*innen dieser Studie keine Richter*innen. Also unser Hooligan, der sich mit der Polizei anlegt und im Suff einen Tesla-R\u00fcckspiegel zerdeppert, erh\u00e4lt schon fast einen Leninorden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2018\/schweiz-ziemlich-extrem\/\"><em>sozialismus.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 8. November 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Henri Ott (BFS Jugend Z\u00fcrich). \u2026sei ein Teil der Jugendlichen in der Schweiz. Zu diesem Ergebnis kam eine\u00a0Studie\u00a0der Z\u00fcrcher Hochschule f\u00fcr Angewandte Wissenschaften. 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