{"id":4286,"date":"2018-11-09T11:50:43","date_gmt":"2018-11-09T09:50:43","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4286"},"modified":"2018-11-11T17:02:53","modified_gmt":"2018-11-11T15:02:53","slug":"novemberrevolution-und-sozialdemokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4286","title":{"rendered":"Novemberrevolution und Sozialdemokratie"},"content":{"rendered":"<p><em>Kristian Stemmler. <\/em><strong>Vor 100 Jahren meuterten Kieler Matrosen, begann die Novemberrevolution und mit ihr der Verrat der Sozialdemokratie.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass die Sozialdemokratie gerade in diesem Moment ihr ganzes Elend und ihre Bedeutungslosigkeit beweist, in aktuellen Umfragen auf Werte um die 15 Prozent absinkt \u2013 bundesweit! Das n\u00e4mlich genau 100 Jahre, nachdem sie die Revolution der Matrosen und Arbeiter verraten hat. Am 5. November 1918 wehte \u00fcber dem Kieler Rathaus die rote Fahne, die Matrosen- und Soldatenr\u00e4te hatten die Macht \u00fcber die Hafenstadt \u00fcbernommen. In der Nacht zum 6. November folgte das gro\u00dfe Hamburg, der Aufstand erfasste auch viele kleinere St\u00e4dte und die Reichshauptstadt Berlin, leider nur f\u00fcr kurze Zeit.<\/p>\n<p>Bekanntlich brach der Aufstand relativ schnell zusammen, was nicht zuletzt der SPD zu verdanken war, die bereits mit der Bewilligung der Kriegskredite zum Beginn des Ersten Weltkriegs der Arbeiterklasse in den R\u00fccken gefallen war. Eine im Auftrag des NDR erstellte Dokumentation, die in den vergangenen Tagen in mehreren dritten Programmen zu sehen war, beleuchtet in w\u00fcnschenswerter Deutlichkeit die Rolle des Sozialdemokraten Gustav Noske.<\/p>\n<p>Ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigt ist der Mann, weil er im Fr\u00fchjahr 1919 in seiner Funktion als Reichswehrminister in Berlin revoltierende Arbeiter zusammenschie\u00dfen lie\u00df. Gegen \u201edie Bolschewisten\u201c gab es kein Pardon. \u201eOhne Skrupel\u201c, erkl\u00e4rte Noske damals, er akzeptiere \u201ejeden Offizier, egal, welcher Gesinnung\u201c, solange dieser in der Lage sei, \u201eeine einsatzbereite Truppe aufzubauen und zu f\u00fchren\u201c. Das gilt bis heute, etwa f\u00fcr die Hamburger Sozis, die den G-20-Gipfel im Juli 2017 vom \u201eBluthund\u201c Hartmut Dudde als polizeilichem Gesamteinsatzleiter durchpr\u00fcgeln lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Als in Kiel im November 1918 die Matrosen meuterten, reiste Noske, damals noch kein Minister, aber hoher sozialdemokratischer Funktion\u00e4r, aus Berlin an. Wie die Doku zeigt wurde er von weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung wie ein Erl\u00f6ser gefeiert. In der irrigen Annahme, er sei gekommen, um die Revolution voranzutreiben und den Unterdr\u00fcckten zu ihrem Recht zu verhelfen. Genau das hatte er offenbar nie vor, denn Noske tat alles, um die Aktivit\u00e4ten der R\u00e4te zu behindern.<\/p>\n<p>Sehr aufschlussreich ist eine Szene der NDR-Produktion, in der Noske einen Deal mit dem Stadtkommandanten von Kiel macht. Er werde f\u00fcr \u201eRuhe und Ordnung\u201c sorgen, wenn jener im Gegenzug eine Amnestie f\u00fcr die Meuterer garantiere. Das funktionierte nicht, weil die Matrosen und Arbeiter f\u00fcrs Erste, siehe oben, die Macht in Kiel \u00fcbernahmen und der Stadtkommandant abgesetzt wurde.<\/p>\n<p>Die Sozis brauchten noch ein wenig mehr Zeit, noch etliche Winkelz\u00fcge und vor allem milit\u00e4rische Gewalt, um die Revolution zu erledigen und eine Republik zu installieren. Die wiederum war bekanntlich von Anfang an als schiefe Ebene angelegt, auf der das Land in die Nazi-Diktatur hineinrutschte. In einem von der Dokumentation gezeigten Gespr\u00e4ch zwischen Noske und der Frau des Stadtkommandanten, das vielleicht nicht so stattgefunden hat, aber haben k\u00f6nnte, f\u00e4llt der entscheidende Satz: Sie solle sich nicht sorgen, redet Noske beruhigend auf die von \u201eUmst\u00fcrzlern\u201c sich \u00e4ngstigenden Frau ein: Die SPD sei keine Partei, die ihr und ihresgleichen die Villa wegnehme.<\/p>\n<p>Und so ist es bis heute geblieben: \u201eWir lassen der Klein-Oma gern ihr H\u00e4uschen\u201c, singt die Sozi-Bande. Das Eigentum ist die heilige Kuh dieser Gesellschaft und damit nat\u00fcrlich auch der Sozialdemokratie, die in der Vergangenheit f\u00fcr jede Sauerei zu haben war, von Hartz IV bis zu versch\u00e4rften Abschiebungen und Krieg. Wer auch nur von Ferne \u00fcber irgendeine Form von Verstaatlichung nachdenkt, ist f\u00fcr diese Herrschaften ein Bolschewist, vor dem gewarnt werden muss. So geh\u00f6rt die SPD mit den Gr\u00fcnen und leider auch weiten Teilen der Linkspartei zu den systemerhaltenden Kr\u00e4ften \u2013 und das in einer Zeit, in der die Schizophrenien dieser \u201eOrdnung\u201c f\u00fcr keinen mehr zu \u00fcbersehen sind.<\/p>\n<p>Eigentlich, denn viele \u00fcbersehen sie dennoch oder wollen sie einfach \u00fcbersehen. Symptomatisch, dass ausgerechnet ein Flotillenadmiral in der NDR-Doku die Vorg\u00e4nge von 1918 in Kiel kommentieren darf, die Meuterei an sich nat\u00fcrlich verurteilt, aber die Motive f\u00fcr rechtschaffen erkl\u00e4rt \u2013 um dann noch das hohe Lied von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie zu singen.<\/p>\n<p>Symptomatisch auch, dass Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht zwar die Revolution lobt und durchaus zutreffend beschreibt, aber im selben Atemzug erkl\u00e4rt, heute seien wir weit davon entfernt, Verh\u00e4ltnisse zu haben, die eine Gegenwehr mit Gewalt erforderten. Solange sie in Talkshows hofiert wird, sicher nicht\u2026 Und symptomatisch, dass ein SPD-Politiker, der Schleswig-Holsteiner Bj\u00f6rn Engholm, als weiterer Kommentator die Untaten von Noske relativieren darf. Dass diese Partei auch nach 100 Jahren nicht den Mumm hat, sich von den Verbrechen und Verbrechern in ihrer Geschichte klar zu distanzieren, das sagt alles \u00fcber ihren Zustand und ihre Rolle im System.<\/p>\n<p>Als Steigb\u00fcgelhalter haben die Sozis ausgedient, da werden sie von den Gr\u00fcnen ersetzt, die einfach unverbrauchter und frischer sind und deren Personal besser aussieht. Die sind hip, die Gr\u00fcnen, und wissen halt, wie man flott was twittert oder auf Youtube hochl\u00e4dt und dass \u201eInsta\u201c keine T\u00fctensuppe ist. Und ihr Spitzenmann neben Annalena Baerbock, der \u201eK\u00fcsten-Kennedy\u201c Robert Habeck, kommt aus der Matrosenstadt Kiel. Nur meutern \u2013 da k\u00f6nnen sich die Herrschenden sicher sein \u2013 meutern wird er nicht.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/2018\/11\/novemberrevolution-und-sozialdemokratie\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 9. November 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kristian Stemmler. 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