{"id":4288,"date":"2018-11-09T13:15:46","date_gmt":"2018-11-09T11:15:46","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4288"},"modified":"2018-11-11T17:01:58","modified_gmt":"2018-11-11T15:01:58","slug":"novemberrevolution-1918-eine-befreite-welt-scheiterte-an-der-spd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4288","title":{"rendered":"Novemberrevolution 1918: Eine befreite Welt scheiterte an der SPD"},"content":{"rendered":"<p><em>Marcel Bois und Florian Wilde.<\/em> <strong>Eine Massenbewegung st\u00fcrzte im November 1918 den Kaiser und beendete den Ersten Weltkrieg. Doch eine umfassende Demokratisierung der deutschen Gesellschaft blieb aus \u2013 mit fatalen Folgen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Ende Oktober 1918: Die Matrosen der in Kiel und Wilhelmshaven liegenden Hochseeflotte verweigern ihren Offizieren den Gehorsam. Sie nehmen ihren Vorgesetzen die Waffen und Rangabzeichen ab und \u00fcbernehmen in den K\u00fcstenst\u00e4dten selbst die Befehlsgewalt. Am n\u00e4chsten Tag treten die Werftarbeiter in den Streik und stellen sich an die Seite der Soldaten. Die deutsche Revolution hat begonnen.<\/p>\n<p>Ihr vorausgegangen war der Erste Weltkrieg \u2013 der bis dahin schrecklichste und opferreichste Krieg. Bei Beginn der Revolution dauerte er schon vier Jahre an. Es war der erste Krieg, in dem Kampfbomber, Flugzeugtr\u00e4ger und massenhaft Giftgas eingesetzt wurden. Fast zehn Millionen Soldaten aus allen L\u00e4ndern kamen in den Schlachten von Verdun, Tannenberg und anderswo ums Leben, doppelt so viele wurden verletzt. Weitere zehn Millionen Zivilisten starben abseits der Front an Hunger und entbehrungsbedingten Krankheiten.<\/p>\n<p>Zu diesem Zeitpunkt war gewiss: Deutschland w\u00fcrde diesen Krieg verlieren. Dennoch befahl die deutsche Admiralit\u00e4t das Auslaufen zu einer letzten, verzweifelten Schlacht gegen die hoch \u00fcberlegene britische Flotte \u2013 ein Selbstmordkommando zur Rettung der \u00bbEhre\u00ab der Marinef\u00fchrung. Dies war auch den Matrosen klar. Sie weigerten sich.<\/p>\n<p><strong>Die Revolution erreicht Berlin<\/strong><\/p>\n<p>Von den K\u00fcsten breitete sich die Revolte rasch auf das ganze Reich aus und traf dabei auf wenig Widerstand. Ein Augenzeuge erinnerte sich: \u00bbInnerhalb einer Woche war die Revolution \u00fcber Deutschland hinweggebraust. (\u2026) Versammlungen, Demonstrationen der Arbeiter wurden abgehalten, aber sie waren keine Drohung mehr, sie waren Freudenfeste. Rote Fahnen flatterten, rote B\u00e4ndchen leuchteten in den Knopfl\u00f6chern, und die Gesichter lachten. Es war, als h\u00e4tten die tr\u00fcben, regnerischen Novembertage den Fr\u00fchling gebracht.\u00ab<\/p>\n<p>Am Morgen des 9. November erreichten die Proteste die Hauptstadt: Riesige Demonstrationsz\u00fcge zogen aus den Au\u00dfenvierteln ins Stadtzentrum Berlins. Aus den meisten Kasernen, an denen die Demonstranten vorbeiliefen, schlossen sich ihnen Soldaten an. Mittags erreichten die immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Demonstrationen das Zentrum. Das Polizeipr\u00e4sidium wurde besetzt und die Polizisten entwaffnet. In den fr\u00fchen Nachmittagsstunden brach der Widerstand einzelner Offiziere, die sich in der Universit\u00e4t und in der Staatsbibliothek verschanzt hatten, zusammen.<\/p>\n<p>Unter dem Druck der Bewegung lie\u00df Reichskanzler Prinz Max von Baden noch am selben Tag \u2013 ohne eine entsprechende Vollmacht abzuwarten \u2013 den R\u00fccktritt Wilhelms II. vom kaiserlichen und k\u00f6niglich preu\u00dfischen Throne verk\u00fcnden. Kurz darauf \u00fcbertrug er das Reichskanzleramt dem SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert. Gemeinsam mit zwei anderen Sozialdemokraten sowie drei Mitgliedern der Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) bildete dieser darauf hin den \u00bbRat der Volksbeauftragten\u00ab \u2013 die neue Regierung.<\/p>\n<p>Die Bewegung der Arbeiter und Soldaten hatte die jahrhundertealte monarchistische Ordnung hinweggefegt. Innerhalb k\u00fcrzester Zeit hatte sie nicht nur den Kaiser, sondern alle 22 deutschen K\u00f6nige und F\u00fcrsten entmachtet und die Grundlage f\u00fcr einen demokratischen Neuanfang gelegt. Wenige Tage nach Beginn der Proteste beendete ein Waffenstillstand das vierj\u00e4hrige Massenmorden des Ersten Weltkriegs.<\/p>\n<p><strong>Teil einer internationalen Bewegung<\/strong><\/p>\n<p>Deutschland war kein Einzelfall. Vielmehr sahen sich zu dieser Zeit fast alle europ\u00e4ischen Herrscher mit massenhaften Protesten, Streiks und Demonstrationen konfrontiert. Von 1917 bis 1920 gingen zwischen Moskau und Barcelona Millionen Menschen gegen die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf die Stra\u00dfe. Sie protestierten gegen die schlechte Versorgungslage, besetzten Fabriken und bildeten Arbeiter-, Bauern- und Soldatenr\u00e4te. Das \u00f6sterreich-ungarische Kaiserreich zerfiel, Ungarn wurde R\u00e4terepublik und in Italien gingen die Jahre 1919 und 1920 als die \u00bbzwei Roten Jahren\u00ab in die Geschichte ein.<\/p>\n<p>Diejenigen, die die Welt in diesen Krieg gest\u00fcrzt hatten, mussten nun um ihre Macht bangen. So notierte der britische Premierminister Lloyd George im M\u00e4rz 1919 besorgt: \u00bbGanz Europa ist vom Geist der Revolution erf\u00fcllt. Die Arbeiter sind nicht nur von einem tiefen Gef\u00fchl der Unzufriedenheit mit den Lebensbedingungen, wie sie vor dem Krieg bestanden, ergriffen, sondern von Groll und Emp\u00f6rung. Die ganze bestehende soziale, politische und wirtschaftliche Ordnung wird von der Masse der Bev\u00f6lkerung von einem Ende Europas zum anderen in Frage gestellt.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Revolution in Russland<\/strong><\/p>\n<p>Im Zentrum dieser Bewegungen stand Russland. Im Februar 1917 st\u00fcrzten dort Arbeiter, Bauern und Soldaten die seit 450 Jahren despotisch herrschende Zaren-Monarchie. Sie gr\u00fcndeten im ganzen Land R\u00e4te (\u00bbSowjets\u00ab), verteilten das Land der Gro\u00dfgrundbesitzer unter den Bauern und nahmen die Fabriken und Betriebe unter ihre demokratische Kontrolle. Auch die Armee wurde demokratisch organisiert: Die Soldaten w\u00e4hlten nun ihre Offiziere. Im Oktober kam unter dem Slogan \u00bbAlle Macht den R\u00e4ten\u00ab eine radikale Revolutionsregierung unter F\u00fchrung der Bolschewiki an die Macht. Ein enormer gesellschaftlicher Aufbruch erfasste Russland. Das Land, das kurz zuvor noch in ganz Europa als \u00bbHort der Reaktion\u00ab galt, wurde binnen k\u00fcrzester Zeit zu einer der freiesten Gesellschaften der Welt.<\/p>\n<p>Gleichzeitig war Russland jedoch ein wirtschaftlich enorm r\u00fcckst\u00e4ndiges Land. Daher betrachteten die Bolschewiki den Umsturz immer als Teil einer internationalen Erhebung. Nur mit Hilfe der Arbeiter in anderen, industriell weiter entwickelten L\u00e4ndern w\u00fcrde die russische Revolution \u00fcberleben und eine neue Gesellschaft frei von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung aufgebaut werden k\u00f6nnen. Lenin erkl\u00e4rte 1918: \u00bbEs kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Endsieg unserer Revolution eine hoffnungslose Sache w\u00e4re, wenn sie allein bliebe, wenn es in den anderen L\u00e4ndern keine revolution\u00e4re Bewegung g\u00e4be. (\u2026) Unsere Rettung aus all diesen Schwierigkeiten ist, wie gesagt, die Revolution in ganz Europa.\u00ab Die Hoffnungen der internationalen Revolution ruhten auf der deutschen Arbeiterbewegung, die seit Jahrzehnten die st\u00e4rkste der Welt war.<\/p>\n<p><strong>R\u00e4temacht<\/strong><\/p>\n<p>Das Deutsche Reich war zusammengebrochen. Die Monarchie gab es nicht mehr. Nicht einmal das Parlament hatte einen Rest von Autorit\u00e4t. Anfang November waren die einzigen Organe, die eine gewisse Macht besa\u00dfen, Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te. Sie waren in den Tagen nach den Matrosenaufstand im ganzen Land entstanden: Am 6. November hatten R\u00e4te die Macht in Bremen, Altona, Rendsburg und Lokstedt \u00fcbernommen. Am n\u00e4chsten Tag waren K\u00f6ln, M\u00fcnchen, Braunschweig und Hannover gefolgt. Die restlichen gro\u00dfen St\u00e4dte wurden am 8. November von der Revolution ergriffen: Oldenburg, Rostock, Magdeburg, Halle, Leipzig, Dresden, Chemnitz, D\u00fcsseldorf, Frankfurt, Darmstadt, Stuttgart und N\u00fcrnberg.<\/p>\n<p>Selbst an der Front entstanden R\u00e4te. In Br\u00fcssel, einem f\u00fcr den R\u00fcckzug der Heere aus Frankreich und Belgien wichtigen Zentrum, wurde am 10. November ein Soldatenrat gebildet, der die Kontrolle \u00fcber alle milit\u00e4rischen und zivilen Beh\u00f6rden \u00fcbernahm. Das gleiche geschah in den Garnisonen im belgischen Mecheln und im polnischen Grodno.<\/p>\n<p>Die Mitglieder der R\u00e4te wurden von ihren Kollegen in den Betrieben und Kasernen demokratisch gew\u00e4hlt. Sie waren ihrer Basis rechenschaftspflichtig und konnten jederzeit wieder abgew\u00e4hlt werden. Die R\u00e4te organisierten das \u00f6ffentliche Leben, die Verteilung von Nahrung und die Demobilisierung der Soldaten. In K\u00f6ln beispielsweise sorgte der Arbeiter- und Soldatenrat f\u00fcr Sicherheit und organisierte das Gesundheits-, Ern\u00e4hrungs- und Wohnungswesen. Er \u00fcberwachte auch die Demobilisierung der Armee und leitete die Gerichte und die Banken. Da das Parlament keine Rolle mehr spielte, st\u00fctzte sich die Reichsregierung, der \u00bbRat der Volksbeauftragten\u00ab, auf eine Versammlung der Berliner R\u00e4te.<\/p>\n<p>Spontan war also aus den K\u00e4mpfen, N\u00f6ten und Bed\u00fcrfnissen der Massen ein neues Modell entstanden, die Gesellschaft zu organisieren \u2013 ein Modell, das weitaus demokratischer als das Kaiserreich, aber auch als die parlamentarische Demokratie gewesen w\u00e4re. Im Gegensatz zu dieser w\u00e4re die R\u00e4tedemokratie eine Gesellschaft, in der auch die Wirtschaft, der Staatsapparat und die Medien einer best\u00e4ndigen demokratischen Kontrolle durch die Massen unterworfen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Viele Menschen dachten nun, die Revolution sei schon vollendet. Aber eine alte Ordnung zu st\u00fcrzen, war nicht dasselbe wie eine neue zu begr\u00fcnden. Karl Liebknecht warnte in einer Rede vor tausenden Arbeitern: \u00bbWenn auch das Alte niedergerissen ist, d\u00fcrfen wir doch nicht glauben, dass unsere Aufgabe getan sei. Wir m\u00fcssen alle Kr\u00e4fte anspannen, um die Regierung der Arbeiter und Soldaten aufzubauen und eine neue staatliche Ordnung des Proletariats zu schaffen, eine Ordnung des Friedens, des Gl\u00fccks und der Freiheit unserer deutschen Br\u00fcder und unserer Br\u00fcder in der ganzen Welt.\u00ab<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich waren die alten Eliten, die Deutschland in den Krieg gef\u00fchrt hatten, noch nicht vollkommen entmachtet. Vielmehr holten sie zum Gegenschlag aus. Sie waren jedoch zu diskreditiert, um \u00f6ffentlich gegen die revoltierenden Arbeiter und Soldaten aufzutreten. Daher suchten sie nach einem unverd\u00e4chtigen Verb\u00fcndeten und fanden ihn in der SPD.<\/p>\n<p><strong>\u00bbIch hasse die Revolution wie die S\u00fcnde\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Die Partei hatte sich weit von ihren sozialistischen Urspr\u00fcngen entfernt. Im Kaiserreich war sie noch eine revolution\u00e4r-marxistische Partei gewesen. Allerdings hatte sie in den Jahren vor Beginn des Weltkrieges eine allm\u00e4hliche Rechtswendung vollzogen. 1914 billigte sie schlie\u00dflich die deutsche Beteiligung am Ersten Weltkrieg, indem ihre Abgeordneten den Kriegskrediten im Reichstag zustimmten.<\/p>\n<p>Lediglich eine kleine Gruppe von Sozialistinnen und Sozialisten um Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Clara Zetkin hielt damals an einer antikriegs- und antikapitalistischen Haltung fest. W\u00e4hrend des Krieges bauten sie innerhalb der SPD eine kleine Gruppe \u2013\u00a0<a href=\"http:\/\/marx21.de\/rosa-luxemburg-karl-liebknecht-die-netzwerker\/\">den \u00bbSpartakusbund\u00ab<\/a>\u00a0\u2013 auf. Als 1917 ein gro\u00dfer Teil von Kriegsgegnern die SPD verlie\u00df, um die USPD zu gr\u00fcnden, arbeiteten die Spartakus-Leute in dieser neuen Partei mit.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu diesen beiden Gruppen stand die SPD der Revolution skeptisch gegen\u00fcber. Als die Proteste gegen den Krieg immer st\u00e4rker wurden, erkl\u00e4rte der Parteivorsitzende Friedrich Ebert gegen\u00fcber Prinz Max von Baden: \u00bbWenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die S\u00fcnde.\u00ab<\/p>\n<p>Als die Revolution gekommen war, schloss sich die sozialdemokratische Parteif\u00fchrung anfangs nur widerwillig an, versuchte dann aber, die F\u00fchrung der Bewegung zu \u00fcbernehmen, um sie besser kontrollieren zu k\u00f6nnen. Dies gelang ihr auch: Denn die Mehrheit der Arbeiter und Soldaten identifizierte sich weiterhin mit der Partei. Jahrzehntelang war diese ihre Interessensvertretung gewesen. Andere Arbeiter und Soldaten waren in der Revolution zum ersten Mal politisch aktiv geworden. Die Unterschiede zwischen der SPD und der USPD oder der kleinen Spartakusgruppe verstanden sie oft nicht \u2013 teilweise kannten sie noch nicht einmal die beiden Gruppen. Daher schauten sie auf die SPD.<\/p>\n<p><strong>Fatale Niederlage<\/strong><\/p>\n<p>Der Aufstand der Arbeiter und Soldaten hatte die M\u00f6glichkeit geschaffen, die alten Eliten \u2013 das Milit\u00e4r, die kaiserliche Staatsb\u00fcrokratie und die Unternehmer \u2013 endg\u00fcltig zu entmachten. Die SPD-F\u00fchrung aber entschloss sich, stattdessen ein B\u00fcndnis mit diesen einzugehen. Bereits am 10. November schlossen Ebert und Wilhelm Groener (der Chef der Obersten Heeresleitung) ein Geheimabkommen gegen eine weitere Radikalisierung der Revolution. Ein \u00e4hnlicher Pakt zwischen dem sozialdemokratischen Gewerkschaftsf\u00fchrer Carl Legien und dem Arbeitgeberpr\u00e4sidenten Hugo Stinnes folgte: Als Gegenleistung zur Zustimmung der Unternehmer zu umfassenden Sozialreformen versprach die Gewerkschaftsf\u00fchrung, das Privateigentum an Produktionsmitteln nicht grundlegend in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst versuchte die SPD-F\u00fchrung, ihr Ziel auf subtile Art zu erreichen \u2013 indem sie die sozialdemokratische Mehrheit in den R\u00e4ten nutzte, um diese zu entmachten. Auf dem reichsweiten R\u00e4tekongress argumentierten die SPD-Delegierten f\u00fcr ein Ende der R\u00e4tebewegung. Unter ihrem Einfluss gaben die R\u00e4te ihre Macht schlie\u00dflich selbst wieder ab und stimmten f\u00fcr die Wahl zu einer Nationalversammlung, also f\u00fcr die parlamentarische Demokratie.<\/p>\n<p>Wo sich die R\u00e4te \u2013 wie in Bremen oder M\u00fcnchen \u2013 weigerten, ihre Macht abzugeben, oder wo \u2013 wie in Berlin \u2013 die Revolution\u00e4re weiter f\u00fcr ein Vorantreiben der Revolution k\u00e4mpften, wurden sie durch das B\u00fcndnis der SPD mit den \u00bbalten M\u00e4chten\u00ab blutig niedergeschlagen. Der Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) schreckte dabei sogar vor dem Einsatz rechtsradikaler \u00bbFreikorps\u00ab nicht zur\u00fcck. Luxemburg und Liebknecht sind nur die bekanntesten unter den Toten dieses verzweifelten Kampfes f\u00fcr eine sozialistische R\u00e4tedemokratie.<\/p>\n<p>Viele der Arbeiter und Soldaten, die noch in der Revolution die SPD als \u00bbihre\u00ab Partei betrachtet hatten, wandten sich in der Folgezeit entt\u00e4uscht von ihr ab. Zu brutal bek\u00e4mpfte sie streikende Arbeiter, und zu offensichtlich verriet sie die popul\u00e4ren Forderungen der Novemberrevolution \u2013 wie die nach einer umfassenden Sozialisierung der Gro\u00dfkonzerne. In Massen wandten sich diese Entt\u00e4uschten der USPD und bald auch der aus dem Spartakusbund hervorgegangenen Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) zu.<\/p>\n<p>Revolution\u00e4re K\u00e4mpfe flammten in den folgenden Jahren immer wieder auf. Jedes Mal fanden k\u00e4mpfende Arbeiter die SPD auf der anderen Seite der Barrikaden. Im M\u00e4rz 1920 zeigte sich jedoch, was f\u00fcr ein gef\u00e4hrliches Spiel die Partei in den letzten Jahren gespielt hatte: Milit\u00e4rs und Freikorps \u2013 teilweise unter Hakenkreuzfahnen \u2013 putschten gegen die SPD-gef\u00fchrte Reichsregierung, die aus Berlin fliehen musste. Dem so genannten Kapp-Putsch stand die sozialdemokratische F\u00fchrung ohnm\u00e4chtig gegen\u00fcber: Der Milit\u00e4rapparat, auf den sie sich im Kampf gegen links gest\u00fctzt hatte, versagte ihr im Kampf gegen rechts die Gefolgschaft: \u00bbReichswehr schie\u00dft nicht auf Reichswehr\u00ab, erkl\u00e4rte der Oberkommandierende Hans von Seeckt.<\/p>\n<p>Es waren schlie\u00dflich die Arbeiter, die die Republik mit dem gr\u00f6\u00dften Generalstreik der deutschen Geschichte retteten. Erneut wurden R\u00e4te gebildet, bewaffnete Arbeiter griffen monarchistische Armeeeinheiten an. Unter der Wucht des Streiks brach der Putsch nach wenigen Tagen zusammen. Aber erneut weigerte sich die SPD, die Situation zu einer umfassenden Demokratisierung des Milit\u00e4r- und Staatsaparates zu nutzen. Stattdessen setzte sie die Reichswehr ein, um die R\u00e4tebewegung im Ruhrgebiet blutig niederzuschlagen.<\/p>\n<p>Die sozialistische Revolution scheiterte so schlie\u00dflich in Deutschland. Dies hatte zur Folge, dass das sozialistische Russland isoliert blieb und sich dort ein neues Unterdr\u00fcckungssystem durchsetzen konnte: Die Schreckensherrschaft Stalins.<\/p>\n<p><strong>Errungenschaften<\/strong><\/p>\n<p>Und dennoch: Alle Errungenschaften der Weimarer Republik w\u00e4ren ohne die revolution\u00e4ren Aktionen der Massen im November 1918 nicht m\u00f6glich gewesen. So schlossen die Arbeitgeberverb\u00e4nde unter dem Druck der Streiks ein Zentralabkommen mit den Gewerkschaften zur Regelung der Arbeitsbedingungen durch Tarifvertr\u00e4ge. Sie stimmten der Bildung von Betriebsr\u00e4ten in Betrieben mit mindestens 50 Besch\u00e4ftigten zu und setzten das H\u00f6chstma\u00df der t\u00e4glichen Arbeitszeit auf acht Stunden bei vollem Lohnausgleich fest. Auch die Republik selbst, das Frauenwahlrecht und die Sozialgesetzgebung sind ein Produkt der Revolution.<\/p>\n<p>Andererseits best\u00e4tigte die Novemberrevolution das Wort Saint-Justs aus der Franz\u00f6sischen Revolution: Wer eine Revolution nur halb macht, schaufelt sich sein eigenes Grab. Die Kapitalisten, die Deutschland bereits in den Ersten Weltkrieg getrieben hatten, behielten ihre Macht. Staatsapparat, Justiz und Milit\u00e4r wurden nicht umfassend demokratisiert. Die Entfernung von monarchistischen Gegnern der Republik aus einflussreichen Positionen unterblieb. Im B\u00fcndnis mit den Nationalsozialisten konnten diese \u00bbEliten\u00ab so 1933 die Republik beseitigen, die Arbeiterbewegung zerschlagen und einen weiteren Weltkrieg f\u00fcr ihre Profite und Gro\u00dfmachtphantasien f\u00fchren. Bittere Ironie der Geschichte: Es sollten die ehemaligen Verb\u00fcndeten der SPD aus den Revolutionstagen sein, die nach 1933 neben Juden und Kommunisten auch zehntausende Sozialdemokraten in ihre Konzentrationslager sperrten und ermordeten.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/novemberrevolution-1918-eine-andere-welt-war-moeglich\/\"><em>marx21.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 9. November 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marcel Bois und Florian Wilde. Eine Massenbewegung st\u00fcrzte im November 1918 den Kaiser und beendete den Ersten Weltkrieg. Doch eine umfassende Demokratisierung der deutschen Gesellschaft blieb aus \u2013 mit fatalen Folgen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7,5],"tags":[25,91,31,26,38,42],"class_list":["post-4288","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-deutsche-revolution","tag-erster-weltkrieg","tag-gewerkschaften","tag-russische-revolution","tag-sozialdemokratie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4288","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4288"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4288\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4289,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4288\/revisions\/4289"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4288"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4288"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4288"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}