{"id":4296,"date":"2018-11-10T09:52:07","date_gmt":"2018-11-10T07:52:07","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4296"},"modified":"2018-11-10T09:52:07","modified_gmt":"2018-11-10T07:52:07","slug":"kampfansage-oder-schlusspunkt-zuercher-baustreik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4296","title":{"rendered":"Kampfansage oder Schlusspunkt? Z\u00fcrcher Baustreik"},"content":{"rendered":"<p><em>Helena Winnall.<\/em> <strong>Am 6. November stehen in Z\u00fcrich die Baustellen still. Die Bauarbeiter k\u00e4mpfen f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen und Rentenalter 60. Die Baumeister aber stellen sich in den Verhandlungen<!--more--> um den Landesmantelvertrag quer. Eine Reportage vom siebten Protesttag.<\/strong><\/p>\n<p>Draussen ist es noch dunkel, als ich beim Z\u00e4hneputzen den laut pfeifenden Demonstrationszug streikender Bauarbeiter von der nahe gelegenen Baustelle des Polizei- und Justizzentrums h\u00f6re. Sie sind auf dem Weg zum Helvetiaplatz, um den Baumeistern zu zeigen, dass sie genug haben von den Angriffen auf ihre Arbeitsbedingungen.<\/p>\n<p>Kurz sp\u00e4ter am Helvetiaplatz sind erst mal nur Marktst\u00e4nde zu sehen: Der Wochenmarkt verunm\u00f6glicht eine Besammlung auf dem Platz. Von dem schlechten Timing lassen sich die anwesenden Bauarbeiter aber nicht st\u00f6ren und besammeln sich stattdessen auf der angrenzenden Strasse. W\u00e4hrend die Gewerkschaft Unia Kaffee und Streik-Accessoires verteilt, kommen immer mehr Busse an. Langsam f\u00fcllt sich die Strasse und wir werden informiert, dass mehrere grosse Baustellen im Raum Z\u00fcrich stillstehen.<\/p>\n<p><strong>Der Kampf wird nicht am Verhandlungstisch gewonnen<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Tessin, der Romandie und der Region Bern ist der Z\u00fcrcher Baustreik der \u00abvorl\u00e4ufige H\u00f6hepunkt\u00bb (<a href=\"https:\/\/www.unia.ch\/de\/kampagnen\/lmv-bau-2018\/protesttage\/\">Unia<\/a>) der Proteste im Bau. Wir haben immer betont, dass den Verhandlungen mit den Patrons enge Grenzen gesetzt sind. Nur die Organisierung der Mehrheit der Bauarbeiter und Ausweitung der Streiks, k\u00f6nnen die Durchsetzung guter Arbeitsbedingungen erzwingen. Ein Vertrag bleibt ein Kompromiss: Beide Seiten m\u00fcssen zustimmen.<\/p>\n<p>Wollen wir aus dem engen Rahmen der Gesamtarbeitsvertr\u00e4ge ausbrechen, m\u00fcssen die Betriebe enteignet und unter Arbeiterkontrolle gestellt werden. Die n\u00e4chsten Schritte daf\u00fcr sind die gewerkschaftliche Verankerung auf den Baustellen und die Ausweitung der K\u00e4mpfe in die ganze Schweiz. Das muss begleitet werden durch die Organisierung der anderen Berufe auf dem Bau (Elektriker, Sanit\u00e4r, etc.).<\/p>\n<p><strong>Viel Grund zu streiken<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir auf die n\u00e4chsten Anweisungen warten, unterhalten wir uns mit den anwesenden Bauarbeitern. Warum sie denn heute streiken, wollen wir wissen. Wir kriegen unterschiedliche Antworten zu h\u00f6ren. F\u00fcr den Lehrling Basil (16) ist es der erste Streik. Es habe ihn Wunder genommen, wie das laufe. Ihm selber ginge es zwar gut, aber er merke, das irgendwas gewaltig schief l\u00e4uft. Ela (30) kann es schon genauer benennen: Die Arbeitsbedingungen auf dem Bau sind insgesamt schlecht, besonders f\u00fcr Tempor\u00e4rarbeiter und diese seien auf seiner Baustelle in der Mehrheit. Auch er ist tempor\u00e4r angestellt: \u00abIch weiss nie, ob ich n\u00e4chsten Monat noch Arbeit habe.\u00bb<\/p>\n<p>Bei der Frage des Rentenalters teilen sich die Meinungen in Alt und Jung: Die j\u00fcngeren Arbeiter sehen sich davon noch nicht betroffen. Amanda (21) erkl\u00e4rt, sie streike heute aus Solidarit\u00e4t: \u00abBis ich in Rente gehe, wird es sowieso schon bei 65 liegen. Ich bin heute vor allem f\u00fcr meine \u00e4lteren Mitarbeiter hier.\u00bb F\u00fcr den 50-j\u00e4hrigen Tunnelbauarbeiter Peter hingegen ist klar: Rentenalter 60 ist schon zu hoch. Der k\u00f6rperliche Verschleiss sei massiv: \u00abViele Leute \u00fcberlegen sich beim Hausbau mit 40 Jahren bereits, wie sie sp\u00e4ter mit dem Rollstuhl am besten \u00fcber die Terasse ins Haus kommen.\u00bb Dann kl\u00e4rt er uns auf, was die anderen Bauarbeiter meinen, wenn sie vom Stress auf der Baustelle erz\u00e4hlen. Knapp berechnete Termine m\u00fcssen eingehalten werden und die gesamte Verantwortung lastet auf den Arbeitern, beispielsweise bei Unf\u00e4llen mit den Maschinen: \u00abDie Schuld wird immer den Maschinisten zugeschoben. Sie sind diejenigen, die haften. Wenn dir sowas passiert, kannst du auf deine Rente scheissen.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Staat und Polizei: Im Dienst der Baumeister<\/strong><\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich geht es ganz schnell. Auf der Gubrist-Baustelle wird noch gearbeitet. Die Unia verpackt einige Freiwillige in Reisebusse und wir fahren dorthin, um die Arbeitenden vom Streik zu \u00fcberzeugen. Die Stimmung im Bus ist angespannt, wir wissen nicht so genau was auf uns zukommt. Wird die Polizei dort sein? Und wie wird sie sich verhalten? Informationen aus Basel erreichen uns: Dort hatte die Polizei ihre \u00abNeutralit\u00e4tspflicht\u00bb verletzt und vor einer Baustelle \u00abverdachtsunabh\u00e4ngige\u00bb Kontrollen durchgef\u00fchrt. Zwar nur ein kleiner Verstoss, der aber klar zeigt, auf wessen Seite sie in diesem Kampf stehen. Das sieht auch ein portugiesischer Bauarbeiter so: \u00abDer Staat hat ein Interesse daran, dass ich weniger Lohn kriege.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Spaltung auf dem Bau<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber die Konflikte, die die Arbeiter in diesem Streik teilt, erz\u00e4hlt uns Antonio (40). Diese werden wir sp\u00e4ter auf der Gubrist-Baustelle hautnah miterleben. \u00abDie Bosse spalten die Arbeiter nach Nationalit\u00e4ten und nach Geh\u00e4ltern. Sie kommunizieren damit: Ich gebe dir mehr, daf\u00fcr nimmst du meine Meinung an.\u00bb Als wir bei den Baracken ankommen zeigt sich, wie erfolgreich diese Taktik ist: Die Poliere (Chefs auf dem Bau) haben sich eingesperrt und ermuntern die (noch) nicht streikenden Arbeiter, es ihnen gleich zu tun. Unia-Sekret\u00e4rin Nicole erkl\u00e4rt uns, dass die Bauarbeiter, die sich einsperren, sp\u00e4ter einfachere Arbeiten erwarten d\u00fcrften. Ein junger Streikender zeigt den Polieren kurzerhand, was er von ihrer Taktik h\u00e4lt. Er l\u00e4uft hinter die Baracke und steckt ihnen den Strom aus. \u00dcber die Motivation der Poliere den Streik zu boykottieren, gibt ein polnischer Arbeiter Aufschluss: \u00abMit unserem Polier ist es schwierig heute. Er m\u00f6chte die Termine einhalten, damit er Ende Jahr seine Pr\u00e4mie einstreichen kann.\u00bb<\/p>\n<p>Kurze Zeit sp\u00e4ter laufen wir \u00fcber die Baustelle, als uns ein Lastwagen viel zu schnell entgegen rast. Wir m\u00fcssen aus dem Weg springen, um nicht \u00fcberfahren zu werden. W\u00fctend umzingelt die Menge den Lastwagen. Aus dem Wortwechsel zwischen Chauffeur und Streikenden wird klar: In den Augen des Schweizer Chauffeurs sind nicht die Chefs an den tiefen L\u00f6hnen Schuld, sondern die Arbeitsmigranten, denen tiefere L\u00f6hne ausbezahlt wird. Eine spannende Interpretation, schliesslich wollen die Baumeister im neuen LMV Lohndumping wieder zulassen. Es zeigt sich aber auch: Die Gewerkschaften konnten nicht alle Arbeiter vom Streik \u00fcberzeugen. H\u00e4tten sie mehr machen m\u00fcssen?<\/p>\n<p><strong>Gemeinsam stark<\/strong><\/p>\n<p>Im Bus zur\u00fcck nach Z\u00fcrich ist nicht ersichtlich, wie viele Bauarbeiter vom Gubrist wir \u00fcberzeugen konnten. Aber als wir am Central ankommen, werden die Gedanken aus dem Kopf verbannt. \u00dcber das Limmatquai schl\u00e4ngelt sich ein Demonstrationszug von rund 4\u2019000 Menschen. Neben den Z\u00fcrchern sind auch Streikende aus der Romandie, Ostschweiz und Basel dazugestossen, um gemeinsam mit ihren Z\u00fcrcher Kollegen zu k\u00e4mpfen. Die Stimmung kocht, die Einheit der Arbeiter ist zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Auf der Br\u00fccke zum Hauptbahnhof sind Lastwagen aufgefahren: Es werden B\u00e4nke und Tische aufgebaut. Zum Mittagessen besetzen wir die Bahnhofsbr\u00fccke \u2013 eine von Genf \u00fcbernommene Tradition. Von Stocki und Z\u00fcrigschn\u00e4tzletem gest\u00e4rkt, treten wir der Weinbergstrasse folgend den letzten Marsch zum Z\u00fcrcher Sitz des Baumeisterverbandes an. Mit lauten Pfiffen, Rufen und roten Rauchpetarden zeigen wir den Baumeistern, was wir von ihrem \u00abmodernen und zeitgem\u00e4ssen Landesmantelvertrag\u00bb halten. Die Arbeiter sind bereit gegen faule Kompromisse zu k\u00e4mpfen. Es bleibt einzig die Frage offen: Vertraut die Unia auf die St\u00e4rke ihrer Mitglieder oder knickt sie am Verhandlungstisch ein?<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/berichte\/kampfansage-oder-schlusspunkt-zuercher-baustreik\/\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 10. November 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Helena Winnall. Am 6. November stehen in Z\u00fcrich die Baustellen still. Die Bauarbeiter k\u00e4mpfen f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen und Rentenalter 60. 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