{"id":4300,"date":"2018-11-10T10:16:24","date_gmt":"2018-11-10T08:16:24","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4300"},"modified":"2018-11-11T17:00:31","modified_gmt":"2018-11-11T15:00:31","slug":"vor-100-jahren-betreten-revolutionaerinnen-in-deutschland-den-rasen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4300","title":{"rendered":"Vor 100 Jahren betreten Revolution\u00e4r*innen in Deutschland den Rasen"},"content":{"rendered":"<p><em>Wladek Flakin.<\/em> <strong>Ein alter Witz besagt, dass die Deutschen nie eine Revolution machen werden, weil sie daf\u00fcr den Rasen betreten m\u00fcssten. Doch vor 100 Jahren, als der Erste Weltkrieg an sein Ende kam, bereitete<!--more--> die Arbeiter*innenbewegung in Deutschland einen Aufstand gegen den Kaiser und die Kapitalist*innen vor. Am 9. November 1918 begann der Generalstreik in Berlin \u2013 nach jahrelanger Vorbereitung.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWer gegen den Krieg ist, erscheint am 1. Mai Abends acht Uhr. Potsdamer Platz (Berlin). Brot! Freiheit! Frieden!\u201c<\/p>\n<p>Kleine Zettel mit diesem Aufruf in Schreibmaschinenschrift waren in der gesamten deutschen Hauptstadt verteilt worden. Es war April 1917 und das Land befand sich schon fast zwei Jahre im Krieg. Berlin, diese grandiose imperialistische Metropole, war unheimlich ruhig. Die H\u00e4lfte der m\u00e4nnlichen Bev\u00f6lkerung Deutschlands war in die Armee eingezogen worden.<\/p>\n<p>Seit 1890 hatte die deutsche Arbeiter*innenbewegung am 1. Mai immer gro\u00dfe Demonstrationen organisiert. 1915 hatte es keine gegeben und f\u00fcr 1916 war keine geplant. Das Versammlungsrecht war f\u00fcr den Burgfrieden zwischen dem Milit\u00e4r und den Gewerkschaftsb\u00fcrokratien geopfert worden.<\/p>\n<p>Die Kundgebung am Potsdamer Platz, normalerweise Berlins wichtigstes Gesch\u00e4ftsviertel, war illegal. Ein paar tausend Menschen kamen trotzdem. Ein 45-j\u00e4hriger Mann in grauer Soldatenuniform, mit Brille und d\u00fcnner werdendem Haar, stieg \u00fcber die K\u00f6pfe der Menge empor. \u201eNieder mit dem Krieg!\u201c, rief er. \u201eUnd nieder mit der Regierung!\u201c<\/p>\n<p>Er wurde sofort von der Polizei \u00fcberw\u00e4ltigt und weg geschleift. Es handelte sich um Karl Liebknecht, ein Anwalt und sozialdemokratisches Parlamentsmitglied. In den Reichstagssitzungen nutzte er seine parlamentarische Immunit\u00e4t f\u00fcr flammende Reden gegen die imperialistische Schl\u00e4chterei. Aber er war ebenfalls eingezogen worden. Am Ende jeder Sitzung wurde er zur Ostfront geschickt, um Sch\u00fctzengr\u00e4ben auszuheben, bevor er in der Folgewoche zur\u00fcck ins Parlament gebracht wurde.<\/p>\n<p>Liebknechts Kundgebung am 1. Mai war nur im moralischen Sinne ein Erfolg. Sein Parlamentsmandat wurde ihm entzogen, er wurde des Hochverrats angeklagt und ins Gef\u00e4ngnis gesteckt. Doch am Tag von Liebknechts Gerichtsverhandlung einen Monat sp\u00e4ter traten 50.000 Arbeiter*innen aus den Metallfabriken Berlins in den Streik. Sie forderten \u201eFreiheit f\u00fcr Liebknecht!\u201c Weder das Milit\u00e4r noch Liebknecht selbst wussten, wer den Protest organisiert hatte.<\/p>\n<p>Die Aktionen der Arbeiter*innen gegen den Krieg, inspiriert von Liebknechts Mut, w\u00fcrden sp\u00e4ter den Beginn der Novemberrevolution markieren.<\/p>\n<p><strong>Ein deutscher B\u00fcrger*innenkrieg?<\/strong><\/p>\n<p>Am 9. November 1918 st\u00fcrzte ein Massenaufstand des Berliner Proletariats Kaiser Wilhelm II. und beendete den Krieg. Die Hohenzollern-Dynastie hatte Berlin, Preu\u00dfen und das Deutsche Reich fast 500 Jahre lang beherrscht. Ein b\u00fcrgerlicher Journalist beschrieb die Revolution wie einen pl\u00f6tzlichen Zusammenbruch: Am Folgetag schrieb Theodor Wolff, dass vor dem Aufstand \u201eeine riesige Milit\u00e4rorganisation alles zu umfassen schien, in den \u00c4mtern und Ministerien thronte eine scheinbar unbesiegbare B\u00fcrokratie. Gestern fr\u00fch war (\u2026) das alles noch da. Gestern Nachmittag existierte nichts mehr davon.\u201c Doch die Revolution kam nicht so pl\u00f6tzlich, wie sie erschien: Sie offenbarte nur die Widerspr\u00fcche, die seit Jahrzehnten im deutschen Kapitalismus anwuchsen.<\/p>\n<p>Heute ist die Novemberrevolution fast vergessen. Die meisten Menschen in Deutschland kennen die Begriffe \u201eDeutsche Revolution\u201c oder \u201eDeutscher B\u00fcrgerkrieg\u201c nicht. Doch die Ereignisse Ende 1918 und 1919 sind nicht nur ein Wendepunkt in der Geschichte Mitteleuropas, sondern in der Geschichte der menschlichen Zivilisation insgesamt. Die blutige Niederlage der Novemberrevolution war ein entscheidender Moment im \u00dcbergang vom Kapitalismus zum Sozialismus \u2013 einen Moment, den Sozialist*innen heute studieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Formell revolution\u00e4r<\/strong><\/p>\n<p>Die deutsche Sozialdemokratie war 1875 von Wilhelm Liebknecht gegr\u00fcndet worden. Nur drei Jahre sp\u00e4ter wurde sie unter den \u201eSozialistengesetzen\u201c Kaiser Wilhelms I. verboten. Die Parteif\u00fchrung und die Redaktionen gingen ins Exil, w\u00e4hrend die Mitglieder sich in einer Vielzahl legaler Frontorganisationen versammelten: Wandergruppen, Gesangsvereine, Arbeiterbibliotheken und Eckkneipen. Der einzige Ort im Deutschen Reich, in dem sich Sozialist*innen legal organisieren durften, war der Reichstag: Waren sie einmal als Individuen gew\u00e4hlt, erlaubte ihre parlamentarische Immunit\u00e4t es ihnen, als SPD-Vertreter*innen zu sprechen.<\/p>\n<p>Trotz der Illegalit\u00e4t wuchs die SPD weiter; sie erlangte bei den Wahlen 1890 1,4 Millionen Stimmen. Der n\u00e4chste Kaiser Wilhelm (der Zweite) musste die Partei legalisieren und ihr Wachstum beschleunigte sich. Bei den Wahlen von 1912 erlangte die SPD knapp \u00fcber 4 Millionen Stimmen (fast 35 Prozent) und 110 Sitze im Parlament, wodurch sie die st\u00e4rkste Reichstagsfraktion wurde.<\/p>\n<p>In all diesen Jahrzehnten blieb die SPD ihren revolution\u00e4r-marxistischen Wurzeln treu \u2013 zumindest in der Theorie. 40 Jahre Wachstum des deutschen Kapitalismus hatten der Arbeiter*innenklasse kontinuierliche Verbesserungen ihrer Lebensbedingungen gebracht \u2013 und viele Proletarier*innen begannen zu glauben, dass das unendlich so weiter gehen w\u00fcrde, bis der Sozialismus erreicht sei. Die SPD war parallel zum Reich gewachsen, betrieb dutzende Zeitungen, riesige landesweite Gewerkschaften (mit riesigen B\u00fcrokratien) und war die st\u00e4rkste Partei im Parlament.<\/p>\n<p>Die Partei teilte sich langsam in drei Fl\u00fcgel: 1) einen rechten Fl\u00fcgel um Friedrich Ebert, einen gesichtslosen B\u00fcrokraten ohne jede politische Vision, der innerhalb des Reichs langsam Macht gewinnen wollte. 2) einen linken Fl\u00fcgel, angef\u00fchrt von Rosa Luxemburg, einer Theoretikerin und Agitatorin, die aus dem zaristischen Polen immigriert war und glaubte, dass revolution\u00e4re Aktionen zum Sturz des Kapitalismus n\u00f6tig sein w\u00fcrden. 3) ein \u201emarxistisches Zentrum\u201c, das mit Karl Kautsky und Hugo Haase in Verbindung stand und die Einheit der Partei zwischen diesen beiden unvers\u00f6hnlichen Fl\u00fcgeln um jeden Preis aufrecht erhalten wollte. Das Zentrum verteidigte die \u201ebew\u00e4hrten Taktiken\u201c der vorangegangenen Jahrzehnte, die aus reformistischer Praxis in Kombination mit revolution\u00e4ren Reden bestanden.<\/p>\n<p>Die SPD war eine antimilitaristische Partei, die stets erkl\u00e4rt hatte: \u201eNicht einen Mann, nicht einen Pfennig\u201c f\u00fcr die kaiserliche Kriegsmaschinerie. Der Stuttgarter Kongress der Sozialistischen Internationale 1907 hatte beschlossen, dass im Falle eines imperialistischen Krieges alle sozialistischen Parteien \u201emit allen Kr\u00e4ften [\u2026] die durch den Krieg herbeigef\u00fchrte wirtschaftliche und politische Krise zur politischen Aufr\u00fcttelung der Volksschichten und zur Beschleunigung des Sturzes der kapitalistischen Klassenherrschaft auszunutzen.\u201c<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong> August<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Im Sommer 1914, als die Spannungen unter den Gro\u00dfm\u00e4chten die Welt Schritt um Schritt an den Rand des Krieges brachten, erwarteten viele, dass die SPD ihren antimilitaristischen Prinzipien treu bleiben w\u00fcrde. Am 25. Juli enthielt die Berliner Ausgabe der SPD-Zeitung Vorw\u00e4rts eine Erkl\u00e4rung der SPD-F\u00fchrung: \u201eWir wollen keinen Krieg! Nieder mit dem Krieg! Hoch die internationale V\u00f6lkerverbr\u00fcderung!\u201c\u00a0 Die Partei organisierte Friedensdemonstrationen im ganzen Land und schickte ihre Parteikasse in die Schweiz, um sich auf ein erneutes Verbot vorzubereiten. Die Milit\u00e4rf\u00fchrung, die Oberste Heeresleitung (OHL), war ihrerseits darauf vorbereitet, alle 110 sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten zu verhaften, sobald der Krieg erkl\u00e4rt war.<\/p>\n<p>Ab dem 1. August schwirrten Kriegserkl\u00e4rungen um die Welt. Der Reichstag wurde f\u00fcr den 4. August zur Abstimmung \u00fcber Kriegskredite zusammengerufen. Und jedes einzelne sozialdemokratische Parlamentsmitglied stimmte \u2013 daf\u00fcr. \u201eWir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich.\u201c, erkl\u00e4rte Hugo Haase, Vorsitzender der Reichstagsfraktion. Als der russische Revolution\u00e4r W.I. Lenin in seinem Schweizer Exil eine Ausgabe des Vorw\u00e4rts in die Hand bekam, die von der Abstimmung berichtete, war er \u00fcberzeugt, dass es eine F\u00e4lschung der OHL sein m\u00fcsste. Rosa Luxemburg, die nicht nur die sch\u00e4rfste Kritikerin des \u201erevisionistischen\u201c rechten Fl\u00fcgels der Partei gewesen war, sondern auch die leeren Phrasen des Zentrums durchschaut hatte, hatte am Tag zuvor gesagt, dass sie besorgt sei, dass die SPD-Fraktion sich enthalten w\u00fcrde. Nach der Abstimmung sagte sie ihren Genoss*innen, dass sie an Selbstmord aus Protest dachte. Die deutsche Arbeiter*innenbewegung war v\u00f6llig orientierungslos \u2013 nicht eine einzige Stimme war irgendwo gegen den Krieg zu h\u00f6ren!<\/p>\n<p>Hinter den Kulissen hatte es Verhandlungen zwischen der SPD-F\u00fchrung und der OHL gegeben. Die sozialdemokratischen B\u00fcrokratien w\u00fcrden alles tun, um ihre Legalit\u00e4t und ihr Eigentum zu behalten. Die Gener\u00e4le verstanden es auch, der reformistischen Linken den Krieg schmackhaft zu machen: Hatten Marx und Engels nicht schon 1848 einen revolution\u00e4ren Krieg Deutschlands gegen den russischen Zaren gefordert? Waren die begrenzten demokratischen Freiheiten f\u00fcr die Arbeiter*innenbewegung im Deutschen Reich nicht etwas, das gegen die Bedrohung durch den russischen Absolutismus verteidigt werden m\u00fcsste? Es ging angeblich \u00fcberhaupt nur um das Recht Deutschlands auf Selbstbestimmung gegen die Aggression des Zaren. Am 3. August hielt die SPD-Reichstagsfraktion eine interne Abstimmung \u00fcber die Kriegskredite ab \u2013 78 waren daf\u00fcr, nur 14 waren dagegen. Die lange SPD-Tradition der Fraktionsdisziplin bedeutete, dass auch die Gegner*innen der Kriegskredite sich der Mehrheit unterwarfen und mit Ja stimmten. Haase, aus dem Zentrum, war gegen die Kriegskredite, aber erkl\u00e4rte sich bereit, die Erkl\u00e4rung selbst vorzulesen \u2013 er wurde von den b\u00fcrgerlichen und monarchistischen Parteien bejubelt.<\/p>\n<p>Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Deutschland die gro\u00dfe Bastion der weltweiten Arbeiter*innenbewegung. Es war ein hoch entwickeltes Industrieland mit einer gut organisierten Arbeiter*innenklasse, angef\u00fchrt von einer sehr m\u00e4chtigen Partei mit einem riesigen Apparat, die sich als Anh\u00e4ngerin der Theorien von Marx und Engels verstand. Sozialist*innen auf aller Welt sahen die SPD als Vorbild und feierten ihre Wahlerfolge als ihre eigenen.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund war der 4. August \u2013 der Tag, an dem sich diese Partei mit ihrem ganzen Gewicht hinter ihre eigene imperialistische Bourgeoisie stellte, um den Ersten Weltkrieg auszutragen \u2013 eine enorme materielle und moralische Niederlage. Ihre \u201ekleineren Geschwister\u201c, die meisten sozialistischen Parteien der kriegsf\u00fchrenden L\u00e4nder, wurden genauso abtr\u00fcnnig.<\/p>\n<p>Doch der Faden der historischen Kontinuit\u00e4t wurde nicht ganz abgerissen. Der linksradikale Fl\u00fcgel der deutschen Sozialist*innen unter F\u00fchrung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht beteiligte sich gemeinsam mit rebellischen Internationalist*innen aus den anderen L\u00e4ndern im Krieg am Wiederaufbau der Internationale.<\/p>\n<p><strong>Ein Mann, so fest wie eine Eiche<\/strong><\/p>\n<p>Der Krieg sollte nur ein paar Wochen dauern \u2013 die Jungs sollten schon Weihnachten wieder zuhause sein. Doch als die Monate vergingen und die Sch\u00fctzengr\u00e4ben sich in ganz Europa ausbreiteten, wurden immer mehr junge M\u00e4nner in S\u00e4rgen zur\u00fcckgeschickt. Die deutsche Regierung gab jeden Anschein eines \u201eVerteidigungskrieges\u201c auf, als das neutrale Belgien besetzt wurde. Regierungsminister (und sogar f\u00fchrende SPD-Politiker) begannen, offen \u00fcber die Annexion von Gebieten in Belgien oder Nordfrankreich bei Kriegsende zu sprechen.<\/p>\n<p>Im Dezember musste der Reichstag \u00fcber eine zweite Kreditlinie abstimmen. Liebknecht war in Belgien gewesen und hatte dort mit Sozialist*innen gesprochen. Dieses Mal brach er die Disziplin und erkl\u00e4rte, der Krieg handele nicht von nationaler Verteidigung: \u201eEs handelt sich um einen imperialistischen Krieg, einen Krieg um die kapitalistische Beherrschung des Weltmarktes.\u201c Und Liebknecht stimmte mit Nein. Ein zweiter SPD-Abgeordneter, Otto R\u00fchle, enthielt sich bei der Abstimmung, indem er zur Toilette ging. Endlich gab es eine Stimme \u2013 eine einzelne Stimme \u2013, die sich gegen die Schl\u00e4chterei aussprach. Liebknecht wurde f\u00fcr Millionen zum Helden. Ein deutsches Arbeiterlied nannte ihn sp\u00e4ter einen \u201eMann, so fest wie eine Eiche\u201c. Als eine dritte Abstimmung anstand, im M\u00e4rz 1915, stimmten sowohl Liebknecht als auch R\u00fchle gegen die Kriegskredite \u2013 und Liebknecht wurde an die Front geschickt, um Sch\u00fctzengr\u00e4ben auszuheben, wodurch ihm jede politische Aktivit\u00e4t au\u00dferhalb des Parlaments verwehrt blieb.<\/p>\n<p>Liebknecht war, um den modernen chinesischen Begriff zu nutzen, ein \u201eroter Prinz\u201c \u2013 als Sohn des Parteigr\u00fcnders war er wegen seines Namens besser bekannt als wegen seiner politischen Arbeit. Als gelernter Anwalt hatte Liebknecht einen gewissen Bekanntheitsgrad als Verteidiger der sozialistischen Jugendorganisationen und ihres Rechts auf Unabh\u00e4ngigkeit von der Parteib\u00fcrokratie erlangt. 1907 wurde er mit 37 Jahren zum Vorsitzenden der Sozialistischen Jugendinternationale gew\u00e4hlt. F\u00fcr sein Buch gegen den Militarismus wurde er zu eineinhalb Jahren Haft wegen Hochverrats verurteilt. Wenn Sozialdemokrat*innen eine derartige Repression erfuhren, hob die Partei sie oft in die Parlamente, damit sie Immunit\u00e4t erlangen. So bekam Liebknecht einen Sitz im Reichstag. Der Historiker Sebastian Haffner beschreibt ihn als einen \u201eunbekannten Hinterb\u00e4nkler\u201c vor 1914.<\/p>\n<p><strong>Zentrist*innen und Revolution\u00e4r*innen<\/strong><\/p>\n<p>Der Krieg dauerte einen ersten Winter, und dann einen zweiten. Familien der Arbeiter*innenklasse mussten gr\u00f6\u00dftenteils auf Kartoffeln verzichten \u2013 ganz zu schweigen von Fleisch \u2013 und von R\u00fcben \u00fcberleben. Der Unmut wuchs. Im Mai 1916 zettelten junge Arbeiter*innen in Brunswick Unruhen gegen die K\u00fcrzung ihrer L\u00f6hne an.<\/p>\n<p>Der wachsende Unmut spiegelte sich auch in der SPD-Reichstagsfraktion wider. Bis Januar 1916 war die Anzahl der Abgeordneten, die gegen neue Kriegskredite stimmten, auf 20 angewachsen \u2013 und bald wurden alle 20 aus der Partei ausgeschlossen. Sie konstituierten sich als \u201eSozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft\u201c im Reichstag. Zu Ostern 1917 gr\u00fcndeten sie die Unabh\u00e4ngige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD). Die Rumpfpartei wurde als Mehrheits-SPD bekannt (MSPD).<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg nannte die USPD eine \u201eeine Partei der Halbheit und der Zweideutigkeit.\u201c Die Unabh\u00e4ngigen \u2013 unter ihnen auch das alte Parteizentrum um Karl Kautsky, aber auch Revisionist*innen wie Eduard Bernstein \u2013 waren Pazifist*innen, keine Revolution\u00e4r*innen. Sie wollten den Krieg beenden, um zur alten Sozialdemokratie und ihren \u201ebew\u00e4hrten Taktiken\u201c zur\u00fcckzukehren \u2013 aber sie hatten keinerlei Absicht, f\u00fcr das Ende des Krieges mit einem Aufstand zu k\u00e4mpfen. Kautsky erkl\u00e4rte bekannterma\u00dfen: \u201edie Internationale ist kein wirksames Werkzeug im Kriege, sie ist im Wesentlichen ein Friedensinstrument.\u201c Diese Zentrist*innen brachen mit der sozial-imperialistischen Mehrheit ihrer Partei erst dann, als sie ausgeschlossen wurden.<\/p>\n<p>Der linke Fl\u00fcgel der alten Sozialdemokratie organisierte sich im Gegensatz dazu, sobald der Krieg ausbrach. Ein Kern, darunter Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, der fast 70-j\u00e4hrige Franz Mehring, Julian Marchlewski (Karski), Ernst Meyer und Clara Zetkin gr\u00fcndeten Anfang 1915 die \u201eGruppe \u201eInternationale\u201c. Sie ver\u00f6ffentlichten eine Ausgabe einer legalen Zeitschrift, die sofort von den Autorit\u00e4ten konfisziert wurde. Luxemburg war vor dem Krieg wegen \u201eMajest\u00e4tsbeleidigung\u201c in einer Rede ins Gef\u00e4ngnis geworfen worden. Sie war nur kurz auf freiem Fu\u00df und wurde dann in \u201eSchutzhaft\u201c gesteckt (d.h. ohne konkrete Vorw\u00fcrfe), bis die Revolution ausbrach. Doch mit ihrer grenzenlosen Energie und ihrem literarischen Talent f\u00fchrte Luxemburg die revolution\u00e4re Linke mit Briefen an, die aus dem Gef\u00e4ngnis geschmuggelt wurden. Ihre Unterst\u00fctzer*innen begannen bald, illegale Flugbl\u00e4tter herauszugeben. Ernst Meyer, der mit dem Druck beauftragt war, erdachte den Namen \u201eSpartakus\u201c. Luxemburg fand den Namen schrecklich, aber die Flugbl\u00e4tter zirkulierten in ganz Deutschland und \u201eSpartakus\u201c wurde f\u00fcr Millionen zu einem Symbol. Am Neujahrstag 1916 wurde der \u201eSpartakusbund\u201c in Karl Liebknechts Anwaltsb\u00fcro gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Die Spartakist*innen traten der USPD bei, als diese eineinhalb Jahre sp\u00e4ter gegr\u00fcndet wurde. Die Partei bot den Revolution\u00e4r*innen, die unter st\u00e4ndiger Verhaftung von Polizei und Milit\u00e4r litten, einen legalen Rahmen, in dem sie arbeiten konnten. Der Spartakusbund hatte nie mehr als ein paar hundert Mitglieder \u2013 sie wollten die USPD nutzen, um die hunderttausenden Arbeiter*innen zu erreichen, die dort organisiert waren. Luxemburgs Texte sparten nie mit Kritik an den schwankenden, feigen Positionen der USPD-Anf\u00fchrer*innen. In einigen St\u00e4dten, in denen die Linke relativ stark war, wie in Stuttgart oder Chemnitz, weigerten sich die lokalen Spartakist*innen, in die neue zentristische Partei einzutreten. Es war der zentrale Anf\u00fchrer des Bundes w\u00e4hrend des Krieges, Luxemburgs lebenslanger Gef\u00e4hrte Leo Jogiches, der erfolgreich darauf bestand, dass sie alle in die USPD eintr\u00e4ten. In einer Stadt, Bremen, war die radikale Linke stark genug, um die gesamte lokale Parteiorganisation zu \u00fcbernehmen und die Reformist*innen und Zentrist*innen auszuschlie\u00dfen. Diese \u201eBremer Linksradikalen\u201c um Johann Knief und Paul Fr\u00f6hlich sind nie in den Spartakusbund eingetreten, eben weil sie nicht in die USPD eintreten wollten und stattdessen f\u00fcr die Gr\u00fcndung einer neuen revolution\u00e4ren Partei k\u00e4mpften \u2013 diese Gruppe wurde sp\u00e4ter zu den Internationalen Kommunisten Deutschlands (IKD).<\/p>\n<p><strong>Ein erster Streik<\/strong><\/p>\n<p>Im Juni 1916, als Liebknecht wegen Hochverrats angeklagt wurde, streikten 50.000 Berliner Arbeiter*innen f\u00fcr seine Freilassung. Niemand wusste, wer diese Massenaktion organisiert hatte. Erst beim Aufstand mehr als zwei Jahre sp\u00e4ter trat diese verschw\u00f6rerische Gruppe \u2013 ohne Zeitung, Sprecher*innen oder auch nur einen Namen \u2013 in die \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Zu Beginn des Krieges begannen gewerkschaftliche Vertrauensleute in Berlin (Arbeiter*innen, die in den Fabriken gew\u00e4hlt wurden, um ihre Kolleg*innen zu vertreten, genannt Obleute), sich zu treffen, weil sie den \u201eBurgfrieden\u201c und das Verbot von Streiks ablehnten. Unter der F\u00fchrung des Metallarbeiters Richard M\u00fcller radikalisierten sie sich bald und positionierten sich gegen den Krieg selbst. Jedes einzelne der dutzenden Mitglieder dieser Gruppe war aus einer Fabrik delegiert. So konnten sie die Stimmung des gesamten Berliner Proletariats messen und Aktionsaufrufe an jeden Arbeitsplatz bringen \u2013 ohne sich je in der \u00d6ffentlichkeit zu zeigen. Diese Gruppe wurde sp\u00e4ter durch eine blo\u00dfe Beschreibung bekannt: die Revolution\u00e4ren Obleute.<\/p>\n<p>Mit jedem Winter hungerten die Arbeiter*innen mehr, w\u00e4hrend die Kapitalist*innen obsz\u00f6ne Profite machten. Wie Luxemburg schrieb: \u201eDie Proletarier fallen und die Dividenden steigen.\u201c Nach dem Liebknecht-Streik 1916 organisierten die Revolution\u00e4ren Obleute immer gr\u00f6\u00dfere Aktionen. 100.000 Arbeiter*innen gingen im April 1917 in Berlin auf die Stra\u00dfe (der \u201eBrotstreik\u201c). Im darauffolgenden Januar streikten eine Viertel Million Arbeiter*innen eine ganze Woche lang (die \u201eMunitionsarbeiterstreiks\u201c). So wie die Proteste wuchsen, wurden sie immer politischer: Sie forderten gr\u00f6\u00dfere Rationen f\u00fcr Arbeiter*innen, aber auch sofortigen Frieden sowie demokratische Reformen. Frauen, die in die Fabriken gestr\u00f6mt waren, um die Millionen M\u00e4nner zu ersetzen, die an die Front geschickt worden waren, spielten in diesen Streiks eine riesige Rolle \u2013 eine Rolle, die damals wie heute gr\u00f6\u00dftenteils \u00fcbersehen wird.<\/p>\n<p><strong>Das Kriegsende<\/strong><\/p>\n<p>Gegen Ende des Sommers 1918 hatte die Oberste Heeresleitung entschieden, dass der Krieg vorbei war. Es gab daf\u00fcr viele Gr\u00fcnde: Die USA waren in den Krieg eingetreten und hatte Millionen frischer amerikanischer Truppen nach Frankreich gesandt. Der deutsche U-Boot-Krieg im Atlantik war gescheitert. \u00d6sterreich-Ungarn brach unter Hungerunruhen in der Hauptstadt und nationalen Bewegungen in der Peripherie zusammen. Die Gener\u00e4le hatten gehofft, dass der Brest-Litowsk-Vertrag, mit dem sie Russlands Sowjetregierung zur Abgabe riesiger Gebiete an deutsche Protektorate gezwungen hatten, es ihnen erlauben w\u00fcrde, Truppen von der Ostfront abzuziehen und alles gegen den Westen zu werfen. Doch die revolution\u00e4ren Partisanenk\u00e4mpfe in der Ukraine waren so hart, dass die deutschen Armeen dort feststeckten \u2013 und selbst mit revolution\u00e4ren Ideen infiziert wurden.<\/p>\n<p>Proteste im Deutschen Reich flammten auf, als die Arbeiter*innenklasse sah, dass die neue revolution\u00e4re Arbeiter- und Bauernregierung in Russland einen sofortigen und bedingungslosen Frieden forderte. Was war nun mit dem \u201eVerteidigungskrieg\u201c gegen den Zaren? Nach zwei gescheiterten Offensiven in Frankreich mit hunderttausenden Toten auf beiden Seiten entschieden die Gener\u00e4le, dass ein deutscher Sieg schlicht unm\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Der stellvertretende Chef der OHL, der reaktion\u00e4re Fanatiker und das strategische Genie Erich Ludendorff, hatte eine gro\u00dfe Sorge: Wie konnte er nach der unvermeidbaren Niederlage die Macht und das Prestige des aristokratischen Offizierskorps erhalten? Vier Jahre lang hatten die Gener\u00e4le das Land wie eine Diktatur gef\u00fchrt \u2013 jetzt \u00fcberzeugte Ludendorff den Kaiser, eine \u201edemokratische\u201c Regierung zu etablieren. Zum ersten Male w\u00fcrde der Kanzler nicht vom Kaiser ernannt werden, sondern von einer Mehrheit des Reichstags gew\u00e4hlt werden. Ein liberaler Aristokrat, Max von Baden, wurde zum Kopf einer Regierung ernannt, die sozialdemokratische Minister ohne Profil beinhaltete. Die SPD-F\u00fchrung hatte die \u201eDemokratisierung\u201c des Reichs erreicht, und dabei eine Scheibe der Macht abbekommen.<\/p>\n<p>Diese neue \u201edemokratische\u201c Regierung w\u00fcrde mit den Alliierten \u00fcber die erniedrigenden Bedingungen der Kapitulation verhandeln m\u00fcssen. Pl\u00f6tzlich erkl\u00e4rten diese Gener\u00e4le \u2013 die gerade noch unter sich den Krieg als ungewinnbar eingestuft hatten \u2013, dass diese Bedingungen inakzeptabel w\u00e4ren und sie bis zum Ende weiter k\u00e4mpfen w\u00fcrden. Ludendorffs Berechnung war teuflisch: Obwohl er selbst bestimmt hatte, dass der Krieg verloren war, konnte er nun die Legende spinnen, das deutsche Heer sei \u201eauf dem Schlachtfeld unbesiegt.\u201c Er behauptete nun, dass die Armee nur deshalb verloren hatte, weil sie von Sozialist*innen \u201ein den R\u00fccken gestochen\u201c worden war, die an der Heimatfront protestiert hatten. Diese \u201eDolchsto\u00dflegende\u201c verbreitete sich in Deutschland jahrzehntelang.<\/p>\n<p><strong>Die Matrosen von Kiel<\/strong><\/p>\n<p>Einen Monat lang tauschte Deutschlands neue Regierung diplomatische Noten mit der Wilson-Regierung in Washington aus. Die Soldaten blieben in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben, aber die K\u00e4mpfe waren gr\u00f6\u00dftenteils vorbei. Es sprach sich herum: Frieden war nur eine Frage der Zeit.<\/p>\n<p>Die deutsche Marine hatte andere Pl\u00e4ne. Seit dem Scheitern des U-Boot-Krieges 1916 hatten sie nicht viel zu tun. Ihre sch\u00f6nen Schlachtschiffe steckten im Hafen fest, hilflos gegen die weit \u00fcberlegene britische Flotte. Admiral Reinhard Scheer entschied, dass man so keinen Krieg beenden k\u00f6nne. Er befahl der deutschen Flotte, in eine letzte hoffnungslose Schlacht zu ziehen \u2013 80.000 Matrosen sollten ertrinken, um die Ehre ihre aristokratischen Offiziere zu retten.<\/p>\n<p>Die Flotte war schon seit Jahren ein Schwerpunkt sozialistischer Organisierung gewesen. Die Matrosen, die gebraucht wurden, um diese massiven Kriegsschiffe zu bedienen, wurden unter Facharbeitern rekrutiert, wo sozialistische Organisationen am st\u00e4rksten waren. Nirgends waren die Klassenwiderspr\u00fcche des imperialistischen Milit\u00e4rs so offensichtlich: In den engen G\u00e4ngen eines Schiffs kommandierte eine Handvoll adliger Offiziere hunderte proletarische Matrosen. Schon 1917 hatte es eine Reihe von Meutereien gegeben, die mit Exekutionen bestraft wurden.<\/p>\n<p>Als der letzte Befehl zum Auslaufen Ende Oktober 1918 ankam, rebellierten die Matrosen. In Schiffen, die vor der K\u00fcstenstadt Wilhelmshaven ankerten, verhafteten sie ihre Offiziere und hissten rote Fahnen. Diese ersten Meuterer wurden schlie\u00dflich verhaftet und nach Kiel transportiert. Dort fanden gr\u00f6\u00dfere Meutereien statt, als die Matrosen sich weigerten, mit den Schiffen auszulaufen. Stattdessen gingen sie an Land und marschierten durch die Stadt. Sie verbanden sich mit den Arbeiter*innen vor Ort und forderten Freiheit f\u00fcr ihre verhafteten Kameraden. Es gab Stra\u00dfenschlachten mit der Polizei und mindestens neun Tote. Am 4. November erkl\u00e4rte ein Soldatenrat, dass er die Macht in der Stadt \u00fcbernommen habe. Am Folgetag traten die Arbeiter*innen in einen Generalstreik, legten die ganze Stadt lahm und schufen ein Organ, das bestimmend f\u00fcr die deutsche Revolution sein w\u00fcrde: den Arbeiter- und Soldatenrat.<\/p>\n<p>Von Kiel aus wurden ins ganze Reich Botschafter*innen verschickt. Der Aufstand verbreitete sich von Stadt zu Stadt. Jeden Tag w\u00e4hlten mehr St\u00e4dte Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te. Jeden Tag mussten Monarchen der 22 Kleinstaaten, aus denen das Deutsche Reich bestand, von ihrem Thron steigen. Aber niemand wusste, wann die revolution\u00e4re Welle Berlin erreichen w\u00fcrde, die Bastion der preu\u00dfischen B\u00fcrokratie und des Militarismus.<\/p>\n<p>Die deutschen Arbeiter*innen waren auch nicht allein. Die Arbeiter*innen- und Bauern*B\u00e4uerinnen-Regierung, angef\u00fchrt von der bolschewistischen Partei, war seit einem Jahr an der Macht in Russland. Die sozialistischen Internationalist*innen in aller Welt verfolgten die Ereignisse in Deutschland mit erneuter Hoffnung: Die Ausdehnung der Revolution nach Westen, um die wahren Bastionen des Weltkapitalismus zu st\u00fcrmen und entscheidende Schritte zu unternehmen, um den Kommunismus in eine praktische Aufgabe der Stunde zu verwandeln.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/vor-100-jahren-betreten-revolutionaerinnen-in-deutschland-den-rasen\/\">klassegegenklasse.org&#8230;<\/a> vom 10. November 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wladek Flakin. Ein alter Witz besagt, dass die Deutschen nie eine Revolution machen werden, weil sie daf\u00fcr den Rasen betreten m\u00fcssten. 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