{"id":4311,"date":"2018-11-11T10:53:10","date_gmt":"2018-11-11T08:53:10","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4311"},"modified":"2018-11-11T16:58:33","modified_gmt":"2018-11-11T14:58:33","slug":"die-oesterreichische-raetebewegung-zwischen-reformismus-und-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4311","title":{"rendered":"Die \u00f6sterreichische R\u00e4tebewegung: Zwischen Reformismus und Revolution"},"content":{"rendered":"<p><em>David Reisinger.<\/em> A<strong>ls Reaktion auf die Russische Revolution entstanden in ganz Europa Arbeiter_innenr\u00e4te. \u00d6sterreich war 1919 zwischen zwei R\u00e4terepubliken, Ungarn und M\u00fcnchen, eingekeilt. Die R\u00e4te<!--more--> verstanden sich als Gegenpol zum Parlamentarismus. In \u00d6sterreich gab es keine Kraft welche die Errichtung einer R\u00e4terepublik h\u00e4tte verhindern k\u00f6nnen. Die Sozialdemokratie(SDAP) versuchte den R\u00e4ten den revolution\u00e4ren Stachel zu nehmen. Dies gelang ihr jedoch nicht ohne Widerstand.<\/strong><\/p>\n<p>Nach Marx beruht die b\u00fcrgerliche Gesellschaft darauf, dass Arbeiter_innen doppelt frei sind. Sie k\u00f6nnen sich ihre Vertr\u00e4ge mit den Kapitalisten frei aushandeln und werden nicht zur Arbeit gezwungen, in liberalen Gesellschaften wird ihnen mit der \u201eMeinungsfreiheit\u201c sogar das Recht zum Meckern gew\u00e4hrt. Genauso sind sie aber auch frei vom Besitz an Produktionsmitteln. Sie haben keinen Einfluss auf die Produkte ihrer eigenen Arbeit, diese geh\u00f6ren ausschlie\u00dflich ihrem Boss.<\/p>\n<p>In einer parlamentarischen Demokratie haben Arbeiter_innen alle f\u00fcnf Jahre ein minimales Mittbestimmungsrecht in politischen Fragen, von den wirklich wichtigen Fragen \u2013 was wird produziert in welcher Menge und wem geh\u00f6rt das Produzierte \u2013 sind sie ausgeschlossen. Diese Trennung zwischen \u00f6konomischer und politischer Sph\u00e4re wird durch das R\u00e4tekonzept aufgehoben. Die Produzent_innen des gesellschaftlichen Reichtums \u00fcbernehmen die Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber ihre eigenen Produkte.<\/p>\n<p>In offenen demokratischen Wahlen werden Delegierte gew\u00e4hlt, welche dann im Auftrag der Arbeiter_innenklasse die Produktion organisieren. Im Gegensatz zu den Parlamentariern sind R\u00e4tedelegierte jederzeit abw\u00e4hlbar. In \u00d6sterreich konnten 1918 schon 10% der Belegschaft Neuwahlen verlangen. Deshalb ist das R\u00e4tekonzept viel demokratischer als der Parlamentarismus.<\/p>\n<p>Wer wei\u00df schon welcher Parlamentsabgeordnete f\u00fcr seinen Wahlkreis im Nationalrat sitzt? Es gibt auch keinen Grund das zu wissen, weil er\/sie sowieso f\u00fcnf Jahre lang tun kann, was er\/sie will. Den R\u00e4tedelegierten des Betriebes kannten alle Arbeiter_innen pers\u00f6nlich, er war ihnen direkte Rechenschaft schuldig.<\/p>\n<p>Die \u00f6sterreichische R\u00e4tebewegung ist mit Abstand das spannendste was in diesem Land jemals passiert ist, trotzdem ist ihre Geschichte unbekannt.<\/p>\n<p><strong>Entstehung der R\u00e4te<\/strong><\/p>\n<p>Als der J\u00e4nnerstreik am 14. J\u00e4nner 1918 in Wiener Neustadt begann, w\u00e4hlten die Arbeiter_innen Delegierte, welche f\u00fcr die Organisierung und Ausbreitung des Streiks verantwortlich waren. So entstand der erste Arbeiter_innenrat. Im Zuge der Ausweitung des Streiks in den folgenden Stunden und Tagen wurden in allen Betrieben Arbeiter_innenr\u00e4te gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Arbeiter_innenr\u00e4te hatte es vor dem J\u00e4nnerstreik in \u00d6sterreich noch nie gegeben. In Russland hatten die Sowjets (=R\u00e4te) eine entscheidende Rolle beim Sturz des Zarenreiches gespielt. Die Sowjets waren den \u00f6sterreichischen Arbeiter_innen aus Erz\u00e4hlungen von heimkehrenden Kriegsgefangenen bekannt.<\/p>\n<p>Aus der Inspiration des russischen Beispiels und der Notwendigkeit, der organisierten Staatsgewalt eine organisierte Gegenmacht der Arbeiter_innenbewegung entgegenzustellen, entstand die R\u00e4tebewegung von unten aus dem spontanen Bewusstsein der Werkt\u00e4tigen. Am 16. J\u00e4nner rief die SDAP in der Arbeiter-Zeitung zur Bildung von R\u00e4ten auf. Sie tat dies, um den R\u00fcckhalt in der Arbeiter_innenbewegung nicht g\u00e4nzlich zu verlieren.<\/p>\n<p><strong>Spalt in der SDAP<\/strong><\/p>\n<p>Am 2. Februar 1918 trat die SDAP zum nieder\u00f6sterreichischen Parteitag zusammen. Auf dem Treffen wurden die R\u00e4te in die Statuten der SDAP aufgenommen; nur Arbeiter_innen, die Mitglieder in der SDAP waren, konnten in den R\u00e4ten mitarbeiten. Schon w\u00e4hrend des J\u00e4nnerstreiks hatte die SDAP sichergestellt, dass sowohl die Gewerkschaft als auch die Parteif\u00fchrung einen fixen Platz im Wiener Generalrat hatten. Durch diese Schritte sollten die R\u00e4te unter Kontrolle der Partei gestellt werden.<\/p>\n<p>Innerhalb der SDAP gab es einen Spalt zwischen einem revolution\u00e4ren Teil der Basis und der staatstragenden Parteif\u00fchrung. Ein Vertreter des Wiener Neust\u00e4dter Arbeiterrates, Eduard Sch\u00f6nfeld, kritisierte am Parteitag die Integrierung der R\u00e4te in die SDAP und beschwerte sich dar\u00fcber, dass die Entscheidung zur Beendigung des J\u00e4nnerstreiks durch eine Abstimmung im Wiener Arbeiterrat ohne R\u00fccksprache mit Rest-\u00d6sterreich erfolgte.<\/p>\n<p>Er forderte die Organisation der R\u00e4te nach dem Beispiel Wiener Neustadts \u2013 dort hatte die SDAP-Parteif\u00fchrung nur eine beratende Funktion, die Entschl\u00fcsse wurden einzig und alleine von den Besch\u00e4ftigten gef\u00e4llt. Andere Parteimitglieder folgten seiner Argumentation und griffen die SDAP-Parteif\u00fchrung scharf an: Leider verlor dieser kritische Fl\u00fcgel die Abstimmungen um die Ausrichtung der R\u00e4te.<\/p>\n<p>Die SDAP \u201ebedankte\u201c sich bei Sch\u00f6nfeld f\u00fcr seine kritischen Worte, indem sie wohlwollend zusah, wie dieser zum Milit\u00e4rdienst abkommandiert wurde. Nach der Einberufung Sch\u00f6nfelds zur Front wurde der Wiener Neust\u00e4dter Rat umgestaltet; Parteifunktion\u00e4re ersetzten einfache Arbeiter_innen.<\/p>\n<p><strong>Die Macht lag auf der Stra\u00dfe<\/strong><\/p>\n<p>Im Zuge des Novemberumsturzes wurden die R\u00e4te zum bestimmenden Machtfaktor. Die einfachen Menschen versp\u00fcrten keinerlei Lust, den alten Habsburgerb\u00fcrokraten irgendwelche Machtpositionen zuzugestehen. Soldatenr\u00e4ten und Arbeiter_innenr\u00e4ten \u00fcbernahm die Kontrolle \u00fcber die Lebensmittelversorgung.<\/p>\n<p>Von 1919-1924 wurden etwas mehr als 40.000 Wohnungen von den R\u00e4ten enteignet und an Obdachlose zugeteilt. In Betrieben wurde mit dem 8-Stunden Tag die \u00e4lteste Forderung der Arbeiter_innenbewegung durchgesetzt. Reihenweise Sozialgesetzte, die teilweise bis heute bestehen, wurden erlassen bspw. bezahlter Urlaub, Betriebsr\u00e4tegesetz, und viele mehr.<\/p>\n<p>Offen wurde \u00fcber die Frage debattiert ob Betriebe unter Arbeiter_innenkontrolle gestellt werden. Dies w\u00e4re eine reale M\u00f6glichkeit gewesen. Der \u201eCheftheoretiker\u201c der SDAP Otto Bauer schrieb in seinem Buch Die \u00f6sterreichische Revolution: \u201eArbeiter und Soldaten h\u00e4tten jeden Tag die Diktatur des Proletariats aufrichten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es gab keine Gewalt, sie daran zu hindern.\u201c Doch die SDAP wollte eine parlamentarische Demokratie mit kapitalistischer Wirtschaftsordnung. F\u00fcr den Februar 1919 wurden Parlamentswahlen organisiert.<\/p>\n<p><strong>Parlament statt Sozialismus<\/strong><\/p>\n<p>Innerhalb der R\u00e4tebewegung war die Entscheidung zwischen Parlament und R\u00e4terepublik noch nicht gefallen. Auf Grund von Druck der Basis musste die SDAP am 2. M\u00e4rz (kurz nach den Parlamentswahlen) einen R\u00e4tekongress einberufen. Auf dem Kongress wurden die R\u00e4te f\u00fcr alle sozialistischen Parteien ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Bei den R\u00e4tewahlen im Fr\u00fchjahr 1919 w\u00e4hlten 870.000 Arbeiter_innen. Trotzdem ging aus den Debatten am Kongress hervor, die R\u00e4te sollten die parlamentarische Demokratie \u201eentscheidend beeinflussen\u201c, aber nicht ersetzen!<\/p>\n<p><strong>Spalt in der R\u00e4tebewegung<\/strong><\/p>\n<p>Am 21. M\u00e4rz 1919 wurde in Budapest eine R\u00e4terepublik, unter der F\u00fchrung Bela Kuns, ausgerufen. Als konterrevolution\u00e4re Truppen gegen die R\u00e4terepublik marschierten, kam es im Wiener Kreisarbeiterrat auf Bestreben der Kommunisten zu einer Abstimmung \u00fcber einen Solidarit\u00e4tsstreik. Solche Solidarit\u00e4tsstreiks sollten in ganz Europa stattfinden.<\/p>\n<p>Die SDAP war gegen die Abhaltung des Solidarit\u00e4tsstreiks, behauptete die Streiks in Rest Europa w\u00e4ren abgesagt worden. Trotzdem wurde mit 142 zu 104 Stimmen ein eint\u00e4giger Generalstreik f\u00fcr den 21. Juli 1919 beschlossen. Der Streik wurde l\u00fcckenlose durchgef\u00fchrt!<\/p>\n<p>Die Wiener Neust\u00e4dter Arbeiter_innen gingen noch weiter und liefert mit Hilfe der Eisenbahner_innen Waffen nach Ungarn. Diese Aktionen zeigen, die SDAP hatte nie die vollkommene Kontrolle \u00fcber die R\u00e4te.<\/p>\n<p><strong>Scheitern der Kommunisten<\/strong><\/p>\n<p>Es gelang der Kommunistischen Partei in den Jahren 1919-1924 einen gewissen R\u00fcckhalt innerhalb der R\u00e4tebewegung zu bekommen (bei Wahlen in Wien bekamen sie um die 10%), aber die M\u00f6glichkeit die SDAP ernsthaft herauszufordern bot sich nie. Die einzige Ausnahme war der Solidarit\u00e4tsstreik mit Ungarn. Die putschistische Politik der KP war ein Grund f\u00fcr ihr Scheitern.<\/p>\n<p>Sowohl am 12. November 1918 als auch am 15. Juni 1919 versuchte die KP die Revolution ohne R\u00fcckhalt innerhalb der Arbeiter_innenr\u00e4te herbeizuschie\u00dfen; beide Versuche scheiterten und f\u00fchrten zur Entfremdung zwischen den Massen und der KP.<\/p>\n<p>Lenin hatte in Russland immer daf\u00fcr argumentiert, erst wenn die Kommunisten den R\u00fcckhalt der Massen innerhalb der R\u00e4te haben, ist der Zeitpunkt gekommen die Machtfrage zu stellen, nicht zuvor.<\/p>\n<p>Nach Leo Trotzki sind Revolutionen: \u201eder gewaltsame Einbruch der Massen auf die B\u00fchne der Geschichte.\u201c Genau das war die \u00f6sterreichische R\u00e4tebewegung. Arbeiter_innen wollten ihre Geschichte selber machen.<\/p>\n<p>Unter anderem aufgrund der falschen Politik der KP, die es der SDAP erm\u00f6glichte, ihren Massenr\u00fcckhalt zu behalten, blieb die R\u00e4tebewegung auf halbem Weg stehen. Zur entscheidenden bewaffneten Konfrontation zwischen R\u00e4tebewegung und Staatsapparat kam es in \u00d6sterreich nie. 1924 l\u00f6sten sich die R\u00e4te auf Bestreben der SDAP freiwillig auf.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/linkswende.org\/die-oesterreichische-raetebewegung-zwischen-reformismus-und-revolution\/\"><em>linkswende.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 11. November 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Reisinger. Als Reaktion auf die Russische Revolution entstanden in ganz Europa Arbeiter_innenr\u00e4te. \u00d6sterreich war 1919 zwischen zwei R\u00e4terepubliken, Ungarn und M\u00fcnchen, eingekeilt. 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