{"id":432,"date":"2015-03-31T15:41:15","date_gmt":"2015-03-31T13:41:15","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=432"},"modified":"2015-04-01T10:32:57","modified_gmt":"2015-04-01T08:32:57","slug":"1948-das-jahr-der-generalstreiks-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=432","title":{"rendered":"1948 \u2013 das Jahr der Generalstreiks in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Kurt Renner\u00a0 (02.03.2014) Anfang 1948 war die Versorgungslage f\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung katastrophal, es war der dritte Hungerwinter seit Kriegsende. Die politischen Auseinandersetzungen \u00fcber die zuk\u00fcnftige Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft waren in vollem Gange. <!--more-->Hinzu kamen immer neue Skandale \u00fcber verschobene oder gehortete, der Bev\u00f6lkerung im Hinblick auf die anstehende W\u00e4hrungsreform vorenthaltene Rohstoffe, Halb- und Fertigprodukte, die die Wut der Menschen noch steigerten.<\/p>\n<p>Auch das Verhalten des bizonalen Wirtschaftsamts und der Kontrollaussch\u00fcsse f\u00fcr die gewerbliche Wirtschaft und die Landwirtschaft gerieten zunehmend in scharfe Kritik. Trotz Riesenbedarfs lagerten z. B. im Kreis Heidenheim 350.000 Gl\u00fchbirnen, die mangels Versandanweisungen nicht ausgeliefert werden konnten. Trotz extremen Mangels lagen hunderttausende von Schuhen in den Schuhfabriken und in den Lagern der Gro\u00df- und Einzelh\u00e4ndler; so hatte ein einziger Schuhh\u00e4ndler in einer Turnhalle in Wein- heim 100.000 Paar Schuhe eingelagert.<\/p>\n<p>Kein Wunder also, dass immer wieder zu Protestaktionen, Streiks, auch Generalstreiks, aufgerufen wurde. So kam es am 22.\/23. Januar zu einem 24-st\u00fcndigen Generalstreik in Bayern gegen Wirtschaftspolitik und Hungerrationen. Auch in anderen Landesteilen g\u00e4rte es, vor allem in Nordrhein-Westfalen. Der Druck auf die Gewerkschaftsf\u00fchrung, einen allgemeinen Generalstreik auszurufen, wurde immer gr\u00f6\u00dfer. Nur mit M\u00fche gelang es am 30. Januar Hans B\u00f6ckler (sp\u00e4ter DGB-Vorsitzender von 1949 bis 1951) auf einer Konferenz in M\u00fclheim an der Ruhr, den Aufruf zu einem Generalstreik im Ruhrgebiet zu verhindern. Er gab u. a. zu bedenken, dass \u201eder gr\u00f6\u00dfte Streik nicht ein einziges Korn, ein einziges St\u00fcck Brot mehr bringt\u201c.<\/p>\n<p>Aber schon am 3. Februar kam es erneut zu Streiks in Hannover und W\u00fcrttemberg-Baden. Allein in W\u00fcrttemberg-Baden legten eine Million Besch\u00e4ftigte die Arbeit nieder. Hierauf wurde auf einer Interzonenkonferenz der Gewerkschaften (3.-5. Februar) von der M\u00f6glichkeit eines 24-st\u00fcndigen gesamt-deutschen Generalstreiks gesprochen.<\/p>\n<p>Am 20. Juni trat dann die W\u00e4hrungsreform in den drei westlichen Besatzungszonen in Kraft und trieb erneut die ArbeiterInnen massenhaft auf die Stra\u00dfe. Denn: Das Geld wurde zwar abgewertet, aber der Besitz an Grund und Boden, Produktionsmitteln und gehorteten Waren wurde nicht mit einbezogen. Weil gleichzeitig das Bewirtschaftungsgesetz und der bislang g\u00fcltige Preisstopp gelockert wurden, schossen die Preise nur so in die H\u00f6he, w\u00e4hrend der geltende Lohnstopp im Prinzip weiterhin in Kraft blieb, da Lohnerh\u00f6hungen bei 15 Prozent gedeckelt waren.<\/p>\n<p>In diesem Umfeld beschloss am 6. August der Landtag von NRW den Gesetzentwurf \u00fcber die Sozialisierung der Kohlegruben, dem der britische Milit\u00e4rgouverneur prompt die Zustimmung verweigerte. In Gro\u00dfbritannien war zur gleichen Zeit die Labour Party an der Regierung.<\/p>\n<p>Da sich die Lage nicht verbesserte, protestierte die Bev\u00f6lkerung vieler Gro\u00dfst\u00e4dte vom 12. bis 14. August in Massendemonstrationen und Teilstreiks gegen Lohndruck, Preiswucher und Verschleppung des Mitbestimmungsrechts. In Frankfurt waren 50.000, in M\u00fcnchen 100.000 und in D\u00fcsseldorf Zehntausende auf der Stra\u00dfe. Dann provozierte der damalige Direktor der Verwaltung der Wirtschaft, Ludwig Erhard, am 16. Oktober in M\u00fcnchen die Gewerkschaftsf\u00fchrungen, indem er gegen eine \u201eebenso machthungrige wie seelenlose B\u00fcrokratie und Bonzokratie\u201c wetterte. Hierauf endlich forderte der Gewerkschaftsrat der Westzonen am 26. Oktober in M\u00fcnster zun\u00e4chst einen 48-st\u00fcndigen Generalstreik.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen kam es schon in mehreren St\u00e4dten zu spontanen Demonstrationen gegen die Politik Erhards. So wurde am 28. Oktober in allen Stuttgarter Betrieben von 13.00 bzw. 14.00 Uhr an die Arbeit niedergelegt. Die Belegschaften marschierten geschlossen aus ihren Betrieben zu einer Kundgebung in die Innenstadt, die mindestens 30.000 TeilnehmerInnen z\u00e4hlte (andere Quellen berichten von 90.000). Dabei gingen die Scheiben von Gesch\u00e4ften in der Hauptgesch\u00e4ftsstra\u00dfe zu Bruch, die durch besonders hohe Preise aufgefallen waren, und Autos, die als Symbole privaten Reichtums galten, wurden mit Steinen beworfen. Das US-Milit\u00e4r setzte darauf Tr\u00e4nengas gegen die Protestierenden ein und lie\u00df Panzer auffahren, um die Proteste niederzuschlagen. Die amerikanische Besatzungsmacht hatte Angst, vollends die Kontrolle zu verlieren, und verh\u00e4ngte f\u00fcr die gesamte Stadt ein Ausgangsverbot.<\/p>\n<p>Als am 10. November der Wirtschaftsrat, eine Art Wirtschaftsregierung der amerikanisch-britischen Zone, Erhard als Direktor ausdr\u00fccklich im Amt best\u00e4tigte und gleichzeitig das Zehn-Punkt-Programm der Gewerkschaften verwarf, fasste der Gewerkschaftsrat den Generalstreikbeschluss f\u00fcr den 12. November. Er sollte zwei Tage dauern.<\/p>\n<p>Angesichts der \u201eStuttgarter Vorf\u00e4lle\u201c hatten sich die Besatzungsm\u00e4chte aber bereits einige Tage zuvor eingemischt. Die franz\u00f6sische verbot f\u00fcr ihre Zone eine \u201eWillenskundgebung\u201c der Gewerkschaften von vornherein. Die Vertreter der britischen und amerikanischen Milit\u00e4rregierung machten Auflagen: Der Streik m\u00fcsse auf einen Tag beschr\u00e4nkt sein, er d\u00fcrfe nicht von Kundgebungen und Demonstrationen begleitet sein, nicht einmal Streikposten vor den Betrieben wurden erlaubt.<\/p>\n<p>Dem folgte die Gewerkschaftsf\u00fchrung und rief f\u00fcr den 12. November zu einem eint\u00e4gigen \u201eDemonstrationsstreik\u201c auf. In der britischen und amerikanischen Besatzungszone ruhte f\u00fcr 24 Stunden die Arbeit. Es wurde der gr\u00f6\u00dfte Streik in Deutschland seit dem Generalstreik gegen den Kapp-Putsch, und er blieb es auch f\u00fcr die Nachkriegszeit. 9,2 Millionen von 11,7 Millionen ArbeiterInnen, Angestellte und Beamte beteiligen sich. Die Gewerkschaften hatten in beiden Zonen im Fr\u00fchjahr 1948 \u00fcbrigens nur knapp 4 Millionen Mitglieder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Weiterlesen<\/p>\n<p>\u2022\u201eArbeiterbewegung und Wiederaufbau Stuttgart 1945-49\u201c, Stuttgart 1982.<\/p>\n<p>\u2022Bergmann, Theodor (Hsg.) \u201eKlassenkampf und Solidarit\u00e4t: Geschichte der Stuttgarter Metallarbeiter\u201c, Hamburg 2007.<\/p>\n<p>\u2022Deppe, Frank u.a. \u201eGeschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung\u201c, K\u00f6ln 1977.<\/p>\n<p>\u2022Pirker, Theo \u201eDie verordnete Demokratie\u201c, Berlin 1977.<\/p>\n<p>\u2022Schmidt, Eberhard \u201eDie verhinderte Neuordnung\u201c, Frankfurt 1972.<\/p>\n<p>\u2022Schmidt, Ute\/Fichter, Tilman \u201eDer erzwungene Kapitalismus\u201c, Berlin 1972.<\/p>\n<p>\u2022Seifert, Christfried \u201eEntstehung und Entwicklung des Gewerkschaftsbundes W\u00fcrttemberg-Baden bis zur Gr\u00fcndung des DGB 1945 bis 1949\u201c, Marburg 1980.<\/p>\n<p><em>\u00a0Quelle: <a href=\"http:\/\/www.rsb4.de\">www.rsb4.de<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurt Renner\u00a0 (02.03.2014) Anfang 1948 war die Versorgungslage f\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung katastrophal, es war der dritte Hungerwinter seit Kriegsende. 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