{"id":4381,"date":"2018-11-14T11:50:32","date_gmt":"2018-11-14T09:50:32","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4381"},"modified":"2018-11-14T11:50:32","modified_gmt":"2018-11-14T09:50:32","slug":"kraeftemessen-auf-dem-bau-der-basler-protesttag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4381","title":{"rendered":"Kr\u00e4ftemessen auf dem Bau \u2013 der Basler Protesttag"},"content":{"rendered":"<p><em>Silvan Degen.<\/em> <strong>Auch in der Region Basel legten am 6. November die Bauarbeiter ihre Arbeit nieder. Sie k\u00e4mpfen f\u00fcr den Erhalt des Rentenalters 60 und besseren Schutz ihrer Gesundheit bei der Arbeit. Ein Erfahrungsbericht vom siebten Protesttag.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>\u00dcber der Stadt liegt ein dicker, tiefh\u00e4ngender Nebel an diesem Morgen, sodass man lediglich einige hundert Meter weit sieht. Die Ungewissheit dar\u00fcber, was hinter dem Nebel kommt, \u00e4hnelt der Ungewissheit wie der heutige Tag ausgeht. Um 10 Uhr stehen ich und mehrere Genossen beim Streikposten der Unia bei der Grossbaustelle Baloise Park. B\u00e4nke und Zelte sind aufgestellt, jedoch sehen wir nur eine Gruppe Unia-Sekret\u00e4rInnen \u2013 von der Baustelle ist sind die typischen Ger\u00e4usche eines normalen Arbeitstages zu h\u00f6ren. Die Situation ist beunruhigend, zumal wir bereits von der Baustelle beim Biozentrum h\u00f6ren, dass auch dort die Arbeit noch l\u00e4uft. Was ist hier bloss los?<\/p>\n<p>Die Koordinatorin der Unia kl\u00e4rt uns auf: Die Baumeister h\u00e4tten die Arbeiter einfach extra fr\u00fch auf die Baustelle bestellt, damit niemand mit den GewerkschafterInnen reden k\u00f6nne. Die Eing\u00e4nge werden ausserdem von extra angeheuerten Security-Leuten bewacht. Sie sind zwar hier, um den Streik zu verhindern \u2013 trotzdem sind sie ebenso Teil derselben Arbeiterklasse. Doch wer prek\u00e4r besch\u00e4ftigt ist, nimmt auch diesen Job an.<\/p>\n<p><strong>Es geht los<\/strong><\/p>\n<p>Vereinzelt tauchen nun doch die ersten Bauarbeiter auf. Ich rede mit Zoran (Name ge\u00e4ndert), der seit 30 Jahren auf dem Bau arbeitet. Damals sei er als jugoslawischer Gastarbeiter in die Schweiz gekommen, als die Schweizer Wirtschaft billige Arbeitskr\u00e4fte verlangte. Warum er heute hier sei? \u00abFr\u00fcher waren die Bedingungen besser. Jetzt wollen die Chefs, dass wir im Sommer bis zum umfallen arbeiten und uns daf\u00fcr im Winter Stunden streichen!\u00bb F\u00fcr den heutigen Protesttag hat er sich, wie viele andere, Ferien genommen und ist zuversichtlich, dass wir es schaffen, den Bau hier dicht zu machen.<\/p>\n<p>Mehrere Busse bringen nun Arbeiter von anderen Baustellen. Die Sekret\u00e4re verteilen Kaffee, Gipfeli, M\u00fctzen und Trillerpfeifen. Die Stimmung ist nun sp\u00fcrbar motivierter, es wird gescherzt und gelacht. Mit etwa sechzig Leuten betreten wir nun auf die Baustelle, gehen unter einem grossen Kran durch. Die Security-Leute scheinen nicht den Versuch gemacht zu haben, irgendwen stoppen zu wollen. Die Arbeiten auf dem Rohbau h\u00f6ren nun auf, alle schauen zu uns herunter, statt des H\u00e4mmerns und anderer Bauger\u00e4usche sind nun unsere Rufe und Trillerpfeifen zu h\u00f6ren. Eine Gruppe Arbeiter steigt mit einer Unia-Fahne den einen Bau hoch und schafft es die oben stehenden zum Mitkommen zu \u00fcberreden. \u00abSehr gut, wie ihr das macht!\u00bb sagt einer beim heruntergehen. Ein anderer fragt zuerst noch, wann denn die Arbeit wieder weitergehe. \u00abHeute ist fertig gearbeitet, jetzt wird gestreikt\u00bb, kommt die Antwort.<\/p>\n<p>Doch jetzt scheuchen uns die Sekret\u00e4re von der Baustelle. Durch die Verz\u00f6gerungen hier und auf anderen Baustellen sind wir knapp dran f\u00fcr den Zug nach Z\u00fcrich, um uns den Bauarbeitern dort anzuschliessen. Beim Hinausgehen rede ich mit Martin (Name ge\u00e4ndert). Er sei einer der wenigen Schweizer, die sich am Streik beteiligen, sagt er und fragt wo wir arbeiten. Als ich sage, dass ich studiere und aus Solidarit\u00e4t dabei bin, ist er hoch erfreut \u2013 ganz entgegen dem g\u00e4ngigen Klischee, Arbeiter seien studentenfeindlich. \u00abDie Baumeister wollen im neuen LMV zweihundert Stunden Mehrarbeit verankern f\u00fcr gerade Mal 150.- Franken.\u00bb Das Verhalten der Chefs treibe ihn und andere auf die Strasse.<\/p>\n<p><strong>Neutraler Staat?<\/strong><\/p>\n<p>Als wir zusammen zum Bahnhof hetzen kommt es vor der Baustelle jedoch noch zu einem Zwischenfall. Mehrere Polizisten haben zwei (migrantische) Kollegen aus der Menge herausgenommen und f\u00fchren eine Personenkontrolle durch. \u00abIst das etwa neutral?!\u00bb ruft ein Sekret\u00e4r erz\u00fcrnt und wird darauf von einem Beamten grob zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Tats\u00e4chlich ist der Staat in einem Arbeitskampf zur Neutralit\u00e4t verpflichtet. In diesem Fall hat er jedoch offen seinen Charakter als williger Helfer der Baumeister gezeigt. Uns bleibt gerade Zeit f\u00fcr Foto- und Videoaufnahmen des Vorfalls, dann sind wir schon halb gehend, halb rennend auf dem Weg zum Perron. Kollege Martin ist w\u00fctend wegen dem Polizeivorfall. \u00abEs ist klar, auf welcher Seite die Bullen stehen. Und daf\u00fcr zahlen wir auch noch Steuern!\u00bb<\/p>\n<p>Die Baumeister und ihre VerteidigerInnen in Medien und online-Kommentaren f\u00fchren die angebliche Gewalt der protestierenden Bauarbeiter ins Feld, die sich und andere gef\u00e4hrdet h\u00e4tten. Aber Gewalt eine verzwickte Sache. Wenn man als Lohnabh\u00e4ngiger dazu gezwungen ist bei Wind und Wetter oder sengender Hitze zu schuften mit immer h\u00e4rteren Bedingungen, wenn der Schutz der eigenen Gesundheit im Traum-LMV der Baumeister ein schlechter Witz ist, wenn ein Bauarbeiter mit 60 in Rente geht und seinen Lebensabend mit R\u00fcckenproblemen verbringen darf \u2013 dann ist das auch Gewalt, einfach in einer anderen Gestalt.<\/p>\n<p>Die Erfahrungen dieses Morgens noch verdauend setzen wir uns in den Zug nach Z\u00fcrich, um mit tausenden anderen Bauarbeitern vor dem Hauptsitz des Baumeisterverbands zu demonstrieren (hier geht\u2019s zur Reportage vom Z\u00fcrcher Protesttag). Die Gewerkschaften und die Bauarbeiter haben damit ein starkes Zeichen gesetzt. Dennoch war es schade, dass in der Nordwestschweiz kein eigener Protest in Basel organisiert wurde. Dass die Unia-Regionen Basel und Aargau vor nicht allzu langer Zeit zur neuen Region Aargau-Nordwestschweiz fusioniert wurden, hatte anscheinend keinen Effekt auf die Streikf\u00e4higkeit. Die kommenden K\u00e4mpfe auf dem Bau werden dies weiter testen, denn die Baumeister zeigen sich bisher unbeeindruckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/berichte\/kraeftemessen-auf-dem-bau-der-basler-protesttag\/\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 14. November 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Silvan Degen. Auch in der Region Basel legten am 6. November die Bauarbeiter ihre Arbeit nieder. Sie k\u00e4mpfen f\u00fcr den Erhalt des Rentenalters 60 und besseren Schutz ihrer Gesundheit bei der Arbeit. 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