{"id":439,"date":"2015-04-02T08:28:10","date_gmt":"2015-04-02T06:28:10","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=439"},"modified":"2015-04-02T08:28:10","modified_gmt":"2015-04-02T06:28:10","slug":"schweiz-das-gesundheitssystem-in-der-sackgasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=439","title":{"rendered":"Schweiz: Das Gesundheitssystem in der Sackgasse"},"content":{"rendered":"<p>Benoit Blanc. <b>Im Herbst 2014 wurde die Initiative der SP f\u00fcr eine Einheitskrankenkasse abgelehnt. Trotz des st\u00e4ndig wachsenden Drucks auf die Versichterten und die Pflegenden, trotz der fortschreitenden Privatisierung des Gesundheitswesen und trotz der zunehmenden Abw\u00e4lzung der Kosten <!--more-->auf die Lohnabh\u00e4ngigen, konnten sich die privaten Profiteure des gegenw\u00e4rtigen Systems in der Abstimmung durchsetzen. Der vorliegende Artikel versucht sechs Achsen aufzuzeigen, die einen Weg aus der Sackgasse, in der das (schweizerische) Gesundheitssystem derzeit steckt, darstellen k\u00f6nnen. <\/b><\/p>\n<p>Die Initiative f\u00fcr eine \u00f6ffentliche Krankenkasse wurde am 28. September 2014 von 61,8% der Stimmberechtigten verworfen. In vier Kantonen wurde sie angenommen: Genf, Waadt, Neuenburg und Jura. In drei weiteren Kantonen sprachen sich \u00fcber 40 Prozent f\u00fcr die Vorlage aus: Freiburg, Basel-Stadt und Tessin. In den anderen Kantonen liegt die Zustimmung tiefer, beispielsweise betr\u00e4gt sie in Z\u00fcrich und Aargau weniger als ein Drittel. Im Vergleich zur Abstimmung von 20o7 \u00fcber eine soziale Einheitskrankenkasse steigerte sich der Anteil der Ja-Stimmen schweizweit jedoch um 9,4\u00a0Prozentpunkte. Gegen\u00fcber der Abstimmung von 2003 \u00fcber die Initiative \u00abGesundheit muss bezahlbar bleiben\u00bb betr\u00e4gt die Zunahme der Ja-Stimmen 11,1\u00a0Prozentpunkte, und im Vergleich zur Initiative von 1994 \u00abF\u00fcr eine gesunde Krankenversicherung\u00bb, die gleichzeitig mit dem Krankenversicherungsgesetz KVG zur Abstimmung kann, war die Zustimmung diesmal 14,8\u00a0Prozentpunkte h\u00f6her. Wie sind das Abstimmungsresultat und die im Vorfeld gef\u00fchrte Kampagne zu beurteilen?<\/p>\n<p><b>Grenzen einer Niederlage<\/b><\/p>\n<p>Die Leitung der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS) als Tr\u00e4gerin der Initiative hatte nach der Niederlage von 2007 ihre Roadmap verk\u00fcndet: Man wolle mit einer schlankeren Vorlage nochmals antreten, um eine Mehrheit daf\u00fcr zu gewinnen (hierf\u00fcr wurde die Frage der einkommensabh\u00e4ngigen Pr\u00e4mien fallen gelassen, die seit den 1970er Jahren in allen linken Projekten zur Krankenversicherung ein zentraler Punkt war). Angesichts der starken Pr\u00e4mienerh\u00f6hung im Anschluss an die Abstimmung von 2007 und der Enth\u00fcllungen \u00fcber zu hohe Pr\u00e4mienzahlungen in verschiedenen Kantonen wurde der Unmut der Bev\u00f6lkerung als Hinweis darauf pr\u00e4sentiert, dass sich b\u00fcrgerliche Kreise f\u00fcr einen Systemwechsel erw\u00e4rmen k\u00f6nnten, sofern die soziale Dimension eines solchen Wechsels zur\u00fcckgedr\u00e4ngt w\u00fcrde. Dieses Vorgehen ist gescheitert, wie sich schon w\u00e4hrend der Abstimmungskampagne zeigte. Kein wesentlicher Teil des b\u00fcrgerlichen Spektrums unterst\u00fctzte die Initiative und die Mehrheit der Stimmberechtigen wurde klar verfehlt.<\/p>\n<p>Dennoch ist eine Steigerung des Anteils der Ja-Stimmen um fast zehn Prozentpunkte gegen\u00fcber 2007 (und noch mehr gegen\u00fcber fr\u00fcheren Abstimmungen) ansehnlich. Wie viel davon auf die Taktik einer Light-Vorlage seitens der Initianten zur\u00fcckgeht, und wie viel auf eine allgemeine Unzufriedenheit gegen\u00fcber dem aktuellen System der Krankenversicherung, ist nicht zu ermitteln. Gleichwohl ist das Abstimmungsresultat ein R\u00fcckschlag f\u00fcr die Krankenversicherer. Deren finanzstarke Kampagne, die mit \u00c4ngsten operierte, konnte nicht jene erdr\u00fcckende Mehrheit erreichen, die das Thema ad acta gelegt h\u00e4tte.<\/p>\n<p><b>Die Kulisse steht bereit<\/b><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Kampagne zur Abstimmung vom 28.\u00a0September 2014 hat Bundesrat Alain Berset seine Kollegen von der SP als Tr\u00e4ger der Initiative mit Bedacht ins Leere laufen lassen. Statt die Vorlage zur \u00f6ffentlichen Krankenkasse frontal anzugreifen, verlagerte er die Diskussion auf das Terrain der Kernfrage der Kostenentwicklung, woran die Initiative nichts \u00e4ndern w\u00fcrde und die mit dem medizinischen Fortschritt zusammen h\u00e4nge (notabene sind jetzt nicht mehr die Alterung der Bev\u00f6lkerung oder der masslose Konsum von Gesundheitsleistungen durch die Versicherten Schuld an der Kostensteigerung, wie endlos wiederholt wurde seit der Zeit von Ruth Dreifuss, der fr\u00fcheren Gewerkschafterin und Bundesr\u00e4tin vom 1.\u00a0April 1993 bis Dezember 2002). Eine j\u00e4hrliche Erh\u00f6hung der Krankenkassenpr\u00e4mien um 3 bis 4\u00a0Prozent w\u00e4re daher unausweichlich, erkl\u00e4rte Bundesrat Berset mit Unterst\u00fctzung der B\u00fcrgerlichen und der Krankenversicherer, denen damit der R\u00fccken freigehalten wurde.<\/p>\n<p>Die Logik dieser Stellungnahme ist nicht ganz unerwartet. Eine j\u00e4hrliche Steigerung von 3\u00a0Prozent bedeutet eine Zunahme um ein gutes Drittel \u00fcber zehn Jahre, w\u00e4hrend die L\u00f6hne h\u00f6chstwahrscheinlich im besten Fall stagnieren. Die Belastung durch die Krankenversicherungskosten wird f\u00fcr breite Teile der Bev\u00f6lkerung noch massiver, womit Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Kosteneinsparungen Aufwind bekommen k\u00f6nnten. Denn der gleichzeitige Druck auf die \u00f6ffentlichen Finanzen aufgrund von Steuerentlastungen f\u00fchrt unweigerlich zu neuen Sparmassnahmen im Gesundheitswesen: Senkung der Pr\u00e4mienverbilligung bei der Krankenversicherung, Schliessung von Spit\u00e4lern (oder Spitalabteilungen), Mehrbelastung des Gesundheitspersonals, Zugangsbeschr\u00e4nkung zu Gesundheitsleistungen, beispielsweise durch eine Neuauflage von Managed Care oder durch Streichung bestimmter Leistungen aus dem Katalog der Grundversicherung sind Optionen, die mit Sicherheit wieder auftauchen werden. Sicherlich werden auch die Krankenversicherer wieder mit \u00c4nderungsvorschl\u00e4gen zur Kostenverteilung aufwarten, unter dem Vorwand der Entlastung jener, \u00abdie es wirklich n\u00f6tig haben\u00bb, indem beispielsweise junge Erwachsene gegen \u00e4ltere Menschen ausgespielt werden.<\/p>\n<p><b>Noch eine Stufe tiefer?<\/b><\/p>\n<p>Trotz dem Druck auf die Gesundheitsversorgung von allen Seiten haben die Verantwortlichen der Initiative f\u00fcr eine \u00f6ffentliche Krankenkasse nach der Abstimmung vom 28.\u00a0September vor allem eines im Sinn, n\u00e4mlich die Schaffung solcher \u00f6ffentlicher Krankenkassen auf kantonaler Ebene. Damit f\u00fchren sie die nach dem Misserfolg von 2007 gew\u00e4hlte Strategie fort, einfach ein paar Stufen tiefer. Sie geben sich als kluge Taktierer und sagen: Nehmen wir jene Kreise beim Wort, die von \u00abfreier Wahl\u00bb reden, und fordern wir f\u00fcr die Kantone die Freiheit, eine Einheitskrankenkasse einzurichten. Jedoch sind die wirtschaftlichen und sozialen Interessengegens\u00e4tze hinter den politischen Positionsbez\u00fcgen keine reinen Gedankenspiele. Die Chance, dass ein solch \u00abvern\u00fcnftiger\u00bb Vorschlag von den Profiteuren des aktuellen Systems und ihren treuen Dienern in der Politik wohlwollend behandelt wird, ist gleich null. Es wird also eine neue Volksinitiative brauchen. Die Erfolgsaussichten sind alles andere als rosig (warum sollten sich auch erheblich besser sein als bei der jetzigen Abstimmung?), zudem h\u00e4tten solche beschr\u00e4nkten kantonalen Einrichtungen eine sehr geringe Reichweite angesichts der verh\u00e4ngnisvollen Gesamtdynamik im Gesundheitswesen.<\/p>\n<p><b>Ein ganzheitliche Sicht: Sechs Schwerpunkte zur \u00f6ffentlichen Diskussion<\/b><\/p>\n<p>Angesichts dieser Sackgasse braucht es eine andere, ganzheitliche Perspektive. Dabei sind sechs Schwerpunkte wichtig.<\/p>\n<p>1. Die Zunahme der Gesundheitskosten ist an und f\u00fcr sich kein Problem und ist auch keine \u00abLast\u00bb, die die wirtschaftliche oder soziale Entwicklung hemmt oder die Gesellschaft \u00e4rmer macht. Die Kostensteigerung spiegelt im Gegenteil den Wohlstand der Gesellschaft wider und h\u00e4ngt mit ver\u00e4nderten Modalit\u00e4ten und Techniken in der Gesundheitsversorgung zusammen. Zudem werden Investitionen im Bereich Gesundheit durch die Bev\u00f6lkerung grossmehrheitlich gutgeheissen und mitgetragen. Auch der universelle Zugang zu Gesundheitsleistungen wird allgemein anerkannt. Daher gilt es, das Phantom der \u00abKostenexplosion\u00bb im Gesundheitswesen in der \u00f6ffentlichen Diskussion zu bek\u00e4mpfen (damit ist nicht gesagt, dass s\u00e4mtliche medizinischen Entwicklungen unterst\u00fctzt werden sollen oder dass die Preise akzeptiert werden m\u00fcssen, die der medizinisch-industrielle Komplex insbesondere im Bereich Medikamente diktiert, siehe hierzu Punkt 6).<\/p>\n<p>2. Hingegen bedeuten die Gesundheitskosten f\u00fcr weite Teile der Bev\u00f6lkerung heute eine erhebliche finanzielle Belastung. Dies ist die Folge der aktuellen Kostenverteilung bei der Finanzierung des Gesundheitswesens, und nicht die Folge der H\u00f6he der Kosten an sich.<\/p>\n<p>Diese Kostenaufteilung ist aus zwei strukturellen Gr\u00fcnden sozial ungerecht. Erstens fallen die Kopfpr\u00e4mien f\u00fcr die Krankenversicherung proportional viel st\u00e4rker ins Gewicht f\u00fcr Menschen mit geringem Einkommen als f\u00fcr jene mit (sehr) hohen Eink\u00fcnften. Zweitens wird ein guter Teil der Gesundheitsausgaben durch die Krankenversicherung oder andere Versicherungen gar nicht gedeckt. Heute wird bekanntlich <b>jeder vierte Franken <\/b>f\u00fcr die Gesundheit direkt von den Haushalten getragen. Darin inbegriffen sind insbesondere die Kostenbeteiligungen bei der Krankenversicherung (Franchise, Selbstbehalt), Behandlungen, die von der Krankenkasse nicht \u00fcbernommen werden (Zahnbehandlungen und Weiteres) sowie die Beteiligung an Spitexkosten oder f\u00fcr den Aufenthalt in Alters- und Pflegeheimen, die sehr hoch ausfallen k\u00f6nnen und noch weiter ansteigen werden aufgrund der Sparpolitik der Kantone. All dies f\u00fchrt dazu, dass ein Teil der Bev\u00f6lkerung aus finanziellen Gr\u00fcnden auf Behandlungen verzichtet: Gem\u00e4ss einer Umfrage in Westschweizer Arztpraxen trifft diese Situation auf 11\u00a0Prozent der Bev\u00f6lkerung zu.[1]<\/p>\n<p>Um diese Probleme zu l\u00f6sen, braucht es eine bessere Abdeckung durch die Krankenkassen sowie Pr\u00e4mien, die nach Einkommen abgestuft sind und zu mindestens 50\u00a0Prozent durch die Arbeitgeberschaft finanziert werden. Das System der AHV zeigt, wie gut eine solche solidarische Finanzierung funktioniert. Dadurch erkl\u00e4rt sich auch, dass die B\u00fcrgerlichen und die Arbeitgeber sich seit jeher gegen ein solches System str\u00e4uben.<\/p>\n<p>3. Die \u00f6ffentliche Hand finanziert derzeit fast ein Drittel aller Gesundheitsausgaben. Die wichtigsten Finanzierungskan\u00e4le sind: die kantonale Finanzierung der Spitalaufenthalte und die kantonale (oder kommunale) Subventionierung der Spitexpflege und der Alters- und Pflegeheime, die Pr\u00e4mienbeihilfen f\u00fcr niedrige Einkommen sowie die Erg\u00e4nzungsleistungen zur AHV, insbesondere zur Finanzierung des Aufenthalts in Alters- und Pflegeheimen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen k\u00fcndigen sich mit der dritten Unternehmenssteuerreform \u2013 ein Urknall, glaubt man dem bef\u00fcrwortenden Steuerexperten Xavier Oberson [2] \u2013 ein massive Schw\u00e4chung der \u00f6ffentlichen Finanzen und damit ein dauerhafter R\u00fcckgang der Mittel der \u00f6ffentlichen Hand an (3 Milliarden Mindereinnahmen pro Jahr, gem\u00e4ss offiziellen Angaben). Die Gesundheit wird unweigerlich von Sparmassnahmen betroffen sein. \u00dcber die Zukunft des Gesundheitswesens diskutieren zu wollen, ohne diese gef\u00e4hrliche Dimension miteinzubeziehen, ist im besten Fall sinnlos. Die erneuten Steuergeschenke zugunsten des Kapitals werden die Ressourcen der \u00d6ffentlichkeit regelrecht austrocknen. Die Vorlage kann weder verbessert noch abgeschw\u00e4cht werden, sie muss verworfen werden. Die Gewerkschaften im \u00f6ffentlichen Dienst, aber auch dar\u00fcber hinaus, sollten eigentlich merken, um was es geht und dieser Auseinandersetzung h\u00f6chste Priorit\u00e4t einr\u00e4umen.<\/p>\n<p>4. Ein wesentlicher Bereich der T\u00e4tigkeit eines privaten Versicherers ist die Aufteilung \u00abseines\u00bb Marktes, um rentable Versicherungsofferten zu machen, die sich f\u00fcr die Versicherung rechnen. Es geht dabei sicherlich nicht um \u00abProduktivit\u00e4tssteigerung\u00bb aufseiten der Leistungserbringer im Gesundheitswesen. Die \u00abJagd auf gute Risiken\u00bb ist im Rahmen des KVG (mit Versicherungsobligatorium und Einheitspr\u00e4mie unabh\u00e4ngig vom Risiko) eine ganz logische Art und Weise, sich als Versicherer zu bet\u00e4tigen. Dadurch erkl\u00e4rt sich auch, dass diese Jagd auf gute Risiken allgegenw\u00e4rtig ist und sich weiter fortsetzt. Daher sind auch alle Systeme f\u00fcr einen (verfeinerten) \u00abRisikoausgleich\u00bb zum Scheitern verurteilt.<\/p>\n<p>Angesichts der kommenden Pr\u00e4mienerh\u00f6hungen werden die Versicherungen mit Sicherheit wieder ihre Vorschl\u00e4ge einreichen. Damit wollen sie sich neue Segmente auf dem Versicherungsmarkt schaffen und die Lasten umverteilen zugunsten der finanziell interessanten (d.h. mobilen und billigen) Segmente, um deren Sympathie \u2013 und Zustimmung \u2013 zu gewinnen, zulasten der gefangenen Versicherten wie beispielsweise \u00e4ltere Menschen. Dies k\u00f6nnte \u00fcber neue Formen von Managed Care oder \u00fcber die Erh\u00f6hung der zul\u00e4ssigen Franchisen geschehen. Versicherungen wie Groupe Mutuel verlangen seit Jahren eine Pr\u00e4miendifferenzierung nach Alter. Konstantin Beck, Gesundheits\u00f6konom bei der (christlich-sozialen) CSS-Krankenversicherung, hat f\u00fcr Kosten bis 10\u2019000 Franken eine freiwillige Versicherung vorgeschlagen, deren Pr\u00e4mien je nach Risiko ausgestaltet w\u00e4ren, zus\u00e4tzlich zur obligatorischen Versicherung mit Einheitspr\u00e4mien f\u00fcr h\u00f6here Gesundheitsausgaben.[3] Weiter k\u00f6nnten auch Abstriche bei den Leistungen der Grundversicherung gefordert werden, die wiederum f\u00fcr die privaten Versicherer den Markt vergr\u00f6ssern w\u00fcrden.<\/p>\n<p>All diese Vorst\u00f6sse h\u00e4tten zur Folge, dass die ungleiche finanzielle Last durch die Krankenversicherung und die ungleiche Abdeckung je nach Bev\u00f6lkerungsgruppe noch versch\u00e4rft w\u00fcrden. Damit w\u00fcrden weitere Schichten der Gefahr ausgesetzt, nicht mehr die n\u00f6tigen Gesundheitsleistungen zu erhalten, die sie ben\u00f6tigen.<\/p>\n<p>In einem solidarischen System m\u00fcssten im Gegenteil alle die gleiche Abdeckung durch die Krankenversicherung geniessen, und die Finanzierung sollte solidarisch zwischen Generationen, Geschlechtern und Einkommensklassen geregelt sein, so dass jede und jeder Zugang zu Gesundheitsleistungen hat, unabh\u00e4ngig von finanziellen \u00dcberlegungen. Ein solches System ist unvereinbar mit der T\u00e4tigkeit der privaten Krankenversicherungen. Damit ist bereits hinreichend begr\u00fcndet, warum es eine \u00f6ffentlichen Krankenkasse braucht.<\/p>\n<p>5. Bundesrat Alain Berset hat ein Rezept, um das Gesundheitswesen \u00abeffizienter\u00bb zu machen: Er will bessere \u00abAnreize\u00bb schaffen. Mit der Umsetzung ist der neue Vize-Direktor am Bundesamt f\u00fcr Gesundheit, Oliver Peters, betraut, der sogar daran glaubt.<\/p>\n<p>Das Duo Effizienz-Anreize bezieht sich einen ganz bestimmten Rahmen, n\u00e4mlich auf einen Markt, auf dem der Wettbewerb zwischen privaten Interessen gilt (so viel zur Effizienz), w\u00e4hrend die Anreize die \u00abM\u00e4ngel\u00bb des Marktes korrigieren sollen. Dies bedingt Dutzende von Indikatoren zur Qualit\u00e4t, Wirtschaftlichkeit usw. usf., gepaart mit finanziellen Anreizen, damit die Akteure auf dem Markt zu einem anst\u00e4ndigen Verhalten motiviert werden, sozusagen gegen ihren freien Willen.<\/p>\n<p>International hat sich bereits gezeigt, wie ein solches System funktioniert, sei es in der Gesundheit, in der Bildung oder in anderen Bereichen: Anreizsysteme sind ein Schwindel, der einzig dazu dient, dem Markt und den damit bedienten Interessen etwas Legitimit\u00e4t zu verleihen, ohne dass die grunds\u00e4tzlichen Bedingungen ge\u00e4ndert werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die ewige Leier, nach der nur die Marktmechanismen, mit Korrektur einiger Qualit\u00e4tsindikatoren, in der Lage seien, eine effiziente Entwicklung des Gesundheitswesen zu gew\u00e4hrleisten, muss offen bek\u00e4mpft werden. Was heisst \u00fcberhaupt Effizienz? Was sind die Kriterien daf\u00fcr? F\u00fcr wen? Und zu welchem Preis?<\/p>\n<p>Die Spitalfinanzierung durch Fallpauschalen (Diagnosis related groups oder DRG), die Verk\u00f6rperung dieses Modells im Gesundheitswesen, zeigt in welche Richtung Antworten gesucht werden m\u00fcssen. Das Effizienzkriterium wird hier rein finanziell gedacht. Die wichtigsten Beg\u00fcnstigten sind Konzerne der Privatwirtschaft, die ihre Marktanteile in rentablen Segmenten erh\u00f6hen wollen. Standardisierung und Industrialisierung der Prozesse machen aus Patientinnen und Patienten abstrakte Gebilde, ohne medizinische, gesellschaftliche und psychosoziale Realit\u00e4t, obwohl diese Dimensionen gerade entscheidend f\u00fcr den Pflege- und Genesungsprozess sind. Das Personal wird doppelt unter Druck gesetzt: erstens durch Intensivierung der Arbeit aufgrund der Industrialisierung der \u00abSpitalproduktion\u00bb und zweitens durch den so entstehenden Widerspruch mit den Qualit\u00e4tsanforderungen bei der Pflege, die zum Kern des Berufsbildes geh\u00f6ren, aber immer weniger erreichbar sind. Die Zugabe von Qualit\u00e4tsindikatoren \u00e4ndert daran nichts, wie die Erfahrung aus L\u00e4ndern zeigt, die die Finanzierung \u00fcber DRG schon l\u00e4nger eingef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p>In der Entwicklung im Bereich Alters- und Pflegeheime oder Spitex zeigen sich ebenfalls die Auswirkungen des Diktats der Effizienz und des Kostendrucks auf kantonaler Ebene. Privates Kapital dr\u00e4ngt auf diese T\u00e4tigkeitsfelder und verschlechtert sowohl die Qualit\u00e4t der Betreuung (bis an die Grenze zur Misshandlung) als auch die Arbeitsbedingungen. [4] Somit beweist das Kapital seine eigene \u00abEffizienz\u00bb und konsolidiert seine Profitmarge.<\/p>\n<p>Die Alternative liegt in einem \u00f6ffentlichen Gesundheitssystem ohne Privatkapital, mit Zielen, die in einem kooperativ und demokratischen Prozess definiert werden, unter Einbezug von Vertretungen des Pflegepersonals, der Patientinnen und Patienten, der \u00f6ffentlichen Hand und der Sozialversicherungen. Ein solcher Rahmen r\u00e4umt Interessengegens\u00e4tze nicht aus und ben\u00f6tigt wie alle demokratischen Prozesse Zeit und Ressourcen. Auch ist damit noch nicht garantiert, dass sinnvolle Optionen gew\u00e4hlt werden. Jedoch wird so die M\u00f6glichkeit geschaffen, das Diktat der finanziellen Rationalit\u00e4t und der privaten Kapitalinteressen zu \u00fcberwinden, indem die verschiedene Bed\u00fcrfnisse und Erwartungen in Sachen Gesundheit (\u00f6ffentliche Gesundheit, soziale Priorit\u00e4ten, Bed\u00fcrfnisse der Patientinnen und Patienten sowie der Pflegenden) ausgehandelt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>6. Das Gesundheitswesen wird heute durch einen medizinisch-industriellen Komplex \u00fcberschattet, in dem Pharma-, Ger\u00e4te- und Instrumentenhersteller, Consulting-Firmen, Spitalketten und Versicherungen dominieren. Die Einflussnahme von Pharma und Industrie auf Forschung und Lehre hat ungeheuerliche Ausmasse angenommen. Die klinische Praxis wird ganz direkt beeinflusst.<\/p>\n<p>Am anderen Ende der Kette werden auch die \u00c4ngste der Patientinnen und Patienten subtil geformt, insbesondere durch die Zurichtung der Patientenverb\u00e4nde, um Produkte zu legitimieren, die durch die Pharma und die Hersteller medizinischer Ger\u00e4te auf den Markt geworfen werden. Dadurch entstand ein perverser Mechanismus, bei dem das Bed\u00fcrfnis nach Gesundheit fehlgeleitet und umgeformt wird, um die Interessen der Firmen des medizinisch-industriellen Komplexes zu bedienen. Die Verwertungsdynamik des privaten Kapitals verformt das Gesundheitswesen und bl\u00e4ht bestimmte Teile davon weit \u00fcber den Bedarf hinaus auf, w\u00e4hrend andere, nicht rentable Bereiche vernachl\u00e4ssigt werden.<\/p>\n<p>Diese Dynamik muss durchbrochen werden, wenn man die Bedingungen schaffen will f\u00fcr ein Gesundheitswesen auf der Grundlage einer kooperativen und \u00f6ffentlichen Definition des Gesundheitsbedarfs und der daf\u00fcr n\u00f6tigen Mittel. Die Achse Industrie-Forschung-Lehre-Klinik unter Vorherrschaft des medizinisch-industriellen Komplexes muss durch eine \u00f6ffentliche Achse Forschung-Lehre-Klinik abgel\u00f6st werden, die nicht mehr von der Industrie abh\u00e4ngig ist.<\/p>\n<p>_____<\/p>\n<p>[1] Bodenmann P. et al (2014), Screening Primary-Care Patients Forgoing Health Care for Economic Reasons, PLOSone, April 2014, vol 9, Issue 4<\/p>\n<p>[2] Le Temps, 30.9.2014<\/p>\n<p>[3] K. Beck, V. von Wyl (2012), Quo Vadis\u00a0? \u2013 Konzept einer liberalen Reform der Schweizer Krankenversicherung, J UROL UROGYN\u00c4KOL 2012; 19 (1)<\/p>\n<p>[4] Betreffend Alters- und Pflegeheime, siehe Sonntags-Zeitung vom 28.09.2014, \u00abMillionengewinne auf Kosten der Betagten\u00bb<\/p>\n<p><i>Quelle: sozialismus.ch; Original auf Franz\u00f6sisch erschienen auf \u00c0 l\u2019encontre am 10. Oktober 2014.<\/i> <i>\u00dcbersetzung K.V.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Benoit Blanc. Im Herbst 2014 wurde die Initiative der SP f\u00fcr eine Einheitskrankenkasse abgelehnt. 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