{"id":4391,"date":"2018-11-15T09:16:16","date_gmt":"2018-11-15T07:16:16","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4391"},"modified":"2018-11-15T09:16:16","modified_gmt":"2018-11-15T07:16:16","slug":"lehrerinnenstreiks-gegen-das-iranische-regime","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4391","title":{"rendered":"Lehrer*innenstreiks gegen das iranische Regime"},"content":{"rendered":"<p><em>Nima Pour Jakub*. <\/em><strong>Mitte November 2018 streiken die Lehrer*innen im Iran zum zweiten Mal im Schuljahr 2018\/19. Nach den Angaben des Erziehungsministers gibt es in den iranischen Schulen mehr<!--more--> als eine Million Lehrer*innen und 12 Millionen Sch\u00fcler*innen. Diese signifikante Zahl an Menschen kann die Gesellschaft auf ihre Forderungen aufmerksam machen und eine Bewegung ausl\u00f6sen, welche ihre Kritik nicht nur auf die Missst\u00e4nde im Bildungswesen beschr\u00e4nkt.<\/strong><\/p>\n<p>Die Lehrer*innen im Iran k\u00e4mpfen seit fast 70 Jahren f\u00fcr ihre Rechte. In den 1950er Jahren protestierten sie gegen ihre tiefen Einkommen und die schlechte Lebenssituation. Im April 1961 streikten die Lehrer*innen 11 Tage und am 1. Mai desselben Jahres schoss die Polizei auf die Demonstrant*innen vor dem Parlament. Dabei wurde Abolhasan Khan\u2019ali, ein aktiver Lehrer, get\u00f6tet. Seine Ermordung und das Gedenken an ihn bewegte grosse Teile der Gesellschaft und f\u00fchrte schliesslich zum R\u00fccktritt der Regierung. Ihre Nachfolger waren gezwungen die L\u00f6hne der Lehrer*innen anzuheben.<\/p>\n<p><strong>Repression gegen Lehrer*innen<\/strong><\/p>\n<p>Als Ruhollah Musawi Chomeini [iranischer Ajatollah und zw. 1979 und 1989 Staatsoberhaupt] nach der antimonarchistischen Revolution 1979 die Macht eroberte, wehrten sich viele Lehrer*innen gegen das neue Regime und wurden deswegen verhaftet, gefoltert, ja sogar exekutiert. Diese Repression zieht sich bis heute hin. Am 9. Mai 2010 zum Beispiel wurde Farzad Kamangar, ein kurdischer Lehrer, im \u00abEvin\u00bb-Gef\u00e4ngnis in Teheran hingerichtet. Seitherist er ein Symbol des Kampfes der Lehrkr\u00e4fte.<\/p>\n<p>In den vergangenen Jahren haben die Lehrer*innen ihren Kampf fortgesetzt. Daf\u00fcr zahlten sie einen hohen Preis. Viele der aktiven Lehrer*innen wurden verhaftet und sassen lange Jahre im Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Momentan sitzen Mahmoud Beheschti Lagnroudi, Esmail Abdi, Mohammad Habibiund Abdolreza Ghanbari, alle Mitglieder des Lehrer*innenverbandes, in den Gef\u00e4ngnissen \u00abEvin\u00bb und \u00abFaschafoujeh\u00bb in Teheran. Letzte Woche wurde der aktive Lehrer Haschem Chastar in Maschhad vom Geheimdienst entf\u00fchrt, in die psychologische Klinik der Stadt gebracht und dort verhaftet. W\u00e4hrend einer Versammlung, die seine Freiheit forderte, wurden Haschem Chastars Frau, seine Kinder und noch andere Aktivist*innen festgenommen. Er wurde nach 19 Tagen am 10. November 2018 endlich freigelassen. Am selben Tag wurde Abolreza Ghanbari ins Gef\u00e4ngnis \u00abRajai Shahr\u00bb in Karaj geschickt. Er hat als Protest einen Hungerstreik begonnen.<\/p>\n<p><strong>Ursachen der Streiks<\/strong><\/p>\n<p>Laut dem Erziehungsminister betr\u00e4gt der Mindestlohn von Lehrer*innen im Iran knapp 80 Euro pro Monat. Lehrkr\u00e4fte, die nicht offiziell vom Staat angestellt sind, bekommen sogar nur 18 bis 23 Euro pro Monat. Die Armutsgrenze im Iran liegt allerdings bei 236 Euro Monatseinkommen, sagte Hossein Raghfar, ein Regime-naher \u00d6konome. Nicht nur die Lehrkr\u00e4fte, sondern das Schulsystem insgesamt ist hoffnungslos unterfinanziert. In vielen D\u00f6rfern findet die Schule sogar noch in Zelten statt.<\/p>\n<p>Unter solchen Bedingungen und trotz starker Repression und den vielen Verhaftungen nach dem ersten Streik der Lehrkr\u00e4fte am 14. und 15. Oktober 2018, hat der Koordinierungsrat der iranischen Lehrer*innenverb\u00e4nde am 13. und 14. November 2018 zu einem Streik aufgerufen. Das Statement dieses Rates forderte unter anderemkostenlose Erziehung, den Stopp der Gewalt an Lehrkr\u00e4ften und die Freilassung inhaftierter Lehrer*innen.<\/p>\n<p>Schon im ersten Streik am 14. und 15. Oktober 2018 haben die Lehrkr\u00e4fte das Ende der Privatisierung der Schulen und der Erziehung im Iran gefordert. Am Streik nahmen Lehrer*innen aus der Hauptstadt Teheran, aus den Grossst\u00e4dten wie T\u00e4bris und Isfahan sowie aus den kleinen D\u00f6rfer, wo teilweise eine einzige Lehrkraft noch f\u00fcr die ganze Schule zust\u00e4ndig ist, teil. Die streikenden Lehrer*innen teilten ihre Bilder in sozialen Medien, womit sie \u00fcber die Landesgrenzen hinausverbreitet wurden. Der Streik bewegte die Gesellschaft. Der Mut der Lehrer*innenschwappte auch auf die Sch\u00fcler*innenschaft \u00fcber und l\u00f6ste Proteste bei den Sch\u00fcler*innen in Isfahan und Ahwaz aus. In der Woche darauf versammelten sich Sch\u00fcler*innen vor den Erziehungs\u00e4mtern dieser St\u00e4dte und protestierten gegen die Vernachl\u00e4ssigung des Bildungssystems durch die Regierung.<\/p>\n<p><strong>Solidarit\u00e4t ist gefragt<\/strong><\/p>\n<p>Was die Lehrer*innen in den zwei Runden Streiks zeigten und der Fakt, dass die landesweit gut organisierte Bewegung in den letzten Monaten weiter gewachsen ist, wird umso wertvoller, wenn man sich der totalen Diktatur sowie der Gefahr von Gef\u00e4ngnis, Folter und Hinrichtungen unter dem gegenw\u00e4rtigen iranischen Regime bewusst wird. Diese Bewegung muss international von Lehrkr\u00e4ften und deren Organisationen und Gewerkschaften unterst\u00fctzt werden und als wichtiger Teil der iranischen Revolution f\u00fcr Freiheit und Gerechtigkeit ernst genommen werden.<\/p>\n<p><em>*Nima Pour Jakub ist Menschenrechtsaktivist aus dem Iran und lebt seit sechs Jahren in der Schweiz.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2018\/iran-lehrerinnenstreiks-gegen-das-regime\/\"><em>sozialismus.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 15. November 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nima Pour Jakub*. Mitte November 2018 streiken die Lehrer*innen im Iran zum zweiten Mal im Schuljahr 2018\/19. 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