{"id":4427,"date":"2018-11-19T09:00:42","date_gmt":"2018-11-19T07:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4427"},"modified":"2018-11-19T09:28:02","modified_gmt":"2018-11-19T07:28:02","slug":"vor-100-jahren-revolution-und-konterrevolution-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4427","title":{"rendered":"Vor 100 Jahren: Revolution und Konterrevolution in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><em>Wladek Flakin.<\/em> <strong>In den ersten Tagen der deutschen Revolution bildeten sich \u00fcberall Arbeiter*innen- und Soldatenr\u00e4te. Die Sozialdemokratie verb\u00fcndete sich mit dem Milit\u00e4r, um so viel wie m\u00f6glich von der alten Ordnung zu retten.<!--more--> Die Kommunist*innen wollten die Kr\u00e4fte der Revolution organisieren. Der Kampf spitzte sich auf dem Reichsr\u00e4tekongress zu.<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Matrosenaufstand in Kiel am 4. November breitete sich die Revolution in ganz Deutschland aus. In Berlin diskutierten die Revolution\u00e4ren Obleute mit Karl Liebknecht, der am 23. Oktober aus dem Gef\u00e4ngnis entlassen worden war. Liebknecht forderte einen sofortigen Generalstreik \u2013 die Obleute wollten mehr Zeit f\u00fcr die Vorbereitung und pochten auf ihre jahrelange Erfahrung der Organisierung im Untergrund. Beide Seiten einigten sich schlie\u00dflich auf ein Datum: Montag, der 11. November. Dann wurde ein Mitglied der Gruppe mit den Pl\u00e4nen f\u00fcr den Aufstand festgenommen. Hastig wurde der Tag des Generalstreiks auf Samstag, den 9. November, vorverlegt. Das war damals noch ein ganz normaler Arbeitstag.<\/p>\n<p>Richard M\u00fcller, F\u00fchrungsfigur der Revolution\u00e4ren Obleute, erinnerte sich sp\u00e4ter daran, wie er am Freitagabend zur Bahnstation Hallesches Tor ging. \u201cSchwer bewaffnete Infanteriekolonnen, Maschinengewehr-Kompagnien und leichte Feldartillerie zogen in endlosen Z\u00fcgen an mir vor\u00fcber. Kein Zweifel, das sollte in Berlin die Revolution des Volkes im Blute ers\u00e4ufen.\u201d Hatte der Aufstand eine Chance?<\/p>\n<p>Am Samstagmorgen sammelten sich die Arbeiter*innen vor den Fabriken. Tausende, Zehntausende, Hunderttausende marschierten in riesigen Demonstrationsz\u00fcgen Richtung Stadtzentrum. Sie kamen an Kasernen vorbei und hofften, Soldaten f\u00fcr ihre Bewegung zu gewinnen. An einer der Kasernen schoss ein Offizier in die Menge und t\u00f6tete drei Arbeiter. Ein paar Soldaten schlossen sich der Demonstration an und zeigten stolz ihre Gewehre in der ersten Reihe. Doch der Gro\u00dfteil der Berliner Garnison hatte keine Ahnung davon, was passierte \u2013 sie entschieden, in den Kasernen zu bleiben und erst einmal abzuwarten, was passierte.<\/p>\n<p>Gegen Mittag f\u00fcllten hunderttausende Demonstrant*innen Berlins Regierungsviertel. Kaiser Wilhelm II. war eine Woche zuvor in das Hauptquartier der Obersten Heeresleitung (OHL) in Spa im besetzten Belgien gereist. Mit immer verzweifelteren Telegrammen berichtete Regierungschef Prinz Max von Baden von dem wachsenden Chaos. Er forderte den Kaiser zum sofortigen R\u00fccktritt auf \u2013 die einzige Hoffnung, die Revolution einzud\u00e4mmen. Doch Wilhelm z\u00f6gerte. Zur Mittagszeit verk\u00fcndete von Baden einfach, dass der Kaiser zur\u00fccktreten sei \u2013 und trat dann selbst zur\u00fcck. Auf dem Weg zur T\u00fcr hinaus ernannte er Friedrich Ebert (SPD) zum neuen Reichskanzler.<\/p>\n<p>Die Sozialdemokrat*innen waren in die Regierung katapultiert worden und der Kaiser floh in die Niederlande. Was sollten sie tun? Eine Woche lang hatten sie um einen Kompromiss gerungen, um den Thron zu retten. K\u00f6nnten sie vielleicht einen von Wilhelms S\u00f6hnen zum neuen Kaiser kr\u00f6nen?<\/p>\n<p>Ebert und Co. mussten anerkennen: Wenn sie jetzt keine Republik ausrufen w\u00fcrden, w\u00fcrden die Massen sie auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte werfen. Als Demonstrant*innen am 9. November den Reichstag umringten, weigerte sich Ebert bekannterma\u00dfen, sein Mittagessen stehenzulassen und zu ihnen zu sprechen. Eberts Stellvertreter Philipp Scheidemann ging zum Fenster und rief: \u201eEs lebe die deutsche Republik!\u201c Ebert r\u00fcgte ihn: \u201eDu hast kein Recht, die Republik auszurufen.\u201c Doch die Tat war getan. Ebert, der mit all seinem Geschick f\u00fcr Hinterzimmergespr\u00e4che die Republik ablehnte, war nun Kopf der neuen republikanischen Regierung.<\/p>\n<p>Zwei Stunden sp\u00e4ter hielt Karl Liebknecht eine Rede vom Balkon des kaiserlichen Berliner Stadtschlosses und proklamierte die freie sozialistische Republik Deutschlands. Es gab keinen Weg zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Doppelmacht<\/strong><\/p>\n<p>Ebert war nun Reichskanzler, aber er verstand, dass die alte Regierung keinerlei Legitimation mehr besa\u00df. Er ging zur USPD und noch in der selben Nacht einigten sich die beiden Parteien, eine neue Regierung zu bilden: Drei MSPD- und drei USPD-Mitglieder nannten sich nun der \u201eRat der Volksbeauftragten\u201c. Der Name war eine enge Anlehnung an die russische Sowjetregierung.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag nutzte Ebert eine geheime Telefonverbindung zur Obersten Heeresleitung, um Kontakt mit Wilhelm Groener aufzunehmen, dem neuen Chef des Generalstabs. Die beiden einigten sich darauf, den \u201eBolschewismus\u201c und die Arbeiter*innen- und Soldatenr\u00e4te zu bek\u00e4mpfen. Mit anderen Worten: Der Chef einer (nominellen) R\u00e4teregierung war insgeheim verb\u00fcndet mit den kaiserlichen Gener\u00e4len, um die R\u00e4te zu bek\u00e4mpfen. Als die Revolution Max von Baden dazu zwang, Ebert das Reichskanzleramt zu \u00fcbergeben, erkl\u00e4rte dieser: \u201eIch hasse die Revolution wie die S\u00fcnde.\u201c Wie Ebert sich Jahre sp\u00e4ter erinnerte, erkannten die Sozialdemokrat*innen, dass sie sich an die Spitze der revolution\u00e4ren Bewegung stellen mussten, um sie zum richtigen Zeitpunkt zu enthaupten.<\/p>\n<p>F\u00fcr Millionen von Arbeiter*innen, die erst zum politischen Leben erwachten, schien die SPD tats\u00e4chlich die F\u00fchrung der Revolution zu sein. Sp\u00e4t in der Nacht des 8. November hatten die SPD-Anf\u00fchrer*innen verstanden, dass sie den Aufstand nicht mehr stoppen konnten. Und so brachten sie eine Sonderausgabe des Vorw\u00e4rts heraus, in der sie zum Generalstreik aufriefen. Da die Revolution\u00e4ren Obleute keine eigenen gedruckten Materialien hatten, schien es, als ob die SPD selbst zum Streik aufgerufen h\u00e4tte. Ebert und Co., die das imperialistische Massaker aggressiv unterst\u00fctzt und alle Parteimitglieder ausgeschlossen hatten, die auch nur eine moderate Opposition gegen diese Linie anmeldeten, riefen nun zu \u201eFrieden\u201c und \u201eEinheit\u201c der zwei sozialistischen Parteien auf.<\/p>\n<p>Am 10. November versammelten sich tausende Delegierte der Arbeiter*innen- und Soldatenr\u00e4te im Zirkus Busch, um einen \u201eVollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te Gro\u00df-Berlins\u201c zu w\u00e4hlen. Die Revolution\u00e4ren Obleute, die die Versammlung organisiert hatten, wollten ihre ganze Gruppe per Akklamation w\u00e4hlen lassen. Ebert konnte dieses Man\u00f6ver unterbrechen: Die vorgeschlagenen Mitglieder geh\u00f6rten alle der USPD an \u2013 sollten nicht beide sozialistischen Parteien vertreten sein? Bald riefen die Soldaten vor der B\u00fchne nach \u201eParit\u00e4t\u201c. Liebknecht sprach von den verbrecherischen Aktionen der MSPD, aber er wurde niedergeschrien. Die Versammlung w\u00e4hlte so einen Vollzugsrat \u2013 der das zentrale Machtorgan bis zum Reichsr\u00e4tekongress sein sollte \u2013, der je zur H\u00e4lfte aus MSPD- und USPD-Vertretern bestand. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg verweigerten beide die Teilnahme. Die Versammlung best\u00e4tigte den Rat der Volksbeauftragten als provisorische Regierung \u2013 der Vollzugsrat sollte die Arbeit der Regierung kontrollieren.<\/p>\n<p>Die Versammlung war chaotisch verlaufen: Jeder konnte auftauchen und sich als \u201eDelegierter\u201c vorstellen. Viele der Soldaten, die vor der B\u00fchne schrien, repr\u00e4sentierten niemanden au\u00dfer sich selbst und die Sozialdemokrat*innen, die sie zur Versammlung mitgebracht hatten. Selbst Leute mit Mandat waren h\u00e4ufig kleinb\u00fcrgerliche Abenteurer*innen ohne wirkliche Basis in der Arbeiter*innenbewegung \u2013 was zu Beginn einer Revolution nichts Ungew\u00f6hnliches ist. Die Versammlung im Zirkus Busch war h\u00f6chstens ein allererster Schritt hin zu einer wirklichen Arbeiter*innendemokratie, der von der SPD-B\u00fcrokratie geschickt manipuliert wurde.<\/p>\n<p>Der erste Arbeiter*innenrat in Berlin war der Erfahrung in Russland im Februar 1917 nicht un\u00e4hnlich: Die Vertretung der Arbeiter*innen beschr\u00e4nkte sich auf die Best\u00e4tigung einer provisorischen Regierung, die von den alten M\u00e4chten eingesetzt worden war. Die Doppelmacht in Deutschland formierte sich. Doch in dieser ersten Etappe war sowohl die alte als auch die neue Macht in der Hand desselben Mannes: Friedrich Ebert. Viele Arbeiter*innen hofften, dass die R\u00e4te und ein Parlament nebeneinander existieren k\u00f6nnten \u2013 das war die Position der USPD. Die Kr\u00e4fte, die wollten, dass die R\u00e4te alle Macht aus\u00fcbten, der Spartakusbund, waren eine fast unsichtbar kleine Minderheit. Die Revolution\u00e4ren Obleute hatten keine klare Strategie \u2013 sie lie\u00dfen eins ihrer Mitglieder, den Arbeiter Emil Barth, Mitglied des Rats der Volksbeauftragten neben Ebert werden, w\u00e4hrend Richard M\u00fcller auf den Vollzugsrat fokussierte.<\/p>\n<p><strong>\u201eAlle Macht den Arbeiter- und Soldatenr\u00e4ten!\u201c<\/strong><\/p>\n<p>In Russland basierten die R\u00e4te der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten \u2013 \u201eSowjets\u201c auf Russisch \u2013 auf einer langen Tradition der Arbeiter*innendemokratie. Weil sie sich nicht legal organisieren konnten, waren die Arbeiter*innen daran gew\u00f6hnt, ihre eigenen Streikkomitees zu w\u00e4hlen. Die Sowjets bestanden so aus Delegierten aus den Fabriken und Kasernen. Diese Delegierten konnten jederzeit abgew\u00e4hlt werden. Als die Russische Revolution von Februar bis Oktober voranschritt und sich die Massen radikalisierten, wurden immer weniger Menschewiki und immer mehr Bolschewiki zu ihrer Vertretung in den R\u00e4ten gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Die deutsche Arbeiter*innenbewegung hatte im Gegensatz dazu \u00fcber Jahrzehnte gigantische Apparate aufgebaut. Jede Arbeiter*innenorganisation hatte eine permanente Leitung, die nur bei periodisch stattfindenden Kongressen demokratisch kontrolliert werden konnte. Pr\u00e4zise b\u00fcrokratische Organisation schien den Arbeiter*innen v\u00f6llig normal zu sein, die durch die Schule der deutschen Sozialdemokratie gegangen waren. (\u201eDer deutsche Arbeiter ist erzogen im Geist von Organisation und Disziplin. Das hat seine starken und schwachen Seiten\u201c, wie Leo Trotzki sp\u00e4ter kommentierte.)<\/p>\n<p>Als es darum ging, in Deutschland R\u00e4te zu w\u00e4hlen, w\u00e4hlten die Arbeiter*innen im ganzen Land ihre etablierten Anf\u00fchrer*innen. In einer typischen deutschen Stadt w\u00fcrde bei einer gro\u00dfen Demonstration auf dem zentralen Platz eine Liste von Kandidat*innen f\u00fcr den Rat vorgelesen werden \u2013 h\u00e4ufig die lokale Leitung der SPD, der USPD und der Gewerkschaften. Diese w\u00fcrden per Akklamation gew\u00e4hlt werden. Es gab keine organische Beziehung zu den Fabriken und Kasernen und keine Mechanismen zur Abwahl.<\/p>\n<p>Die Oberste Heeresleitung folgte der Taktik der SPD: Wenn die R\u00e4te schon nicht verhindert werden konnten, k\u00f6nnten sie die R\u00e4te wenigstens direkt kontrollieren. Als die Revolution begann, ermutigten die Gener\u00e4le die Soldaten zur Wahl von Soldatenr\u00e4ten \u2013 aber nur als beratende Organe f\u00fcr die Offiziere. Soldaten w\u00e4hlten oft ihre eigenen Offiziere in diese Pro-Regime-R\u00e4te. Es gab auch einige Beispiele, wo die revolution\u00e4re Linke, nachdem sie in den ersten Tagen der Revolution R\u00e4te gebildet hatte, Neuwahlen verhinderte, damit keine SPD-Vertreter*innen beitreten w\u00fcrden. Karl Radek, ein Vertreter der Bolschewiki in Deutschland, schrieb sp\u00e4ter, dass die R\u00e4te in Deutschland \u201enur dem Namen nach\u201c existiert h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Als der Reichsr\u00e4tekongress am 12. Dezember im Geb\u00e4ude des preu\u00dfischen Abgeordnetenhauses zusammenkam, einen Monat nach der Revolution, war die Linke schockiert: 288 der 485 Delegierten kamen von der SPD. Nur 90 geh\u00f6rten der USPD an, darunter zehn Spartakist*innen. Zeitungsredakteur*innen, Parlamentsabgeordnete, Partei- und Gewerkschaftsb\u00fcrokrat*innen waren st\u00e4rker vertreten (195) als Arbeiter*innen und Angestellte. Beobachter*innen bemerkten die \u00c4hnlichkeit des Verfahrens zu einem sozialdemokratischen Parteikongress. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die nicht zum Berliner Vollzugsrat gew\u00e4hlt worden waren, hatten keine Mandate und bekamen kein Rederecht.<\/p>\n<p>Stattdessen versammelte Liebknecht 30.000 Arbeiter*innen vor dem Geb\u00e4ude mit der Forderung: \u201eAlle Macht den Arbeiter- und Soldatenr\u00e4ten!\u201c Die Delegierten des Reichsr\u00e4tekongress jedoch trafen nach vier Tagen Diskussion die entgegengesetzte Entscheidung. Der Kongress entschied, f\u00fcr den 19. Januar zu Wahlen f\u00fcr eine Nationalversammlung aufzurufen. Die R\u00e4te hatten entschieden, die Macht einem Organ der b\u00fcrgerlichen Demokratie zur\u00fcckzugeben. Richard M\u00fcller nannte die Versammlung einen \u201epolitischen Selbstm\u00f6rderklub\u201c.<\/p>\n<p>Die Frage hatte sich gestellt: parlamentarische Republik oder R\u00e4terepublik? Das war nur eine organisatorische Form der tats\u00e4chlichen Frage: b\u00fcrgerliche Diktatur oder proletarische Diktatur? Die USPD-Anf\u00fchrer*innen hatten unter dem Druck der revolution\u00e4ren Massen immer radikalere Reden gehalten. Auf dem Kongress suchten sie jedoch einen Kompromiss: Sie wollten eine Verfassung, in der die Arbeiter*innenr\u00e4te neben dem b\u00fcrgerlichen Parlament verankert w\u00fcrden. Sie waren Zentrist*innen und schwankten zwischen revolution\u00e4ren Reden und reformistischen Taten, und so wollten sie die Situation der Doppelmacht permanent erhalten. Sowohl die SPD, die die wichtigste Verteidigerin der b\u00fcrgerlichen Interessen wurde, als auch der Spartakusbund, der die historischen Interessen des Proletariats formulierte, erkannten, dass das eine gef\u00e4hrliche Illusion war. Die eine oder andere Seite w\u00fcrde die ungeteilte Macht erobern m\u00fcssen, und das bald.<\/p>\n<p><strong>Die Kommunistische Partei in Berlin<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Kongress entschieden die Spartakist*innen, dass sie nicht l\u00e4nger in der USPD bleiben k\u00f6nnten. Mindestens ein Drittel der Berliner USPD unterst\u00fctzte die revolution\u00e4re Linke, aber die Parteif\u00fchrung wollte keinen Kongress ausrufen. Am Silvestertag 1918 schloss sich der Spartakusbund mit der IKD aus Bremen und Delegierten aus ganz Deutschland in einer neuen Partei zusammen.<\/p>\n<p>Am Neujahrstag 1919 wurde so die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) gegr\u00fcndet, die ein von Rosa Luxemburg geschriebenes Programm annahm. Die neue Partei war nicht nur zahlenm\u00e4\u00dfig schwach, mit circa 10.000 Mitgliedern \u2013 sie litt an der \u201eKinderkrankheit\u201c des Ultralinkstums. Viele Delegierte waren erst ein paar Wochen zuvor politisiert worden. Nachdem sie die deutsche Monarchie in nur wenigen Tagen einst\u00fcrzen gesehen hatten, waren sie \u00fcberzeugt, dass die sozialistische Revolution genauso schnell kommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die kontroverseste Diskussion auf dem Gr\u00fcndungskongress der KPD drehte sich um die Wahlen zur Nationalversammlung, die weniger als drei Wochen sp\u00e4ter stattfinden sollten. Luxemburg und Liebknecht waren gegen die Nationalversammlung \u2013 doch sie und alle f\u00fchrenden Spartakist*innen argumentierten f\u00fcr eine Teilnahme an den Wahlen als Taktik, den Massen ein kommunistisches Programm zu pr\u00e4sentieren. Luxemburg verstand viel besser als ihre j\u00fcngeren Anh\u00e4nger*innen, dass die deutsche Revolution ihrem Anfang n\u00e4her stand als ihrem Ende. Dennoch blieb sie in der Minderheit. Otto R\u00fchle aus Dresden fasste die Perspektive der Mehrheit zusammen: Warum sollte man sich auf den Wahlkampf vorbereiten, wenn die Kommunist*innen in weniger als drei Wochen an der Macht sein w\u00fcrden?<\/p>\n<p>62 Delegierte stimmten f\u00fcr den Wahlboykott, w\u00e4hrend nur 23 Luxemburgs Vorschlag eines kommunistischen Wahlkampfs unterst\u00fctzten. Dieselbe Mehrheit war daf\u00fcr, dass die Kommunist*innen die Gewerkschaften verlassen sollten, auch wenn Luxemburg eine Abstimmung verhindern konnte, indem sie mehr Diskussion zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt einforderte. Die Mehrheit der neuen Kommunistischen Partei hatte eine v\u00f6llig unrealistische Einsch\u00e4tzung der Situation und nur wenige Bindungen in die Arbeiter*innenbewegung. Die Revolution\u00e4ren Obleute ihrerseits traten der neuen Partei nicht bei und blieben in der USPD. Die neue KPD hatte noch nicht einmal eine Woche Zeit, um ihre Politik zu definieren, bevor sie in den revolution\u00e4ren Kampf geworfen wurde.<\/p>\n<p><strong>Die Proto-Nazis<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Revolution\u00e4r*innen eine neue Partei gr\u00fcndeten, konzentrierte sich die SPD darauf, bewaffnete Gruppen zur Verteidigung der \u201e\u00f6ffentlichen Ordnung\u201c zu sammeln. Nachdem am 11. November der Friedensvertrag unterzeichnet war, zerstreute sich die Armee. Die Regierung befahl den Divisionen, nach Berlin zu marschieren. Doch bevor sie dort ankamen, war die H\u00e4lfte der Soldaten verschwunden \u2013 am n\u00e4chsten Morgen war es nur noch eine Handvoll. Nach vier Jahren des barbarischsten Massakers, dass die Menschheit bis dahin erlebt hatte, wollte jede Person mit einem Rest an Verstand so schnell wie m\u00f6glich zur\u00fcck nach Hause.<\/p>\n<p>Doch es gab eine kleine Anzahl an M\u00e4nnern, die sich an das endlose Morden gew\u00f6hnt hatten und und kein Heim au\u00dferhalb der Armee mehr besa\u00dfen. Unter dem Kommando von rechten Offizieren formten sie paramilit\u00e4rische \u201eFreikorps\u201c. Diese M\u00e4nner bekamen einen guten Sold, der aus Spenden von Gro\u00dfkapitalist*innen an den \u201eAntibolschewistenfonds\u201c finanziert wurde. Sie waren rechts, aber man h\u00e4tte ihre Ideologie nicht genau beschreiben k\u00f6nnen. In fr\u00fcheren Zeiten w\u00e4ren sie Monarchisten gewesen, aber nach der Flucht von Wilhelm II. hatten sie keinen Nutzen mehr f\u00fcr diesen Monarchen. Wie Sebastian Haffner erkl\u00e4rt: \u201eWas sie wollten und ersehnten, wof\u00fcr sie k\u00e4mpften und auch mordeten, das war etwas anderes als die Monarchie \u2013 etwas, das erst ein Mann in Worte fassen sollte, der sich damals noch als obskurer V-Mann der bayerischen Reichswehr in M\u00fcnchen bet\u00e4tigte.\u201c<\/p>\n<p>Haffner meint Adolf Hitler, der seine faschistische Bewegung auf Kerne ehemaliger Freikorps-Soldaten aufbauen w\u00fcrde. Die Freikorps waren die ersten, die das Hakenkreuz als modernes Symbol f\u00fcr rechtsextreme Politik nutzten. Sie waren hart antisozialistisch und \u00fcberzeugt, dass die deutsche Armee von Sozialist*innen einen \u201eDolchsto\u00df\u201c in den R\u00fccken bekommen hatte. Und dennoch dienten sie der SPD-Regierung, denn sie f\u00fchrte den Kampf, so viel wie m\u00f6glich von der alten Ordnung zu verteidigen. Die SPD ihrerseits brauchte diese rechten Paramilit\u00e4rs, denn niemand sonst wollte gegen die revolution\u00e4ren Arbeiter*innen k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Am 23. Dezember, kurz vor Weihnachten, versuchten SPD und Milit\u00e4r, die Volksmarinedivision (VMD) loszuwerden. Die VMD, die aus 3.000 M\u00e4nnern bestand, war die gr\u00f6\u00dfte revolution\u00e4re Milit\u00e4reinheit in der Hauptstadt. Sie organisierten sich rund um die Matrosen aus Kiel und waren seit den ersten Tagen der Revolution im Stadtschloss untergebracht. Nun drohte die Regierung mit der Verweigerung ihres Soldes, wenn sie den neuen Kommandanten von der SPD nicht akzeptieren w\u00fcrden. Am Heiligabend umzingelten konterrevolution\u00e4re Truppen das Stadtschloss und sprachen ein Ultimatum aus \u2013 und beschossen das Geb\u00e4ude mit Maschinengewehren und Artillerie. Tausende Arbeiter*innen sammelten sich im Stadtzentrum, um die VMD zu unterst\u00fctzen. Gemeinsam zwangen sie die Angreifer zum R\u00fcckzug.<\/p>\n<p>Ebert hatte den Angriff mit Groener koordiniert. In der \u00d6ffentlichkeit verneinte er jegliches Wissen dar\u00fcber, aber niemand glaubte ihm. Nach \u201eEberts Blutweihnacht\u201c traten die drei USPD-Mitglieder aus dem Rat der Volksbeauftragten aus. Ebert ersetzte sie mit drei weiteren MSPD-Mitgliedern. Er lie\u00df das Wort \u201eRat\u201c aus dem Namen der Regierung fallen und fing an, sich selbst als \u201eReichskanzler\u201c zu bezeichnen. Es war schwer, einen Kriegsminister zu finden, also einen Sozialdemokraten, der die Verantwortung f\u00fcr die Zerschlagung der Arbeiter*innenbewegung \u00fcbernehmen w\u00fcrde. Schlie\u00dflich meldete sich Gustav Noske: \u201eEiner muss der Bluthund werden\u201c, sagte er. Noske verstand, dass die SPD die revolution\u00e4re Bewegung in Berlin nicht in einer direkten Konfrontation besiegen w\u00fcrde. Ihre einzige Hoffnung lag in einer Provokation: die Revolution\u00e4r*innen in eine entscheidende Schlacht zu ziehen, bevor sie ihre Kr\u00e4fte organisieren k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/vor-100-jahren-revolution-und-konterrevolution-in-deutschland\/\">klassegegenklasse.org&#8230;<\/a> vom 19. November 2018<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wladek Flakin. In den ersten Tagen der deutschen Revolution bildeten sich \u00fcberall Arbeiter*innen- und Soldatenr\u00e4te. Die Sozialdemokratie verb\u00fcndete sich mit dem Milit\u00e4r, um so viel wie m\u00f6glich von der alten Ordnung zu retten.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,5],"tags":[25,91,31,26,62,38,42],"class_list":["post-4427","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-deutsche-revolution","tag-erster-weltkrieg","tag-gewerkschaften","tag-rosa-luxemburg","tag-russische-revolution","tag-sozialdemokratie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4427","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4427"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4427\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4428,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4427\/revisions\/4428"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4427"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4427"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4427"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}