{"id":444,"date":"2015-04-02T11:28:33","date_gmt":"2015-04-02T09:28:33","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=444"},"modified":"2015-04-02T11:28:33","modified_gmt":"2015-04-02T09:28:33","slug":"die-revolution-in-rojava-ist-die-revolution-der-frau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=444","title":{"rendered":"Die Revolution in Rojava ist die Revolution der Frau"},"content":{"rendered":"<p><i>Wo anfangen, um den Stimmen der Frauen und Frauenbefreiungsbewegung in Kurdistan Geh\u00f6r zu verschaffen, zur Solidarit\u00e4t mit dem kurdischen Freiheitskampf und f\u00fcr Frauenbefreiung international aufzurufen und gegen Rassismus und europ\u00e4ische und andere \u00abwestliche\u00bb Kriegstreiber <!--more-->die Stimme zu erheben?! Das fragten sich autonome Feministinnen aus Wien und schrieben dazu eine Brosch\u00fcre. Wir ver\u00f6ffentlichen hier in leicht gek\u00fcrzte Fassung die Abschnitte \u00fcber die Hintergr\u00fcnde der Revolution.<\/i><\/p>\n<p>Die Revolution begann in der Nacht vom 18. auf den 19. Juli 2012 in Koban\u00ea. Die Selbstverteidigungseinheiten der YPG nahmen die Strassen, die in die Stadt hinein- und hinausf\u00fchren unter ihre Kontrolle. Die Bev\u00f6lkerung setzte zeitgleich die Belagerung und Einnahme aller staatlichen Institutionen der Stadt ein. Schliesslich versammelte sich die Bev\u00f6lkerung vor dem Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt der Assad-Armee in Koban\u00ea. Eine Delegation aus der Bev\u00f6lkerung ging hinein, um mit dem Milit\u00e4r zu verhandeln. Sie sollten ihre Waffen abgeben und man werde f\u00fcr ihre Sicherheit garantieren, das war das Angebot der kurdischen Seite.<\/p>\n<p><b>Frauenbewegung, Frauenr\u00e4te\u00a0und Frauenzentren<\/b><\/p>\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden haben sich die Frauen organisiert, aus der langj\u00e4hrigen \u00dcberzeugung, dass die Revolution ohne Befreiung der Frauen nicht m\u00f6glich ist.\u00a0Delsha Osman, Mitglied der Koordination der Yekit\u00eeya Star: \u00abWir k\u00f6nnen die Situation in Westkurdistan und Syrien nicht losgel\u00f6st von den Entwicklungen im Mittleren Osten und in Nordafrika betrachten. Auch viele Frauen haben sich an diesen Aufst\u00e4nden (\u2026) mit grossen Hoffnungen und Emotionen beteiligt. Allerdings waren sie nicht organisiert. Deshalb konnten sie ihre Forderungen nicht durchsetzen und wurden vereinzelt aus der \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Demgegen\u00fcber k\u00f6nnen Frauen in Westkurdistan heute auf die Analysen und die 30j\u00e4hrige Erfahrung der Organisierung der kurdischen Befreiungsbewegung zur\u00fcckgreifen. Das war die Grundlage, die den Weg daf\u00fcr ge\u00f6ffnet hat, dass wir unter dem Namen \u201aYekit\u00eeya Star\u2018 im Jahr 2005 unsere eigene Organisierung aufbauen konnten. Yekit\u00eeya Star ist zu einer neuen Identit\u00e4t geworden, \u00fcber die sich Frauen definieren und organisieren k\u00f6nnen. Die Zielsetzung von Yekit\u00eeya Star ist es, eine demokratische, \u00f6kologische und geschlechterbefreite Gesellschaft aufzubauen und als Frauen eine treibende und gestaltende Kraft in diesem Prozess zu sein.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abFr\u00fcher konnten wir als Frauen nicht am \u00f6ffentlichen Leben teilnehmen. Entweder stand uns unser Vater oder unser grosser Bruder im Weg\u00bb, sagt Zeynep Muhammed, eine Koordinatorin der Yekitiya Star. In Rojava sind die Frauen heute eine treibende Kraft in der R\u00e4tedemokratie, denn \u00abdie Frau kann in den Bereichen, in denen sie organisiert ist, die m\u00e4nnliche Dominanz hinterfragen und bek\u00e4mpfen\u00bb, sagt eine kurdische Aktivistin. Sie organisieren sich eigenst\u00e4ndig, bauen Frauenr\u00e4te und Frauenzentren in den befreiten Kommunen und St\u00e4dten auf und spielen eine tragende Rolle in den allgemeinen Strukturen, bei denen eine vierzigprozentige Geschlechterquote gilt und die \u00fcber eine geschlechterparit\u00e4tische \u00abDoppelspitze\u00bb verf\u00fcgt.<\/p>\n<p>In den Stadtteilen und D\u00f6rfern werden Frauenr\u00e4te organisiert, die Frauenkommunen. Aus Vertreterinnen der Frauenkommunen setzt sich der Frauen-Stadtrat zusammen und dies entsendt Delegierte an den Frauenrat des Kantons. Zuletzt gibt es noch eine Frauenkoordination, die sich aus den Frauen der drei Frauenr\u00e4te der Kantone zusammensetzt. \u00abDie Frauenr\u00e4te sind das verbindende und beschlussfassende Gremium aller Frauen (\u2026) Nuha Mahmud erkl\u00e4rt zum Beispiel, dass auch zahlreiche arabische und christliche Frauen sich an den Rat wenden, zum Beispiel wenn die Frauen den Wunsch haben sich scheiden zu lassen. (\u2026) [auch aufgrund] sexueller Gewalt wenden sie sich an R\u00e4te. (\u2026) Frauen, die vergewaltigt wurden, [werden] oft von ihren Familien verstossen, manchmal sogar ermordet. Daher h\u00e4tten Frauen logischerweise oft geschwiegen, nun sieht es anders aus\u00bb, schreibt Anja Flach.<\/p>\n<p><b>Patriarchale Praktiken \u00fcberwinden<\/b><\/p>\n<p>Die Frauen bauen ihre eigenen Frauenbildungseinrichtungen und Frauenzentren auf. Delsha Osman sagt: \u00abDutzende Frauen konnten vor dem Tod bewahrt werden. Es wurde verhindert, dass sie Opfer von \u201aEhrenmorden\u2018 werden. In diesen H\u00e4usern finden Frauen Solidarit\u00e4t und Unterst\u00fctzung.\u00bb Zus\u00e4tzlich gibt es ein w\u00f6chentliches Bildungsangebot f\u00fcr die Frauen zu Themen wie den gesellschaftlichen Sexismus, die Geschichte der Frau, die demokratische Autonomie oder die legitime Selbstverteidigung.<\/p>\n<p>Die Yekit\u00eeya Star konnte wichtige Beschl\u00fcsse auf der Konferenz des Volksrates durchsetzen: Morde \u00abim Namen der Ehre\u00bb werden als Verbrechen gegen Frauen und die Gesellschaft verurteilt und bestraft. Patriarchale Praktiken, wie die Verheiratung im jungem Alter, arrangierte Ehen bei der Geburt, Zwangsverheiratung usw., werden ge\u00e4chtet und nicht akzeptiert. Verheiratete M\u00e4nner, die zus\u00e4tzlich eine weitere Frau heiraten, werden aus allen Organisationen und Gremien ausgeschlossen. F\u00fcr die \u00abFrauenarbeit\u00bb als Frauenorganisierung f\u00fcr Frauenbefreiung gilt eine gemeinsame Verantwortung. Zum Beispiel k\u00f6nnen M\u00e4nner die Frauenarbeit unterst\u00fctzen, indem sie sich mit sich selbst auseinandersetzen und ihre patriarchalen Denk- und Verhaltensweisen \u00fcberwinden. Gleichzeitig baut die Yekit\u00eeya Star eine Zusammenarbeit mit Frauen anderer Bev\u00f6lkerungsgruppen auf. \u00abWir haben gemeinsame Plattformen mit arabischen, assyrischen und ezidischen Frauen sowie Beziehungen zu verschiedenen Frauen und Frauenorganisationen aufgebaut. Ein wichtiges Anliegen ist es hierbei, ein demokratisches Zusammenleben aller Volksgruppen und Religionen mit ihrer eigenen Identit\u00e4t zu verwirklichen, sowie Nationalismus und religi\u00f6sen Spaltungen entgegenzuwirken\u00bb, so Delsha Osman.<\/p>\n<p><b>Neuer Gesellschaftsvertrag<\/b><\/p>\n<p>Die Selbstverwaltung durch R\u00e4tedemokratie wird mit Volksr\u00e4ten, Frauenr\u00e4ten, R\u00e4ten von Bev\u00f6lkerungs- und religi\u00f6sen Gruppen aufgebaut. Die unterste Organisationsstruktur ist die Kommune, die meist aus 30 bis 150 Haushalten besteht. Die n\u00e4chsth\u00f6here Organisationsstruktur ist in einem Stadtteil bzw. in einer D\u00f6rfergemeinschaft, die etwa sieben bis zehn D\u00f6rfer umfasst, dann folgt die Organisierung auf Kommunalebene und in Kantonen. Den R\u00e4ten sind Komitees angegliedert.<\/p>\n<p>Auf die Bildung der Bev\u00f6lkerung wird besonderen Wert gelegt. \u00abAlle Mitglieder der Komitees und der Verwaltung nehmen an der Ausbildung in den allgemeinen Volksakademien teil, wo das neue Paradigma detailliert erl\u00e4utert wird. Zudem findet Unterricht statt zu Themen wie demokratische Kultur und Volksverwaltung. F\u00fcr die Bev\u00f6lkerung selbst gibt es in den Stadtteilen und den D\u00f6rfern regelm\u00e4ssig Seminare und Diskussionsrunden. Und in regelm\u00e4ssigen Abst\u00e4nden organisieren wir Volksversammlungen. Dort wird \u00fcber die politische Situation und \u00fcber L\u00f6sungen f\u00fcr gesellschaftliche Probleme diskutiert. Wir nehmen die Kritik, Vorschl\u00e4ge und Bewertungen aus der Bev\u00f6lkerung sehr ernst\u00bb, sagt Asya Abdullah von der PYD.<\/p>\n<p>Alle Bed\u00fcrfnisse der Bev\u00f6lkerung, von Gesundheit bis Sicherheit, werden durch die Komitees abgedeckt. Aber es gibt nat\u00fcrlich auch Einschr\u00e4nkungen, Engp\u00e4sse und Schwierigkeiten, vor allem durch die Kriegssituation in Syrien, aber auch durch das Embargo \u2013 unter anderen von der T\u00fcrkei und der Regionalregierung in S\u00fcdkurdistan (im Nordirak).<\/p>\n<p><b>F\u00fcr eine kollektive \u00d6konomie<\/b><\/p>\n<p>Dara Kurdaxi, Wirtschaftswissenschaftlerin und Vertreterin des Komitees f\u00fcr wirtschaftliche Belebung und Entwicklung von Afr\u00een: \u00abEs soll kein kapitalistisches System sein, das seiner Umwelt keinen Respekt zollt; und auch kein System, das die Klassenwiderspr\u00fcche fortsetzt und letzten Endes nur dem Kapital dient\u00bb. Das Wirtschaftsmodell Rojavas sei eine Antwort auf den Neoliberalismus der kapitalistischen Moderne und eine Kritik am Staatskapitalismus realsozialistischer Pr\u00e4gung. Eine volksnahe Wirtschaft sollte deshalb auf Umverteilung und Nutzorientierung beruhen, statt sich ausschliesslich an der Anh\u00e4ufung und am Raub von Mehrwert und Mehrprodukt zu orientieren. Das Modell Rojavas soll ein Modell f\u00fcr den ganzen Mittleren Osten sein.<\/p>\n<p>Eine besondere Bedeutung hat das neue Rechtssystem. Auf der untersten Ebene arbeiten die \u00abFriedens- und Konsenskomitees\u00bb, die in den D\u00f6rfern und Stadtteilen gebildet wurden. Damit wird eine traditionelle Struktur der \u00ab\u00c4ltestenr\u00e4te\u00bb aufgebaut, aber mit den Werten des Gesellschaftsvertrages von Rojava gef\u00fcllt, in dem R\u00e4tedemokratie, Geschlechterbefreiung und Menschenrechte festgeschrieben stehen. Auf der Kommunalebene besteht eine Doppelstruktur dieser Komitees, ein allgemeines Komitee und ein Frauenkomitee, das f\u00fcr F\u00e4lle von patriarchaler Gewalt, Zwangsehe, Mehrehe, Vergewaltigung etc. zust\u00e4ndig ist. Diese Frauenkomitees sind direkt an die Yekit\u00eeya Star angebunden und sollen garantieren, dass sich in F\u00e4llen patriarchaler Gewalt nicht patriarchale Rechtsbesprechung durchsetzt.<\/p>\n<p><b>Das Recht auf Selbstverteidigung<\/b><\/p>\n<p>Der kurdische Freiheitskampf sieht seit Ende der 90er Jahren, nach ausf\u00fchrlichen Diskussionen, nicht mehr den \u00abVolkskrieg zur Befreiung von Kolonialherrschaft\u00bb, als strategisches Konzept, sondern die \u00abLegitime Selbstverteidigung\u00bb. Diese beinhaltet eine soziale Revolution und internationale Perspektive und hat zum Ziel die Selbstorganisierung der Bev\u00f6lkerung zu verteidigen und zu sch\u00fctzen. \u00abDie Organisierung von Selbstverteidigungskr\u00e4ften ist eine grundlegende Voraussetzung, um gegen jede Form von Unterdr\u00fcckung, Fremdbestimmung und Herrschaft einen eigenen Willen und Entscheidungskraft entwickeln zu k\u00f6nnen. Damit ist die F\u00e4higkeit zur Selbstverteidigung das Fundament der Selbstbestimmung\u00bb, sagt Hevala Servin, feministische Internationalistin im kurdischen Freiheitskampf. Die Frauenbefreiungsbewegung Kurdistans schreibt 2010: \u00abIn der sexistische Gesellschaft, in der wir leben, stellt nicht nur der Staat, sondern auch die Gesellschaft eine Quelle der Gewalt dar. In dieser Situation k\u00f6nnen Frauen, die keine Verteidigungsm\u00f6glichkeiten haben, in jedem Land und in jeder Kultur leicht zum Ziel von Gewalt werden.\u00bb Sie sehen Selbstverteidigung als eine wichtige Grundlage f\u00fcr die Frauenbewegung.<\/p>\n<p><i>Quelle: Vorw\u00e4rts vom 27. Februar 2015<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo anfangen, um den Stimmen der Frauen und Frauenbefreiungsbewegung in Kurdistan Geh\u00f6r zu verschaffen, zur Solidarit\u00e4t mit dem kurdischen Freiheitskampf und f\u00fcr Frauenbefreiung international aufzurufen und gegen Rassismus und europ\u00e4ische und andere \u00abwestliche\u00bb Kriegstreiber <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7,5],"tags":[9,32,15],"class_list":["post-444","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","category-kampagnen","tag-arabische-revolutionen","tag-frauenbewegung","tag-syrien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/444","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=444"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/444\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":445,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/444\/revisions\/445"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=444"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=444"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=444"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}