{"id":4440,"date":"2018-11-20T09:27:46","date_gmt":"2018-11-20T07:27:46","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4440"},"modified":"2018-11-20T09:27:46","modified_gmt":"2018-11-20T07:27:46","slug":"rechtes-netzwerk-in-der-bundeswehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4440","title":{"rendered":"Rechtes Netzwerk in der Bundeswehr"},"content":{"rendered":"<p><em>Martin Kaul, Christina Schmidt, Daniel Schulz<\/em>. Am 13. September 2017, einem Mittwoch, bekommt Andr\u00e9 S. in Sindelfingen Besuch vom Geheimdienst der Bundeswehr. Mal wieder. S. ist Soldat beim Kommando Spezialkr\u00e4fte<!--more--> in Baden-W\u00fcrttemberg. Er geh\u00f6rt zu den am besten ausgebildeten Soldaten der Bundeswehr, ein Elitek\u00e4mpfer. Der Mann, der ihn besucht, ist ein Oberstleutnant des Milit\u00e4rischen Abschirmdiensts. Er ist gekommen, um S. \u00fcber rechtsextreme Tendenzen in seiner Kompanie zu befragen.<\/p>\n<p>F\u00fcr S. ist das kein ungew\u00f6hnlicher Termin. Seit L\u00e4ngerem schon trifft er sich regelm\u00e4\u00dfig mit dem MAD. Die Aufgabe des Nachrichtendiensts der Bundeswehr ist es, extremistische Entwicklungen innerhalb der Armee zu erkennen und zu verhindern. Der MAD nennt S. eine \u201eAuskunftsperson\u201c.<\/p>\n<p>An diesem Tag im September bekommt S. f\u00fcr seine Ausk\u00fcnfte offenbar etwas zur\u00fcck: Der MAD-Mann berichtet ihm wohl von Ermittlungen des Generalbundesanwalts gegen ein geheimes Netzwerk von M\u00e4nnern, die geplant haben sollen, Politiker und Aktivisten aus dem linken Spektrum zu t\u00f6ten. Die Bundesanwaltschaft sieht darin die Vorbereitung einer schweren, staatsgef\u00e4hrdenden Gewalttat \u2013 Terror also.<\/p>\n<p>Von den Razzien, die es kurz zuvor in Norddeutschland gegeben hat, wei\u00df Andr\u00e9 S. zu diesem Zeitpunkt bereits. An diesem 13. September soll er aber erfahren haben, dass weitere Durchsuchungen und Befragungen kurz bevorstehen. So steht es in einer Anklageschrift des Amtsgerichts K\u00f6ln, das zurzeit einen Prozess gegen den MAD-Mitarbeiter wegen Verletzung des Dienstgeheimnisses f\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Prepper und eingewecktes Gem\u00fcse<\/strong><\/p>\n<p>Denn: Andr\u00e9 S. soll dadurch gewarnt worden sein. Und S. ist niemand Geringeres als der Kopf eines bundesweiten Netzwerks, das im Zentrum weitreichender Ermittlungen steht. Sein Deckname ist Hannibal.<\/p>\n<p>Seit einem Jahr recherchiert ein Team der taz zu der Frage: Gibt es ein rechtes Untergrundnetzwerk in Deutschland, in dem sich Regierungsgegner vernetzen, radikalisieren und gezielt auf bewaffnete K\u00e4mpfe vorbereiten? Gibt es ein Netzwerk, das hineinreicht in deutsche Beh\u00f6rden, in Verfassungsschutz\u00e4mter und bis in die oberen Etagen der Bundeswehr?<\/p>\n<p>Dabei stie\u00dfen wir auf\u00a0<a href=\"https:\/\/taz.de\/Prepper-Szene-in-Deutschland\/!5370717\/\">Prepper, die sich mit eingewecktem Gem\u00fcse versorgten<\/a>, recherchierten zu Ermittlungen der Bundesanwaltschaft, deren Beamte zun\u00e4chst glaubten, Rechtsterroristen in Norddeutschland gefunden zu haben. Wir lasen geheime Telegram-Chats und redeten mit M\u00e4nnern, die zwar bei rechtsextremen Verlagen B\u00fccher bestellten, aber ihre v\u00f6lkische Gesinnung nicht f\u00fcr bedenklich hielten.<\/p>\n<p>Als wir im Dezember 2017\u00a0<a href=\"https:\/\/taz.de\/Terror-Ermittlungen-in-Norddeutschland\/!5468003\/\">den ersten gr\u00f6\u00dferen Text \u00fcber das \u201eKommando Heimatschutz\u201c ver\u00f6ffentlichten<\/a>, wussten wir noch nicht, wer sich hinter dem Pseudonym Hannibal verbarg. Hannibal, sagte uns jemand, sei der Administrator eines bundesweiten Chatnetzwerks sogenannter Prepper. Wir fragten uns damals: Ist es denkbar, dass Hannibal Mitglied der Bundeswehr ist und direkt aus der Bundeswehr heraus ein Untergrundnetzwerk mitaufgebaut hat?<\/p>\n<p><strong>Wir kennen Hannibals Namen<\/strong><\/p>\n<p>Heute kennen wir Hannibals vollen Namen. Andr\u00e9 S., geboren 1985 in Halle an der Saale, ist Mitglied des Kommandos Spezialkr\u00e4fte der Bundeswehr in Calw. Er ist Gr\u00fcnder und Vorsitzender eines Vereins mit Postadresse in Dormagen, Nordrhein-Westfalen, in dem sich Elitek\u00e4mpfer organisieren. Aus Gr\u00fcnden des Pers\u00f6nlichkeitsschutzes k\u00fcrzen wir seinen Nachnamen ab.<\/p>\n<p>Nach einem Jahr f\u00fcgt sich aus unseren Recherchen ein Bild, das keinen anderen Schluss zul\u00e4sst: \u00dcberall in Deutschland, auch in \u00d6sterreich und der Schweiz, haben sich Gruppen formiert, die daran arbeiten, einen eigenen Staat im Staate aufzubauen. Mitglieder in diesen Gruppen sind Polizisten und Soldaten, Reservisten, Beamte und Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, die unter konspirativen Bedingungen einen Plan hegen: Wenn sie die Zeichen sehen, wenn \u201eTag X\u201c da ist, wollen sie zu den Waffen greifen.<\/p>\n<p>In den Chatgruppen geht es um den \u201eTag X\u201c. Mit dabei ist Franco A., der unter Terrorverdacht verhaftet wird<\/p>\n<p>Manche ihrer Pl\u00e4ne sind erschreckend konkret. Der\u00a0<em>Focus<\/em>\u00a0schreibt von einer \u201eUntergrundarmee\u201c. Wie ein Netz sind die Gruppen miteinander verbunden. Unsere Recherchen ergeben, dass die einzelnen F\u00e4den immer wieder zu einer Person f\u00fchren: Hannibal.<\/p>\n<p>Wer ist dieser Hannibal? Wie kann es sein, dass administriert vom Gel\u00e4nde der Graf-Zeppelin-Kaserne in Calw bundesweit extremistische Zellen entstehen? Und wie kann es sein, dass der MAD Hannibal sogar noch warnt?<\/p>\n<p><strong>Misstrauen an den Staatsdienern<\/strong><\/p>\n<p>Ende August 2017. Der Generalbundesanwalt l\u00e4sst in Mecklenburg-Vorpommern Wohnh\u00e4user und B\u00fcros durchsuchen. Unter anderem von einem Anwalt und einem Kriminalpolizisten. Der Vorwurf: Sie sollen sich verabredet haben, an einem \u201eTag X\u201c Politiker und Menschen aus dem linken Spektrum festzusetzen oder zu liquidieren. Die Ermittlungen dauern an.<\/p>\n<p>Das Besondere damals ist: Die Staatsanw\u00e4lte der Bundesanwaltschaft misstrauen den Staatsdienern im Norden. Landespolizisten werden nicht einbezogen. Selbst der Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns wird erst unmittelbar vor den Razzien informiert. Denn der verd\u00e4chtige Anwalt und der Polizist agierten nicht allein. Sie weihten in ihre Pl\u00e4ne unter anderem einen SEK-Polizisten und einen ehemaligen Soldaten ein, der damals noch einer Reservistenkompanie vorstand, die sich auf einen Einsatz beim G20-Gipfel in Hamburg vorbereitete.<\/p>\n<p>Diese M\u00e4nner sind Teil einer gr\u00f6\u00dferen Gruppe, die sich auf Katastrophen vorbereitet, Stromausf\u00e4lle, St\u00fcrme und Nahrungsmittelknappheit, auf Momente, in denen der Staat seine B\u00fcrger nicht mehr versorgen kann. Sie organisieren sich in mehreren Chatgruppen in Norddeutschland. Eine von ihnen hei\u00dft Nordkreuz, eine hei\u00dft Nord.Com, mal geht es darin um Impfstoffknappheit, mal um Truppenbewegungen in Osteuropa.<\/p>\n<p>Eine dritte Gruppe hei\u00dft Nord. Es ist Hannibal, der diese Gruppe mit vertraulichen Informationen und Lagebildern aus dem Inneren der Bundeswehr versorgt. In der Gruppe erzeugen seine Nachrichten das Gef\u00fchl, zu einem inneren Zirkel zu geh\u00f6ren, der einen Wissensvorsprung hat. Es ist auch kein Zufall, dass diese Gruppen im Herbst 2015 entstehen, denn es geht auch um die Fl\u00fcchtlingspolitik der Bundesregierung \u2013 und wie man sich dagegen wehren kann.<\/p>\n<p><strong>Wettschie\u00dfen bei der Geburtstagsfeier<\/strong><\/p>\n<p>An einem Abend Anfang 2017 treffen sich vier M\u00e4nner, darunter der beschuldigte Polizist sowie ein weiterer und der Reservist bei einem Stehimbiss an einer Landstra\u00dfe nahe Schwerin. Sie sprechen \u00fcber Lagerhallen, in denen sie am \u201eTag X\u201c ihre politischen Gegner internieren wollen. K\u00f6nnte der Kompaniechef der Reservisten im Ernstfall daf\u00fcr nicht Lastwagen der Bundeswehr organisieren?<\/p>\n<p>Lie\u00dfen sich so auch m\u00f6gliche Stra\u00dfenkontrollen \u00fcberwinden? Sie reden auch \u00fcber Erschie\u00dfungen. Im Laufe des Gespr\u00e4chs soll auch das Wort \u201eEndl\u00f6sung\u201c gefallen sein. Das sagen Menschen, die mit den Vorg\u00e4ngen betraut sind, der taz.<\/p>\n<p>Sie erz\u00e4hlen auch: Der beschuldigte Anwalt hatte bei Geburtstagsfeiern hinter seinem Haus ein Wettschie\u00dfen veranstaltet und einen Wanderpokal daf\u00fcr ausgelobt \u2013 benannt nach Mehmet Turgut, einem Mann, den die rechtsextremistische Terrorzelle NSU im Jahr 2004 erschossen haben soll. In Rostock. Sein Mord ist bis heute nicht aufgekl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Aus Ermittlungsunterlagen, die der taz vorliegen, geht hervor, dass Mitglieder dieser Nord-Gruppe bereits Depots mit Treibstoff, Nahrungsmitteln und Munition angelegt haben sollen. Jeder von ihnen zahlte daf\u00fcr etwa 600 Euro in eine gemeinsame Kasse. Jenseits der Chatgruppe gab es noch weitere Unterst\u00fctzer \u2013 etwa den Betreiber eines Schie\u00dfstandes Nahe Rostock. Er verlie\u00df zwar den Chat, verkaufte den Mitgliedern aber weiterhin Waffen. Oder ein Ausbilder am Fliegerhorst der Bundeswehr in Laage, wo Eurofighter stationiert sind. Er lud seine Freunde nach Dienstschluss in den Sicherheitsbereich. Dort durften sie im Flugsimulator den Eurofighter fliegen.<\/p>\n<p><strong>Die S\u00fcd-Gruppe<\/strong><\/p>\n<p>Nach den Razzien vom August 2017 war der Aufkl\u00e4rungswille des zust\u00e4ndigen Innenministers, Lorenz Caffier (CDU), \u00fcberschaubar. Er richtete eine sogenannte Prepper-Kommission ein. Befund bislang: Es gibt kein Problem. Einen Bericht hat die Kommission ein Jahr sp\u00e4ter noch nicht vorgelegt.<\/p>\n<p>Es gab aber in dem Chatnetzwerk nicht nur die Nord-Gruppe. Es gab: Ost, West, S\u00fcd \u2013 organisiert entlang der geografischen Aufteilung der Wehrbereichsverwaltung. Au\u00dferdem: \u00d6sterreich und die Schweiz. Auch in S\u00fcd, der gr\u00f6\u00dften und aktivsten Gruppe, war Hannibal der Administrator.<\/p>\n<p>Das ist die Gruppe, in der der fr\u00fchere Bundeswehrsoldat Franco A. Mitglied war.\u00a0<a href=\"https:\/\/taz.de\/Mutmasslicher-Terrorhelfer-von-Franco-A\/!5499781\/\">Das Auffliegen Franco A.s<\/a>\u00a0war einer der gr\u00f6\u00dften Bundeswehrskandale der letzten Jahre. Ein Soldat, der mutma\u00dflich rechtsextreme Terroranschl\u00e4ge geplant hat \u2013 und niemand, nicht seine Vorgesetzten, nicht der MAD, wollten etwas bemerkt haben?<\/p>\n<p>Franco A. war nicht nur passiv Mitglied in der S\u00fcd-Gruppe. Einmal war er bei Hannibal zu Hause, einmal nahm er mit Hannibal an einem Treffen in Albstadt teil, bei dem die Handys im Auto gelassen wurden. Es war ein Treffen in einem Sch\u00fctzenverein.<\/p>\n<p><strong>Die Bundesanwaltschaft ermittelt<\/strong><\/p>\n<p>Franco A. warb auch neue Mitglieder f\u00fcr die S\u00fcd-Gruppe. Zum Beispiel einen H\u00e4ndler von Waffenteilen, bei dem A. zuvor Zubeh\u00f6r gekauft hatte, als Barkauf, damit sein Name nicht auf der Rechnung auftauchte. Dem H\u00e4ndler hatte A. auch gesagt, bei der S\u00fcd-Gruppe handele es sich um eine besondere Gruppe innerhalb der Bundeswehr.<\/p>\n<p>Als Hannibal erf\u00e4hrt, was Franco A. vorgeworfen wird, gibt er umgehend Anweisung, alle Chats zu l\u00f6schen: Nord, S\u00fcd, West, Ost. Es h\u00e4tte kein gutes Licht auf die Richter, Beamten und Soldaten in den Chatgruppen geworfen, wird er sp\u00e4ter sagen, wenn man sie mit Franco A. in Verbindung br\u00e4chte.<\/p>\n<p>Weil Franco A. auffliegt, ermittelt die Bundesanwaltschaft. Jetzt ger\u00e4t das Netzwerk unter Druck. Wie schon in Norddeutschland legen sie auch in der S\u00fcd-Gruppe sichere Treffpunkte und Unterk\u00fcnfte fest, in denen sich die Mitglieder am \u201eTag X\u201c treffen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sie legen \u201eSafe-Houses\u201c an. Wieviele es von diesen Unterk\u00fcnften gibt, und wozu genau sie genutzt werden sollten, ist unklar<\/p>\n<p>Bei der Vernehmung wollen die Ermittler von Hannibal wissen, wie viele solcher \u201eSafe-H\u00e4user\u201c es in Deutschland gebe \u2013 und wo diese sich befinden. Andr\u00e9 S. antwortet: \u00fcberall. Sogar das Autohaus seiner Eltern hatte er im Chat als solches vorgeschlagen.<\/p>\n<p><strong>Kaserne erfolgreich \u00fcbernommen<\/strong><\/p>\n<p>Es ist bisher noch unklar, was diese \u201eSafe-H\u00e4user\u201c genau ausmacht. Den Ermittlungsbeh\u00f6rden bereiten diese Orte Kopfzerbrechen. Es gibt sie in N\u00fcrnberg und Ulm, in Lenggries und Bad T\u00f6lz und auch die Graf-Zeppelin-Kaserne in Calw, wo das KSK stationiert ist, wurde in der Chatgruppe S\u00fcd als ein solcher Ort definiert \u2013 vorausgesetzt allerdings, man habe im Krisenfall die Kaserne bereits erfolgreich \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Franco A.s Verhaftung f\u00fchrt schlie\u00dflich dazu, dass deutschlandweit Bundeswehrkasernen\u00a0<a href=\"https:\/\/taz.de\/NS-Devotionalien-in-der-Bundeswehr\/!5407377\/\">nach NS-Devotionalien durchsucht<\/a>\u00a0und Soldaten auf ihre Gesinnung \u00fcberpr\u00fcft werden. Das Verteidigungsministerium will aufr\u00e4umen, Soldaten wie Franco A. sollen k\u00fcnftig schneller auffallen. Rechtsextreme Kameraden sollen die Bundeswehr verlassen.<\/p>\n<p><strong>Hannibal bleibt.<\/strong><\/p>\n<p>Der Deckname Hannibal und der b\u00fcrgerliche Name Andr\u00e9 S. kursieren im vergangenen Jahr unter Sicherheitspolitikern im Bundestag. Ihnen gegen\u00fcber muss der MAD zugeben, dass er Hannibal schon lange kennt, der scheinbar so bereitwillig Auskunft gibt. Und obwohl auch dort bekannt wird, dass die Nord-Chatgruppe \u00c4quivalente in anderen Landesteilen hat, hei\u00dft es: Menschen, die Konservendosen horten, sind doch harmlos.<\/p>\n<p>Dabei m\u00f6chte der MAD von Hannibal auch wissen: Was wei\u00df er \u00fcber diese Abschiedsfeier, die einen Gerichtsprozess nach sich zog?<\/p>\n<p><strong>Helden des rechtsextremen Milieus<\/strong><\/p>\n<p>Fr\u00fchjahr 2017, auf einem Schie\u00dfstand nahe Stuttgart feiert ein Kompaniechef des KSK seinen Abschied. Seine Soldaten lassen ihn einen Parcours absolvieren, lassen ihn Bogen schie\u00dfen und K\u00f6pfe von Schweinen werfen. Als Belohnung haben sie eine Frau eingeladen, mit der er Sex haben soll. Es kommt nicht dazu, sagt die Frau sp\u00e4ter aus. Der Kompaniechef sei zu betrunken gewesen.<\/p>\n<p>Sie erz\u00e4hlt auch, dass auf der Feier Musik der rechtsextremen Band Sturmwehr gespielt worden sei. Der Kompaniechef und andere h\u00e4tten dann den Hitlergru\u00df gezeigt.<\/p>\n<p>Der MAD hat ein Interesse daran, Hannibal zu sch\u00fctzen<\/p>\n<p>Auf Anfrage der taz m\u00f6chte der Milit\u00e4rische Abschirmdienst nicht mitteilen, ob ihre Auskunftsperson Hannibal an jenem Abend mitgefeiert hat. Der MAD hat ein Interesse daran, Hannibal zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Im KSK hat der MAD fast keine Quellen, der Kontakt zu Hannibal ist wertvoll. Das Kommando, das streng abgeschirmt operiert, pflegt ein Eigenleben. Im Jahr 2004 war der ber\u00fcchtigte KSK-Kommandeur Reinhard G\u00fcnzel ohne Dank entlassen worden, nachdem er die antisemitische Rede des heutigen AfD-Abgeordneten Martin Hohmann in einem Bundeswehrschreiben gelobt hatte. Sp\u00e4ter wurde G\u00fcnzel zum Helden im rechtsextremen Milieu.<\/p>\n<p><strong>Kontakt per Mail<\/strong><\/p>\n<p>Im September fragen wir das Bundesverteidigungsministerium nach Uniter. Ein Verein, den Hannibal vor Jahren gegr\u00fcndet hat, in dem sich ehemalige und aktive Mitglieder von Spezialeinheiten vernetzten. Ein Sprecher des Ministeriums antwortet schriftlich: Das Ministerium verf\u00fcge \u00fcber keine weiteren Kenntnisse zu Uniter als die \u201e\u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen\u201c. Zu diesem Zeitpunkt war Hannibal bereits Auskunftsperson des MAD. Der MAD ist direkt dem Ministerium unterstellt.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung muss nat\u00fcrlich keine Informationen an die Presse geben, die sie aus nachrichtendienstlicher Aufkl\u00e4rung hat. Sie muss aber auch nicht l\u00fcgen.<\/p>\n<p>Uns interessiert in unserer Anfrage auch: Nutzt Uniter Liegenschaften der Bundeswehr? \u00dcben die Vereinsmitglieder mit Bundeswehreigentum? \u201eEs liegen hierzu keine Informationen vor\u201c, schreibt das Ministerium. Wei\u00df denn das Ministerium etwas dar\u00fcber, dass sich KSK-Soldaten als Prepper weiterbilden? \u201eKeine Erkenntnisse.\u201c<\/p>\n<p>Als wir schlie\u00dflich den b\u00fcrgerlichen Namen von Hannibal kennen und Andr\u00e9 S. selbst im April 2018 per Mail kontaktieren, erhalten wir 23 Minuten sp\u00e4ter eine Antwort. Er schreibt: \u201ePrinzipiell schreiben und kommunizieren wir nicht mit der Presse, da die Masse der Mitglieder der Geheimhaltung unterstehen und jegliche Verbindungen das Leben von Mitgliedern und deren Familien beeintr\u00e4chtigen k\u00f6nnte.\u201c Weiter hei\u00dft es: \u201eSollten weitere Fragen und Bedr\u00e4ngungsversuche von ihrer Seite aus kommen, m\u00fcssen wir den Milit\u00e4rischen Abschirmdienst etc. informieren.\u201c<\/p>\n<p>Uniter also, ein Verein, dessen Gr\u00fcnder ein bundesweites Chatnetzwerk mit vertraulichen Informationen aus deutschen Beh\u00f6rden belieferte; der den unter Terrorismusverdacht verhafteten Soldaten Franco A. in seiner Chatgruppe hatte; und der auch diejenige Chat-Gruppe in Norddeutschland administrierte, deren Mitglieder an einem \u201eTag X\u201c mit Bundeswehrlastwagen politische Gegner in Lager fahren wollten \u2013 dieser Verein also m\u00f6chte im Falle von Presseanfragen den Milit\u00e4rischen Abschirmdienst informieren.<\/p>\n<p><strong>Die Elite der Bundeswehr vernetzen<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich interessiert uns daher, worum es sich bei Uniter handelt. Uniter, das bedeutet, auf Latein: \u201eIn Eins verbunden\u201c. Der Verein m\u00f6chte die Elite der deutschen Bundeswehr vernetzen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr gibt es auch gute Gr\u00fcnde: Oft scheiden KSK-Soldaten im Alter von 35 Jahren aus dem Verband aus, die Auslandseins\u00e4tze entfallen \u2013 und damit Auslandsbez\u00fcge und Gefahrenzulagen der Soldaten. Pl\u00f6tzlich ist weniger Geld auf dem Konto. Uniter k\u00f6nnte da eine Hilfe sein. In dem Netzwerk sollen sich aktuelle und ehemalige Soldaten gegenseitig unterst\u00fctzen. Viele von ihnen haben Sicherheitsfirmen oder Kampfsportschulen gegr\u00fcndet, andere sind weiter beim Milit\u00e4r. Im Online-Shop werden Krawatten, Manschettenkn\u00f6pfe und Siegelringe mit dem Uniter-Emblem verkauft: Schwert und Kreuz, umfasst von einem Eichenkranz.<\/p>\n<p>Auf Facebook l\u00e4dt Uniter ein zu einem Marsch auf eine Burgruine in Baden-W\u00fcrttemberg, um Veteranen zu gedenken. Ein anderes Mal treffen sich Uniter-Mitglieder in einer Bundeswehrkaserne bei Berlin. Hier gibt sich der Verein offen f\u00fcr Interessierte. Eine Gruppe l\u00e4dt die taz schlie\u00dflich ein.<\/p>\n<p>Es ist ein Samstagmorgen im September dieses Jahres. In einer Kampfsporthalle in Berlin-K\u00f6penick erkl\u00e4rt ein Trainer, Messerkampf brauche viel \u00dcbung, Jahre, es sei eine der gef\u00e4hrlichsten Disziplinen. Die M\u00e4nner, ein Sicherheitsmitarbeiter vom Flughafen, ein Personensch\u00fctzer und ein Polizeiausbilder, ahmen die Bewegungen des Russen nach. Sie wollen vorbereitet sein.<\/p>\n<p>Also \u00fcben sie mit Kunststoffmessern, wie es wohl w\u00e4re, jemandem die Klinge durch die Kehle zu ziehen? \u201eUm jemanden mit dem Messer zu t\u00f6ten, muss man ihn am Oberschenkel treffen, dann in den Bauch, dann in den Hals.\u201c So erkl\u00e4rt es der Trainer auf Russisch. Einer muss \u00fcbersetzen. Das klingt dann so: \u201eSchneiden, schneiden, schneiden.\u201c<\/p>\n<p><strong>Nur ein Spiel?<\/strong><\/p>\n<p>Auch Uniter ist, wie die Chatgruppen, in die Distrikte Nord, S\u00fcd, Ost und West gegliedert. Auch hier gibt es Ableger in \u00d6sterreich und der Schweiz. Auch hier kennen sich viele Mitglieder nicht \u00fcber ihre eigenen Distrikte hinaus. Einer der Distriktleiter-Ost ist ein Polizeiausbilder. Uniter hat auch schon mal Spenden f\u00fcr Obdachlose gesammelt, der Verein ist wiederum Teil eines Ritterordens. Mehrere Mitglieder sind auch Freimaurer. Ungefragt erkl\u00e4rt der Polizistenausbilder im Gespr\u00e4ch mit der taz: Jedes neue Mitglied werde \u00fcberpr\u00fcft, Extremismus nicht geduldet. So steht es auch in der Satzung des Vereins.<\/p>\n<p>Franco A. hatte seinem Waffenh\u00e4ndler Uniter empfohlen. Der Verein dementiert, dass A. formal Mitglied gewesen war.<\/p>\n<p>Der MAD interessiert sich f\u00fcr Uniter, will ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Vereinigung bekommen, l\u00e4sst sich von Hannibal erz\u00e4hlen, was er da so macht. Hannibals Gesinnung ist dagegen nie Gegenstand einer MAD-\u00dcberpr\u00fcfung.<\/p>\n<p>Als die Ermittler des BKA Andr\u00e9 S. im vergangenen Jahr befragen, worauf er und die anderen Prepper sich denn vorbereiteten, sagt er: Es gehe in diesen Chats nur um Planspiele. Und er wird sagen, eine gesunde Vorbereitung mache ja heutzutage jeder, der im Staatsdienst arbeite.<\/p>\n<p>Alles nur ein Spiel? Im S\u00fcd-Chat hatte Hannibal vor Jahren geschrieben, dass sich das Autohaus seiner Eltern als Safe-Haus eigne. Bei einer Durchsuchung finden die Ermittler in deren Wohnhaus eine Kiste mit \u00dcbungsgranaten aus den Best\u00e4nden der Bundeswehr und Z\u00fcnder. Was er dazu sagen k\u00f6nne, fragen sie Hannibal im September 2017 und weisen darauf hin, dass er sich nicht selbst beschuldigen muss. Hannibal sagt, er wolle darauf nicht antworten.<\/p>\n<p><strong>Keine gewaltbereiten Rechtsextremisten festgestellt<\/strong><\/p>\n<p>Zwei Wochen sp\u00e4ter, Anfang Oktober 2017, wird der MAD-Oberstleutnant Peter W., Kontaktmann Hannibals, von der Wehrdisziplinar-Anwaltschaft befragt. Sie werfen ihm vor, Interna verraten zu haben. Peter W. fungiert beim MAD als Ansprechpartner f\u00fcr Generalbundesanwalt und Bundeskriminalamt. Die Staatsanwaltschaft K\u00f6ln hat Anklage gegen ihn erhoben.<\/p>\n<p>Der Generalbundesanwalt f\u00fchrt Hannibal nicht als Beschuldigten. Das KSK hat er inzwischen verlassen.<\/p>\n<p>Als an diesem Freitag der Chef des Milit\u00e4rischen Abschirmdienstes, Christof Gramm, im Bundestag befragt wird, sagt er: \u201eWir haben keine gewaltbereiten Rechtsextremisten festgestellt.\u201c Und: \u201eEine Vernetzung von gewaltbereiten Extremisten innerhalb der Bundeswehr findet daher auch nach unserer Wahrnehmung nicht statt.\u201c<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/taz.de\/!5548926\/?fbclid=IwAR02A8XVtX8WOP6dqv9OhQhquuYDsMMOWaga7Ga7bgQPBlSF_CSoMjprxZ0\"><em>taz.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 20. November 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Kaul, Christina Schmidt, Daniel Schulz. Am 13. September 2017, einem Mittwoch, bekommt Andr\u00e9 S. in Sindelfingen Besuch vom Geheimdienst der Bundeswehr. Mal wieder. 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