{"id":4453,"date":"2018-11-21T10:05:31","date_gmt":"2018-11-21T08:05:31","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4453"},"modified":"2018-11-21T10:05:31","modified_gmt":"2018-11-21T08:05:31","slug":"brot-arbeit-freiheit-raete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4453","title":{"rendered":"\u00abBrot, Arbeit, Freiheit, R\u00e4te!\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><em>Mina Khani. <\/em><strong>F\u00fcr die iranische Arbeiter*innenbewegung war das Jahr 2018 eines der k\u00e4mpferischen Offensive. Darauf reagiert der Staat nun mit Repression: Die Gewerkschaftsaktivist*innen<!--more--> der Rohrzuckerfabrik Haft-Tapeh wurden festgenommen.<\/strong><\/p>\n<p>Ismael Bakshi, eine der zentralen Personen der Arbeiter*innenbewegung im Iran und Delegierter der iranischen Arbeiter*innenr\u00e4te wurde am vergangenen Sonntag zusammen mit 15 anderen Arbeiter*innen und einer Journalistin in der s\u00fcdiranischen Stadt Schoosch verhaftet.<\/p>\n<p>Wer sich mit der Arbeiter*innenbewegung im Iran besch\u00e4ftigt, kommt an zwei Namen nicht vorbei: Haft Tapeh, die gr\u00f6\u00dfte Rohrzuckerfabrik des Landes mit mehr als 10.000 Arbeiter*innen, und Ismael Bakshi, Arbeiter und Delegierter der unabh\u00e4ngigen Arbeiter*innengewerkschaft von Haft-Tapeh.<\/p>\n<p>Seit 1979 und der Machtergreifung Khomeinis sind unabh\u00e4ngige Gewerkschaften illegal.\u00a0Die Gr\u00fcndung unabh\u00e4ngiger Gewerkschaften\u00a0ist im Iran\u00a0Inhalt und Methode vieler Arbeitsk\u00e4mpfe, wie\u00a0man auch\u00a0am Beispiel der 2004\/05 neu\u00a0ins Leben gerufenen\u00a0Busfahrer-Gewerkschaft\u00a0sehen kann. Dadurch wurden\u00a0viele Arbeiter*innen im Kampf um ihre Rechte politisiert und durch ihre Praxis\u00a0zusammengeschwei\u00dft.<\/p>\n<p>Mehr als ein\u00a0Jahrzehnt dauert nun der Kampf der Arbeiter*innen\u00a0der Rohrzuckerfabrik\u00a0Haft-Tapeh f\u00fcr die Gr\u00fcndung unabh\u00e4ngiger Gewerkschaften an. 2007 bis 2009 wurde der\u00a0Forderung durch Streiks Nachdruck verliehen. Nach vielen\u00a0Jahren der Illegalisierung wurde die unabh\u00e4ngige Gewerkschaft\u00a0dann im Jahr\u00a02008 neu gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Im Jahr 2007 richtete sich der Kampf der Arbeiter*innen in Haft-Tapeh zun\u00e4chst und in erster Linie gegen die Verwaltungsstrukturen des Fabrikkomplexes. Im selben Jahr drohte die Gefahr, dass die Fabrik geschlossen wird.\u00a0Sechs Monate blieben die Fabriktore\u00a0zu. Seither wurden die Streiks offensiver und dar\u00fcber hinaus wurden von den Arbeiter*innen Wahlen abgehalten,\u00a0bei\u00a0denen\u00a0neun Repr\u00e4sentant*innen aus\u00a0ihren Reihen\u00a0bestimmt wurden.<\/p>\n<p>Als im Jahr 2014 im Verlauf der fortschreitenden und sich versch\u00e4rfenden Neoliberalisierung der\u00a0iranischen Wirtschaft\u00a0auch der Zuckerrohrfabrikkomplex Haft-Tapeh privatisiert werden sollte, stellten sich die Arbeiter*innen dem entgegen. Als\u00a0Reaktion\u00a0auf den Widerstand\u00a0wurde\u00a0die Repression\u00a0versch\u00e4rft\u00a0und viele\u00a0streikende Arbeiter*innen sowie\u00a0deren\u00a0Repr\u00e4sentant*innen verhaftet. Jedoch radikalisierte sich Haft-Tapeh in den letzten zwei Jahren durch die landesweit erstarkende Arbeiter*innenbewegung.<\/p>\n<p>Anfang 2018\u00a0kam\u00a0es im Iran zu Massenprotesten. Die Arbeiter*innen von Haft-Tapeh formulierten\u00a0die Forderung nach einer Selbstverwaltung der Fabrik durch die Belegschaft.\u00a0Es war Ismail Bakshi, der vor der versammelten Arbeiter*innenschaft die\u00a0entsprechende\u00a0Ansprache hielt. \u201cDiese\u00a0Manager,\u00a0die Haft-Tapeh ruiniert haben\u201c,\u00a0sagte Bakshi damals, \u201esie k\u00f6nnen nichts. Wir sind die Arbeiter*nnen von Haft-Tapeh und wir wissen, wie man den Zucker produziert. Ohne uns gibt es kein Haft-Tapeh. Ohne uns k\u00f6nnen sie gar nichts. Wenn sie unseren Forderungen bis Freitag nicht nachgehen, werden wir Haft-Tapeh selbstverwalten\u201d,\u00a0so der Basisgewerkschafter.<\/p>\n<p>Diese bewegende Rede\u00a0wurde\u00a0gefilmt, um eine landesweite \u00d6ffentlichkeit und die Protestbewegungen an anderen Orten\u00a0zu erreichen.\u00a0Das Video\u00a0verbreitete sich rasch\u00a0in\u00a0den sozialen Medien und ist seitdem richtungsweisend f\u00fcr die sozialen und Arbeiter*nnenk\u00e4mpfe im Iran geworden.<\/p>\n<p>Die Belegschaft von\u00a0Haft-Tapeh ist nun\u00a0seit mehr\u00a0als einem Jahr immer wieder im Streik. Die Arbeiter*innen von Haft-Tapeh haben sich fr\u00fcher vermummt, um sich vor Repressionen zu sch\u00fctzen. Ismael\u00a0Bakshi\u00a0hat damit aufgeh\u00f6rt, um der Stimme der Arbeiter*innen eine andere Lautst\u00e4rke zu verleihen\u00a0\u2013\u00a0und er war damit erfolgreich.<\/p>\n<p>Als einige\u00a0Monate\u00a0nach Bakshis Rede\u00a0die Massenproteste und\u00a0Streiks im Iran wieder zunahmen,\u00a0forderte\u00a0er in einer anderen Rede vor\u00a0den\u00a0nun gegr\u00fcndeten Arbeiter*innenr\u00e4ten die\u00a0\u201elandesweite Gr\u00fcndung von Arbeiter- und Volksr\u00e4ten\u201d.\u00a0Die\u00a0Parole\u00a0wurde ausgegeben: \u201cUnsere Alternative sind die R\u00e4te!\u201d<\/p>\n<p>Im August diesen\u00a0Jahres\u00a0befanden sich auch\u00a0die Arbeiter*innen von Fulad,\u00a0einer\u00a0der gr\u00f6\u00dften Stahlfabriken des Landes im s\u00fcdiranischen\u00a0Ahvaz\u00a0\u2013\u00a0nur eine Stunde von Haft-Tapeh\u00a0entfernt \u2013\u00a0im Streik. Einen\u00a0Tag nachdem\u00a0Bakshi die Forderung nach dem Aufbau von R\u00e4ten vorgeschlagen hatte, schloss sich auch\u00a0der Repr\u00e4sentant*innen der Stahlarbeiter*nnen\u00a0von\u00a0Ahavaz der Losung an:\u00a0\u201eWir sind nicht die S\u00e4ule der Wirtschaft von anderen. Kein Kapitalist der Welt kann uns als eine S\u00e4ule ausnutzen, um seine wirtschaftlichen Gewinne zu verbessern. Wir sind Arbeiter*innen.\u00a0Wir geben der Industrie ihre Bedeutung. Wir werden die unabh\u00e4ngigen R\u00e4te der Arbeiter*innen gr\u00fcnden\u201c so der Repr\u00e4sentant*innen der Arbeiter*innen von Fulad, Meysam Ale Mehdi.<\/p>\n<p>Haft-Tapeh ist\u00a0aktuell wieder\u00a0seit 15 Tagen im Streik. Dies Mal haben die Arbeiter*innen\u00a0der Zuckerfabrik\u00a0begleitet von ihren Familienmitgliedern die Stadt Shoosh\u00a0zu einem Protest gegen die\u00a0katastrophalen\u00a0Lebensumst\u00e4nde der Besch\u00e4ftigten\u00a0mobilisiert.\u00a0Eine Offensive der Arbeiter*innen hat begonnen.\u00a0W\u00e4hrend des\u00a0Freitagsgebets\u00a0sind die Arbeiter in die Moschee gest\u00fcrmt, es\u00a0wurden Parolen gerufen wie: \u201eIhr\u00a0seid\u00a0L\u00fcgner!\u00a0Wir\u00a0kehren euch den R\u00fccken zu\u00a0und \u00f6ffnen unsere Arme\u00a0f\u00fcr\u00a0unser Land.\u201c<\/p>\n<p>Auch hier\u00a0trat\u00a0Ismael\u00a0Bakshi als\u00a0Redner auf: \u201eSchaut euch die Frauen an, sie sind schon seit dem ersten Tag dabei. Sagt euren Kindern, die Schule soll geschlossen bleiben.\u00a0Kommt mit euren Familienmitgliedern, lasst eure Kinder ihre Schulb\u00fccher mitnehmen und uns bei den Protesten begleiten\u201c,\u00a0rief er der Menge zu.\u00a0Kurz danach gibt er einer Frau das Mikrofon.\u00a0Sie sagt: \u201eWir haben auch gefordert, dass unsere Schwestern sich organisieren und haben geh\u00f6rt, dass einige unserer\u00a0Br\u00fcder ihren\u00a0Frauen nicht erlauben, teilzunehmen. Wenn es solche unter uns gibt, bitte ich euch darum, euren\u00a0Frauen die T\u00fcren zu \u00f6ffnen.\u201c Somit radikalisieren sich die K\u00e4mpfe rund um Haft-Tapeh nicht nur in Bezug\u00a0auf die Klasseninteressen der m\u00e4nnlichen Arbeiter. Immer mehr kommen Frauen zu Wort und sprechen ihre Anliegen selbst aus.<\/p>\n<p>Seit \u00fcber einem Jahr kommt es zu einer regelrechten Streikbewegung im Iran. Die landesweiten Ausst\u00e4nde der Lehrer*innen \u2013 mehr als eine Million Streikende \u2013 fanden in zwei Wellen statt, die der LKW-Fahrer*innen in drei Wellen. Zudem gab es in zahlreichen kleineren Fabriken Arbeitsk\u00e4mpfe. Seit ein paar Wochen gibt es auch eine \u00f6ffentliche gegenseitige Solidarisierung der unterschiedlichen Teile der Arbeiter*innenbewegung. Haft-Tapeh solidarisiert sich mit der Busfahrer*innengewerkschaft und umgekehrt. Die Lehrer*innen werden von Haft-Tapeh unterst\u00fctzt, die Stahlarbeiter von Fulad wiederum erkl\u00e4ren sich mit Haft-Tapeh solidarisch \u2013 und so weiter. Mehr und mehr verbreitet sich eine Parole: \u201eBrot, Arbeit, Freiheit, R\u00e4te!\u201c<\/p>\n<p>Diese\u00a0Offensive der Arbeiter*innen\u00a0wurde vom Staat mit Repressionen beantwortet,\u00a0letzten Sonntag wurden\u00a0hunderte Mitglieder von\u00a0Aufstandsbek\u00e4mpfungseinheiten der Spezialgarde in die Stadt geschickt und\u00a0alle gew\u00e4hlten Delegierten\u00a0von\u00a0Haft-Tapeh zusammen mit einer Journalistin, Sepideh Gholian,\u00a0verhaftet. Die Namen der anderen inhaftierten lauten: Saeed Mansouri, Jalil Ahmadi, Azim Sorkhe, Mehdi Davoudi, Saeed Alkasir Alizadeh, Omid Azadi, Hassan Fazeli, Samir Ahmadi, Salamt Nia, Emad Kasir, Mahmood Saadi, Moslem Armand, Khaled Tamimi.<\/p>\n<p>Die Repression aber blieb nicht unbeantwortet: Am folgenden Montag versammelten sich die Arbeiter*innen vor dem Geb\u00e4ude des zust\u00e4ndigen Gerichts und forderten die Freilassung der Inhaftierten. Nicht nur die Belegschaft von Haft-Tapeh kam zusammen, auch aus Fulad, der Lehrer*innenbewegung und der Schwermaschinenproduktion Hepko reisten Kolleg*innen an.\u00a0\u201cSie werden uns\u00a0alle festnehmen, genauso wie sie die Arbeiter*innen von Haft-Tapeh festgenommen haben\u201c ,betonte ein Arbeiter aus Fulad.\u00a0\u201eWir d\u00fcrfen das nicht zulassen. Fulad und andere Arbeiter*innen solidarisieren sich mit Haft-Tapeh. Die Arbeiter*innen von Haft-Tapeh m\u00fcssen freigelassen werden!\u201d<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/2018\/11\/brot-arbeit-freiheit-raete\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 21. November 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mina Khani. F\u00fcr die iranische Arbeiter*innenbewegung war das Jahr 2018 eines der k\u00e4mpferischen Offensive. 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