{"id":4455,"date":"2018-11-21T10:22:52","date_gmt":"2018-11-21T08:22:52","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4455"},"modified":"2018-11-21T10:22:52","modified_gmt":"2018-11-21T08:22:52","slug":"100-jahre-novemberrevolution-der-aufstand-in-kiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4455","title":{"rendered":"100 Jahre Novemberrevolution: Der Aufstand in Kiel"},"content":{"rendered":"<p>Zum offenen Ausbruch kam die revolution\u00e4re Bewegung in Kiel. Der Anla\u00df war die Weigerung der Matrosen der Hochseeflotte, in diesem Stadium des Zusammenbruchs noch einmal auszufahren und der englischen Flotte<!--more--> eine Seeschlacht zu liefern, die an der milit\u00e4rischen Lage nichts \u00e4ndern konnte, aber die Vernichtung der deutschen Flotte und den sicheren Untergang der 80 000 Matrosen herbeigef\u00fchrt h\u00e4tte, die als letztes Riesenopfer in den uners\u00e4ttlichen Rachen des imperialistischen Kriegswahnsinns geworfen werden sollten. Aber das war nur der Funke ins Pulverfa\u00df, der die Explosion herbei\u00adf\u00fchrte. Seit Jahren war in der Flotte so viel revolution\u00e4rer Z\u00fcndstoff angeh\u00e4uft, hatte sich die innere Klassenfront zwischen Mannschaften und Offizieren so scharf heraus\u00adgebildet, da\u00df es nur eines solchen \u00e4u\u00dferen Ansto\u00dfes bedurfte, um die ausgehungerten, erbitterten, von ihren Offizieren geschurigelten Mannschaften der Flotte zur offenen\u00a0Meuterei zu bewegen. In dem letzten Briefe eines Matrosen an seinen Vater vom 2. November 1918, der von sozialdemokratischer Seite ver\u00f6ffentlicht wurde, werden die kritischen Tage auf der Hochseeflotte mit der drastischen Frische des direkten Erlebnisses geschildert:<\/p>\n<p>&#8222;An Bord, 2. November 1918.<\/p>\n<p>Mein lieber Vater!<\/p>\n<p>Am Montagnachmittag ging die gesamte Hochseeflotte aus dem Hafen, alles, was dazu ge\u00adh\u00f6rt, wie Torpedoboote, kleine Kreuzer und s\u00e4mtliche Linien\u00adschiffe. Obwohl SMS .Kaiser&#8216;, .Pillau&#8216; und .K\u00f6nigsberg&#8216; Ma\u00adschinenhavarie hatten, sind die Schiffe doch mitgefahren. Das war kein gutes Zeichen . . . Bei uns stieg nachmittags der ge\u00adsamte Flottenstab \u00fcber und\u00a0quartierte sich f\u00fcr mehrere Tage ein, obwohl bei gew\u00f6hn\u00adlichem Man\u00f6ver der Stab nur einen Tag hier an Bord bleibt. Es wurde uns nun am Montag\u00adabend bekannt, da\u00df ein gro\u00dfer Vorsto\u00df geplant war, der, falls er zur Ausf\u00fchrung gelangt w\u00e4re, uns allen das Leben ge\u00adkostet h\u00e4tte. Aber es kam an\u00adders. Wir erfuhren, da\u00df andere Schiffe bei Helgoland die Feuer herausrei\u00dfen wollten. Unsere Besatzung hat sich dem ein\u00adm\u00fctig und solidarisch ange\u00adschlossen. Wir zum Beispiel und noch andere Schiffe mehr w\u00e4ren \u00fcberhaupt nicht von der Stelle gefahren. Nachts 3 Uhr sollte die gesamte Flotte aus\u00adlaufen, aber die einzelnen Schiffskommandanten meldeten ihrem Geschwaderchef und dieser dem Flottenchef, Admi\u00adral Hipper, da\u00df die Besatzun\u00adgen gemeinschaftlich den Ge\u00adhorsam verweigern wollten. Daraufhin wurde das Unter\u00adnehmen um vier Stunden verschoben. Da sich aber die Stimmung nicht gebessert hatte, obwohl uns die Kommandanten durch allerhand sch\u00f6n gehaltene Reden anfeuern und irref\u00fchren wollten, wurde es nochmals verschoben und dann noch einmal.<\/p>\n<p>Am Donnerstag fr\u00fch (31. Oktober) sollte es aber unbedingt rausgehen. Es wurde folgendes Geheim\u00adsignal an alle abgegeben: .Vorhaben ist unbedingt zur Ausf\u00fchrung zu bringen&#8216;. 8 Uhr 15 Minuten sollte die Fahrt auf Nimmerwiedersehen angetreten werden, aber es kamen ungef\u00e4hr eine Stunde vorher wieder Geheimsignale zur\u00fcck: .Vorhaben kann unm\u00f6glich ausgef\u00fchrt werden&#8216;. Die Offiziere hatten n\u00e4mlich inzwischen einsehen m\u00fcssen, da\u00df sie mit diesen Besatzungen ihren verbrecherischen Streich nicht aus\u00adf\u00fchren konnten. Wir fuhren zur\u00fcck nach Wilhelmshaven, und der Stab mu\u00dfte unverrichteter Sache wieder von Bord gehen. Da konnte man s\u00fc\u00dfsaure Mienen beobachten, aber wir haben nur alle uns herzlichst die Hand gesch\u00fcttelt mit den Worten: .Sieg auf der ganzen Linie!&#8216;<\/p>\n<p>Nun wurden wieder gro\u00dfe Reden von den einzelnen Schiffskommandanten gehalten, deren Sinn ich nicht erst wiederzugeben brauche. Jetzt wollten sie es so hinstellen, als sei nur ein harmloses Man\u00f6ver beabsichtigt gewesen. Da\u00df dies aber nicht der Fall war, will ich Dir im einzelnen beweisen: Zun\u00e4chst: auf dem Panzerkreuzer .Derfflinger&#8216; haben die Offiziere ihre ganzen Privatsachen ans Land gebracht, ferner hat ein Offizier einen Abschiedsbrief an seine Eltern geschrieben, in dem u. a. stand: .Diese Schmach wollen wir nicht mitmachen, wir sterben lieber den Heldentod.&#8216; (Und die 80 000 un\u00adschuldigen Menschen nat\u00fcrlich mit.) Der Panzerkreuzer .Moltke&#8216; hatte in der Nacht, in der es um 3 Uhr abgehen sollte, seinen hinteren Schornstein rot angemalt. Das ist das sicherste Zeichen, da\u00df wir kein Man\u00f6ver vorhatten. Als aber die Besatzung, besonders die Heizer, es gemerkt hatten, wurde auf den Befehl zum Auslaufen der Gehorsam verweigert. Nachtr\u00e4glich hat der Schornstein seinen grauen Anstrich wieder erhalte? Unsere Minensuchboote hatten Befehl erhalten, die Fahrstra\u00dfe nach Skagen und weiterhinaus von Minen zu s\u00e4ubern. Was hatten wir oben bei Sk\u00e4gen verloren? Man\u00f6vriert wird in der Helgol\u00e4nder Bucht, aber nicht da oben. Zu dem Unternehmen waren schlie\u00dflich eine gro\u00dfe Menge U-Boote bei Helgoland konzentriert worden.<\/p>\n<p>Lieber Vater! Es bedarf gar keiner Beweise weiter; wir haben es alle gef\u00fchlt, da\u00df es unsere letzte\u00a0Fahrt w\u00e4re, daher die instinktive Gehorsamverweigerung. Auf einzelnen Schiffen sind nun daraufhin\u00a0noch kleinere und gr\u00f6\u00dfere Ausschreitungen vorgekommen; bis jetzt sind 1000 Mann verhaftet und nach\u00a0Bremerhaven transportiert worden. Ich will Dir noch mitteilen, da\u00df, wenn nicht bald der Waffenstillstand\u00a0kommt, hier die sch\u00f6nste Milit\u00e4rrevolte ausbricht und man gezwungen ist, den Weg nach der Heimat\u00a0mit dem Gewehr zu ebnen . . .<\/p>\n<p>Dein Sohn Otto.&#8220;<\/p>\n<p>Der Brief schlie\u00dft mit dem Satze: \u201eEs ist schade um jeden Blutstropfen, der noch f\u00fcr diese Lumpen vergossen wird.&#8220; Das war die allgemeine Stimmung nicht nur in der Marine, sondern auch bei den abgek\u00e4mpften, ausgebluteten Divisionen der Armee. Die Soldaten hatten alle \u201eden Kanal voll&#8220;. Als Zeugnis daf\u00fcr f\u00fcgen wir hier noch die Aus\u00adf\u00fchrungen des Vorsitzenden der vierten Feldarmee, Levinsohn, an, eines Mannes, der in den Revolutionsmonaten an der Seite der Regierungssozialisten Ebert-Scheidemann unentwegt f\u00fcr \u201eRuhe und Ordnung&#8220; gearbeitet und gehetzt hat und der im Vorwort einer von ihm 1919 herausgegebenen Brosch\u00fcre \u201eDie Revolution an der Westfront&#8220; schreibt:<\/p>\n<p>\u201eParole: Heimat. Komme, was kommen mag. Je weiter wir zur\u00fcckgehen, desto eher ist der Friede da. \u2014 Kriegsm\u00fcdigkeit im h\u00f6chsten Ma\u00dfe. Jeder Tag des R\u00fcckmarsches erh\u00f6hte die Kriegsunlust. Von Kampf und Schlacht wollte niemand mehr etwas h\u00f6ren. Die Armee zog im Gef\u00fchl einer geschlagenen Armee zur\u00fcck. Kriegspsychologen kann nicht entgangen sein, wie sehr zu jener Zeit der Ha\u00df gegen die Offiziere sich in heftigen Drohworten Luft machte. Noch ruhte die geballte Faust in der Hosentasche, aber wie lange noch? Aus der Heimat kamen keine Nachrichten. Postsperre hatte die Armee abgeschlossen. Und doch brannte die Revolution in den Herzen der Soldaten. Ihr Vorbote waren Meutereien, die unter\u00addr\u00fcckt, Pl\u00fcnderungen, die \u00fcbersehen wurden. Die Disziplin war aufs \u00e4u\u00dferste gelockert. Nur ein Blinder oder ein bewu\u00dfter F\u00e4lscher kann behaupten, da\u00df die Armee siegreichen Widerstand, da\u00df sie \u00fcberhaupt Widerstand geleistet h\u00e4tte. Es war der R\u00fcckzug, der der Armee die letzte Kraft nahm. Nichts anderes. So wurde die Revolution in der Armee aus der Armee selbst erzeugt.&#8220;<\/p>\n<p>Mit der Verhaftung der meuternden Matrosen der Hochseeflotte hatte die Marine\u00adleitung versucht, der revolution\u00e4ren Bewegung Herr zu werden. Diese Verhaftung jedoch wurde der Ansto\u00df zum offenen Widerstand, zur Organisierung des bewaffneten Aufstandes gegen das herrschende Regime. Die Verhinderung des Auslaufens der Flotte war der erste Erfolg der revolution\u00e4ren Bewegung. Jetzt mu\u00dfte weitergegangen werden. Die Matrosen des dritten Geschwaders in Kiel verlangten die Freilassung ihrer Kameraden. Auf den Schiffen und an Land wurden Besprechungen und Versammlungen organisiert,\u00a0gleichzeitig wurde die Verbindung mit den Arbeitern der Werften aufgenommen. Eine auf den 2. November ins Kieler Gewerkschaftshaus einberufene Ver\u00adsammlung wurde von den Kommandobeh\u00f6rden ver\u00adboten. Sie glaubten immer noch, mit den alten Mit\u00adteln des wilhelminischen Staates die revolution\u00e4re Bewegung unterdr\u00fccken zu k\u00f6nnen. An Stelle der Versammlung riefen die Matrosen nun f\u00fcr Sonntag, den 3. November, zur Demonstration auf dem gro\u00dfen Exerzierplatz auf. Tausende von Arbeitern und Ma\u00adtrosen fanden sich ein, um die Freilassung der verhaf\u00adteten Kameraden zu fordern. Anschlie\u00dfend zog ein m\u00e4chtiger Demonstrationszug zur Stadt. Die Soldaten wurden aus den Kasernen herausgeholt und schl\u00f6ssen sich an. An der Ecke der Brunswiker und Karlstra\u00dfe kam es zu einem Zusammensto\u00df. Ein Trupp Char\u00adgierter, von einem Offizier gef\u00fchrt, stellte sich dem Demonstrationszug entgegen. Als die Aufforderung an die Demonstranten, auseinanderzugehen, nicht be\u00adfolgt wurde, lie\u00df der Offizier schie\u00dfen. Tote und Ver\u00adwundete, darunter Frauen und Kinder, waren die Opfer. Die Matrosen sch\u00f6ssen wieder, und der Offi\u00adzier, der das Blutbad veranla\u00dft hatte, wurde t\u00f6dlich getroffen.<\/p>\n<p>Nun gab es kein Zur\u00fcck mehr. Hinter sich hatten die Matrosen die drohende Vergeltung der milit\u00e4ri\u00adschen Macht: Gef\u00e4ngnis, Zuchthaus, den Tod. Vor sich sahen sie den Frieden, den Sturz der herrschen\u00adden Gewalten, die Heimkehr und die Umgestaltung der Gesellschaft. Den Weg vorw\u00e4rts hatte das revo\u00adlution\u00e4re Ru\u00dfland gezeigt. Man war entschlossen, ihn zu gehen. Ein Soldatenrat wurde gebildet. Er konnte am Vormittag des 4. November schon feststellen,\u00a0da\u00df vierzigtausend bewaffnete Soldaten hinter ihm standen. Der Gouverneur suchte noch immer die st\u00fcndlich wachsende Bewegung gewaltsam zu unterdr\u00fccken. Aber er fand in Kiel keine Truppen mehr, die bereit waren, auf Vater und Mutter oder auf ihre Br\u00fcder zu schie\u00dfen. Bataillone, die vom IX. Armeekorps angefordert worden waren, lie\u00dfen sich am Bahnhof entwaffnen und verbr\u00fcderten sich mit den Matrosen und Arbeitern. Die Wandsbeker Husaren wurden vor der Stadt mit Maschinengewehrfeuer empfangen und preschten schleunigst wieder ab. Nun unternahm die Sozialdemokratie letzte Rettungsversuche. Die Gewerkschaften suchten zu beruhigen. Die \u201eSchleswig-Holsteinische Volkszeitung&#8220; brachte einen Aufruf, in dem es hie\u00df:<\/p>\n<p>&#8222;Die bedauerlichen Vorg\u00e4nge in Kiel haben uns veranla\u00dft, sofort einen Vertreter nach Berlin zu ent\u00adsenden. Genosse K\u00fcrbis hat heute fr\u00fch mit der Regierung verhandelt. Er trifft abends wieder in Kiel ein und dann wird gehandelt und Wandel geschaffen werden (!). Genosse Ebert hat keinen Zweifel mehr dar\u00fcber gelassen, was ja von vornherein feststeht, da\u00df die Partei jede nutzlose Fortf\u00fchrung des Kampfes ablehnt. Sie bittet, angesichts der innerpolitischen Lage und des entschlossenen Willens der Regierung, einzu\u00adgreifen (!), dringend, da\u00df die Arbeiter in den Betrieben bleiben.&#8220;<\/p>\n<p>Ohnm\u00e4chtige Drohungen, hinter denen die Angst zitterte, ausgesto\u00dfen von einer bankrotten Partei! Was konnten sie noch ausrichten? Am Abend des 4. November beschlossen die Vertrauensleute der gro\u00dfen Betriebe den Generalstreik. Am Morgen des 5. November ruhte die Arbeit, und die Matrosen besetzten die Werften. Sie trugen rote Schleifen, rote Kokarden, rote M\u00fctzenb\u00e4nder. \u00dcberall sah man die Farben der Revolution, und von den Masten der Kriegsschiffe wehte die rote Flagge.<\/p>\n<p>Nur das Kriegsschiff \u201eSchlesien&#8220; schlo\u00df sich der Bewegung nicht an und floh aus der Kieler F\u00f6hrde. Das Linienschiff \u201eK\u00f6nig&#8220;, das im Dock lag, trug noch die Kriegs\u00adflagge. Die Matrosen verlangten, sie solle eingezogen werden. Offiziere ver\u00adteidigten das Symbol des untergehenden Kaisertums. Sie sch\u00f6ssen in die ver\u00adsammelten Matrosen hinein. Die Sch\u00fcsse der Matrosen antworteten, der Kommandant und ein anderer Offizier wurden niedergestreckt, einige verwundet. Am Mast des \u201eK\u00f6nig&#8220; ging die Flagge der Revolution hoch, und sie gr\u00fc\u00dfte die andere, die auf dem Schlosse des Prinzen Heinrich flatterte. Der Prinz floh aus der Stadt. Die Gewalt ging auf den Arbeiter- und Soldatenrat \u00fcber, dem sich die Beh\u00f6rden unterstellten. In Kiel war der Sieg der Revolution errungen.<\/p>\n<p>Die Matrosen stellten dem Gouverneur eine Reihe Forderungen, die dieser im Gef\u00fchl seiner Ohnmacht sofort bewilligte. Sie zeigen den Charakter, den die Be\u00adwegung bisher hatte. Die Hauptforderungen waren: Anerkennung des Soldatenrats, bessere Behandlung der Mannschaften, Befreiung von der Gru\u00dfpflicht, Gleichheit der Offiziere und Mannschaften in der Verpflegung, Aufhebung der Offizierskasinos, Be\u00adfreiung der wegen Meuterei verhafteten Matrosen und Strafl\u00f6sigkeit f\u00fcr die nicht auf die Schiffe zur\u00fcckgekehrten Mannschaften. Am Abend des 4. November erlie\u00df der Soldatenrat folgenden Aufruf:<\/p>\n<p><strong>Kameraden und Genossen!<\/strong><\/p>\n<p>Unsere Schicksalsstunde hat geschlagen. Die Macht ist in unserer Hand.<\/p>\n<p>H\u00f6rt auf unsl Sammelt euch um eure erw\u00e4hlten F\u00fchrerl Keine Unbesonnenheiten!<\/p>\n<p>Ruhe und eiserne Nerven sind das Gebot der Stunde.<\/p>\n<p>Zeigt, da\u00df ihr M\u00e4nner seid, folgt unseren Sicherheitsorganen!<\/p>\n<p>Pl\u00fcndert und raubt nicht!<\/p>\n<p>Es ist euer unw\u00fcrdig und gereicht euch nicht zur Ehre: Zum Ziel f\u00fchrt das nicht!<\/p>\n<p>Zur Unterdr\u00fcckung unserer Bewegung nach hier entsandte Truppen haben sich unserer Bewegung angeschlossen. Alle Arbeiter aller Gewerkschaften sind auf unserer Seite. Wir sind unserem Ziele nahe!<\/p>\n<p>Kiel, 4. November 1918.\u00a0<em>Der Soldatenrat.<\/em><\/p>\n<p>Wie eine Bombe schlug die Nachricht vom Kieler Matrosenaufstand in der Wilhelmstra\u00dfe in Berlin ein. Dort war man dabei, die alte Firma zu sanieren und das Firmenschild demokratisch aufzulackieren. Gerade war ein wichtiger Schritt aus dem \u201eObrigkeitsstaat&#8220; in den neuen \u201eVolksstaat&#8220; vorw\u00e4rts gemacht worden. Die Bl\u00e4tter konnten am 4. November melden:<\/p>\n<p>\u201eDie Staatssekret\u00e4re werden nicht zugleich, wie das bisher \u00fcblich war, zu Wirklichen Geheimen R\u00e4ten mit dem Pr\u00e4dikat Exzellenz ernannt. Das Pr\u00e4dikat Exzellenz ist den Staatssekret\u00e4ren durch eine bereits vorher ergangene Kaiserliche Kabinettsordre allgemein f\u00fcr die Dauer ihres Amtes beigelegt worden. Es ergibt sich daraus, da\u00df das Exzellenz-Pr\u00e4dikat, da eine Ernennung zum Wirklichen Geheimen Rat nicht erfolgt, nur f\u00fcr die Dauer des Amtes gilt. Diese Regelung entspricht dem Brauche parlamentarisch regierter L\u00e4nder.&#8220;<\/p>\n<p>Man mu\u00df gestehen, da\u00df diese tiefsch\u00fcrfende Reform auf das \u201emi\u00dfgeleitete Volk&#8220; kaum einen Eindruck gemacht hat, und als am gleichen Tage ein Erla\u00df Wilhelms II. herauskam, er stelle sechzig kaiserliche Schl\u00f6sser f\u00fcr Lazarette zur Verf\u00fcgung, da machte der P\u00f6bel nur unehrerbietige Bemerkungen \u00fcber die hohenzollernsche Opferfreudigkeit. Auch der Versuch mi\u00dflang, durch einen gutstilisierten Frontbericht die Stimmung der Massen aufzupulvern. Der lautete an diesem 4. November:<\/p>\n<p>\u201eDurch die R\u00fcckverlegung der deutschen Front in Flandern und zwischen Aisne und Maas hat die deutsche Front eine weitere Verk\u00fcrzung und Verst\u00e4rkung erfahren . . . Die durch die Verlegung allein dort erzielte Verk\u00fcrzung der Front betr\u00e4gt 20 Kilometer. Der letzte Schlag Fochs am 1. November bedeutet, im Ganzen betrachtet, somit einen neuen Erfolg der deutschen Waffen und ihrer F\u00fchrung.&#8220;<\/p>\n<p>Der Schwindel war zu abgenutzt, er zog nicht mehr. Und die Regierung hatte noch ernstere Sorgen als Exzellenzentitel und kaiserliche Schl\u00f6sser. Die R\u00fcckverlegung der\u00a0Front war nicht gegl\u00fcckt. Bei Verdun, an der empfindlichsten Stelle, war die Front von amerikanischen Truppen durchsto\u00dfen worden. Dazu mu\u00dften aus der Westfront Truppen herausgezogen werden, um im S\u00fcden das Loch zu stopfen, das durch den Zusammenbruch \u00d6sterreichs gerissen worden war. Aus dem Osten wagte man die Divisionen nicht abzuziehen, um der bolschewistischen Flut nicht alles Gebiet zu \u00fcber\u00adlassen. Dazu kam am 4. November die Nachricht, da\u00df Polen sich als Volksrepublik erkl\u00e4rt und von der deutschen Milit\u00e4rmacht losgesagt habe. Nicht nur eitle K\u00f6nigs\u00adtr\u00e4ume l\u00f6sten sich damit in nichts auf, eine Wand brach ein. Und im Innern! Im Innern Deutschlands gef\u00e4hrliche Anzeichen. Am 3. November sind in M\u00fcnchen die Arbeiter auf die Theresienwiese gezogen und von dort nach Stadelheim. Sie haben die Freilassung politischer Gefangener erzwungen. Darauf am 4. November die Demon\u00adstrationen in Stuttgart und den umliegenden Industrieorten mit dem ersten Versuch der Bildung ein s Arbeiter- und Soldatenrats. Hie\u00df es nicht, da\u00df es an diesem Tage in allen Gro\u00dfst\u00e4dten losgehen solle? Zwar waren zwei \u201eunbedingt sichere&#8220; Elitedivisionen von der Westfront nach Berlin im Anrollen, aber w\u00fcrden sie recht\u00adzeitig ankommen, w\u00fcrde sich das Gewitter nicht vorher entladen? Einstweilen lie\u00df man Panzerwagen und Milit\u00e4rkolonnen durch die Stra\u00dfen ziehen, um die Arbeiter einzusch\u00fcchtern. Aber wie lange konnte das noch wirken? Und nun kam die Schreckens\u00adnachricht vom offenen Aufstand in Kiel. Zun\u00e4chst versuchte auch die \u201eVolksregierung&#8220;, was das Kieler Gouvernement vergeblich unternommen hatte, den aufst\u00e4ndischen Matro\u00adsen mit Gewalt die Anh\u00e4nglichkeit an ihren lieben Obersten Kriegsherrn wieder beizu\u00adbringen, doch zeigte eine kurze Pr\u00fcfung, wie unm\u00f6glich es war, gegen 40 000 gut bewaffnete Matrosen eine gen\u00fcgend starke und zuverl\u00e4ssige Truppe aufzustellen. Da schickte die Regierung den Sozialdemokraten\u00a0<em>Noske\u00a0<\/em>und den Demokraten\u00a0<em>Hau\u00dfmann\u00a0<\/em>nach Kiel, um die Matrosen zur Vernunft zu bringen. Exzellenz\u00a0<em>Scheidemann\u00a0<\/em>gab Noske folgende Instruktionen. Er solle den Matrosen, die sich gegen die Manneszucht vergangen haben, Amnestie zusichern unter der Voraussetzung, \u201eda\u00df sie bis heute Abend in ihre Stellungen\u00a0und auf ihre Stationen zur\u00fcckkehren und da\u00df sie die Waffen und die Munition, deren sie sich gewaltsam be\u00adm\u00e4chtigt haben, zur\u00fcckgeben&#8220;. Die Regierung werde ver\u00adsuchen, Verbindung mit dem Kaiser zu bekommen, \u201eder ja nach den bestehenden Rechtsverh\u00e4ltnissen die hier gefa\u00dften Beschl\u00fcsse sanktionieren mu\u00df&#8220;.<\/p>\n<p>Als Noske in Kiel ankam, sagte er zwar noch etwas von einer m\u00f6glichen Amnestie, aber er merkte bald, da\u00df hier die \u201ebestehenden Rechtsverh\u00e4ltnisse&#8220; nicht mehr bestanden und Wilhelm II. nichts mehr zu sanktionieren hatte als seine eigene Kapitulation. Aber Noske sah auch noch etwas anderes. Die Matrosen hatten einen Auf\u00adstand begonnen, um ein verbrecherisches Abenteuer zu verhindern, und sie sahen sich pl\u00f6tzlich als Tr\u00e4ger und Bahnbrecher der erwarteten Revolution. Aber sie waren sich nicht klar \u00fcber ihre Aufgaben, und sie hatten keine F\u00fchrer. Wohl hatten die Matrosen\u00a0<em>Haase\u00a0<\/em>und\u00a0<em>Ledebour\u00a0<\/em>telegraphisch herbeigerufen, aber das Telegramm war unterwegs aufgehalten worden und kam zwei Tage zu sp\u00e4t an. Da hatte Noske den Punkt, wo er den Hebel ansetzen mu\u00dfte. Er gebrauchte den alten Kniff, den schon Friedrich Wilhelm IV. am 19. M\u00e4rz 1848 versucht hatte: da er anders die revolution\u00e4re Bewegung nicht meistern konnte, \u201estellte er sich an die Spitze der Bewegung&#8220; Er machte sich selber zum Gouverneur von Kiel. Im Namen der Matrosen f\u00fchrte er die Verhandlungen mit den alten Kommandostellen und schlo\u00df gegen die Matrosen einen Pakt mit den Admiralen und Offizieren. Zugleich ging er daran, ein Freikorps zu bilden, bestehend aus Deckoffizieren und Unteroffizieren, Leuten, die sich formell auf den Boden der Revolution gestellt hatten, die aber nach ihrer sozialen Stellung, klein\u00adb\u00fcrgerlichen Herkunft und Denkweise das beste Material f\u00fcr eine konterrevolution\u00e4re Pr\u00e4torianergarde lieferten. So bestand Noske seine erste Probe als Organisator der Gegenrevolution.<\/p>\n<p><strong><em>Editorischer Hinweis<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Der Text wurde entnommen aus: Illustrierte\u00a0 Geschichte der deutschen Revolution, Internationaler Arbeiterverlag Berlin, 1929, S.185-190. OCR-Scan TREND 2018. <\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.trend.infopartisan.net\/trd1118\/t491118.html\">trend&#8230;<\/a> vom 21. November 2018 <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum offenen Ausbruch kam die revolution\u00e4re Bewegung in Kiel. 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