{"id":4477,"date":"2018-11-24T09:25:18","date_gmt":"2018-11-24T07:25:18","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4477"},"modified":"2018-11-24T09:25:18","modified_gmt":"2018-11-24T07:25:18","slug":"lenin-imperialismus-und-der-austromarxismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4477","title":{"rendered":"Lenin, Imperialismus und der Austromarxismus"},"content":{"rendered":"<p><em>David Reisinger. <\/em><strong>Der von den herrschenden Klassen Europas losgetretene Erste Weltkrieg endete in der gr\u00f6\u00dften revolution\u00e4ren Massenerhebung der Weltgeschichte. Die \u00f6sterreichische Arbeiter_innenbewegung<!--more--> wurde von den revolution\u00e4ren Ereignissen in Russland und Ungarn radikalisiert. Trotzdem kam es in \u00d6sterreich zu keiner sozialistischen Revolution; einer der Gr\u00fcnde hierf\u00fcr liegt in der Politik des Austromarxismus.<\/strong><\/p>\n<p>Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges war eine strikte Ablehnung imperialistischer Kriege innerhalb der organisierten Arbeiter_innenbewegung selbstverst\u00e4ndlich. Trotzdem unternahmen die sozialdemokratischen Parteien 1914 nichts um den Krieg zu verhindern, sondern stellten sich hinter Krone, Vaterland und Kapital. Diese verr\u00e4terische Politik wurde von dem russischen Revolution\u00e4r Lenin scharf attackiert. Dem Sozialpatriotismus der Sozialdemokratie schleuderte Lenin die Forderung nach der \u201eNiederlage der eigenen Regierung\u201c entgegen. Er und seine Partei, die Bolschewiki, arbeiteten darauf hin, den imperialistischen Krieg in einen B\u00fcrgerkrieg der Arbeiter_innen aller L\u00e4nder gegen die herrschende Klasse zu verwandeln. Lenins radikale Forderungen waren kein blo\u00dfes Wunschdenken, sondern er und sein Kampfgef\u00e4hrte Nikolai Bucharin entwickelten jeweils eine Imperialismustheorie, welche als Grundlage f\u00fcr seine Forderungen gesehen werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Imperialismus<\/strong><\/p>\n<p>Lenin argumentierte in seinem Werk\u00a0<em>Der Imperialismus als j\u00fcngste Etappe des Kapitalismus<\/em>\u00a0(1917), dass der gegenw\u00e4rtige Kapitalismus durch zwei widerspr\u00fcchliche Tendenzen gekennzeichnet ist: die Internationalisierung (heute Globalisierung) der Produktion und Investition von Unternehmen, sowie, dem entgegengesetzt, die Verschmelzung von privatem Kapital und dem Nationalstaat. Vereinfacht ausgedr\u00fcckt, Unternehmen werden immer globaler und bekommen durch diese \u00f6konomische Macht einen immer st\u00e4rken Einfluss auf die Staaten, in denen sie angesiedelt sind. Daraus ergibt sich, dass \u2013 in einer immer mehr vernetzten Weltwirtschaft \u2013 Konflikte zwischen unterschiedlichen Unternehmen die Tendenz haben, zu geopolitischen Kriegen zwischen Staaten zu werden.<\/p>\n<p>Imperialismus ist also die Verschmelzung von wirtschaftlichen Konflikten zwischen Unternehmen und geopolitischen Konflikten zwischen Staaten, wie der britische Marxist Alex \u00adCallinicos darlegt. Die Politik der k.u.k. Monarchie am Balkan entspricht diesem imperialistischen Schema. Ab 1878 verfolgte \u00d6sterreich das Ziel einer \u201eOrientbahn\u201c, die Wien mit der T\u00fcrkei verbinden w\u00fcrde. Dadurch wollten sich die Habsburger einerseits die Kontrolle \u00fcber den Orienthandel sichern und andererseits ihren geopolitischen Einfluss am Balkan \u2013 Eisenbahnen erm\u00f6glichten schnelle Truppentransporte \u2013 gegen Russland behaupten. Aus dieser Perspektive betrachtet war der Erste Weltkrieg keine \u201eUrkatastrophe\u201c, ausgel\u00f6st durch das Attentat eines serbischen Nationalisten und der falschen Reaktion der europ\u00e4ischen Gro\u00dfm\u00e4chte darauf, sondern die imperialistische Phase des Kapitalismus lieferte die \u00f6konomische Grundlage f\u00fcr die politische Eskalation.<\/p>\n<p><strong>Brest Litowsk<\/strong><\/p>\n<p>Die russische Oktoberrevolution 1917 f\u00fchrte zur Macht\u00fcbernahme der Arbeiter_innenr\u00e4te, an ihrer Spitze die Bolschewiki. Getreu ihrer Theorie versuchten sie die Macht\u00fcbernahme in Russland zu n\u00fctzen, um im Rest Europas Revolutionen auszul\u00f6sen. Ein erster Schritt hierf\u00fcr war ein Friedensangebot an alle kriegsf\u00fchrenden Nationen. Lenin verfasste einen Appell an die Arbeiter_innen \u00d6sterreichs und Deutschlands, sich mit dem sofortigen Friedensschluss zu solidarisieren.<\/p>\n<p>In Wien veranstalteten am 11. November 20.000 Arbeiter_innen eine riesige Solidarit\u00e4tsdemonstration mit den Bolschewiki. Am 15. J\u00e4nner 2018, w\u00e4hrend die Verhandlungen von Brest-Litowsk noch liefen, kam es zum gr\u00f6\u00dften Massenstreik der \u00f6sterreichischen Geschichte. Eine der Forderungen des J\u00e4nnerstreiks war der sofortige Friedensschluss zwischen \u00d6sterreich und Russland. Die Eisenbahner_innen verlangten, dass Vertreter_innen der Arbeiter_innenklasse bei den Verhandlungen zugegen sein sollten. \u00d6sterreichische und russische Arbeiter_innen sollten gemeinsam den Frieden aushandeln.<\/p>\n<p>Es gelang der SDAP jedoch, den Streik zu vereinnahmen und abzusagen. Otto Bauer der f\u00fchrende \u201elinke\u201c Theoretiker der SDAP rechtfertigte die Absage des Streiks: \u201eIm Falle einer Revolution w\u00e4ren deutsche Truppen in \u00d6sterreich einmarschiert.\u201c Bauer verschweigt die Tatsache, dass sich der J\u00e4nnerstreik auch auf Deutschland ausgeweitet hatte und der Einmarsch deutscher Truppen darum mehr als fraglich war. Der \u00f6sterreichische Marxist Roman Rosdolsky fasst die Politik der SDAP treffend zusammen: \u201eDie Entscheidung hing von der Sozialdemokratie ab. In der \u00e4u\u00dferst zugespitzten au\u00dfen- und innenpolitischen Lage gab es zwei M\u00f6glichkeiten: entweder Revolution, oder aber vor\u00fcbergehende Rettung der Monarchien auf Kosten des milit\u00e4risch wehrlosen Sowjetrusslands. Die Sozialdemokratie entschied sich f\u00fcr das zweite.\u201c<\/p>\n<p>Das Scheitern des J\u00e4nnerstreiks st\u00e4rkte die Position der \u00f6sterreichischen und deutschen Verhandler. Nachdem sie keine Angst vor Aufst\u00e4nden im eigenen Land haben mussten, konnten sie Russland ihre Bedingungen aufzwingen. Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk zeigt wieder eine Mischung aus \u00f6konomischen und geopolitischen Interessen. Russland musste \u00fcber 50% seiner gesamten Industriebetriebe, angesiedelt in der Ukraine, Finnland und Wei\u00dfrussland abgeben.<\/p>\n<p><strong>Ungarn 1919<\/strong><\/p>\n<p>Doch die Sozialdemokratie konnte das Habsburgerreich nicht retten. Im November 1918 zerbrach der m\u00e4chtige Staat. Im ganzen Land entstanden Arbeiter_innen- und Soldatenr\u00e4te, welche, wie Otto Bauer schreibt, \u201ejeden Tag die Diktatur des Proletariats aufrichten k\u00f6nnten. Es gab keine Gewalt, sie daran zu hindern.\u201c Am 21. M\u00e4rz 1919 errichten die ungarischen Arbeiter_innen und Soldaten eine R\u00e4terepublik, einen Monat sp\u00e4ter erfolgte die Gr\u00fcndung der \u201eM\u00fcnchner R\u00e4terepublik\u201c.<\/p>\n<p>\u00d6sterreich befand sich zwischen zwei R\u00e4terepubliken, kombiniert mit einer Hungersnot und explodierender Arbeitslosigkeit f\u00fchrte das zu einer einzigartigen Radikalisierung der Arbeiter_innen. Innerhalb der \u00f6sterreichischen R\u00e4tebewegung gab es eine offene Diskussion \u00fcber die Frage, ob genauso wie in Ungarn eine R\u00e4terepublik errichtet werden sollte. Die beiden Austromarxisten Friedrich Adler und Otto Bauer verwendeten ihren gesamten Einfluss, um die Ausrufung einer R\u00e4terepublik zu verhindern. Ihr zentrales Argument war: \u201e\u00d6sterreich konnte ohne die Nahrungsmittel- und Kohlenzusch\u00fcbe der Entente nicht leben.\u201c Im Falle der Ausrufung einer R\u00e4terepublik w\u00fcrden diese Lieferungen eingestellt werden.<\/p>\n<p>Die Wirtschaft des Habsburgerreiches beruhte vor dem Ersten Weltkrieg darauf, dass aus der ungarischen Reichsh\u00e4lfte Nahrungsmittel und Kohle nach \u00d6sterreich geliefert werden, w\u00e4hrend die \u00f6sterreichische Reichsh\u00e4lfte Industrieprodukte in die ungarische exportierte. Bauers Argument \u00fcbergeht die Tatsache, dass in der imperialistischen Phase des Kapitalismus kaum ein Land ohne Importe auskommt, die schon bestehenden Handelsverbindungen zwischen \u00d6sterreich und Ungarn h\u00e4tten im Falle eine Revolution gen\u00fctzt werden k\u00f6nnen. \u00d6sterreich w\u00e4re also nicht verhungert wie er meint, sondern gemeinsam mit der ungarischen R\u00e4terepublik h\u00e4tte eine solidarische Wirtschaftsordnung zum beidseitigen Vorteil aufgebaut werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das zweite Argument Bauers war wieder einmal die Angst vor dem Einmarsch ausl\u00e4ndischer Truppen im Falle einer Revolution. Es ist unklar, ob er wirklich an diese Bedrohung glaubte; immerhin hatte ihn der Vertreter der Siegerm\u00e4chte, Cunningham, darauf hingewiesen, dass sich die Truppen der Entente weigern w\u00fcrden, auf \u00f6sterreichische Arbeiter_innen zu schie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Lenin gegen Bauer<\/strong><\/p>\n<p>Trotzdem, mit diesen zwei Argumenten plus der komplett falschen Politik der Kommunistischen Partei konnte die SDAP die R\u00e4te davon \u00fcberzeugen, sich hinter den Parlamentarismus zu stellen, anstatt den Aufstand zu wagen. Der \u201eAustromarxismus\u201c, zu dem Bauer geh\u00f6rt, zeichnete sich in seinen Werken durch ein geschichtsdeterministisches Bild aus, das bedeutet der \u00dcbergang von Kapitalismus zum Sozialismus war f\u00fcr ihn eine naturgeschichtliche Notwendigkeit. Durch diese Annahme konnte der Austromarxismus eine revolution\u00e4re Sprache mit einer zutiefst konterrevolution\u00e4ren Praxis zusammenbringen. Diese Strategie f\u00fchrte die \u00f6sterreichische Arbeiter_innenbewegung in den Untergang.<\/p>\n<p>Die Marxistin Ilona Duczy\u0144ska res\u00fcmiert: \u201eDie Absage an die Revolution im M\u00e4rz 1919 wurde zum Prototyp in einer langen Reihe unausgetragener K\u00e4mpfe der Sozialdemokratie, die sie im Nachhinein als von vornherein zur Aussichtslosigkeit verurteilt darstellten. In ihrem Bem\u00fchen, den B\u00fcrgerkrieg, wenn nicht zu vermeiden, so doch wenigstens hinauszuschieben, wich sie Schritt f\u00fcr Schritt vor den Kr\u00e4ften der Reaktion und des Faschismus zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/linkswende.org\/lenin-imperialismus-und-der-austromarxismus\/\"><em>linkswende.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 24. November 2018 <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Reisinger. 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