{"id":4483,"date":"2018-11-26T13:16:28","date_gmt":"2018-11-26T11:16:28","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4483"},"modified":"2018-11-26T15:16:46","modified_gmt":"2018-11-26T13:16:46","slug":"gelbe-westen-mit-welchen-inhalten-und-welchen-zielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4483","title":{"rendered":"\u201eGelbe Westen\u201c &#8211; mit welchen Inhalten und welchen Zielen?"},"content":{"rendered":"<p><em>Bernard Schmid<\/em>. So nahe kamen Protestierende in Frankreich seit Menschengedenken nicht an den Elys\u00e9e-Palast, also das Zentrum der politischen Macht in Frankreich, heran wie am vorigen Samstag ( 17. November 18 ). <!--more-->Leider ereignete sich dies im Zusammenhang mit einer Bewegung, jener der \u201egelben Warnjacken\u201c (gilets jaunes), die mehrheitlich ein Profil zwischen dumpfbackig und reaktion\u00e4r an den Tag legt, zwischen Autofahrerlobby und extremer Rechter changiert. Alle bedeutenden Gewerkschaften, mit Ausnahme einer dem (politisch schillernden) Dachverband FO angeh\u00f6renden einzelnen Polizeigewerkschaft, hatten von einer Teilnahme an den Protesten dezidiert abgeraten. Ein aus dem Bereich der Arbeiterbewegung kommender Protest h\u00e4tte mit einiger Wahrscheinlichkeit nach auch nicht unbedingt gelb (!) als Erkennungsfarbe gew\u00e4hlt\u2026 Unten stehend erfolgt ein erster R\u00fcckblick auf das zur\u00fcckliegende Protest-Wochenende des 17.\/18. November d.J. in Frankreich; es handelt sich um die leicht \u00fcberarbeitete, aber erheblich ausgebaute und ausf\u00fchrlichere Fassung eines Beitrags, welcher am Montag fr\u00fch bei Telepolis erstver\u00f6ffentlicht wurde. Am Mittwoch oder Freitag dieser Woche wird bei Labournet eine analytische Auswertung erfolgen, was den weiteren Ablauf betrifft, sofern die Initiatoren des Protests sich zur Frage eventueller weiterer Schritte ge\u00e4u\u00dfert haben werden\u2026<\/p>\n<p>Die Bilder waren spektakul\u00e4r, die Bilanz ist es auch (\u00fcber 400 Verletzte und eine Tote, vgl. unten). Der sozial und wirtschaftlich motivierte Unmut, den sie ausdr\u00fccken, ist real. Doch fraglich ist, welche Inhalte dieser Protest ausdr\u00fcckt, welche Perspektive er aufzeigen k\u00f6nnte \u2013 oder ob er sich in diffusem Unmut-Zeigen und Dampfablassen ersch\u00f6pft.<\/p>\n<p>Laut Angaben des franz\u00f6sischen Innenministeriums nahmen an diesem Samstag \u201e287.710\u201c Personen an diversen Protesten und Blockadeaktionen im Zusammenhang mit der Bewegung der so genannten\u00a0<strong><em>gilets jaunes<\/em><\/strong>\u00a0(gelben Warnjacken) teil. Das klingt ganz so, als habe er dies genau ausgerechnet; doch in Wirklichkeit l\u00e4sst sich eine Teilnehmerzahl an einem Protest, der an 2.000 Orten parallel stattfindet, schwerlich exakt berechnen. Von rechter Seite, etwa dem Konservativen Guillaume Peltier (als junger Mann begann er seine Karriere dereinst bei Jean-Marie Le Pen), bis zum Linksnationalisten Jean-Luc M\u00e9lenchon wurden daraufhin Vorw\u00fcrfe (<a href=\"http:\/\/www.europe1.fr\/politique\/gilets-jaunes-guillaume-peltier-denonce-une-manipulation-des-chiffres-par-castaner-3802220\"><em>http:\/\/www.europe1.fr\/politique\/gilets-jaunes-guillaume-peltier-denonce-une-manipulation-des-chiffres-par-castaner-3802220<\/em><\/a>\u00a0)der Zahlenmanipulation laut. (<a href=\"http:\/\/www.lefigaro.fr\/politique\/2018\/11\/17\/01002-20181117ARTFIG00086-gilets-jaunes-melenchon-denonce-la-manipulation-des-chiffres-de-l-etat.php\"><em>http:\/\/www.lefigaro.fr\/politique\/2018\/11\/17\/01002-20181117ARTFIG00086-gilets-jaunes-melenchon-denonce-la-manipulation-des-chiffres-de-l-etat.php<\/em><\/a>) Beide legen nahe, die wirklichen Teilnehmer\/innen\/zahl l\u00e4gen noch h\u00f6her.<\/p>\n<p>Sowohl die konservative Partei Les R\u00e9publicains (LR) als auch die zwischen linkssozialdemokratisch und linksnationalistisch schillernde Wahlplattform M\u00e9lenchons \u2013\u00a0<strong><em>La France insoumise<\/em><\/strong>\u00a0(LFI, ungef\u00e4hr \u201eDas unbeugsame Frankreich\u201c) \u2013 hatten im Vorfeld auf eine mehr oder minder opportunistisch motivierte Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Protest erkl\u00e4rt. Jedenfalls f\u00fcr den Protest mittels Spontanversammlung und Kundgebungen, nicht unbedingt mittels Verkehrsblockaden, die freilich im Zentrum des Anti-Benzin\/Diesel-Steuerprotests der \u201eGelben Jacken\u201c standen. Am lautesten f\u00fcr eine Unterst\u00fctzung trommelten jedoch von Anfang an der\u00a0<strong><em>Rassemblement national<\/em><\/strong>\u00a0(RN, bis zum 1. Juni 18 noch: Front National\/FN) sowie die rechtsnationalistische, EU-feindliche und bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen 2017 mit dem damaligen FN verb\u00fcndete Kleinpartei\u00a0<strong><em>Debout La France<\/em><\/strong>\u00a0(DLF, ungef\u00e4hr: \u201eFrankreich, Stehe auf\u201c). Zur Unterst\u00fctzung von RN und DLF-Chef Nicolas Dupont-Aignan schon zu einem fr\u00fchen Zeitpunkt vgl.:\u00a0<a href=\"https:\/\/actu.orange.fr\/france\/hausse-des-prix-des-carburants-les-appels-au-blocage-le-17-novembre-se-multiplient-magic-CNT0000017OiA0.html\"><em>https:\/\/actu.orange.fr\/france\/hausse-des-prix-des-carburants-les-appels-au-blocage-le-17-novembre-se-multiplient-magic-CNT0000017OiA0.html<\/em><\/a><em>\u00a0<\/em>und \u00a0<a href=\"http:\/\/www.lefigaro.fr\/flash-actu\/2018\/10\/31\/97001-20181031FILWWW00121-blocage-des-routes-le-pen-et-dupont-aignan-sont-de-grands-irresponsables-griveaux.php\"><em>http:\/\/www.lefigaro.fr\/flash-actu\/2018\/10\/31\/97001-20181031FILWWW00121-blocage-des-routes-le-pen-et-dupont-aignan-sont-de-grands-irresponsables-griveaux.php<\/em><\/a>)<\/p>\n<p><strong>Klopperei vor\u2019m Elys\u00e9e<\/strong><\/p>\n<p>Aufsehen erregende Bilder gab es dabei zeitweilig aus Paris, wo es am sp\u00e4ten Samstag Nachmittag (17.11.18) zu Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden und Sicherheitskr\u00e4ften auf der so genannten Prachtavenue der Champs-Elys\u00e9es mitsamt Tr\u00e4nengaseins\u00e4tzen kam (<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Vh9qvT3rFvY\"><em>https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Vh9qvT3rFvY<\/em><\/a>\u00a0) \u2013 bevor gut 1.000 Protestierende gar bis unmittelbar in die N\u00e4he des Elys\u00e9e-Palasts vorr\u00fccken konnten (<a href=\"http:\/\/www.leparisien.fr\/paris-75\/les-gilets-jaunes-envahissent-les-champs-elysees-heurts-avec-la-police-17-11-2018-7945206.php\"><em>http:\/\/www.leparisien.fr\/paris-75\/les-gilets-jaunes-envahissent-les-champs-elysees-heurts-avec-la-police-17-11-2018-7945206.php<\/em><\/a>). Dort kam es \u00fcber eine Stunde lang ebenfalls zu Reibereien, bevor eine R\u00e4umung durch starke Polizeikr\u00e4fte einsetzte. Nicht nur Jean-Luc M\u00e9lenchon betrachtet dies als au\u00dfergew\u00f6hnlich, denn normalerweise herrscht auf der Konsum- und touristischen Zwecken vorbehaltenen Meile der Champs-Elys\u00e9es striktes Demonstrier-Verbot. Und in die r\u00e4umliche N\u00e4he des Elys\u00e9es-Palasts kommt \u00fcblicherweise keine Demonstration, handele es sich um sozial progressive Mobilisierungen, oder auch um konservativ-reaktion\u00e4re wie die Massenbewegung im ersten Halbjahr von 2013 gegen die \u00d6ffnung der Ehe f\u00fcr homosexuelle Paare \u2013 Letztere wurde damals unter Einsatz von Tr\u00e4nengas und Absperrgittern daran gehindert, auf den Champs-Elys\u00e9es zu marschieren.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr bestehen potenziell drei Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze: erstens, eine weitergehende Untersch\u00e4tzung des Protests durch die derzeit Regierenden. Diese hatten allerdings im Vorfeld dieses Samstags ihre Nervosit\u00e4t zu erkennen gegeben. Zum Zweiten, sofern eine These M\u00e9lenchons zutrifft, eine bewusste \u201eDramatisierung\u201c der Situation durch das Regierungslager (<a href=\"https:\/\/www.ouest-france.fr\/societe\/gilets-jaunes\/gilets-jaunes-melenchon-critique-une-manipulation-et-dramatisation-du-gouvernement-6075681\"><em>https:\/\/www.ouest-france.fr\/societe\/gilets-jaunes\/gilets-jaunes-melenchon-critique-une-manipulation-et-dramatisation-du-gouvernement-6075681<\/em><\/a>), um\u00a0 in der \u00f6ffentlichen Meinung Sicherheitsreflexe auszul\u00f6sen. Drittens k\u00f6nnte jedoch eine gewisse Komplizenschaft im Lager der Sicherheitskr\u00e4fte bis hinein in die Polizeif\u00fchrung, oder Teile von ihnen, vorliegen. Schlie\u00dflich hatte es auch aus der Polizei heraus Tendenzen gegeben, sich diesem Protesttag am 17. November d.J. anzuschlie\u00dfen (<a href=\"https:\/\/www.20minutes.fr\/societe\/2371707-20181114-blocage-17-novembre-ministere-interieur-met-policiers-sous-pression\"><em>https:\/\/www.20minutes.fr\/societe\/2371707-20181114-blocage-17-novembre-ministere-interieur-met-policiers-sous-pression<\/em><\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"https:\/\/upni.fr\/le-17-novembre-2018-cest-cadeau-du-17\/?fbclid=IwAR0beRJ6KX7cvpIbZboZo89bJSr0PJaL1ejQ_BiUiK29ORim10EenM7gg80\"><em>https:\/\/upni.fr\/le-17-novembre-2018-cest-cadeau-du-17\/?fbclid=IwAR0beRJ6KX7cvpIbZboZo89bJSr0PJaL1ejQ_BiUiK29ORim10EenM7gg80<\/em><\/a>\u00a0sowie\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nicematin.com\/greve-mouvements-sociaux\/solidaire-du-mouvement-des-gilets-jaunes-un-syndicat-de-police-municipale-appelle-a-ne-pas-mettre-de-pv-cette-semaine-276891\"><em>https:\/\/www.nicematin.com\/greve-mouvements-sociaux\/solidaire-du-mouvement-des-gilets-jaunes-un-syndicat-de-police-municipale-appelle-a-ne-pas-mettre-de-pv-cette-semaine-276891<\/em><\/a>), handelte es sich doch dezidiert um keine vorwiegend als irgendwie \u201elinks\u201c wahrgenommene Protestbewegung.<\/p>\n<p><strong>Verletzte und eine Tote<\/strong><\/p>\n<p>409 Menschen wurden am ersten Protesttag und bis zu Meldungen vom fr\u00fchen Sonntagmorgen verletzt (<a href=\"https:\/\/www.20minutes.fr\/societe\/2374575-20181118-video-blocage-gilets-jaunes-409-personnes-blessees-dont-14-gravement-selon-castaner\"><em>https:\/\/www.20minutes.fr\/societe\/2374575-20181118-video-blocage-gilets-jaunes-409-personnes-blessees-dont-14-gravement-selon-castaner<\/em><\/a><em>)<\/em>. Bei ihnen\u00a0 handelt es sich allerdings im Allgemeinen nicht um Opfer von Polizeigewalt oder von Zusammenst\u00f6\u00dfen mit der Staatsmacht. Vielmehr geht es in der gro\u00dfen Mehrzahl der F\u00e4lle um die Opfer von Streif- oder Auffahrunf\u00e4llen, da an der Mehrzahl der 2.000 Protestorte Verkehrsblockaden nicht angemeldet oder zuvor angek\u00fcndigt worden waren, sich an Ort und Stelle jedoch oft Menschen in gelben Neonjacken zu Fu\u00df auf dem Asphalt und im Nebel tummelten. Auch Polizisten wurden in diesem Zusammenhang angefahren und verletzt.<\/p>\n<p>Eine 63j\u00e4hrige Frau verstarb im ostfranz\u00f6sischen Pont-de-Bonvoisin gar an den Folgen ihrer Verletzungen. (<a href=\"https:\/\/www.20minutes.fr\/faits_divers\/2374675-20181118-video-blocage-gilets-jaunes-chantal-manifestante-tuee-samedi-savoie\"><em>https:\/\/www.20minutes.fr\/faits_divers\/2374675-20181118-video-blocage-gilets-jaunes-chantal-manifestante-tuee-samedi-savoie<\/em><\/a>) In ihrem Falle hatte eine Mutter, die ihr krankes Kind zum Arzt fahren wollte, an einem Blockadepunkt einen Panikanfall bekommen, nachdem\u00a0 Teilnehmer auf ihr Auto getrommelt hatten. Daraufhin fuhr sie aufgrund einer Angstattacke in die Menge. Sie wurde selbst mit einem Schockzustand im Krankenhaus behandelt, muss seit Sonntag jedoch auch einem Strafverfahren (<a href=\"https:\/\/www.bfmtv.com\/police-justice\/gilets-jaunes-mise-en-examen-de-la-conductrice-qui-a-renverse-une-manifestante-1569301.html\"><em>https:\/\/www.bfmtv.com\/police-justice\/gilets-jaunes-mise-en-examen-de-la-conductrice-qui-a-renverse-une-manifestante-1569301.html<\/em><\/a>) wegen m\u00f6glicher fahrl\u00e4ssiger T\u00f6tung ins Auge sehen. Dabei darf man sicherlich diese Mutter ebenfalls als Opfer der am Samstag geschaffenen Situation betrachten.<\/p>\n<p><strong>Reaktion\u00e4res Pack in Aktion<\/strong><\/p>\n<p>H\u00e4ssliche Aspekte gab es bei dem Protest, der offiziell unpolitisch oder jedenfalls parteilos bleiben wollte, auch aus anderen Gr\u00fcnden. Im ostfranz\u00f6sischen Bourg-en-Bresse wurde aus einer Blockade heraus ein homosexuelles Paar, dem ein \u00f6rtlicher Kommunalparlamentarier angeh\u00f6rt, t\u00e4tlich angegriffen. (<a href=\"https:\/\/www.leprogres.fr\/ain-01\/2018\/11\/18\/bourg-en-bresse-l-elu-agresse-par-des-gilets-jaunes-sur-fond-d-homophobie-porte-plainte\"><em>https:\/\/www.leprogres.fr\/ain-01\/2018\/11\/18\/bourg-en-bresse-l-elu-agresse-par-des-gilets-jaunes-sur-fond-d-homophobie-porte-plainte<\/em><\/a>)\u00a0 Im nordfranz\u00f6sischen Saint-Quentin wurde eine junge muslimische Frau am Steuer ihres Autos durch Protestteilnehmer rassistisch beleidigt und gezwungen, ihr Kopftuch auszuziehen\u00a0<em>(<\/em><a href=\"http:\/\/www.francesoir.fr\/societe-faits-divers\/aisne-des-gilets-jaunes-forcent-une-femme-musulmane-retirer-son-voile\"><em>http:\/\/www.francesoir.fr\/societe-faits-divers\/aisne-des-gilets-jaunes-forcent-une-femme-musulmane-retirer-son-voile<\/em><\/a>); dies wurde allerdings durch die Organisatoren der \u00f6rtlichen Verkehrsblockade ihrerseits verurteilt. Ohne von t\u00e4tlichen Angriffen auf Reporter, wie auf einen Kameramann von BFM TV in der Hauptstadt\u00a0<em>(<\/em><a href=\"https:\/\/www.huffingtonpost.fr\/2018\/11\/17\/pendant-la-mobilisation-des-gilets-jaunes-un-journaliste-de-bfmtv-agresse-en-direct_a_23592445\/\"><em>https:\/\/www.huffingtonpost.fr\/2018\/11\/17\/pendant-la-mobilisation-des-gilets-jaunes-un-journaliste-de-bfmtv-agresse-en-direct_a_23592445\/<\/em><\/a>), zu sprechen\u2026<\/p>\n<p>Als progressiv kann man diesen Protest gewiss nicht beurteilen, eine solidarische Perspektive bietet er auf keine Weise. Allenfalls kann man ihn als durchmischt und diffusen Ausdruck verbreiteten Unmuts bezeichnen. Dieser weist selbstverst\u00e4ndlich auch eine soziale Komponente auf. Das Beispiel der get\u00f6teten 63j\u00e4hrigen im ostfranz\u00f6sischen Bezirk Savoyen steht daf\u00fcr beispielhaft: Die Dame war soeben in Rente gegangen und bef\u00fcrchtete aus diesem Grunde, sicherlich nicht zu Unrecht, eine erhebliche Einbu\u00dfe an Kaufkraft. Allzu verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p><strong>Ohne Gewerkschaften<\/strong><\/p>\n<p>Allerdings monieren etwa die franz\u00f6sische Gewerkschaften, deren wichtigste allesamt im Vorfeld erkl\u00e4rt hatten, diesem Protest fernzubleiben \u2013 auch, aber nicht nur wegen der prominenten Aufrufe zur Teilnahme seitens der Neofaschistin Marine Le Pen (<a href=\"https:\/\/www.bfmtv.com\/politique\/gilets-jaunes-marine-le-pen-salue-le-tres-grand-succes-du-peuple-francais-1569187.html\"><em>https:\/\/www.bfmtv.com\/politique\/gilets-jaunes-marine-le-pen-salue-le-tres-grand-succes-du-peuple-francais-1569187.html<\/em><\/a>) und anderer Exponenten des rechten anti-univeralistischen Lagers -, dass die Problematik durch die \u201eGelben Westen\u201c vom falschen Ende her aufgez\u00e4umt werde. Diese attackieren n\u00e4mlich nicht die Einkommensungleichheiten, oder tun dies manchmal indirekt (wenn in Teilen der Protestbewegung die Abschaffung der Verm\u00f6genssteuer ISF unter Emmanuel Macron 2017 thematisiert wird). Gemeinsamer Ansatzpunkt ist dagegen die Weigerung, eine konkrete Ausgabe zu t\u00e4tigen (vgl. unten) und diese eint reaktion\u00e4re Mittelst\u00e4ndler, Sozialdarwinisten und politische Idioten ebenso wie verarmte Lohnabh\u00e4ngige.<\/p>\n<p>Gewerkschaften von den linksalternativen Basisorganisationen SUD respektive Solidaires (vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.letelegramme.fr\/cotes-darmor\/lannion\/action-du-17-novembre-solidaires-tregor-ne-participera-pas-aux-blocages-13-11-2018-12132558.php\"><em>https:\/\/www.letelegramme.fr\/cotes-darmor\/lannion\/action-du-17-novembre-solidaires-tregor-ne-participera-pas-aux-blocages-13-11-2018-12132558.php<\/em><\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"http:\/\/www.solidaires13.org\/gilets-jaunes\/\"><em>http:\/\/www.solidaires13.org\/gilets-jaunes\/<\/em><\/a>\u00a0) \u00fcber die CGT \u2013 die \u00e4lteste franz\u00f6sische Arbeitervereinigung (vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/actu.orange.fr\/france\/gilets-jaunes-impossible-pour-la-cgt-de-defiler-a-cote-du-fn-CNT00000190VJD.html\"><em>https:\/\/actu.orange.fr\/france\/gilets-jaunes-impossible-pour-la-cgt-de-defiler-a-cote-du-fn-CNT00000190VJD.html<\/em><\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ouest-france.fr\/societe\/gilets-jaunes\/pour-philippe-martinez-cgt-augmenter-le-smic-calmerait-la-grogne-des-gilets-jaunes-6075510\"><em>https:\/\/www.ouest-france.fr\/societe\/gilets-jaunes\/pour-philippe-martinez-cgt-augmenter-le-smic-calmerait-la-grogne-des-gilets-jaunes-6075510<\/em><\/a>) \u2013 bis zur eher \u201emoderaten\u201c, d.h. rechtssozialdemokratisch geleiteten CFDT (vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.sudouest.fr\/2018\/11\/12\/gilets-jaunes-la-cfdt-ne-soutient-pas-le-mouvement-previent-laurent-berger-5559954-10407.php\"><em>https:\/\/www.sudouest.fr\/2018\/11\/12\/gilets-jaunes-la-cfdt-ne-soutient-pas-le-mouvement-previent-laurent-berger-5559954-10407.php<\/em><\/a>) kritisierten den \u201eGelbe Westen\u201c-Protest gleicherma\u00dfen. Aus ihrer Sicht w\u00e4re eine Bek\u00e4mpfung von Einkommensungleichheit, eine Erh\u00f6hung der (vor allem tiefen) L\u00f6hne wesentlich entscheidender als der isolierte Kampf gegen eine Steuer.<\/p>\n<p>Hingegen gab es aus dem\u00a0<strong><em>Front social<\/em><\/strong>, dem 2017 gebildeten Zusammenschluss linksradikaler Gewerkschaftstendenzen \u2013 welcher allerdings l\u00e4ngst im Sektierertum verk\u00fcmmert und weitgehend bedeutungslos blieb -, einen Versuch, sich an die Proteste anzuh\u00e4ngen. Aus Sicht der Beteiligten, um nicht\u00a0<strong><em>\u201eden rechten Instrumentalisierungsversuchen das Feld zu \u00fcberlassen\u201c;\u00a0<\/em><\/strong>aus anderer Sicht lie\u00dfe sich vielleicht anmerken: \u201eaus bewegungslinkem Opportunismus und blindem Aktionismus\u201c. Jedenfalls fand zu diesem Behufe am 10. November 18 ein Vorbereitungstreffen in einem der Pariser Gewerkschaftsh\u00e4user statt.<\/p>\n<p>Konsensbildend bei den aktuellen Protestlern wirkt jedoch just eine Kritik nicht an Einkommensunterschieden (jedenfalls nicht explizit), sondern an einem einzeln herausgegriffenen Aspekt auf der Ausgabenseite, n\u00e4mlich der geplanten Erh\u00f6hung von Steuern auf Kraftfahrstoff.\u00a0 <em>(<\/em><a href=\"http:\/\/www.lefigaro.fr\/conjoncture\/2018\/11\/14\/20002-20181114ARTFIG00292-le-senat-veut-supprimer-la-hausse-des-taxes-sur-les-carburants.php\"><em>http:\/\/www.lefigaro.fr\/conjoncture\/2018\/11\/14\/20002-20181114ARTFIG00292-le-senat-veut-supprimer-la-hausse-des-taxes-sur-les-carburants.php<\/em><\/a>) Letztere soll schrittweise von 2019 bis 2023 stattfinden. Sie wird Autosprit verteuern und soll Diesel, das vormals in Frankreich erheblich g\u00fcnstiger war als Benzin \u2013 auch, weil es lange Zeit durch den Gesetzgeber beg\u00fcnstigt wurde, Dieselautos zu fahren \u2013 genauso teuer werden wie Letzteres. Die Steuererh\u00f6hung wird vom Regierungslager mit dem Kampf gegen Umweltzerst\u00f6rung und Klimawandel gerechtfertigt, allerdings werden von vier Milliarden geplanten Mehreinnahmen (bis 2023) nur eine Milliarde offiziell dem \u201e\u00f6kologischen Umbau\u201c gewidmet. Kritiker\/innen auf verschiedenen Seiten nominieren ferner, dass besonders klimasch\u00e4dliche Transportmittel wie Luft- und Frachtschiffverkehr \u00fcberhaupt nicht zus\u00e4tzlich besteuert w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Auf der linken Seite \u2013 etwa von\u00a0<strong><em>La France insoumise<\/em><\/strong>\u00a0(LFI), der Wahlplattform Jean-Luc M\u00e9lenchons, welche bei aller begr\u00fcndeten Kritik immerhin das Verdienst hat, das \u00f6kologische Anliegen in die etablierte Linke Frankreichs eingef\u00fchrt zu haben, w\u00e4hrend die Franz\u00f6sische KP in dieser Frage verbl\u00f6det war, ist und bleibt \u2013 wird die Regierung eher daf\u00fcr kritisiert, dass keine Alternativen zum Auto in Sachen Mobilit\u00e4t gef\u00f6rdert w\u00fcrden. Sondern, im Gegenteil, mit der \u201eReform\u201c der Bahngesellschaft SNCF von 2018 ein R\u00fcckbau des Schienennetzes \u2013 bis zu 9.000 Kilometer Schiene sollen weggespart werden \u2013 einhergehe. (Vgl. etwa\u00a0<a href=\"http:\/\/www.europe1.fr\/politique\/gilets-jaunes-on-a-besoin-dune-ecologie-populaire-pas-dune-ecologie-de-salon-reclame-adrien-quatennens-lfi-3802928\"><em>http:\/\/www.europe1.fr\/politique\/gilets-jaunes-on-a-besoin-dune-ecologie-populaire-pas-dune-ecologie-de-salon-reclame-adrien-quatennens-lfi-3802928<\/em><\/a><em>)<\/em><\/p>\n<p>Kritik am konkreten Vorgehen der Regierung ist also durchaus angebracht. Bei den \u201egelben Westen\u201c und dem Umfeld, das sie nun mobilisieren konnten, ist das Thema allerdings eher Anlass f\u00fcr eine unreflektierte Reaktion nach dem Muster:\u00a0<strong><em>\u201eWir wollen nicht zahlen \u2013 Lasst uns in Ruhe!\u201c<\/em><\/strong>\u00a0Darunter mischen sich dann in Teilen der Bewegung diffuse Reflexe, die vom Kampf gegen Verschw\u00f6rungen bis zum diffusen Wunsch,\u00a0<strong><em>\u201edie ganzen korrupten Politiker zum Teufel zu jagen\u201c<\/em><\/strong>, reichen. Vereinendes Bindeglied ist dabei allemal eher ein kollektiver Egoismus \u2013 passend dazu erschien am Sonntag fr\u00fch eine Umfrage, welcher zufolge eine Mehrheit in Frankreich derzeit den Geldbeutel als wichtiger im Vergleich zur Rettung der Umwelt erachtet\u00a0<em>(<\/em><a href=\"https:\/\/actu.orange.fr\/france\/gilets-jaunes-une-majorite-de-francais-pense-que-le-pouvoir-d-achat-est-plus-important-que-l-ecologie-magic-CNT0000019asx7.html\"><em>https:\/\/actu.orange.fr\/france\/gilets-jaunes-une-majorite-de-francais-pense-que-le-pouvoir-d-achat-est-plus-important-que-l-ecologie-magic-CNT0000019asx7.html<\/em><\/a>) \u2013 als irgendeine rationale und solidarische, vorw\u00e4rtsweisende Perspektive.<\/p>\n<p>Allerdings zieht dieser Protest an, vielleicht auch, weil man nicht gro\u00df \u00fcber seine Anliegen nachdenken muss. Aber vor allem auch, weil die Gewerkschaften und andere Akteure, die noch Solidarit\u00e4t zu begr\u00fcnden versuchen, in j\u00fcngerer Zeit einige Niederlagen mit anhaltenden Konsequenzen einstecken mussten. Die franz\u00f6sischen Gewerkschaften unterlagen bei den Auseinandersetzungen um die regressive Arbeitsrechts-\u201eReform\u201c im Fr\u00fchjahr und Sommer 2016 (das umstrittene Gesetz trat am 08.08.16 in Kraft), bei der zweiten Stufe dieser \u201eReform\u201c im Herbst 2017, aber auch beim Streik der Bahnbesch\u00e4ftigten gegen die SNCF-\u201eReform\u201c im Fr\u00fchjahr 2018. Das schw\u00e4cht und demoralisiert die Arbeiterbewegung, im umfassenden Sinne des Wortes, und l\u00e4sst bzw. \u00f6ffnet Ph\u00e4nomen wie dem verquirlten \u201eGelbe Jacken\u201c-Protest einen Raum.<\/p>\n<p>Die zahlenm\u00e4\u00dfig vergleichsweise starke Mobilisierung an diesem Wochenende \u2013 denn teilweise gingen die Proteste, auf niedrigerem quantitativen Niveau, auch am Sonntag (18.11.18) weiter \u2013 ist ein Gradmesser f\u00fcr die Spannungen, die die franz\u00f6sische Gesellschaft durchziehen. Eine L\u00f6sung daf\u00fcr werden sie nicht aufzeigen.<\/p>\n<p>Siehe auch unsere\u00a0<a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/?p=140209\">Materialsammlung vom 19.11.2018<\/a>: Rot vor Zorn \u2013 oder gelb vor Wut? Weil Macron auf die Teuerung der Energiepreise mit einer Steuererh\u00f6hung reagiert, werden Frankreichs Stra\u00dfen blockiert.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/internationales\/frankreich\/soziale_konflikte-frankreich\/frankreich-gelbe-westen-protestieren-spektakulaer-doch-mit-welchen-inhalten-und-welchen-zielen\/\"><em>labournet.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 26. November 2018 <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernard Schmid. So nahe kamen Protestierende in Frankreich seit Menschengedenken nicht an den Elys\u00e9e-Palast, also das Zentrum der politischen Macht in Frankreich, heran wie am vorigen Samstag ( 17. 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