{"id":4492,"date":"2018-11-27T12:27:02","date_gmt":"2018-11-27T10:27:02","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4492"},"modified":"2018-11-27T12:27:02","modified_gmt":"2018-11-27T10:27:02","slug":"black-friday-streiks-bei-amazon-in-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4492","title":{"rendered":"Black-Friday-Streiks bei Amazon in Europa"},"content":{"rendered":"<p>Ende letzter Woche am Black Friday, dem umsatzst\u00e4rksten Tag des Jahres, beteiligten sich Tausende von Lagerarbeitern an Streiks und Protesten in ganz Europa gegen die brutalen Arbeitsbedingungen bei Amazon. In Logistikzentren<!--more--> in Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich legten Besch\u00e4ftigte die Arbeit nieder, in Gro\u00dfbritannien veranstalteten sie Protestaktionen au\u00dferhalb der Arbeitszeit.<\/p>\n<p>Mehrere nationale Gewerkschaften beteiligten sich an den Protesten. Ihre Forderungen zielten haupts\u00e4chlich darauf ab, von Amazon anerkannt zu werden. Deshalb hatten die Proteste und Streiks nur symbolischen Charakter; die meisten von ihnen waren nur von geringem Ausma\u00df. Das wirkliche Ziel der Gewerkschaften ist es, von Amazon als \u201eSozialpartner\u201c anerkannt zu werden, d.h. als \u00dcberwacher der Belegschaft. Der Generalsekret\u00e4r der britischen Gewerkschaft GMB Tim Roache erkl\u00e4rte gegen\u00fcber dem\u00a0<em>Business Insider<\/em>: \u201eWir wollen nur, dass Amazon an den Verhandlungstisch kommt.\u201c<\/p>\n<p>Laut dem internationalen Gewerkschaftsbund UNI Global, der an der Koordinierung des Ausstands beteiligt war, haben in Europa etwa 2.400 Besch\u00e4ftigte an den Streiks teilgenommen, in anderen Berichten ist von viel h\u00f6heren Zahlen die Rede. Die meisten Teilnehmer entfielen auf Deutschland und Spanien, laut ver.di beteiligten sich 1.000 Amazon-Besch\u00e4ftigte, die spanischen Gewerkschaften sprachen von 1.600 Streikenden.<\/p>\n<p>Die GMB schilderte in dem Infomaterial, das sie bei Protesten au\u00dferhalb der Logistikzentren in Rugeley, Swansea, Peterborough, Milton Keynes und Warrington verteilte, \u201eganz einfach unmenschliche\u201c Arbeitsbedingungen. Laut Dokumenten, die unter Berufung auf die Informationsfreiheit angefordert wurden, mussten bis Juni dieses Jahres 600-mal Krankenwagen zu den vierzehn Amazon-Lagerh\u00e4usern in Gro\u00dfbritannien ausr\u00fccken. Alleine im Amazon-Lager bei Rugely mussten ganze 115-mal Krankenwagen gerufen werden, u.a. wegen Stromschl\u00e4gen, Blutungen, Brustschmerzen und schweren Traumata. Dreimal mussten Krankenwagen wegen Schwangerschaften oder Entbindungen gerufen werden.<\/p>\n<p>Eine Arbeiterin erkl\u00e4rte in einem anonym von der GMB ver\u00f6ffentlichten Interview: \u201eIch bin schwanger, und sie haben mich zehn Stunden lang ohne Sitzgelegenheit lassen&#8230; Sie lassen mich hart arbeiten, obwohl sie wissen, dass ich schwanger bin. Ich f\u00fchle mich deprimiert, wenn ich bei der Arbeit bin.\u201c Ein anderer Arbeiter bezeichnete Amazon als \u201eschrecklichen Arbeitsplatz\u201c, wo die Leute \u201enicht atmen oder ihre Meinung sagen k\u00f6nnen\u201c und sich f\u00fchlen wie \u201eein gefangenes Tier, das keine Unterst\u00fctzung und keinen Respekt bekommt.\u201c<\/p>\n<p>Roache erkl\u00e4rte gegen\u00fcber dem\u00a0<em>Business Insider<\/em>: \u201eSie brechen sich Knochen, brechen zusammen und werden im Krankenwagen weggebracht.\u201c Die GMB ver\u00f6ffentlichte ein Video an den Amazon-Chef Jeff Bezos, auf dem Besch\u00e4ftigte in f\u00fcnf Sprachen sagten: \u201eWir sind keine Roboter\u201c.<\/p>\n<p>Ein Sprecher von Amazon antwortete darauf: \u201eAlle unsere Niederlassungen sind sichere Arbeitsst\u00e4tten. Gegenteilige Berichte sind einfach nur falsch.\u201c<\/p>\n<p>Bei der Protestveranstaltung vor dem Lager in Warrington verteilten GMB-Funktion\u00e4re Flugbl\u00e4tter. Ein Arbeiter erkl\u00e4rte vor Schichtbeginn gegen\u00fcber Reportern der\u00a0<em>World Socialist Web Site<\/em>: \u201eIch bin aus Osteuropa und arbeite hier f\u00fcr 9,50 Pfund Stundenlohn. Hier arbeiten viele Einwanderer. Ich war bisher nur in Lagerh\u00e4usern besch\u00e4ftigt. Das ist die einzige Arbeit, die es gibt. Sie ist schwer. Man muss k\u00f6rperlich fit sein, um sie zu schaffen.\u201c<\/p>\n<p>Ein anderer Arbeiter erkl\u00e4rte, er werde das Flugblatt\u00a0<em>International Amazon Workers Voice<\/em>\u00a0lesen, und sagte: \u201eIch muss jetzt anfangen, aber eins habe ich zu sagen. Ich w\u00fcrde wirklich gern gegen Amazon protestieren. Wirklich gern.\u201c<\/p>\n<p>In Spanien wurde der vierundzwanzigst\u00fcndige Streik, zu dem die Gewerkschaft CCOO im Amazon-Lager in San Fernando de Henares bei Madrid aufgerufen hatte, am Samstag fortgesetzt. W\u00e4hrend des Weihnachts- und Neujahrsgesch\u00e4fts sind weitere Streiks am 7., 9., 15. und 30. Dezember sowie am 3. und 4. Januar geplant. In Spanien besch\u00e4ftigt Amazon etwa 2.000 Arbeiter. Die Berichte \u00fcber die Zahl der Teilnehmer widersprechen sich stark, doch laut der Gewerkschaft nahmen 80 Prozent der ersten Schicht teil, sodass die Arbeit zum Erliegen kam. Die CCOO erkl\u00e4rte, sie lehnt den neuen Tarifvertrag ab, der in Barcelona bereits umgesetzt wurde. Dort gab es keine Streiks, sodass Amazon die Arbeit verlagern und die Folgen des Streiks in Madrid gering halten konnte.<\/p>\n<p>In Frankreich riefen die Gewerkschaften CGT und SUD zu Protesten gegen den Black Friday und die mit solchen Sto\u00dfzeiten einhergehende extreme Ausbeutung der Arbeiter in dem Lager Lauwin-Planque in Lille auf.<\/p>\n<p>In Deutschland kam es von Beginn der Nachtschicht am Donnerstag bis Freitagabend zu Arbeitsniederlegungen in den Niederlassungen in Bad Hersfeld (Hessen), dem gr\u00f6\u00dften Lager des Unternehmens, und im nordrhein-westf\u00e4lischen Rheinberg. Diese waren Teil einer seit vier Jahren andauernden Kampagne von ver.di, ein Tarifabkommen f\u00fcr die etwa 12.000 Besch\u00e4ftigten in Deutschland auszuhandeln, das eine Bezahlung nach den h\u00f6heren Verg\u00fctungss\u00e4tzen im Einzelhandel und bei der Post vorsieht.<\/p>\n<p>Ein Amazon-Versandarbeiter aus Leipzig, der anonym bleiben wollte, erkl\u00e4rte gegen\u00fcber der WSWS das Dilemma seiner Kollegen: \u201eAlle kritisieren die schlechten Arbeitsbedingungen und die niedrigen L\u00f6hne, und die meisten w\u00fcrden gern mitstreiken. Aber sie haben Angst, dass Amazon sie hinauswirft.\u201c<\/p>\n<p>\u201eVor allem sind die Kollegen v\u00f6llig entt\u00e4uscht von ver.di. Niemand glaubt, dass die Gewerkschaften irgendetwas erreichen oder einen ernsthaften Kampf organisieren werden.\u201c<\/p>\n<p>Weiter sagte er: \u201eDie Gewerkschaft gibt immer den Arbeitern die Schuld. Ich gebe der Gewerkschaft die Schuld. Es wird in Bad Hersfeld und Rheinberg gestreikt, aber in Leipzig merkt man davon gar nichts! Und in Polen, in Breslau, gleich um die Ecke, sollen die Arbeitsbedingungen sogar noch schlimmer sein. Also, warum wird nicht mit den Kollegen dort gemeinsam gestreikt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie Regelungen zu den Pausen sind eine absolute Frechheit. Ich arbeite bei Amazon insgesamt 8,5 Stunden, bezahlt werden aber nur 7,75 Stunden. Der Rest ist unbezahlte Pausenzeit, eine davon 20 Minuten, die andere 25 Minuten. Amazon betrachtet den Gang zu den Pausenr\u00e4umen aber schon als Pause. Unterm Strich hast du also eine Pause von 10 Minuten, weil du ja auch wieder 5 Minuten f\u00fcr den Weg zur\u00fcck brauchst!\u201c<\/p>\n<p>Er erkl\u00e4rte, die Besch\u00e4ftigten werden \u201est\u00e4ndig mit Scannern und elektronischen Ger\u00e4ten \u00fcberwacht, damit das Management genau wei\u00df, wer was und wie lange macht\u201c. Das Unternehmen \u201ezeichnet jeden Schritt auf, sogar wenn man zu oft auf die Toilette geht\u201c.<\/p>\n<p>Weiter erz\u00e4hlte er: \u201eDas Management versucht, die Arbeiter hier systematisch auszuquetschen und sie zu immer schnellerer Arbeit anzuhalten. \u201eBei Amazon gibt es Bonuswochen. Das hei\u00dft, dass du extra Geld bekommst, also mal 20 pro Tag mehr, wenn du eine ganze Woche durchweg auf Arbeit erscheinst. Bist du krank oder kommst du auch nur eine Minute zu sp\u00e4t, ist der Bonus f\u00fcr den Tag oder die Woche komplett weg. Wenn du das Geld brauchst, gehst du dann eben auch krank hin. Bei einer Weiterbildung zum sogenannten \u201aergonomischen Bewegen\u2018, beschwerte sich eine Kollegin v\u00f6llig zu Recht \u00fcber das Pr\u00e4sentationsvideo. Zu sehen waren Arbeiter, die bestimmte Bewegungen ausf\u00fchrten, damit sie zum Beispiel ihren R\u00fccken schonen. Sie meinte, das sei ja alles sch\u00f6n und gut, aber v\u00f6llig realit\u00e4tsfern. Niemand hat die Zeit, sich so langsam zu bewegen. In der letzten Rush Hour w\u00e4re ihr beinahe ein Gabelstapler \u00fcber die F\u00fc\u00dfe gefahren.\u201c<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2018\/11\/26\/amaz-n26.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 27. November 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende letzter Woche am Black Friday, dem umsatzst\u00e4rksten Tag des Jahres, beteiligten sich Tausende von Lagerarbeitern an Streiks und Protesten in ganz Europa gegen die brutalen Arbeitsbedingungen bei Amazon. 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