{"id":4499,"date":"2018-11-28T17:17:31","date_gmt":"2018-11-28T15:17:31","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4499"},"modified":"2018-11-28T17:17:31","modified_gmt":"2018-11-28T15:17:31","slug":"novemberrevolution-was-fehlte-war-die-revolutionaere-partei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4499","title":{"rendered":"Novemberrevolution: Was fehlte, war die revolution\u00e4re Partei"},"content":{"rendered":"<p><em>Wladek Flakin.<\/em> <strong>Die Sozialdemokratie und das Milit\u00e4r bereiteten sich auf die Niederschlagung der Revolution der Arbeiter*innenklasse vor, doch diese hatte keine revolution\u00e4re Partei, um<!--more--> sie zum Sozialismus zu f\u00fchren. Welche Lektionen k\u00f6nnen aus dieser blutigen Niederlage gezogen werden?<\/strong><\/p>\n<p>Am 4. Januar 1919 feuerte die SPD den Berliner Polizeipr\u00e4sidenten Emil Eichhorn. Er war genau genommen kein Polizist, sondern ein Journalist der USPD, der am Tag des Aufstands eine Gruppe von Arbeiter*innen zum Polizeihauptquartier angef\u00fchrt hatte. Sie hatten die \u201eRote Festung\u201c am Alexanderplatz ohne Kampf eingenommen, nachdem die Polizisten geflohen waren. Zwei Monate lang hatte Eichhorn seine eigene improvisierte sozialistische Polizei organisiert. Seinen Rauswurf lehnte er ab: \u201eIch habe mein Amt von der Revolution empfangen, und ich werde es nur der Revolution zuru\u0308ckgeben!\u201c<\/p>\n<p>Die USPD, die KPD und besonders die Revolution\u00e4ren Obleute riefen zu einem Generalstreik auf, um Eichhorn zu verteidigen. Die Massen sahen diesen revolution\u00e4ren Polizeichef, der begonnen hatte, den Apparat der Verfolgung und Repression gegen die Arbeiter*innen zu demontieren und eigene freiwillige sozialistische Kr\u00e4fte aufzubauen, als die letzte \u00fcbriggebliebene Errungenschaft des Aufstands im November. Und so str\u00f6mten sie auf die Stra\u00dfen, um ihn zu verteidigen. Am 5. Januar streikten eine halbe Million Arbeiter*innen, trotz der bitteren K\u00e4lte. Die Streikf\u00fchrer*innen waren \u00fcberw\u00e4ltigt \u2013 sie hatten viel mehr Unterst\u00fctzung, als sie erwartet hatten. Am selben Tag hatte Ebert seine Unterst\u00fctzer*innen zu einer Gegendemonstration vor der Reichskanzlei aufgerufen \u2013 nur ein paar tausend niedrige Offiziere und Studierende tauchten auf.<\/p>\n<p>Das Streikkomitee, das sich in der Roten Festung verschanzt hatte, setzte ein neues Ziel f\u00fcr den Streik fest. Es ging nicht l\u00e4nger nur um Eichhorn: Sie konstituierten sich als Revolutionsausschuss mit 53 Mitgliedern \u2013 angef\u00fchrt von einem Triumvirat aus Liebknecht (KPD), Georg Ledebour (USPD) und Paul Scholze (Obleute) \u2013 und dekretierten die Absetzung der Ebert-Regierung und die \u00dcbernahme der Macht in ihre H\u00e4nde. D.h. sie erkl\u00e4rten sie als eine vollzogene Tatsache, bevor sie in der Praxis durchgesetzt war. Am folgenden Tag wuchs der Streik auf bis zu eine Million Streikende an, um sie zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Der Revolutionsausschuss besa\u00df eine \u00fcberw\u00e4ltigende Unterst\u00fctzung der Massen, jedoch nur wenige Mittel, um Macht auszu\u00fcben. Sie sandten Soldaten, um die wichtigsten Bahnh\u00f6fe zu besetzen, w\u00e4hrend Arbeiter*innen mehrere Zeitungsgeb\u00e4ude besetzten, besonders den\u00a0<em>Vorw\u00e4rts<\/em>. Das waren jedoch Ausnahmen. 200 Matrosen wurden ausgesandt, um das Kriegsministerium zu besetzen. Ihr Anf\u00fchrer besa\u00df schriftliche Anweisungen von Liebknecht, Ledebour und Scholze. Er pr\u00e4sentierte sie dem T\u00fcrsteher, der jedoch anmerkte, dass der Befehl zwar unterzeichnet war, jedoch keinen Stempel besa\u00df. Die Matrosen, verwirrt von Illusionen formeller Macht, drehten um, um bessere Befehle zu erhalten \u2013 und verschwanden in den Massen. Das Ministerium wurde nie besetzt.<\/p>\n<p>Die arbeitenden Massen standen einen ganzen Tag in der K\u00e4lte, und dann einen zweiten, und warteten auf klare Handlungsanweisungen. Der Revolutionsausschuss, der sich in endlosen Debatten in seinem Hauptquartier verzettelte, bot ihnen keine F\u00fchrung. Am dritten und vierten Tag begann die Streikfront zu br\u00f6ckeln \u2013 da die Arbeiter*innen gr\u00f6\u00dftenteils von der Hand in den Mund lebten, mussten sie zur\u00fcck zur Arbeit gehen. Der Revolutionsausschuss versuchte, mit der Ebert-Regierung in Verhandlung zu treten \u2013 die sie doch angeblich abgesetzt hatten!<\/p>\n<p>Die KPD spielte eine widerspr\u00fcchliche Rolle in diesem schlecht geplanten und verfr\u00fchten Aufstand. Liebknecht und Wilhelm Pieck von der KPD-Zentrale (also der Parteif\u00fchrung) waren Teil des Revolutionsausschusses. Doch Radek riet nachdr\u00fccklich dagegen, die Regierung zu jenem Zeitpunkt zu st\u00fcrzen. Er rief zu einem geordneten R\u00fcckzug, wie ihn die Bolschewiki nach den Julitagen in Petrograd organisiert hatten. Stattdessen schlug er ein Aktionsprogramm vor: neue Wahlen zu den R\u00e4ten, die Bewaffnung der Arbeiter*innen und die Schaffung von Arbeiter*innenmilizen, um einer verfr\u00fchten Konfrontation auszuweichen und die n\u00e4chste Offensive vorzubereiten. Luxemburgs Position in diesen kritischen Tagen war zun\u00e4chst, den Aufstand als verfr\u00fcht abzulehnen, bevor sie einige Tage sp\u00e4ter die Meinung \u00e4nderte und ihn unterst\u00fctzte. B\u00fcrgerliche Historiker*innen bezeichnen die Januaraufst\u00e4nde h\u00e4ufig als \u201eSpartakusaufstand\u201c, obwohl es in Wirklichkeit nicht so war.<\/p>\n<p>Eberts und Noskes Verhandlungen mit den scheiternden Aufst\u00e4ndischen waren reine Show. In Wirklichkeit hatten sie die gesamte Woche damit verbracht, tausende Freikorps-Soldaten um Berlin zu sammeln. Als der Streik zusammenbrach, betrat die Konterrevolution die Stadt.<\/p>\n<p><strong>Niederschlagung<\/strong><\/p>\n<p>Die Freikorps zogen marodierend durch Berlin und betraten einen Arbeiter*innenbezirk nach dem anderen. Die K\u00e4mpfe konzentrierten sich bald im Zeitungsquartier, besonders rund um das\u00a0<em>Vorw\u00e4rts<\/em>-Geb\u00e4ude. Etwa 200 Arbeiter*innen hielten das Geb\u00e4ude besetzt und publizierten seit einer Woche den \u201eRoten Vorw\u00e4rts\u201c. Am 11. Januar waren sie von konterrevolution\u00e4ren Truppen mit Artillerie, Granatenwerfern, Flammenwerfern und sogar einem Panzer umzingelt. Das stolze Geb\u00e4ude, errichtet mit Jahrzehnten von Spenden von Berliner Arbeiter*innen, wurde durch den Beschuss schwer besch\u00e4digt. Die Besetzer*innen sandten eine siebenk\u00f6pfige Delegation mit wei\u00dfer Flagge aus, um die Kapitulation zu verhandeln \u2013 alle wurden zu einer anliegenden Milit\u00e4rkaserne gebracht und zu Tode gepr\u00fcgelt. Die anderen 200 gaben kurz danach auf und entkamen nur aus reinem Gl\u00fcck dem Massenmord.<\/p>\n<p>Luxemburg und Liebknecht mussten sich schlie\u00dflich verstecken, zuerst im proletarischen Bezirk Neuk\u00f6lln, dann im b\u00fcrgerlicheren Charlottenburg. Eine konterrevolution\u00e4re Patrouille entdeckte sie in der Wohnung eines Freundes. Sie wurden verhaftet und zum Freikorps-Hauptquartier im Hotel Eden gegen\u00fcber dem Zoo gebracht. Ein befehlshabender Offizier, Waldemar Pabst, war unsicher, was genau mit diesen zwei ber\u00fchmten Gefangenen geschehen sollte. Er rief das Reichskanzleramt an und erreichte Noske \u2013 Ebert war im selben Raum und folgte dem Gespr\u00e4ch. Pabst wollte nicht die Verantwortung f\u00fcr eine Exekution \u00fcbernehmen. Noske verweigerte ebenfalls, die Verantwortung zu \u00fcbernehmen, da er f\u00fcrchtete, dass das die SPD spalten k\u00f6nnte. Der Bluthund sagte schlie\u00dflich zu Pabst, er m\u00fcsse selbst verantworten was zu tun sei.<\/p>\n<p>Nach diesem impliziten Befehl ermordeten die Freikorps Luxemburg und Liebknecht. Rosa wurde au\u00dferhalb des Hotels zu Tode gepr\u00fcgelt, Karl wurde in einen naheliegenden Park gefahren und dort erschossen. Die M\u00f6rder behaupteten, dass sie von einem Mob weggezerrt worden w\u00e4re, w\u00e4hrend er \u201ebei einem Fluchtversuch\u201c erschossen worden w\u00e4re. Jogiches und andere Kommunist*innen rekonstruierten den genauen Hergang des Verbrechens in den Folgewochen.<\/p>\n<p>Die Zerschlagung des Berliner Aufstands bedeutete nicht das Ende der Deutschen Revolution. Massenk\u00e4mpfe gingen im ganzen Jahr 1919 weiter: im Ruhrgebiet, in Mitteldeutschland, in Berlin. Es gab kurzlebige R\u00e4terepubliken in Bremen und M\u00fcnchen. Die Freikorps und die SPD konnten jede dieser Bewegungen einzeln niederschlagen. Allein im M\u00e4rz 1919 in Berlin massakrierten sie mindestens 1.200 Arbeiter*innen.<\/p>\n<p>1920 hatten die rechten Paramilit\u00e4rs entschieden, dass die Arbeiter*innenbewegung v\u00f6llig zerschlagen worden sei \u2013 und sie deshalb keine Allianz mit der SPD mehr brauchten. Der Kapp-Ludendorff-Putsch war ihr Versuch, Ebert loszuwerden und selbst die Macht zu \u00fcbernehmen. Sie eroberten Berlin ohne Widerstand, w\u00e4hrend die alte Regierung erst nach Leipzig und dann nach Stuttgart floh \u2013 unf\u00e4hig, Truppen zu finden, die sie verteidigen wollten. Verzweifelt riefen Ebert und Co. einen Generalstreik aus \u2013 den ersten und einzigen nationalen Generalstreik in der deutschen Geschichte. Millionen Arbeiter*innen folgten dem Aufruf. Die Putschregierung, abgeschnitten von Z\u00fcgen und Telegraphen, kollabierte nach nur drei Tagen.<\/p>\n<p>Die SPD-Regierung, die durch den Streik gerettet wurde, beschloss umgehend eine Amnestie f\u00fcr alle Putschbeteiligten. Direkt am n\u00e4chsten Tag metzelte die erneuerte SPD-Freikorps-Allianz Arbeiter*innen der Roten Ruhrarmee nieder, die gerade erst den Putsch zur\u00fcckgeschlagen hatten. K\u00e4mpfe wie diese durchzogen Deutschland bis 1923. Es gab nie eine offizielle Z\u00e4hlung der Toten. Kommunistische Quellen aus der Zeit sch\u00e4tzen, dass die SPD-Regierung im Deutschen B\u00fcrger*innenkrieg 1919-20 etwa 15.000 Arbeiter*innen ermordet hat.<\/p>\n<p>Die Sozialdemokratie behauptete, dass sie sowohl den Frieden als auch die Vergesellschaftung der Produktionsmittel herbeif\u00fchren w\u00fcrde, solange sie die Radikalen in Schach halten k\u00f6nnte. Sie plakatierten in Berlin: \u201eDie Sozialisierung marschiert!\u201c Aber vor diesen Plakaten schossen rechte Paramilit\u00e4rs auf Arbeiter*innen. Eine Partei, die 43 Jahre zuvor gegr\u00fcndet wurde, um den Kapitalismus zu zerschlagen, war nun zum wichtigsten Bollwerk der kapitalistischen Herrschaft geworden.<\/p>\n<p><strong>Die Parteifrage<\/strong><\/p>\n<p>Lenin erkl\u00e4rte einmal, dass die bolschewistische Partei durch \u201eeine f\u00fcnfzehnj\u00e4hrige (1903-1917) praktische Geschichte [\u2026], die an Reichtum der Erfahrung nicht ihresgleichen kennt\u201c, gest\u00e4hlt wurde. Sie lernte aus \u201erapidem und mannigfaltigem Wechsel der verschiedenen Formen der Bewegung: der legalen und illegalen, der friedlichen und st\u00fcrmischen, der unterirdischen und offenen, der Zirkelarbeit und der Massenarbeit, der parlamentarischen und der terroristischen Form der Bewegung.\u201c<\/p>\n<p>Revolution\u00e4re Sozialist*innen im Deutschen Reich im Gegensatz dazu hatten von 1890 bis 1914 nichts als beschr\u00e4nkte Legalit\u00e4t erlebt. Bei jeder offiziellen sozialistischen Versammlung war ein Polizist, der alles niederschrieb, was gesagt wurde, und das Treffen aufl\u00f6ste, wenn er der Meinung war, dass die Redner*innen gegen Gesetze versto\u00dfen h\u00e4tten. Sozialistische Agitator*innen lernten, ihre Forderungen in diesem gesetzlichen Rahmen zu formulieren.<\/p>\n<p>In der Vorkriegs-SPD f\u00fchrten Revolution\u00e4r*innen wie Rosa Luxemburg mehrere K\u00e4mpfe, darunter den Kampf gegen den Revisionismus \u2013 im Block mit Kautsky und anderen \u2013; den Kampf gegen die vorgebliche \u201eNeutralit\u00e4t\u201c der Gewerkschaften, die die neue B\u00fcrokratie durchsetzen wollte, genauso wie der Versuch der letzteren, einen Sonderstatus in der Partei zu erlangen, um gegen die Resolutionen der Parteikongresse ein Veto einlegen zu k\u00f6nnen; sp\u00e4ter, ab 1910 \u2013 und diesmal gegen den ehemaligen Verb\u00fcndeten Kautsky \u2013 gegen die sogenannte \u201eErmattungsstrategie\u201c, die auf ausgekl\u00fcgelte Weise die Preisgabe revolution\u00e4rer Methoden rechtfertigen sollte. Aber als der linke Fl\u00fcgel nach und nach durch b\u00fcrokratische Man\u00f6ver an den Rand der Partei gedr\u00e4ngt wurde, organisierten sie keine eigenen fraktionellen Strukturen. Ende 1913 versuchten Luxemburg, Mehring und Karski eine Publikation zu etablieren, die\u00a0<em>Sozialdemokratische Korrespondenz<\/em>, aber das reichte nicht aus. Als der Krieg ausbrach, konnten sie nichts weiter tun als 300 Telegramme auszusenden, um andere Kriegsgegner*innen zu finden, und sie bekamen nur wenige Antworten. Sie mussten ihre illegale Organisation aus dem Nichts aufbauen. Obwohl Pol*innen wie Luxemburg, Jogiches und Karski eine ausgedehnte Erfahrung mit konspirativer Arbeit unter dem Zarismus hatten, wurde diese in Deutschland kaum angewandt.<\/p>\n<p>Das Fundamentale ist, dass sie sich nach dem Verrat der SPD-F\u00fchrung zu Beginn des Ersten Weltkrieges nicht vornahmen, eine wirklich revolution\u00e4re Partei zu gr\u00fcnden. Wie Lenin erkl\u00e4rte, kann die Bourgeoisie im Imperialismus nicht allein regieren \u2013 sie muss die h\u00f6chsten Schichten der Arbeiter*innenbewegung korrumpieren: die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie und die Arbeiter*innenaristokratie. So verwandelten sich reformistische Organisationen wie die SPD in eine Art kapitalistische Polizei innerhalb der Arbeiter*innenbewegung. Wie die normale Polizei muss sie bereit sein, Morde zu begehen, wenn die herrschende Klasse gef\u00e4hrdet ist. Das machte in der Hitze des B\u00fcrger*innenkriegs die Allianz der SPD mit den Freikorps unumg\u00e4nglich.<\/p>\n<p>Auch nach der Gr\u00fcndung ihrer eigenen revolution\u00e4ren Organisation hofften die Spartakist*innen auf eine revolution\u00e4re Neugr\u00fcndung der alten Sozialdemokratie, anstatt zur Gr\u00fcndung einer neuen Partei und einer neuen Internationale aufzurufen, die vom Reformismus ges\u00e4ubert w\u00e4re. Deshalb traten sie selbst 1917 noch der USPD bei, als sie gegr\u00fcndet wurde. Diese Vermischung der politischen Banner mit Sektoren, die sich einem revolution\u00e4ren Programm und einer revolution\u00e4ren Strategie entgegenstellten, wie Haase und Kautsky, die sich geweigert hatten, sich dem Krieg entgegenzustellen, war ein historischer Fehler, der die Arbeiter*innenklasse nur verwirren konnte. Hier gibt es ein Paradox: Rosa f\u00fchrte den Kampf gegen die reformistische Wende der Sozialdemokratie an, in der das revolution\u00e4re Programm und die marxistische Strategie revidiert wurde; dennoch zog sie nicht dieselben Schlussfolgerungen aus diesen K\u00e4mpfen, die Lenin in Bezug auf den Aufbau einer revolution\u00e4ren Partei ziehen konnte. Eine revolution\u00e4re F\u00fchrung kann nicht improvisiert werden; sie muss sich im direkten Kampf der Strategien zwischen verschiedenen Schichten und Tendenzen der Arbeiter*innenklasse formen und Kader ausbilden, die \u201esich den Zusammenbruch der alten f\u00fchrenden Partei zunutze zu machen\u201c k\u00f6nnen, wie Trotzki in \u201eKlasse, Partei und F\u00fchrung\u201c synthetisierte. Wenn Luxemburg w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs und zu Beginn der Revolution nicht organisatorisch mit den Reformist*innen und Zentrist*innen gebrochen hatte, warum sollten es dann die Arbeiter*innen an der Basis tun?<\/p>\n<p>Franz Mehring verteidigte in einem Brief an die Bolschewiki von 1918 die spartakistische Tradition, aber f\u00fcgte folgendes hinzu: \u201eNur in einem haben wir uns get\u00e4uscht: n\u00e4mlich, als wir uns nach der Gr\u00fcndung der unabh\u00e4ngigen Partei \u2013 selbstverst\u00e4ndlich unter Wahrung unseres selbstst\u00e4ndigen Standpunktes \u2013 ihr organisatorisch anschlossen, in der Hoffnung, sie vorw\u00e4rts treiben zu k\u00f6nnen. Diese Hoffnung haben wir aufgeben m\u00fcssen. Alle Anl\u00e4ufe dieser Art scheiterten daran, da\u00df unsere besten und erprobtesten Leute von F\u00fchrern der Unabh\u00e4ngigen als Lockspitzel verd\u00e4chtigt wurden, was auch ein liebes Erbteil der \u201aalten bew\u00e4hrten Taktik\u2018 ist.\u201c<\/p>\n<p>Um Leo Trotzki zu paraphrasieren: Den deutschen Arbeiter*innen fehlten weder Waffen noch Organisationen, um die sozialistische Revolution zu vollenden. Was ihnen fehlte, war eine revolution\u00e4re Partei. Es w\u00e4re eine v\u00f6llige \u00dcbertreibung, zu sagen, dass Luxemburg eine \u201eSpontaneit\u00e4tstheorie\u201c vertreten h\u00e4tte und geglaubt h\u00e4tte, dass die Arbeiter*innen die Revolution ohne jede politische F\u00fchrung vollenden k\u00f6nnten. Jedoch blieb sie \u00fcberzeugt, dass die Arbeiter*innen, nachdem die reformistischen Anf\u00fchrer*innen sie verraten hatten, in der Hitze des Gefechts eine neue F\u00fchrung hervorbringen w\u00fcrden. Der Versuch, die KPD zu gr\u00fcnden, als die Revolution schon l\u00e4ngst im vollen Gang war, kam zu sp\u00e4t. Luxemburg und ihre Genoss*innen h\u00e4tten mehr Zeit gebraucht, um ein Programm zu festigen und die n\u00f6tigen Kader auszubilden, um ihm Leben zu verleihen.<\/p>\n<p>Paul Levi \u2013 Luxemburgs Anwalt, der nach ihrem Mord an die Spitze der KPD trat \u2013, \u201esagte im Jahr 1920, dass der Hauptfehler der deutschen Revolution\u00e4re ihre Weigerung vor 1914 war, sich auf politischer Ebene unabh\u00e4ngig zu organisieren, selbst wenn die so geschaffene Organisation als eine Sekte existiert h\u00e4tte.\u201c (Pierre Broue)<\/p>\n<p>Etwa 20 Jahre sp\u00e4ter erkl\u00e4rte der deutsche Trotzkist Walter Held: \u201eW\u00e4hrend Lenins politische Konzeption ihre h\u00f6chste Best\u00e4tigung im planm\u00e4\u00dfig ausgef\u00fchrten Oktoberaufstand fand, erlitt Rosas Konzeption im Januar 1919 einen schrecklichen Schiffbruch. Die deutsche Linke zeigte uns, neben einer Reihe bemerkenswerter Charaktere und M\u00e4rtyer f\u00fcr die Sache, nur die bitteren Lektionen einer erneuten Niederlage.\u201c<\/p>\n<p><strong>Schlussfolgerungen<\/strong><\/p>\n<p>Der gescheiterte Aufstand in Berlin Anfang 1919 zeigt die Dialektik der Geschichte. Jahrzehntelang hatte die Arbeiter*innenklasse in Deutschland daran gearbeitet, Strukturen f\u00fcr ihre Befreiung aufzubauen: Zeitungen, Gewerkschaften, Vereine jeglicher Art, und ihre eigene politische Partei mit einer starken Vertretung im Parlament. Doch ohne eine klare Strategie f\u00fcr die Eroberung der Macht durch revolution\u00e4ren Kampf und in der Hoffnung auf einen langsamen \u00dcbergang zum Sozialismus verwandelten sich diese Werkzeuge zur Befreiung schlie\u00dflich in Waffen gegen die Arbeiter*innen. Es waren die sozialdemokratischen Strukturen, die auf den Entbehrungen von Generationen von Arbeiter*innen aufgebaut worden waren, die den Kapitalismus vor der revolution\u00e4ren Welle 1918\/19 retteten.<\/p>\n<p>Die Deutsche Revolution zeigt, dass jede proletarische Revolution Strukturen der Selbstorganisation wie R\u00e4te aufbauen wird. Diese Strukturen, ob sie R\u00e4te oder Sowjets oder anders hei\u00dfen, sind notwendig, um die Machtfrage zu stellen. Doch die Bildung von R\u00e4ten in ganz Deutschland war nicht ausreichend, um die Macht der Arbeiter*innenklasse zu sichern. Eine revolution\u00e4re Partei, die innerhalb dieser Organe der Selbstorganisation arbeitet, ist notwendig, damit die Mehrheit der Arbeiter*innenklasse der Bourgeoisie und ihren Handlanger*innen entscheidende Schl\u00e4ge zuf\u00fcgen kann. R\u00e4te, die von Reformist*innen angef\u00fchrt wurden, waren schlimmer als nutzlos.<\/p>\n<p>Es gab in absoluten Zahlen nicht viele Freikorps in Deutschland. Doch sie hatten den entscheidenden Vorteil, dass sie zentral organisiert waren. Sie konnten sich von einer Stadt in die n\u00e4chste bewegen und die revolution\u00e4re Bewegung \u00fcberall dort niederschlagen, wo sie ihren Kopf hob. Die Arbeiter*innen im Gegensatz dazu mussten sich mit den mageren Ressourcen begn\u00fcgen, die sie jeweils lokal zur Verf\u00fcgung hatten. Viele Arbeiter*innen, die von der USPD beeinflusst waren, glaubten, dass es m\u00f6glich w\u00e4re, ein System aufzubauen, welches die R\u00e4te mit einem Parlament vers\u00f6hnen k\u00f6nnte. So waren sie bereit, mit der SPD-Regierung und ihren rechten Paramilit\u00e4rs zu verhandeln \u2013 w\u00e4hrend diese keinerlei Illusionen in m\u00f6gliche Kompromisse besa\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Revolution w\u00fcrde 1921 einen erneuten verfr\u00fchten Kampf beginnen, und 1923 erneut offen aufsteigen und erneut niedergeschlagen werden. Als Resultat der Niederlagen dieser K\u00e4mpfe, sowie als Ergebnis nicht gef\u00fchrter Schlachten (diesmal schon mit der Rolle des Stalinismus) in den letzten Tagen der Weimarer Republik, konnten die Nazis triumphieren. In ihrer eigenen negativen Weise bewiesen die Sozialdemokrat*innen, dass Luxemburg Recht hatte: \u201eSozialismus oder Barbarei\u201c. Die Sozialdemokratie rettete Deutschland vor dem \u201eBolschewismus\u201c, aber nur, indem sie das Land der Barbarei auslieferte.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/novemberrevolution-was-fehlte-war-die-revolutionaere-partei\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 28. November 2018<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wladek Flakin. 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