{"id":4520,"date":"2018-11-29T17:38:39","date_gmt":"2018-11-29T15:38:39","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4520"},"modified":"2018-11-29T17:38:39","modified_gmt":"2018-11-29T15:38:39","slug":"am-vorabend-des-landesstreiks-die-bankiers-in-noeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4520","title":{"rendered":"Am Vorabend des Landesstreiks: Die Bankiers in N\u00f6ten"},"content":{"rendered":"<p><em>Mario K\u00f6nig. <\/em><strong>So \u00fcberraschend traf die milit\u00e4rische Besetzung Z\u00fcrichs die Arbeiter, dass viele an eine gezielte Provokation glaubten. Das Protokoll einer Bankierssitzung gibt Auskunft.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Das seien \u00abnicht gewollte, sondern durch Regie aufoktroyierte Bewegungen\u00bb gewesen, befand der kluge Aussenseiter Fritz Brupbacher in seinem Tagebuch, nachdem der Truppeneinzug in Z\u00fcrich den landesweiten Proteststreik ausgel\u00f6st hatte. Und der (sehr gem\u00e4ssigte) Sozialdemokrat und Stadtpr\u00e4sident von Biel, Gustav M\u00fcller, meinte im milit\u00e4rgerichtlichen Prozess, dem man im Fr\u00fchjahr 1919 die Streikf\u00fchrer unterwarf, \u00abdass die Provokation zwar nicht vom Bundesrat, aber ganz zweifellos vom Generalstab gewollt war, und zwar in einer Art, die psychologisch ganz richtig ist. Der Generalstab hat sich gesagt: Wenn wir ein derartiges Truppenaufgebot erlassen, haben wir den Generalstreik ganz sicher. Dann m\u00fcssen wir ein noch gr\u00f6sseres Truppenaufgebot haben, damit wir das Vaterland retten k\u00f6nnen. Und wir werden das Vaterland auf diese Weise retten.\u00bb<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hatte die Milit\u00e4rclique um General Ulrich Wille seit Monaten auf pr\u00e4ventiv begr\u00fcndete milit\u00e4rische Massnahmen gedr\u00e4ngt. Gr\u00f6sste Beunruhigung weckte hier die Vorstellung, unvorbereitet mit einem Generalstreik konfrontiert zu werden. Der Gegenseite traute man alles zu, den Arbeiterf\u00fchrern unterstellte man ph\u00e4nomenales organisatorisches Geschick und unbegrenzte Macht \u00fcber eine h\u00f6rige Gefolgschaft, die sich auf einen Wink in Bewegung setzen k\u00f6nnte. Das war zwar haneb\u00fcchener Unsinn, illustriert aber trefflich, in welchem Ausmass sich die Milit\u00e4rk\u00f6pfe von der sozialen Realit\u00e4t des Landes isoliert hatten. Dort herrschte bittere Not, doch von umsturzbereiten Massen oder einer zum Handeln entschlossenen F\u00fchrung konnte keine Rede sein. Zun\u00e4chst \u00fcberwog denn auch die Abneigung der politischen Beh\u00f6rden, zum Pr\u00e4ventivschlag zu greifen. Der General kam zu seinem Verdruss nicht zum ersehnten Einsatz gegen den \u00abgrossst\u00e4dtischen P\u00f6bel\u00bb, dessen Bild die Arbeitgeberpresse hysterisch beschwor.<\/p>\n<p><strong>Der Streik der Bankangestellten<\/strong><\/p>\n<p>Der Oktober 1918 brachte die Wende \u2013 pl\u00f6tzlich sahen sich die Generalst\u00e4bler von einer aufgeregt nach milit\u00e4rischer Existenzgarantie rufenden Gruppierung \u00fcberholt. Am 30. September waren in Z\u00fcrich die Bankangestellten in den Streik getreten, und am Nachmittag des 1. Oktober l\u00f6ste die Arbeiterunion einen unterst\u00fctzenden lokalen Generalstreik aus. Die Z\u00fcrcher Banken mussten bedingungslos kapitulieren, obwohl Direktor Hermann Kurz von der Kreditanstalt beharrlich den Einsatz staatlicher Machtmittel verlangte: Die arbeitswillige Mehrheit \u2013 so insistierte er \u2013 werde von einer gewaltt\u00e4tigen Minderheit und den zur Verst\u00e4rkung aufger\u00fcckten Streikposten der Arbeiterunion drangsaliert. Mit dem Personalverband verhandeln wollte er aber um keinen Preis; eben die rigorose Missachtung des Koalitionsrechts durch die Unternehmer hatte ja dazu gef\u00fchrt, dass selbst den br\u00e4vsten aller Arbeitnehmer der Geduldsfaden gerissen war.<\/p>\n<p>Regierungspr\u00e4sident Gustav Keller, zur Vermittlung eingeschaltet, hielt den Bankiers denn auch k\u00fchl entgegen, dass die Verweigerung von Verhandlungen rechtlich kaum haltbar und die verf\u00fcgbaren Polizeikr\u00e4fte ohnehin zu schwach seien. Ein Milit\u00e4raufgebot aber, daran liess er keinen Zweifel, w\u00fcrde den lokalen Generalstreik unbedingt provozieren. In dieser Auseinandersetzung w\u00e4ren die Arbeiterorganisationen nicht isoliert dagestanden. \u00abEs ist Tatsache, dass in der Streik-Angelegenheit die Sympathien des Publikums v\u00f6llig auf Seiten des Personals gestanden haben\u00bb, meldeten \u2013 intern \u2013 selbst die Bankleiter.<\/p>\n<p>Der Z\u00fcrcher Bankenstreik l\u00f6ste eine Lawine aus. Vor und hinter den Kulissen agitierten Banken, sonstige Arbeitgeber und ihnen nahe stehende Kreise gegen den verwerflichen \u00abAnschlag auf den Rechtsstaat\u00bb, der da in Z\u00fcrich stattgefunden hatte. \u00abDieses widerliche Schauspiel, das in der Sozialpolitik ein bisher noch nie dagewesenes Novum darstellt\u00bb, hiess es in den Spalten der NZZ, wo am 20. Oktober Fritz Fleiner zum Gegenschlag ausholte. Fleiner, ein bedeutender schweizerischer Staatsrechtler dieses Jahrhunderts, war ein kluger Kopf, der schon manchen durchaus kritischen Gedanken zur schweizerischen Verfassungspraxis vorgetragen hatte. Aber er war auch Verwaltungsrat der Kreditanstalt, der er keineswegs \u00fcber die juristische Natur des Koalitionsrechts Vorlesung zu halten gedachte \u2013 ein Dr. Jekyll und Mister Hyde. Seit 1915 Professor an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich, geh\u00f6rte Fleiner zum innersten b\u00fcrgerlichen Machtkreis. In Z\u00fcrich war sein fr\u00fch verstorbener Bruder, Albert Fleiner, einst Chef der NZZ gewesen \u2013 und nebenbei bemerkt ein alter Studienfreund von Hermann Kurz, des Bankgewaltigen der Kreditanstalt. Fritz Fleiner zog alle Register. In den ersten Novembertagen ging dem Bundespr\u00e4sidenten seine Warnung zu, dass die \u00abGeneralprobe\u00bb des Z\u00fcrcher Generalstreiks jederzeit wiederholt werden k\u00f6nnte. Die Besetzung von Bahnhof, Post und Telegraf sei schon fix und fertig geplant gewesen, \u00abum das Ausladen von Truppen zu verhindern\u00bb. Bei n\u00e4chster Gelegenheit werde \u00abder Plan ins Werk gesetzt und die Stadt Z\u00fcrich, von der \u00fcbrigen Schweiz abgeschnitten, \u2013 der Schauplatz eines bolschewistischen Handstreichs werden\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Deutscht\u00fcmler vor der Revolution<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcrchtete diese grossb\u00fcrgerliche Gruppe wahrhaftig die Revolution in der Schweiz? Vielleicht schon \u2013 ein bisschen \u2013, was man aber mindestens so sehr f\u00fcrchtete, war die \u00fcberf\u00e4llige Sozialreform. In den Worten des Industriellen Iwan Bally vom Mai 1918: \u00abDie Arbeiter haben immer neue W\u00fcnsche vorzutragen und einige jungfreisinnige Gruppen unterst\u00fctzen sie mit Ideen, die sie wohl den russischen F\u00fchrern abgelauscht haben, zum Beispiel Gewinnbeteiligung, Beteiligung an Eigentum und Leitung.\u00bb Die Herren verdienen einen n\u00e4heren Blick: Bleiben wir einen Moment bei Fleiner, Kurz und Julius Frey, dem mit ihm befreundeten Verwaltungsratspr\u00e4sidenten der Kreditanstalt. Aufgewachsen in den fr\u00fchen Jahren des Bundesstaats, dessen Gr\u00fcndung und dessen demokratische K\u00e4mpfe der 1860er Jahre keine reale Erfahrung mehr gewesen waren, hatten die drei die Aarauer Kantonsschule besucht. Ihre Lebensbahn beschritten sie im Schatten des machtvoll aufsteigenden wilhelminischen Kaiserreichs. Deutschland bewunderten und verehrten sie, und die Ersch\u00fctterung \u00fcber Deutschlands Niederlage vereinte sie jetzt \u2013 auch mit Ulrich Wille, dem deutscht\u00fcmelnden General. Ihre sozialen Anschauungen waren gef\u00e4rbt von der inneren N\u00e4he zur deutschen Untertanenfabrik.<\/p>\n<p>Als Hermann Kurz die Z\u00fcrcher Bankiers am 5. November zur eilig einberufenen Sitzung begr\u00fcsste, hatte \u2013 so schien ihm \u2013 die Stunde geschlagen. Der eingangs verlesene Brief \u00abeiner sehr beachtenswerten Pers\u00f6nlichkeit\u00bb an die Kreditanstalt, der vor \u00abRevolution, Anarchie, Terrorismus\u00bb warnte, d\u00fcrfte wiederum vom eifrigen Professor Fleiner gestammt haben. Die Bankiers rannten offene T\u00fcren ein, denn inzwischen waren in Deutschland Unruhen ausgebrochen, und auch der General st\u00fcrmte erneut. Als am folgenden Tag die in der Sitzung vom 5. November vereinbarte Bankendelegation den Regierungsrat aufsuchte, um ultimativ eine milit\u00e4rische Besetzung von Z\u00fcrich zu fordern, wurde sie von der Regierung bereits in der Kaserne empfangen. Am Vorabend war notfallm\u00e4ssig in Bern das Truppenaufgebot beschlossen worden; jetzt ging es auf Biegen und Brechen. Wille selbst war noch vor wenigen Tagen in Z\u00fcrich gewesen. Wir wissen nicht, mit wem er dort sprach; Willi Gautschi aber vermutet, dass Z\u00fcrcher Bankiers darunter gewesen sein k\u00f6nnten. Daf\u00fcr spricht einiges. Dem General freilich imponierten die B\u00e4nkler nicht im Geringsten; intern machte er aus seiner Verachtung kein Hehl, und ein paar Monate sp\u00e4ter schrieb er, r\u00fcckblickend auf die siegreich geschlagene Schlacht: \u00abAls ich das starke Truppenaufgebot veranlasste und den Truppenkommandanten den gemessenen Befehl gab zum energischen Handeln und sich zu keinem Kompromiss mit den \u00e4ngstlichen Bedenken der b\u00fcrgerlichen Beh\u00f6rden einzulassen, erachtete ich die drohende Gefahr keineswegs so gross, wie allgemein in den b\u00fcrgerlichen Kreisen und in den b\u00fcrgerlichen Beh\u00f6rden geglaubt wurde.\u00bb Das war nun deutlich genug. \u00ab\u00c4ngstliche Beh\u00f6rden\u00bb mit demokratischen Skrupeln waren dem General ein Gr\u00e4uel. Die angeblich zum Sprung bereiten Umst\u00fcrzler machten ihm weit weniger Sorgen.<\/p>\n<p>PS: Was in jenen aufgeregten Tagen genau ablief, wer dabei welche Ziele verfolgte, wissen wir auch heute nur ungef\u00e4hr. Weder die Forschungen von Willi Gautschi noch jene von Niklaus Meienberg vermochten die \u00d6ffnung privater Archive herbeizuf\u00fchren. Und mit der Hilfe eines amerikanischen Senators ist in diesem Fall nicht zu rechnen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/-383f\"><em>woz.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 29. November 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mario K\u00f6nig. So \u00fcberraschend traf die milit\u00e4rische Besetzung Z\u00fcrichs die Arbeiter, dass viele an eine gezielte Provokation glaubten. Das Protokoll einer Bankierssitzung gibt Auskunft.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,5,3],"tags":[25,29,31,26,93,49,38,42,17],"class_list":["post-4520","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichte-und-theorie","category-kampagnen","category-schweiz","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitskaempfe","tag-erster-weltkrieg","tag-gewerkschaften","tag-landesstreik","tag-repression","tag-russische-revolution","tag-sozialdemokratie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4520","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4520"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4520\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4521,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4520\/revisions\/4521"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4520"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4520"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4520"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}