{"id":4534,"date":"2018-11-30T17:29:10","date_gmt":"2018-11-30T15:29:10","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4534"},"modified":"2018-11-30T17:29:10","modified_gmt":"2018-11-30T15:29:10","slug":"der-eisenbahnerstreik-nach-dem-erfolg-vor-einem-scheideweg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4534","title":{"rendered":"Der Eisenbahnerstreik \u2013 nach dem Erfolg, vor einem Scheideweg"},"content":{"rendered":"<p>Am Montag, den 26. November 2018,\u00a0 standen zu Mittag in ganz \u00d6sterreich die Z\u00fcge. Zwischen 12 und 14 Uhr organisierte die Gewerkschaft vida einen Streik bei den \u00d6BB und bei einer Reihe von Privat- und Regionalbahnen,<!--more--> nachdem die Verhandlungen zum Kollektivvertrag schon seit Monaten (!) in einer Sackgasse stecken.<\/p>\n<p>Der Arbeitskampf ist auf Basis eines massiven Arbeitsdrucks ausgebrochen, wo sehr viele angeordnete \u00dcberstunden mangels Personal keine Seltenheit sind und eine schrittweise allgemeine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in den letzten 15 Jahren stattgefunden hat.<\/p>\n<p>Die Unternehmensseite f\u00e4hrt hier deutlich eine Strategie, die Gewerkschaft nachhaltig zu schw\u00e4chen. Sie k\u00e4mpft dabei mit \u00e4u\u00dferst harten Bandagen. Ihre Hauptstrategie ist es, der Gewerkschaft vorzuwerfen, sie h\u00e4tte eine \u201epolitische Agenda\u201c, nachdem die SP\u00d6 nicht mehr an der Regierung sei. Die Unternehmensseite sei v\u00f6llig unschuldig und das Opfer einer Kampagne, die nichts mit den Zust\u00e4nden im Unternehmen selbst zu tun h\u00e4tten. Man wolle ja sozialpartnerschaftlich handeln, k\u00f6nne aber nicht. Und \u00fcberhaupt, warum w\u00fcrden sich die pragmatisierten Eisenbahner mit ihren wohldotierten, sicheren Jobs \u00fcberhaupt aufregen. Diese L\u00fcgen werden in verschiedenen Versionen in der Presse, von der Regierung und der \u00d6BB-Unternehmensleitung herauf- und heruntergebetet.<\/p>\n<p>Doch kratzt man ein wenig an dieser Oberfl\u00e4che der Propaganda wird deutlich, was hier tats\u00e4chlich passiert. Die \u00d6BB-Konzernleitung (wir vergessen nicht: sie ist mehrheitlich \u201erot\u201c) ist massiv in der Offensive. Im Vorfeld wurden Besch\u00e4ftigte eingesch\u00fcchtert und es gab den offensichtlichen Versuch, damit die Streikfront zu brechen. W\u00e4hrend der Streikvorbereitungen ver\u00f6ffentlichte die vida etwa eine E-Mail von der Personalabteilung des \u00d6BB-Konzerns, in der dazu aufgefordert wurde, Listen von Streikenden im Vorhinein zu erstellen. Die \u00d6BB begr\u00fcndete das damit, sonst keinen \u201esicheren Betrieb\u201c aufrechterhalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Die Bahn steht<\/strong><\/p>\n<p>Doch kurz vor Streikbeginn wurde der gesamte Bahnbetrieb von oben &#8211; \u201eaus Sicherheitsgr\u00fcnden\u201c &#8211; eingestellt. Das l\u00e4sst nur eine Schlussfolgerungen zu: Der \u00d6BB-Konzern war sogar damit gescheitert, einen Notbetrieb aufrechtzuerhalten. Es war klar, dass die hochkomplexe Maschine Bahn mit dem Streik zum Stillstand kommen w\u00fcrde. Um das volle Ausma\u00df der Macht der Besch\u00e4ftigten nicht sichtbar zu machen, zog die \u00d6BB-Gesch\u00e4ftsleitung, im wahrsten Sinne des Wortes, die Notbremse \u2013 und hoffte so gleichzeitig noch, die Gewerkschaft als \u201eunverantwortlich\u201c und \u201esicherheitsgef\u00e4hrdend\u201c darzustellen.<\/p>\n<p>Doch es waren die Besch\u00e4ftigten selbst, die die Z\u00fcge zum Stehen brachten \u2013 das h\u00e4tten sie getan, ob jetzt der Sanktus der Unternehmensleitung daf\u00fcr gekommen w\u00e4re, oder nicht. Alle R\u00e4der stehen still, wenn dein starker Arm es will! Das zeigte sich insbesondere auch in der Frage des Streiks bei der Westbahn, wo das Management verk\u00fcndete, dass keine Streiks stattfinden w\u00fcrden \u2013 nur um dabei Widerspruch vom Betriebsrat zu ernten.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit zeigte sich in diesem Warnstreik zum ersten Mal nach langer Zeit in \u00d6sterreich nicht nur den Besch\u00e4ftigten selbst, sondern auch einer breiteren \u00d6ffentlichkeit, was f\u00fcr eine Macht die organsierte Arbeiterschaft hat. Wahrscheinlich kennt jede und jeder zumindest eine Person, die direkt oder indirekt von diesem Streik betroffen waren. Und auf dieser Basis fanden auch auf den Bahnsteigen, in den Onlineforen der gro\u00dfen Tageszeitungen und in vielen Betrieben die richtigen Diskussionen statt: Ist dieser Streik gerechtfertigt? Wie sind die Bedingungen der ArbeiterInnen (egal welcher Herkunft!) bei den \u00d6BB? Was hat dieser Streik mit uns zu tun?<\/p>\n<p>Dieser Streik ist ein weiterer Ansatz, um den von der Regierung sorgsam kultivierten Schleier der Spaltung wegzurei\u00dfen, sodass die Klassenfrage in \u00d6sterreich an die Oberfl\u00e4che treten kann. In vielen Diskussionen an den Bahnh\u00f6fen wurde deutlich, dass es eine breite Bereitschaft zur Solidarit\u00e4t mit den EisenbahnerInnen gibt und auch bei einer weitergehenden Streikbewegung geben w\u00fcrde. Viele Anekdoten best\u00e4rken diese These. Und als ein alter Mann am Wiener Hauptbahnhof die Nerven verlor und aus der stehenden S-Bahn herausschrie: \u201eWas ist des hier f\u00fcr a Saustall?\u201c, erntete er von den dutzenden wartenden Fahrg\u00e4sten keine Zustimmung, sondern nichts als schallendes Gel\u00e4chter.<\/p>\n<p><em>Funke-Unterst\u00fctzer Lukas spricht sich f\u00fcr den Streik aus (ab Minute 1:20)<\/em><\/p>\n<p><strong>Kampf wof\u00fcr?<\/strong><\/p>\n<p>Doch wie in allen betrieblichen K\u00e4mpfen in diesem Herbst und Winter bisher zeigten sich auch deutlich die Beschr\u00e4nkungen, die ein Kampf gegen die untragbaren sozialen Bedingungen hat, wenn die \u201eRettung der Sozialpartnerschaft\u201c das erkl\u00e4rte Ziel der Gewerkschaftsf\u00fchrung ist. Es wird immer deutlicher: ENTWEDER der Kampf f\u00fcr gute soziale Bedingungen der Besch\u00e4ftigten, ODER die Sozialpartnerschaft.<\/p>\n<p>Der Versuch, diesen Widerspruch mit einem Spagat zu \u00fcberbr\u00fccken bedeutet, dass jeder notwendige Schritt von der F\u00fchrung nur halb gemacht wurde und wird. Es wurde zum Streik aufgerufen \u2013 aber nur f\u00fcr zwei Stunden als \u201eWarnstreik\u201c. Es wurde mobilisiert \u2013 aber gleichzeitig bis zur letzten Minute und sogar w\u00e4hrend (!) des Streiks weiterverhandelt. Es wurde dargestellt, dass die Gegenseite sich in den Verhandlungen keinen Schritt zubewegt \u2013 aber nicht konkret erkl\u00e4rt, was genau denn \u00fcberhaupt die Verhandlungsziele seien. Es gab Dank f\u00fcr die Beteiligung am Warnstreik \u2013 aber keinerlei Plan, was denn die n\u00e4chsten Schritte seien.<\/p>\n<p>Dass die Bewegung bisher \u00fcber diesen Widerspruch nicht gestolpert ist, liegt ganz alleine am Einsatz der Besch\u00e4ftigten und der AktivistInnen selbst, die die L\u00fccken so gut es eben ging selbst f\u00fcllten. Aber dieser Widerspruch kann nicht ewig unaufgel\u00f6st so stehenbleiben.<\/p>\n<p>Vielfach war an den Bahnsteigen und bei den Streikposten ein Murren zu vernehmen: Wir bekommen keine Informationen von der Gewerkschaft. Dieser Streik ist schlecht organisiert. Ich bin bereit zu k\u00e4mpfen &#8211; aber wof\u00fcr eigentlich. Vereinzelt haben wir auch mit KollegInnen geredet, die sich nicht am Streik beteiligten, weil sie Angst hatten oder nicht den Sinn in einer symbolischen Aktion sahen \u2013 aber sehr wohl bereit gewesen w\u00e4ren bei einem ein, oder zweit\u00e4gigen Streik mitzumachen, \u201eam besten mit den Wiener Linien zusammen\u201c oder \u201ealle gemeinsam\u201c.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen es klar stellen: Die Verantwortung f\u00fcr dieses Chaos rund um den Streik tr\u00e4gt ganz klar die Gesch\u00e4ftsleitung der \u00d6BB, die im Tandem mit der Regierung (vor allem Verkehrsminister Hofer von der FP\u00d6) die Agenda dieser Verhandlungen auf Unternehmensseite dominiert. Sie sind die Aggressoren, die mit geballter Faust gemeinsam bek\u00e4mpft werden m\u00fcssen. Sie sind es, die versuchen uns zu spalten und zu schw\u00e4chen. Sie sind es die versuchen, massiven Druck insbesondere auf den vida-Vorsitzenden Roman Hebenstreit aufzubauen, ihn als hysterisch und als \u201eeigentlichen Oppositionsf\u00fchrer\u201c (\u201eDie Presse\u201c am Dienstag) darzustellen, um ein Einknicken zu erreichen. Diesem Druck m\u00fcssen wir mit voller Kraft entgegenhalten.<\/p>\n<p>Aber in dieser Situation des extremen Drucks gibt die Gewerkschaftsf\u00fchrung den Besch\u00e4ftigten ein denkbar schlechtes Kampfinstrument in die Hand. Von selbst wird sich daran nichts \u00e4ndern \u2013 zu verankert ist in den Apparaten die alte Methode der Sozialpartnerschaft, die unter den massiven Angriffen der Regierung und der Unternehmer in den letzte Monaten zur Methode des st\u00e4ndigen R\u00fcckzuges mit m\u00f6glichst wenig Kampf geworden ist.<\/p>\n<p><strong>Sozialpartnerschaftlicher R\u00fcckschritt oder klassenk\u00e4mpferischer Fortschritt<\/strong><\/p>\n<p>Das gilt nicht nur f\u00fcr die Eisenbahnergewerkschaft, sondern f\u00fcr den gesamten Gewerkschaftsbund. Im Interview zu den Eisenbahnerstreiks im \u00d61-Morgenjournal zeichnete \u00d6GB-Pr\u00e4sident Katzian diesen R\u00fcckzug deutlich nach.<\/p>\n<p>Nachdem die Antwort auf das Gesetz zum 12-Stunden-Tag und zur 60-Stunden-Woche im Sommer noch war, dass diese Regierung eine \u201eRegierung der Industriebosse sei\u201c und die Verschlechterungen \u201evon den Bestellern des Gesetzes\u201c zur\u00fcckgeholt werden w\u00fcrden, ist jetzt auf Druck der b\u00fcrgerlichen \u00d6ffentlichkeit jede Verkn\u00fcpfung von Regierung und Kapital aus dem Vokabular gestrichen \u2013 jetzt sagt Katzian \u201eWenn wir ein Drehbuch gegen die Bundesregierung machen w\u00fcrden schaute das anders aus, das was wir hier machen sind Kollektivvertragsverhandlungen\u201c und \u201eunsere Zielsetzung ist nicht, aufzumarschieren\u201c, sondern in jedem Bereich einen guten Kollektivvertragsabschluss zu bekommen.<\/p>\n<p>Das ist ein weiter Schritt zur\u00fcck hinter die Erkenntnis, dass es einen inneren Zusammenhang zwischen den Angriffen der \u201eRegierung der Industriebosse\u201c und der Industriebosse (und Handels-, Bank- und Gastwirtschaftsbosse etc.) gibt.<\/p>\n<p>Das dr\u00fcckt sich auch in den praktischen Perspektiven f\u00fcr den Kampf aus, den diese F\u00fchrung der Bewegung bietet:\u00a0<em>more of the same<\/em>\u00a0im Sinne der sozialpartnerschaftlich ausgetretenen Pfade, aber keine Zuspitzung, die das oft zitierte \u201egute Gespr\u00e4chsklima\u201c ersch\u00fcttern k\u00f6nnten. Auf die Explizite Frage, ob am Ende dieser Auseinandersetzung ein Generalstreik stehen k\u00f6nnte, antwortet Katzian mit einem \u201eNein\u201c.<\/p>\n<p>Mit dieser Strategie ist ein schlechter Kompromiss oder sogar eine Niederlage in jedem vereinzelten Bereich angelegt. Gerade die Aggressivit\u00e4t der \u00d6BB-Gesch\u00e4ftsleitung wird keine sozialpartnerschaftlichen Halbheiten zulassen. F\u00fcr viele EisenbahnerInnen sind die Erfahrungen des Eisenbahnerstreiks von 2003 noch gut in Erinnerung, bei dem die Bewegung letztendlich genau \u00fcber dieses Problem gestolpert ist.<\/p>\n<p>Es ist n\u00f6tig, die Handbremse des Klassenkampfes zu l\u00f6sen: Die Besch\u00e4ftigten m\u00fcssen sich selbst die volle Kontrolle \u00fcber den Arbeitskampf nehmen. Wenn es keine Diskussion der Forderungen von Oben gibt gilt es, von unten mit den eigenen Forderungen der einzelnen Abteilungen und Konzernteile in den Kampf zu treten.<\/p>\n<p>Nur durch diese Aktivit\u00e4t von unten wird es m\u00f6glich sein, einen Sieg in der derzeitigen Auseinandersetzung davonzutragen. Wenn sich die derzeitige F\u00fchrung so einem Kurswechsel versperrt, ist die einzige M\u00f6glichkeit, eine entschlossene Opposition derjenigen KollegInnen aufzubauen, die kampfbereit sind.<\/p>\n<ul>\n<li>Volle Kontrolle der Besch\u00e4ftigten \u00fcber die Frage von Streiks und Forderungen &#8211; Volle Information \u00fcber den Stand der Verhandlungen!<\/li>\n<li>F\u00fcr den Kampf um soziale Verbesserungen statt den Kampf um Sozialpartnerschaft!<\/li>\n<li>F\u00fcr einen breit diskutierten, eskalierenden Kampfplan!<\/li>\n<li>F\u00fcr Urabstimmungen \u00fcber alle Verhandlungsergebnisse!<\/li>\n<li>F\u00fcr den solidarischen Kampf gegen alle Verschlechterungen und gegen diese Regierung, f\u00fcr einen Generalstreik!<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wir rufen unsere LeserInnen dazu auf, mit uns in Diskussion zu treten, und ihre Erfahrungen mit dem Streik an uns zu schicken, um sie ggf. zu ver\u00f6ffentlichen, auch anonym:\u00a0<a href=\"mailto:redaktion@derfunke.at\"><strong>redaktion@derfunke.at<\/strong><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/derfunke.at\/aktuelles\/gewerkschaft\/11030-der-eisenbahnerstreik-nach-dem-erfolg-vor-einem-scheideweg\"><em>derfunke.at&#8230;<\/em><\/a><em> vom 29. November 2018<\/em><\/p>\n<p><em>****** <\/em><\/p>\n<p><strong>Interview mit einem streikenden Eisenbahner in \u00d6sterreich<\/strong><\/p>\n<p><em>[Zum Schutz der Person wurde das Interview anonym gef\u00fchrt]<\/em><\/p>\n<p><strong>Zuallererst, wie war der Streik gestern?<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr mich war es heute der erste Streik meines Lebens. F\u00fcr viele andere auch. Mein Eindruck war, dass es viele der jungen waren, die streiken. Von vielen \u00e4lteren h\u00f6rt man &#8222;Wir haben 2003 gestreikt. H\u00e4tten wir damals gewonnen, w\u00e4ren wir heute schon in Pension.&#8220; Insgesamt war die Stimmung durchmischt. Bei manchen war es Selbstverst\u00e4ndlichkeit und Entschlossenheit, das waren nat\u00fcrlich auch die, die mehrheitlich gestreikt haben. Bei anderen war es eher Unsicherheit bis Gleichg\u00fcltigkeit. Aber nat\u00fcrlich war es beeindruckend zu wissen, dass von einer Minute auf die andere kein Zug mehr f\u00e4hrt, weil wir f\u00fcr unsere Rechte und Geh\u00e4lter k\u00e4mpfen. Das zeigt was wir f\u00fcr eine Kraft haben und wie wichtig unsere Arbeit ist, um das ganze System am Laufen zu halten. Wie man heute gesehen hat kann dieses System aber auch ganz schnell zum Stehen gebracht werden.<\/p>\n<p><strong>Wie ist der Streik dann abgelaufen?<\/strong><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich stehen in den meisten Dienststellen zwar alle R\u00e4der still, die Mitarbeiter*innen aber auch. Ein Kollege war bis vor kurzem noch Leiharbeiter, sein Team hat nicht gestreikt. Er hat gemeint: &#8222;Ich bin noch nicht lange angestellt, soll ich mich jetzt alleine hinstellen w\u00e4hrend die anderen hackeln? Au\u00dferdem ist das eh kein Streik. Schauts mal nach Deutschland, Spanien oder Frankreich. Dort hei\u00dft streiken k\u00e4mpfen, nicht herumstehen.&#8220; Anstatt sichtbare Aktionen zu machen, sitzen die meisten die Zeit ab. Es gibt keine gemeinsame Versammlungen und Diskussionen. Die Betriebsr\u00e4te geht zwar mit Teilnahme-Listen herum, aber selbst sie wissen eigentlich nicht, wie es weiter gehen soll. Jetzt verhandelt die Gewerkschaftsf\u00fchrung halt mal weiter. Die Weisung von oben war sich am Streikposten &#8222;ruhig verhalten&#8220;. Die Stimmung ist aber bei vielen anders. &#8222;N\u00e4chstes Mal nehm ich Pyrotechnik mit und wir malen ein Transparent, das macht ja so kein Spa\u00df&#8220;, hat ein junger Arbeiter gemeint.<\/p>\n<p><strong>Und wie geht es jetzt weiter?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke in allen Dienststellen wirst du eine Mehrheit finden, die bereit ist weiter zu gehen und den begonnen Kampf Ende zu k\u00e4mpfen. Ich glaube aber auch, dass, wenn wir wirklich gewinnen wollen, die Menschen in den Betrieben und Dienststellen auch wirklich miteinbezogen werden m\u00fcssen. Bis kurz vor 12 wusste eigentlich niemand, ob jetzt gestreikt wird oder nicht. Weil halt in den Medien nichts von einer Einigung gestanden ist haben viele von selber gesagt, so jetzt geht\u2019s los.<\/p>\n<p>Klar ist, dass die Messlatte hoch ist. Meiner Meinung nach ist alles unter 4% ein Gesichtsverlust und ein fauler Kompromiss. Ein Kollege hat heute richtig gesagt: \u201eWenn du dir anschaust, um wie viel die Dinge, die man im allt\u00e4glichen Leben so braucht &#8211; und nein, das sind nicht irgendwelche riesen Fernseher &#8211; wirklich teurer werden, dann sollten wir eigentlich 7% oder mehr verlangen. Angesichts der H\u00e4rte des Managements, wird das nat\u00fcrlich schwierig. Aber die Gewerkschaftsf\u00fchrung hat sich in eine Situation man\u00f6vriert, wo ihr eine Lohnerh\u00f6hung wie bei den Metaller*innen keiner als Sieg abkauft. Wenn die Eisenbahner*innen also wirklich gewinnen wollen, wird die Gewerkschaft wohl zu einem weiteren und vor allem l\u00e4ngeren Streik aufrufen und den auch vorbereiten m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Der w\u00fcrde dann aber tats\u00e4chlich den Alltag des \u00f6ffentlichen Lebens massiv betreffen&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, aber die meisten von den Entschlossenen meinen auch, dass das gut so ist. Die Eisenbahner*innen streiken ja nicht nur f\u00fcr sich und ihre Familien, sondern auch f\u00fcr die Fahrg\u00e4ste \u2013 nicht gegen sie. Tausende von Menschen benutzen t\u00e4glich und meist ohne Probleme die Bahn, Versp\u00e4tungen und Ausf\u00e4lle halten sich im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern in Grenzen. Aber damit dieser Betrieb aufrecht erhalten werden kann braucht es gut bezahlte Arbeiter*innen, die gen\u00fcgend Freizeit und genug Geld zum Leben haben. Aber vor allem braucht es auch mehr Personal, das an vielen Orten fehlt. Ein n\u00e4chster Streik m\u00fcsste meiner Meinung nach sehr wohl den Pendelverkehr betreffen, aber auch nur wenn gen\u00fcgend Leute an den Bahnh\u00f6fen sind, um die Situation zu erkl\u00e4ren. Der R\u00fcckhalt in der Bev\u00f6lkerung ist gro\u00df, an vielen Dienststellen haben Leute ihre Solidarit\u00e4t ausgedr\u00fcckt. Die, die w\u00fctend sind, sind halt normalerweise lauter, und die die lauter sind, wirken als w\u00e4ren sie mehr. Aber in der Zeitung steht, dass \u00fcber 60% die Streiks unterst\u00fctzen und den Eindruck haben die Eisenbahner*innen selber auch. Es sollte also eigentlich weiteren Kampfma\u00dfnahmen nichts im Wege stehen.<\/p>\n<p><strong>Was kann man f\u00fcr den n\u00e4chsten Streik von heute lernen?<\/strong><\/p>\n<p>Also zuallererst einmal, m\u00fcssen die Besch\u00e4ftigten besser informiert und klare Ansagen gemacht werden. Wenn ein Streik angek\u00fcndigt ist, dann streiken wir, Punkt. Die spontane Verhandlungsrunde zwei Stunden vor Streikbeginn war vollkommen unn\u00f6tig. Im Endeffekt hat dadurch nur das Management mehr Verwirrung stiften k\u00f6nnen. Es kann nicht sein, dass ein Lokf\u00fchrer kurz vorm angek\u00fcndigten Streikbeginn in der Station steht und nicht wei\u00df, ob jetzt gestreikt wird oder nicht und ob er losfahren soll oder nicht.<\/p>\n<p>Dann glaube ich sollte jetzt damit begonnen werden, dass sich die Besch\u00e4ftigten selbst einbringen k\u00f6nnen. Es ist irgendwie komisch: die Gewerkschaftsf\u00fchrung verhandelt zwar f\u00fcr uns und ruft zum Streik auf, wir wissen aber nicht mal was unsere genauen und konkreten Forderungen sind. Es wirkt als w\u00fcrden sie schnippen und wir m\u00fcssten parat stehen. Als w\u00e4ren wir ihr Sprachrohr und nicht umgekehrt. So sollte es aber nicht sein. Es geht ja schlie\u00dflich um unsere Geh\u00e4lter, also sollten wir diesen Kampf und auch die Forderungen aktiv mitgestalten k\u00f6nnen. Das w\u00fcrde aber dann auch hei\u00dfen, dass die Besch\u00e4ftigten durch Abstimmungen selber entscheiden m\u00fcssen: akzeptieren wir ein Angebot oder nicht?<\/p>\n<p><strong>Also eine Urabstimmung?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, genau! Ob uns das gelingt ist nat\u00fcrlich jetzt mal offen, es bleibt aber sicherlich spannend! Ich hoffe nicht, dass es zu einen faulen Kompromiss kommt, sondern dass wir\u00a0am Ende des Tages\u00a0mit einem Sieg und viel Selbstvertrauen aus dieser Auseinandersetzung raus kommen. Ich denke, dass eine solche Entwicklung eine Signalwirkung auf alle Branchen in \u00d6sterreich h\u00e4tte. Es geht ja nicht nur darum, dass wir Eisenbahner*innen mehr verdienen, sondern dass die L\u00f6hne allgemein endlich mal steigen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.slp.at\/artikel\/interview-mit-einem-streikenden-eisenbahner-9265\"><em>slp.at&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. November 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Montag, den 26. November 2018,\u00a0 standen zu Mittag in ganz \u00d6sterreich die Z\u00fcge. 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