{"id":4557,"date":"2018-12-05T08:51:19","date_gmt":"2018-12-05T06:51:19","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4557"},"modified":"2018-12-05T08:51:19","modified_gmt":"2018-12-05T06:51:19","slug":"die-implant-files-und-das-gesundheitswesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4557","title":{"rendered":"Die Implant Files und das Gesundheitswesen"},"content":{"rendered":"<p><em>Lothar Moser<\/em>. <strong>Mehr als ein Jahr lang hat die \u00ab<a href=\"https:\/\/projekte.sueddeutsche.de\/implantfiles\/politik\/implant-files-sueddeutsche-de-e952128\/\">S\u00fcddeutsche Zeitung<\/a>\u00bb (SZ) zusammen mit rund 60 anderen Medien, u.a. dem \u00ab<a href=\"https:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/the-implant-files\/?utm_source=ads&amp;gclid=EAIaIQobChMI16bCvKeD3wIVjOR3Ch19LgVGEAAYASAAEgIEHPD_BwE&amp;utm_medium=cpc&amp;utm_campaign=implants\">Tagesanzeiger<\/a>\u00bb, weltweit Patienten befragt, mit Insidern gesprochen und Studien<!--more--> ausgewertet. Nun decken die \u201eImplant Files\u201c auf, dass fehlerhafte Implantate und andere Medizinprodukte f\u00fcr etliche Todesf\u00e4lle verantwortlich sind \u2013 und wie Industrie und Politik diesen Skandal vertuschen.<\/strong><\/p>\n<p>Die in den letzten Tagen ver\u00f6ffentlichte\u00a0<a href=\"https:\/\/projekte.sueddeutsche.de\/implantfiles\/politik\/implant-files-sueddeutsche-de-e952128\/\">Artikelserie<\/a>\u00a0bringt Erschreckendes und Schockierendes ans Licht und wirft damit ein Schlaglicht auf das \u00abGesundheitswesen\u00bb, welches sich l\u00e4ngst zu einem \u00abnormalen\u00bb Teil der kapitalistischen Warenproduktion entwickelt hat.<\/p>\n<p><strong>Das Gesundheitswesen als Teil der Warenproduktion<\/strong><\/p>\n<p>So ist die in den letzten Jahren zu beobachtende Tendenz, medizinische Versorgung als Dienstleistung zunehmend durch den Einsatz technischer Konstrukte (computerassistierte Operationen, automatisierte Diagnostik- und Behandlungsabl\u00e4ufe, Ersatzteilchirurgie etc.) zu ersetzen, nicht, wie uns die Protagonist*innen dieser Entwicklung weismachen wollen, durch die dadurch zu erreichende h\u00f6here medizinische Qualit\u00e4t bedingt. In Teilbereichen kann dies bereits jetzt als widerlegt gelten. Der Hauptgrund ist tats\u00e4chlich das Eindringen des Warenprinzips in den Dienstleistungsbereich \u201emedizinische Versorgung\u201c. Der marxistische \u00d6konom Ernest Mandel hat die inzwischen eingetretene Entwicklung bereits 1972 treffend charakterisiert: \u00abAls n\u00e4chsten Alptraum empfehlen wir die Vorstellung des massenhaften Eindringens von Warenverh\u00e4ltnissen in die Medizin- und Chirurgiesph\u00e4re [\u2026] mit Kauf und Verkauf von K\u00f6rperteilen und Organen, komplett mit Konkurrenz, Profitmaximierung, Vermittlungs-, Versand-, Aufbewahrungs-, Kredit- und Reparaturdiensten\u00bb.<\/p>\n<p>Ein Gesch\u00e4ft war die Medizin immer schon. Zum industriell betriebenen Massengesch\u00e4ft allerdings wurde sie erst im 20. Jahrhundert und heute macht der Gesundheitssektor in den Industriestaaten 10-15% des Bruttoinlandsproduktes aus. In Deutschland zum Beispiel ist er die mit Abstand gr\u00f6sste Dienstleistungsbranche und in der Schweiz der gr\u00f6sste \u201eArbeitgeber\u201c \u00fcberhaupt. L\u00e4ngst handelt es sich um einen der profittr\u00e4chtigsten Bereiche der Industrieproduktion und b\u00fcrgerliche Wirtschaftswissenschaftler*innen halten die Medizinindustrie f\u00fcr den zukunftstr\u00e4chtigsten Wachstumssektor.<\/p>\n<p><strong>Eine logische Entwicklung<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr uns als revolution\u00e4re Sozialist*innen ist diese Entwicklung logisch und unausweichlich: Der entwickelte Industriekapitalismus macht alles und jedes zur Ware, einschliesslich des Menschen und seiner \u201eEinzelteile\u201c. In Zeiten sinkender Ertr\u00e4ge fliessen die Kapitalstr\u00f6me in die Bereiche, die den gr\u00f6ssten Profitversprechen. Es ist l\u00e4cherlich, dieses Grundprinzip kapitalistischer Wirtschaft f\u00fcr einen Teilbereich wie das Medizinsystem nicht akzeptieren oder ausser Kraft setzen zu wollen. Selbst b\u00fcrgerliche Gesundheits\u00f6konomen sagen offen, dass ein grosses Problem darin bestehe, dass der Medizinsektor ein Bereich sei, der seine Nachfrage selbst schafft.<\/p>\n<p>Dass dabei der reale Nutzen dieses aufgebl\u00e4hten Molochs eher fragw\u00fcrdig ist, und die Qualit\u00e4t der angebotenen Leistungen immer h\u00e4ufiger zu w\u00fcnschen \u00fcbrigl\u00e4sst, interessiert in dieser Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nicht. Letztlich kommt es in diesem System nicht auf gesundheitspolitische und volkswirtschaftliche Rationalit\u00e4t, sondern auf Profitmaximierung an.<\/p>\n<p>Das heisst wohlgemerkt nicht, dass die Fortschritte im Bereich der Medizinforschung und die gewonnenen Erkenntnisse im Bereich von Diagnose und Behandlung, die im Rahmen der warenf\u00f6rmigen Ausrichtung des Gesundheitssektors erzielt wurden, geleugnet werden sollen. Aber zweierlei ist dabei stets zu bedenken:<\/p>\n<ol>\n<li>Das existierende System ist krankheits- statt gesundheitsfixiert. Dies ist zwangsl\u00e4ufig in einer Gesellschaft, die in ihrer Funktionsweise permanent gegen die Grunds\u00e4tze gesundheitsf\u00f6rdernder Lebens-, Arbeits- und Produktionsbedingungen verst\u00f6sst.<\/li>\n<li>Man darf auch nicht aus den Augen verlieren, was die klassische Funktion der Medizin in der kapitalistischen Klassengesellschaft ist, n\u00e4mlich die Wiedereingliederung der Arbeitskraft in den Produktionsprozess und die Herabsetzung der durch die Krankheit verursachten sozialen Spannungen. Dazu kommt die Mystifizierung der gesellschaftlichen Bedingtheit vieler Krankheiten, da das Kapital, \u00abfalls es nicht gezwungen wird, auf die Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters keine R\u00fccksicht nimmt und nicht nur die normalen H\u00f6chstgrenzen des Arbeitstages \u00fcberspringt, sondern auch die rein physischen.\u00bb (Marx).<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Gesundheit und \u00abfreie\u00bb Marktwirtschaft<\/strong><\/p>\n<p>Wer gesund ist und wer nicht, das definiert der Arzt. Auch aus diesem Grunde hat der sogenannte \u00abGesundheitssektor\u00bb im Laufe der letzten 150 Jahre in den kapitalistischen Industriegesellschaften ein immer gr\u00f6sseres \u00f6konomisches Gewicht bekommen. Im ausgehenden 20. Jahrhundert erreichten die Ausgaben f\u00fcr \u00abGesundheit\u00bb, wie eingangs erw\u00e4hnt, in den westlichen Industriestaaten einen Anteil von 10-15% des Bruttoinlandproduktes \u2013 ein gesundes Gesch\u00e4ft f\u00fcr die einschl\u00e4gige Industrie.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass die \u00abGesundheits\u00bb-Industrie auf die endg\u00fcltige Zurichtung des Medizinsektors im Sinne der \u00abfreien Marktwirtschaft\u00bb dr\u00e4ngt. Die Anzeichen daf\u00fcr sind nicht zu \u00fcbersehen: Leistungseinschr\u00e4nkungen im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung, Zuzahlungen, und die Propagierung von privater Zusatzversicherung. In den unterentwickelt gehaltenen L\u00e4ndern der Peripherie findet sich demgegen\u00fcber eine absolute Unterversorgung selbst bei den banalsten Gesundheitsproblemen mit der Folge des Massensterbens an verhinder- und behandelbaren Krankheiten wie z.B. Tuberkulose, Magen-Darm-Infektionen und Aids. Dass es den Akteuren auf dem \u00abGesundheitsmarkt\u00bb nicht um Gesundheit, sondern um Profit geht, ist offensichtlich.<\/p>\n<p><strong>Und in der Schweiz?<\/strong><\/p>\n<p>Im April 2018 forderte die Chefin der Krankenkasse CSS, Philomena Colatrella, komplett neue Ideen, um die\u00a0<a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2016\/schweiz-krankenkassenpraemien-man-finde-den-fehler\/\">Krankenkassenpr\u00e4mien<\/a>\u00a0zu senken. Als Vorschlag brachte sie sogleich die Erh\u00f6hung der h\u00f6chsten w\u00e4hlbaren Franchise von heute 2500 Franken auf 5000 oder 10\u2019000 Franken ein. Damit k\u00f6nnten die Monatspr\u00e4mien um rund 170 Franken pro Person sinken, daf\u00fcr m\u00fcsste man aber eben im schlimmsten Fall Gesundheitskosten von bis zu 10\u2019000 Franken j\u00e4hrlich selber bezahlen.<\/p>\n<p>Zumindest dem Grundsatz dieser Idee hat der Nationalrat vergangenem Montag, 26. November 2018 zugestimmt: Der Bundesrat soll nicht mehr frei entscheiden k\u00f6nnen, wann er die Franchise erh\u00f6ht. 2020 oder 2021 d\u00fcrfte die ordentliche Franchise erstmals seit 2004 wieder erh\u00f6ht werden. Ob sie dann nur um 50 auf 350 Franken steigt oder gleich auf 500 Franken, ist noch offen. K\u00fcnftig wird die Kostenbeteiligung an die\u00a0<a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2018\/schweiz-gesundheitskosten-das-problem-ist-die-finanzierung-nicht-die-hoehe-der-kosten-i\/\">Entwicklung der Gesundheitskosten<\/a>\u00a0gekoppelt. Sobald die Pro-Kopf-Kosten das 13-Fache der Minimalfranchise \u00fcbersteigen, wird diese um 50 Franken erh\u00f6ht. Auch alle Wahlfranchisen werden dann um 50 Franken angehoben. Falls die Gesundheitskosten wie bisher j\u00e4hrlich um rund 4 Prozent steigen, ergibt dies alle drei bis vier Jahre eine Erh\u00f6hung der Franchisen um 50 Franken.<\/p>\n<p>Seit der\u00a0<a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2016\/schweiz-das-gesundheitssystem-20-jahre-nach-der-einfuehrung-des-kvg\/\">Einf\u00fchrung des Krankenversicherungsgesetzes (KVG)<\/a>\u00a0von 1996 hat sich die durchschnittliche, monatliche Krankenkassenpr\u00e4mie mehr als verdoppelt (von 173.10 Franken pro Monat auf 396.10 Franken pro Monat im Jahr 2014). Die Nominall\u00f6hne sind zwischen 1996 und 2013 um 22,67 Prozent gestiegen. Beinahe sechsmal weniger stark als die Krankenkassenpr\u00e4mien.<\/p>\n<p>Die \u00abPr\u00e4mienverbilligungen\u00bb, welche als \u00absoziale\u00bb staatliche Massnahme die steigenden Pr\u00e4mienkosten nach Einf\u00fchrung des KVG f\u00fcr die Haushalte abfedern sollten, sind mit diversen kantonalen \u00abSparprogrammen\u00bb im Wachstum abgeflacht, beziehungsweise seit 2010 sogar r\u00fcckl\u00e4ufig.<\/p>\n<p>Allgemein ist in der Schweiz der\u00a0<a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2017\/schweiz-die-kampagne-zur-kostensteigerung-im-gesundheitswesen\/\">Anteil der Finanzierung des Gesundheitswesens durch die privaten Haushalte<\/a>\u00a0sehr hoch. Sie bezahlen 42 von total 68 Milliarden Franken, die das Gesundheitswesen pro Jahr kostet. Diese Zahlen stammen auch hier aus dem Jahr 2012 [2015 kostete das Gesundheitswesen bereits 77 Milliarden, wobei der privat finanzierte Anteil in etwa gleich blieb]. Diese 42 Milliarden beinhalten Ausgaben f\u00fcr die obligatorische Grundversicherung und die privaten Zusatzversicherungen sowie den Gesundheitskosten, die direkt aus dem eigenen Sack bezahlt werden (z.B. den Grossteil der Medikamente oder Zahnbehandlungen). Inzwischen sind das \u00fcber 13 Milliarden Franken pro Jahr. Der Anstieg der Standardpr\u00e4mie ist zudem deutlich st\u00e4rker als der Kostenanstieg im Gesundheitswesen insgesamt.<\/p>\n<p>Die Schlussfolgerung ist klar: W\u00fcrde man die Gesundheitsabgaben an die L\u00f6hne (AHV-\u00e4hnliche Finanzierung) und die Verm\u00f6gen anpassen, w\u00fcrde ein grosser Teil der Bev\u00f6lkerung entlastet. Die j\u00e4hrlichen Diskussionen \u00fcber die explodierenden Pr\u00e4mien h\u00e4tten rasch ein Ende. Und das, ohne auf Kosten unserer Gesundheit sparen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em>Mehr Hintergr\u00fcnde zum Gesundheitswesen findest du in\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/dossiers\/gesundheitswesen\/\"><em>unserem Dossier.<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2018\/medizin-die-implant-files-und-das-gesundheitswesen\/\"><em>sozialismus.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 5. Dezember 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lothar Moser. 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