{"id":4566,"date":"2018-12-05T15:21:52","date_gmt":"2018-12-05T13:21:52","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4566"},"modified":"2018-12-05T15:21:52","modified_gmt":"2018-12-05T13:21:52","slug":"entweder-wir-stuerzen-das-system-oder-das-system-wird-uns-vernichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4566","title":{"rendered":"\u00abEntweder wir st\u00fcrzen das System, oder das System wird uns vernichten\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><em>Lundi Matin. <\/em>Im Gegensatz zu allem, was wir geh\u00f6rt haben, ist das Mysterium nicht, dass wir uns erheben, sondern dass wir es vorher nicht getan haben. Die Anomalie liegt nicht in dem, was wir jetzt tun, sondern in dem, was wir bisher ertragen haben.<!--more--> Wer kann leugnen, dass das System in allen Bereichen gescheitert ist? Wer will noch immer geschr\u00f6pft, ausgeraubt oder in das Nichts der Prekarit\u00e4t verdammt vor sich hin leben? Wer will ernsthaft wegen der Tatsache Tr\u00e4nen vergie\u00dfen, dass nun die Armen die schicken Viertel von Paris pl\u00fcndern oder dass die Bourgeoisie zusehen muss, wie ihre gl\u00e4nzenden neuen SUVs in Flammen aufgehen? Was Macron betrifft, so sollte er aufh\u00f6ren, sich zu beschweren, da er es doch war, der uns vorschlug, ihn aufzusuchen, wenn es Probleme g\u00e4be. Ein Staat kann nicht behaupten, seine Legitimit\u00e4t aus der Leiche einer \u201cglorreichen Revolution\u201d zu ziehen, nur um dann \u00fcber den Vandalismus zu st\u00f6hnen, wenn eine Revolution anf\u00e4ngt\u2026<\/p>\n<p>Die Situation ist einfach: Die Menschen wollen den Sturz des Systems. Das System beabsichtigt, weiterzumachen. Damit wird die jetzige Situation als aufst\u00e4ndisch definiert, was jetzt selbst die Polizei best\u00e4tigt. Die Menschen sind viele, sie haben Mut, Freude, Intelligenz und die notwendige Unbedarftheit, die eine solche Situation erfordert. Der Staat hat die Armee, die Bullen, die Medien, die List und die Angst der Bourgeoisie. Seit dem 17. November benutzen die Menschen zwei komplement\u00e4re Hebel: Die Blockade der Wirtschaft und den Angriff, der jeden Samstag gegen das Verwaltungszentrum von Paris durchgef\u00fchrt wird. Diese Hebel erg\u00e4nzen sich, weil die Wirtschaft die Realit\u00e4t des Systems, w\u00e4hrend die Regierung die symbolische Repr\u00e4sentanz darstellt. Um dieses System wirklich zu Fall zu bringen, m\u00fcssen beide Elemente angegriffen werden. Dies gilt f\u00fcr Paris wie f\u00fcr den Rest des Landes: Eine lokale Pr\u00e4fektur anz\u00fcnden und auf das Zentrum der Macht marschieren sind im Prinzip die gleiche Geste.<\/p>\n<p>Seit dem 17. November werden die Menschen jeden Samstag in Paris von demselben Ziel geradezu magisch angetrieben: Einem Marsch auf innersten \u2018Heiligt\u00fcmer\u2019 der Regierung. Von Samstag zu Samstag besteht der Unterschied zum vorhergehenden Samstag darin, das einerseits die Kr\u00e4fte der Polizei, die zur Verhinderung des Marsches eingesetzt werden, enorm aufgestockt werden und zum anderen die Aufst\u00e4ndischem versuchen, mit der Umsetzung der Erfahrungen aus dem Scheitern des vergangenen Samstags an Ziel des Marsches zu gelangen. Wenn es an diesem Samstag viel mehr Leute mit Gasbrillen und Gasmasken gab, dann lag das nicht daran, dass \u201cGruppen von organisierten Schl\u00e4gern\u201d die Demo \u201cinfiltriert\u201d h\u00e4tten, sondern einfach daran, dass die Leute in der vergangenen Woche so massiv mit Tr\u00e4nengas angegriffen worden waren, dass sie daraus die Schlussfolgerungen gezogen hatten, die jeder mit Verstand daraus gezogen h\u00e4tte: Beim n\u00e4chste Mal besser ausger\u00fcstet zu sein. Es geht jedenfalls schon lange nicht mehr um eine Demonstration, sondern um einen aufst\u00e4ndischen Prozess.<\/p>\n<p>Wenn Zehntausende von Menschen in die Pariser Region Tuileries-Saint Lazare-\u00c9toile-Trocad\u00e9ro einfielen, dann nicht wegen einer von bestimmten Gruppen beschlossenen Strategie der Einsch\u00fcchterung, sondern wegen der kollektiven taktischen Intelligenz der Menschen angesichts des Polizeieinsatzes, der sie am Erreichen ihres Ziels hinderte. Die \u201cUltra-Linken\u201d, die f\u00fcr diesen versuchten Aufstand verantwortlich gemacht werden, t\u00e4uscht niemanden: Wenn die \u201cUltra-Linken \u201d in der Lage gewesen w\u00e4ren, Baumaschinen aufzutreiben, um die Polizeilinien zu durchbrechen oder Autobahnmautstellen zu zerst\u00f6ren, w\u00fcssten wir davon. Wenn sie so zahlreich, so sympathisch, so mutig gewesen w\u00e4ren, h\u00e4tten wir davon geh\u00f6rt. Mit ihrem im Wesentlichen identit\u00e4tsfixierten Politikverst\u00e4ndnis wird diese \u201cUltra-Linke\u201d durch die Diffusit\u00e4t der Bewegung der Gilets Jaunes zutiefst in Verlegenheit gebracht. Die Wahrheit ist, dass sie nicht wei\u00df, wie sie sich verhalten soll, dass sie eine kleinb\u00fcrgerliche Angst in sich tr\u00e4gt, sich selbst zu kompromittieren, indem sie sich mit Leuten einl\u00e4sst, die sich ihrer Kategorisierung entziehen.<\/p>\n<p>Und was die \u201cUltrarechten\u201d betrifft, so werden sie zwischen ihren vermeintlichen Mitteln und Zielen aufgerieben. Sie f\u00f6rdern die Unordnung, w\u00e4hrend sie gleichzeitig behaupten, die Ordnung aufrecht erhalten zu wollen. Sie werfen Steine auf die franz\u00f6sischen Bullen, w\u00e4hrend sie gleichzeitig ihre Liebe zur Polizei und zur Nation bekunden. Sie m\u00f6chten das Haupt des republikanischen Monarchen aus Liebe zu einem nicht existierenden K\u00f6nig f\u00e4llen. In all diesen Fragen werden wir den Innenminister seinem l\u00e4cherlichen Geschw\u00e4tz \u00fcberlassen. Es sind nicht die Radikalen, die die Bewegung gestalten, es ist die Bewegung, die die Menschen radikalisiert. Wer k\u00f6nnte ernsthaft glauben, dass sie dar\u00fcber nachdenken, den Ausnahmezustand gegen eine Handvoll Hooligans zu verh\u00e4ngen?<\/p>\n<p>Diejenigen, die nur halbherzig Aufst\u00e4nde machen, graben damit nur ihre eigenen Gr\u00e4ber. An dem Punkt, an dem wir uns heute befinden, st\u00fcrzen wir angesichts des Ausmasses an Repression entweder das System oder es wird uns zermalmen. Es w\u00e4re ein schwerwiegender Irrtum, die Bereitschaft dieser Regierung zur Radikalisierung zu untersch\u00e4tzen. Jeder, der sich in den n\u00e4chsten Tagen als Vermittler zwischen den Leuten und Regierung pr\u00e4sentiert, wird in St\u00fccke gerissen werden: Niemand will mehr vertreten sein, wir sind alle reif genug, um f\u00fcr uns selbst zu sprechen, um zu bemerken, wer lediglich versucht, uns zu beschwichtigen, um sich selbst zu erholen. Und selbst wenn die Regierung von ihren Vorhaben abweicht, wird dies nur beweisen, dass wir das, was wir getan haben, richtig gemacht haben und dass unsere Methoden die Richtigen waren und sind.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Woche wird daher entscheidend sein: Entweder schaffen es noch mehr von uns, die Wirtschaftsmaschine zu stoppen, indem wir H\u00e4fen, Raffinerien, Bahnh\u00f6fe, Verteilungszentren usw. blockieren, indem wir wirklich die inneren \u2018Heiligt\u00fcmer\u2019 der Regierung und auch ihre Regionalb\u00fcros am n\u00e4chsten Samstag \u00fcbernehmen, oder wir sind verloren. Am kommenden Samstag haben die m\u00f6glichen Teilnehmer der geplanten Klimam\u00e4rsche, die von dem Grundsatz ausgehen, dass diejenigen, die uns in diese Katastrophe gef\u00fchrt haben, uns nicht aus ihr wieder rausholen k\u00f6nnen, keinen Grund, nicht auf die Stra\u00dfe zu gehen. Wir sind eine Haaresbreite vom Zusammenbruch der Regierungsmaschinerie entfernt. Entweder gelingt es uns in den kommenden Monaten, den notwendigen Kurswechsel herbeizuf\u00fchren, oder die kommende Apokalypse wird umso schwerwiegender treffen, in einer Intensit\u00e4t, die in den sozialen Medien bisher nur vage angedeutet wurde.<\/p>\n<p>Die Frage ist daher: Was bedeutet es eigentlich, das System zu st\u00fcrzen? Es ist klar, dass dies nicht die Wahl neuer Abgeordneter bedeuten kann, da das Scheitern des derzeitigen Regimes auch das Scheitern des repr\u00e4sentativen Systems ist. Das System zu st\u00fcrzen bedeutet, nach und nach auf allen lokalen Ebenen den materiellen und immateriellen Ausdruck dessen, was wir Leben nennen, in die eigenen H\u00e4nde zu nehmen, denn die gegenw\u00e4rtige Organisation unseres Lebens ist die eigentliche Katastrophe.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen keine Angst vor dem Unbekannten haben. Noch niemals haben Millionen von Menschen einfach zugeschaut, wie andere verhungert sind. So wie wir alle in der Lage sind, uns horizontal zu organisieren, um Stra\u00dfen zu blockieren, sind wir auch in der Lage, uns f\u00fcr eine vern\u00fcnftigere Lebensweise zu organisieren. So wie der Aufstand lokal organisiert ist, werden auch lokal die L\u00f6sungen gefunden werden. Die \u201enationale\u201c Ebene ist nur das Echo der lokaler Initiativen.<\/p>\n<p>Wir haben es satt, jeden Cent z\u00e4hlen zu m\u00fcssen. Die Regeln der Wirtschaft sind die Regel des Elends, weil sie die Regeln der Kalkulation sind. Was an den Stra\u00dfensperren, auf den Stra\u00dfen und in allem, was wir in den letzten drei Wochen getan haben, so sch\u00f6n ist, ist die Art und Weise, wie wir es getan haben. Und das wir bereits gewonnen haben, da wir nicht mehr z\u00e4hlen, weil wir aufeinander z\u00e4hlen. Wenn die Sache um die es geht, die der lokalen L\u00f6sung ist, wird die Frage des rechtlichen Besitzes der Infrastruktur des Lebens lediglich zu einem Detail. Der Unterschied zwischen den Leuten und denen, die sie regieren, ist, dass die Leute keine Wichser sind.<\/p>\n<p><em>Anmerkungen: Dies ist eine sinngem\u00e4\u00dfe \u00dcbersetzung eines Artikels der nach den letzten Aktionen und Unruhen in Frankreich am 3. Dezember auf Lundi Matin (1) erschien. Die \u00dcbersetzung erfolgte aus der englischen \u00dcbersetzung, die auf Winter OAK (2) ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/em><\/p>\n<p><em>Sebastian Lotzer, 4. Dezember 2018<\/em><\/p>\n<p><em>(1)\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/lundi.am\/Prochaine-station-destitution\"><em>https:\/\/lundi.am\/Prochaine-station-destitution<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>(2) <\/em><a href=\"https:\/\/winteroak.org.uk\/2018\/12\/03\/france-on-the-brink-either-we-topple-the-system-or-it-will-crush-us\/\"><em>https:\/\/winteroak.org.uk\/2018\/12\/03\/france-on-the-brink-either-we-topple-the-system-or-it-will-crush-us\/<\/em><\/a><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/non.copyriot.com\/frankreich-am-abgrund-entweder-stuerzen-wir-das-system-oder-das-system-wird-uns-vernichten\/\">Lundi Matin&#8230;<\/a> vom 5. Dezember 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lundi Matin. Im Gegensatz zu allem, was wir geh\u00f6rt haben, ist das Mysterium nicht, dass wir uns erheben, sondern dass wir es vorher nicht getan haben. Die Anomalie liegt nicht in dem, was wir jetzt &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,5],"tags":[61,4,17],"class_list":["post-4566","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-kampagnen","tag-frankreich","tag-strategie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4566","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4566"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4566\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4567,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4566\/revisions\/4567"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4566"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4566"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4566"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}