{"id":4573,"date":"2018-12-06T12:04:02","date_gmt":"2018-12-06T10:04:02","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4573"},"modified":"2018-12-06T12:04:30","modified_gmt":"2018-12-06T10:04:30","slug":"revolution-ade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4573","title":{"rendered":"Revolution Ade?"},"content":{"rendered":"<p><em>Guenther Sandleben. <\/em>Einen Marx zu haben, ohne seine Revolutionstheorie \u2013 w\u00e4re das nicht eine wirklich komfortable Sache f\u00fcr Gewerkschaftler, Sozialdemokraten, linke Akademiker? Ein Kampf gegen das Lohnsystem<!--more--> k\u00f6nnte als theoretisch aussichtslos gebrandmarkt werden. Die Etablierung und Verbesserung des Sozialstaats, verbunden mit h\u00f6heren L\u00f6hnen w\u00fcrden als Endziel v\u00f6llig gen\u00fcgen. Und endlich w\u00e4re die Marxsche Kritik der politischen \u00d6konomie eine systemkonforme Grundlage, um Diskussionen \u00fcber Alternativen zu f\u00fchren, ohne dass Angst und Schrecken in der akademischen und parlamentarischen Welt verbreitet w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Der als Reformist und Revisionist bekannt gewordene Eduard Bernstein hatte solche Vorteile fr\u00fchzeitig erkannt. Kaum war Friedrich Engels, der enge Kampfgef\u00e4hrte von Karl Marx, verstorben, er\u00f6ffnete er in der Zeitschrift Die Neue Zeit die Artikelserie \u201eProbleme des Sozialismus\u201d, mit der er die Marxsche Revolutionstheorie als philosophisch-spekulativ, als unwissenschaftlich abtat und sie als \u201edas Produkt eines Restes Hegelscher Widerspruchsdialektik\u201d aus der Marxschen Kritik\u00a0 der politischen \u00d6konomie zu entfernen meinte. Seit jenen Tagen reproduzieren akademische Geister variantenreich diese alte These.<\/p>\n<p>Marx\u2019 Revolutionstheorie, schrieb k\u00fcrzlich Ingo Elbe, resultiere \u201ekeineswegs\u00a0aus den Kernannahmen seiner Kritik der politischen \u00d6konomie, sondern aus geschichtsphilosophischen Pr\u00e4missen, die deren Einsichten fundamental widersprechen\u201d. <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>\u00a0In den 1970er Jahren meinte Prof. Dr. Rolf Peter Sieferle nachgewiesen zu haben, dass die Marxsche Revolutionstheorie nicht notwendiges inneres Resultat seiner Theorie sei. \u201eSeine Theorie der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft kann daher Geltung beanspruchen, auch wenn seine Revolutionsvorstellung historisch obsolet geworden ist.\u201d <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Dabei spricht einiges daf\u00fcr, dass es sich genau umgekehrt verh\u00e4lt. Die Marxsche Revolutionstheorie geht nicht aus blo\u00dfen\u00a0geschichtsphilosophischen Vorstellungen hervor. Sie ist auch nicht Resultat von Gerechtigkeitsvorstellungen. Marx entwickelt M\u00f6glichkeit und Notwendigkeit der Revolution aus den wirklichen Lebensverh\u00e4ltnissen, die er in seiner Kritik der politischen \u00d6konomie systematisch analysierte. Das Marxsche Kapital enth\u00e4lt eine Revolutionstheorie, ohne dass hier der konkret-historische Verlauf von Revolutionen, Organisationsfragen, Staatsbetrachtungen etc. analysiert werden. Dies blieb den politischen Schriften vorbehalten, darunter seinen Frankreichschriften.<\/p>\n<p>Zur Begr\u00fcndung meiner These gehe ich von einer Schrift aus, die Marx 1875 &#8211; acht Jahre nach Ver\u00f6ffentlichung des Kapitals &#8211; schrieb: Kritik des Gothaer Programms (in MEW 19). Schon dieser zeitliche Bezug entkr\u00e4ftet die Vorstellung, die Marxsche Revolutionstheorie sei eine Jugends\u00fcnde, die der sp\u00e4te Marx korrigiert habe.<\/p>\n<p><strong>Soziale und politische Revolution<\/strong><\/p>\n<p>\u201eZwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft\u201d, schreibt Marx, \u201eliegt die Periode der revolution\u00e4ren Umwandlung der einen in die andre.\u201d (MEW 19, S. 28) Diese soziale Revolution, also die grundlegende Umw\u00e4lzung der Gesellschaft, ist der erste Aspekt seiner Revolutionstheorie. Der zweite folgt gleich im n\u00e4chsten Satz: Der Periode der revolution\u00e4ren Umw\u00e4lzung \u201eentspricht auch eine politische \u00dcbergangsperiode, deren Staat nichts Anderes sein kann als die revolution\u00e4re Diktatur des Proletariats.\u201d Diese revolution\u00e4re Arbeiterregierung ist nur der politische Ausdruck der \u00dcbergangsperiode. Sobald diese abgeschlossen ist, verliert der Staat seine Existenzberechtigung. Der Staat stirbt ab.<\/p>\n<p>Mit dieser sozialen und politischen Revolution ist f\u00fcr Marx der Umw\u00e4lzungsprozess keineswegs abgeschlossen. Die Revolution reicht weiter.<\/p>\n<p><strong>Sozialistische Marktwirtschaft?<\/strong><\/p>\n<p>Nach erfolgreicher revolution\u00e4rer Umwandlung, f\u00e4hrt Marx fort, beginnt die \u201eerste Phase der kommunistischen Gesellschaft\u201d (MEW 19, S. 21). Es handelt sich um eine \u201egenossenschaftliche, auf Gemeineigentum an den Produktionsmitteln gegr\u00fcndete Gesellschaft.\u201d Die Wirtschaft wird also nicht mehr durch das kapitalistische Privateigentum zerst\u00fcckelt. Sie kann gemeinschaftlich, \u00fcberbetrieblich, gesamtgesellschaftlich organisiert werden.<\/p>\n<p>Bei diesem dritten Aspekt des Marxschen Revolutionsbegriffs ist strittig, inwieweit Warenform und Geld fortbestehen. Marx positioniert sich dazu eindeutig. \u201e\u2026 die Produzenten (tauschen) ihre Produkte nicht aus; ebenso wenig erscheint hier die auf Produkte verwandte Arbeit als Wert dieser Produkte\u2026, da jetzt, im Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft, die individuellen Arbeiten nicht mehr auf einem Umweg, sondern unmittelbar als Bestandteile der Gesamtarbeit existieren.\u201d (MEW 19, S. 19f)<\/p>\n<p>Seine These vom Verschwinden der Warenform und des Geldes hatte Marx zuvor im ersten Abschnitt des ersten Bandes des Kapitals sehr genau hergeleitet: Er unterschied dort zwischen der Ware, die Gebrauchswert und Tauschwert hat, und dem blo\u00df n\u00fctzlichen Produkt, das keinen Tauschwert, keinen Preis besitzt. Fehlt der Preis, dann existiert auch kein Geld.<\/p>\n<p>Der \u201eVerein freier Menschen\u201d, wie Marx die emanzipierte Gesellschaft im Kapital bezeichnet, produziert nur Produkte, keine Waren. Die Arbeit ist unmittelbar gesellschaftlich. Ihre sachliche Darstellung als Geld ist deshalb ausgeschlossen.\u00a0 \u201eDas Gesamtprodukt des Vereins\u201d, schreibt Marx (MEW 23, S. 93),\u00a0\u201eist ein gesellschaftliches Produkt. Ein Teil dient wieder als Produktionsmittel. Er bleibt gesellschaftlich\u201d. Die Arbeit w\u00fcrde gesellschaftlich planm\u00e4\u00dfig verteilt. \u201eDie gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten bleiben hier durchsichtig einfach in der Produktion sowohl als in der Distribution\u201d.<\/p>\n<p>Das blind wirkende Wertgesetz mit seinen Preisschwankungen und Wirtschaftskrisen hat aufgeh\u00f6rt zu existieren. Mit der Beseitigung der Warenform verschwindet nicht nur das Geld. Es kann sich nicht mehr in Kapital verwandeln. Die profitorientierte Produktion ist ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Mit dieser M\u00f6glichkeit einer grundlegenden gesellschaftlichen Ver\u00e4nderung er\u00f6ffnet Marx den ersten Band des Kapitals. Die M\u00f6glichkeit der Revolution durchzieht s\u00e4mtliche seiner \u00f6konomischen Schriften. Immer wieder verweist er darauf, dass die kapitalistische Produktionsweise eine historisch-spezifische Form des Produzierens ist. Historisch entstanden, ist deren \u00dcberwindung m\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>Sozialismus durch Umverteilung?<\/strong><\/p>\n<p>Der vierte Aspekt in der Marxschen Revolutionstheorie betrifft die Verteilungsverh\u00e4ltnisse.\u00a0Ver\u00e4rgert \u00fcber entsprechende Passagen des Gothaer Programms schreibt Marx: \u201e\u2026es (war) \u00fcberhaupt fehlerhaft, von der sogenannten Verteilung Wesens zu machen und den Hauptakzent auf sie zu legen. Die jedesmalige Verteilung der Konsumtionsmittel ist nur Folge der Verteilung der Produktionsbedingungen selbst; letztere Verteilung aber ist ein Charakter der Produktionsweise selbst.\u201d (MEW 19, S. 22)<\/p>\n<p>Erst wenn diese grundlegend ver\u00e4ndert wird, ist also eine grundlegend andere Verteilung m\u00f6glich. Alles andere ist Flickschusterei.<\/p>\n<p>\u201eDer Vulg\u00e4rsozialismus\u201d, f\u00e4hrt Marx fort, \u201ehat es von den b\u00fcrgerlichen \u00d6konomen \u00fcberkommen, die Distribution als von der Produktionsweise unabh\u00e4ngig zu betrachten \u2026 daher den Sozialismus haupts\u00e4chlich als um die Distribution sich drehend darzustellen.\u201d<\/p>\n<p>Die Revolution, so die These, muss die Ursache der ungleichen Verteilungsverh\u00e4ltnisse beseitigen, indem sie die Produktionsverh\u00e4ltnisse grundlegend umwandelt.<\/p>\n<p>Marx hatte diese Botschaft zuvor im Kapital systematisch ausgef\u00fchrt. \u201eDas bestimmte Verteilungsverh\u00e4ltnis\u201d, schrieb er res\u00fcmierend im dritten Band (MEW 25, S. 889), \u201eist also nur Ausdruck des geschichtlich bestimmten Produktionsverh\u00e4ltnisses\u201d.<\/p>\n<p>In welcher Weise sich die Verteilung \u00e4ndern kann, wird in der Kritik des Gothaer Programms nur angerissen. In einer h\u00f6heren Phase der kommunistischen Gesellschaft, die nicht mehr die\u00a0Muttermale der alten Gesellschaft enthalte, k\u00f6nne die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: \u201eJeder nach seinen F\u00e4higkeiten, jedem nach seinen Bed\u00fcrfnissen.\u201d (19, S. 21)<\/p>\n<p><strong>Arbeitsteilung und Teilarbeiter<\/strong><\/p>\n<p>Die Arbeit, schreibt Marx weiter, ist in der \u201eh\u00f6heren Phase der kommunistischen Gesellschaft\u201d nicht mehr nur \u201eMittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbed\u00fcrfnis geworden\u201d. Die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit sei verschwunden, ebenso der Gegensatz geistiger und k\u00f6rperlicher Arbeit.<\/p>\n<p>Die \u201eBefreiung der Arbeit\u201d hat hier keineswegs utopischen Charakter. Diese Befreiung der Arbeit a) vom blo\u00dfen Erwerbscharakter, b) von der Unterordnung unter die Arbeitsteilung und c) vom Gegensatz geistiger und k\u00f6rperlicher Arbeit soll schon als M\u00f6glichkeit in der fortentwickelten kapitalistischen Produktionsweise, in der gro\u00dfen Fabrik mit seiner Maschinerie enthalten sein. Allerdings sei die kapitalistische Anwendung der Maschinerie mit scheu\u00dflichen Auswirkungen f\u00fcr die Arbeiter verbunden: Tendenzen zur Verl\u00e4ngerung der Arbeitszeit, Reduktion des Menschen auf \u00f6de Teilfunktionen, Arbeitslosigkeit, Unsicherheit. \u201eDie Maschine wird mi\u00dfbraucht\u201d, so Marx im Kapital (MEW 23, S. 445) \u201eum den Arbeiter selbst von Kindesbeinen in den Teil einer Teilmaschine zu verwandeln\u201d.<\/p>\n<p>Durch eine andere Anwendungsweise der Maschine sei dies Elend vermeidbar. \u201eDa die Gesamtbewegung \u2026. von der Maschine (ausgeht), kann fortw\u00e4hrender Personenwechsel stattfinden ohne Unterbrechung des Arbeitsprozesses.\u201d (MEW 23, S. 443f). Eine effiziente Produktion wird m\u00f6glich, ohne den Produzenten dauerhaft durch einseitige Produktionst\u00e4tigkeit zu ruinieren. Das verk\u00fcmmerte Teilindividuum kann, wie Marx weiter schreibt, \u201edurch das total entwickelte Individuum (ersetzt werden), f\u00fcr welches verschiedene gesellschaftliche Funktionen einander abl\u00f6sende Bet\u00e4tigungsweisen sind.\u201d (MEW 23, S. 512)<\/p>\n<p>Mit der Befreiung der Arbeit als M\u00f6glichkeit, hatte Marx sich schon in den Pariser Manuskripten von 1844 und ebenso in der \u201eDeutschen Ideologie\u201d (1845\/46) besch\u00e4ftigt. Alle bisherigen Revolutionen, hei\u00dft es hier, h\u00e4tten die \u201eArt der T\u00e4tigkeit stets unangetastet\u201d gelassen, \u201ew\u00e4hrend die kommunistische Revolution sich gegen die bisherige Art der T\u00e4tigkeit richtet\u201d. (MEW 3, S. 69f).<\/p>\n<p><strong>Die M\u00f6glichkeit der Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Die M\u00f6glichkeit der Revolution, d. h. die M\u00f6glichkeit einer Umw\u00e4lzung in Richtung einer assoziierten, kommunistischen Produktionsweise hat Marx im Kapital systematisch entwickelt. Hier weist er nach, dass die heutige warenproduzierende Arbeit eine historisch besondere Art gesellschaftlicher Produktion ist. Dieser eigent\u00fcmliche gesellschaftliche Charakter der Arbeit kann beseitigt werden. Ebenso kann die darauf beruhende Warenform beseitigt werden. Gleiches gilt f\u00fcr die Geldform und die Kapitalform. Die Arbeitsweise selbst ist ver\u00e4nderbar. Eine grundlegend andere Welt ohne Warenform, ohne Geld, ohne Kapital und auch ohne die \u201eknechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit\u201d ist m\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>Die Notwendigkeit der Revolution \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Marx hat nicht nur einen neuen Horizont f\u00fcr das M\u00f6gliche er\u00f6ffnet. Er hat auch herausgefunden, warum die kapitalistische Entwicklung mehr und mehr in Richtung Revolution dr\u00e4ngt. Die Triebkraft dazu sah er nicht im blo\u00dfen Willen, nicht im menschlichen Drang nach Gerechtigkeit. Die wirklichen Verh\u00e4ltnisse sind es, die den revolution\u00e4ren Willen treiben.<\/p>\n<p>Die Notwendigkeit der Revolution hat Marx ganz allgemein mit dem wachsenden Widerspruch zwischen Produktivkr\u00e4ften und Produktionsverh\u00e4ltnissen in Verbindung gebracht.<\/p>\n<p>Manche haben ein solches Verh\u00e4ltnis rein technisch uminterpretiert. Dies technologisch ausgelegte Interpretationskonzept blendet die jeweils herrschenden historisch-spezifischen Verh\u00e4ltnisse aus. Es blendet die produzierenden Lohnarbeiter aus. Es blendet also das Kapitalverh\u00e4ltnis mit dem darin enthaltenen Zwangsverh\u00e4ltnis und den darin enthaltenen Kollisionen aus. Es begreift nicht, dass der Widerspruch zwischen Produktivkr\u00e4ften und kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnissen den Klassenkonflikt zum Inhalt hat.<\/p>\n<p><strong>\u2026 Werwolfs-Hei\u00dfhunger nach Mehrarbeit und Klassenkampf \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Im dritten Abschnitt des ersten Bandes des \u201eKapitals\u201d hat Marx\u00a0 \u201eDie Produktion des absoluten Mehrwerts\u201d, im vierten Abschnitt \u201eDie Produktion des relativen Mehrwerts\u201d thematisiert. Das Kapital, so die Marxsche Kernthese, versucht st\u00e4ndig die Arbeitszeit zu verl\u00e4ngern, die Intensit\u00e4t der Arbeit zu steigern und die L\u00f6hne zu dr\u00fccken. Es verschlechtert die Arbeits- und damit die Lebensbedingungen, um Kosten zu sparen. Die Menschen erhalten ihr Leben, indem sie es verk\u00fcmmern. Sie bilden f\u00fcr ihre eigenen Zwecke Koalitionen. Sie k\u00e4mpfen um die Legalisierung ihrer Koalitionen. In ihren K\u00e4mpfen entwickeln sie ihr Bewusstsein. Sie konstituieren sich als Klasse, als ein gemeinschaftlich handelndes Subjekt. In ihren K\u00e4mpfen gewinnen sie die F\u00e4higkeit, auch K\u00e4mpfe gegen das Lohnsystem zu f\u00fchren. Auf diese Weise entwickeln sich Umw\u00e4lzungsmomente der alten Gesellschaft.<\/p>\n<p><strong>\u2026 Proletarisierungstendenz \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Das Kapital muss akkumulieren. Das Kapitalverh\u00e4ltnis erweitert sich: Mehr Kapital auf dem einen Pol, mehr Lohnarbeiter auf dem anderen. Sie unterliegen denselben Bedingungen. Durch diese Bedingungen sind sie in den gleichen feindlichen Gegensatz zum Kapital gestellt.<\/p>\n<p>Mit dem wachsenden Heer von Lohnabh\u00e4ngigen w\u00e4chst die Masse des Elends, das aus der Lohnabh\u00e4ngigkeit hervorgeht. Ebenso w\u00e4chst der Druck, die Knechtschaft, die Entartung, die Ausbeutung. Marx f\u00fcgt hinzu: Es w\u00e4chst ebenso \u201edie Emp\u00f6rung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse.\u201d (MEW 23, S. 790f) Zusammen mit dieser Emp\u00f6rung wachsen die Kr\u00e4fte, die in Richtung Revolution dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p><strong>\u2026 Zusammenballung von Menschen \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Das Kapital kann nicht anders, als die Produktivkr\u00e4fte zusammen mit der Akkumulation zu steigern. Beides f\u00fchrt zu Ballungszentren: St\u00e4dte, Industrie-, Dienstleistungs- und Verwaltungszentren mit gro\u00dfen Wirtschaftseinheiten entstehen. Nicht nur das Heer von Lohnabh\u00e4ngigen w\u00e4chst, sie werden in gr\u00f6\u00dferen Massen zusammengedr\u00e4ngt. Dies bef\u00f6rdert ihre Kommunikation, ihren Zusammenschluss, ihre Kampfkraft.<\/p>\n<p><strong>\u2026 Konzentration und Zentralisation \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Akkumulation und neue gesellschaftliche Produktivkr\u00e4fte st\u00e4rken die Gro\u00dfproduktion. Konzentration und Zentralisation, Gro\u00dfbetriebe, Gro\u00dfprojekte, Kooperation auf immer gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfstab sind die Konsequenz. Das kapitalistische Privateigentum mit seinen beschr\u00e4nkten Planungs- und Organisationsm\u00f6glichkeiten wird zur Fessel. Marx schreibt res\u00fcmierend im Kapital: \u201eDie Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unvertr\u00e4glich werden mit ihrer kapitalistischen H\u00fclle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schl\u00e4gt. Die Expropriateurs werden expropriiert\u201d. (MEW 23, S. 791)<\/p>\n<p><strong>\u2026 \u00dcbergangsformen \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Bevor allerdings die \u201eStunde des kapitalistischen Privateigentums schl\u00e4gt\u201d, wird die Fessel durch die Entwicklung des Kreditsystems ein wenig gelockert. An die Stelle des kapitalistischen Einzeleigentums tritt mehr und mehr das Gesellschaftskapital: Die Aktiengesellschaft (Kapital der direkt assoziierter Individuen, der Aktion\u00e4re) ist die eine Form, der aus vielen Geldanlagen bestehende Kredit ist die andere Form.<\/p>\n<p>Die Produktionsmittel sind nun kein individuelles Eigentum, sondern bereits gesellschaftliches Eigentum. Marx nannte dies im dritten Band des Kapitals \u201eeine Aufhebung der kapitalistischen Privatindustrie auf Grundlage des kapitalistischen Systems\u201d (MEW 25, S. 454)<\/p>\n<p>Der Sprung hin zum gemeinschaftlichen Eigentum der Produzenten wird kleiner, da die gesellschaftliche Form des Eigentums bereits besteht.<\/p>\n<p>Der gesellschaftlichen Form muss nur der Kapitalcharakter abgestreift werden. Marx betrachtete die kapitalistischen Aktienunternehmen deshalb als \u201e\u00dcbergangsformen aus der kapitalistischen Produktionsweise in die assoziierte\u201d. (MEW 25, S. 456)<\/p>\n<p><strong>\u2026 Genossenschaften \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Genossenschaften waren f\u00fcr Marx so etwas wie das Wetterleuchten einer neuen Produktionsweise. Sie lieferten den Beweis, dass der Kapitalist als Funktion\u00e4r der Produktion gar nicht mehr n\u00f6tig sei. (MEW 25, S. 402) \u201eSie zeigen, wie naturgem\u00e4\u00df aus einer Produktionsweise sich eine neue Produktionsweise entwickelt und herausbildet.\u201d (S. 456) Marx bezeichnete die Kooperativfabriken als \u201e\u00dcbergangsformen\u201d.<\/p>\n<p>Allerdings verblieben sie innerhalb der alten Form und w\u00e4ren nur \u201edas erste Durchbrechen der alten Form.\u201d Alle M\u00e4ngel des bestehenden Systems w\u00fcrden sich notwendig reproduzieren. Die Arbeiter h\u00e4tten den Gegensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital nur in der Form aufgehoben, \u201eda\u00df die Arbeiter als Assoziation ihr eigener Kapitalist sind, d. h. die Produktionsmittel zur Verwertung ihrer eigenen Arbeit verwenden.\u201d (S. 456)\u00a0Eine grundlegende Umw\u00e4lzung w\u00fcrde von solchen Assoziationen\u00a0nicht ausgehen.<\/p>\n<p><strong>\u2026 Zyklische Krisen \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Im Kommunistischen Manifest wird die Krise als Sargnagel b\u00fcrgerlicher Verh\u00e4ltnisse herausgestellt: Sie\u00a0w\u00fcrde \u201eimmer drohender die Existenz der ganzen b\u00fcrgerlichen Gesellschaft in Frage stellen.\u201d (MEW 4, S. 467f) Das sp\u00e4ter im Kapital entwickelte Gesetz vom Fall der Profitrate sollte beweisen, dass die krisenhaften Ersch\u00fctterungen tendenziell zunehmen.<\/p>\n<p>Aus der gescheiterten Revolution von 1848 hatte Marx folgende Lehre gezogen: \u201eEine neue Revolution ist nur m\u00f6glich im Gefolge einer neuen Krisis. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese.\u201d (MEW 7, S. 440). Denn bei dieser allgemeinen Prosperit\u00e4t, die 1850 stattfand, k\u00f6nne\u00a0von einer wirklichen Revolution keine Rede sein. Eine solche Revolution sei nur in den Perioden m\u00f6glich, wo die modernen Produktivkr\u00e4fte und die b\u00fcrgerlichen Produktionsformen miteinander in Widerspruch gerieten.<\/p>\n<p>F\u00fcr Marx ist die Krise die Phase, in der sich der Widerspruch zuspitzt und gewaltsam gel\u00f6st werden muss. Die normal-kapitalistische L\u00f6sung besteht in der massenhaften Zerst\u00f6rung von Produktivkr\u00e4ften und Produkten. Weitere Produktivkr\u00e4fte werden stillgelegt. Massenarbeitslosigkeit und wachsendes Elend sind die Folgen.<\/p>\n<p>Die \u00dcberproduktion zeigt den Widersinn des Systems: Armut, gelegentlich Hungersnot inmitten des Reichtums. Manchmal verliert die kapitalistische Gesellschaft die F\u00e4higkeit, ihren Lohnabh\u00e4ngigen die Existenz zu sichern. Schon um ihre Not zu lindern, m\u00fcssen sie sich ihre Produktionsinstrumente aneignen, um die Produktion fortzusetzen. Die Eigentumsfrage wird f\u00fcr sie zur Lebensfrage.<\/p>\n<p>Diese Zuspitzung aller Widerspr\u00fcche und Gegens\u00e4tze dr\u00e4ngt zu einer sozialistischen L\u00f6sung der Krise.<\/p>\n<p><strong>Mystifikationen als Revolutionshindernis?<\/strong><\/p>\n<p>Marx unterschied zwischen dem \u201eeinstweiligen Ziel\u201d des Proletariats und dem geschichtlich notwendigen Ziel. Wenn die Lohnabh\u00e4ngigen einstweilen andere Ziele verfolgten, dann l\u00e4ge das an den Verh\u00e4ltnissen, aus denen Mystifikationen d.h. \u00a0Verblendungszusammenh\u00e4nge hervorgingen. Beispielsweise erscheine die Arbeit als bezahlt. Durch die Warenform wird der Ausbeutungszusammenhang vernebelt.<\/p>\n<p>Diese Verzauberung der Welt hat jedoch Grenzen: In der Krise z.B. platzen viele Tr\u00e4ume, die aus der verzauberten Welt des Konjunkturaufschwungs hervorgehen.<\/p>\n<p>Ein anderer Aspekt der Marxschen Mystifikationstheorie: Im unmittelbaren Arbeitsprozess zeigen sich die Herrschafts- und Knechtschaftsverh\u00e4ltnisse unmittelbar, gelegentlich in brutalsten Formen: Dem\u00fctigungen, Zwang, Entbehrungen, Entfremdung und der Kampf um die Mehrwertrate haben besondere Bedeutung. Im\u00a0unmittelbaren Arbeitsleben sind Mystifikationen d\u00fcnn ges\u00e4t und leichter \u00fcberwindbar.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ein dritter Aspekt: Im Kampf, den die Lohnabh\u00e4ngigen f\u00fchren m\u00fcssen, gewinnen sie wertvolle Erkenntnisse. Nebelbildungen werden zerst\u00f6rt, die unter normalen Bedingungen fortexistiert h\u00e4tten. Das Bewusstsein \u00e4ndert sich. Marx und Engels haben diesen Punkt hervorgehoben, als sie auf die bewusstseinsbildende Kraft revolution\u00e4rer T\u00e4tigkeit verwiesen: Die Revolution sei nicht nur n\u00f6tig, schrieben sie in der Deutschen Ideologie (MEW3, S. 70), \u201eweil die herrschende Klasse auf keine andere Weise gest\u00fcrzt werden kann, sondern auch, weil die st\u00fcrzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen\u201d.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.proletarische-briefe.de\/?p=591\"><em>proletarische-briefe.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. Dezember 2018<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u201eUmw\u00e4lzungsmomente der alten Gesellschaft\u201d Revolutionstheorie und ihre Kritik bei Marx, <a href=\"http:\/\/www.rote-ruhr-uni.com\/cms\/IMG\/pdf\/Umwalzungsmomente.pdf\">http:\/\/www.rote-ruhr-uni.com\/cms\/IMG\/pdf\/Umwalzungsmomente.pdf<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Sieferle, Die Revolution in der Theorie von Karl Marx, 1979, S. 11.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Guenther Sandleben. Einen Marx zu haben, ohne seine Revolutionstheorie \u2013 w\u00e4re das nicht eine wirklich komfortable Sache f\u00fcr Gewerkschaftler, Sozialdemokraten, linke Akademiker? Ein Kampf gegen das Lohnsystem<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6],"tags":[25,87,80,13,22,4],"class_list":["post-4573","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitswelt","tag-friedrich-engels","tag-marx","tag-politische-oekonomie","tag-strategie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4573","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4573"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4573\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4575,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4573\/revisions\/4575"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4573"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4573"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4573"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}