{"id":4576,"date":"2018-12-06T12:34:40","date_gmt":"2018-12-06T10:34:40","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4576"},"modified":"2018-12-06T12:34:40","modified_gmt":"2018-12-06T10:34:40","slug":"vom-identitaetswahn-zum-idealismus-zum-stand-der-geschlechterforschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4576","title":{"rendered":"Vom Identit\u00e4tswahn zum Idealismus? Zum Stand der Geschlechterforschung"},"content":{"rendered":"<p><em>Evelyn Annu\u00df.<\/em> In meinem Vortrag m\u00f6chte ich die Geschichte der Geschlechterforschung in der BRD skizzieren und eine Bestandsaufnahme dieses sich gegenw\u00e4rtig etablierenden Wissenschaftsfeldes machen. Es geht<!--more--> mir darin um Reflexivit\u00e4t, um eine kritische Bestimmung der Entwicklungsprozesse innerhalb dieses Wissenschaftsfeldes, in dem ich arbeite. Dem erkl\u00e4rten Ziel der roten ruhr-uni \u2013 &#8222;politische Handlungsperspektiven hin zu einer emanzipatorischen Praxis zu entwickeln&#8220; \u2013 kann ich dabei nicht dienen, obwohl ich es teile, sonst w\u00e4re ich nicht hier. Aber ich wurde eingeladen, um etwas \u00fcber feministische Theorie zu sagen und das f\u00fchrt aus meiner Perspektive weniger zur Frage nach emanzipatorischer Praxis, als zu der nach dem Verh\u00e4ltnis von Theorie und Politik. Mein Beitrag ist allenfalls Kritik der Politik, insbesondere einer spezifischen Form der Theoriepolitik, ich verstehe ihn als Intervention gegen den Radikalit\u00e4tsbonus, der meinem Feld zugeschrieben wird, und gegen den akademischen Politizismus. Den feministischen oder linken Stimmf\u00fchreranspruch von AkademikerInnen halte ich bestenfalls f\u00fcr ein Selbstmissverst\u00e4ndnis, einen falschen Versuch der Sinnstiftung von Intellektuellen. \u00dcber gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen entscheidet die Praxis, nicht die Theorie. Sie ist der Praxis nachgeordnet; ihre Interventionsm\u00f6glichkeiten beschr\u00e4nken sich weitgehend auf das akademische Feld.<\/p>\n<p>Gerade die Geschlechterforschung ist ein spannendes Untersuchungsfeld, wenn man sich die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Wissenschaft und Politik stellt, weil sowohl ihre Anf\u00e4nge als auch der Wandel der Forschungsparadigmen gekennzeichnet ist vom Rekurs auf politische Rhetoriken und Kapitale.<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Entwicklung und Stand der Geschlechterforschung<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Auseinandersetzungen um die Kategorie Geschlecht innerhalb des akademischen Feldes, die sog. Gender-Debatte der letzten Jahre, l\u00e4sst sich als Umbruchsituation in der Geschlechterforschung interpretieren. Verorten lie\u00dfe sich diese Umbruchsituation im Trend zur Enttraditionalisierung nicht nur der Geschlechter-, sondern auch der Familienverh\u00e4ltnisse und der damit verkn\u00fcpften Ver\u00e4nderung und Fluidit\u00e4t der Geschlechterbilder. Dieser Trend zeichnet sich im Ansatz bereits seit den sechziger Jahren in der BRD ab. Er ist eine Grundvoraussetzung f\u00fcr die Entstehung der Geschlechterforschung, die Bedingung der M\u00f6glichkeit n\u00e4mlich f\u00fcr die innerakademischen Geschlechterk\u00e4mpfe, die schlie\u00dflich zur Etablierung eines neuen Wissenschaftsfeldes f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Mich interessiert in erster Linie der bonding-Aspekt, die Bildung und Restrukturierung von Kartellen im akademischen Feld, und ihre Auswirkungen auf die wissenschaftliche Diskursproduktion. Bourdieu hat im Homo Academicus vorgef\u00fchrt, wie sich bestimmte wissenschaftliche K\u00e4mpfe auch als Ausdruck inneruniversit\u00e4rer Wandlungs- und Konkurrenzprozesse empirisch untersuchen lassen. Eine derartige Studie f\u00fcr die Entwicklung der Geschlechterforschung, die auch die internen K\u00e4mpfe mitreflektiert, steht bislang aus, sie scheint mir aber angesichts gegenw\u00e4rtiger Mythenbildungen sowohl von Seiten frauenpolitischer Traditionalistinnen als auch der vermeintlich radikalen H\u00e4retikerInnen aus dem Feld des Dekonstruktivismus n\u00f6tig zu sein, um die Eigendynamiken und daraus resultierenden inhaltlichen Verzerrungen in der Wissensproduktion der Geschlechterforschung sichtbar zu machen. Die Schwierigkeit einer solchen Studie besteht in der undurchdringlichen Vermischung politischer und wissenschaftlicher Anspr\u00fcche wie Rhetoriken innerhalb der Geschlechterforschung sowie in der Heterogenit\u00e4t dieses Feldes. Die politischen \u00dcberdeterminierungen und die feldspezifische Komplexit\u00e4t machen es allerdings besonders spannend, gerade die Geschlechterforschung zum Gegenstand soziologischer Betrachtung zu machen. Ich kann im Folgenden nur einige Aspekte ansprechen, die f\u00fcr eine grundlegende und systematische empirische Studie relevant w\u00e4ren. Dazu m\u00f6chte ich einen Blick auf die Institutionalisierungsgeschichte der Geschlechterforschung und die gleichzeitigen feldimmanenten Diskursverschiebungen werfen. Die fachspezifischen und regionalen Differenzen blende ich aus, um eine grobe Entwicklungslinie nachvollziehbar zu machen.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren haben sich die Rahmenbedingungen der Geschlechterforschung in der BRD grundlegend ver\u00e4ndert. Ihre Anf\u00e4nge in den siebziger Jahren waren gekennzeichnet vom multidisziplin\u00e4ren bonding von Frauen aus unterschiedlichen Wissenschaftsfeldern. \u00dcber die Erfahrung des Ausschlusses insbesondere aus den h\u00f6heren Statusgruppen der Universit\u00e4t entwickelte sich ein inhaltliches Interesse an der damals sog. Frauenforschung. Dieses Interesse wurde zun\u00e4chst explizit als politischer Einsatz in einem von M\u00e4nnerkartellen beherrschten Wissenschaftsspiel verstanden. Die Durchsetzung der Frauenforschung konnte sich vom Selbstverst\u00e4ndnis her auf die Frauenbewegung und ihre politischen Ziele berufen. Allerdings war der akademische \u2019Siebziger-Jahre-Feminismus\u2019, die Anf\u00e4nge der Geschlechterforschung also, keineswegs ausschlie\u00dflich vom essentialistischen Identit\u00e4tswahn gekennzeichnet, wie heute oftmals behauptet wird. Theoriepolitisch stand ein signifikanter Teil der hiesigen sog. Frauenforschung damals in einem heute noch kaum mehr erinnerten mehr oder weniger festen B\u00fcndnis mit der Kritischen Theorie, mit materialistischer, marxistischer Gesellschaftswissenschaft. Vergegenw\u00e4rtigt man sich die breite wissenschaftliche Produktion zum Thema Klasse und Geschlecht beispielsweise, greift der verallgemeinernde Vorwurf gegen\u00fcber dem \u2019Siebziger-Jahre-Feminismus\u2019, er habe die Differenzen zwischen Frauen zugunsten einer identit\u00e4tsfetischistischen Frauenpolitik ausgeblendet, nicht.<\/p>\n<p>Seit den achtziger Jahren kam es zur Etablierung und gleichzeitigen Disziplinarisierung der nun oftmals sog. Feministischen Wissenschaft. In dieser \u2019Resignifikation\u2019 des Projekts Frauenforschung deutete sich eine Umorientierung an: Es wurde nicht l\u00e4nger direkt auf die von den inneruniversit\u00e4ren Schlie\u00dfungsmechanismen betroffenen Frauen verwiesen, sondern eine inhaltliche Fokussierung auf deren theoriepolitisches Ziel vorgenommen: die Kritik der \u2019m\u00e4nnlichen Wissenschaft\u2019. Mit der Einrichtung von Frauenprofessuren und Schwerpunktsetzungen in den einzelnen F\u00e4chern kam es zur disziplin\u00e4ren Nischenbildung. Diese Disziplinarisierung funktioniert stellenweise \u00fcber identit\u00e4tspolitische Rhetoriken, die die ersten Schritte in Richtung Institutionalisierung f\u00fcr den malestream ungef\u00e4hrlich erscheinen lie\u00dfen. Der Trend, den verschiedenen wissenschaftlichen und sozialen Positionen von Frauen eine relative Koh\u00e4renz zu verleihen, wich allerdings schnell der breiteren internen Konkurrenz in den jeweiligen Disziplinen. In der zweiten H\u00e4lfte der achtziger Jahre wurde schlie\u00dflich deutlich, dass die diskursiv erzeugte homologe Position von Frauen im universit\u00e4ren Feld angesichts der dortigen Konkurrenzk\u00e4mpfe nicht mehr funktionierte. Der gender turn, der einherging mit der allm\u00e4hlichen Umbenennung der Frauen- oder feministischen in Geschlechterforschung, f\u00fchrte zur weiteren Verwissenschaftlichung und Entpolitisierung, zur Abkehr von der Frauenpolitik. Die Relationalit\u00e4t der Geschlechterverh\u00e4ltnisse und -bilder wurde nun st\u00e4rker exponiert. Dabei verlor das explizit politische, feministische Selbstverst\u00e4ndnis der Geschlechterforschung an Gewicht. Dieser Trend und die zunehmende Etablierung im akademischen Feld haben sich wechselseitig bedingt. Die Kategorie Geschlecht konnte in dem Moment allgemein forschungs- und f\u00f6rderungsrelevant werden, in dem bereits eine ansatzweise Etablierung stattgefunden hatte und die wissenschaftliche Arbeit nicht mehr unmittelbar politisch besetzt war. Seit den neunziger Jahren wurden erste Graduiertenkollegs zum Thema eingerichtet und f\u00e4cher\u00fcbergreifende Zentren zur sog. Interdisziplin\u00e4ren Geschlechterforschung geschaffen.. In diesem Jahr wurden nun die Magister-Teilstudieng\u00e4nge er\u00f6ffnet. Au\u00dferdem sind weitere Aufbaustudieng\u00e4nge in Planung. Die Geschlechterforschung boomt trotz der aktuellen Finanzkrise an den Hochschulen.<\/p>\n<p>Ihre Etablierung ist ein Ph\u00e4nomen, das sich von der Herausbildung herk\u00f6mmlicher Disziplinen unterscheidet. Das gilt sowohl f\u00fcr die urspr\u00fcngliche Verwurzelung in einer neuen sozialen Bewegung als auch im Hinblick darauf, dass das Wissenschaftsfeld Geschlechterforschung sich auch weiterhin nicht als eigenst\u00e4ndige Disziplin konstituieren wird. Die neuen Studieng\u00e4nge sind dementsprechend f\u00e4cher\u00fcbergreifend organisiert und mit unterschiedlichen Schwerpunktbildungen in den einzelnen Disziplinen verankert. Momentan findet eher eine f\u00e4cher\u00fcbergreifend organisierte disziplin\u00e4re Expansion als der Auszug aus den einzelnen F\u00e4chern statt. Das schl\u00e4gt sich auch in den inzwischen hochprofessionalisierten Forschungen innerhalb der einzelnen F\u00e4cher nieder. An die Stelle der anf\u00e4nglichen Ausgrenzung und Isolierung der Frauennischen ist die Eingemeindung in den Wissenschaftsbetrieb getreten. Die Geschlechterfrage wird gleichzeitig nicht mehr einfach delegitimiert und delegiert, sondern allm\u00e4hlich als wissenschaftliche ernst genommen und auf breiter Basis aufgegriffen.<\/p>\n<p>Angesichts dieser Umbruchsituation \u2014 f\u00e4cher\u00fcbergreifende Institutionalisierung, Verwissenschaftlichung und Entpolitisierung der herk\u00f6mmlichen Ans\u00e4tze \u2014 scheinen mir die Verhandlungen dar\u00fcber, was dieses hochgradig ausdifferenzierte Wissenschaftsfeld zumindest auf der Diskursebene zusammenh\u00e4lt, von spezifischem Interesse zu sein. Als argumentative Klammer dieser inter- oder transdisziplin\u00e4ren Verankerung der Geschlechterforschung dient der Verweis auf die gesellschaftliche Relevanz der Geschlechterverh\u00e4ltnisse und auf die Wissenschaftskritik. Die zentrale Relevanz der Kategorie Geschlecht f\u00fcr die Produktion und Organisation von Wissen ist eine der zentralen Begr\u00fcndungen f\u00fcr die derzeitige Etablierung der Geschlechterforschung. Daraus erkl\u00e4rt sich m\u00f6glicherweise die viel beachtete und aufgeregt gef\u00fchrte Gender-Debatte der letzten Jahre. Die sich seit einigen Jahren abzeichnende Institutionalisierung der Geschlechterforschung als disziplinen\u00fcbergreifendes Feld wurde m.E. eingel\u00e4utet bzw. begleitet von metatheoretischen, transdisziplin\u00e4ren Auseinandersetzungen um die Kategorien Geschlecht und Identit\u00e4t. In diesem Kontext ist auch der Import Judith Butlers zu sehen. \u00dcber die Auseinandersetzungen um Butler wird hierzulande die Definitionsmacht dar\u00fcber ausgehandelt, was Gegenstand der Geschlechterforschung und wer f\u00fcr die wissenschaftliche Arbeit in diesem spezifischen Feld zust\u00e4ndig ist.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> Die Funktion der Gender-Debatte<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die bisherige Kritik der Texte Butlers entz\u00fcndete sich im deutschsprachigen Kontext vor allem an Fragen nach k\u00f6rperlicher Materialit\u00e4t. Sie zielte auf deren tats\u00e4chlich missverst\u00e4ndliche Formulierungen in Gender Trouble, Das Unbehagen der Geschlechter, der K\u00f6rper sei als Fiktion bzw. Geschlechteridentit\u00e4ten seien als Wahrheitseffekte eines Diskurses zu verstehen. Interessant erscheinen mir an den Auseinandersetzungen um Butler eher die Auslassungen als die z.T. berechtigten inhaltlichen Kritikpunkte zu sein: die Entnennung der eigentlichen theoriepolitischen Intervention Butlers \u2014 stellvertretend f\u00fcr die queer theory \u2014 im Feld der Geschlechterforschung, d.h. die Ausblendung ihrer Kritik der heterosexuellen Matrix.<\/p>\n<p>Butlers Ableitung naturalisierter Zweigeschlechtlichkeit aus der heterosexuellen Matrix der herrschenden Geschlechterordnung widerspricht dem mainstream der Geschlechterforschung in der BRD, der sich auf die Kritik an der hierarchischen Differenzierung von Frauen und M\u00e4nnern konzentriert und diese allzu oft totalisiert hat. In der Kritik an Butler wurde nun immer wieder im Verweis auf die biologischen Voraussetzungen der Geschlechterdifferenz, die Geb\u00e4rf\u00e4higkeit als Unterscheidungsmerkmal zwischen Frauen und M\u00e4nnern zum Hauptwiderspruch erkl\u00e4rt und damit an einer dyadischen Konzeption der Geschlechterdifferenz festgehalten. Polemiken von Barbara Duden oder Treusch-Dieter, auch die Reduktion von vergeschlechtlichten Existenzweisen auf zwei distinkte, soziale Geschlechter etwa bei Andrea Maihofer, k\u00f6nnen nicht nur als Verweis auf den materialen Charakter geschlechtshierarchischer Verh\u00e4ltnisse verstanden werden; sie lassen sich auch als theoriepolitische Gegenstrategien gegen den Perspektivenwechsel in der Geschlechterforschung lesen. Die permanente Ausblendung von Butlers expliziter Bearbeitung heterosexistischer Machtverh\u00e4ltnisse lie\u00dfe sich demnach auf der Ebene eines kollektiven Unbewussten verstehen als Abwehr- und Verteidigungskampf gegen die Bedrohung, die die queer theory im Feld der Geschlechterforschung offenbar darstellt. Diese Bedrohung liegt m.E. in der Redefinition dessen, was als relevanter Forschungsgegenstand betrachtet wird und wem gewisserma\u00dfen naturw\u00fcchsig die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr diesen Forschungsgegenstand zukommt. Auf dem beengten Terrain der bundesrepublikanischen Geschlechterforschung wurde in der Gender-Debatte aus meiner Sicht noch etwas anderes ausgefochten als die Frage nach der Materialit\u00e4t der K\u00f6rper. Indizien daf\u00fcr sind 1. die erstaunliche Sch\u00e4rfe der Kritik (Duden) und 2. die Nichtzurkenntnisnahme und Neutralisierung der spezifischen Eins\u00e4tze von Butler. Die Entsch\u00e4rfung in der Rezeption besteht darin, die These von der heterosexuellen Matrix als Voraussetzung von Zweigeschlechtlichkeit schlicht auszublenden, sie also gar nicht erst als kritikw\u00fcrdig darzustellen.<\/p>\n<p>Die Voraussetzung daf\u00fcr, dass Butler im deutschsprachigen Kontext \u00fcberhaupt in diesem Ma\u00dfe rezipiert wurde, ist im Kern bereits angelegt in deren theoretischem Spieleinsatz. Sie erkl\u00e4rt auch, warum im Gegensatz dazu die weniger metatheoretisch als am konkreten Gegenstand orientierten Arbeiten aus dem Dunstkreis der queer theory in der BRD erst gar nicht gelesen wurden. Diese fielen schlicht aus dem Interessens- und Zust\u00e4ndigkeitsbereich der hiesigen Geschlechterforschung heraus. Das Unbehagen der Geschlechter tritt hingegen als fundamentaltheoretische Reformulierung und Neubestimmung der Kategorie Geschlecht auf, um die heterosexuelle Matrix als Grundvoraussetzung von Zweigeschlechtlichkeit bzw. von deren Naturalisierung darzustellen. In dem Moment, in dem auf metatheoretischer Ebene die ideologische Rahmung eines ganzen Wissenschaftsfeldes verhandelt wurde, musste Butlers Einsatz von einigen als grundlegende Provokation begriffen werden. Verhandelt wurde diese Provokation allerdings \u00fcber die Frage k\u00f6rperlicher Materialit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Butler-Rezeption ist ein Krisenph\u00e4nomen. Die bisherigen Fragestellungen und Perspektivierungen der Geschlechterforschung sind Verhandlungsmasse geworden und die organische, standpunkttheoretische Kopplung des Gegenstandes Geschlecht an das Geschlecht der bisher fast ausschlie\u00dflich weiblichen Forschungssubjekte erscheinen fragw\u00fcrdig. Die \u00d6ffnung der Geschlechterforschung f\u00fcr Lesben- und Schwulenthemen ist eines der Einfallstore f\u00fcr M\u00e4nner in ein sich gerade etablierendes Wissenschaftsfeld. Dies umso mehr, als die Sexualit\u00e4tsforschung, in deren Zusammenhang sich die queer theory auch verortet, in der BRD bislang fast ausschlie\u00dflich eine Schwulendom\u00e4ne au\u00dferhalb der Vernetzungszusammenh\u00e4nge der Geschlechterforschung ist. In der Gender-Forschung geht es implizit ums Eingemachte. Darin scheint mir die Sprengkraft der Popularisierung der queer theory in der BRD zu liegen. Referenzpunkt ist f\u00fcr sie nicht die soziale Ungleichheit zwischen Frauen und M\u00e4nnern, sondern die symbolischen Schlie\u00dfungen gegen\u00fcber nichtanerkannten Sexualit\u00e4ten und die damit verkn\u00fcpften Grenzbereiche der vermeintlich distinkten Bezugsgr\u00f6\u00dfen Frauen und M\u00e4nner. Der Butler-Rezeption kommt hierzulande eine spezifische Funktion zu, weil sie die br\u00fcchig gewordenen Koalitionen zwischen Frauen zu einem Zeitpunkt sichtbar macht und in Frage stellt, zu dem \u00fcber die Zusammensetzung eines Wissenschaftsfeldes neu verhandelt wird. Diese Koalitionen, die die Voraussetzungen der Geschlechterforschung erk\u00e4mpft haben, stehen zur Disposition. Insofern kommt der Einsatz der queer theory der allm\u00e4hlichen Umstrukturierung des Territoriums der Geschlechterforschung entgegen. Die neuen Allianzen der queer theory jenseits von frauenpolitischen Fundamentalismen entsprechen den ohnehin stattfindenden Aufl\u00f6sungstendenzen der alten Frauenpolitiken innerhalb des akademischen Feldes und der allm\u00e4hlichen Unterst\u00fctzung der Institutionalisierung von Geschlechterforschung durch M\u00e4nner. Es ist also keineswegs mehr klar, warum gerade Frauen f\u00fcr die Erforschung der Kategorie Geschlecht zust\u00e4ndig sein sollten, wenn sich das Selbstverst\u00e4ndnis des Wissenschaftsfeldes entpolitisiert, entfeminisiert und akademisiert.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Wissenschaft und Politik ist Butlers Ansatz besonders spannend. Akademisierte Form und politizistischer Inhalt ihrer Texte machen sie zu einem spezifischen Ph\u00e4nomen in der Wissenschaftslandschaft. Der Rekurs auf den Dekonstruktivismus und die damit verkn\u00fcpfte enorme intellektuelle Anstrengung entspricht dem momentanen Trend zur Akademisierung der Geschlechterforschung. Allerdings beruft sich die queer theory ihrerseits auf eine politische Rhetorik, die der Seriosit\u00e4t und Verwissenschaftlichungstendenz der Geschlechterforschung eigentlich widerspricht, m\u00f6glicherweise aber auch deren Attraktivit\u00e4t f\u00fcr die Underdogs in der alma mater ausmacht. Wie die Frauenforscherinnen der ersten Stunde greifen die queer theorists auf kulturelle und politische Bewegungskapitale au\u00dferhalb des universit\u00e4ren Feldes zur\u00fcck. Der Rekurs auf neue soziale Bewegungen und politische Argumentationsfiguren bezieht sich diesmal nur nicht auf die Frauenbewegung, sondern auf queer politics. Deren Kritik feministischer Identit\u00e4tspolitik bedeutet allerdings keineswegs die generelle Abnahme von Bornierungen, sondern eher eine Reorientierung, die wiederum andere Formen des \u2014 mit Butler gesprochen \u2014 konstitutiven Au\u00dfen produzieren bzw. theoretisch ratifizieren. Um das deutlich zu machen, m\u00f6chte ich kurz den Politikbegriff Butlers skizzieren.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> Butlers Politizismus<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Bereits Gender Trouble ist erkl\u00e4rterma\u00dfen der Versuch, \u00fcber den Begriff der Performativit\u00e4t einen kritischen Beitrag zur Politik der Geschlechter zu leisten. Performativit\u00e4t wird hier jedoch im Kontext von performance verortet und Geschlecht nicht als nat\u00fcrlicher Ausdruck, sondern als wiederholte Darbietung begriffen. Butler fragt im Hinblick auf drag performances nach der M\u00f6glichkeit entnaturalisierter Performanz und verallgemeinert so die Sprengkraft von drag. Ihr Begriff des Politischen ist explizit an den der Identit\u00e4t gekoppelt: Indem sie Identit\u00e4t auf Foucault verweisend als Bezeichnungspraxis begreift, stellt sie die Resignifikation von Identit\u00e4ten als Politikum dar. Agency, politische Handlungsm\u00f6glichkeit, versteht Butler somit im Kontext von Resignifikation. Die M\u00f6glichkeit dieser Umbenennung, die Voraussetzung von agency, lokalisiert sie im auch f\u00fcr ihre sp\u00e4teren Ver\u00f6ffentlichungen konstitutiven Aspekt der Wiederholung von Normen in sozialen Praxen. Es geht ihr um die Frage, wie Normen durch ihre subversive Wiederholung in der Praxis verschoben werden k\u00f6nnen. Darin liegt f\u00fcr Butler das eigentlich politische Projekt von Gender Trouble begr\u00fcndet. Dieses politische Projekt besteht in der radikalen Vervielf\u00e4ltigung der Geschlechteridentit\u00e4ten und ihrer Entnaturalisierung. \u00c4hnlich wie Hark umschreibt Butler das als Erweiterung des herk\u00f6mmlichen Politikbegriffs, keineswegs als dessen Dekonstruktion. Impliziert ist damit lediglich die Destabilisierung von Identit\u00e4tspolitiken. Das Paradigma Identit\u00e4tspolitik wird damit nicht wirklich \u00fcberwunden; es wird vielmehr modernisiert. Wichtig ist die Ebene, auf der Politik hier angesiedelt ist. Die &#8222;neue Konfiguration der Politik&#8220;, von der in Gender Trouble die Rede ist, bezieht sich kritisch auf die fundamentalistische Basisannahme eines fixierten, notwendig phantasmatischen Wir herk\u00f6mmlicher Identit\u00e4tspolitiken. Sie bewegt sich aber auf dem gleichen Terrain; politisches Ziel ist die Anerkennung von Differentem. Ausgangspunkt dieser Butlerschen \u2019neuen\u2019 Konfiguration von Politik sind die Subjekte und deren bedeutungskonstituierende Praxen, die bestimmte vergeschlechtlichte Identit\u00e4tsformen wiederholen und damit produzieren \u2014 reproduzieren und verschieben. Damit reduziert Butler den Begriff des Politischen auf das Feld es Symbolischen.<\/p>\n<p>Das verdeutlicht sie in Bodies That Matter, in dem sie queerness als politischen Akt, als Umarbeiten der Verworfenheit in politische Handlungsf\u00e4higkeit, bestimmt. Die \u2019normative\u2019 Dimension ihrer Arbeit besteht Butler zufolge darin, &#8222;eine radikale Resignifikation des symbolischen Bereichs zu unterst\u00fctzen, (&#8230;) um die eigentliche Bedeutung dessen, was in der Welt als ein gesch\u00e4tzter und wertvoller K\u00f6rper gilt, zu erweitern.&#8220; Es geht also um die Erweiterung des gesellschaftlich Anerkannten. Was trotz der Reformulierung des Performativit\u00e4tsbegriffs auch f\u00fcr Bodies That Matter bestimmend bleibt, ist seine Fokussierung bzw. seine Beschr\u00e4nkung auf das Feld des Symbolischen. Es geht darum, wie das, &#8222;was verworfen worden ist, (&#8230;) unvermittelt als eine st\u00f6rende Wiederkehr produziert werden k\u00f6nnte, (&#8230;) als eine erm\u00f6glichende Aufsprengung, als Anlass f\u00fcr eine radikale Reartikulation des symbolischen Horizonts, vor dem K\u00f6rper \u00fcberhaupt erst Gewicht haben.&#8220; Politisches Ziel ist also, die von Butler als radikal verstandene &#8222;Reartikulation des symbolischen Horizonts&#8220; und damit die Anerkennung derjenigen Identit\u00e4tsformen, die bisher als illegitime die konstitutive Grenze der legitimen Identit\u00e4tsformen waren.<\/p>\n<p>In Excitable Speech, 1997 ver\u00f6ffentlicht, geht es um die Verletzbarkeit durch und das \u00dcberleben in der Sprache, um eine Theorie linguistischer Handlungsm\u00f6glichkeit. Die mit Bodies That Matter eingeleitete sprechakttheoretische Wende des Performativit\u00e4tsbegriffes setzt sich hier fort. Wurde in Bodies That Matter agency allerdings gerade aus der strukturellen Iterabilit\u00e4t von Sprache abgeleitet \u2014 aus der unkontrollierbaren Verschiebung in jeder wiederholenden Benennung, die aus der Sprengkraft des konstitutiven Au\u00dfen sprachlicher Identifizierung resultiert \u2014 distanziert sich Butler in Excitable Speech von Derridas Verst\u00e4ndnis der Sprache als Schrift und kritisiert die Ausblendung des \u2019Sozialen\u2019. Eine Antwort auf die Frage, wie agency gesellschaftlich konkret zu denken sei, bleibt sie allerdings schuldig. Sie weicht vielmehr erneut aus in eine abstrakt-theoretische Diskussion \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Bourdieu und Derrida. Die von Bourdieu dargelegte implizite Zensur, die er mit dem Mangel an kulturellem und sozialem Kapital begr\u00fcndet, versucht Butler mit der dekonstruktivistischen Iterabilit\u00e4tsvorstellung kurzzuschlie\u00dfen. Sie beschlie\u00dft Excitable Speech mit der Forderung nach einer weiterf\u00fchrenden Theorie der Sprache und des Bezeichnens, um zuk\u00fcnftige, nie antizipierbare Politikformen zu postulieren. &#8222;Insurrectionary speech becomes the necessary response to injurious language (&#8230;), a repetition in language that forces change.\u2019\u2019 Die Bedingungen der M\u00f6glichkeit von \u2019insurrectionary speech\u2019, eines aufst\u00e4ndischen Sprechens also, bleiben ebenso unbenannt wie die inhaltlichen Bestimmungen. Diese beiden Aspekte allerdings lassen sich nicht abstrakt im Rekurs auf das dekonstruktivistische Gerechtigkeitsethos gegen\u00fcber dem Supplement des Ausgesprochenen fassen. Die Dialektik von Wiederholung, Norm und agency bzw. insurrectionary speech l\u00e4sst sich nur jeweils empirisch im konkreten Kontext nachvollziehen. Das ist das Manko von Butlers Vision einer \u2014 wie sie sagt \u2014 \u2019unantizipierbaren politischen Zukunft des dekonstruktiven Denkens.\u2019<\/p>\n<p>Was sich dahinter verbirgt ist die radikal idealistische Vorstellung, dass Resignifikation durch Iterabilit\u00e4t die politische Ver\u00e4nderung selber sei \u2014 &#8222;a repetition in language that forces change&#8220;. In dieser Vorstellung wesentlich ausgespart bleiben die strukturellen Rahmenbedingungen des symbolischen Politikfeldes. Die Konstitutionsbedingungen von \u00d6ffentlichkeit und deren institutionelle Voraussetzungen werden nicht mehr analysiert bzw. gesellschaftstheoretisch fundiert. Darin besteht der affirmative Charakter dieses Projekts, das die Partikularit\u00e4t des eigenen Ansatzes nicht ausweist und in Gender Trouble zun\u00e4chst mit dem Gestus des Revolution\u00e4ren als Fundamentaltheorie der Geschlechter ausgestattet war. Die strukturellen Voraussetzungen des demokratisch vermittelten Krieges aller gegen alle um gesellschaftliche Anerkennung wird so jedenfalls nicht mehr befragt, obwohl doch in Excitable Speech erkl\u00e4rterma\u00dfen gerade die implizite Zensur des Sagbaren zum Thema gemacht werden soll.<\/p>\n<p>&#8222;Das Verfassen von Texten kann ein Weg sein, das neu zu gestalten, was als die Welt gilt.&#8220; So hat Butler ihr Programm in Bodies That Matter formuliert. Bei aller Subjektkritik Butlers: Der idealistische Glaube an die perlokution\u00e4re Wirkungsmacht theoriepolitischer Intervention, des eigenen Performativs, bleibt auch noch in Excitable Speech erhalten. Butlers Referenzpunkt von \u2019insurrectionary speech\u2019 ist wiederum das, was als die Welt gilt \u2014 das Symbolische. Dahinter verbirgt sich ein idealistisches, seinerseits metaphysisches Selbstmissverst\u00e4ndnis intellektueller Produktion. Das konstitutive Au\u00dfen dieser partikularen Sicht auf die soziale Wirklichkeit sind die Vergesellschaftungsmechanismen, die unterschiedliche Ausschlie\u00dfungen in historisch spezifischer Weise ebenso produzieren wie die Sozialfigur des bzw. der Intellektuellen. Was in der umstandslosen Identifizierung der Dekonstruktion fixierter Identit\u00e4tsformen mit agency ausgeblendet bleibt, ist u.a. die kritische Reflexion des eigenen beschr\u00e4nkten Horizonts, der eigenen partikularen Fragestellungen wie Perspektivierungen im Vergesellschaftungszusammenhang. Damit korrespondiert Butlers Projekt der queer theory mit der Selbstaffirmation herk\u00f6mmlicher Ideologiekritik. Die wissenschaftliche Kritik am falschen Bewusstsein wird als die eigentliche politische Intervention verkauft.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus f\u00fchrt Butlers rein abstrakte Bestimmung von agency im symbolischen Feld zur weitgehenden Dethematisierung der Enttraditionalisierung der b\u00fcrgerlichen Familienverh\u00e4ltnisse und der zunehmenden Individualisierungstendenz in den Metropolen. Dieser gesellschaftliche Wandel hat aber mit zum Relevanzverlust der heterosexistischen Dominanzkultur beigetragen; nicht zuletzt ist dieser Relevanzverlust die Voraussetzung f\u00fcr Butlers Popularit\u00e4t: Gerade dieser Relevanzverlust erm\u00f6glicht auch im akademischen Feld den Ausblick auf die bislang strukturbildende Funktion der heterosexuellen Matrix. Er ist die Bedingung der M\u00f6glichkeit daf\u00fcr, dass der theoriepolitische Einsatz der queer theory nicht l\u00e4nger der impliziten Zensur unterworfen blieb. Insofern ist Butler Symptom. Daran l\u00e4sst sich verdeutlichen, inwiefern die umk\u00e4mpfte Produktion von Bedeutung und gesellschaftlich Anerkanntem abh\u00e4ngt von Entwicklungsprozessen auch jenseits des symbolischen Feldes. Was von Butler als radikaler Zug der queer politics begriffen wird, ist bereits Ausdruck der Prozesse, die ihr Konzept letztlich affirmiert: die neue Heterogenit\u00e4t von Subjektivit\u00e4tsformen, die mit der Entstehung von neuen Beziehungsformen einhergehenden neuen sozialen Bewegungen und Subkulturen, die Pluralisierung der Lebensstile und die kulturalistische Selbstverortung partikularer Symbolgemeinschaften, angesichts derer spezifische soziale und wirtschaftliche Interessen \u00fcberhaupt nicht mehr auf breiter Ebene thematisierbar werden, letztlich die abnehmende Bedeutung der Kategorie Geschlecht auch durch die Aush\u00f6hlung der b\u00fcrgerlichen Kleinfamilie \u2014 dem Scho\u00df der heterosexuellen Matrix.<\/p>\n<p>Butlers Pose des akademisierten Widerstandskampfes gegen den identit\u00e4tsfundamentalistischen und subjektzentrierten Verblendungszusammenhang verstellt also erstens den Blick auf die gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse. Sie ist zweitens Symptom nicht nur dieser Prozesse, sondern auch ihrer beschr\u00e4nkten Perspektive im akademischen Feld. War das intellektuelle Selbstverst\u00e4ndnis der fr\u00fchen Kritischen Theorie noch das des tragischen Statthalters der revolution\u00e4ren Massen, erscheint bei Butler die Dekonstruktion als intellektuelle Speerspitze einer neuen sozialen Bewegung, einer reorientierten und reflexiven Identit\u00e4tspolitik. Dieses identit\u00e4tspolitische Projekt zielt auf Anerkennung und Teilhabe innerhalb der Verh\u00e4ltnisse; vom Umsturz dieser Verh\u00e4ltnisse will es nichts mehr wissen. Das Politikkonzept der queer theory f\u00fchrt damit das fort, was bereits den Rekurs auf Frauenpolitik in der Geschlechterforschung ausgezeichnet hat. Das wiederum l\u00e4sst sich nicht nur mit Blick auf die innerakademischen territorialen K\u00e4mpfe erkl\u00e4ren, sondern ist auch Ausdruck des allgemeinen Wandels linker Politik.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong> Kontinuit\u00e4ten und kulturelle Linke<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Der Beginn der neuen Frauenbewegung und die daraus hervorgehenden Forschungsans\u00e4tze waren teilweise gekennzeichnet vom damaligen Wandel linken Politikverst\u00e4ndnisses bzw. sie pr\u00e4figurierten diesen Wandel. Ilse Bindseil hat das mit Blick auf die BRD-Geschichte als Paradigmenwechsel beschrieben: &#8222;Ende der APO, Ende des Linksradikalismus \u2014 als studentische Stellvertreterbewegung\u00a0-, Beginn der B\u00fcrgerinitiativen, darunter Frieden, \u00d6kologie, Tierrecht, Frauen.&#8220; Als politischen Paradigmenwechsel also, &#8222;der einen Strich unter das Thema \u2019Klassenkampf\u2019 zog und eine neue postklassenk\u00e4mpferische B\u00fcrgerlichkeit einl\u00e4utete.&#8220; Das l\u00e4sst sich grob begreifen als allm\u00e4hliche Abkehr von der Thematisierung der Klassenverh\u00e4ltnisse hin zu einer Besch\u00e4ftigung mit spezifischen Gruppenidentit\u00e4ten und dem Kampf um deren Anerkennung, zur Identit\u00e4tspolitik also. Auch die in den achtziger Jahren aus den USA importierten Rassimusdiskussionen und die damit einhergehenden Umakzentuierungen der Differenzen zwischen Frauen lassen sich retrospektiv weitgehend als Fortsetzung einer kulturalistischen Wende in der feministischen Diskussion lesen. Zwar wurden die Interartikulationen von gender, race and class und multiple oppression diskutiert, also vielf\u00e4ltige und heterogene, in je spezifischen Wechselverh\u00e4ltnissen stehende Unterdr\u00fcckungsmechanismen; die Rassismusauseinandersetzungen setzten in der Geschlechterforschung der achtziger Jahre dennoch die weitgehende Abkehr von materialistischer Gesellschaftskritik fort zugunsten der neuerlichen Entdeckung und Affirmation der Heterogenit\u00e4t von Frauen. Darin korrespondierten die feministischen Diskussionen mit der Konjunktur des Multikulturalismus. Im Vordergrund standen die Anerkennung der Differenzen zwischen Frauen und die Kritik biologistischer Erkl\u00e4rungsmuster, nicht die Frage nach den gesellschaftlichen Ursachen von Besonderung und Ausschlie\u00dfung.<\/p>\n<p>Die queer theory und den Teil der bundesdeutschen Rezeption, der an das Politikkonzept Butlers explizit ankn\u00fcpft, halte ich f\u00fcr eine Fortsetzung dieses Trends, sich damit zu begn\u00fcgen, die Anerkennung vielf\u00e4ltiger, sich \u00fcberschneidender Identit\u00e4ten einzufordern. Diese Programmatik kn\u00fcpft kritisch an fr\u00fchere Identit\u00e4tspolitiken an, indem sie ein anderes, dynamisiertes, nicht repr\u00e4sentationslogisch operierendes Identit\u00e4tsverst\u00e4ndnis einfordert. Es handelt sich also um das Einklagen einer selbstkritischen Dimension innerhalb der Politik sozialer Bewegungen, die die eigene Heterogenit\u00e4t nicht mehr ausblendet, sondern sie als St\u00e4rke und Voraussetzung f\u00fcr offene B\u00fcndnisse begreift. In diesem Sinne versteht Hark, die das Projekt der queer theory f\u00fcr den deutschsprachigen Diskussionskontext fortschreibt, die &#8222;Durchstreichung von Identit\u00e4t&#8220; explizit als &#8222;Teil des Projekts der Demokratisierung von Identit\u00e4tspolitik&#8220; \u2014 d.h. also keineswegs als deren Verabschiedung. Identit\u00e4tspolitik und Kritik der Identit\u00e4tspolitik als deren Modernisierung befinden sich auf einer Planke der selben Plattform.<\/p>\n<p>Die politischen Eins\u00e4tze von Frauenforschung und queer theory im Wissenschaftsspiel sind kompatibler als sie auf den ersten Blick erscheinen. Beide greifen auf ein gemeinsames, inzwischen hegemoniales ideologisches Deutungsmuster zur\u00fcck, dessen Referenzpunkte um die Begriffe Kultur und Identit\u00e4t zentriert sind. Die Diskursivierung sozialer K\u00e4mpfe ist heute nicht am Begriff des (Klassen-) Interesses und der notwendigen Umverteilung, sondern an dem der (Gruppen-) Identit\u00e4t und der Anerkennung orientiert. Die Verschiebung des Identit\u00e4tsverst\u00e4ndnisses \u2014 weg von einem repr\u00e4sentativen hin zu einem performativen \u2014 bleibt der Konzentration auf Anerkennung verhaftet. Sie dethematisiert den strukturellen Rahmen f\u00fcr spezifische Ausschlie\u00dfungen und blendet die Verschiebungen innerhalb der Geschlechter- und Familienverh\u00e4ltnisse aus. Das ist das konstitutive Au\u00dfen der queer theory.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr alte wie neue Identit\u00e4tspolitiken kennzeichnend ist, ist bislang die \u00dcberbewertung von Fragen der Identit\u00e4t und Anerkennung, die Konzentration vor allem auf Diskriminierungsfragen. Insofern stehen auch queer politics in einer seit den sechziger Jahren mit dem civil rights movement und der Frauenbewegung begonnenen Reorientierung politischer K\u00e4mpfe, die das nichteingel\u00f6ste Versprechen formaler Gleichheit in unterschiedlichen Feldern der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft einklagen. Was sie dabei vergessen, ist, dass die Kehrseite dieses Versprechens in einer b\u00fcrgerlichen Demokratie \u2014 dem historischen Produkt kapitalistischer Vergesellschaftung \u2014 notwendigerweise in den objektiven Strukturen realer Ungleichheit besteht. Denn die formale Gleichheit aller und deren Recht auf individuelle Differenz ist die notwendige Form kapitalistischer Vergesellschaftung, durch die hindurch sich reale Ungleichheiten zwar verschieben, aber strukturell reproduzieren. Ausgeblendet wird in der sog. kulturellen Linken, welchen konkreten inhaltlichen Beschr\u00e4nkungen die gesellschaftliche Anerkennung besonderter Gruppen oder Individuen dementsprechend unterworfen ist. Was sich in den letzten Jahren ver\u00e4ndert hat, ist nicht nur die mit poststrukturalistischen Denkfiguren ausgestattete politische Rhetorik, sondern auch die zunehmende Fragmentierung und Ausdifferenzierung der identit\u00e4tspolitischen Referenzpunkte, die sich in den Differenzdiskussionen beispielsweise innerhalb der Frauenzusammenh\u00e4nge der achtziger Jahre schon andeuteten. Was gleichgeblieben ist oder gar zugenommen hat ist, die Totalisierung des Symbolischen zum eigentlichen Feld politischer Auseinandersetzung und die Ontologisierung des strukturellen Rahmens symbolischer Politiken: der b\u00fcrgerlichen \u00d6ffentlichkeit als ihrem Spielfeld. Aufgabe einer Wissenschaft, die sich die Frage nach emanzipatorischen Praxen stellt, kann nicht das Nachbeten dieser Politiken sein, sondern ist vielmehr die Kritik der Politik.<\/p>\n<p>&#8222;Der politische Verstand ist eben politischer Verstand, weil er innerhalb der Schranken der Politik denkt. Je gesch\u00e4rfter, je lebendiger, desto unf\u00e4higer ist er zur Auffassung sozialer Gebrechen.&#8220; (Karl Marx)<\/p>\n<p>Quelle. <a href=\"http:\/\/www.rote-ruhr-uni.com\/cms\/texte\/Vom-Identitatswahn-zum-Idealismus\">rote-ruhr-uni.com&#8230;<\/a> vom 6. Dezember 2018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Evelyn Annu\u00df. In meinem Vortrag m\u00f6chte ich die Geschichte der Geschlechterforschung in der BRD skizzieren und eine Bestandsaufnahme dieses sich gegenw\u00e4rtig etablierenden Wissenschaftsfeldes machen. 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