{"id":4589,"date":"2018-12-10T09:40:31","date_gmt":"2018-12-10T07:40:31","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4589"},"modified":"2018-12-10T09:40:31","modified_gmt":"2018-12-10T07:40:31","slug":"schlaglichter-eines-streiks-in-pariser-luxushotel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4589","title":{"rendered":"Schlaglichter eines Streiks in Pariser Luxushotel"},"content":{"rendered":"<p><em>Molot Serpina. <\/em><strong>Nicht nur die\u00a0\u00bbgilets jaunes\u00ab f\u00fchren aktuell K\u00e4mpfe gegen das Kapital in Frankreich. Auch im Pariser Luxushotel\u00a0Hyatt Paris-Vend\u00f4me widersetzen sich Besch\u00e4ftigte seit Jahren<!--more--> den Schikanen gegen ihre gewerkschaftliche Organisierung und fordern im aktuellen Streik weit mehr als nur reine Lohnerh\u00f6hungen. Eine Reportage \u00fcber den anhaltenden Kampf einer Hotelbelegschaft und \u00fcber die hier gelebte Solidarit\u00e4t zwischen fest angestellten Arbeiter*innen und Leiharbeiter*innen.<\/strong><\/p>\n<p>Am 25. September 2018 wurde in der prestigetr\u00e4chtigen\u00a0<em>rue de la Paix<\/em>\u00a0im Zentrum von Paris der soziale Frieden bis auf Weiteres aufgek\u00fcndigt. In der franz\u00f6sischen Version des Spieleklassikers Monopoly ist sie die teuerste aller Stra\u00dfen. Im realen Gesellschaftsspiel des kapitalistischen Alltags kostet hier, im nun bestreikten Luxushotel Hyatt Paris-Vend\u00f4me, das g\u00fcnstigste Zimmer 1200 Euro und die teuerste Suite 18.000 Euro pro Nacht. Doch ca. 50 Streikende, darunter ein nur geringer Teil der festangestellten Stammbelegschaft sowie ein gr\u00f6\u00dferer Teil von ausgelagerten Reinigungskr\u00e4ften, sind nun in den Ausstand getreten und spielen das Spiel vorerst nicht mehr mit.<\/p>\n<p>Bereits seit Ende September errichten die Streikenden t\u00e4glich von mindestens 9 bis15 Uhr einen Streikposten vor dem Hotel. In der Anfangsphase wurden die zahlreichen Eing\u00e4nge bereits am fr\u00fchen Morgen blockiert, um dem zus\u00e4tzlich mobilisierten streikbrechenden Personal den Weg zu versperren. Die Streikende Nora arbeitet als Haush\u00e4lterin und ist somit eine Art Vorarbeiterin von jeweils zwei bis vier Zimmerm\u00e4dchen. Sie berichtet \u00fcber die Schwierigkeiten, den Streikbruch zu verhindern: \u201eUm drei Uhr morgens zahlen sie den Zimmerm\u00e4dchen ein Uber und richten ihnen ein Bett in der Garderobe ein. Wir kommen dann gegen halb sechs und alle sind bereits drin!\u201c Die in der Reinigungsbranche angesiedelte Leiharbeitsfirma STN, die etwa 4500 Besch\u00e4ftigte in Frankreich z\u00e4hlt, f\u00fcgt allen Leiharbeitsvertr\u00e4gen eine sogenannte Mobilit\u00e4tsklausel bei, die es erm\u00f6glicht, Arbeitskr\u00e4fte aus Pariser Hotels kurzfristig in andere Einrichtungen wie dem bestreikten Hyatt abzubestellen. Da hier jedoch arbeitsrechtliche Ank\u00fcndigungsfristen\u00a0nicht eingehalten wurden und dar\u00fcber hinaus die Bewegungsfreiheit der Personalvertrer*innen, denen der Eingang zum Hotel verwehrt blieb, verletzt wurde, sind die Streikenden juristisch vorgegangen. [Das franz\u00f6sische Arbeitsrecht sieht eine \u201eangemessene\u201c<em>\u00a0<\/em>Frist vor, die gewohnheitsm\u00e4\u00dfig auf sieben Tage von den Gerichten festgesetzt wird, Anm. d. Red.]<\/p>\n<p>Unter Androhung einer Geldstrafe von 500 Euro pro Person wurden die Blockaden der Eing\u00e4nge nun verboten, im Gegenzug k\u00f6nnen sich jedoch die gew\u00e4hlten Interessenvertreter*innen wieder im Hotel frei bewegen. Nora beklagt zudem, dass den Nichtstreikenden seit Beginn des Streiks keine Ruhetage mehr gew\u00e4hrt werden: \u201eSie arbeiten non-stop\u00a0! Hier herrscht kein Gesetz mehr!\u201c<\/p>\n<p>Das Luxushotel Hyatt Paris-Vend\u00f4me, das insgesamt 300 Besch\u00e4ftigte z\u00e4hlt und dabei als einziges Pariser Hotel die Reinigungst\u00e4tigkeiten ausgelagert hat, wird empfindlich von der Streikwelle getroffen. \u201eMit der Fashion Week sind wir gerade in einer Periode, wo alles ausgebucht ist. [\u2026] Die m\u00fcssen jetzt Rabatte bis 50% geben und f\u00fcr die Stammkunden wird es sogar kostenlos!\u201c, berichtet ein Streikender. Dies erkl\u00e4rt auch, wieso nach einer Anfangsphase von t\u00e4glichen Streikposten, Kundgebungen und Demonstrationen bald eine neue Qualit\u00e4t der Repression einsetzen sollte. Der Streik soll nun nicht mehr blo\u00df indirekt mittels der Ersetzung des streikenden Personals gebrochen, sondern durch die Kapitalseite in Form von Selbstjustiz und der Polizei in Form von Klassenjustiz mit unmittelbarer Gewalt unterbunden werden: im Morgengrauen des 12. Oktobers wurden zwei der postierenden Streikenden von privatem Sicherheitspersonal krankenhausreif geschlagen, woraufhin die Bereitschaftspolizei die nachmittags anberaumte Kundgebung vor dem Hotel ger\u00e4umt hat. [Hier ein\u00a0<a href=\"https:\/\/bit.ly\/2BxUQ8D\">Video der R\u00e4umung<\/a>]<\/p>\n<p><strong>Kampferfahrung und Gewerkschaftsaufbau<\/strong><\/p>\n<p>Die Streikenden werden von der CGT-HPE (<em>CGT Prestige- und Wirtschaftshotels<\/em>) unterst\u00fctzt, einer kleinen k\u00e4mpferischen Gewerkschaft, die seit etwa zehn Jahren Arbeitsk\u00e4mpfe im Hotelwesen f\u00fchrt. Tiziri Kandi, die Gewerkschaftssekret\u00e4rin der CGT-HPE, welche die Auseinandersetzungen bei Hyatt begleitet, berichtet von desastr\u00f6sen Zust\u00e4nden in der gr\u00f6\u00dferen CGT-Gewerkschaft f\u00fcr Geb\u00e4udereinigung (<em>Syndicat Propret\u00e9 CGT<\/em>), deren Gewerkschaftssekret\u00e4re im Jahre 2013 versuchten, einen anderen Streik bei Hyatt zu brechen. Streikende wurden auf ihren Posten aufgesucht, um ihnen die Wiederaufnahme der Arbeit nahezulegen. Doch heute wie damals sind die Leiharbeiter*innen kampfentschlossen: \u201eEhrlich, wenn du mich fragst, dann werde ich lieber arbeitslos sein, als dort wieder mit gesenktem Kopf reinzugehen!\u201c, so ein Streikender.<\/p>\n<p>Damals sind die Streikenden den gewerkschaftlichen Einsch\u00fcchterungsversuchen nicht nachgekommen und haben die Auseinandersetzung nach sechs Monaten Streik f\u00fcr sich gewinnen k\u00f6nnen. Doch die CGT-Reinigungsgewerkschaft reagierte darauf mit der Entmandatierung eines am Streik beteiligten gew\u00e4hlten Vertrauensmannes, woraufhin die damalige Leiharbeitsfirma ISOR diesen ohne K\u00fcndigungsschutz entlassen konnte. Dieser Gewerkschaft wird gemeinhin N\u00e4he zur Unternehmensseite vorgeworfen, nicht zuletzt, weil sie durch Ausstellung falscher Dokumente den Bossen rechtlich g\u00fcltige K\u00fcndigungsgr\u00fcnde in die H\u00e4nde gespielt hat.<\/p>\n<p>Bei Hyatt steht die Stammbelegschaft des Hotels in einem ungew\u00f6hnlichen Verh\u00e4ltnis zu den Leiharbeiter*innen. Die erste Gruppe erh\u00e4lt in der Regel den Tariflohn bei einem stabilen Normalarbeitsverh\u00e4ltnis. Letztere Gruppe arbeitet unter prek\u00e4ren Bedingungen bei instabiler bis nicht vorhandener Interessenvertretung. Doch bei Hyatt haben die erfolgreichen Streiks seit 2013 dazu gef\u00fchrt, dass die Leiharbeiter*innen mit einem Stundenlohn von 14 Euro bei Weitem das Lohnniveau der Stammbelegschaft \u00fcberschritten haben, die den Mindestlohn erh\u00e4lt. Die Nichtstreikenden der Stammbelegschaft f\u00fcrchten sich vor Repression durch die Hotelleitung, sympathisieren jedoch in Teilen mit dem Streik. [In Frankreich betr\u00e4gt der gesetzliche Mindestlohn 9,88 Euro brutto Anm. d. Red.]. \u201eDas ist jetzt mein vierter Streik. 2013 und 2017 haben wir gro\u00dfe Lohnerh\u00f6hungen gehabt. 2013 haben wir den 13. Monat bekommen und 2014 eine Erh\u00f6hung um 2 Euro pro Stunde\u201c, berichtet eine Leiharbeiterin. 2015 wurde nach nur einem Streiktrag eine Vereinbarung zugunsten der Leiharbeiter*innen unterschrieben und 2017 reichte gar die Streikandrohung, um eine monatliche Lohnerh\u00f6hung von 225 Euro zu erwirken. Dass auch in weiteren Pariser Hotels in letzter Zeit Konflikte ausgetragen wurden, wie in dem Holliday Inn, wo nach vier Monaten partielle Festanstellungen und Lohnerh\u00f6hungen errungen wurden, zeigt, wie sich die ausgelagerte Geb\u00e4udereinigung zunehmend zu einem strategischen Feld des Klassenkampfes in Frankreich entwickelt hat.<\/p>\n<p>Im Hyatt ist eine der gr\u00f6\u00dften gewerkschaftlichen Betriebsgruppen der CGT-HPE angesiedelt. Achtzig Prozent der Leiharbeiter*innen, die im Hotel arbeiten, sind gewerkschaftlich organisiert. Dies liegt vor allem an den positiven Kampferfahrungen, den fr\u00fchzeitigen Organisierungsbem\u00fchungen sowie der gewerkschaftlichen Transparenz. \u201eMan kann sagen, dass wir die ersten waren, die sich f\u00fcr Leiharbeit interessiert haben. Damals war auch der Gewerkschaftsbund des Einzelhandels im Hyatt pr\u00e4sent, aber er interessierte sich nicht daf\u00fcr\u201c, so die Sekret\u00e4rin Kandi der CGT-HPE. Sie hebt auch die transparente Organisation der Streikkasse hervor, in die alle Mitglieder satzungsgem\u00e4\u00df ab dem zweiten Streiktag 42 Euro einzahlen: \u201eDie Besch\u00e4ftigen zahlen etwa ein Prozent ihres Gehalts als Mitgliedsbeitrag an die Gewerkschaft. Wenn ich 1200 Euro verdiene, dann zahle ich 12 Euro, was nix ist, da dir der Staat zwei Drittel zur\u00fcckzahlt. Und dann wei\u00df ich, dass ich im Streik trotzdem meine 1000 Euro pro Monat bekomme und das schafft ein Vertrauensverh\u00e4ltnis. Sie sagen sich: \u201aIch wei\u00df, wo meine Beitragszahlungen hingehen!\u2018\u201c Hier kommt es nicht zur Verselbstst\u00e4ndigung des gewerkschaftlichen Apparates, der entgegen der Interessen der lohnabh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten eigene organisatorische Interessen verfolgt, wie es bei der CGT-Reinigungsgewerkschaft der Fall zu sein scheint.<\/p>\n<p><strong>Streikforderungen<\/strong><\/p>\n<p>Die zentrale Forderung des Streiks, die bereits w\u00e4hrend der ersten Auseinandersetzung im Jahre 2013 formuliert wurde, betrifft die Integration der outgesourcten Leiharbeiter*innen, also vor allem der\u00a0<em>femmes de chambre\u00a0<\/em>(Zimmerservice) und Haush\u00e4lterinnen, in die Stammbelegschaft des Hotels. Die Hotelleitung forciert gezielt die Spaltungen zwischen Stamm- und Randbelegschaft: es gibt beispielsweise keine gemeinsamen Pausenr\u00e4ume und Mittagspausen. \u201eStatt unsere Pausenr\u00e4ume mit den Besch\u00e4ftigten von Hyatt zusammenzulegen, hat man uns ein B\u00fcro im zweiten Kellerstockwerk gegeben, weil wir gr\u00f6\u00dftenteils gewerkschaftlich organisiert sind. Sie wollen uns spalten!\u201c, emp\u00f6rt sich eine Leiharbeiterin. Die Besch\u00e4ftigungsform der Leiharbeit bedeutet eine besondere Belastung aufgrund der regelm\u00e4\u00dfigen Unternehmenswechsel: eine Streikende bezeugt, dass sie in 15 Jahren f\u00fcnf Firmenwechsel erlebt hat.<\/p>\n<p>Die Leiharbeiter*innen erheben nicht ausschlie\u00dflich monet\u00e4re Forderungen, sondern wollen sich vor allem gegen die Missachtung und den Ausschluss am Arbeitsplatz wehren. Die erfahrene symbolische Gewalt in diesem Luxushotel mit Palaststatus, wobei es sich um ein 2011 eingef\u00fchrtes Exzellenzlabel handelt, das die f\u00fcnf Sterne noch \u00fcbersteigt, ist ein strukturierendes Element im Arbeitsalltag. Einer der Streikenden dr\u00fcckt es so aus: \u201eDie kommen her um ihr Geld zu verprassen und man selbst hat am Ende des Monats 1500 Euro, also quasi so viel, wie ein Zimmer am Tag kostet!\u201c Neben diesem Gef\u00fchl von Ungerechtigkeit geht es auch um die im Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis angelegte Ausgrenzungserfahrung, die sich in allt\u00e4glicher Geringesch\u00e4tzung der Leiharbeiter*innen durch die Stammbelegschaft ausdr\u00fcckt, aber auch in der von der Unternehmensseite initiierten r\u00e4umlichen Trennung der Belegschaften. Sie fordern Respekt, W\u00fcrde und Anerkennung f\u00fcr ihre Arbeit. Aus der eigenen Erfahrung des Ausgegrenztseins entwickelt sich ein Wunsch nach Zugeh\u00f6rigkeit, der sich auch in einer konkreten Forderung bez\u00fcglich der Festangestellten artikuliert, deren Interesse sie sowohl stellvertretend f\u00fcr die anderen als auch f\u00fcr sich selbst durchsetzen: sie fordern eine Erh\u00f6hung des Stundenlohns um drei Euro f\u00fcr die Stammbelegschaft, die immer noch auf Mindestlohnniveau arbeitet. Im Inhalt der Forderungen spiegelt sich also die k\u00e4mpferische \u00dcberwindung der betrieblichen Spaltungen innerhalb der Belegschaften. Das Gef\u00fchl des Ausgeschlossenseins kanalisiert sich somit vern\u00fcnftigerweise auf die materielle Ursache seiner selbst, die im Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis als Leiharbeiter*in besteht. Zuallerletzt hat auch die rassistisch-sexistische Erniedrigung durch das Unternehmen den Wunsch nach R\u00fcckerlangung von W\u00fcrde generiert. Hier l\u00e4sst sich beispielhafte folgende erniedrigende Bemerkung eines Personalberaters der Leiharbeitsfirma STN zitieren; der nach den Angaben von Tiziri Kandi eines Tages \u00fcber die Besch\u00e4ftigten sagte: \u201eJa, meine Huren suche ich mir bei Barb\u00e8s oder Ch\u00e2teau Rouge [popul\u00e4re Stadtviertel von Paris mit hoher Migrationsrate, Anm. d. Autors], ich sammele sie im K\u00f6rbchen ein!\u201c<\/p>\n<p>Neben diesen beiden zentralen Forderungen geht es um Arbeits- und Gesundheitsschutz. Das Reinigungsmaterial soll bessere Qualit\u00e4t haben und das Arbeitstempo gedrosselt werden. Die Arbeiterinnen im Zimmerservice beklagen Verletzungen an den H\u00e4nden und R\u00fcckenbeschwerden. Durch die Anhebung der pro Zimmer verf\u00fcgbaren Reinigungszeit von 45min auf 60min soll der Arbeitsprozess bei Lohnausgleich entschleunigt werden. Auch die betriebliche Einf\u00fchrung eines sogenannten Beschwerlichkeitskontos wurde gefordert, welches ab einer gewissen Anzahl von gesammelten Punkten aufgrund besonderer Arbeitsbedingungen wie Nachtarbeit oder repetitiver T\u00e4tigkeit einen vorzeitigen Ruhestand erm\u00f6glichen w\u00fcrde. Dieses Konto wurde unter Hollande bereits eingef\u00fchrt und ein Jahr sp\u00e4ter vom Kabinett Macron wieder teilweise abgeschafft.<\/p>\n<p>Eine letzte Forderung betrifft die neuen Bedingungen der betrieblichen Interessenvertretung und des Gewerkschaftskampfes in Folge der Reformagenda Macrons. Die insgesamt f\u00fcnf Exekutivverordnungen (<em>ordonnances<\/em>) zur neoliberalen Umgestaltung des Arbeitsmarktes vom 22. September 2017 wurden schlie\u00dflich am 23. November 2018 (?) vom Parlament ratifiziert.<\/p>\n<p>Sie beinhalten drei Kernthemen:<\/p>\n<ol>\n<li>Die Neubestimmung des Verh\u00e4ltnisses von Gesetz-, Branchen- und Unternehmensvereinbarungen,<\/li>\n<li>Den \u201esozialen Dialog im Unternehmen\u201c und<\/li>\n<li>Die \u201eModernisierung des Arbeitsmarktes\u201c mit projektf\u00f6rmigen Arbeitsvertr\u00e4gen und der Deckelung von Abfindungszahlungen im K\u00fcndigungsfall.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Im Folgenden sollen zwei Aspekte, die vor dem Hintergrund des Streikes relevant erscheinen, kritisch betrachtet werden. Die in den Verordnungen geregelte Abschaffung des sogenannten Optionsrechts (<em>droit d\u2019option<\/em>) wird die M\u00f6glichkeiten der betrieblichen Interessenvertretung f\u00fcr Leiharbeiter*innen extrem beschneiden. Zuvor konnten sie optional entscheiden, ob sie bei den Instanzen der Interessenvertretung des\u00a0<em>Auftraggebers<\/em>\u00a0(hier das Hotel Hyatt) oder bei der sie anstellenden\u00a0<em>Leiharbeitsfirma<\/em>\u00a0(hier STN) kandidieren und w\u00e4hlen m\u00f6chten. Mit dem 31. Dezember 2019 laufen alle Vertretungsmandate der Leiharbeiter*innen bei Hyatt aus und von da an d\u00fcrfen Besch\u00e4ftigte in der Leiharbeit nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz f\u00fcr Personalvertretungsfunktionen kandidieren. Dann bleibt ihnen hier lediglich das Wahlrecht. Wenn sie dieses wiederum am Arbeitsplatz wahrnehmen, d\u00fcrfen sie nicht mehr f\u00fcr Vertretungsfunktionen in der Leiharbeitsfirma kandidieren. Das w\u00fcrde dazu f\u00fchren, dass ab 2020 keine betriebliche Interessenvertretung f\u00fcr und von den Leiharbeiter*innen im Hotel Hyatt mehr m\u00f6glich w\u00e4re. Zweitens verschlechtern sich f\u00fcr alle Betriebe mit mindestens 11 Besch\u00e4ftigten die Bedingungen der Interessenvertretung. Es soll nun bis zum 31.12.2019 zur Zusammenlegung von drei der vier betrieblichen Vertretungsinstanzen kommen:\u00a0<em>comit\u00e9 d\u2019entreprise<\/em>(Unternehmensausschuss),\u00a0<em>d\u00e9l\u00e9gu\u00e9s du personnel<\/em>\u00a0(gew\u00e4hlte betriebliche Vertrauensleute) und\u00a0<em>CHSCT<\/em>\u00a0(Ausschuss f\u00fcr Gesundheitsschutz, Arbeitssicherheit und Arbeitsbedingungen) sollen nun zum\u00a0<em>comit\u00e9 social et \u00e9conomique CSE\u00a0<\/em>(Wirtschafts- und Sozialausschuss) fusionieren. Es handelt sich aber nicht blo\u00df um eine Zusammenlegung, sondern gleichzeitig um eine Verringerung der absoluten Anzahl an betrieblichen Interessensvertreter*innen. Au\u00dferdem bef\u00fcrchten Kritiker*innen, dass durch die Fusion die Frage von Gesundheitsschutz in den Hintergrund gedr\u00e4ngt werden wird, da sie nun auf gleicher Ebene wie etwa die Frage von bevorstehenden K\u00fcndigungen diskutiert w\u00fcrde. Zudem konnten zuvor Untersuchungen des Gesundheitsauschusses der Unternehmensseite in Rechnung gestellt werden, welche jetzt von dem viel knapperen Jahresbudget der neuen Instanz getragen werden m\u00fcssen. Angesichts der Abnutzungserscheinungen und Arbeitsunf\u00e4lle in der Reinigungsbranche wird dies fatale Auswirkungen f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten haben.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem wird die Fusion zugleich die Pr\u00e4senz von Interessenvertreter*innen im Arbeitsalltag schw\u00e4chen, also die Rolle der vormaligen\u00a0<em>d\u00e9l\u00e9gu\u00e9s du personnel<\/em>. Dabei hat der Aufbau des Organisationsgrades der CGT-HPE im Hotelwesen ja gezeigt, wie zentral dieser allt\u00e4gliche Bezug zu den Problemen der Besch\u00e4ftigten ist. Die Grundtendenz der Reformen liegt in der Schw\u00e4chung der Fl\u00e4chentarifvertr\u00e4ge (<em>conventions collectives<\/em>) durch die St\u00e4rkung des gesetzlichen Aufgabenbereichs von Betriebsvereinbarungen. Die Verordnungen sehen hier vor, dass zus\u00e4tzlich zu der fusionierten Instanz weitere betriebliche Vertrauensleute, sogenannte\u00a0<em>d\u00e9l\u00e9gu\u00e9s de proximit\u00e9<\/em>, mit Mandaten und einer festgelegten Zahl an Delegationsstunden auf betrieblicher Ebene ausgehandelt werden k\u00f6nnen. Hier sehen die Streikenden von Hyatt auch ihre Chance: \u201eWenn wir uns das Gesetz anschauen, dann wird klar, dass es Betriebsvereinbarungen beg\u00fcnstigt. Wenn wir uns mit der Betriebsleitung einigen, dann kann das Gesetz nicht greifen. Das Gesetz \u00f6ffnet also auch die T\u00fcren f\u00fcr k\u00e4mpferische Betriebsvereinbarungen!\u201c, bringt es ein Streikender auf den Punkt. Die Wahl genau dieser gesonderten Vertreter*innen bildet also die abschlie\u00dfende Forderung.<\/p>\n<p><strong>Gesamteinordnung und Ausblick<\/strong><\/p>\n<p>In diesem besonderen Arbeitskonflikt treten allgemeine Tendenzen der aktuellen kapitalistischen Organisation des Arbeitsprozesses und der Klassenzusammensetzung zutage.<\/p>\n<p>Wenn der Chef der franz\u00f6sischen Hyatt-Niederlassung davon spricht, dass die Forderung nach Festanstellung der Leiharbeiter*innen das gesamte\u00a0<em>mod\u00e8le de business\u00a0<\/em>in Frage stellt, dann stimmt dies insofern, als der Mechanismus der Auslagerung von Besch\u00e4ftigten ein Kernelement, der mit den 1980er Jahren einsetzenden Umstrukturierungen der Arbeitsverh\u00e4ltnisse im neoliberalen Kapitalismus ist. Solche Auslagerungen haben in der Regel der Verringerung der Lohnkosten sowie einer Erh\u00f6hung der Flexibilit\u00e4t f\u00fcr die Kapitalseite gedient. Der politische Gehalt solcher Auslagerungen besteht oft im Forcieren von Spaltungen in der Belegschaft, die langfristig zum Betriebsfrieden beitragen sollen. Auslagerungen sind oft mit Stellenk\u00fcrzungen verbunden, wodurch das gleiche Arbeitsvolumen auf weniger Arbeitskraft umverteilt und somit die Ausbeutungsrate durch Intensivierung der Arbeit erh\u00f6ht werden soll. Die Forderung der Streikenden nach mehr Arbeitszeit f\u00fcr die Reinigung eines Zimmers soll die Ausbeutungsrate verringern, indem die Intensit\u00e4t der Arbeit, die neben der L\u00e4nge des Arbeitstages ein Faktor f\u00fcr den Grad der absoluten Mehrwertgenerierung ausmacht, verringert wird. Der Grad des absoluten Mehrwerts mittels Intensivierung der Arbeit st\u00f6\u00dft hier immer wieder auf die k\u00f6rperlichen Grenzen der Arbeiter*innen.<\/p>\n<p>Weiterhin geh\u00f6ren die Besch\u00e4ftigten bei Hyatt einem spezifischen Klassensegment im Pariser Raum an, welches sich entlang der Linien von geringer Qualifikation, Geschlecht (weiblich) und Rasse\/Herkunft (meist nicht-wei\u00df und\/oder migrantisch) konstituiert. Bei dem Streik geht es also auch um Kritik und Sichtbarmachung der Feminisierung und Rassifizierung von repetitiven und schlecht entlohnten Reproduktionst\u00e4tigkeiten wie Kloputzen und Bettbeziehen. Die antirassistische Dimension des Streiks wurde umso deutlicher als Mitglieder des\u00a0<em>Comit\u00e9 Adama<\/em>\u00a0bei einer Kundgebung vor dem Hotel ihre Solidarit\u00e4t zeigten. Diese Gruppe hat sich 2016 in der Pariser Vorstadt Beaumont-sur-Oise gegr\u00fcndet, nachdem der 24j\u00e4hrige Schwarze Adama Traor\u00e9 bei einer gewaltsamen Festnahme durch die Polizei gestorben war. Bis heute k\u00e4mpft sie gegen Polizeigewalt in den franz\u00f6sischen Vorst\u00e4dten.<\/p>\n<p>Derzeit tritt der Streik auf der Stelle, was vor allem mit der Radikalit\u00e4t der Forderungen zusammenh\u00e4ngt. Streiks mit ausschlie\u00dflich monet\u00e4ren Forderungen endeten in der Vergangenheit schneller. Die Streikenden stellen sich jetzt auf mehrere Monate des Kampfes ein. Die beiden Unternehmen Hyatt und STN haben bis jetzt nur schlechte Angebote gemacht, die vor allem als Spaltungsversuche unter den Streikenden zu verstehen sind: von Hyatt wurden 15 Festanstellungen, jedoch in einem anderen Hotel, angeboten und STN bietet ein auf drei Jahre garantiertes Arbeitsverh\u00e4ltnis an \u2013 mit den Streikforderungen hat dies nichts zu tun.<\/p>\n<p><strong>Spendenaufruf<\/strong><\/p>\n<p>Im ersten Monat haben die Streikenden 1000 Euro Streikgeld von der Gewerkschaft bekommen. Diese konnten \u00fcber die gewerkschaftlichen Beitragszahlungen refinanziert werden. Nun schwinden die Mittel der Gewerkschaftskasse und Ziel bleibt es weiterhin, ca. 1000 Euro an jede streikende Person auszahlen zu k\u00f6nnen. Das erkl\u00e4rte Spendenziel bei etwa 50 Streikenden lautet nun 50.000 Euro!<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.lepotcommun.fr\/pot\/1vpwil8t\">Unter diesem Link kann per Kreditkarte gespendet werden<\/a><\/p>\n<p>Oben rechts auf \u201eparticiper\u201c klicken, dann Name, Email und Spendenbetrag angeben, unten rechts wieder auf \u201eparticiper\u201c und dann abschlie\u00dfend die Kreditkarten- und Pr\u00fcfnummer angeben.<\/p>\n<p>Spenden via \u00dcberweisung bitte an folgendes Konto:<\/p>\n<p>Name:\u00a0SYNDICAT CGT DES SALARIES<\/p>\n<p>IBAN: FR76 1027 8060 4700 0370 2884 166<\/p>\n<p>BIC: CMCIFR2A<\/p>\n<p><em>Nachtrag: Der Artikel geht aus einer von der \u201ePlateforme d\u2019Enqu\u00eates Militantes\u201c (Plattform militanter Untersuchung) durchgef\u00fchrten Streikuntersuchung sowie aus einem Interview mit der Gewerschaftssekret\u00e4rin Tiziri Kandi hervor.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/internationales\/frankreich\/politik-frankreich\/politik-arbeitsgesetz2_widerstand\/frankreich-die-katze-ist-aus-dem-sack-betreffend-die-arbeitsrechts-reform-unter-emmanuel-macron\/\"><em>weiterf\u00fchrende Analysen von Bernhard Schmid<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Auf Franz\u00f6sisch (Original):\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.platenqmil.com\/blog\/2018\/10\/11\/entretiens-grevistes-park-hyatt-vendome\"><em>http:\/\/www.platenqmil.com\/blog\/2018\/10\/11\/entretiens-grevistes-park-hyatt-vendome<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Auf Englisch:\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/notesfrombelow.org\/article\/striking-palaces?fbclid=IwAR2LDcAIo-XfpnxD71c9IQxX11HRIevYBOGH_SVT709HuZ2V0LLSsmFGhio\"><em>https:\/\/notesfrombelow.org\/article\/striking-palaces?fbclid=IwAR2LDcAIo-XfpnxD71c9IQxX11HRIevYBOGH_SVT709HuZ2V0LLSsmFGhio<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/lowerclassmag.com\/2018\/12\/klassenkampf-im-hyatt-paris-frankreich-streik\/#more-6008\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 10. Dezember 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Molot Serpina. Nicht nur die\u00a0\u00bbgilets jaunes\u00ab f\u00fchren aktuell K\u00e4mpfe gegen das Kapital in Frankreich. 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