{"id":4592,"date":"2018-12-10T15:52:04","date_gmt":"2018-12-10T13:52:04","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4592"},"modified":"2018-12-10T15:52:04","modified_gmt":"2018-12-10T13:52:04","slug":"paris-viertes-protestwochenende-in-folge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4592","title":{"rendered":"Paris: Viertes Protestwochenende in Folge"},"content":{"rendered":"<p><em>Bernard Schmid.<\/em> <strong>Einige pers\u00f6nliche Beobachtungen und solche politischer Art \u2013 Rekordzahl an Festnahmen \u2013 Sachsch\u00e4den fallen trotzdem h\u00f6her aus als am Samstag zuvor \u2013 Emmanuel Macron <!--more-->empf\u00e4ngt \u201eSozialpartner\u201c und wird am Abend quasseln.<\/strong><\/p>\n<p>Paris am Wochenende. Ein angespannter Samstag zeichnet sich ab, nachdem die Regierung im Vorfeld so gut wie Alles daran setzte, zu dramatisieren, bevor die Protestbewegung der \u201eGelben Westen\u201c zum \u201eAkt Vier\u201c ihrer Mobilisierung (nach dem 17. November, 24. November und 1. Dezember 18) zusammenkommen konnte.<\/p>\n<p><strong>Eigene Beobachtungen<\/strong><\/p>\n<p>Ausnahmsweise \u2013 wirklich ausnahmsweise \u2013 stimmt es sogar, dass der Autor die Ereignisse anf\u00e4nglich vom Schreibtisch aus beobachtet. Das tut er in aller Regel nicht, auch wenn dies von einem Vertreter der \u201eHauptsache Bewegung-und-blo\u00df-keine-l\u00e4stige-Kritik\u201c-Fraktion so behauptet oder jedenfalls suggeriert wird. (Vgl.:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Gelbwesten-machen-Grenzen-zu-Frankreich-dicht-4246007.html\">heise.de&#8230;<\/a>\u00a0\u2013 Zitat unter Bezugnahme auf den Verf. dieser Zeilen: \u201e<em>Hier gab es an keiner Blockade fremdenfeindliche Verbalattacken oder Angriffe, die bisweilen angef\u00fchrt werden, wo vom Schreibtisch aus auch\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Strassenblockaden-in-Frankreich-Keine-solidarische-Perspektive-4224448.html\"><em>festgestellt<\/em><\/a><em>\u00a0wird, dass in dieser Revolte keine \u201csolidarische Perspektive\u201d liegen soll.<\/em>\u201c H\u00f6h\u00f6, selten so gelacht: Als ob der Autor dieser Zeilen auch nur eine soziale Bewegung der letzten 25 Jahre vom Schreibtisch aus wahrgenommen h\u00e4tte\u2026 Sicherlich muss inhaltlich \u00fcber die urspr\u00fcngliche Feststellung eines mehr oder minder nicht-fortschrittlichen Gesamtcharakters dieser Bewegung diskutiert werden. Die objektive Realit\u00e4t hat sich seit den ersten Regungen der \u201eGelben Westen\u201c im November d.J. gewandelt, einige Fronten haben sich betr\u00e4chtlich verschoben! Alles in Allem haben wir es heute mit einer Patchwork-Bewegung mit progressiven, aber auch deutlich reaktion\u00e4ren Elemente, die bislang nebeneinander stehen, zu tun.)<\/p>\n<p>An diesem Samstag allerdings sitzt der Verfasser dieser Zeilen um 12.05 Uhr tats\u00e4chlich hinter seinem Schreibtisch; und zwar in seiner Kanzlei, unter einer Zeichnung, die einen erdolchten Code du travail (franz\u00f6sisches Arbeitsgesetzbuch) zeigt, unter Bezugnahme auf \u201eReformen\u201c in den Jahren 2016 und 2017. Zwischen 12 Uhr und 13.30 Uhr will der Verf. dort zwei Mandaten im Arbeits- und Ausl\u00e4nderrecht empfangen, bevor er danach \u2013 tats\u00e4chlich in eigener Person \u2013 zur Demo abr\u00fccken will, bzw. zu einer der Demos, die zu dem Zeitpunkt weitgehend parallel zueinander stattfinden. Der Termin zieht sich etwas hinaus. Daraufhin kommt um kurz vor 14 Uhr\u2026 die Demo zum Verfasser. Unter dem Fenster unserer Kanzlei wird es pl\u00f6tzlich zunehmend laut. Demonstrant\/inn\/engruppen in, gelben Westen ziehen vorbei, erst in lockeren Pulks, dann dicht gedr\u00e4ngt. Einigen tragen auch Gewerkschaftsfahnen, was in der \u201eGelbe Westen\u201c-Bewegung bislang un\u00fcblich war; es k\u00f6nnte sich um die 13 Uhr-Demo handeln, zu der Teile der CGT vor dem Pariser Rathaus aufgerufen hatten. Andererseits kamen mir schon am Vormittag von der anderen (n\u00f6rdlich gelegenen) Seite her, vom Ostbahnhof her, diverse Protestgruppen bis hierher entgegen. \u00dcberall an diesem Tag wird in Paris an unterschiedlichen Punkten demonstriert, dort, wo Leute sich gerade zusammenfinden. Es wird ja im Zuge dieser Bewegung generell ohne beh\u00f6rdliche Anmeldung protestiert, im Unterschied zu den allermeisten klassischen Gewerkschaftsdemonstrationen.<\/p>\n<p>Nach einigen Minuten r\u00fccken Polizeifahrzeuge um die Ecke, dann noch mal Polizeifahrzeuge, kurz darauf dann Panzerfahrzeuge. Drei blau gestrichene Panzer biegen unter unserem Kanzleifenster ab, durch dieses str\u00f6men Tr\u00e4nengasschwaden herein. Auf der R\u00fcckseite des Geb\u00e4udes haben sich offensichtlich Demonstrantengruppen gesammelt, es fliegen ein paar Gegenst\u00e4nde herbei. Einzelne Protestteilnehmer ziehen hektisch M\u00fclltonnen vorbei, sei es zum Barrikadenbau oder zum Anz\u00fcnden. An mehreren Stellen treten Menschen auf ihre Balkone und photographieren oder filmen. Unten beziehen Einheiten in Uniform Aufstellung, unter sie sind aber auch M\u00e4nner in Zivil mit roten Armbinden und der Aufschrift \u201ePolizei\u201c gemischt. Wahrscheinlich Angeh\u00f6rige der Sondereinsatzeinheiten unter dem Namen BAC (Brigades anti-criminalit\u00e9), die vor allem in den urbanen Krisenzonen der Trabantenst\u00e4dte hinreichend als Schl\u00e4gertrupps in Erscheinung traten. Einige unter ihnen schlagen sich nerv\u00f6s mit dem mitgef\u00fchrten Kn\u00fcppel in die Handinnenfl\u00e4che und springen von einem Bein auf das andere wobei sie es offensichtlich gar nicht erwarten k\u00f6nnen, in Aktion zu treten.<\/p>\n<p>Nun sammelt sich auf der anderen Seite, hinter den Polizeieinheiten und also vor unserer Geb\u00e4udeseite, eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe eine Kreuzung weiter; die meisten tragen \u201eGelbe Westen\u201c, ein Teil ist vermummt. Auf \u201eihrer\u201c Kreuzung entz\u00fcnden sie ein kleines, eher symbolisches Feuerchen. Die Polizeikr\u00e4fte drehen um und marschieren, Schilde voran, in ihre Richtung. Nun ziehen alle Beteiligten im geographische Sinne (und in unserer Blickrichtung) nach rechts, in Richtung Stadtzentrum, ab.<\/p>\n<p>Kurz darauf macht sich der Autor selbst auf die Socken, auf den Weg zu den Demos (mit dem Ansinnen, m\u00f6glichst mehrere zu sehen). Zu allem Gl\u00fcck sind die daf\u00fcr strategisch wichtigen M\u00e9trostationen offen. Doch insgesamt 22 Stationen schloss der Pariser M\u00e9tro-Betreiber RATP (R\u00e9gie autonome des transports parisiens), \u201eauf Verlangen der Polizeipr\u00e4fektur hin\u201c, wie es in Lautsprecheransagen immer wieder hei\u00dft. Die von S\u00fcden nach Norden verlaufende Linie 13 wurde etwa bereits am Vormittag ab dem Montparnasse-Bahnhof \u2013 also weit im Pariser S\u00fcden \u2013 komplett geschlossen. Offensichtlich, um die Anreise zur 11 Uhr-Demo am (ebenfalls auf der Linie 13 liegenden) Saint Lazare-Bahnhof zu verhindern. Zu ihr riefen, wie bereits am vorausgehenden Samstag, den 01.12.18, vor allem Gewerkschafter aus dem Front social \u2013 einem Zusammenschluss vorwiegend linksradikaler Gewerkschaftsfl\u00fcgel \u2013 sowie das \u201eKomitee Gerechtigkeit f\u00fcr Adama Traor\u00e9\u201c auf. Adama Traor\u00e9 wurde im Juli 2016 an seinem 24. Geburtstag in der Pariser Vorstadt Persan-Beaumont get\u00f6tet und ist eines der prominentesten Polizeiopfer in Frankreich, zu dem Thema gibt es eine ziemlich aktive Kampagne. Dieser Treffpunkt jedenfalls ist dezidiert links und staatskritisch. Am vorausgehenden Samstag zog von dort aus ein Demoblock in Richtung Champs-Elys\u00e9es.<\/p>\n<p>Die nur f\u00fcnfzig Meter von meinem B\u00fcro entfernt liegende Station ist jedoch offen, trotz augenblicklicher Auseinandersetzungen mit den \u201eSicherheits\u201ckr\u00e4ften. Auch die Station an der zentral gelegenen place de la R\u00e9publique, nur f\u00fcnf Minuten entfernt, ist offen. Dort treffe ich einen befreundeten Gewerkschafter (sogar ein CFDT-Mitglied, doch in manchen Unternehmen kommt es vor, dass es nur Gewerkschaften rechts und nichts links von diesem Verband gibt\u2026) und einen weiteren Kollegen. Wir gehen zun\u00e4chst der Klimaschutz-Demonstration entgegen, zu welcher seit Wochen mobilisiert wurde, obwohl Innenminister Christophe Castaner sie \u201ewegen der Bindung starker Polizeikr\u00e4fte im Zusammenhang mit den Protesten\u201c abgesagt wissen wollte.<\/p>\n<p>Eine Reihe von Teilnehmer\/inne\/n dort tragen selbst gelbe Neonwesten. Es mag sich dabei sowohl um Personen handeln, die auch zuvor \u2013 im Zusammenhang mit dem aktuellen sozio\u00f6konomischen Protest \u2013 welche trugen, als auch um Menschen, die mit ihr noch nichts zu tun hatten; aber dadurch den Br\u00fcckenschlag symbolisieren m\u00f6chten. Zu einem Br\u00fcckenbau zwischen beiden Bewegungen bzw. Anliegen hatte im Vorfeld u.a. der linke Gewerkschaftszusammenschluss Solidaires aufgerufen (wir berichteten am Freitag, den 07. Dezember). Dessen Fahnen bzw. Neonwesten \u2013 in rosaroter Farbe mit schwarzem Aufdruck \u2013 sind zwar sichtbar, gehen jedoch in der Menge ein bisschen unter. Viele Gesichter, die zu mir bekannten Linken respektive radikalen Linken z\u00e4hlen, tauchen auf. Auch einige linke Organisationskennzeichen, im engeren und im weiteren Sinne, also von der linken Partei Ensemble (kritische M\u00e9lenchon-Unterst\u00fctzer\/innen mit antikapitalistischer Orientierung) \u00fcber die franz\u00f6sische KP bis hin zu den franz\u00f6sischen Gr\u00fcnen (EE-LV). Daneben laufen offensichtlich auch viele dem Umwelt- und Klimaschutz verbundene Menschen ohne politische Bindung, mit und ohne b\u00fcrgerlichen Hintergrund. Einzelne Teilnehmer pappen einen Aufkleber mit der Aufschrift \u201eIch verschmutze, ich t\u00f6te\u201c auf ein paar parkende Autos, was bei den \u201eGelben Westen\u201c vielleicht eher Anecken denn auf Zustimmung treffen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>(Auch dort sind gewiss nicht alle Autofanatiker!, Viele sind eher \u00fcber den nicht einkommensproportionalen und deswegen antisozialen Charakter der Spritsteuererh\u00f6hung emp\u00f6rt oder betrachten Letztere nur als Aufh\u00e4nger f\u00fcr generellen sozialen Unmut. Allerdings z\u00e4hlt zum Kontext der aktuellen Protestbewegung auch die Tatsache, dass in den letzten Wochen die H\u00e4lfte der in Frankreich stationierten Radarfallen zur Messung von Geschwindigkeitsbegrenzungen mutwillig besch\u00e4digt oder zerst\u00f6rt wurde (vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.europe1.fr\/faits-divers\/information-europe-1-gilets-jaunes-la-moitie-des-radars-automatiques-de-france-sont-hors-service-3817205\">europe1.fr&#8230;<\/a>) Ein Vorgehen, das man als progressiver Mensch ganz gewiss nicht unterst\u00fctzen kann, im l\u00e4ndlichen Raum allerdings durchaus seine Unterst\u00fctzer\/innen z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Ziemlich gut ist der Ansatz, der sich in zahlreichen mitgef\u00fchrten Schildern, aber auch im Fronttransparent der Demonstration ausdr\u00fcckt: Fin du monde, fin du mois \u2013 m\u00eame combat! Also ungef\u00e4hr: \u201eDas Ende der Welt\u201c (d.h. Umwelt- und Klimakatastrophe), \u201edas schwierige Monatsende\u201c (wenn der Monat l\u00e4nger als das zum Leben monatlich vorhandene Geld reicht), \u201eein gemeinsamer Kampf\u201c. Dadurch wird ein inzwischen l\u00e4ngst gefl\u00fcgeltes Wort aufgegriffen, mit dem in der aktuellen Debatte oftmals versucht wird, soziale und \u00f6kologische Anliegen, Gattungserhalt und eigenes \u00f6konomisches \u00dcberleben gegeneinander auszuspielen. Erstmals fiel dieser Ausdruck, als Zitat von Teilnehmern an einer Verkehrsblockade (der\u201egelben Westen\u201c) im ostfranz\u00f6sischen D\u00e9partement Jura, in einer Reportage der Pariser Abendzeitung Le Monde, im November dieses Jahres. (Vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/politique\/article\/2018\/11\/24\/gilets-jaunes-les-elites-parlent-de-fin-du-monde-quand-nous-on-parle-de-fin-du-mois_5387968_823448.html\">lemonde.fr&#8230;<\/a>) Hier eine Verbindung statt einen Gegensatz aufzubauen, erscheint nur sinnvoll. OK, es wird vielleicht nicht mit allen einzelnen Umweltaktiven funktionieren, und erst recht nicht mit Allen, die \u00fcber die Spritsteuererh\u00f6hung emp\u00f6rt sind (jedenfalls nicht mit Idioten, die gegen Geschwindigkeitsbegrenzungen polemisieren)\u2026<\/p>\n<p>Um circa 16 Uhr vermeldet die franz\u00f6sische Nachrichtenagentur AFP: \u201e2.000 Teilnehmer an der Klimaschutzdemonstration.\u201c Ich reibe mir bei der Lekt\u00fcre der AFP-Meldung verwundert die Augen, sehe mich um und beobachte: So viele kommen hier gerade binnen zwei Minuten vorbei, denn zu dem Zeitpunkt wurde die Menge dicht, und die Menschen laufen zu vierzig nebeneinander, auf der ganzen Stra\u00dfenbreite sowie auf beiden Trottoirs. Wahrscheinlich beobachtete die Nachrichtenagentur, die einen Status als regierungsunabh\u00e4ngige Beh\u00f6rde innehat, nur die VORHUT der Demonstration. Denn kleinere Teilnehmergruppen liefen ihr voraus, danach klafften aus unerfindlichen Gr\u00fcnden \u2013 die jedoch wahrscheinlich mit dem vor\u00fcbergehenden Anhalten durch die, ansonsten kaum sichtbar pr\u00e4sente (sondern vorneweg vorausfahrende) Polizei, zusammenh\u00e4ngen) rund 600 oder 800 Meter L\u00fccke. Anscheinend lie\u00df es AFP dabei bewenden. Die reale Teilnehmer\/innen\/zahl (ohne veranstalter\u00fcbliche \u00dcbertreibungen) d\u00fcrfte eher 25.000 betragen. Ein Freund sendet AFP eine Mitteilung \u00fcber Twitter, wahrscheinlich tun dies auch noch andere Leute. Eine gute halbe Stunde vermeldet AFP nun, \u00e4u\u00dferst vage bleibend: \u201emehrere tausend Demonstranten\u201c.<\/p>\n<p>Vielleicht stimmt es ja doch, was manche Anh\u00e4nger\/innen eines eher flammenden Protests in diesen Tagen meinen \u2013 und deren These zufolge ein friedlich bleibender Protest in den b\u00fcrgerlichen Medien und h\u00f6heren Staatsetagen schlicht kein Schwein interessiert? Gr\u00fcbel, gr\u00fcbel und studier\u2018\u2026<\/p>\n<p>Wir unternehmen zwischendurch einen Abstecher zur Place de la Bastille, von wo am fr\u00fchen Nachmittag Unruhe vermeldet wurden. Der Platz ist absolut g\u00e4hnend leer; drum herum geht es beinahe wie in einer Geisterstadt zu, da nahezu alle Gesch\u00e4fte und auch Restaurants geschlossen scheinen. Zwischendurch laufen immer wieder einmal mal Gruppen von zehn Personen in \u201egelben Westen\u201c, mal gelbwestig gekleidete P\u00e4rchen, mal Gruppen von f\u00fcnf Personen in Gelb vorbei und suchen offensichtlich irgendwie irgendwo Anschluss. Die Schaufensterscheiben von Banken (diese tun sich offensichtlich aus ihrer Sicht gut daran), Versicherungen, aber auch \u201eeinfachen\u201c Gesch\u00e4ften wurden mit dicken Sperrholzplatten abgedeckt. Hm, als ob da jemand etwa bei diesem Teppichbodengesch\u00e4ft hier vordringlich die Scheiben einwerfen wollen w\u00fcrde.. [Allerdings, allerdings, am kommenden Tag \u2013 am gestrigen Sonntag \u2013sehe ich dann auf der H\u00f6he der M\u00e9trostation Richelieu-Drouot etwa einen Laden f\u00fcr Friseurbedarf, dessen Scheiben offensichtlich attackiert wurden. Gut, nicht alle Menschen, die an irgendwelchen \u201eAktionen\u201c im Kontext von Protest teilnehmen, sind unbedingt immer intelligent!!]<\/p>\n<p>Auf einmal f\u00e4llt ein Auto auf, aus dem vier oder f\u00fcnf j\u00fcngere M\u00e4nner aussteigen, um sich gem\u00e4chlichen Schritts zu entfernen. Diese parkten ihren Jaguar (!) unmittelbar vor den Sperrholzplatten solcherart gesch\u00fctzter Gesch\u00e4fte. Hinter der Vorderscheibe f\u00e4llt ein, offenkundig ziemlich improvisiert wirkendes, Papier auf, das die mit Filzschreiber dahingeschmierte Aufschrift tr\u00e4gt: \u201eI love Macron!\u201c Das Fahrzeug tr\u00e4gt allerdings ein deutsches, konkret: K\u00f6lner Kennzeichen. Hm, hm \u2013 eine beabsichtigte Provokation, ein honey pot? Oder handelt es sich doch eher um die Aufzeichnung einer Sendung mit versteckter Kamera f\u00fcr irgendeinen deutschen TV-Sender, welcher Leute in lustigen oder kompromittierenden Situation \u00fcberraschen m\u00f6chte? Hallo WDR, bitte melden\u2026<\/p>\n<p>Auf der Place de la R\u00e9publique, wohin die Demonstration f\u00fchrt und wo sie am Sp\u00e4tnachmittag eintrifft, mischen sich bei D\u00e4mmerungsbeginn tats\u00e4chlich Klimasch\u00fctzer\/innen, ziemlich viele \u201eGelbwesten\u201c-Tr\u00e4ger\/innen, Linksradikale. St\u00e4nde wurden aufgebaut. Das Ambiente erinnert ein wenig an die Nuit debout-Platzbesetzerbewegung, die sich dortselbst im April, Mai, Juni 2016 abspielte. An der Ecke in Richtung rue du Temple versperren Polizeieinheiten mit Bussen und Absperrgittern den Weg, ebenso in Richtung Bastille. Kurzfristig weist la fanfare \u2013 das bei vielen Protesten mitlaufende Demoorchester -, die voranschreitet, den Weg in eine Seitenstra\u00dfe (die rue B\u00e9aranger, wo etwa die Tageszeitung Lib\u00e9ration ihren Sitz hat), biegt ab und zieht mehrere Hundert, wahrscheinlich sogar eine vierstellige Zahl von Menschen hinter sich her. Die Polizei riegelt kurz danach hinter dem Zug ab. Doch die Bef\u00fcrchtung, ein Kessel entstehe, bewahrheitet sich nicht: Man h\u00f6rt alsbald nichts mehr, und dieser Demonstrationsteil zog offensichtlich \u00fcber die rue B\u00e9ranger in Richtung Pariser Innenstadt ab. Von dort ist zugleich \u00fcber Whatsapp-Gruppen etwa aus dem Umfeld des Front social zu vernehmen, es brenne auf halbem Wege zwischen dem zentral gelegenen Pariser Rathaus und der im Pariser Nordosten gelegenen place de la Bastille. Also \u00f6stlich des unmittelbaren Stadtzentrums.<\/p>\n<p>Um uns ein Bild von der Lage zu machen, fahren wir zum Pariser Rathaus und treffen dort innerhalb von zehn Minuten ein \u2013 die direkt vor dem Geb\u00e4ude liegende M\u00e9trostation ist allerdings den ganzen Tag \u00fcber geschlossen -, w\u00e4hrend gerade ein Feuerwehrauto vorbeif\u00e4hrt. Die Insassen befinden sich offensichtlich im Stress und haben ihre Leiter auf dem Dach nicht richtig eingefahren. Das Fahrzeug wankt gef\u00e4hrlich; Umstehende rufen den Insassen zu: \u201eDie Leiter! Die Leiter!\u201c, woraufhin diese das Ungleichgewicht reparieren. Zwei Minuten sp\u00e4ter l\u00e4uft eine Polizeieinheit hektisch \u00fcber die Stra\u00dfe und bezieht vor dem Rathaus Stellung. Wir gehen in die Richtung, aus welcher sie kamen, und treffen auf ein kokelndes und v\u00f6llig ausgebranntes Auto. Nur die Sitzformen sind noch erkennbar. Umstehende informieren uns, der Tank sei explodiert. Wenn man sich hinter dem Wrack positioniert, stinkt es grauenhaft, zugleich zieht eine s\u00fc\u00dfliche Parf\u00fcmwolke vorbei. Sie lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass f\u00fcnf Meter weiter Glast\u00fcren und \u2013scheiben bei einer Filiale der Kosmetikwarenkette Marioneaud besch\u00e4digt sind. Eine Journalistin oder Pressephotographin l\u00e4uft in Windeseile an uns vorbei in Richtung Stadtzentrum, offensichtlich auf der Suche nach ihrem n\u00e4chsten Einsatzort.<\/p>\n<p>Wir gehen ebenfalls zur\u00fcck in Richtung Zentrum. Dort f\u00e4hrt eine l\u00e4ngere Kolonne von Einsatzfahrzeugen der Gendarmerie mit Blaulicht an uns vorbei. Kurz zuvor liefen uns drei Jungm\u00e4nner, allem Anschein nach mit Aktionsdurst aber ohne (jeglichen) Plan, \u00fcber den Weg. Sie befragten uns, wo sich denn hier mal die Champs-Elys\u00e9es bef\u00e4nden \u2013 Letztere sind allerdings nicht wirklich in der N\u00e4he, und zu diesem Zeitpunkt ist es dort absolut ruhig.<\/p>\n<p>Nun begebe ich mich zur\u00fcck zur place de la R\u00e9publique, dieses Mal allein, nachdem \u00fcber Whatsapp von dort frische Festnahmen vermeldet wurden. Es geht bald auf 21 Uhr zu. St\u00e4rkere Polizeieinheiten umstellen den Platz und hindern einen am Zutritt. In einer Seitenstra\u00dfe, die in Richtung Boulevard Saint-Martin f\u00fchrt, sind Beamte dabei, jungen M\u00e4nnern oder Heranwachsenden \u2013 anscheinend eher migrantischer Herkunft \u2013 Handfesseln anzulegen und\/oder sie zu durchsuchen. Ich mache Aufnahmen. \u201eMonsieur, Sie haben nicht zu photographieren!\u201c ruft mir ein Polizist zu. \u201eEin Gesetz von 2013 erlaubt es ausdr\u00fccklich!\u201c antworte ich. Diskussion beendet. Um die Ecke auf dem Boulevard Saint-Martin angekommen ist eine kleine Gruppe anscheinend Zorniger damit besch\u00e4ftigt, dicke B\u00f6ller in Richtung Polizei zu entwerfen (welch Letzere allerdings nicht wirklich in der N\u00e4he steht). Einer von ihnen ruft allerdings aus: \u201eGelbe Westen, Hurens\u00f6hne!\u201c Hm, hm. Die gute Frage, die sich stellt, vermag ich nicht zu beantworten \u2013 vielleicht Pl\u00fcnderer.<\/p>\n<p>Am folgenden Tag inspiziere ich, mehr oder weniger zuf\u00e4llig oder auch nicht, ein paar Glassch\u00e4den in der Gegend um die M\u00e9trostation Richelieu-Drouot, wo sich auch das oben erw\u00e4hnte, besch\u00e4digte Gesch\u00e4ft f\u00fcr Friseurbedarf befindet. Als ich ein Grafity auf einer etwas in Mitleidenschaft gezogenen Bankfiliale (\u201eParis, Stunde Null\u201c) photographiere, befragt mich ein junger Mann offensichtlich nordafrikanischer Herkunft aus einer Dreiergruppe: H\u00e9, bist Du f\u00fcr die Gelben Westen? Als ich noch die beste Antwort suche, f\u00e4hrt er bereits fort: \u201eIch bin Rapper und stelle heute Abend ein Video ins Netz \u2013,Wir werden nicht nachlassen\u2018. Unbedingt angucken!\u201c<\/p>\n<p><strong>Rekorde an Festnahmen \u2013 und Glassch\u00e4den<\/strong><\/p>\n<p>Die franz\u00f6sische Staatsmacht geizte an diesem Wochenende nicht mit ihren Mitteln. Am Samstag fanden vorl\u00e4ufige Festnahmen in Rekordzahl statt \u2013 insgesamt 1.723, wovon 1.220 in Polizeigewahrsam verl\u00e4ngert wurden (vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.francetvinfo.fr\/economie\/transports\/gilets-jaunes\/direct-gilets-jaunes-apres-une-quatrieme-journee-de-mobilisation-l-attente-d-annonces-d-emmanuel-macron_3092095.html\">francetvinfo.fr&#8230;<\/a>) -, viele davon offensichtlich pr\u00e4ventiv, also wegen \u201edrohender Gefahr\u201c vor Eintreten irgendeiner Straftat. (Vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/actu.orange.fr\/france\/mobilisation-des-gilets-jaunes-de-nombreuses-interpellations-en-amont-de-la-manifestation-magic-CNT000001aRt8E.html\">orange.fr&#8230;.<\/a>) Dies traf zum Teil auch mehr oder minder prominente Aktivisten. Und dies sowohl im rechtsextremen Bereich (vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/actu.orange.fr\/politique\/manifestations-plusieurs-interpellations-preventives-dans-le-milieu-de-l-ultradroite-francetv-CNT000001aQb9i.html\">orange.fr&#8230;<\/a>) als auch im Bereich der autonom-anarchistischen Unterstr\u00f6mung der Insurrektionalisten, mit ihrem Prominenten Julien Coupat (vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.francetvinfo.fr\/economie\/transports\/gilets-jaunes\/gilets-jaunes-julien-coupat-interpelle-a-paris-et-place-en-garde-a-vue_3091101.html\">francetvinfo.fr&#8230;<\/a>). Letzterer wurde am Ausgang einer B\u00e4ckerei aufgegriffen und vorl\u00e4ufig festgenommen, weil sich eine gelbe Weste, eine Spr\u00fchdose sowie eine Maske in seinem Auto oder dem seiner Begleiter befanden. Nun sind solche Neonwesten im Auto allerdings Vorschrift\u2026 Am Montagmittag war er mit einer \u201eVerwarnung\u201c wieder frei (vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/police-justice\/article\/2018\/12\/10\/julien-coupat-interpelle-a-paris-ne-fera-finalement-l-objet-que-d-un-rappel-a-loi_5395171_1653578.html\">lemonde.fr&#8230;<\/a>).<\/p>\n<p>In Nancy traf es gar den Organisator der Demo f\u00fcr Klimaschutz, welche der Pr\u00e4fekt zuvor verboten hatte (vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/reporterre.net\/La-garde-a-vue-du-president-des-Amis-de-la-terre-Les-ordres-venaient-d-en-haut\">reporterre.net&#8230;<\/a>); auch er kam inzwischen wieder frei, nach 21st\u00fcndigem Polizeigewahrsam (vgl.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.amisdelaterre.org\/Le-president-des-Amis-de-la-Terre-en-garde-a-vue.html\">amisdelaterre.org&#8230;<\/a>). Die von ihm mitveranstaltete Demo blieb ohne jeglichen Glasbruch, rein friedlich.<\/p>\n<p>Trotz des beachtlichen Polizeistaat-Aufgebot fielen die Sachsch\u00e4den am zur\u00fcckliegenden Samstag, den 08. Dezember dennoch h\u00f6her aus als am Samstag zuvor (vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/actu.orange.fr\/france\/videos\/violences-a-paris-des-degats-materiels-plus-importants-que-lors-des-precedents-heurts-VID0000002J1FQ.html\">orange.fr&#8230;<\/a>). Zwar kam es zu weniger Auseinandersetzungen an zentralen Stellen wie zuvor etwa auf den Champs-Elys\u00e9es, daf\u00fcr verteilten diese sich wohl st\u00e4rker.<\/p>\n<p>Und noch ein Ausblick: An diesem Montag trifft Emmanuel Macron seit dem Vormittag mit den f\u00fcnf auf nationaler Ebene als \u201erepr\u00e4sentativ\u201c (ungef\u00e4hr: tariff\u00e4hig) anerkannten Gewerkschaftsdachverb\u00e4nden sowie den drei wichtigsten Arbeit\u201egeber\u201cverb\u00e4nden zusammen. Bereits am Vortag hatte seine Arbeitsministerin Muriel P\u00e9nicaud allerdings signalisiert, dass die aus der Bewegung heraus unter anderem geforderte Erh\u00f6hung des gesetzlichen Mindestlohns (SMIC) abgelehnt werde, da dies arbeitsplatzgef\u00e4hrdend und besch\u00e4ftigungsfeindlich sei. (Vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/actu.orange.fr\/politique\/gilets-jaunes-un-coup-de-pouce-au-smic-detruit-des-emplois-selon-muriel-penicaud-magic-CNT000001aSwzJ.html\">orange.fr&#8230;<\/a>)<\/p>\n<p>Am Montagabend wird Emmanuel Macron nun \u2013 wie angek\u00fcndigt \u2013 in der Flimmerkiste quasseln. Wir halten unsere Leser\/innen auf dem Laufenden, in diesem Falle wohl wirklich vom Schreibtisch aus\u2026<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/internationales\/frankreich\/soziale_konflikte-frankreich\/paris-viertes-protestwochenende-folge\/\"><em>labournet.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 10. Dezember 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernard Schmid. Einige pers\u00f6nliche Beobachtungen und solche politischer Art \u2013 Rekordzahl an Festnahmen \u2013 Sachsch\u00e4den fallen trotzdem h\u00f6her aus als am Samstag zuvor \u2013 Emmanuel Macron <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,5],"tags":[25,61,26,45,49,37,73,17],"class_list":["post-4592","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-frankreich","tag-gewerkschaften","tag-neoliberalismus","tag-repression","tag-service-public","tag-steuerpolitik","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4592","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4592"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4592\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4593,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4592\/revisions\/4593"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4592"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4592"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4592"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}