{"id":4602,"date":"2018-12-12T09:24:52","date_gmt":"2018-12-12T07:24:52","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4602"},"modified":"2018-12-12T09:24:52","modified_gmt":"2018-12-12T07:24:52","slug":"gelbes-fieber-lang-lebe-der-revolutionaere-mob","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4602","title":{"rendered":"Gelb(es) Fieber &#8211; lang lebe der revolution\u00e4re Mob"},"content":{"rendered":"<p><em>Sebastian Lotzer. <\/em><strong>Am vergangenen Samstag waren in Frankreich landesweit fast an die hunderttausend Bullen aufgeboten worden, um der Bewegung der Gilets Jaunes das Genick zu brechen. Allein in Paris<!--more--> waren es 8.000 Bullen, die im Laufe des Tages \u00fcber 1000 Menschen festnahmen, viele hundert schon an den Vorkontrollen an den Einfallsstra\u00dfen und Bahnh\u00f6fen. \u00dcber den Champs-\u00c9lys\u00e9es rollten erstmalig seit 1944 R\u00e4umpanzer, im Vorfeld war in der staatlichen Propaganda von m\u00f6glichen Toten die Rede, um Leute von der Teilnahme an den Aktionen abzuschrecken. Trotz eines entgrenzten Einsatzes von Tr\u00e4nengas, Gummigeschossen und Offensivgranaten kam es vor allem in den Seitenstra\u00dfen der Champs-\u00c9lys\u00e9es zu stundenlangen Stra\u00dfenk\u00e4mpfen, an verschiedenen Orten der Pariser Innenstadt zogen Demonstrationsz\u00fcge und mobile Mobs durch die Stra\u00dfen, errichteten Barrikaden, warfen Schaufenster ein, wurden Gesch\u00e4fte gepl\u00fcndert.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dass der Sachschaden noch den Umfang des vorangegangenen Samstags \u00fcbertraf, f\u00fchrt das Gerede von einem erfolgreichen Polizeieinsatz ad absurdum. Schwere Ausschreitungen gab es auch in anderen franz\u00f6sischen St\u00e4dten, die im Niveau das vorletzte Wochenende deutlich \u00fcbertrafen. Besonders heftig ging es in Toulouse und Bordeaux zur Sache, wo ganze Stra\u00dfenz\u00fcge f\u00fcr Stunden dem Zugriff der Bullen entzogen waren. Bordeaux d\u00fcrfte sogar die schwersten Krawalle sei 1968 erlebt haben. In vielen St\u00e4dten schlossen sich linke Gewerkschaftler, Antagonisten und Menschen aus den Vororten den Aktionen an. In Paris bekamen f\u00fchrende Faschisten ordentlich eingeschenkt und auch wenn es weiterhin eine nicht zu leugnende sichtbare und unsichtbare Pr\u00e4senz von Faschisten und Reaktion\u00e4ren gibt, ist doch zugleich auch die Pr\u00e4senz von antifaschistischen und linken Radikalen deutlich wahrnehmbarer.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0Auf Winter OAK (1) erschien gestern ein kleines Pamphlet zu den j\u00fcngsten Geschehnissen, das ich (2) sinngem\u00e4\u00df \u00fcbersetzt nicht vorenthalten m\u00f6chte:<\/strong><\/p>\n<p>Gelb(es) Fieber \u2013 Lang lebe der revolution\u00e4re Mob<\/p>\n<p>Wie w\u00fcrde eineantikapitalistische Revolution eigentlich aussehen, wenn siestattfinden w\u00fcrde?<\/p>\n<p>Das ist die Frage, die vielen Anarchisten durch den Kopf gehen muss, wenn sie die aktuellen Ereignisse in Frankreich betrachten. Die Bewegung der Gilets Jaunes hat an vier aufeinanderfolgenden Samstagen verbl\u00fcffende und erfolgreiche Massenmobilisierungen gegen das neoliberale Makron-Regime in ganz Frankreich durchgef\u00fchrt, die aus einem Protest gegen die Lebenshaltungskosten einen Aufstandsversuch machten.<\/p>\n<p>Am Samstag, den 8.Dezember, gab es mehr als tausend Verhaftungen, als die Menge das Zentrum von Paris besetzte und es von Toulouse bis Bordeaux, von Nantes bis Marseille zu umfangreichen Zusammenst\u00f6\u00dfen und Sachbesch\u00e4digungen kam, sich die Proteste sogar auf Br\u00fcssel aus breiteten.<\/p>\n<p>Ein weiterer gro\u00dfer Aktionstag ist f\u00fcr Samstag, den 15. Dezember, geplant, der Akt V der Show, in der der neoliberale Pr\u00e4sident Macron am Ende zur\u00fccktreten wird.<\/p>\n<p>Und unterdessen beklagen sich die franz\u00f6sischen Unternehmen dar\u00fcber, dass ihnen die Proteste bereits eine Milliarde Euro an verlorenen Ums\u00e4tzen im Weihnachtsgesch\u00e4ft beschert h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick ist dies der Traum eines jeden Radikalen. Tausende von Menschen gehen auf die Stra\u00dfe, blockieren Stra\u00dfen, errichten brennende Barrikaden, widersetzen sich den Robocops, die ausger\u00fcstet mit Tr\u00e4nengas, Wasserwerfer und R\u00e4umpanzern, gegen die Menschen vorgehen.<\/p>\n<p>Die Bewegung hat bisher all die \u00fcblichen Organisationsstrukturen von Gewerkschaften und politischen Parteien umgangen, was zweifellos der Grund daf\u00fcr ist, dass sie ihre Dynamik beibehalten konnte. Alle m\u00f6glichen Menschen jeglichen Alters haben sich angeschlossen, und obwohl sie sich nicht unbedingt einer ausgefeilten ideologischen Sprache bedienen, herrscht ohne Zweifel eine antikapitalistische und anti-hierarchische Stimmung vor. Dies ist allerdings ein Antikapitalismus, der sich aus dem wirklichen Leben speist, aus der konkreten Erfahrung der Ausbeutung und nicht aus der Lekt\u00fcre eines linken Kursbuchs.<\/p>\n<p>In dem Versuch diesen Umsturzversuch zu stoppen, manifestiert sich selbstverst\u00e4ndlich die ganze Potenz des Systems selber. Dies zeigt sich ganz konkret an der enormen Anzahl der Polizisten auf den Stra\u00dfen und an der Gewalt, die sie offensichtlich gegen Demonstranten aus\u00fcben. Die franz\u00f6sische\u201dDemokratie\u201d ist genauso eine Augenwischerei wie die britische oder US-amerikanische \u201cDemokratie\u201d und diejenigen, die die Macht innehaben, werden wirklich alles daf\u00fcr Notwendige tun, um sie nicht aus den H\u00e4nden zu geben. Die franz\u00f6sischen Beh\u00f6rden haben bereits damit gedroht, bei Bedarf mit\u00a0 scharfer Munition auf Demonstranten zu schie\u00dfen, und man m\u00fcsste sehr naiv sein, um zu glauben, dass sie es nicht ernst meinen.<\/p>\n<p>Allerdings wei\u00df das System, dass es nicht in der Lage ist, die gesamte Bev\u00f6lkerung im Land niederzuhalten, wenn diese sich gleichzeitig mit aller Macht erhebt. Das System verf\u00fcgt \u00fcber eine enorme Macht der Propaganda, \u00fcber die Kontrolle der Erz\u00e4hlung, des Narrativs. Der franz\u00f6sischen \u00d6ffentlichkeit wird st\u00e4ndig erz\u00e4hlt, dass die Rebellion sich ersch\u00f6pfen wird, dass sie von Extremisten \u00fcbernommen wurde (rechtsextrem oder linksextrem, je nach Zielgruppe), dass sie in puren Vandalismus umgeschlagen ist. Der internationalen \u00d6ffentlichkeit wird gesagt, dass es bei der Bewegung nur um Kraftstoffpreise gehe, dass sie gef\u00e4hrlich \u201cpopulistisch\u201d sei oder dass sie, absurderweise, von den Russen inszeniert w\u00fcrde! Gl\u00fccklicherweise durchschauen immer mehr Menschen in Frankreich all dies und verstehen ihre F\u00fcnfte Republik als das, was sie ist \u2013 eine weitere finstere kapitalistische Tyrannei, die sich hinter einer l\u00e4chelnden Maske der \u201cDemokratie\u201d versteckt.<\/p>\n<p>Es gab auch ermutigende Reaktionen von Radikalen in Frankreich und dar\u00fcber hinaus. Nach anf\u00e4nglicher Skepsis gegen\u00fcber der Natur der Gilets Jaunes (die wir teilten), hat die \u00fcberwiegende Mehrheit der revolution\u00e4ren Linken beschlossen, die Protestbewegung aktiv zu unterst\u00fctzen\u00a0 und ihre reaktion\u00e4ren Elemente von innen heraus zu bek\u00e4mpfen. Dies bedeutet eine erfrischende Abkehr von der Praxis, K\u00fcbel voller ideologischer H\u00e4me \u00fcber Jenen auszuleeren, deren Revolte nicht in v\u00f6lligem Einklang mit einer ganz genau definierten Sprache und klar definierten Prinzipien steht und die nicht \u00fcber die notwendige Reife und Standhaftigkeit verf\u00fcgen, die f\u00fcr die Zukunft des antikapitalistischen K\u00e4mpfe nur Gutes verhei\u00dfen.<\/p>\n<p>Es wird, so nehmen wir an, immer noch diejenigen Linken und Anarchisten geben, die den gegenw\u00e4rtigen Aufstand in Frankreich mit Verachtung behandeln. Vielleicht ist es an der Zeit, dass diese Pseudo-Linken die Wahrheit sagen und zugeben, dass sie eigentlich gar nicht f\u00fcr eine Revolution sind, sondern einfach die Rhetorik des Widerstands nutzen, um einige kleine Liberalisierungsfortschritte im Status quo zu erringen? Vielleicht ist es an der Zeit, dass sie sich leise in die seelenlose Sterilit\u00e4t ihrer politisch reinen \u201csafer spaces\u201d zur\u00fcckziehen und den schmutzigen, rauen, unkontrollierbaren Mob auf die Stra\u00dfen st\u00fcrmen und die korrupten Zitadellen der Macht niederbrennen lassen?<\/p>\n<p><em>Der \u00fcbersetzte\u00a0 Originalbeitrag (1) vom 9. Dezember 2018 auf Winter OAK\u201eYellow fever: long live the revolutionary mob!\u201c<\/em><a href=\"https:\/\/winteroak.org.uk\/2018\/12\/09\/yellow-fever-long-live-the-revolutionary-mob\/\"><em>https:\/\/winteroak.org.uk\/2018\/12\/09\/yellow-fever-long-live-the-revolutionary-mob\/<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>\u00a0Vom \u00dcbersetzer dieser Zeilen (2) erschien im Fr\u00fchjahr 2018 beim Wiener Verlag bahoebooks<\/em><\/p>\n<p><em>\u2018Winter Is Coming- Soziale K\u00e4mpfe in Frankreich\u2019 \u00fcber die Bewegung gegen die \u201eReform\u201c der Arbeitsgesetzgebung (loi travil) und \u00fcber die K\u00e4mpfe und Revolten in den franz\u00f6sischen Vorst\u00e4dten 2016\/2017<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/non.copyriot.com\/gelbes-fieber-lang-lebe-der-revolutionaere-mob\/\"><em>non.copyriot&#8230;<\/em><\/a><em> vom 12. Dezember 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sebastian Lotzer. 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