{"id":4606,"date":"2018-12-12T18:11:35","date_gmt":"2018-12-12T16:11:35","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4606"},"modified":"2018-12-12T18:11:35","modified_gmt":"2018-12-12T16:11:35","slug":"die-politik-der-massen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=4606","title":{"rendered":"Die Politik der Massen"},"content":{"rendered":"<p><em>Florian Kirner.\u00a0<strong>D<\/strong><\/em><strong>ie Gelbwesten sind ein Faktor, der alles ver\u00e4ndert. Einer, der den Bankrott vermeintlicher Volksvertreter offensichtlich macht. Sie sind eine Kraft, die das Tor aufst\u00f6\u00dft zu einer neuen Politik, bei der<!--more--> m\u00fcndige B\u00fcrger zu Akteuren im historischen Prozess werden.<\/strong><\/p>\n<p>An die Macht der Masse glauben nicht mehr viele in Deutschland.<\/p>\n<p>Da gibt es jene, die hinter jeder Massenbewegung sofort einen Trick der Eliten wittern, eine \u201eFarbrevolution\u201c, und, nat\u00fcrlich, George Soros. Dann gibt es jene, die alles, was sich da unten in der Gesellschaft von selbst formiert und ohne Genehmigung bestehender Organisationen, mit Misstrauen be\u00e4ugen, es generell f\u00fcr rechts, antisemitisch, europafeindlich und \u00fcberhaupt f\u00fcr kreuzgef\u00e4hrlich halten.<\/p>\n<p>Die Gelbwesten markieren einen Bruch mit dem Kleingeist dieser Bewegungssimulanten. Die von der Selbstorganisation und Selbstbewegung der Massen keinerlei Vorstellung besitzen, weil sie selbst nur die Jahrzehnte der Niederlage kennengelernt haben, weil sie niemals in ihren spr\u00f6den, salzlosen B\u00fcrokratenleben vom leuchtenden Finger einer echten, spontanen Massenbewegung in Flammen gesetzt worden sind: diese Verwalter unserer Wut und unserer Tr\u00e4ume werden von den Gelbwesten, die sich die B\u00fchne erobern, endlich auf die Seite geschoben.<\/p>\n<p><strong>Das Volk in der franz\u00f6sischen Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Sehr lehrreich f\u00fcr ein Verst\u00e4ndnis dessen, was sich in Frankreich abspielt und wie es sich weiterentwickeln k\u00f6nnte, ist die \u201eGeschichte der Gro\u00dfen Franz\u00f6sischen Revolution\u201c des russischen Anarchisten Peter Kropotkin.<\/p>\n<p>Im Zentrum der Darstellung jener welthistorischer Ereignisse 1789 &#8211; 1794, die einer st\u00e4ndigen Achterbahnfahrt gleichen, stehen bei Kropotkin nicht die gro\u00dfen, legend\u00e4ren Namen, die VIPs der Revolution, kein Danton und kein Marat, kein Robespierre und kein Brissot.<\/p>\n<p>Ohne diesen M\u00e4nnern nun ihre historische Gr\u00f6\u00dfe absprechen zu wollen, erscheinen sie bei Kropotkin weit davon entfernt, Geschichte zu \u201emachen\u201c, wie ein deutscher Historiker w\u00e4hnte.<\/p>\n<p>Vielmehr sieht man sie t\u00e4nzeln und springen, schreien in Wut, Enthusiasmus oder Verzweiflung, hektisch man\u00f6vrieren, siegen oder fliehen, aufsteigen und fallen auf dem Resonanzboden einer revolution\u00e4ren Gesellschaft, die durch wiederkehrende Erdbeben und Vulkanausbr\u00fcche diese Figur emporhebt und jene in einer Schlucht versinken l\u00e4sst, die Sekunden zuvor nicht zu existieren schien!<\/p>\n<p><strong><em>Es ist die Menge, die Masse, das Volk von Paris, das bei Kropotkin die treibende Kraft der Geschichte ist. Immer wieder platzen an den entscheidenden Wendepunkten der Franz\u00f6sischen Revolution Hunderttausende und Millionen oftmals ganz unerwartet auf die B\u00fchne der Weltgeschichte, packen den geschichtlichen Prozess mit ungez\u00e4hlten H\u00e4nden bei den Haaren, zerren damit auch ihre F\u00fchrer und Helden binnen Stunden an einen zuvor unbekannten Platz und wuchten den geschichtlichen Prozess auf eine neue Ebene.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>So geschehen 1789, als aus einem hilflosen Protest vor der Bastille der Sturmlauf der Revolution wurde. So geschehen, als Millionen in die Revolutionsheere str\u00f6mten, um die Revolution gegen \u00e4u\u00dfere Feinde zu halten. So geschehen in den Septembertagen 1792, gegen die inneren Feinde, die Konterrevolution und wieder 1793, am 27. Mai, als Paris sich erhob gegen den korrupt gewordenen Konvent.<\/p>\n<p><strong>Eine organisierte, handlungsf\u00e4hige Masse!<\/strong><\/p>\n<p>Solche Vorg\u00e4nge sind uns, die wir 2018 in Deutschland leben, ein einziges Abstraktum.<\/p>\n<p>Wir leben in einer postpolitischen, durch und durch normierten Gesellschaft, ja, in einer Lage von solcher Vereinzelung, dass schon der Begriff \u201eGesellschaft\u201c fragw\u00fcrdig geworden ist, um die hiesigen Zust\u00e4nde ad\u00e4quat zu beschreiben.<\/p>\n<p>Allerdings macht Kropotkin auch deutlich, dass die rebellierende Masse nicht einfach ein unstrukturierter Menschenbatzen gewesen ist, der da r\u00e4tselhafter Weise, immer wieder, sehr pl\u00f6tzlich und wie von unsichtbarer Hand geformt, als eine zielklare, aktiv eingreifende Menge die B\u00fchne der Weltgeschichte erst\u00fcrmte.<\/p>\n<p>Die vielen H\u00e4nde, die diese Menge formten, werden sichtbar in Kropotkins Darstellung, wenngleich sie k\u00f6rperlos bleiben, namenlos: es sind die Aufr\u00fchrer und Revolution\u00e4re der Pariser Sektionen! F\u00fchrer des Volkes, die der Geschichtsschreibung zumeist unbekannt geblieben sind.<\/p>\n<p>Vielleicht konnten sie nicht lesen und schreiben, anders als Danton und Robespierre, die Rechtsanw\u00e4lte waren. Sicher hatten sie wenig Sinn daf\u00fcr und keine Zeit, die Berichte ihrer Taten pers\u00f6nlich zu signieren, im Buch der kollektiven Erinnerungen.<\/p>\n<p><strong><em>Diese Mutigen der Vorst\u00e4dte und Helden der Elendsquartiere m\u00f6gen namenlos geblieben sein. Aber diese unbekannten Aktivisten waren die entscheidende Triebkraft der Revolution. Sie, die vielleicht nur ihren Stra\u00dfenzug organisiert hatten oder ihre Manufaktur, hielten den m\u00e4chtigsten Hebel der Ver\u00e4nderung in vielen tausend H\u00e4nden.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Sie wirkten nicht immer richtungsgleich auf diesen Hebel. Manchmal blockierten sie sich gegenseitig. Die eine Sektion war schneller zu aktivieren als die andere. Jene neigte mehr zu den Besitzenden, jene war tief verankert in der Masse der Besitzlosen.<\/p>\n<p>Aber dieses Netz der Aktivisten war eng gekn\u00fcpft. Die Sektionen von Paris waren durch und durch organisiert. Und erst die Beseitigung dieser Volksmacht erm\u00f6glichte 1794 den letztlichen Durchmarsch der Konterrevolution.<\/p>\n<p><strong>Science Fiction oder unsere konkrete Aufgabe?<\/strong><\/p>\n<p>Eine solche F\u00fchrung in der Breite und Tiefe des Volkes kann man sich nicht in der Betriebskantine einer Parteizentrale backen. Auch die ersten Monate der Sammlungsbewegung \u201eAufstehen\u201c zeigen einen eklatanten Mangel an Grundvertrauen in die selbstt\u00e4tigen Akteure, die man nicht kennt, die man nicht ein- und zuordnen kann und denen man zutraut, sie k\u00f6nnten \u201eaus dem Ruder laufen\u201c.<\/p>\n<p><strong><em>Ach, liefen sie doch aus dem Ruder! W\u00fcrde die Bewegung, die Leute, das Volk doch endlich, endlich au\u00dfer Kontrolle geraten, sich dem Zugriff ihrer Verwalter entziehen!<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich bin nun nicht gegen zentrale Strukturen. Ich bin ganz und gar nicht gegen F\u00fchrung. Im Gegenteil! Ich bin f\u00fcr mehr F\u00fchrung, f\u00fcr eine bessere F\u00fchrung. Aber f\u00fcr eine bessere F\u00fchrung auf allen Ebenen. Oben, unten, quer dazu. F\u00fcr starke, handlungsf\u00e4hige Strukturen.<\/p>\n<p>Man darf das spontane Element im Geschichtsprozess auch nicht mythisieren. Ein Ausbruch der Wut und der Emp\u00f6rung kann sehr spontan geschehen. Auf die Dauer braucht jede Bewegung Strukturen, um nicht wieder in sich zusammenzufallen.<\/p>\n<p>Was aber stellt echte Demokratie ebenso sicher wie die Handlungsf\u00e4higkeit zentraler oder auch lokaler Strukturen? Es ist eine massenhafte Entfaltung von Einzelnen, die sich finden im Kampf, die sich strukturieren in der Praxis der Organisationsarbeit, die handlungsf\u00e4hig werden in der Dialektik der Auseinandersetzung mit der alten Macht.<\/p>\n<p><strong>Revolution &amp; Romantik<\/strong><\/p>\n<p>Ich wei\u00df es selbst: wir brauchen zu dieser Vision alles, was uns in Deutschland nahezu ausnahmslos fehlt. Zum Beispiel k\u00e4mpfende Gewerkschaften, politisierte Universit\u00e4ten, Strukturen solidarischer Selbstorganisation.<\/p>\n<p>Wir sind hier nicht in Griechenland, wo eine Serie von \u00fcber 30 Generalstreiks seit 2011, die Platzbesetzungen, die K\u00e4mpfe mit der Polizei und ums t\u00e4gliche \u00dcberleben eine ganze Generation von politischen F\u00fchrern entstehen haben lassen.<\/p>\n<p>Aber wenn wir eine Politik der Befreiung wollen, brauchen wir ein Netz selbst\u00e4ndig agierender Aktivisten in ihrem Betrieb, in ihrem Stadtviertel, an ihrer Schule oder Universit\u00e4t. Vielleicht ist es eine entlassene Krankenschwester, die nun auf eigene Faust hilft und heilt und dabei f\u00fcr den Aufstand wirbt. Oder ein arbeitsloser Jugendlicher, der liest und liest und das Gelesene aufgeregt plappernd weitergibt. Oder ein Blogger, ein DJ oder eine militante Rentnerin.<\/p>\n<p>Romantik. Ich h\u00f6re schon den Vorwurf. Revolutionsromantik! Peinlich\u2026<\/p>\n<p>Ja, Romantik! Romantik in ihrem eigentlichen, in einem revolution\u00e4ren Sinne. Und Realit\u00e4t in Griechenland, in Frankreich, in Spanien, in England sogar \u2013 wenn auch ferne Traumbilder f\u00fcr Deutschland.<\/p>\n<p>Diese Kraft von unten ist freilich nicht unbeeintr\u00e4chtigt von den Machinationen der gro\u00dfen M\u00e4nner und Frauen. Aber diese Macht w\u00e4re zur Abwechslung einmal nicht die Macht des Feindes, die Macht schrecklicher Menschen im Auftrage anonymer, kalter M\u00e4chte.<\/p>\n<p><strong>Riexinger, Varoufakis, Wagenknecht<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die Macht der Sektionen von Paris in der franz\u00f6sischen Revolution, f\u00fcr die Macht der Gelbwesten heute fehlt den Riexingers, aber auch Leuten wie Yanis Varoufakis und so vielen wohlmeinenden Weltenrettern in NGOs und linken Parteien jeder Blick.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Sch\u00f6nheit der Rebellinnen und Rebellen von Athen oder Paris haben sie keinen Sinn entwickelt. Sie haben Angst vor ihrer Wildheit. F\u00fcr den Donnerhall des Klassenbebens, f\u00fcr die Schreie aus Schmerz und Wut und f\u00fcr die Melodien ihrer Lieder fehlt ihnen das Geh\u00f6r. Das ist ihnen zu laut oder zu emotional. Die Traummacht der ungestillten Sehns\u00fcchte ist ihnen ein R\u00e4tsel.<\/p>\n<p>Auch den meisten Menschen unten in Deutschland ist all das sehr r\u00e4tselhaft. Noch. Denn wir k\u00f6nnen schnell lernen, wenn es Beispiele gibt, die unsere wilden Tr\u00e4ume greifbar machen.<\/p>\n<p>Vielleicht wird auch Yanis Varoufakis lernen, jetzt, wo er vom Schleudersitz der Macht l\u00e4ngst hinwegkatapultiert wurde und ehrlich um den Aufbau der Bewegung k\u00e4mpft. Vielleicht lernt es in diesen Tagen eine Sahra Wagenknecht, die sich mutig in jenes offene, unbekannte Land begeben hat, das zu betreten ihre Partei als Ganzes noch nicht bereit ist.<\/p>\n<p>Festzuhalten ist, dass Sahra Wagenknecht die richtigen Instinkte bewies, als sie sich allein auf weiter Flur und sehr offensiv auf die Gelbwesten als Vorbild des Widerstandes bezog.<\/p>\n<p><strong><em>Wichtiger aber als dieses Werden und Wehen gro\u00dfer M\u00e4nner und Frauen ist auch f\u00fcr uns in Deutschland, dass wir f\u00fcr alles das unsere Sinne entwickeln und sch\u00e4rfen, was sich in den Tiefen der Sektionen tut! Dass wir hineinh\u00f6ren, hineinschauen in diese dem deutschen Aktivisten noch so fremde Welt der revoltierenden, sich selbst erm\u00e4chtigenden Masse. Dass wir in Kontakt kommen mit dieser eigentlichen geschichtlichen Triebkraft.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Dies alles denke und schreibe ich in gro\u00dfer, liebender Leidenschaft; als Romantiker und Revolution\u00e4r. Sitzend am unsichtbaren Denkmal des unbekannten Aktivisten der Pariser Sektionen (1789 &#8211; 1794).<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/artikel\/die-politik-der-massen\"><em>rubikon.news&#8230;<\/em><\/a><em> vom 12. Dezember 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Florian Kirner.\u00a0Die Gelbwesten sind ein Faktor, der alles ver\u00e4ndert. Einer, der den Bankrott vermeintlicher Volksvertreter offensichtlich macht. 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